Nora Bossong: Rotlicht

Nora Bossongs [1] Buch Rotlicht ist, denke ich, ein erfolgreiches Buch, die Besprechungen sind positiv. Anne Haeming adelt es in Spiegel-online sogar als neues ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘ [2], sie legt die Latte damit hoch, denn das soll ja wohl bedeuten, daß jeder, der dieses Buch liest, über Sex und Prostitution umfassend informiert wird. Na, wenn das man nicht leicht übertrieben ist… schaumeruns das Buch aber am besten mal selber an….


Im einleitenden Kapitel erinnert sich Bossong an ihre Kindheit, an die Faszination, die das rote Licht mancher Geschäfte auf sie ausgeübt hat, diesen Reiz, auch das Wissen um das Tabu, das solche Läden umgibt, allein schon dokumentiert durch die Altersbeschränkung, die zum Eintritt berechtigt [3]. Betrat man solchen Laden dann in späteren Jahren, aber immer noch zu früh, so tappte man durch düstere Räume, die das Licht aussperrten und in deren Regalen seltsames Gerät zu bestaunen war. Und, natürlich, Männer, die Magazine, künstliche Vaginen, Videoangebote oder, oder, oder begutachteten…. Diese schummrige Atmosphäre der Sex-Shops ist mittlerweile fast überall verschwunden (gleichwohl haben Bossong und ihr Begleiter im Rahmen ihrer Suche noch einen solchen ‚altmodischen‘ Laden aufgetrieben), heutzutage sind die Geschäfte hell, die Vibratoren körpergerecht ausgestaltet, es geht steril und fast schon öffentlich zu. Und will man es unbeobachteter haben, kann der ‚butt plug mit USB-Anschluss‘ auch bequem von zu Hause aus per online-Großhändler geordert werden (immerhin 4 von 5 Sternen von 378 Bestellern, Stand: Anfang Jan ’18)… aber das nur am Rande, davon handelt Bossongs Buch nicht.

Hat sich das äußere Bild der Sexindustrie somit in den letzten Jahrzehnten teilweise gewandelt (ebenso wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen), einiges ist unverändert geblieben, gehört also offensichtlich zum Kernbereich. So zum Beispiel die Tatsache, daß zu den wenigen Bereichen des Lebens, zu denen Frauen keinen oder kaum Zutritt haben, die Sexindustrie gehört. Das klingt auf den ersten Blick etwas absurd, funktioniert diese Industrie doch ohne Frauen nicht, jedoch ist ihre Funktion streng eingeschränkt auf der Seite der Anbieter von Sexdienstleistungen. Frauen auf der Seite der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen (sozusagen als „Freierin“) existieren, so Bossong, praktisch nicht. … die Orte der tatsächlich käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit, die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann. … Als Frau kann man lediglich käuflich sein, … andere Rollen sind nicht vorgesehen. … Ich wollte sehen, was wirklich geschieht in Sexkinos und Laufhäusern, wollte mit Frauen vom Straßenstrich sprechen, mit beobachtenden Frauenrechtlerinnen und lustsuchenden Swingerclub-Besuchern. Ich wollte mich unterhalten und vielleicht auch mehr als das, ich wusste es nicht. …

Damit ist der Inhalt des Buches im Grunde schon recht vollständig umrissen, bei der Aufzählung der besuchten Einrichtungen fehlen jedoch noch das Wohnungsbordell, die Tantra-Massage, eine Table-Dance Bar, der FKK-Club und die Sexmesse. All diese Einrichtungen besucht Bossong in Begleitung von männlichen Bekannten, ihre Befürchtung, andernfalls als Exotin zu sehr aufzufallen bzw gar nicht erst Zutritt zu erhalten, ist plausibel. Zudem half Begleitung dabei, die innere Hemmschwelle zu überwinden.

Man begann sachte und tastete sich vor. Zum Einstieg diente eine in der Beschreibung traurig wirkender Lokalität im tristen Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem Table Dance angeboten wurde. Die beiden Besucher kamen mir vor wie die sich ängstlich aneinander klammernden Hänsel und Gretel im dunklen Wald, in dem der Wald durch das schummrige, auf den billigen Plätzen keineswegs gemütliche Lokal mit Eisdielen-Ambiente ersetzt wurde und die böse Hexe durch die Damen, die ihren mehr oder wenig knackigen Körper den Blicken darboten. Denn das tun die beiden schon: die Frauen, die sich an der Stange abmühen, taxieren. So läßt die Schilderung Bossong an einen Zoobesuch denken, man wolle nur mal gucken wird ein anderer Besucher beschieden, der sich dem Paar fragend genähert hatte. Letztlich verließen die beiden Lokal und Bahnhofsviertel geradezu fluchtartig.

So geht es weiter zu anderen Hot-Spots des horizontalen Gewerbes. So schrill und klinisch die Sex-Messe auftritt, so versifft und nach Sperma und Schweiß müffelnd stellt sich das Sex-Erlebniskino auf der Reeperbahn dar. Ein trauriger Ort, über eine nur spärlich beleuchtete Kellertreppe zu erreichen… für 12 Euro darf man wohl auch nicht mehr erwarten. GangBang Area und kopulierende Paare wecken keinerlei Lustgefühle, eher Ekel. In Dortmund sind die seinerzeit bundesweit berühmt gewordneen Verrichtungsboxen  sind längst wieder abgebaut, der Straßenstrich steht unter behördlicher Kontrolle und die nach 2007 zu Tausenden angereisten bulgarischen Frauen sind weitestgehend wieder weg – wohin, weiß man nicht. Die beiden Frauen, mit denen Bossong spricht, romantisieren ihr Leben und reden es schön, sind stolz auf ihre Stammkunden, zu denen sich ein fast persönliches Verhältnis aufgebaut hat… ‚Pretty Women‘ Atmosphäre… Der Swinger-Club: allein erscheinende Frauen zahlen keinen Eintritt. Handtuchverhüllt rührt hier zum ersten Mal die dunkle Seite der Macht leise ihre Verführungskunst: Bossong Begleiter, der im S/M-Zimmer in einen Käfig steigt, muss energisch „Nora“ rufen, um wieder herausgelassen zu werden. Und hier, in dieser fast intimen Atmosphäre des Clubs, wirken auch die Geräusche, die ein Paar, das mit sich selbst beschäftigt ist, macht, aufregend…

Ich komme noch mal auf die Einschätzung der Spiegel-Rezensentin (wohlgemerkt: nicht der Autorin) zurück, Rotlicht sei das neue ‚Standardwerk über Sex und Prostitution‘. Das ist wohl ein wenig zuviel der Ehre, zu etwas zu schaffen, hatte Bossong wohl selber nicht im Sinn. Dazu fehlen auch die methodischen Basics wie Definitionen, Festlegung von Kriterien etc pp. Manche der Erlebnisse scheinen im Gegenteil dem Augenblick geschuldet: …Wir sind doch eigentlich überhaupt nicht wegen der Kinos in Hamburg. … ein paar Minuten später: „Wir gehen da jetzt rein“, sagt Daniel. 


Rotlicht ist vielmehr ein sehr interessanter Bericht über eine Selbsterfahrung, Selbsterkundung. Immer wieder stößt die Autorin an ihre Grenzen, sind ihr Situationen unangenehm: Am liebsten würde ich sofort verschwinden. [in obigem ‚Adult Cinema‘, nachdem ihr dort Partnertausch angeboten worden war.] Oder, beim Warten auf ihren Gesprächspartner, einen Kinobesitzer in der Schweiz: … wäre eigentlich doch gerne schon jetzt am Flughafen. Es ist erkennbar, daß Bossong und ihr Begleiter keine neutralen, aussenstehenden Beobachter sind, sie sind immer Teil des Ereignisses. So wie sie selbst taxieren und kritisch feststellen, wenn beispielsweise Brüste langsam den Kampf gegen die Schwerkraft verlieren, so werden sie, bzw. vor allem wohl die Autorin selbst, taxiert: im Kino, im Swinger-Club oder im Hamburger Laufhaus. Aber Bossong tritt auch als Kundin auf, also in der männlichen Rolle im Sexgeschäft: sie kauft von zwei Damen, die an der Straße stehen, eine Stunde, in der sie sich deren Leben erzählen läßt, sie geht zur Tantra-Massage, in den Swinger-Club oder zahlt im Bordell für Zusehen bei der Stunde, die ihr Partner gebucht hat.

Dieses Eingebundensein in die Ereignisse bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Beteiligten, vor allem scheint es das Verhältnis der Autorin zu ihrem jeweiligen Begleiter zu beeinflussen. Besonders diese scheinen oft hin- und hergerissen: hin, das meint die Anziehungskraft des Milieus, her dagegen das Verdruckste, Verklemmte, offen dazu zu stehen. Daß jemand seine Souveränität behält, ist die Ausnahme.


Prostitution: die Meinungen dazu überstreichen das ganze Spektrum zwischen ‚PorNo‘ und PorYes. Vertreten die einen (wie z.B. Alice Schwarzer [6] oder siehe auch hier [4]) die Überzeugung, jegliche Prostitution beruhe auf Zwang, keine Frau würde sich freiwillig prostituieren, so vertritt z.B. Hydra [5] die Ansicht, jede Frau habe das Recht, über ihren eigenen Körper zu entscheiden und dies schließe auch ein, ihr zeitlich befristet zu vermieten. Man findet ja auch ohne größer Mühe immer wieder Erfahrungsberichte junger Frauen, die z.B. für eine gewisse Zeit Escort-Service gemacht haben. Hier liegen die Stärken des Buches, wenn Bossong, die Vertreterinnen beider Positionen besucht und mit ihnen gesprochen hat, dies reflektiert und analysiert.

Das Sexgeschäft ist auf Männer ausgelegt, dies liegt der Recherche von Bossong zugrunde. Die Sexualität von Frauen funktioniert anders, langsamer, behutsamer, spricht auf andere Reize an, so erklärt ihr die Tantra-Masseuse. Der vorstehend schon erwähnte Kinobesitzer aus der Schweiz bekennt im Interview freimütig, er wisse nicht, wie man Pornografisches für Frauen machen müsse, das sei ihm ein Rätsel [vgl. dazu 7]. Dazu kommt, daß Männer für sich ein Recht auf Sex reklamieren – das er zur Not bei Prostituierten einkauft (wobei die Ehefrauen oft die Augen zumachen und sich denken, daß das immer noch besser ist als eine Geliebte), dieses Selbstverständnis gibt es bei Frauen nicht. Der Umgang mit Prostituierten, so erfährt Bossong in den Gesprächen, hat sich in den letzten Jahren geändert: die Preise sind gesunken, die Männer sind oft unverfrorener geworden, die Frauen werden oft eines letzten Restes Würde beraubt und sind nur noch Ware, die nach Preis eingekauft wird.


Bossongs Ausführungen werden dann souverän, wenn sie reflektiert und analysiert, wenn sie sich selbst beobachtet hinsichtlich der eigenen Reaktion auf ihre Recherchen bzw. auch auf die allgegenwärtige Sexualisierung der Lebenswelt. Beispielsweise stellt sie fest, daß sich der eigene Wertekanon modifiziert. Wir alle, auch ich, übernehmen solche Imperative beständig freiwillig. Wer will schon gerne dem gesellschaftlichen Konsens hinterherhinken, der festlegt, was eine vitale, ausgelebte Sexualität bedeutet? … Die kritische Frage, wer oder was eigentlich solche Imperative steuert, bleibt dahinter zurück. … . In diesem Kontext sind die geführten Interviews interessant, mit dem Kinounternehmer, der Tantra-Masseurin, den zwei Frauen von Straßenstrich, aber auch Vertreterinnen von Hydra bzw. dem Dortmunder Ordnungsamt.

Natürlich sind auch die Schilderungen der Erlebnisse Bossongs und ihres jeweiligen Begleiters wichtig. Diese Erlebnisse vermitteln nicht unbedingt Neues, man kann ähnliche Berichte oder Reportagen ohne große Mühe auch anderswo finden, möglicherweise war sogar der/die(?) eine oder andere schon mal in direktem Kontakt mit einer dieser Einrichtungen, die im Buch vorkommen. Ihre Relevanz haben diese Passagen durch die ehrliche Analyse der Autorin, welche Rolle, Funktion und Bedeutung ihnen zukommt und welche Wechselwirkung sie mit sich selbst feststellt. Im Gegensatz zur Souveränität der eher theoretischen Abschnitte schildert Bossong in diesen Kapiteln immer wieder auch die Unsicherheit, die sie in diversen Situation befallen hat und gegen die sie aktiv vorgehen musste. Aber sich in der Öffentlichkeit ‚dazu‘ zu bekennen (und in einer belebten Straße an der Tür zum Swinger-Club zu klingen, ist öffentlich…) heißt eben auch und immer noch, eine Grenze zu überschreiten, eine Hemmung, die jedoch – auch das wird deutlich – im Lauf der Zeit abnimmt.

Bossong Rotlicht ist also zwar kein Standardwerk über das ‚Milieu‘, aber eine sehr interessanter,  informativer und reflektierter Erfahrungsbericht aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive.

Links und Anmerkungen:

[1] vlg. z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Bossong oder auch die Autorenseite bei Hanser: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/nora-bossong/
[2] Anne Haeming: Eine Frau dringt einhttp://www.spiegel.de/kultur/literatur/nora-bossong-buch-rotlicht-ueber-prostitution-in-deutschland-a-1135665.html
[3] Bei dieser Passage erinnerte ich mich sofort an den Roman Red Light der Karlsruher Schriftstellerin Phoebe Müller, die von ähnlichen Reiz roten Lichtes auf ihr Protagonistin ausgehend diese auf ganz andere (im Sinne Bossongs konventionelle) Weise die Prostitution, das Sexgewerbe, erkunden läßt: Phoebe Müller: Red Lighthttps://radiergummi.wordpress.com/2015/06/25/phoebe-muller-red-light/
[4] Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibthttps://radiergummi.wordpress.com/…uebrig-bleibt/
[5] http://www.hydra-berlin.de/startseite/
[6] vgl. auch diese beiden Beiträge in der Wiki:
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorNO-Kampagne
– https://de.wikipedia.org/wiki/PorYes bei diesem Label geht es vor allem um eine Art Gütesiegel für feministische, frauenorientierte Pornographie
– dieser aktuelle Beitrag aus der ze.tt passt auch ganz gut ins Thema:
Eva Reisinger, Frauke Vogel: Vormarsch der Fem-Porn-Szene: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“; in: https://ze.tt/frauen-gehoeren….

Nora Bossong
Rotlicht
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Phoebe Müller: Red Light

Dieser rote Schriftzug „Ella exclusiv“ fasziniert sie, seit langer Zeit. Diese rote Leuchtschrift an dem Haus mit den rot verhängten Fenstern und der schwarzen Tür mit einen Löwenkopf als Klopfer, die hinein führt… Es dauert lange, aber dann packt der Sog die Protagonisten so sehr, daß sie diese Tür öffnet und die Bar betritt…

Red Light ist ein Roman und damit Fikion. Das muss man im Hinterkopf behalten, denn der Text beginnt im Grunde wie ein Bericht über etwas, was so geschehen ist, ist selbstbezüglich, eine Eigenschaft, die oft in einer logischen Schleife endet, die nicht aufzulösen ist. Die Autorin bzw. eine Ich-Erzählering sitzt bei ihrer Verlegerin und versucht, ihr ein Projekt schmackhaft zu machen. Die Verlegerin zögert, ist nicht überzeugt, stimmt aber letzten Endes zu: Aber verpack das Ganze wenigstens ein bischen sexy. Natürlich sagt die Autorin dazu ja, obwohl sie alles andere im Sinn hat als sexy zu schreiben, vielmehr wollte ich Denkmale setzen für jene, die ich kennengelernt hatte. Am meisten aber wollte ich mich selbst befreien aus der Anziehungskraft, die es immer noch auf mich ausübte.

mueller - cover

Samantha („Sam“) steht hinter der Theke, sie ist so etwas wie die Geschäftsführerin und Bezugsperson für die Frauen, die bei ihr arbeiten, in Personalunion. Von ihr bekommt Elisabeth eine erste Einweisung in grundlegende Regeln des Metiers wie zu Beispiel zum Umgang mit Alkohol, keine Küsse oder nie ohne Gummi…. die Hälfte des Umsatzes, für den sie sorgt, ist ihr.

Am ersten Abend versaut sie´s. Ein einfacher Kunde, ein Stammkunde, von dem die anderen Frauen in der Bar wissen, was er will, aber sie reagiert nicht auf ihn, weil ihr der Mut für den letzten Schritt noch fehlt… Sekt, der dem abhelfen soll, ein Cocktail, von Sam gemischt mit praktisch keinem Alkohol …der zweite Versuch, ein neuer Kunde, Machmud, jetzt muss sie es schaffen, sonst…. Sam hilft ihr, sagt ihm, sie sei neu, sogar ganz neu, noch nie in einer Bar und er solle lieb sein. Später wird sie den Code für „lieb sein“ erfahren… Machmud ist nicht sonderlich zufrieden, aber er war lieb und es war ja ihr erstes Mal…

Sam muss mal weg und Nora, eine der anderen Frauen vertritt sie hinter der Bar. Ihr Cocktail, den Elisabeth runterkippt, ist anders gemischt… Sie geht mit zwei Männern auf einmal in eins der Separées, der (zu)viele Alkohol vernebelt ihr die Sinne ein wenig, nimmt ihr jede Hemmung und läßt sie die Spielregeln vergessen.. Sam sieht die Bescherung und ist sauer auf sie, sie jedoch rennt auf´s Klo und muß sich übergeben.. zu Hause will sie sich den Schmutz, das Schmierige abwaschen und vergessen, doch vergessen ist nicht, eine seltsame Erregung hält sie trotz allem wach…

Es ist nicht so, als ob Elisabeth der unentdeckte Star der Bar würde, eine „Belle de Jour“, die heißbegehrt von Gast zu Gast ginge, im Gegenteil. War ihr bisher Sex(ualität) etwas, was geschieht, so wie sie es mit ihrem Freund erlebt, das sich berühren, das Heißwerden, die schneller werdende Atmung, der Schweißfilm auf der Haut, das Keuchen, die Lust, so lernt sie hier, daß Sex etwas ist, was man machen muss. Sie muss die Männer animieren, ihnen etwas vormachen, sie darf nicht vergessen, zu keuchen, zu hecheln, zu stöhnen, anzustacheln, zu loben – spüren muss sie nichts, weder sie noch die anderen Frauen in der Bar. Aber das ist ein Problem für sie (später einmal wird ihr Irina sagen, sie nähmen den Sex zu wichtig), die Neue, die angetan mit Latexklamotten als schüchterne Prinzessin auf dem Barhocker sitzt und wartet, daß sie angesprochen wird, ein Bonus, den die Zeit auffressen wird…

Elisabeth lebt sich ein, lernt die Mädchen, ihre Kolleginnen kennen. Biggie beispielsweise mit den Schleudermelonen, deren riesiges Dekolleté Zielfläche ist für ihre Stammgäste, der Sex selbst ist ihr egal und sie freut sich über das leicht verdiente Geld. Moni, die süße Kleine, die immer liebenswert ist und keine Konflikte mag, Nora, die undurchsichtig bleibt und mit der sie nicht warm wird, Irina mit den schwarzen Haaren, in denen Goldreifen steckten, den Pluderhosen, und dem exotischen Gerucht und die dunkelhäutige Loreen, die, wenn sie keinen Gast hat, Bücher über Computerprogramme studiert..

Aufgeputscht von dieser Mischung aus sexueller Spannung, Beschämung und Verletzlichkeit schien ich im Bett geradezu zu explodieren, ich krallte mich an Erik, als wollte ich den Satan mit Beelzbub austreiben… der Sex mit ihrem Freund, wird heftiger, intensiver, Erik nimmt die wachsende Intensität mit Freuden war, hinterfragt sie aber nicht. Seine Komplimente helfen Elisabeth, ihr sexuelles Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, die Frage, wie sie ihre Talente, die sich zusammen mit Erik so mühelos entfalten, zum Job bei Sam transferieren kann, treibt sie um…

Sie ist und bleibt spröde, das sinnfreie small talken mit den Gästen liegt ihr nicht. Aber die Grenzen dessen, wozu sie bereit ist, verschieben sich allmählich nach außen, sie wird offen für Sonderwünsche und die letzten Tabus, die sie hat, sind nicht mehr fest gegründet. Elisabeth macht das, was sie schon als Kind beherrschte, sie trat quasi aus ihrem Körper heraus und betrachtete das, was ihm geschah, von aussen….

Ella ist ihre emotionale Heimat geworden, das sich Geborgenfühlen bei Sam, die schummerige Atmosphäre, das warme Rot, die Gerüche, die durch die Luft wabern hüllen sie ein wie ein schützender Kokon. Was sie dort treibt, diffundiert immer mehr in ihr Tag-Leben. Wenn sie mit Erik schläft fängt sie an zu berechnen, wieviel sie bei Sam für so eine Nummer kassiert hätte….  – es ist der Moment, in dem sie aufhört, mit ihrem Freund ins Bett zu gehen…  die Mädchen kommen ihr näher, einmal im Monat treffen sie sich zum Mädchenabend mit Sekt, Kuchen, Wollsocken und Pretty Woman… albernes Gegickel und Gelache, kuschelig und warm…

Je mehr Gäste sie bedient, desto wahrscheinlicher wurde es: man begegnet sich auch ausserhalb der Bar, entweder schauen beide verschämt in eine andere Richtung, es gibt aber auch Männer, von denen sie frech angegrinst wird – obwohl die Ehefrauen dabei sind. Zum großen Knall kommt es aber letztlich aus einem anderen Grund: Ein Kunde der Agentur, für die sie tagsüber arbeitet, betritt Ellas Bar…. Du nimmst den Sex einfach viel zu wichtig. Irinas Worte gehen ihr nicht aus dem Sinn…

Elisabeth versucht mit großer Selbstdisziplin einen neuen Anfang. Erik trennt sich von ihr in inniger Feindschaft. Was hat sie erwartet, als sie ihn in groben Zügen in ihr Doppelleben, ihr Ella-Leben einweihte? Yoga-Kurse, ein anderer Mann an ihrer Seite, der eher Heiler ist als Geliebter, und doch – immer wieder diese dunkle Sehnsucht in ihr nach Ella

Ich hatte versucht, das rote Licht zu ergründen
und es war nichts dahinter gewesen.
Es hatte mir nur einiges über mich selbst gezeigt.


Müller treibt dieses Spiel um ihrer Geschichte mit großem Geschick: Was mich und wahrscheinlich auch die Leser, natürlich brennend interessiert, ist, ob diese ganze Geschichte denn auch authentisch ist. Ich meine, gibt es diese Personen wirklich… wird die Ich-Erzählerin von ihrer Verlegerin gefragt und diese Ich-Erzählerin selbst bekennt Sorge vor den Parallelen, die Eltern und Freunde unweigerlich zu [ihrem] eigenen Leben ziehen würden. Diese Gespräche mit der Verlegerin sind praktisch so etwas wie die Rahmenhandlung von Elisabeths Geschichte, die Durchmischung eines real anmutenden Buchprojekts der Ich-Erzählerin (dessen Ergebnis zumindest real und von Müller geschrieben, käuflich ist) und einer – was jetzt die Frage ist – fiktiven Geschichte: das „brennende Interesse“ (wie die Verlegerin es formuliert) des Lesers ist geweckt.

Red Light ist ein Roman, also Fiktion. Er schickt eine Frau auf einen Selbsterkundungstrip der besonderen Art, er läßt sie sich in den Sog stürzen, den das Rotlicht, die käufliche Sexualität auf sie ausübt. Bei Ella, das hatte Elisabeth gelernt, wurde kein Sex verkauft, nicht einmal annähernd. Was dort verkauft wurde, gab es nicht einmal…. es war weniger als eine Illusion. Es war das kurzzeitige Vermieten der eigenen Körperöffnungen zur Benutzung durch die Freier, die hier euphemistisch Gäste genannt wurden. Und ähnlich, wie man sich früher in den Kneipen bei der Juke-Box seine Musik aussucht und das Geld einwarf, so bekamen die Gäste hier das zu hören, wofür sie bezahlten: Du machst es mir gut, ja, mach weiter, mir kommt´s… Die Frauen als Projektionsflächen, die den Männern das Gefühl geben, was Verbotenes zu machen, tolle Typen zu sein. Sie bilden sich ein, daß sie .. was ganz Spezielles geboten kriegen, weil sie dafür bezahlen… erklärt Biggie einer Ehefrau, die eines Abends auftaucht, um zu schauen, wo sich ihr Mann während seiner angeblichen Überstunden herumtreibt..

Es ist traurig und deprimierend, es ist desillusionierend – ganz so wie es Elisabeth erfahren hat. Für das Geld, das die Frauen bekommen, bieten sie Selbstüberwindung und Aufgabe ihrer Persönlichkeit. Sie sind austauschbar, ist eine von ihnen indisponiert, kann jederzeit eine andere für sie einspringen, den Männern ist es fast immer egal. Die Frauen müssen den ekligen Geschmack der Gummis ertragen, den Geruch des Tages, den die Freier mit sich tragen, aus dem Mund, unter den Achseln, in der Kleidung, am Geschlecht… sie müssen sich laue Entschuldigungen und Erklärungen anhören über ihre Ehefrauen und die ewig gleich dumme Frage: was macht so jemand wie du hier? Und doch besteht dieser nicht erklärbare Sog für die Protagonistin, ist Ella mehr als nur Funktionalisierung und Vermarktung ihrer sexuellen Möglichkeiten: es ist das Gefühl einer Geborgenheit unter Gleichgesinnten, einer Art Heimat, die beschienen wird von einer roten Sonne und in der sie angekommen ist. Eine Heimat, die gleichzeitig ein Gift ist, das sich langsam durch ihr gesamtes Leben frisst, ihre Persönlichkeit verändert, Relationen und Maßstäbe verschiebt, das Private zerstört.

Elisabeths Abschied vom Rotlicht ist ein Entzug und es ist nicht klar, ob sie wirklich gefestigt ist gegen die Anziehungskraft des Rotlichts.

Ich bin eine Motte.


Red Light von Müller ist kein erotischer Roman, obwohl er im Milieu spielt. Obwohl er fast durchgängig von Sex handelt, ist dies nicht das eigentliche Thema des Buches, dies ist vielmehr die Persönlichkeit der Protagonist und deren Entwicklung. Müller beschreibt dies in nüchterner Prosa, die Geschichten der Frauen ebenso wie sie sich nicht davor scheut, das Geschehen in den Séparées beim Namen zu nennen. Verknüpft miteinander desillusionieren diese Geschichten, widerlegen die Tendenz, das Rotlicht und das Milieu in Reportagen und Berichten zu romantisieren und durch einen gnädig darüber geworfenen Schleier lockender Verruchtheit zu betrachten. Dieses Klischee erweist sich als genauso falsch wie der Löwenkopf an der Tür zu Ella: auch er ist nicht massiv, sondern aus Plastik….

.. und nun wartet der geneigte Leser, der bis hierhin durchgehalten hat, auf eine Bewertung – versuchen wir es … ich lese Phoebe Müller gerne, ich mag ihren nüchternen Stil, dem jedes Moralisieren abgeht, so hat mir auch dieses Buch, das nachdenklich macht, gut gefallen und wer mit expliziten Szenen umgehen kann und sich für das Thema interessiert, ist sicher gut aufgehoben mit diesem schmalen Roman. Wer jedoch vor allem eine „prickelnde“ erotische Lektüre erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein….  aus diesem Motiv heraus hat die Autorin ihren Roman wohl nicht geschrieben.

 


Von Phoebe Müller habe ich in diesem Blog noch ihrem Roman: Gejagte vorgestellt (https://radiergummi.wordpress.com/2013/01/17/phoebe-muller-gejagte/).

Weitere Buchvorstellung erotischer Literatur im Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Phoebe Müller
Red Light
diese Ausgabe (als HC) : Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke- Verlag, HC, ca. 158 S., 2001