Alexander Moritz Frey: Solneman der Unsichtbare

21. Juni 2015

frey cover

.. zu Dionysos, dem Tyrannen, schlich… nein, das ist falsch, das war hier so nicht. Zum einen war es nicht Dionysos, den zu sprechen begehrt wurde , sondern der Herr Oberbürgermeister Bock, zum anderen war es mit diesem Ansinnen wahrlich nicht Damon, sondern ein Herr mit langen gelben Locken und einer rot überhauchten Brille. Noch gar hatte dieser einen Dolch im Blaufuchs (Fell nach aussen), seinem Gewande, sondern ein knallhartes Angebot, was der  Pförtner in seiner der Inquisition entlehnten Haltung dem ihm etwas seltsam vorkommenden Bittsteller – so die Vermutung – wohl kaum unterstellte. Gutmütig sich gebend gab sich der Fremde mit dem Bescheid über die Sprechstunden des Gewünschten zufrieden und überreichte einen Brief, den diesem schon im vorab zu übergeben er den Türsteher bat.

Anderntags zum Oberbürgermeister Bock: Klar meine Absicht: wünsche, den städtischen Park zu kaufen. Dies ist der erste Punkt. Der zweite: Biete der Stadt für das Objekt dreiundsiebzig Millionen. Ein Wahnsinniger, ein Mensch, der sich einen Scherz erlaubt? Mitnichten, mitnichten… er konnte zeigen, daß er wohl die finanziellen Mittel hat, bot gar eine Zahlung in bar an, erläuterte die Modalitäten, die gelten sollen bezüglich des Kaufes und des Objektes, verweigerte weitere Auskünfte über sich und den Zweck des Kaufes und kündigte den Bau einer Mauer an, recht hoch, die den Park umgrenzen soll. Kurz, will mich vergraben – unsichtbar., wobei das Vergraben, so erwiderte der Unbekannte auf Nachfrage, seine Sache sei: werde niemanden um Erlaubnis anflehen.

Der Rat der Stadt beriet, Meinungen wallten hin und her, Argumente pro und contra wurden ausgetauscht. Das stärkste Argument jedoch lag letztlich bei dem, der sich auf Nachfrage als Hciebel Solneman vorstellte, er verdoppelte die Summe, ach was: er rundete auf. Hundertfünfzig Millionen wischten auch den letzten Zweifel hinweg, der Park, beliebt bei Jung und Alt, beim Manne so wie beim Weibe, ob der Büsche für Liebende ein gerne bewandertes Ziel, ward zum Eigentum Solnemans, über den niemand mehr wusste als das wenige, was er selbst über sich gesagt hatte, fürderhin also quasi nichts.

Eines wenn ich bitten darf, ist strikte zu beachten: Verlange noch eine Leistung, von der gesamten Bevölkerung geleistet.. Die ist: Ruhe, Abgeschiedenheit. Bin für die Stadt nicht vorhanden, für niemanden und niemand ist für mich vorhanden. … vorzüglich das Recht, ich selbst und allein und ungestört und einsam zu sein. Niemandes Bruder bin ich, bin niemandes Neugier, niemandes Fürsorge, niemandes Betulichkeit. Dies vor allem.

Nimmt es wunder, daß darob Gerüchte sprossen über seine Herkunft, seinen Reichtum und sein Metier, die im einzelnen wiederzugeben ich hier unterlasse… Möge das der interessierte Leser selbst durch Studium des Textes eruieren….

Jedenfalls, der Kauf, der Verkauf, galt.  Es ward eine Mauer gebaut von Solneman, der gut vorbereitet schien für sein Vorhaben, und was für eine Mauer! Dreißig Meter in die Höhe umspann sie die den einst die Bürger der Stadt erfreuenden Park auf fünf Kilometer Länge, oben, an der Brüstung, die sämtliche angrenzenden Häuser überragte, noch elf Meter breit! Keine Tür, kein Tor war zu sehen, die Aussenwand, vom Bau her kahl und häßlich, wurde mit Pflanzen berankt und mit seltsam anmutenden Figuren und phantastischen Bildern bemalt. Und im Park selbst? Solneman lebte dort drinnen, das wusste man und eine riesige Frau mit Melaninhintergrund in der Epidermis (die ich im folgenden der Verständlichkeit halber und sozusagen als ein dem Roman entnommenes Zitat politisch unkorrekt als Negerin benennen werde) – aber was sich sonst dort tat? Man frug es sich allenthalben… Möbelwagen unbekannten Inhalts kamen zuhauf und wurden von der Negerin durch geheimnisvoll sich in der Mauer öffnende Tore ins Innere gelotst, ebenso Tiere aller Art, Gnus, Tiger, Elefanten – um nur einige zu nennen.

Eine Frage lag in der Luft und schrie förmlich nach Antwort: War die öffentliche Ordnung in Gefahr? Was des Einschreitens Notwendigkeit gegeben? Handeln vonnöten? Indes: breit machte sich eine gewisse Ratlosigkeit bei denjenigen, die in der Verantwortung standen, man hatte schließlich einen Vertag geschlossen und zugesichert, daß…

Bei den Menschen jedoch obsiegte die Neugier und die aufkeimende Abneigung gegen denjenigen, der sich so absonderte, der so sonderbar sich abgrenzte, den niemanden sah, den niemanden erkennen konnte. Jeder konnte Solneman sein und wie oft wurde irgendein armer Wurm „erkannt“ und gejagt von den Menschen, welches froh war, einen jagen zu können, bis dieser zitternd eingeholt und nur beteuern konnte, jener nicht zu sein…. und ward er tatsächlich einmal gestellt, dieser Solneman, und eingekreist, so entpupte sich der mühsam gefangene als Strohmann, dem eine Maske aufgesetzt und Locken. Solneman blieb ein Rätsel und somit ging Gefahr von ihm aus. Zu allem konnte er fähig sein, bis hin zum Lustmord, den man ihm zutraute. Sollte der Täter nach Zeugenberichten zwar  groß und breit sein – Solneman war klein und schmal – aber war es nicht auch so: Diese Leute reden das ungereimtestes Zeug zusammen, wenn es sich um das Ausmaß handelt. Wichiger ist die Aussage, daß der Täter seine Züge zu verhüllen strebte. Wie sieht das doch diesem Scheusal im Parke ähnlich!

Mit seltsamen Unternehmungen verblieb Solneman stets im Gespräch der Bürger: mit automobilen Rennen entlang der Brüstung, die er anfänglich solo, dann aber in selten korrekter Choreographie gegen die riesige Negerin fuhr…. später, nachdem er die Brüstung geflutet, entsprechendes Treiben mit Booten… Bleich und unheimlich zeigt er sich nächtens hin und wieder auf der Brüstung, hinabschauend auf die unter ihm liegende und schlafende Stadt….

Was unternahm man nicht alles im Laufe der ins Land ziehenden Wochen, hinter das Geheimnis im Park zu kommen… einzelne fassten Mut und irwitzige Pläne, den Park zu überfliegen, die Mauer zu untertunneln, den durch den Park fließenden Bach zu durchtauchen, die Steinwall an den Ranken zu erklettern, mit einem fahrbaren Turm die Mauer zu übertreffen… allein: all diese kühn geplanten Unternehmungen scheiterten daran, daß Solneman rechtzeitig probate Gegenmittel fand und die anscheinend auf der Innenseite der Mauer herum freilaufenden Tiger taten ihr übriges….

Mit List versuchte man Solneman hinaus zu locken in die Stadt. Der Kaiser auf seinem Besuch wünschte den Geheimnisvollen, dessen Existenz ihm kund und zu Wissen getan worden war, zu sehen – auch dieser Plan scheiterte, denn obschon der Gesuchte der amtlichen Aufforderung, sich zu diesen Termin im Amt einzufinden, gehorsam nachzukommen sich anschickte, wurde er angesichts des überreichlichen Schmuckes, welcher zu Ehren seiner Majestät angebracht (im übrigen, was er sich vielleicht denken konnten, von „seinem“ Gelde) worden war, misstrauisch und kehrte folgerichtig um…

… und auch das Versprechen körperlicher und herzlicher Zuneigung, die einem gewiss doch sehr einsamen Mann hinter der Mauer durch ein junges Weib (ausgerechnet der Tochter des Oberbürgermeisters) in Aussicht gestellt worden war, prallte letztendlich an Solneman ab.

Immer rabiater wurden die Bürger diesem Verbrecher gegenüber (als solchen nämlich hatten sie ihn mittlerweile erkannt), man verübte ein Attentat, herausgehoben aus feindlichem Geist und geduldet von der Stadt…. irgendwann schoss man ihm eine Rakete in die Mauer, das Wasser, das in der Brüstung schwappte, fand durch das Loch einen Weg nach draußen und überschwemmte die Stadt, die so zu einem temporären Venedig wurde….

Nun scheute man vor keinen Mitteln mehr zurück. Das Militär wurde zur Unterstützung herangezogen, schien doch des Morgens auf der Brüstung am Galgen, den Solneman schon beim Einzug zur Abschreckung montierte, Lt. Eckern-Beckenbruch zu hängen. Man erstürmte den Park, der entgegen aller Erwartung, nein: Befürchtung den Invasierenden gleichwohl einen Anblick bot, wie er ihn auch vor der Zeit Solnemans innehatte. Abgesehen von den grasenden Tieren hatte sich nur wenig verändert…. einzig einige Götzenbilder waren aufgestellt, abscheulicher Natur übrigens…. und da war er dann: Solneman, inmitten der Möbelwagen, die zu einem Kreis formiert geparkt hinter seinem Haus standen… Lt. Eckern-Beckenbruch im übrigen wurde, um den werten Leser nicht mit einem falschen Verdacht gehen zu lassen, nackt zwar aber unbeschädigt im Kreise mehrerer Affen in einem der Häuser des Parks aufgefunden, frohen Mutes und damit beschäftigt, den neugierigen und an ihm interessierten Affen keinen Vorwand zu liefern, ihn genauer zu untersuchen.

Einen Brief fand man noch zum Abschied des Ungeliebten, des so lästig Gewordenen: … Eure heiligen Gesetze haben es nicht vermocht, mich zu schützen. Eure Versprechungen sind nicht gehalten worden. .. stand dort. Und weiter: Ich gehe. Und er endete mit: Ich schaue gelegentlich nach dem Rechten. Behaltet mich lieb. Hciebel Solneman.


Im einem Nachwort (“Namenlos lebe ich oder die Verurteilung zur Utopie”) referiert Friedemann Berger über den heute kaum noch bekannten Autoren Alexander Moritz Frey (*1881 in München bis 1957 in Zürich) und sein Werk [1]. 1909 las dieser unbekannte Dichter in München (zu dieser Stadt ist auch mancher Bezug aus dem Text) aus dem Manuskript seiner noch unveröffentlichten Erstlings vor Publikum, aus dem Thomas Mann aufstand und ihn, als er enden wollte, zum Weiterlesen aufforderte. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft. Nur kurz noch weitere Lebensstationen Freys: er war Sanitäter im 1. Weltkrieg und Regimentskamerad von Hitler, später lehnte er ein Angebot zur Mitarbeit im „Völkischen Beobachter“ ab, 1933 emigrierte er, im Mai dieses Jahres gehörten Bücher von ihm zu denjenigen, die in die Flammen geworfen wurden [1] – wo nicht nur Bücher verbrannten, sondern auch die Autoren in die Vergessenheit gestoßen wurden.

Solneman der Unsichtbare jedenfalls wurde 1914 veröffentlich und ist in seiner Art und zu diesem Zeitpunkt natürlich auch eine Persiflage auf das deutsche (Kaiser)Reich und seine bürgerliche Gesellschaft. Jenem Kaiser widmet Frey ja eine eigene Episode seines Buches, in der er als Besucher der Stadt, die für ihn feierlichst geschmückt wurde, den Unbekannten, gleichwohl Berühmten zu sehen wünscht (.. auch Majestät leiden an dieser fressenden Neugier…) oder wie es Frey mit einem wunderschönen Ausdruck formliert: Majestät wollten Solneman beaugenscheinigen.

Aber stärker als der Kaiser ist die bürgerliche Gesellschaft Gegenstand des Romans. Eine Gesellschaft, die sich für viel Geld ihr Liebstes abkaufen läßt, die bereit ist, auf alle Bedingungen, die damit verbunden sind, einzugehen, die mit dem vielen Geld dann Tand und Talmi finanziert, Schmuck für den Kaiser, Denkmäler etc pp – und die dann doch nicht willens ist, das Fremde zu akzeptieren und in seiner Eigenart in seiner Mitte zu dulden. Sukzessive wird das Fremde, Unbekannte über das Ungeheuer zum Verbrecher, den man mit feindlichem Geist begegnet. Es ist eine Spießergesellschaft, die Großzügigkeit nicht kennt, die sich nur mit der Verhängung von Ordnungswidrigkeitsstrafen und dem Ignorieren der eigenen heiligen Gesetze (so Solneman) zu wehren weiß und die kleingeistig buchstäblich gegen die Mauer der eigenen Beschränktheit anrennt.

Solneman dagegen ist Individualist, er will allein sein und kann sich finanziell erlauben, sich einen entsprechenden Freiraum zu kaufen – und ihn gegen die Gesellschaft abzugrenzen. Er will fremd bleiben – nicht primär um Fremder zu bleiben, sondern um nichts von sich abgeben zu müssen, keine Kompromisse eingehen zu müssen und sein Leben so leben zu können, wie er es will. Daß er damit zum Fremdkörper wird in dieser Gesellschaft, die Fremdes nicht akzeptiert, ist vorprogrammiert. Es stoßen an dieser Stelle zwei fundamentale Bestrebungen aufeinander: die des Individuums, nach seinen eigenen Regeln leben zu können und die einer Gesellschaft, die davon ausgeht, daß jeder gewisse grundlegende und allgemein anerkannte Regeln zu befolgen hat, ohne die eine Gemeinschaft nicht (zumindest nicht als Gemeinschaft) funktioniert – ein Konflikt mit Ewigkeitscharakter, der sehr aktuell ist….

Im seinen Roman selbst formuliert Frey seine Handlung und seine Geschichte mir überbordender Phantasie, die gelegenlich die Gesetze der Logik und Natur überwindet. Immer weiter treibt er sein Spiel mit uns Lesern, immer noch grotesker, immer noch skurriler werden seine Ideen, Langeweile kommt beim Lesen sicher nicht auf. Immer wieder auch spielen Episoden mit Solneman im Bereich von Künstlern und Schaustellern (München war eine ausgesprochene Kunst- und Künstlerstadt), Artisten, die sich lebend begraben lassen, eine Springtaucherin tritt auf (und geht dann unter…), Verkleidungen, Masken, Perücken: Frey spielt die gesamte Klaviatur fantastischer Einfälle durch – in der von mir besprochenen Ausgabe im übrigen wunderschön illustriert von Ulrich Tarlatt ([2], siehe Cover). Wenn sich jemand den Roman besorgen will, sollte er schauen, daß er vielleicht diese, noch in der DDR erschienene Ausgabe bekommt.

Wer letzten Satz als Empfehlung ansieht, diesem Roman ein paar Stunden Lesezeit zu widmen, liegt richtig: der Unsichtbare und Namenlose Hchebel Solneman ist es allemal wert, zur Kenntnis genommen zu werden.

Vielleicht sollte ich aber zum Ende hin doch noch ein paar Worte über die Sprache, der sich Frey bedient, verlieren. Der Satzbau ist oft ungewöhnlich und zwingt zur Aufmerksamkeit, die Wortwahl ist zwar präzise und klar, verharrt aber mit vielen Fragen in einem Raum der Spekulation, der wortmächtig mit Bildern ausgeschmückt ist. Als Beispiel zitiere ich hier einen willkürlich ausgewählten Abschnitt aus einer Episode, in der von aussen im Park Feuerschein und Licht zu beobachten ist: Manchmal des Nachts hörte man auch Schreie, Pfiffe, ein gellendes Lachen aus dem Park über die Mauer dringen. Die Laute begleiteten schauerlich den feurigen Wirrwarrr, der bald in mächtigen Springquellen himmelan loderte, bald kurz aufschießend die gemarterten Wolken durchzuckte. …. die entsetzten Horcher waren sich nicht einig, ob sie Tierstimmen oder Menschenlaute vernahmen, die so fürchterlich zusamt dem Feuer in die Nacht und in die Straßen quollen.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zu Alexander Moritz Frey:  https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Moritz_Frey und ebenfalls sehr lesenswert (Frey war im Ersten Weltkrieg Regimentskamerad von Hitler): Tomas Fitzel: „Ich sagte: nein – und machte mir Feinde“ in: http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-sagte-nein-und-machte-mir-feinde.1013.de.html?dram:article_id=246074
[2] Ullrich Tarlatt sorgt dafür, wie man hier sehen kann, daß der gute Solneman nicht vergessen wird…  http://www.pulz.de/galerie/tarlatt/ulrich/index.html

Alexander Moritz Frey
Solneman der Unsichtbare
Mit 29 Zeichnungen von Ulrich Tarlatt
und einem Nachwort von Friedemann Berger
Erstausgabe: München, 1914
diese Ausgabe: Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar, HC, ca. 305 S., 1987

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One Response to “Alexander Moritz Frey: Solneman der Unsichtbare”

  1. Marino Ferri Says:

    Wunderbar. Danke für den Hinweis!

    Gefällt 1 Person


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