Ian McEwan: Solar

Solar ist die Geschichte von Michael Beard, einem britischen Nobelpreisträger, der mit diesem Titel gleichzeitig auch den Höhepunkt seiner Schaffenskraft erreicht hat und sich in den Folgejahren mehr mit dem Vermarkten seines Namens und seines Renommees befasst als weiterhin mit Forschung.

Der Homo sapiens war der beste Beweis gegen die Existenz Gottes. Kein Gott, der etwas taugte, konnte an einer Werkbank so nachlässig gewesen sein. Beard teilte genüsslich alle Makel mit dem Rest der Menschheit.

Der Inhalt im Schnelldurchgang: Beard, der im Grunde mehr mit dem Scheitern seiner fünften Ehe befasst ist als mit seiner Arbeit in einem aus politischem Opportunismus gegründeten Umweltforschungsinstitut hat Zugriff auf die Unterlagen eines jungen, in seinem Haus verstorbenen Wissenschaftlers, die sich als Konzept für eine neuartige, revolutionäre Nutzung der Solarenergie erweisen. Er sieht in diesem Papier seine Chance, er treibt Gelder und Forschungsstellen auf, in denen er das Konzept über die Laborphase, Konzeptstudien bis letztlich in die kommerzielle Phase weiterentwickeln kann. Es sieht gut aus, jetzt, am Tag vor der großen Feier zur Inbetriebnahme „seiner“ Anlage. Aber.. man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.

Mit diesem Grundplot bezeichnet die Kritik „Solar“ als den ersten Umweltroman. Und sicher nehmen Klimaerwärmung, Umweltpolitik, umweltschützerischer Idealismus und blockierende Industrien einen großen Raum der Handlung (bzw. eben gerade nicht Handlung, sondern ausschweifenden Betrachtens…) ein. McEwan läßt Beard in seinen diversen Reden noch einmal alle gängigen Argumente für eine umweltgerechte Politik anführen, er schildert die Skepsis und Kurzsichtigkeit der einschlägigen Industrie, belächelt den Idealismus der Umweltschützer, die mit viel Energieaufwand zu einem Klimawandelkunsttag in die Arktis fliegen… das ganze gewürzt mit einer gehörigen Prise wissenschaftlicher Fachtermini, die der Normalleser wohl kaum einordnen kann und die auch nichts zu Sache beitragen – ich gebe zu, mich hat das nicht überzeugt, eher gelangweilt. Er gönnt seine ironischen Seitenhiebe der Wissenschaft (wer wollte behaupten, an die Existenz der 10 hoch 500 möglichen Universen nach bestimmten Stringtheorien müsse man weniger glauben als an die Existenz eines Gottes) und der Politik, garniert die Geschichte mit Slapstickeinlagen, die er aber nicht wirklich in die Geschichte einbaut, sondern nach dem vermeintlichen „Gag“ (Merke: niemals bei -30 Grad gegen den Wind pinkeln…) abrupt beendet und auch die anderen ursprünglichen Bedürfnisse des Mannes neben Essen und Trinken weiß er in die Geschichte einzubauen… aber trotzdem… irgendwie war es blutleer und langatmig…

Vielleicht liegt es an der Person des Beard, einem opportunistischen, intelligenten, skrupellosen Widerling, fett, verfressen, dem Alkohol zugetan, lügend und betrügend, der wenig Anhalt bietet, sich mit ihm zu identifizieren oder als „böser Held“ eine gewisse Zuneigung auf sich zu lenken. Fünfmal verheiratet und genau so oft geschieden, säumen unzählige Affären seinen Lebensweg, die ihm eigentlich nur für die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse dienen, von denen ein anderes die saubere Zufluchtsstätte ist, die er bei den Damen zu Hause antrifft. In seinem eigenen Heim dagegen wütet eine Katastrophe der anderen Art, im Lauf der Jahre, in denen nichts geputzt und repariert wurde, wurde sie zum Biotop für Ungeziefer aller Art, für Pilzteppiche und Sporenstürme…. genauso verwüstet er seinen eigenen Körper durch Kalorien- und Alkoholzufuhr, bis schlussendlich die unterste Falte seines Doppelkinns an den Kamm eines Truthahns erinnert.

In der SZ wird Beard als Allegorie bezeichnet, so wie im obigen Zitat ja auch schon festgestellt wird, daß sich in der Person Beard alle Makel der Menschheit zeigen (und in seiner Bleibe der Zustand der Erde). Wenn die Menschheit wirklich so ist, dann ist es schlecht um sie bestellt, dann ist dieser Roman ein zutiefst pessimistischer, denn Beard ist ein Betrüger, Lügner und Dieb und der Rest der Bagage, die ihm aufsitzt, die ihn hofiert und immer wieder einlädt ist auch nicht besser. Und Beard zerstört sich selber, er kann nicht masshalten, er achtet nicht auf sich, er treibt Raubbau an seinem Körper so wie die Menschheit unbelehrbar an der Natur.. dieser Bilder sind viele.

Beard (als Figur) ist ein Frauenheld, warum die Frauen diesen feisten Menschen aber so lieben, bleibt unklar. Er gibt ihnen nichts (ausser vllt den abendlichen kleinen Tod. Immerhin.), im Gegenteil, er belügt und betrügt sie. Sie langweilen ihn, ist alles vorbei denkt er an seine Projekte und die sich an ihn Schmusende wird ihm lästig. Nur einer gelingt es, ihn reinzulegen, von ihr wird er ebenfalls belogen und sie nimmt das von ihm auf, was nur ein Mann abgeben kann, um das zu bekommen, was nur eine Frau austragen kann… Trotzdem haben mir diese Kapitel, in denen es um die Figur Beard und seine privaten Verhältnisse geht, noch besser gefallen als der Rest.

Facit: ein langatmiges Buch, das mich insbesondere im Mittelteil etwas Mühe gekostet hat. Vllt, weil ich pro und contra Klimawandel auch sonst schon verfolge und zur „Genüge“ kenne und es hier als aufgesetzt und belehrend empfunden habe. Gegen Ende hat die Geschichte, da sie sich wieder mehr der Person Beard widmete, dann wieder etwas Tempo aufgenommen, so daß der letzte Buchabschnitt wieder etwas kurzweiliger zu lesen war.

Links:

Rezension in der SZ

Rezension in der FAZ

Ian McEwan
Solar
Diogenes, TB, 2010, 368 S.

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3 Kommentare zu „Ian McEwan: Solar

  1. Vielen Dank für diese Rezension zu „Solar“!
    Ich habe das Buch vor ein paar Tagen beendet und zähle es auch zu den etwas widerspenstigeren Büchern, die ich nicht so recht genießen kann.
    Meine Einschätzung deckt sich genau mit deiner. Es fehlt jegliche Art von Identifikationsmöglichkeit mit der doch recht unsympathischen Hauptperson, spannungslos und relativ eintönig dümpelt die Geschichte vor sich hin und ich habe mich sogar dabei erwischt, die recht trockenen Passagen aus dem Fachgebiet des Herrn Beard erst nur zu überfliegen, bis ich schließlich sogar ein paar Seiten übersprungen habe, was ich normalerweise nicht mache.
    Ich kann deinen Eindruck von dem Buch gut nachvollziehen.

    Liebe Grüße,
    Constanze

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    1. liebe constanze,

      herzlichen dank für deinen kommentar und deine bestätigung meines eindrucks vom buch. vielleicht ist die vermischung von fiktiver handlung und (umwelt)politischer botschaft mit den wirrungen der realpolitik und der oft trockenen, komplizierten faktenlage der wissenschaft im moment einfach noch wenig erprobt, um gleich im ersten anlauf ein erfolg zu werden. wenn die handlung reduziert wäre auf den diebstahl des geistigen eigentums und damit mehr in den bereich „krimi“ hineinragte und die etwas langatmigen wissenschaftlichen erklärungen wegfielen, könnte der roman immer noch eine schöne botschaft enthalten, aber wäre sicherlich interessanter, denn der letzte Abschnitt hatte mir dann recht gut gefallen, hat sich zumindest besser lesen lassen…

      liebe grüße
      fs

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  2. Ich finde es bewundernswert, ein Buch, das nicht gefallen hat, so detailliert zu beschreiben. Würde mir schwerfallen. Selbst wenn man mich gut dafür bezahlen würde. Aber neugierig bin ich jetzt doch. Bei nächster Gelegenheit blättere ich in dem Buch und entscheide, ob ich es trotzdem lesen will.

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