Ian McEwan: Am Strand

6. Oktober 2011

England, 1962. Edward und Florence sind seit heute frisch verheiratet, ihre Flitterwochen beginnen mit einem (englischen) Mahl in einem Hotel am Strand…. Sie sind nicht wirklich hungrig, dazu war das Hochzeitsessen zu üppig, doch gefangen in Ängsten und Unsicherheiten, deswegen wagt er es nicht, seine geliebte Flo bei der Hand zu nehmen und ins Zimmer zu führen. Und Flo selbst? Ihr Zögern hat nichts mit fehlendem Wagemut zu tun, sondern mit der Angst vor dem Unvermeidlichen….

So fängt die Ehe der beiden – das dürfen wir voraussetzen – sich liebenden holprig an, in einer Konstellation, die heutzutage wahrscheinlich eher selten ist, damals jedoch, noch vor der sexuellen Revolution (die Pille war erst zwei Jahre vorher in den USA auf den Markt gekommen und in Europa eher noch ein Gerücht): beide unerfahren, mit Ängsten und Unsicherheiten überladen, zu einer ehrlichen Aussprache über ihre Probleme nicht in der Lage.

McEwan schildert uns in groben Strichen das Leben der beiden jungen Menschen. Edwards Kindheit und Jugend ist geprägt von der Hirnverletzung seiner Mutter, die sie bei einem Unfall erlitten hat. Der Vater und die drei Kinder sind nicht in der Lage, den Haushalt halbwegs in den Griff zu bekommen, Majorie, die Mutter, irrlichtert in ihrer Krankheit durchs Haus und für sie halten die anderen eine Scheinwelt aufrecht: daß sie nämlich, die Mutter, den Haushalt bewältigt, die Kinder erzieht und die Familie bekocht. Nichts von alldem stimmt, aber unabgesprochen halten sich alle an diese Validation.

Edward geht dann zum Studium der Geschichte nach London, dort lebt er auf, fühlt die Enge, in der er zu Hause lebte. Er lernt andere Menschen kennen und merkt, daß seine sozialen Verhaltensweisen nicht immer und überall akzeptabel sind: ab und zu lässt er seinen Aggressionen in Kneipenschlägereien freien Lauf. Politisch engagiert er sich am Rande bei Anti-Atombomben-Aktionen, bei einer solchen lernt er auch Florence kennen.

Diese stammt aus einem gutsituierten Elternhaus, die Mutter ist Professorin, der Vater Unternehmer. Als Kind und Jugendliche hängt sich jedoch mehr am Vater, mütterliche Zuneigung, Körperberührungen gar, lernt sie nicht kennen. Sie ist schüchtern, unsicher, sich selbst und ihrem Körper gegenüber immer fremd geblieben. Nur als Musikerin entwickelt sie ihr Selbstbewusstsein; erst als Studentin im Mädchenwohnheim erfährt sie Umarmungen und Berührungen in ihrer Mädelsclique. Aber auch das Verhältnis zum Vater kühlt ab und geht auf Abstand, im Gegensatz zur Beziehung zwischen Ruth, ihrer jüngeren Schwester und dem Vater.

Edwards Probleme in der Hochzeitsnacht sind die, die viele junge Männer vor dem „ersten mal“ haben dürften (egal, wie weit sie den Mund vorher aufreissen….): er weiß einfach nicht, was er machen soll, was richtig und was falsch ist, welches Verhalten akzeptabel ist. Bisher hat er seine sexuellen Spannungen per Handbetrieb abgebaut, jetzt, vor der Hochzeitsnacht hat er eine Woche lang „keusch“ gelebt, sich für Florence aufgespart. Nichts also, was mann und frau nicht in den Griff bekommen sollten.

Bei Florence dagegen rebelliert etwas sehr tief in ihr Verborgenes gegen das Unvermeidliche der Hochzeitsnacht, schiere Angst und Panik erfassen sie. Bis heute hat sie ihren Edward auf Abstand halten können, ihm z.B klarmachen können, daß sie zwei Zungen in einem Mund für sie eine zuviel sind… einmal überwand sie sich, seinen Wunsch zu erfüllen und ihre Hand zwischen seine (behosten) Beine zu legen. Ein paar Sekunden, dann, als sie das erwachende Leben dort spürte, zog sie sie angewidert wieder weg.

McEwan erzählt uns nicht, ob etwas und wenn, was mit Florence in ihrer Kindheit passiert ist. Andeutungen nur, eine Erinnerung etwa von ihr irgendwann in dieser heutigen Nacht… sie sieht sich als zwölfjährige nackt in der Koje des väterlichen Segelboots (sie hat des öfteren Touren mit dem Vater gemacht) liegen, der Vater in der Ecke zieht sich – so wie heute Edward – aus… ob die Übelkeit, an die sich Florence erinnert, auf das Schaukeln des Bootes zurückzuführen ist oder auf etwas anderes… McEwan verrät es uns nicht, läßt es unausgesprochen im Unklaren….

Zurück zur Hochzeitsnacht… Flo nimmt ihren Edward bei der Hand und zieht ihn ins Zimmer. Das Unvermeidliche endlich hinter sich bringen, ihm endlich den Wunsch, der ihm in den Augen geschrieben steht, erfüllen. Sie wird es schaffen, für ihn wird sie es schaffen, ihre Angst und ihren Ekel zu überwinden. Tragischerweise deutet Edward alles, was Flo macht, miss: spürt er, daß sie zittert, ist es für ihn ein Zeichen der Begierde, stößt sie ob seiner Hand an ihrem Schenkel einen spitzen Schreckenslaut aus klingt dieser für ihn nach einem erregenden Schauer, der seine Flo durchlief. Ihr angewidertes Stöhnen muntert ihn auf, deutet er es doch als Zeichen ihrer Lust…. Der Reissverschluss des Kleides klemmt, das auch noch. Überhaupt, wie Florence, wie sich ausziehen, ohne den (vermeintlichen) Zauber des Augenblicks dadurch zu zerstören. Er weiß um die Empfindlichkeit seiner Frau….

Ein einziger Moment bei all diesen Bemühungen ist für die Frau frei von Schrecken: bei seiner Erkundung des sich unter dem Kleid befindlichen Terrains berührt Edward mit der Daumenspitze ein Schamhaar, ganz leicht streift er es und löst damit eine Erregung bei Florence aus, die sie als Wärme, eine sich durch den ganzen Körper fortpfanzende angenehme Welle empfindet und die ihr jetzt Mut gibt, Zuversicht. Schließlich und endlich ist er über ihr, sie versucht – so wie sie sich angelesen hat – ihm zu helfen und löst damit etwas allzu männliches aus, was sich aber hier und jetzt, zwischen Edward und Florence, zur Katastrophe ausweitet: besudelt, voller Ekel und Widerwillen läuft Florence davon und läßt Edward im Zimmer zurück.

Unfähig, sich auszusprechen, sich dem anderen zu öffnen werfen sie sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf, schließlich macht Florence Edward ein unmoralisches Angebot, das diesen nur noch mehr entrüstet. So kommt es zur Trennung noch in der Hochzeitsnacht.

Es ist tragisch. Ein Wort nur, ein „Ich liebe dich!“, ein „Bleib hier!“ oder „Geh nicht weg!“, das er Florence damals hätte nachrufen müssen, und beider Leben wäre anders verlaufen, ein Wort nur….

Zum Abschluss dieses kleinen Romans skizziert McEwan das weitere Leben Edwards. Es ist nicht unglücklich zu nennen, er hat seinen Spaß, er macht Geschäfte, Unternehmungen, hat (genügend) Erfolg damit, um gut zu leben. Die Pläne freilich, die er als junger Mann hatte: nichts davon verwirklicht er. Überhaupt, planlos verläuft sein Leben, er ergreift Gelegenheiten, wie sich sich bieten, lebt in den Tag hinein. Manchmal denkt er an Florence (die als Musikerin bekannt wird), er trifft sie aber nie wieder, da er sie so in Erinnerung behalten will, wie sie damals war. Er weiß es, keine der vielen Frauen, mit denen er zusammen war, hat er so geliebt wie sie.

Dieser letzte Abschnitt hat ich sehr an den Leo Kaplan von de Winter erinnert, den ich vor ein paar Tagen gelesen hatte. Hie wie dort zwei Paare, die sich zwar lieben, die aber bei der ersten Bewährungsprobe ihrer Liebe sprachlos bleiben und die Flucht ergreifen. In beiden Fällen erkennen sie vor Unsicherheit, Ichbezogenheit und gekränktem Ego nicht, daß sie an einer Schaltstelle des Lebens stehen und sich dieser Herausforderung stellen müssten. Stattdessen wählen sie den erst einmal leichteren Weg, das Auseinandergehen. Hier wie dort auch, daß die Lebensplanung vor allem der Männer auseinanderfällt. Es ist kein Scheitern beider Leben, beide Männern haben durchaus ihre Erfolgserlebnisse und sogar Erfolge, aber trotzdem ist ihr Leben unstetig, es hat keine innere Ruhe, es reagiert von Tag zu Tag neu und anders. Die Leere im Herzen, in der Seele läßt Leo Kaplan und auch Edward zu Suchenden werden, die nicht finden können, weil sie das, was ihnen fehlt, vor langer Zeit verloren haben.

Was de Winter in einem umfangreichen, opulenten Roman beschrieben hat, geschieht bei McEwan in einen dünnen Werk, das man in zwei, drei Stunden gelesen haben kann. de Winter erfreut uns mit einem bunten Gemälde, farbenfroh und ausladen, während McEwan sich auf eine Skizze beschränkt, mit wenigen Strichen, die aber gut gesetzt sind und aufs Wesentliche zielend. Die Schwerpunkte liegen anders, de Winter führt besonders die Folgen der unbedachten, im Zentrum stehenden Handlung für die beiden Menschen aus, McEwan konzentriert sich auf die Zwangsläufigkeit, mit der die beiden Protagonisten auf ihr Unglück zusteuern und gibt damit auch gleichzeitig einen Blick frei auf eine verklemmte, prüde Gesellschaft, die bald darauf von einer revoltierenden Jugend überrollt werden sollte.

Facit: Ein kleiner, aber feiner Roman über eine sprachlose Beziehung, die von Anfang an auf eine persönliche Katastrophe hinauslief.

Ian McEwan
Am Strand
übersetzt von Bernhard Robben
Diogenes, 2007
Erstveröffentlichung:

Advertisements

4 Responses to “Ian McEwan: Am Strand”


  1. Eine ganz wunderbare Rezension, aber ich finde, Sie geben von dieser Geschichte etwas gar viel preis.

    Das Buch ist fantastisch geschrieben. Das hat meine Neugier auf weitere Romane des Autors geweckt

    Gefällt mir

  2. flattersatz Says:

    … ja, ich weiß, ich weiß… es fließt manchmal nur so aus der „Feder“ hinaus…. aber – so entschuldige ich mich vor mir selbst – ich schreibe ja im wesentlichen für mich, damit ich nicht vergesse… ;-)

    Gefällt mir

  3. Roland Says:

    tolle Rezension, macht Lust, das Buch ganz zu lesen, wenn das Thema interessiert. Schön zu wissen, dass es ein dünnes Buch, kleines Werk ist.

    Gefällt mir

  4. igornordwand Says:

    Kompakt und fesselnd geschrieben – hier war McEwan in Höchstform! „Am Strand“ kann man – einmal angefangen – nicht aus den Händen legen. Ein hervorragendes Stück Literatur und Milieustudie.

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: