Nora Bossong: Rotlicht

Nora Bossongs [1] Buch Rotlicht ist, denke ich, ein erfolgreiches Buch, die Besprechungen sind positiv. Anne Haeming adelt es in Spiegel-online sogar als neues ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘ [2], sie legt die Latte damit hoch, denn das soll ja wohl bedeuten, daß jeder, der dieses Buch liest, über Sex und Prostitution umfassend informiert wird. Na, wenn das man nicht leicht übertrieben ist… schaumeruns das Buch aber am besten mal selber an….


Im einleitenden Kapitel erinnert sich Bossong an ihre Kindheit, an die Faszination, die das rote Licht mancher Geschäfte auf sie ausgeübt hat, diesen Reiz, auch das Wissen um das Tabu, das solche Läden umgibt, allein schon dokumentiert durch die Altersbeschränkung, die zum Eintritt berechtigt [3]. Betrat man solchen Laden dann in späteren Jahren, aber immer noch zu früh, so tappte man durch düstere Räume, die das Licht aussperrten und in deren Regalen seltsames Gerät zu bestaunen war. Und, natürlich, Männer, die Magazine, künstliche Vaginen, Videoangebote oder, oder, oder begutachteten…. Diese schummrige Atmosphäre der Sex-Shops ist mittlerweile fast überall verschwunden (gleichwohl haben Bossong und ihr Begleiter im Rahmen ihrer Suche noch einen solchen ‚altmodischen‘ Laden aufgetrieben), heutzutage sind die Geschäfte hell, die Vibratoren körpergerecht ausgestaltet, es geht steril und fast schon öffentlich zu. Und will man es unbeobachteter haben, kann der ‚butt plug mit USB-Anschluss‘ auch bequem von zu Hause aus per online-Großhändler geordert werden (immerhin 4 von 5 Sternen von 378 Bestellern, Stand: Anfang Jan ’18)… aber das nur am Rande, davon handelt Bossongs Buch nicht.

Hat sich das äußere Bild der Sexindustrie somit in den letzten Jahrzehnten teilweise gewandelt (ebenso wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen), einiges ist unverändert geblieben, gehört also offensichtlich zum Kernbereich. So zum Beispiel die Tatsache, daß zu den wenigen Bereichen des Lebens, zu denen Frauen keinen oder kaum Zutritt haben, die Sexindustrie gehört. Das klingt auf den ersten Blick etwas absurd, funktioniert diese Industrie doch ohne Frauen nicht, jedoch ist ihre Funktion streng eingeschränkt auf der Seite der Anbieter von Sexdienstleistungen. Frauen auf der Seite der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen (sozusagen als „Freierin“) existieren, so Bossong, praktisch nicht. … die Orte der tatsächlich käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit, die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann. … Als Frau kann man lediglich käuflich sein, … andere Rollen sind nicht vorgesehen. … Ich wollte sehen, was wirklich geschieht in Sexkinos und Laufhäusern, wollte mit Frauen vom Straßenstrich sprechen, mit beobachtenden Frauenrechtlerinnen und lustsuchenden Swingerclub-Besuchern. Ich wollte mich unterhalten und vielleicht auch mehr als das, ich wusste es nicht. …

Damit ist der Inhalt des Buches im Grunde schon recht vollständig umrissen, bei der Aufzählung der besuchten Einrichtungen fehlen jedoch noch das Wohnungsbordell, die Tantra-Massage, eine Table-Dance Bar, der FKK-Club und die Sexmesse. All diese Einrichtungen besucht Bossong in Begleitung von männlichen Bekannten, ihre Befürchtung, andernfalls als Exotin zu sehr aufzufallen bzw gar nicht erst Zutritt zu erhalten, ist plausibel. Zudem half Begleitung dabei, die innere Hemmschwelle zu überwinden.

Man begann sachte und tastete sich vor. Zum Einstieg diente eine in der Beschreibung traurig wirkender Lokalität im tristen Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem Table Dance angeboten wurde. Die beiden Besucher kamen mir vor wie die sich ängstlich aneinander klammernden Hänsel und Gretel im dunklen Wald, in dem der Wald durch das schummrige, auf den billigen Plätzen keineswegs gemütliche Lokal mit Eisdielen-Ambiente ersetzt wurde und die böse Hexe durch die Damen, die ihren mehr oder wenig knackigen Körper den Blicken darboten. Denn das tun die beiden schon: die Frauen, die sich an der Stange abmühen, taxieren. So läßt die Schilderung Bossong an einen Zoobesuch denken, man wolle nur mal gucken wird ein anderer Besucher beschieden, der sich dem Paar fragend genähert hatte. Letztlich verließen die beiden Lokal und Bahnhofsviertel geradezu fluchtartig.

So geht es weiter zu anderen Hot-Spots des horizontalen Gewerbes. So schrill und klinisch die Sex-Messe auftritt, so versifft und nach Sperma und Schweiß müffelnd stellt sich das Sex-Erlebniskino auf der Reeperbahn dar. Ein trauriger Ort, über eine nur spärlich beleuchtete Kellertreppe zu erreichen… für 12 Euro darf man wohl auch nicht mehr erwarten. GangBang Area und kopulierende Paare wecken keinerlei Lustgefühle, eher Ekel. In Dortmund sind die seinerzeit bundesweit berühmt gewordneen Verrichtungsboxen  sind längst wieder abgebaut, der Straßenstrich steht unter behördlicher Kontrolle und die nach 2007 zu Tausenden angereisten bulgarischen Frauen sind weitestgehend wieder weg – wohin, weiß man nicht. Die beiden Frauen, mit denen Bossong spricht, romantisieren ihr Leben und reden es schön, sind stolz auf ihre Stammkunden, zu denen sich ein fast persönliches Verhältnis aufgebaut hat… ‚Pretty Women‘ Atmosphäre… Der Swinger-Club: allein erscheinende Frauen zahlen keinen Eintritt. Handtuchverhüllt rührt hier zum ersten Mal die dunkle Seite der Macht leise ihre Verführungskunst: Bossong Begleiter, der im S/M-Zimmer in einen Käfig steigt, muss energisch „Nora“ rufen, um wieder herausgelassen zu werden. Und hier, in dieser fast intimen Atmosphäre des Clubs, wirken auch die Geräusche, die ein Paar, das mit sich selbst beschäftigt ist, macht, aufregend…

Ich komme noch mal auf die Einschätzung der Spiegel-Rezensentin (wohlgemerkt: nicht der Autorin) zurück, Rotlicht sei das neue ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘. Das ist wohl ein wenig zuviel der Ehre, zu etwas zu schaffen, hatte Bossong wohl selber nicht im Sinn. Dazu fehlen auch die methodischen Basics wie Definitionen, Festlegung von Kriterien etc pp. Manche der Erlebnisse scheinen im Gegenteil dem Augenblick geschuldet: …Wir sind doch eigentlich überhaupt nicht wegen der Kinos in Hamburg. … ein paar Minuten später: „Wir gehen da jetzt rein“, sagt Daniel. 


Rotlicht ist vielmehr ein sehr interessanter Bericht über eine Selbsterfahrung, Selbsterkundung. Immer wieder stößt die Autorin an ihre Grenzen, sind ihr Situationen unangenehm: Am liebsten würde ich sofort verschwinden. [in obigem ‚Adult Cinema‘, nachdem ihr dort Partnertausch angeboten worden war.] Oder, beim Warten auf ihren Gesprächspartner, einen Kinobesitzer in der Schweiz: … wäre eigentlich doch gerne schon jetzt am Flughafen. Es ist erkennbar, daß Bossong und ihr Begleiter keine neutralen, aussenstehenden Beobachter sind, sie sind immer Teil des Ereignisses. So wie sie selbst taxieren und kritisch feststellen, wenn beispielsweise Brüste langsam den Kampf gegen die Schwerkraft verlieren, so werden sie, bzw. vor allem wohl die Autorin selbst, taxiert: im Kino, im Swinger-Club oder im Hamburger Laufhaus. Aber Bossong tritt auch als Kundin auf, also in der männlichen Rolle im Sexgeschäft: sie kauft von zwei Damen, die an der Straße stehen, eine Stunde, in der sie sich deren Leben erzählen läßt, sie geht zur Tantra-Massage, in den Swinger-Club oder zahlt im Bordell für Zusehen bei der Stunde, die ihr Partner gebucht hat.

Dieses Eingebundensein in die Ereignisse bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Beteiligten, vor allem scheint es das Verhältnis der Autorin zu ihrem jeweiligen Begleiter zu beeinflussen. Besonders diese scheinen oft hin- und hergerissen: hin, das meint die Anziehungskraft des Milieus, her dagegen das Verdruckste, Verklemmte, offen dazu zu stehen. Daß jemand seine Souveränität behält, ist die Ausnahme.


Prostitution: die Meinungen dazu überstreichen das ganze Spektrum zwischen ‚PorNo‘ und PorYes. Vertreten die einen (wie z.B. Alice Schwarzer [6] oder siehe auch hier [4]) die Überzeugung, jegliche Prostitution beruhe auf Zwang, keine Frau würde sich freiwillig prostituieren, so vertritt z.B. Hydra [5] die Ansicht, jede Frau habe das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden und dies schließe auch ein, ihr zeitlich befristet zu vermieten. Man findet ja auch ohne größer Mühe immer wieder Erfahrungsberichte junger Frauen, die z.B. für eine gewisse Zeit Escort-Service gemacht haben. Hier liegen die Stärken des Buches, wenn Bossong, die Vertreterinnen beider Positionen besucht und mit ihnen gesprochen hat, dies reflektiert und analysiert.

Das Sexgeschäft ist auf Männer ausgelegt, dies liegt der Recherche von Bossong zugrunde. Die Sexualität von Frauen funktioniert anders, langsamer, behutsamer, spricht auf andere Reize an, so erklärt ihr die Tantra-Masseuse. Der vorstehend schon erwähnte Kinobesitzer aus der Schweiz bekennt im Interview freimütig, er wisse nicht, wie man Pornografisches für Frauen machen müsse, das sei ihm ein Rätsel [vgl. dazu 7]. Dazu kommt, daß Männer für sich ein Recht auf Sex reklamieren – das er zur Not bei Prostituierten einkauft (wobei die Ehefrauen oft die Augen zumachen und sich denken, daß das immer noch besser ist als eine Geliebte), dieses Selbstverständnis gibt es bei Frauen nicht. Der Umgang mit Prostituierten, so erfährt Bossong in den Gesprächen, hat sich in den letzten Jahren geändert: die Preise sind gesunken, die Männer sind oft unverfrorener geworden, die Frauen werden oft eines letzten Restes Würde beraubt und sind nur noch Ware, die nach Preis eingekauft wird.


Bossongs Ausführungen werden dann souverän, wenn sie reflektiert und analysiert, wenn sie sich selbst beobachtet hinsichtlich der eigenen Reaktion auf ihre Recherchen bzw. auch auf die allgegenwärtige Sexualisierung der Lebenswelt. Beispielsweise stellt sie fest, daß sich der eigene Wertekanon modifiziert. Wir alle, auch ich, übernehmen solche Imperative beständig freiwillig. Wer will schon gerne dem gesellschaftlichen Konsens hinterherhinken, der festlegt, was eine vitale, ausgelebte Sexualität bedeutet? … Die kritische Frage, wer oder was eigentlich solche Imperative steuert, bleibt dahinter zurück. … . In diesem Kontext sind die geführten Interviews interessant, mit dem Kinounternehmer, der Tantra-Masseurin, den zwei Frauen von Straßenstrich, aber auch Vertreterinnen von Hydra bzw. dem Dortmunder Ordnungsamt.

Natürlich sind auch die Schilderungen der Erlebnisse Bossongs und ihres jeweiligen Begleiters wichtig. Diese Erlebnisse vermitteln nicht unbedingt Neues, man kann ähnliche Berichte oder Reportagen ohne große Mühe auch anderswo finden, möglicherweise war sogar der/die(?) eine oder andere schon mal in direktem Kontakt mit einer dieser Einrichtungen, die im Buch vorkommen. Ihre Relevanz haben diese Passagen durch die ehrliche Analyse der Autorin, welche Rolle, Funktion und Bedeutung ihnen zukommt und welche Wechselwirkung sie mit sich selbst feststellt. Im Gegensatz zur Souveränität der eher theoretischen Abschnitte schildert Bossong in diesen Kapiteln immer wieder auch die Unsicherheit, die sie in diversen Situation befallen hat und gegen die sie aktiv vorgehen musste. Aber sich in der Öffentlichkeit ‚dazu‘ zu bekennen (und in einer belebten Straße an der Tür zum Swinger-Club zu klingen, ist öffentlich…) heißt eben auch und immer noch, eine Grenze zu überschreiten, eine Hemmung, die jedoch – auch das wird deutlich – im Lauf der Zeit abnimmt.

Bossong Rotlicht ist also zwar kein Standardwerk über das ‚Milieu‘, aber eine sehr interessanter,  informativer und reflektierter Erfahrungsbericht aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Links und Anmerkungen:

[1] vlg. z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Bossong oder auch die Autorenseite bei Hanser: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/nora-bossong/
[2] Anne Haeming: Eine Frau dringt einhttp://www.spiegel.de/kultur/literatur/nora-bossong-buch-rotlicht-ueber-prostitution-in-deutschland-a-1135665.html
[3] Bei dieser Passage erinnerte ich mich sofort an den Roman Red Light der Karlsruher Schriftstellerin Phoebe Müller, die von ähnlichen Reiz roten Lichtes auf ihr Protagonistin ausgehend diese auf ganz andere (im Sinne Bossongs konventionelle) Weise die Prostitution, das Sexgewerbe, erkunden läßt: Phoebe Müller: Red Lighthttps://radiergummi.wordpress.com/2015/06/25/phoebe-muller-red-light/
[4] Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibthttps://radiergummi.wordpress.com/…uebrig-bleibt/
[5] http://www.hydra-berlin.de/startseite/
[6] vgl. auch diese beiden Beiträge in der Wiki:
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorNO-Kampagne
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorYes bei diesem Label geht es vor allem um eine Art Gütesiegel für feministische, frauenorientierte Pornographie
– dieser aktuelle Beitrag aus der ze.tt passt auch ganz gut ins Thema:
Eva Reisinger, Frauke Vogel: Vormarsch der Fem-Porn-Szene: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“; in: https://ze.tt/frauen-gehoeren….

Nora Bossong
Rotlicht
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibt

Anfang August 2015 sorgte die Nachricht, daß Amnesty International sich entschlossen hat, für die Legalisierung der Prostitution [1] einzutreten, für ein großes Medienecho [2]. In diese Diskussion um Pro und Contra passt das Buch von Rachel Moran über das Wesen der Prostitution sehr gut hinein, es bezieht eindeutig Stellung und zwar Contra.

Rachel Moran weiß, wovon sie spricht. Sie ist Irin, aus Dublin. 1976 geboren wuchs sie mit vier weiteren Geschwistern in einer „dysfunktionalen“ Familie auf, beide Elternteile waren psychisch schwer krank, der manisch-depressive Vater suizidierte sich, die Mutter litt unter Schizophrenie. Im Alter von vierzehn Jahren lief Moran von ihrer Mutter weg in die Obdachlosigkeit. Ein Jahr später erschien ihr der Vorschlag ihres „Liebhabers“, Geld für Sex zu nehmen, nach kurzer Überlegung akzeptabel, es war so etwas wie eine Mutprobe. Am Abend dieses Tages hatte sie sich zum ersten Mal prostituiert, eine Tätigkeit, die sie von diesem Zeitpunkt ab insgesamt sieben Jahre lang auf der Straße, als Fotomodell, in Bordellen und als Escort-Service wahrnahm, bevor sie mit zweiundzwanzig ihres Kindes wegen sowohl mit den Drogen als auch mit der Prostituierung Schluss machte. Während und nach einer schwierigen (und in gewissem Sinne nie endenden) Eingewöhnungszeit zurück in die „normale“ Gesellschaft ging sie wieder zur Schule, studierte und engagiert sich in einer Organisation, die mit dem Anliegen gegründet wurde, Frauen eine Stimme zu verleihen, die die von sexueller Gewalt geprägte Realität der Prostitution überlebt haben (SPACE) [3].

moran cover

Was vom Menschen übrig bleibt ist ein biographisches Buch, in dem Moran aus ihrer eigenen Erfahrung mit der Prostitution (und der ihrer Kolleginnen) deren Charakteristika, deren zerstörerische Wirkung auf die Persönlichkeit der Frauen und last not least die Versuche, die Prostitution durch eine romantisierende Mythenbildung zu verharmlosen, analysiert.

Die Grundthese Morans ist einfach, sie läßt sich in wenigen Worten niederschreiben: Jede sich prostituierende Frau macht dies aus einer Zwangssituation, meist finanzieller Art, heraus, von Freiwilligkeit kann keine Rede sein. Als besonders krasse Beispiele führt Moran Mütter an, die sich vor Weihnachten oder besonderen Familienfesten wie Kommunion an die Straße gestellt haben, um an das notwendige Geld zur Gestaltung dieser Tage kommen. Sex aber, so (nicht nur [4]) Moran, der nicht freiwillig, sondern unter Zwang abläuft- auch wenn dieser Zwand durch die Lebensumstände ausgeübt wird – ist Missbrauch. Oder zusammengefasst:

Prostitution ist die Kommerzialisierung sexuellen Missbrauchs von Frauen.

Dem System Prostitution immanent sind u.a. folgende Erscheinungen:

  • Erniedrigung der Frau zum Sexobjekt und Verlust der Selbstbestimmung
  • Entwürdigung der Frau zum Bedarfsgegenstand
  • De-Sozialisierung und Stigmatisierung
  • Ständige Gefährdung der körperlichen und psychischen Integrität
  • die Notwendigkeit der Frauen, psychische Mechanismen zu entwickeln, die sich auch auf das „normale“ Leben ausweiten (Dissoziation)
  • Drogengefährdung

Erniedrigung der Frau zum Sexobjekt und Verlust der Selbstbestimmung.

Wenn eine Frau einem Freier gegen Bezahlung das Recht einräumt, ggf. vorher verhandelte Aktionen an und mit ihrem Körper durchzuführen oder an seinem vornehmen zu lassen, erniedrigt sie sich zum Objekt. Außerdem kann sie, so Moran, nie sicher sein, daß der Freier sich an die Vereinbarung hält, oftmals drängt er – auch mit Gewalt – auf Handlungen, die nicht vereinbart waren. Der Möglichkeiten einer Prostituierten, sich zu wehren, sind sehr begrenzt. Außerdem hat eine Frau, die im Bordell oder im Escort-Service arbeitet, kaum die Möglichkeit, einen Freier vorher in „Augenschein“ zu nehmen und ggf. abzulehnen. Dies ist zumindest in Ansätzen auf der Straße möglich, deshalb findet Moran die üblicherweise definierte „Hierarchie“, bei der der Straßenstrich ganz unten rangiert, nicht den Realitäten entsprechend.

Entwürdigung der Frau zum Bedarfsgegenstand

Der Erwerb des Nutzungsrecht über den Körper einer Prostituierten gleicht dem Kauf irgendeines Gegenstandes. In einigen Häusern kann der Freier aus einer Kollektion von Frauen, die er begutachtet, auswählen – ganz so, wie bei einem normalen Einkauf. Der Freier meint gemeinhin, mit dem Erwerb des Nutzungsrechtdie Verfügungsgewalt über den Körper der Frau erlangt zu haben, die prostituierte Frau hat kein Recht mehr auf die Rücksichtnahme auf eigene Bedürfnisse oder Grenzen, evtl. Ekel oder Schmerz beispielsweise sind zu ertragen.

De-Sozialisierung

Die prostituierte Frau lebt ausserhalb der „normalen“ Gesellschaft. Sowohl ihre Tätigkeit als auch ihre Arbeitszeiten hindern sie im Normalfall, einen Bekanntenkreis aufzubauen. Außerdem findet sie nur unter den Kolleginnen und Mit-Betroffenen Verständnis und kann nur dort frei reden. Bei Versuchen, sich in die Gesellschaft zu re-integrieren, erregen u.U. die nicht erklärten freien Zeiten im Lebenslauf Argwohn. Verbale und nicht-verbale Kommunikation im Prostitutionsmilieu unterscheiden sich von der Kommunikation ausserhalb dieser Kreise, so daß hier eine weitere, zusätzliche Barriere auftritt.

„Einmal Hure, immer Hure“: Prostitution stigmatisiert, es verlangt viel Selbstbewusstsein (das in der Prostitution systematisch zerstört wird), um als Ex-Prostituierte zur früheren Tätigkeit zu stehen.

Ständige Gefährdung der körperlichen und psychischen Integrität

Jede Prostituierte ist der Gefahr ausgesetzt, daß der Freier ihr gegenüber gewalttätig wird. Schließlich hat er – seiner Meinung nach – mit der Zahlung des Preises die Verfügungsgewalt über den Körper der Frau erhalten. Dieses Faktum führt dazu, daß die Frauen permanent in einer zumindest unterschwelligen Angst ihrer Tätigkeit nachgehen. Ist Gewalt ausgeübt worden, finden sie oft niemanden, der den Gewalttäter verfolgt oder bestraft, es sei denn, die Gewalt wäre lebensgefährlich gewesen. Auch macht jede Prostituierte die Erfahrung verbaler „Gewalt“, sprich von Beschimpfungen und Beleidigungen.

Ein besonderer Moment ist ferner der der Geldübergabe, kommt doch hier der „Geld-gegen-Ware“-Charakter der Aktion ungeschönt zu Tage. Er ist bei vielen Freiern mit einem Moment der Scham oder zumindest Verlegenheit verbunden und findet aus diesen Motiven heraus oft klandestin durch z.B. Hinterlegen des Geldes auf dem Tisch im Hotelzimmer o.ä. statt. Selbstverständlich wird auch der prostituieten Frau – sofern sie dies nicht verdrängt – ihr Status in diesem Moment deutlich vor Augen geführt.

Die Notwendigkeit der Frauen, psychische Mechanismen zu entwickeln, die sich auch auf das „normale“ Leben ausweiten

Um der Entwürdigung, der Erniedrigung, dem Ekel etwas entgegensetzen zu können, denken sich viele Frauen „fort“: dies da geschieht nur meinem Körper, nicht mir. Diese Aufspaltung (Dissoziation) kann so weit gehen, daß sie verinnerlicht und permanent wird. Verdrängung spielt eine große Rolle, auch Autosuggestionen wie, daß man alles unter Kontrolle hätte.

Drogengefährdung

Wenn Frauen nicht schon über Drogen und die Notwendigkeit, für die Drogenbeschaffung Geld zu verdienen in die Prostitution gerutscht sind, so fangen andere umgekehrt in der Prostitution an, Drogen zu nehmen, um den permanenten Seelennotstand, in dem sie leben, zu betäuben. Das wird schnell ein Teufelskreis, der sich erhält und steigert…

Moran betont, daß diese Erscheinungen unabhängig sind von der speziellen Art und Weise, in der eine Frau prostituiert wird. Die Herabwürdigung zum Objekt ist unabhängig davon, ob die Frau aufreizend angezogen an der Straße steht oder ob sie unauffällig-chic gekleidet in ein gutes Hotel zu ihrem Freier geordert wird. Weder im Auto noch im Hotelzimmer ist sie vor Gewalt sicher oder davor, daß der Mann den „Vertrag“ nicht einhält. Der Entwürdigung und Erniedrigung ist es egal, wo sie geschieht.

Selbstverständlich widmet sich Moran auch den Versuchen, Prostitution schön zu reden. Die semantische Weichspülung der Prostituierten als „Sex-Arbeiterin“ [vgl. Artikel in der ZEIT: 1], die eine Dienstleistung erbringt, entlarvt sich schon, wenn man sich die EU-Verordnung vom 26. April 2006 über Maßnahmen zum Schutz der Menschenwürde und gegen Mobbing und sexuelle Belästigung bei der Europäischen Kommission anschaut. Dort heißt es: Mobbing und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sind schwerwiegende Probleme, gegen die die Kommission weiter aktiv vorgeht, indem sie eine gewaltfreie Arbeitskultur fördert, in der Mobbing und sexuelle Belästigung als inakzeptabel gelten. [5]

Auch die Bezeichnung vom „ältesten Gewerbe der Welt“ ist stark romantisierend. Denn ein Gewerbe verliert nicht dadurch seinen menschenverachtenden Charakter, daß es alt ist…

In ähnlicher Weise analysiert Moran die unsinnigen Mythen von der glücklichen Hure und vom sexuellen Vergnügen der Prostituierten, mit denen im Wesentlichen die Freier ihr Verhalten rationalisieren.


Was die gesetzlichen Rahmenbedingungen in diversen Staaten angeht, verweist Moran auf im wesentlichen zwei Tendenzen: die nordischen Staaten Schweden, Norwegen und auch Island verbieten die Prostitution, indem sie den Freier, nicht aber die Prostituierte, kriminalisieren. Begleitend gibt es Hilfsmaßnahmen für Frauen, die das Gewerbe verlassen wollen. Dies befürwortet auch Moran und unterstützt Bestrebungen, dieses nordische Modell auch in Irland durchzusetzen. Da sie andererseits aber schlüssig darlegt, daß Prostitution ein von der männlichen Nachfrage dominiertes Gewerbe ist (auf eine Prostituierte kommen ihrer Schätzung nach üblicherweise mindestens 40 bis 50 Freier) bleibt die Frage offen, wie und wo sich diese Nachfrage kanalisiert, wenn die offene Prostitution verboten wird und demzufolge das Ausmass des Straßenstrichs beispielsweise zurückgeht.

Der andere Weg ist die Legalisierung der Prostitution, was nach Moran nichts anderes heißt, als daß sexueller Missbrauch von Frauen staatlich erlaubt wird. Diese „Eingliederung“ in übliche staatliche Vorgänge wird von den Betroffenen nicht unbedingt gewollt, Moran führt eine Petition aus den Niederlanden an, in der Betroffene sich dagegen wehren, als Sexarbeiterinnen registriert zu werden: wären sie einmal registriert, wären sie auf immer als (ex) Prostitutuierte gekennzeichnet. Zudem, so die bisherige Erfahrung, nutze die Legalisierung vor allem dem Sex-Gewerbe in all seinen Ausprägungen, nicht aber den Betroffenen.


Moran ist es gelungen, aus dem Teufelskreis der Prostitution herauszukommen und sich – in dem sie sich auch offen zu ihrer Vergangenheit bekennt – in die Gesellschaft einzufügen. Sie betont, daß es keine Rückkehr war, denn sie hatte als Kind einer „dysfunktionalen“ Familie nie Anteil an der „normalen“ Gesellschaft. Es war, wie sie im letzten Abschnitt des Buches beschreibt, nicht einfach, an vielen Stellen des Alltagslebens musste sie ganz von vorne anfangen – immer auch mit der Angst, daß man ihr ihre Vergangenheit ansehen/-merken würde und auch der eigenen Scham über ihre Vergangenheit. Diese Scham, so schreibt sie an einer Stelle, sei hartnäckiger als Trauer, sie verstecke sich manchmal, um dann um so heftiger wieder hervorzukommen.-

Grundsätzlich – Morans Schilderungen zeigen dies deutlich – ist es wie bei vielen gesellschaftlichen Problemen: Fast alle Frauen wären, hätten sie eine (Aus)Bildung und einen entsprechenden Arbeitsplatz, eine Perspektive also für eine normales Leben, gehabt, nicht in der Prostitution gelandet. Der Verharmlosung und Romantisierung der Prostitution und dem Mythos der freiwilligen Prostituierten (Moran gibt einige Beispiele aus ihrer Erfahrung wieder, mit welchen Grenzerfahrungen bei z.B. hygienischen Unzulänglichkeiten des Freiers umzugehen ist –  und das freiwillig?) setzt die Autorin mit diesem nichts beschönigendem Buch jedenfalls ein starkes Contra entgegen, das so manches Klischee hinwegfegt.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.amnesty.de/2015/7/28/zur-amnesty-arbeit-fuer-frauenrechte-und-der-amnesty-internen-diskussion-um-die-menschenre?
[2] es finden sich natürlich viele Quellen dazu. Stellvertretend dafür hier zwei Links: (i) Sophie Elmenthaler: Sex ist auch nur eine Dienstleistung http://www.zeit.de/kultur/2015-08/prostitution-legalisierung-amnesty-international-kommentar und (ii) ??: Darum will Amnesty Prostitution entkriminalisieren;  http://www.sueddeutsche.de/panorama/grundsatzentscheidung-darum-will-amnesty-prostitution-legalisieren-1.2605085
[3] Website der Organisation: http://spaceintl.org
[4] hier z.B. eine Kampagne/Post auf dem offiziellen tumblr des Weißen Hauses:  http://whitehouse.tumblr.com/post/128117667738/consent-if-you-dont-get-it-you-dont-get-it
[5] http://ec.europa.eu/civil_service/docs……pdf, Zitat von S. 2, Unterstreichung von mir

Rachel Moran
Was vom Menschen übrig bleibt
Die Wahrheit über Prostitution
Übertragen aus dem Englischen von Maria Heydel
diese Ausgabe: Tectum-Verlag, Softcover, ca. 375 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Presseexemplars.

Phoebe Müller: Red Light

Dieser rote Schriftzug „Ella exclusiv“ fasziniert sie, seit langer Zeit. Diese rote Leuchtschrift an dem Haus mit den rot verhängten Fenstern und der schwarzen Tür mit einen Löwenkopf als Klopfer, die hinein führt… Es dauert lange, aber dann packt der Sog die Protagonisten so sehr, daß sie diese Tür öffnet und die Bar betritt…

Red Light ist ein Roman und damit Fikion. Das muss man im Hinterkopf behalten, denn der Text beginnt im Grunde wie ein Bericht über etwas, was so geschehen ist, ist selbstbezüglich, eine Eigenschaft, die oft in einer logischen Schleife endet, die nicht aufzulösen ist. Die Autorin bzw. eine Ich-Erzählering sitzt bei ihrer Verlegerin und versucht, ihr ein Projekt schmackhaft zu machen. Die Verlegerin zögert, ist nicht überzeugt, stimmt aber letzten Endes zu: Aber verpack das Ganze wenigstens ein bischen sexy. Natürlich sagt die Autorin dazu ja, obwohl sie alles andere im Sinn hat als sexy zu schreiben, vielmehr wollte ich Denkmale setzen für jene, die ich kennengelernt hatte. Am meisten aber wollte ich mich selbst befreien aus der Anziehungskraft, die es immer noch auf mich ausübte.

mueller - cover

Samantha („Sam“) steht hinter der Theke, sie ist so etwas wie die Geschäftsführerin und Bezugsperson für die Frauen, die bei ihr arbeiten, in Personalunion. Von ihr bekommt Elisabeth eine erste Einweisung in grundlegende Regeln des Metiers wie zu Beispiel zum Umgang mit Alkohol, keine Küsse oder nie ohne Gummi…. die Hälfte des Umsatzes, für den sie sorgt, ist ihr.

Am ersten Abend versaut sie´s. Ein einfacher Kunde, ein Stammkunde, von dem die anderen Frauen in der Bar wissen, was er will, aber sie reagiert nicht auf ihn, weil ihr der Mut für den letzten Schritt noch fehlt… Sekt, der dem abhelfen soll, ein Cocktail, von Sam gemischt mit praktisch keinem Alkohol …der zweite Versuch, ein neuer Kunde, Machmud, jetzt muss sie es schaffen, sonst…. Sam hilft ihr, sagt ihm, sie sei neu, sogar ganz neu, noch nie in einer Bar und er solle lieb sein. Später wird sie den Code für „lieb sein“ erfahren… Machmud ist nicht sonderlich zufrieden, aber er war lieb und es war ja ihr erstes Mal…

Sam muss mal weg und Nora, eine der anderen Frauen vertritt sie hinter der Bar. Ihr Cocktail, den Elisabeth runterkippt, ist anders gemischt… Sie geht mit zwei Männern auf einmal in eins der Separées, der (zu)viele Alkohol vernebelt ihr die Sinne ein wenig, nimmt ihr jede Hemmung und läßt sie die Spielregeln vergessen.. Sam sieht die Bescherung und ist sauer auf sie, sie jedoch rennt auf´s Klo und muß sich übergeben.. zu Hause will sie sich den Schmutz, das Schmierige abwaschen und vergessen, doch vergessen ist nicht, eine seltsame Erregung hält sie trotz allem wach…

Es ist nicht so, als ob Elisabeth der unentdeckte Star der Bar würde, eine „Belle de Jour“, die heißbegehrt von Gast zu Gast ginge, im Gegenteil. War ihr bisher Sex(ualität) etwas, was geschieht, so wie sie es mit ihrem Freund erlebt, das sich berühren, das Heißwerden, die schneller werdende Atmung, der Schweißfilm auf der Haut, das Keuchen, die Lust, so lernt sie hier, daß Sex etwas ist, was man machen muss. Sie muss die Männer animieren, ihnen etwas vormachen, sie darf nicht vergessen, zu keuchen, zu hecheln, zu stöhnen, anzustacheln, zu loben – spüren muss sie nichts, weder sie noch die anderen Frauen in der Bar. Aber das ist ein Problem für sie (später einmal wird ihr Irina sagen, sie nähmen den Sex zu wichtig), die Neue, die angetan mit Latexklamotten als schüchterne Prinzessin auf dem Barhocker sitzt und wartet, daß sie angesprochen wird, ein Bonus, den die Zeit auffressen wird…

Elisabeth lebt sich ein, lernt die Mädchen, ihre Kolleginnen kennen. Biggie beispielsweise mit den Schleudermelonen, deren riesiges Dekolleté Zielfläche ist für ihre Stammgäste, der Sex selbst ist ihr egal und sie freut sich über das leicht verdiente Geld. Moni, die süße Kleine, die immer liebenswert ist und keine Konflikte mag, Nora, die undurchsichtig bleibt und mit der sie nicht warm wird, Irina mit den schwarzen Haaren, in denen Goldreifen steckten, den Pluderhosen, und dem exotischen Gerucht und die dunkelhäutige Loreen, die, wenn sie keinen Gast hat, Bücher über Computerprogramme studiert..

Aufgeputscht von dieser Mischung aus sexueller Spannung, Beschämung und Verletzlichkeit schien ich im Bett geradezu zu explodieren, ich krallte mich an Erik, als wollte ich den Satan mit Beelzbub austreiben… der Sex mit ihrem Freund, wird heftiger, intensiver, Erik nimmt die wachsende Intensität mit Freuden war, hinterfragt sie aber nicht. Seine Komplimente helfen Elisabeth, ihr sexuelles Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, die Frage, wie sie ihre Talente, die sich zusammen mit Erik so mühelos entfalten, zum Job bei Sam transferieren kann, treibt sie um…

Sie ist und bleibt spröde, das sinnfreie small talken mit den Gästen liegt ihr nicht. Aber die Grenzen dessen, wozu sie bereit ist, verschieben sich allmählich nach außen, sie wird offen für Sonderwünsche und die letzten Tabus, die sie hat, sind nicht mehr fest gegründet. Elisabeth macht das, was sie schon als Kind beherrschte, sie trat quasi aus ihrem Körper heraus und betrachtete das, was ihm geschah, von aussen….

Ella ist ihre emotionale Heimat geworden, das sich Geborgenfühlen bei Sam, die schummerige Atmosphäre, das warme Rot, die Gerüche, die durch die Luft wabern hüllen sie ein wie ein schützender Kokon. Was sie dort treibt, diffundiert immer mehr in ihr Tag-Leben. Wenn sie mit Erik schläft fängt sie an zu berechnen, wieviel sie bei Sam für so eine Nummer kassiert hätte….  – es ist der Moment, in dem sie aufhört, mit ihrem Freund ins Bett zu gehen…  die Mädchen kommen ihr näher, einmal im Monat treffen sie sich zum Mädchenabend mit Sekt, Kuchen, Wollsocken und Pretty Woman… albernes Gegickel und Gelache, kuschelig und warm…

Je mehr Gäste sie bedient, desto wahrscheinlicher wurde es: man begegnet sich auch ausserhalb der Bar, entweder schauen beide verschämt in eine andere Richtung, es gibt aber auch Männer, von denen sie frech angegrinst wird – obwohl die Ehefrauen dabei sind. Zum großen Knall kommt es aber letztlich aus einem anderen Grund: Ein Kunde der Agentur, für die sie tagsüber arbeitet, betritt Ellas Bar…. Du nimmst den Sex einfach viel zu wichtig. Irinas Worte gehen ihr nicht aus dem Sinn…

Elisabeth versucht mit großer Selbstdisziplin einen neuen Anfang. Erik trennt sich von ihr in inniger Feindschaft. Was hat sie erwartet, als sie ihn in groben Zügen in ihr Doppelleben, ihr Ella-Leben einweihte? Yoga-Kurse, ein anderer Mann an ihrer Seite, der eher Heiler ist als Geliebter, und doch – immer wieder diese dunkle Sehnsucht in ihr nach Ella

Ich hatte versucht, das rote Licht zu ergründen
und es war nichts dahinter gewesen.
Es hatte mir nur einiges über mich selbst gezeigt.


Müller treibt dieses Spiel um ihrer Geschichte mit großem Geschick: Was mich und wahrscheinlich auch die Leser, natürlich brennend interessiert, ist, ob diese ganze Geschichte denn auch authentisch ist. Ich meine, gibt es diese Personen wirklich… wird die Ich-Erzählerin von ihrer Verlegerin gefragt und diese Ich-Erzählerin selbst bekennt Sorge vor den Parallelen, die Eltern und Freunde unweigerlich zu [ihrem] eigenen Leben ziehen würden. Diese Gespräche mit der Verlegerin sind praktisch so etwas wie die Rahmenhandlung von Elisabeths Geschichte, die Durchmischung eines real anmutenden Buchprojekts der Ich-Erzählerin (dessen Ergebnis zumindest real und von Müller geschrieben, käuflich ist) und einer – was jetzt die Frage ist – fiktiven Geschichte: das „brennende Interesse“ (wie die Verlegerin es formuliert) des Lesers ist geweckt.

Red Light ist ein Roman, also Fiktion. Er schickt eine Frau auf einen Selbsterkundungstrip der besonderen Art, er läßt sie sich in den Sog stürzen, den das Rotlicht, die käufliche Sexualität auf sie ausübt. Bei Ella, das hatte Elisabeth gelernt, wurde kein Sex verkauft, nicht einmal annähernd. Was dort verkauft wurde, gab es nicht einmal…. es war weniger als eine Illusion. Es war das kurzzeitige Vermieten der eigenen Körperöffnungen zur Benutzung durch die Freier, die hier euphemistisch Gäste genannt wurden. Und ähnlich, wie man sich früher in den Kneipen bei der Juke-Box seine Musik aussucht und das Geld einwarf, so bekamen die Gäste hier das zu hören, wofür sie bezahlten: Du machst es mir gut, ja, mach weiter, mir kommt´s… Die Frauen als Projektionsflächen, die den Männern das Gefühl geben, was Verbotenes zu machen, tolle Typen zu sein. Sie bilden sich ein, daß sie .. was ganz Spezielles geboten kriegen, weil sie dafür bezahlen… erklärt Biggie einer Ehefrau, die eines Abends auftaucht, um zu schauen, wo sich ihr Mann während seiner angeblichen Überstunden herumtreibt..

Es ist traurig und deprimierend, es ist desillusionierend – ganz so wie es Elisabeth erfahren hat. Für das Geld, das die Frauen bekommen, bieten sie Selbstüberwindung und Aufgabe ihrer Persönlichkeit. Sie sind austauschbar, ist eine von ihnen indisponiert, kann jederzeit eine andere für sie einspringen, den Männern ist es fast immer egal. Die Frauen müssen den ekligen Geschmack der Gummis ertragen, den Geruch des Tages, den die Freier mit sich tragen, aus dem Mund, unter den Achseln, in der Kleidung, am Geschlecht… sie müssen sich laue Entschuldigungen und Erklärungen anhören über ihre Ehefrauen und die ewig gleich dumme Frage: was macht so jemand wie du hier? Und doch besteht dieser nicht erklärbare Sog für die Protagonistin, ist Ella mehr als nur Funktionalisierung und Vermarktung ihrer sexuellen Möglichkeiten: es ist das Gefühl einer Geborgenheit unter Gleichgesinnten, einer Art Heimat, die beschienen wird von einer roten Sonne und in der sie angekommen ist. Eine Heimat, die gleichzeitig ein Gift ist, das sich langsam durch ihr gesamtes Leben frisst, ihre Persönlichkeit verändert, Relationen und Maßstäbe verschiebt, das Private zerstört.

Elisabeths Abschied vom Rotlicht ist ein Entzug und es ist nicht klar, ob sie wirklich gefestigt ist gegen die Anziehungskraft des Rotlichts.

Ich bin eine Motte.


Red Light von Müller ist kein erotischer Roman, obwohl er im Milieu spielt. Obwohl er fast durchgängig von Sex handelt, ist dies nicht das eigentliche Thema des Buches, dies ist vielmehr die Persönlichkeit der Protagonist und deren Entwicklung. Müller beschreibt dies in nüchterner Prosa, die Geschichten der Frauen ebenso wie sie sich nicht davor scheut, das Geschehen in den Séparées beim Namen zu nennen. Verknüpft miteinander desillusionieren diese Geschichten, widerlegen die Tendenz, das Rotlicht und das Milieu in Reportagen und Berichten zu romantisieren und durch einen gnädig darüber geworfenen Schleier lockender Verruchtheit zu betrachten. Dieses Klischee erweist sich als genauso falsch wie der Löwenkopf an der Tür zu Ella: auch er ist nicht massiv, sondern aus Plastik….

.. und nun wartet der geneigte Leser, der bis hierhin durchgehalten hat, auf eine Bewertung – versuchen wir es … ich lese Phoebe Müller gerne, ich mag ihren nüchternen Stil, dem jedes Moralisieren abgeht, so hat mir auch dieses Buch, das nachdenklich macht, gut gefallen und wer mit expliziten Szenen umgehen kann und sich für das Thema interessiert, ist sicher gut aufgehoben mit diesem schmalen Roman. Wer jedoch vor allem eine „prickelnde“ erotische Lektüre erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein….  aus diesem Motiv heraus hat die Autorin ihren Roman wohl nicht geschrieben.

 


Von Phoebe Müller habe ich in diesem Blog noch ihrem Roman: Gejagte vorgestellt (https://radiergummi.wordpress.com/2013/01/17/phoebe-muller-gejagte/).

Weitere Buchvorstellung erotischer Literatur im Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Phoebe Müller
Red Light
diese Ausgabe (als HC) : Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke- Verlag, HC, ca. 158 S., 2001

Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….

„Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….“ ist ein kleiner, recht zügig zu lesender Roman des argentinischen Schriftstellers Edgardo Cozarinsky, der 1939 als Sohn russischer Emigranten in Buenos Aires geboren wurde. Seine Eltern stammen aus Odessa/Kiew [3], einer Region, die auch in diesem Roman eine Rolle spielt.

Die Handlung des Romans erzählt er uns in zwei Ebenen. Die Geschichte spielt in Argentinien. Als Rahmenhandlung beschreibt er einen jungen Mann, den Ich-Erzähler, Sohn einer jüdischen Mutter, der sich für eine Abschlussarbeit ein etwas abseitiges Thema aussucht, nämlich die Geschichte des jiddischen Theaters in Argentinien. Das Jiddische, in einer kurzen Blüte auf dem Weg von der Alltags- in eine Kultur- und Literatursprache [5], wurde kurze Zeit später von den braunen Horden durch das Morden der Sprecher in die Beutungslosigkeit hinein gemerzt, das Jiddische ist eine Sprache, der die sie Sprechenden abhanden gekommen sind, das jiddische Theater, so die Äußerung, die unser Erzähler immer wieder hört, ist tot.

In einem Altenheim trifft der Erzähler aber auf Samuel Warschauer, einen alten jüdischen Bandoneonspieler. Dieser stirbt jedoch noch bevor er aus seinen Erinnerungen erzählen kann. Allerdings hinterlässt er dem jungen Mann einen Schuhkarton, gefüllt mit Prospekten alter Theater und alter Aufführungen, die es nicht mehr gibt. Besonderes Interesse weckt das Libretto des jiddischen Theaterstücks „Der moldawische Zuhälter“.

Es erzählt, wie die jungen Mädchen in einer Schenke am Prut einem melancholischen Geigenspieler nachlaufen, ihm zurufen, sie mitzunehmen nach Amerika und wie ein Rattenfänger führt er sie auf ein Schiff. Angekommen im fremden Land werden sie Männern vorgestellt, sie werden begutachtet, das Gebiss wird geprüft, ihr Geschlecht kritisch beäugt [6]. „Taube“ heißt das Mädchen, in dem Theo Auer, der – wie der Erzähler eruiert – der Autor des Stückes ist, das Schicksal dieser jungen Frauen fokussiert, sie wird hier verhökert in eins der „unmoralischen Häuser“, gehört jetzt einer Zuhälterorganisation, der Zwi Migdal [1, 2]. Aber das Mädchen ist rebellisch, lehnt sich auf, versucht, eine der gemeinen Madames, die die Häuser leiten, zu töten. Jedoch nimmt der geläuterte Geigenspieler die Schuld auf sich und geht ins Gefängnis, wo er von den Mädchen besucht wird, die ihm Geschenke bringen…. ein durchaus fragwürdiges Libretto, eine krude Handlung, aber – wie wir erfahren – ein allerdings relativ erfolgreiches Theaterstück….

„… mit der ich anfing, aus Fragmenten der Wirklichkeit,
aus ein paar Namen und Daten,
das Leben von Figuren zu einem Roman zu gestalten
und ausgehend von
lediglich erahnten Umständen ihre
Geschichte zu erfinden….“

Mit diesem Geständnis verläßt der Autor seine Rahmenhandlung und schickt uns weit zurück, in die Zeit Ende der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er stellt uns Zsuzsa vor, ein neunzehnjähriges Mädchen… in der alten Heimat, mit dreizehn, wurde sie von den Eltern mit einem Kuss auf die Stirn zum Vermieter geschickt, die aufgelaufene Mietschuld zu begleichen.. jetzt ist sie seit zwei Monaten hier in Argentinien in den Händen der Zwi Migdal, kann nicht lesen noch schreiben, ist durch verschiedene Häuser gereicht worden, bis sie jetzt hier bei Doña Carmen gelandet ist.

Hier hat sie neben all den Männern, die sich zu ihr legen, einen anderen kennen gelernt, einen jungen Mann, Samuel Warschauer, der sich Zeit nimmt für sie und Gefühle in ihr weckt, die sie noch nicht kennen gelernt hatte. Er entführt sie aus dem Haus, versteckt sich mit ihr, lebt mit ihr zusammen und verdient durch seine Musik ihrer beider Lebensunterhalt. Dabei lernt er Perl kennen, die tanzen kann und singen, Perl Ritz, ein Name, den unser Erzähler in den Unterlagen gefunden hatte…. Mit Perl zusammen geht er nach Buenos Aires, von einem Theatermann hingelockt… und so wie in der alten Heimat Zsuzsa die Miete zahlte, tut es hier Perl, über Jahrzehnte hinweg, die Geschichte wiederholt sich….

So erdichtet und erfindet der Ich-Erzähler schließlich die möglichen Lebensläufe dieser Menschen, von denen er wenig weiß, aber viel ahnt. Und in seinen Gedanken wiederholt sich die Geschichte, denn, so hatte ihm Samuel Warschauer vor seinem plötzlichem Tod gesagt, gute Geschichten machen sich selbstständig  und irgendwan ist es egal, ob sie wahr sind oder nicht… und doch, am Ende seiner Suche und seiner Rekonstruktion kommen ihm die Zweifel ob dem, was er macht….

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In „Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….“ mischen sich Fiktion und Realität einer Geschichte, von Lebensläufen derart, daß sie praktisch ineinander laufen. Dabei, so eine Erkenntis des Erzählers, wird von der Fiktion eine Folgerichtigkeit erwartet, die die Realität, die Wirklichkeit, bei weitem nicht aufweist. Was bleibt, sind bedauernswerte Schicksale, arme Teufel, die sich abmühen, um ihr Leben zu gestalten.

Was ich nicht im Fokus hatte und was mir durch diesen Roman schmerzlich zu Bewusstsein gekommen ist, ich muss es zugeben, war die Existenz jüdischen Lebens in Südamerika vor der durch die Nazis ausgelösten Emigrationswelle, die ja auch dorthin schwappte. Das „schmerzlich“ bezieht sich auf diese Art und Weise, wie diese Mädchen aus bitterster Armut mit falschen Versprechungen und viel Hoffnungen in noch größeres Elend gelockt wurden. Dabei waren die Zuhälter der Zwi Migdal oft selbst Juden, legten die Gebetsriemen um und besuchten die Synagoge, in der sie unter anderem dann auch Mädchen (ver)heirateten, um sie an sich zu binden. Wie bekannt kommt einem das vor aus modernen Zeiten, auch heutzutage gibt es diese Frauen aus Osteuropa und Asien, nach Westen gelockt durch das Versprechen von Geld, Ruhm oder einfach nur Arbeit, den Pass abgenommen, landessprachunkundig und gefangen… die Geschichte wiederholt sich….

Edgardo Cozarinsky bricht dieses gesellschaftliche Phänomen herunter auf konkrete Personen und Lebensläufe, er macht das Ungeheure dadurch anschaulich und direkt. Entstanden ist ein atmosphärisch dichtes Buch voller Melancholie und Hoffnungslosigkeit, durchströmt immer wieder von den elegischen Melodien des Tangos und des Bandoneons…. Cozarinsky Roman ist, wie Danares es ausdrückt: „.. eine literarische Perle für jeden, der einige Stunden in die jüdische Kultur Lateinamerikas eintauchen möchte.“

Links und Anmerkungen:

[1a] http://einestages.spiegel.de/s/tb/28986/juedische-prostitution-in-suedamerika-leidensweg-der-weissen-sklavinnen.html
[1b] Gert Eisenbürger: Doppelt ausgegrenzt: Jüdische Prostituierte in Argentinien und Brasilien, in: http://www.ila-bonn.de/artikel/ila334/juedisches_prostituierte.htm
[2a] Wiki-Artikel zu Zwi_Migdal
[2b] The Awareness Center: Understanding the Zwi Migdal Society, in: http://theawarenesscenter.blogspot.de/2012/12/understanding-zwi-migdal-society.html
[2c] The Awareness Center: Case of The Zwi Migdal Society, in: http://theawarenesscenter.blogspot.de/2007/05/case-of-zwi-migdal-society.html
[3] Wiki-Artikel zum Autoren
[4] zur Lebenssituation der Juden im Raum Odessa zur vorletzten Jahrhundertwende habe ich vor einiger Zeit zwei Bücher vorgestellt, beide Bände sind in „Die Andere Bibliothek“ erscheinen: (i) Isaak Babel: Erste Hilfe und vor allem auch: Vladimir Jabotinsky: Die Fünf
[5] die Geschichte des Jiddischen als Literatursprache ist Thema dieses wunderschönen Buches, auch erschienen in „Die Andere Bibliothek“: Gilles RozierIm Palast der Erinnerung
[6] man kann es sich wohl so vorstellen, wie es Gerome hier in einem anderen Zusammenhang eingefangen hat: Der Sklavenmarkt

Edgardo Cozarinsky
Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich…
Übersetzt aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, TB, 144 S., 2010

Lilly Lindner: Splitterfasernackt

Lilly Lindners „Splitterfasernackt“ ist ein schwierig zu besprechendes Buch. Zuvieles, was widersprüchlich ist, zuvieles, was fragen aufwirft, die man sich angesichts des Schicksals, das hinter der Geschichte steht, nein, das die Geschichte ist, kaum zu stellen wagt, weil man befürchtet, damit einen Tabubruch zu begehen…

„Splitterfasernackt“ ist eine Krankengeschichte.. und wiederum ein „Nein“, eher noch die Lebensgeschichte eines kranken Menschen, der Autorin. Krank durch und durch, an Seele und Körper dermaßen verletzt und traumatisiert, daß es für viele Schicksale reichen würde. Die ersten knapp hundert Seiten eilt Lilly Lindner durch die ersten Jahre ihres Leben.. Das hochintelligente Mädchen wächst in einem Elternhaus auf, bei dem man die Mutter als ihr gegenüber latent bis offen ablehnend und aggressiv bezeichnen muss, oft taucht das Wort „Hass“ im Text im Zusammenhang mit der Mutter auf. Der Vater ist seiner Tochter gegenüber bis hin zur Apathie gleichgültig, von beiden Elternteilen bekommt sie weder emotionale Zuneigung (von elterlicher Liebe ganz zu schweigen), Anerkennung, Ermutigung oder so etwas wie Zärtlichkeit. Wie jedes kleine Kind bemüht sich Lilly natürlich, den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden, gelobt und geliebt zu werden… Der Wohnungsnachbar wird ihr von der Mutter als Vorbild vorgehalten, so freundlich und hilfsbereit, sie wünsche sich, daß ihre Tochter auch einmal so werde…

Es ist merkwürdig zu sterben, ohne danach tot zu sein.

Lilly bekommt oft Schokolade von diesem Nachbarn, nämlich immer dann, nachdem er sie missbraucht hat. Den ersten Missbrauch, die erste Vergewaltigung, erlitt das Mädchen mit sechs Jahren. Von diesem Zeitpunkt an dann wiederholen sich die Vergewaltigungen offensichtlich regelmäßig, bis der Mann wegzieht. Die Seele des Mädchens ist durch diese vielen Stunden seelisch und körperlich erlittener Gewalt wie mit einem Brenneisen gezeichnet…. Lilly gerät in einen Teufelskreislauf hinein: ihren Eltern, die sowieso schon ihre Probleme mit der Tochter haben, vertraut sie sich nicht an, mit ihrem Verhalten – sie wird verschlossen, unzugänglich, entwickelt Essstörungen – können die Eltern, die die Ursache nicht kennen, noch nicht einmal ahnen, immer weniger umgehen. Im Lauf der Jahre erfolgen Einweisungen in eine psychiatrische Klinik, Lilly läßt sich selbst, um aus dem Elternhaus wegzukommen, in eine Jugendheim einweisen, irgendwann findet sie eine Therapeutin, die akzeptiert, daß eine Familientherapie angesichts der Umstände aussichtslos ist und Lilly kann in eine eigene Wohnung ziehen.

Missbrauch und daraus resultierende Schuldgefühle haben in Lauf der Zeit zu einem massiven Selbstzerstörungsdrang geführt, er sich in starken Essstörungen (Anorexie und Bulimie) ebenso äußert wie in suizidalen Tendenzen bis hin zu einem fast erfolgreichen Suizidversuch mit Tabletten. Rasierklingen gehören zur Standardausrüstung, im Schmerz findet das Mädchen Kontakt zu ihrem Körper, genauso wie das Hungern (so erklärt die Autorin es im Verlauf des Buches) die einzige Fähigkeit ist, die Menschen mit diesen Störungen sich selbst noch zubilligen, es ist die Fähigkeit, den eigenen Körper absolut zu kontrollieren, gegen seine eigenen Bedürfnisse: „Denn wenn wir es schaffen, jeden noch so unwichtigen Teil von uns zu peinigen, wenn wir uns all das antun, was wir gelernt haben zu ertragen und noch mehr, dann dürfen wir sicher sein, dass uns niemand sonst etwas anhaben kann.“ In einer Art von dissoziativer Störung werden Ana und Mia zu ihren besten Freundinnen, Ana und Mia personalisieren Anorexie und Bulimie… ebenso führt sie immer wieder stumme Rücksprache mit dem ihr erscheinenden kleinen Mädchen von sechs Jahren, das sie einmal war….

Vorstellungen wie Liebe, Zärtlichkeit, Sex mit Männern existieren für die junge Frau nicht mehr, Selbstachtung, Selbstwertgefühl und Selbstwahrnehmung sind stark gestört.

Ungeachtet ihrer Magersucht und der daraus resultierenden körperlichen Schwäche arbeitet Lilly aber erfolgreich mit Kindern, betreut sie, organisiert Feste und Ausflüge. Zurück in ihrer Wohnung fällt sie oft vor Schwäche in Ohnmacht. Freunde hat Lilly nicht, außer Caitlin. Durch Zufall erfährt sie, daß Caitlin sich suizidiert hat. Am Grab der Freundin fasst Lilly in ihrer verqueren Logik einen Entschluss, der die nächsten Jahre ihres Lebens bestimmen wird: sie will sich prostituieren, um sich von den Männern ihren Körper, den ihr Männer gestohlen haben, zurück zu holen: „Ich werde also Sex haben und dabei das perfekte Schauspiel abliefern und so viele Männer verrückt nach mir machen, dass mein schlaues Gehirn eines Tages sagt: „Okay. Jetzt ist alles wieder gut.“

Lilly „bewirbt“ sich also in einem Haus-Bordell (nennt man das so?), das sich gerade um die Ecke von ihrer Wohnung aus befindet. Dort, in diesem Bordell, findet sie bei den anderen Frauen, die dort arbeiten, tatsächlich so etwas wie einen Ruhepol, einen Ort, der sie zumindest ansatzweise behütet. Die Schilderungen des Bordellbetriebs klingen fast romantisch, die Frauen haben Räume für sich, in denen sie sich auf dem Bett herumlümmeln, sich gegenseitig trösten oder ihre Geschichte erzählen, sie essen zusammen, manchmal bringt jemand Kuchen mit, sie amüsieren sich über den Bringservice des Chinamannes, der jedesmal mit Stielaugen und rotem Gesicht vor der Tür steht. Ist der Kühlschrank leer, holt ihnen ihr Zuhälter (man mag ihn kaum so nennen) neue Getränke, wenn den Frauen ein Kundenwunsch nicht gefällt, können sie ihn ohne Probleme ablehnen…. es herrscht eine seltsame Art von Geborgenheit und gegenseitiger Unterstützung, die in dieser Schicksalsgemeinschaft der Frauen herrscht. Selbst die Kunden, die kommen, scheinen sich der Stimmung unter den Frauen anzupassen, wollen oft nur erzählen, ein wenig Körperkontakt spüren oder selbst die Frauen massieren, mit viel Empathie schildert Lindner uns Motive und Gründe, warum Männer zu ihnen kommen…

Daß Prostitution auch ein anderes Gesicht hat, klingt nur selten durch. Wenn etwa eine Frau heimlich anschaffen geht, weil sie das Geld braucht, um die Miete zu bezahlen und die Eltern in Russland zu unterstützen und der Freund bekommt dies mit und rastet aus.. oder wenn Lilly konstatiert, daß es Tage gibt, an denen sie mehr Kondome braucht als Umlaute… gegen Ende des Buches gibt es eine Aufzählung der gängigsten Kürzel für sexuelle Praktiken.. ich denke, man kann davon ausgehen, daß Lilly die nicht auf einem Theoriekurs im Landschulheim gelernt hat…

Lilly ist das Kontrastprogramm zu den anderen Frauen. Diese, wohlgerundet mit Busen und Hintern, Lilly mager, wie ein Skelett, auch eine Intellektuelle, die ihre Geschichte auf dem Laptop niederschreibt… Sie hungert weiter, Ana kontrolliert sie absolut, nach der Arbeit schleppt sie sich nach Hause, fällt oft in Ohnmacht, wacht mit blauen Flecken auf, weil sie zu schwach aufzustehen auf dem Boden geschlafen hat und die Knochen von innen her alles blaugescheuert haben.. es gibt seltene Momente, in denen ihr aus einer sonst stillen Bewusstseinregion gemeldet wird, daß sie doch eigentlich leben will und nicht sterben, aber Ana bügelt diese leise Stimme immer wieder erfolgreich nieder…. ist etwas schlecht, ist es nur deswegen schlecht, weil Lilly zu dick ist, ist etwas gut, wäre es noch besser, wenn sie dünner wäre..

Irgendwann, nach ein paar Monaten, Lilly weiß nicht, ob es Hunderte oder Tausende von Männern waren, wird die Bordellarbeit zur einer Routine, die Lilly nicht mehr will und von der sie die Gefahr spürt, nicht mehr herauszukommen. Durch Beziehungen kann sie in die Schweiz gehen und dort Escort machen. Auch dort sind die Männer nett, sie kann sie sich aussuchen, wenn sie gebucht werden soll. Der räumliche Abstand zu Berlin, der Stadt, in der sie vergewaltigt und missbraucht worden ist, tut ihr gut, die ländliche Atmosphäre ebenfalls… Aber auch hier bleibt sie nicht ewig, geht zurück nach Berlin, ebenfalls in den Escort.

Sie fängt wieder an, mit Kindern zu arbeiten und in ihr wird ein leiser Überlebenswille wach, vllt der verqueren Logik gehorchend, mit der sie sich vor einem Jahr prostituiert hat. Ana tobt als sogar wieder ein Hauch von Busen bei Lilly zeigt, die schon längst keine Oberweite mehr hatte, genausowenig wie eine Periode… noch einmal setzt sich Ana durch… aber irgendwann, bei Chase, ihrem Freund aus Kindergartentagen, entfährt es ihr: „Ich habe so einen Hunger!“ Ana tobt.

Es braucht fast 400 Seiten bis Lilly die Kraft findet, den längsten Tag ihres Lebens aus der Verdrängung zu holen und über ihn zu reden, vorher gab es allenfalls dunkle Andeutungen, daß da ein ungeheures Ereignis gewesen sein muss. Als 17jährige wurde sie zusammen mit mehreren anderen Mädchen entführt und für ein Wochenende in eine Wohnung gesperrt. Die Männer vergewaltigen die Mädchen in allen möglichen Perversionen, sie schlitzten sie mit Messern, der mit dem kleinsten Busen, Alena, zerschneiden sie ihn … Jahre später traf Lilly durch Zufall eines dieser Mädchen, auch dieses magersüchtig geworden. Sie redeten kein Wort miteinander, saßen nur lange Stunden zusammen, Seite an Seite an der Bushaltestelle…

Ich hoffe sehr, daß Frau Lindner [1] ihre Magersucht tatsächlich überwunden hat und daß ihr Körper ihr möglichst viel von der Qual verzeiht, sprich, daß er möglichst weitgehend ausheilt. Am Ende des Buches hat sie nicht nur Hunger, sie fühlt auch etwas, kann es neben einem Mann aushalten, auch ohne dafür bezahlt zu werden.

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Ich habe eingangs von Fragen geredet, die das Buch aufwirft. Die eine ist natürlich die altbekannte: wie können Männer, Menschen allgemein, anderen so etwas antun, wie es Lilly (und die anderen Mädchen) erlitten haben? Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt…

Lilly, so schreibt sie, war bei ihrer Arbeit gut, sie hat die Rolle der Frau, bei der Männer Sex kaufen können, gut gespielt, sehr gut. Sie muss eine große Ausstrahlung, ein Charisma haben… denn nachvollziehen, welche körperlichen Reize Männer bewegen könnten, zu einer solch magersüchtigen Frau zu gehen, kann ich nicht … unter [2] habe ich ein paar Informationen über Magersucht herausgesucht, auch Bilder des „Magermodels“ Isabelle Caro. Lilly war nur unwesentlich „schwerer“, ihr Gewicht schwankte (den Angaben im Buch nach) so zwischen 35 und 42 kg…

Lilly war wohl im wesentlichen therapieresistent, was wahrscheinlich auf den dominierenden Einfluss von Ana zurückzuführen ist. Abgesehen von Sticheleien und entsprechenden Bermerkungen zu ihren Essgewohnheiten ist aber nicht zu sehen, daß irgendjemand versucht hätte, Lilly von einer dringend notwendigen ärztlichen Behandlung zu überzeugen. Allen war eigentlich nur wichtig, was sie von Lilly bekommen haben… selbst wenn es nur eine Rolle war, in der sie Lilly kennen lernten. Geöffnet in all ihrer Zerrissenheit war sie nur für Chase und von den Frauen, mit denen sie zusammen gearbeitet hatte, war ihr nur eine, nämlich“Lady“, wichtig. Aber im Grunde haben alle offenen Auges zugesehen…

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„Literarisch“ hat mir das Buch überhaupt nicht gefallen, ich musste mich phasenweise überreden, weiter zu lesen. Ein fast schon zwanghaftes Ritual, Absätze mit Drei- oder Vierwortsätzen zu beenden, abgehackt, holprig und stolpernd:
… Aber was ist schon relativ, wenn man vergewaltig wird. Und wer interessiert sich dann noch dafür, dass „Bitte nicht“ kein sonderlich ausdrucksstarker Satz ist.
Weltgewalt ist nichts.
Gegen nackte Sexgewalt.“

oder als abschließenes Textbeispiel:
Ich packe die rote Schippe in meine Handtasche und die Überreste von meinem Lippenstift auch. Die Tasche fühlt sich zu leicht an ohne die Steine, den buntgestreiften Gummiball und die Holzente.
Aber Leichtigkeit.
Ist so ein flatterhaftes Wort. …

Spiegelt sich in diesem Schreibstil der Seelenzustand der Autorin? Drückt sich hier die Zerrissenheit aus, die Verletzungen, die Erkrankung? Mag sein, daß man es unter diesem Aspekt beurteilen muss, dann wäre es jedenfalls passend zur Geschichte….
Andererseits gibt es auch Passagen mit großartigen Bildern, mit Kraft und Wucht, Abschnitte, in denen das Potential Lindners spürbar ist:
…. Ich bin reglos. Für eine lange Zeit.
Ich bin am Anfang. Ich bin am Ende.
Die Minuten vergehen so eigenwillig, dass ich schon fast glaube, sie gehören gar nicht zuu mir. Ich stehe zwischen meinem nackten Gehirn und den sorglosen Kisten. Die Stunden kippen um. Sie krachen auf meinem Fußboden und hinterlassen schwarze Löcher. ..“

Stilistisch sicher kein Glanzpunkt ist „Splitterfasernackt“ jedoch ein erschütternder Einblick in das Innenleben einer fast zu Tode verletzten jungen Frau. Wesen und Wirken der Magersucht sind mir noch nie so deutlich geworden worden wie hier, fast beginnt man nachzuvollziehen, wie der Drang, sich selbst zu zerstören, zum Lebensinhalt werden kann. Aber ob das Arbeiten in einem Bordell wirklich dieses Tupperpartyfeeling hat, das nur ab und an durch schmachtende Kunden unterbrochen wird, ob das nicht etwas einseitig erzählt wurde… könnte ich mir jedenfalls denken…. ganz so kuschelig kann es doch nicht wirklich sein.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://www.lillylindner.de/ (diese Seite ist einen Besuch wert…)
Lilly Lindner bei Facebook: http://www.facebook.com/Lilly.Lindner.Splitter?fref=ts
[2] Kurzinformationen zum Thema Essstörungen (allgemein): http://www.sucht.com/arten/essstorungen und Anorexia nervosa (Magersucht): http://www.sucht.com/arten/magersucht. Magersuchtportal mit mehr Informationen: http://www.magersucht-online.de/index.php
Lebensgeschichte von Isabelle Caro, eines Models: http://www.welt.de/vermischtes/prominente/article11887631/Isabelle-Caro-ein-Model-als-Darstellung-des-Todes.html
Die Fotografin Ivonne Thein hat vor einigen Jahren eine Fotoausstellung „Zweiundreißig Kilo“ gemacht: http://theartreserve.com/ivonne-theins-thirty-two-kilos

Lilly Lindner
Splitterfasernackt
Originalausgabe: Droemer Verlag, 2011
diese Ausgabe: Weltbild GmbH, Softcover, ca 400 S., 2012