Ian McEwan: Abbitte

16. Januar 2010

England, in der Nähe Londons. Ein in einer weiträumigen Parklandschaft gelegenes Herrenhaus, ein gleißender Sommertag und eine Vielzahl von Menschen, die McEwan im Stil eines englischen Gesellschaftsromans beschreibt. Mehr als einmal dachte ich, daß ich Brideshead wiedersehe….

Es ist das Haus der Familie Tallis. Emily, die Mutter, pflegt ihre Migräne vorwiegend im abgedunkelten Schlafzimmer, ihr Mann sitzt in London im Ministerium – der 2. Weltkrieg wirft im Jahr 1935 seine langen Schatten voraus. Die viele Arbeit (und auch – so wird angedeutet – die nachherige Entspannung davon) hindert ihn des öfteren, nach Hause zu kommen. Im Haus führt Betty die Küche und den Haushalt, Cecilia, die ältere Tochter ist anwesend und mit dem von der Mutter gewünschten Aufstellen eines Blumenarrangements für den ganzen Tag beschäftigt. Briony, das 13jährige Nesthäkchen ist aufgeregt, zu Ehren des Besuchs ihres Bruders Leon hat sie, die mit dem Kopf in den Wolken schwebt und einen ganzen Kosmos an Phantastereien in ihre schriftstellerischen Elaborate steckt, ein Theaterstück geschrieben, daß sie mit den ebenfalls für heute erwarteten Kindern ihrer Tante aus dem Norden aufführen will. Und im Garten werkelt Robbie Turner, der Sohn der Dienstfrau, der vom Vater unterstützt und gefördert vor einem hoffnungsvollen Leben steht. Dies ist vereinfacht dargestellt die Ausgangssituation, in die McEwan uns führt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Briony, das Mädchen zwischen Kindheit und Erwachsensein. Weder noch hier noch schon dort fehlen ihr die Massstäbe zum Urteilen, ihre Phantasie, ihre eigenen (unterschwelligen) Wünsche gaukeln ihr Bilder vor und flüstern ihr Sachen ein, deren Konsequenz sie nicht erahnt. Ähnlich wie die Hitze des Tages flirrende Bilder erzeugt, kann sie die Realität nicht fassen sondern fällt auf Trugschlüsse herein.

Sehr einfühlsam entwickelt McEwan in diesem Szenario den Verlauf des Tages, dessen Unglück damit beginnt, daß Cecila und Robbie beim Füllen der Vase mit Wasser am Gartenbrunnen dieses wertvolle Stück zerbrechen und Cecilia in Unterwäsche in den Brunnen steigt, um die Scherben zu bergen. Für Briony ist dieses Bild aus der Entfernung nicht zu deuten, es wird zu einem Mosaiksteinchen im Teppich über der Falltür, durch die kurz darauf alle stürzen.

Die Gefühle zwischen Cecilia und Robbie, anfänglich aggressiv und voller Spannung, lösen sich, als endlich das befreiende Wort gesprochen wird: ich liebe dich. Doch leider verwechselt Robbie den Brief, den er durch Briony an Cecilia schickt, mit einem früheren Entwurf, in dem er auch mehr körperbetonte Handlungen ins Spiel bringt. Briony öffnet diesen Brief, sie ist schockiert, spioniert Robbie und Cecila nach und fängt an, Robbie zu hassen und mit einer falschen Beschuldigung, die von keinem außer Cecilia in Frage gestellt wird, beschwört sie die Katastrophe hervor.

Ist der erste Teild es Romans durch eine geradezu einschläfernde Behäbigkeit der Atmosphäre geprägt, stellt der zweiter Teil das genaue Gegenteil dar, damit wird auch der Bruch im Leben der Personen offensichtlich. Fünf Jahre sind vergangen, Robbier, der im Gefängnis saß, hatte durch den Krieg die Gelegenheit, zu den Truppen entlassen zu werden. Der Autor schildert den Versuch Robbie Turners, mit zwei Kameraden der Einkesselung durch die deutschen Truppen bei Dünkirchen zu entkommen. (Stichwort: „Wunder von Dünkirchen„). Die Beschreibung dieser Odyssee ist schonungslos, hart und grausam, wie der Krieg.

Im letzten Teil geht Ian McEwan auf das Schicksal von Briony ein. Auch deren Leben ist durch ihre Tat entscheidend beeinflusst, anstatt zur Schule zu gehen unterwirft sie sich als Schwesternschülerin in einem Krankenhaus einem quasi-militärischem Drill, pflegt und versorgt verwundete Soldaten. Und sie nimmt nach all den Jahren wieder Kontakt auf zu ihrer Schwester, die nach dem Zwischenfall im Sommer 1935 mit der Familie gebrochen hatte.

Im Epilog, der 1999 in London angesiedelt ist, schließt sich letztlich der Kreis, den der Autor mit seinen Figuren geflochten hat.

Schuld ist das Thema des Buches, Schuld und Sühne, Vergebung und Busse, aber auch Liebe und Treue. Die kleine, bösartige Schwindelei einer intrigierenden Pubertierenden, der allzu bereitwillig geglaubt wird, weil sie auf einen trifft, der sowieso nicht so richtig dazu gehört. Einen Schuldigen zu haben, noch dazu so einen, das reicht, um die Ordnung wieder herzustellen und das Mädchen, gefangen in seiner eigenen Behauptung findet nicht den Weg zurück in den Zweifel. Und so zerstört dieser Moment den vorgezeichneten Lebensentwurf der Beteiligten, wirft das Leben buchstäblich in andere Bahnen, unwiederruflich und endgültig. Keine Sühne, und sei sie auch noch so groß, kann hier etwas rückgängig oder wieder gut machen, nur eins kann getan werden, Abbitte kann geleistet werden und – vielleicht – Vergebung gewährt.

Facit: Im ersten Teil des Buches muss man sich einfach von der Behäbigkeit der Betrachtungen und dem Glast der Sonne in dieser sommerlichen Umgebung einfangen lassen… dann wird es auch nicht langweilig. Langatmig ist es schon…. Aber sei es drum: ein großes Thema verlangt auch noch einer großen Darstellung. Und die ist gelungen!

Ian McEwan
Abbitte
Diogenes TB, April 2004, 544 S.
ISBN-10: 3257233809
ISBN-13: 978-3257233803

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