Ian McEwan: Kindeswohl

17. Juni 2015

mcewan cover

Ian McEwan ist ein bekannter Autor [1], einer der arrivierten, etablierten der Zunft, er ist (s.u.) auch bei mir im Blog mit ein paar seiner Romane vertreten. Das vorliegende Buch Kindeswohl stammt im Original aus dem Jahr 2014, es ist ein Jahr später bei Diogenes auf Deutsch erschienen und hat einen Umfang von ca. 220 Seiten im bekannten Diogenes-Format: ein schmales Bändchen also, aber eins, das es in sich hat. Die spannende Frage ist daher, ob es dem Autoren gelungen ist, der Vielzahl der Themen, die im Lauf der Handlung auftauchen, gerecht zu werden.

Versuchen wir, uns einen Überblick über diese Themen zu schaffen.

In einer Art Rahmenhandlung, die aber – besonders gegen Ende – stark mit anderen Handlungskomponenten des Romans verknüpft ist, geht es erst einmal um die Ehekrise des seit 35 Jahren ehelich verbundenen Paares Fiona und Jack Maye. Jack, 60 Jahre alt, Professor für Geschichte (ein offensichtlich beliebter Beruf für männliche Hauptfiguren in angelsächsischen Romanen), mit wallendem Brusthaar (dem Autoren immerhin so wichtig, daß er es häufiger erwähnt), fühlt sich in seiner Ehe sexuell unterfordert und hat vor, sich bei einer deutlich jüngeren Dame noch einmal bevor der Geriater kommt, einer sozusagen Frischzellenkur zu unterziehen, die ihn möglichgt an den Rand ekstatischer Entzückung führen soll. Er teilt dies seiner Frau mit, wohl auf deren generöses Einverständnis hoffend, denn schließlich müsste sie ja (gerade sie!) Verständnis haben für seinen Wunsch… hat sie aber nicht, sie ist im Gegenteil stinksauer und enttäuscht und droht in ihrer Verbitterung, den ehemals geliebten Mann aus dem Haus zu werfen, so er nicht von seinem Vorhaben Abstand nimmt. Das Hinauswerfen ist aber unnötig, der Mann geht freiwillig.. und das alles an einem Abend… so sitzt Fiona alleingelassen, gedemütigt und erniedrigt in der emotional jetzt so kalten Wohnung..

Fiona – kommen wir zu ihr. Sie ist Richterin am High Court, zuständig für Familienangelegenheiten. Scheidungen und Sorgerechtsfälle gehören zu ihrem Ressort, zum Teil auch spektakulärere Entscheidungen. Dies ist der Moment, in dem McEwan solche Fälle in einer Art Rückschau bzw. Zusammenfassung referiert. Der Fall, mit dem Fiona Maye eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, betrifft die Trennung eines siamesischen Zwillingspaares, bei der einer der beiden Brüder sterben würde, der andere würde überleben. Zu klären war vor Gericht, ob eine Operation, bei der einer der Patienten sicher sterben würde, während der andere überleben wird und dann gute Chancen auf ein recht normales Leben hat, durchgeführt werden darf. Die Alternative, nicht zu operieren, würde bedeuten, daß letztlich beide Brüder sterben würden, da sie in dieser miteinander verknüpften Konstellation nicht lebensfähig wären.

Man hat zu dieser Konstellation ganz intuitiv eine Meinung, aber diese Intuition muss nicht unbedingt auch „richtig“ sein bzw. dem Recht entsprechen. Die grundlegende Frage ist ja die nach der Aufrechenbarkeit von Leben: ist es moralisch gerechtfertigt, einen Menschen zu töten, um einen anderen zu retten? Für diejenigen, die sich noch an den Fall Gäfken/Daschner erinnern, bei dem einem Kindesentführer (Metzler) Folter angedroht worden war, wenn er nicht den Aufenthaltsort des Kindes verraten würde, habe ich noch mal einen Teil der Urteilsbegründung herauskopiert [Hervorhebungen von mir, 2]: Die Strafkammer kam zu dem Urteil, die von Daschner angeordnete Androhung von Schmerzen mit dem Ziel, eine Aussage zu erzwingen, habe im hessischen Polizeirecht keine Grundlage und sei rechtswidrig. Auch der von der Verteidigung in Anspruch genommene Aspekt der Nothilfe sei zu verwerfen, da in deren Verfolgung die Verletzung der Menschenwürde des Täters in Kauf genommen worden sei. Eine Verletzung des fundamentalsten Menschenrechts überhaupt sei jedoch durch nichts zu rechtfertigen; dies komme einem Tabubruch gleich, der – nicht zuletzt mit Blick auf die deutsche Geschichte während des Nationalsozialismus – nicht toleriert werden dürfe.

Im Zuge von 11/9 wurde ein anderes Szenario diskutiert, dem das genannte moralische Dilemma ebenfalls zugrunde liegt: ob es nämlich gerechtfertigt ist, ein Flugzeug mit X Personen an Bord abzuschießen, wenn ich dadurch einen Terroranschlag mit einer Vielfachen Anzahl von Personen verhindern kann, eine Fragestellung, die in Deutschland immer noch nicht abschließend beantwortet ist…. [3]

Im Zentrum des Romans steht jedoch ein anderer Fall. Fiona Maye hat just am Abend der ehelichen Dissonanz Bereitschaftsdienst und bekommt die Nachricht, daß ein eiliger Fall zu entscheiden ist: ein noch nicht ganz 18jähriger, an Leukämie erkrankter junger Mann, der so wie seine Eltern Zeuge Jehovas ist, muss aus ärztlicher Sicht heraus Bluttransfusionen erhalten, um die Nebenwirkungen der Krebstherapie abzufangen und letztlich sein Leben zu retten. Die Eltern, aber auch Adam, der Junge, lehnen Bluttransfusionen aus religiösen Gründen ab [4], die Klinik will die Transfusion per Gerichtsbeschluss gegen deren Willen durchsetzen. Im Lauf der Verhandlung am nächsten Tag entschließt sich Fiona Maye, den Jungen bei einem Ortstermin kennenzuleren, um einschätzen zu können, ob sich dieser mit seiner Weigerung nicht nur die ablehnende Haltung der Elter spiegelt und ob er sich über die schlimmen Konsequenzen einer Weigerung im Klaren ist.

Fiona, der knapp 60jährigen, ist Adam, der knapp 18jährige sympathisch, sehr sympathisch. Sie kommen ins Gespräch, Adam ist lebhabt, erzählt freimütig, ja, er bestätigt auch überzeugend seinen eigenen Willen, keine Blutspende erhalten zu wollen. Er liest ihr selbstverfasste Gedichte vor und spielt auf seiner Geige – warum, kann sie sich selbst nicht erklären, aber sie bittet ihn, das Lied noch einmal zu spielen und begleitet ihn mit Gesang….

Das Kindeswohl muss für sie als Richterin an oberster Stelle stehen, Fiona Maye hält diese Bestimmung für einen großen zivilisatorischen Gewinn. Und sie ist der Überzeugung, daß Adam durch sein bisheriges, weitgehend von der Umgebung abgeschottetes Leben und seiner Jugend wegen das Leben, die Liebe noch gar nicht wirklich kennen gelernt hat und daher keine belastbare Basis für seine Weigerung hat und er zum anderen auch die Konsequenzen nicht realistisch einschätzt: seine Vorstellungen vom Sterben und vom Tod sind eher romantischer Natur….

Enttäuschung. Einfach nur Enttäuschung und Leere empfindet Fiona, als sie am Abend dieses langen Arbeitstages nach Hause kommt und ihren Mann wieder vorfindet. Dessen so gar nicht geheime Affäre war nur von kurzer Dauer, im Grunde schon beendet, als er beim vermeintlichen Objekt der Begierde vor der Tür stand. Aber ein Mann muss tun, was er tun muss und so hat er das wenigstens eine Nacht durchgezogen, um dann wieder mit der frisch gewonnenen Erkenntnis, was für ein Idiot er doch sei, zum eigenen Weibe zurückzukehren. Doch sind die Fakten erst einmal geschaffen, entwickelt sich oft ein Eigenleben, das man so nicht erwartet hätte… und so kommt es, daß Fiona Maye, nachdem sie den ersten Schock des Verlassenseins überwunden hatte, sich auf dem Zuhauseweg auf ihr Essen freute (das sie beim Einkauf für eine Person kalkulierte), auf ein wenig Entspannung und dann den erquickenden Schlaf hoffte, und beim Anblick ihres reumütig Heimgekehrten keineswegs Freude empfand… Ok, man arrangierte sich notgedrungen in der Wohnung, bemühte sich um Höflichkeit und ging sich soweit möglich aus dem Wege…

Im Lauf der nächsten Wochen besserte sich der Zustand Adams, er wurde aus dem Krankenhaus entlassen, ging wieder zur Schule und schien ein normales Leben zu führen. Mit den Eltern hatte er sich zerstritten, von den Zeugen Jehovas losgesagt, die Begegnung mit Richterin Maye hatte sein ganzes Leben geändert – ganz unabhängig von dem Urteil, das sie fällte und dem er letztlich sein Leben verdankte. War es ein Wunder, daß Adam zu ihr aufschaute? Und wie ist die Frage zu beantworten, ob die, ob ihre Sorge um das Kindeswohl sich auch über den Gerichtssaal hinaus galt, mit anderen Worten, ob sie Verantwortung für Adam übernommen hatte… jedenfalls begegneten sich die beiden wieder, Adam war Fiona auf einer Dienstreise gefolgt und bei dieser Begegnung kam es zu einer so nicht beabsichtigten Berührung, durch eine plötzliche Drehung seines Kopfes fanden ihre Lippen, die nur seine Wangen berühren sollten, seine Lippen – und blieben dort für Sekunden haften, flüchtig, aber spürbar… sie gab ihm Geld für die Heimfahrt und schickte ihn wieder nach Hause zurück. Fiona sah ihn nicht wieder und sollte erst Monate später erfahren, daß er an der wieder ausgebrochenen Leukämie gestorben war.

ach ja, die „Rahmenhandlung“: in gewisser Weise gab es jetzt ein Unentschieden in der Maye´schen Ehe: jeder hatte seinen triebhaften bzw. emotionalen Fehltritt, so konnte man sich wieder in die Augen sehen und schließlich heißt es ja nicht umsonst: Ende gut, alles gut….


Kindeswohl ist ein Roman von McEwan und er ist in der gewohnten Weise gut zu lesen, eine interessante, intelligent geschriebene Geschichte, in die der Autor gesellschaftlich wichtige Fragen eingebettet hat. Gleichwohl bin ich nicht glücklich gewesen beim Lesen, irgendetwas, was mir schwer fällt auszuformulieren, fehlt mir an dem Roman, ist mir zu glatt…

Die Ehekrise. Natürlich, so etwas gibt es, zuhauf sogar. Die Torschlusspanik des Mannes vor dem Erlöschen der Begierde, auch das ist ein bekanntes Phänomen. Aber so schnell, alles an einem Abend? Und kommentarlos diese Naivität, dieses „was bin ich nur für ein guter Mensch, der ich mir zwar nochmal ´ne jüngere Frau zur Brust nehmen will, aber natürlich nicht ohne meiner geliebten Ehefrau das vorher zu sagen“-Getue, das Ableiten des Rechts auf aushäusigen Sex allein aus dem Wunsch danach… das wirft uns der Autor als Ereignis eines Abends vor die Füße incl. vollzogener Trennung bzw. Partnerwechsel. Und dann ist der Mann auch noch reumütig am nächsten Abend wieder da und für die Frau hat der eine Tag gereicht, über seinen Weggang und den angekündigten Ehebruch soweit hinweg zu kommen, so daß sie eher enttäuscht ist über seine Rückkehr als erfreut. Ein Zeichen dafür, wie wenig die beiden Menschen noch miteiander verband?

Ich hätte gerne mehr über diese hier im Roman eher beiläufige Frage erfahren. Sie tangiert ja das, was man allgemein auch unter „Wahrheit“ versteht, die man selbstverständlich immer sagen sollte – so hört man es. Ob es auch immer gut ist, ist eine andere Frage… der eigenen Ehefrau mitzuteilen, daß man nach 35 Ehejahren noch einmal was Jüngeres braucht, weil auch der eheliche Sex nicht mehr so ekstatisch und überhaupt schon einige Wochen her ist, das entspricht vielleicht den Realitäten und damit der Wahrheit – aber welche Antwort bzw. Reaktion erwartet Mann darauf? Was hat sich Mann dabei gedacht? Gibt es dieses von ihm postulierte „Recht“ darauf? Und wie sollte, wie könnte Frau auf eine solche Frage reagieren? Ein Thema eigentlich für einen eigenständigen Roman…

Ebenso kurz und knapp wie zur Ehekrise die Darstellung der einzelnen juristische Fälle im Roman. Hochkomplizierte Fragen, die dahinter stehen, zu denen viele Ansichten und Meinungen existieren, die aber allenfalls angedeutet werden. Fragen, auf die es „die“ richtige Antwort nicht gibt, bei der oft Moral und Recht durcheinander gebracht werden, Bauchgefühl und Gesetz in Widerspruch stehen. Die aber dessen ungeachtet beanwortet werden müssen, da Entscheidungen anstehen – selbst die Verweigerung einer Antwort, einer Entscheidung wäre eine. Auch in diesen Fällen hätte ich mir eine ausführlichere Darstellung möglicher Sichtweisen gewünscht..

Eine Frage wirft McEwan nur in den Ring, ohne überhaupt darauf einzugehen: Inwieweit nämlich die Verantwortung in diesem Fall von Fiona Maye als Richterin über das Urteil/das Gericht hinaus geht. Ist sie auch für die Folgen ihres Urteils, das gut begründet ist, und das selbst von der unterlegenen Partei freudig begrüßt wurde (hatte doch jetzt jemand anderes die Verantwortung für die Entscheidung übernommen…) verantwortlich, hat sie sich um das „Kindeswohl“, das im gefällten Urteil ihre Maxime war, auch nachher noch zu kümmern? … wobei, das sei hier nur erwähnt, es mir im Grunde nicht klar ist, warum McEwan hier zusätzlich eine erotische Komponente (und sei sie noch so zart: immerhin bedroht sie ihren Ruf und ihre Karriere als Richterin) in die Beziehung Fionas zu Adam einbringt…

.. andererseits führt diese Entscheidung des Autoren, sich in seiner Darstellung sozusagen auf das Ergebnis der Diskussion zu konzentrieren, dazu, daß man anfängt, selbst darüber nachzudenken..

Summa summarum ist Kindeswohl eine lohnende, interessante Lektüre, bei der man in Kauf nehmen muss, nicht jede angeschnittene Frage im epischer Breite präsentiert zu bekommen. Andererseits ist es ja auch erholsam, sich nicht immer Wälzer im entmutigenden Vielhundertseiten-Format vor die Nase halten zu müssen….

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage von Ian McEwan: http://www.ianmcewan.com
[2] Wiki-Beitrag zum Daschner-Prozess:  http://de.wikipedia.org/wiki/Daschner-Prozess
[3] die diesbezüglichen Diskussionen sind noch bei weitem nicht beendet: Veit Medick und Philipp Wittrock: Grundgesetzänderung: Regierung will Abschuss von Terrorflugzeugen erleichtern;  http://www.spiegel.de/politik/deutschland/terror-flugzeuge-koalition-will-grundgesetz-aendern-a-963044.html
[4] zum Thema ein schon etwas älterer Übersichtsartikel aus dem Deutsches Ärzteblatt:  http://www.aerzteblatt.de/archiv/30076/Zeugen-Jehovas-Kritik-am-Transfusionsverbot-nimmt-zu

 

Weitere Buchvorstellung von McEwan hier im Blog:

Der Tagträumer
Solar
Am Strand
Abbitte

Ian McEwan
Kindeswohl
Übersetzt aus dem Englischen von Mirko Bonné
Originausgabe: The Children Act, London, 2014
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 220 S., 2015

Advertisements

3 Responses to “Ian McEwan: Kindeswohl”


  1. Hm, mich konnte der Plot bisher nicht locken, das Buch zu lesen. Die aufgeworfenen Fragen stehen so gar nicht im Mittelpunkt meiner derzeitigen Lebensphase. Es liegt also an mir. Die Besprechung ist wie immer höchst informativ und lädt ein, vielleicht später einen neuen Anlauf zu unternehmen.

    Gefällt 1 Person

  2. karatekadd Says:

    Nun, ich finde nicht, dass das Buch zu knapp wäre, auch wenn sicher fast mehrere Romane aus dem Stoff hätten werden können. Eine Erweiterung hätte vielleicht Anlass zu für die Leser zu weitschweifenden juristischen, philosophischen, moralischen „Abhandlungen“ geführt, der Gedanke, dass die Leserin, der Leser, sich eben eigene machen soll, ist vielleicht Grundgedanke des Autors gewesen.
    Viele Grüße
    Uwe

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      ja, mag sein. diesen gedanken, daß der leser selbst gefordert ist, habe ich ja ebenfalls geäußert.

      andererseits ist es natürlich immer recht einfach, fragen in die welt zu stellen und zu sagen: jetzt denke du selbst darüber nach! wie dem auch sei: es sind jedenfalls viele fragen für einen solch doch schmaleren roman….

      herzliche grüße

      Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: