Ian McEwan: Nussschale

5. April 2017

Es ist die, oder eher: eine klassische Konstellation von Mann und Frau und Geliebtem: Mann liebt Frau, aber Frau liebt Geliebten. Nicht ganz so klassisch ist, daß der Liebhaber der Bruder des Mannes ist und überhaupt nicht klassisch stellt sich die Tatsache dar, daß die Frau den Ich-Erzähler der Geschichte noch mit sich herum trägt, und zwar inwendig. So ist der werdende, fast fertige Knabe immer dabei, kann zwar nicht viel mehr sehen als wechselnde Helligkeiten, dafür hört er gut und vor allem sitzt/liegt/schwimmt er – wie bekannterer Knabe – an der Quelle: ihm bleibt keine körperliche Regung seiner zukünftigen Mutter, die im Moment erst ’nur‘ Schwangere ist, verborgen: ein sich beschleunigender oder beruhigender Herzschlag, ein in die Höhe schnellender Blutdruck, das Drücken der gefüllten Blase an seine Stirn oder das tiefe Grummeln des Gedärms. Fast so nah wie die Mutter immer kommt ihm der Onkel manchmal, in jenen drei Minuten nämlich, in denen er – im Unterschied wohl zum Bruder – die Frau mit Namen Trudy, an den Rand des Paradieses bringt. Dieser Ausflug nahe ans Paradies ist ein Kurztrip, er hat weder Vor- noch Nachspiel, weder säuselndes Liebeswerben noch kuschelnde Nähe, ist aber so aufregend, daß sie ihn trotz ihres Zustands immer wieder bucht.

Nennen wir den Onkel des Erzählers beim Namen: Claude. Ein roher, tumber, dummer Kerl, der einst als Immobilienmakler (hier wird doch nicht etwa eine Anspielung versteckt sein auf einen anderen Immobilienpleitier, der in letzter Zeit Furore macht?) zu Geld gekommen war, von dem jetzt aber schon wieder ein großer Teil zerronnen ist. Aber man hat ja dieses Haus, bzw. – und jetzt kommen wir an des Pudels Kern – Trudy und John haben es, das Haus in London, genauer noch: das Elternhaus von John. Das, obwohl es eher einer abbruchreifen Müllhalde ähnelt, Millionen wert ist. Auf die es Trudy und Claude abgesehen haben. Wobei wiederum besagter John stört.

Besagter John ist wenige Jahre älter als sein Bruder und ähnelt ihm kaum. Poet ist er, Lyriker, empfindsam, erfolglos und Verleger. Ein Waschlappen, so hört es der werdende Knabe im Mutterschoß immer wieder, der sich von seiner Frau aus seinem Haus hat jagen lassen, der im Gegensatz zu seinem Bruder keinen Schlüssel mehr hat zu diesem Haus, der anstatt um seine Frau zu kämpfen, ihr nur Gedichte vorträgt, die, was weniger verwundert, Trudy sehr langweilen.

Ein Plan muss her, ein Plan ist da. Gift soll es sein, in ausreichender Menge und von der Art und Weise, daß John vom Leben zum Tode befördert werde, ohne daß dies auf Claude und Trudy zurückfalle.

Dies alles und noch viel mehr verfolgt in seiner schwimmenden Blase der kurz vor der Geburt stehende Nachwuchs von John und Trudy. Machtlos, hilflos. Bis auf die Tritte, mit denen er seine Mutter aufmerken lassen kann, die aber zu gering ist, als daß sie etwas verhindern könnten… träumen, ja, das kann er. Sich groß träumen, erwachsen, sich träumen zum Retter seines Vaters, zumindest aber zum Rächer des Vaters, den er dem Untergang geweiht sieht. Nicht ohne zu wissen, daß der Plan dazu so unausgegoren und fehlerhaft ist (von Claude eben), daß er nicht funktionieren kann… aber dem Vater hilft dies Wissen nicht.

Er ist noch ungeboren, aber nicht unwissend. Wie viele Stunden hat er zusammen mit seiner Mutter Radiosendungen gelauscht, die sich über Politik ausließen, über Kunst und Kultur, über das Leben ausserhalb der Blase. Mit besagten Tritten weckte seine Austrägerin des nachts, wenn ihm langweilig war und er wollte, daß die nun nicht mehr einschlafen könnende sich mit einem podcast ablenkte… was für eine Welt dort draußen! Sie scheint schlecht und verdorben zu sein und doch so großartig, so zwiespältig, wie seine Gefühle für und wider Trudy. Er hasst sie dafür, daß sie sich von diesem plumpen Claude vögeln läßt, er hasst sie wegen des Planes und er liebt sie abgöttisch, jetzt schon, weil sie seine Mutter ist, weil er nichts ist und erst einmal nichts sein wird ohne sie… er sehnt sich so sehr nach ihren blütenweißen Armen, Brüsten und grünen Augäpfeln. 


Nussschale ist im Grunde ein Zweipersonenstück. Der Erzähler tritt (sic!) praktisch nicht als Handelnder in Erscheinung, die anderen Figuren, die auftreten, sind ebenfalls nur marginal. Allenfalls John hat für eine kurze Zeit noch eine tragende Rolle, aber selbst er ist im wesentlichen Objekt – eines Brudermords, eines Gattenmords. Das einleitende Zitat des Romans aus Hamlet erweist diesem Shakespearestück Reverenz, auch dort mordet der eine Bruder den anderen und ehelicht die Witwe. Nur spielt die Nussschale an keinem Königshof, im Gegenteil ruft die Schilderung der Zustände im Haus beim Lesen Ekel und Übelkeit hervor, das Haus selbst scheint wie von Usher zu sein, es ist in der Substanz dem Untergang geweiht. Was solls! Im London dieser Tage zählt das Haus nichts, der Grund und Boden alles und er ist Millionen wert.

Der von McEwan gewählte Erzähler ist als Erzähler perfekt: er ist immer vor Ort, immer dabei und läßt sich durch Worte nicht täuschen, da er die körperlichen Reaktionen auf Lügen und Aufregungen unmittelbar spürt. Was macht´s, daß er nichts sieht! Und er ist der unwahrscheinlichste, ja, als Fötus ein unmöglicher Erzähler und wenn schon, denn schon: er ist Erzähler ebenso wie Weinkenner (denn Trudy pichelt entgegen aller ärztlicher Erkenntnis gerne einen: Wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt.) und konstatiert, noch nicht geboren, selbstkritisch schon ein Alkoholproblem für sich. Es ist meisterhaft, wie McEwan diese Figur sarkastisch, ironisch, spöttisch, voller Empörung und auch Wut über Europa, über die Welt und seine/ihre Probleme philosophieren läßt. Da nimmt jemand kein Blatt vor den Mund. Und als Leser gerät man an keiner Stelle auch nur ansatzweise in Versuchung, zu sagen: was eine blödsinnige Idee, das mit dem Kind.

Die Handlung selbst, sie scheint klar: Trudy, die schwangere Frau Johns hat die Fronten gewechselt, ganz offensichtlich der leiblichen Freuden wegen, denn intellektuell sondert Claude nur Sprechblasen ab. John, der Lyriker, ist mit seiner Schuppenflechte und seinen erfolglosen Gedichten der geborene Versager. Claude dagegen hat ausser seiner Standfestigkeit wenig zu bieten, aber für Trudy reicht das erst einmal.

Dann Auftritt John und alles ändert sich. Der, der da erscheint, ist kein Loser, das ist im Gegenteil ein raffinierter Hund, der sein eigenes Spiel spielt… und kaum hat man sich an diesen Wechsel der Geschichte gewöhnt, da wird alles schon wieder ganz anders.

Der Mord, der Mord, ja freilich: auf einmal eilt´s, es pressiert, weil.. egal, ich will´s hier nicht verraten, jedenfalls es muss schon morgen sein…. Welche Qual für das Kind, das alles miterlebt, Trudy, die alles gibt, John das Gift zu applizieren… warnen möchte es, alles verhindern, aber es kann nicht, es kann nicht… vergebens. Wie Jahrtausende zuvor Adam den Apfel nahm aus Evas reizender Hand, so greift auch hier John… Das Schicksal nimmt seinen Lauf und hat´s unser Erzähler nicht schon lange gesehen, daß der Plan unrund ist und Anlaß gibt zur Sorge? Zur Sorge, die letztlich die Flucht ratsam werden läßt, die aber nicht gelingen sollte: mit aller Macht drängt es den Knaben aus seiner immer enger werdenden Höhlung hinaus in die Welt, mag auch vor der Tür schon das Taxi warten.


Sein oder Nichtsein, nicht das ist hier die Frage, sondern: Lesen oder nicht Lesen und auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Lesen. Unbedingt! Denn das, was uns McEwan hier bietet, ist einfach mitreissend, ist spannend, ist hintergründig, ist sarkastisch, böse und raffiniert. Literatur at its best!

Anmerkungen:

Weitere Roman von Ian McEwan hier im Blog:

Der Tagträumer
Solar
Am Strand
Abbitte
Kindeswohl

Ian McEwan
Nussschale
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben
Originalausgabe: Nutshell, London, 2016
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 275 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Ian McEwan: Kindeswohl

17. Juni 2015

mcewan cover

Ian McEwan ist ein bekannter Autor [1], einer der arrivierten, etablierten der Zunft, er ist (s.u.) auch bei mir im Blog mit ein paar seiner Romane vertreten. Das vorliegende Buch Kindeswohl stammt im Original aus dem Jahr 2014, es ist ein Jahr später bei Diogenes auf Deutsch erschienen und hat einen Umfang von ca. 220 Seiten im bekannten Diogenes-Format: ein schmales Bändchen also, aber eins, das es in sich hat. Die spannende Frage ist daher, ob es dem Autoren gelungen ist, der Vielzahl der Themen, die im Lauf der Handlung auftauchen, gerecht zu werden.

Versuchen wir, uns einen Überblick über diese Themen zu schaffen.

In einer Art Rahmenhandlung, die aber – besonders gegen Ende – stark mit anderen Handlungskomponenten des Romans verknüpft ist, geht es erst einmal um die Ehekrise des seit 35 Jahren ehelich verbundenen Paares Fiona und Jack Maye. Jack, 60 Jahre alt, Professor für Geschichte (ein offensichtlich beliebter Beruf für männliche Hauptfiguren in angelsächsischen Romanen), mit wallendem Brusthaar (dem Autoren immerhin so wichtig, daß er es häufiger erwähnt), fühlt sich in seiner Ehe sexuell unterfordert und hat vor, sich bei einer deutlich jüngeren Dame noch einmal bevor der Geriater kommt, einer sozusagen Frischzellenkur zu unterziehen, die ihn möglichgt an den Rand ekstatischer Entzückung führen soll. Er teilt dies seiner Frau mit, wohl auf deren generöses Einverständnis hoffend, denn schließlich müsste sie ja (gerade sie!) Verständnis haben für seinen Wunsch… hat sie aber nicht, sie ist im Gegenteil stinksauer und enttäuscht und droht in ihrer Verbitterung, den ehemals geliebten Mann aus dem Haus zu werfen, so er nicht von seinem Vorhaben Abstand nimmt. Das Hinauswerfen ist aber unnötig, der Mann geht freiwillig.. und das alles an einem Abend… so sitzt Fiona alleingelassen, gedemütigt und erniedrigt in der emotional jetzt so kalten Wohnung..

Fiona – kommen wir zu ihr. Sie ist Richterin am High Court, zuständig für Familienangelegenheiten. Scheidungen und Sorgerechtsfälle gehören zu ihrem Ressort, zum Teil auch spektakulärere Entscheidungen. Dies ist der Moment, in dem McEwan solche Fälle in einer Art Rückschau bzw. Zusammenfassung referiert. Der Fall, mit dem Fiona Maye eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, betrifft die Trennung eines siamesischen Zwillingspaares, bei der einer der beiden Brüder sterben würde, der andere würde überleben. Zu klären war vor Gericht, ob eine Operation, bei der einer der Patienten sicher sterben würde, während der andere überleben wird und dann gute Chancen auf ein recht normales Leben hat, durchgeführt werden darf. Die Alternative, nicht zu operieren, würde bedeuten, daß letztlich beide Brüder sterben würden, da sie in dieser miteinander verknüpften Konstellation nicht lebensfähig wären.

Man hat zu dieser Konstellation ganz intuitiv eine Meinung, aber diese Intuition muss nicht unbedingt auch „richtig“ sein bzw. dem Recht entsprechen. Die grundlegende Frage ist ja die nach der Aufrechenbarkeit von Leben: ist es moralisch gerechtfertigt, einen Menschen zu töten, um einen anderen zu retten? Für diejenigen, die sich noch an den Fall Gäfken/Daschner erinnern, bei dem einem Kindesentführer (Metzler) Folter angedroht worden war, wenn er nicht den Aufenthaltsort des Kindes verraten würde, habe ich noch mal einen Teil der Urteilsbegründung herauskopiert [Hervorhebungen von mir, 2]: Die Strafkammer kam zu dem Urteil, die von Daschner angeordnete Androhung von Schmerzen mit dem Ziel, eine Aussage zu erzwingen, habe im hessischen Polizeirecht keine Grundlage und sei rechtswidrig. Auch der von der Verteidigung in Anspruch genommene Aspekt der Nothilfe sei zu verwerfen, da in deren Verfolgung die Verletzung der Menschenwürde des Täters in Kauf genommen worden sei. Eine Verletzung des fundamentalsten Menschenrechts überhaupt sei jedoch durch nichts zu rechtfertigen; dies komme einem Tabubruch gleich, der – nicht zuletzt mit Blick auf die deutsche Geschichte während des Nationalsozialismus – nicht toleriert werden dürfe.

Im Zuge von 11/9 wurde ein anderes Szenario diskutiert, dem das genannte moralische Dilemma ebenfalls zugrunde liegt: ob es nämlich gerechtfertigt ist, ein Flugzeug mit X Personen an Bord abzuschießen, wenn ich dadurch einen Terroranschlag mit einer Vielfachen Anzahl von Personen verhindern kann, eine Fragestellung, die in Deutschland immer noch nicht abschließend beantwortet ist…. [3]

Im Zentrum des Romans steht jedoch ein anderer Fall. Fiona Maye hat just am Abend der ehelichen Dissonanz Bereitschaftsdienst und bekommt die Nachricht, daß ein eiliger Fall zu entscheiden ist: ein noch nicht ganz 18jähriger, an Leukämie erkrankter junger Mann, der so wie seine Eltern Zeuge Jehovas ist, muss aus ärztlicher Sicht heraus Bluttransfusionen erhalten, um die Nebenwirkungen der Krebstherapie abzufangen und letztlich sein Leben zu retten. Die Eltern, aber auch Adam, der Junge, lehnen Bluttransfusionen aus religiösen Gründen ab [4], die Klinik will die Transfusion per Gerichtsbeschluss gegen deren Willen durchsetzen. Im Lauf der Verhandlung am nächsten Tag entschließt sich Fiona Maye, den Jungen bei einem Ortstermin kennenzuleren, um einschätzen zu können, ob sich dieser mit seiner Weigerung nicht nur die ablehnende Haltung der Elter spiegelt und ob er sich über die schlimmen Konsequenzen einer Weigerung im Klaren ist.

Fiona, der knapp 60jährigen, ist Adam, der knapp 18jährige sympathisch, sehr sympathisch. Sie kommen ins Gespräch, Adam ist lebhabt, erzählt freimütig, ja, er bestätigt auch überzeugend seinen eigenen Willen, keine Blutspende erhalten zu wollen. Er liest ihr selbstverfasste Gedichte vor und spielt auf seiner Geige – warum, kann sie sich selbst nicht erklären, aber sie bittet ihn, das Lied noch einmal zu spielen und begleitet ihn mit Gesang….

Das Kindeswohl muss für sie als Richterin an oberster Stelle stehen, Fiona Maye hält diese Bestimmung für einen großen zivilisatorischen Gewinn. Und sie ist der Überzeugung, daß Adam durch sein bisheriges, weitgehend von der Umgebung abgeschottetes Leben und seiner Jugend wegen das Leben, die Liebe noch gar nicht wirklich kennen gelernt hat und daher keine belastbare Basis für seine Weigerung hat und er zum anderen auch die Konsequenzen nicht realistisch einschätzt: seine Vorstellungen vom Sterben und vom Tod sind eher romantischer Natur….

Enttäuschung. Einfach nur Enttäuschung und Leere empfindet Fiona, als sie am Abend dieses langen Arbeitstages nach Hause kommt und ihren Mann wieder vorfindet. Dessen so gar nicht geheime Affäre war nur von kurzer Dauer, im Grunde schon beendet, als er beim vermeintlichen Objekt der Begierde vor der Tür stand. Aber ein Mann muss tun, was er tun muss und so hat er das wenigstens eine Nacht durchgezogen, um dann wieder mit der frisch gewonnenen Erkenntnis, was für ein Idiot er doch sei, zum eigenen Weibe zurückzukehren. Doch sind die Fakten erst einmal geschaffen, entwickelt sich oft ein Eigenleben, das man so nicht erwartet hätte… und so kommt es, daß Fiona Maye, nachdem sie den ersten Schock des Verlassenseins überwunden hatte, sich auf dem Zuhauseweg auf ihr Essen freute (das sie beim Einkauf für eine Person kalkulierte), auf ein wenig Entspannung und dann den erquickenden Schlaf hoffte, und beim Anblick ihres reumütig Heimgekehrten keineswegs Freude empfand… Ok, man arrangierte sich notgedrungen in der Wohnung, bemühte sich um Höflichkeit und ging sich soweit möglich aus dem Wege…

Im Lauf der nächsten Wochen besserte sich der Zustand Adams, er wurde aus dem Krankenhaus entlassen, ging wieder zur Schule und schien ein normales Leben zu führen. Mit den Eltern hatte er sich zerstritten, von den Zeugen Jehovas losgesagt, die Begegnung mit Richterin Maye hatte sein ganzes Leben geändert – ganz unabhängig von dem Urteil, das sie fällte und dem er letztlich sein Leben verdankte. War es ein Wunder, daß Adam zu ihr aufschaute? Und wie ist die Frage zu beantworten, ob die, ob ihre Sorge um das Kindeswohl sich auch über den Gerichtssaal hinaus galt, mit anderen Worten, ob sie Verantwortung für Adam übernommen hatte… jedenfalls begegneten sich die beiden wieder, Adam war Fiona auf einer Dienstreise gefolgt und bei dieser Begegnung kam es zu einer so nicht beabsichtigten Berührung, durch eine plötzliche Drehung seines Kopfes fanden ihre Lippen, die nur seine Wangen berühren sollten, seine Lippen – und blieben dort für Sekunden haften, flüchtig, aber spürbar… sie gab ihm Geld für die Heimfahrt und schickte ihn wieder nach Hause zurück. Fiona sah ihn nicht wieder und sollte erst Monate später erfahren, daß er an der wieder ausgebrochenen Leukämie gestorben war.

ach ja, die „Rahmenhandlung“: in gewisser Weise gab es jetzt ein Unentschieden in der Maye´schen Ehe: jeder hatte seinen triebhaften bzw. emotionalen Fehltritt, so konnte man sich wieder in die Augen sehen und schließlich heißt es ja nicht umsonst: Ende gut, alles gut….


Kindeswohl ist ein Roman von McEwan und er ist in der gewohnten Weise gut zu lesen, eine interessante, intelligent geschriebene Geschichte, in die der Autor gesellschaftlich wichtige Fragen eingebettet hat. Gleichwohl bin ich nicht glücklich gewesen beim Lesen, irgendetwas, was mir schwer fällt auszuformulieren, fehlt mir an dem Roman, ist mir zu glatt…

Die Ehekrise. Natürlich, so etwas gibt es, zuhauf sogar. Die Torschlusspanik des Mannes vor dem Erlöschen der Begierde, auch das ist ein bekanntes Phänomen. Aber so schnell, alles an einem Abend? Und kommentarlos diese Naivität, dieses „was bin ich nur für ein guter Mensch, der ich mir zwar nochmal ´ne jüngere Frau zur Brust nehmen will, aber natürlich nicht ohne meiner geliebten Ehefrau das vorher zu sagen“-Getue, das Ableiten des Rechts auf aushäusigen Sex allein aus dem Wunsch danach… das wirft uns der Autor als Ereignis eines Abends vor die Füße incl. vollzogener Trennung bzw. Partnerwechsel. Und dann ist der Mann auch noch reumütig am nächsten Abend wieder da und für die Frau hat der eine Tag gereicht, über seinen Weggang und den angekündigten Ehebruch soweit hinweg zu kommen, so daß sie eher enttäuscht ist über seine Rückkehr als erfreut. Ein Zeichen dafür, wie wenig die beiden Menschen noch miteiander verband?

Ich hätte gerne mehr über diese hier im Roman eher beiläufige Frage erfahren. Sie tangiert ja das, was man allgemein auch unter „Wahrheit“ versteht, die man selbstverständlich immer sagen sollte – so hört man es. Ob es auch immer gut ist, ist eine andere Frage… der eigenen Ehefrau mitzuteilen, daß man nach 35 Ehejahren noch einmal was Jüngeres braucht, weil auch der eheliche Sex nicht mehr so ekstatisch und überhaupt schon einige Wochen her ist, das entspricht vielleicht den Realitäten und damit der Wahrheit – aber welche Antwort bzw. Reaktion erwartet Mann darauf? Was hat sich Mann dabei gedacht? Gibt es dieses von ihm postulierte „Recht“ darauf? Und wie sollte, wie könnte Frau auf eine solche Frage reagieren? Ein Thema eigentlich für einen eigenständigen Roman…

Ebenso kurz und knapp wie zur Ehekrise die Darstellung der einzelnen juristische Fälle im Roman. Hochkomplizierte Fragen, die dahinter stehen, zu denen viele Ansichten und Meinungen existieren, die aber allenfalls angedeutet werden. Fragen, auf die es „die“ richtige Antwort nicht gibt, bei der oft Moral und Recht durcheinander gebracht werden, Bauchgefühl und Gesetz in Widerspruch stehen. Die aber dessen ungeachtet beanwortet werden müssen, da Entscheidungen anstehen – selbst die Verweigerung einer Antwort, einer Entscheidung wäre eine. Auch in diesen Fällen hätte ich mir eine ausführlichere Darstellung möglicher Sichtweisen gewünscht..

Eine Frage wirft McEwan nur in den Ring, ohne überhaupt darauf einzugehen: Inwieweit nämlich die Verantwortung in diesem Fall von Fiona Maye als Richterin über das Urteil/das Gericht hinaus geht. Ist sie auch für die Folgen ihres Urteils, das gut begründet ist, und das selbst von der unterlegenen Partei freudig begrüßt wurde (hatte doch jetzt jemand anderes die Verantwortung für die Entscheidung übernommen…) verantwortlich, hat sie sich um das „Kindeswohl“, das im gefällten Urteil ihre Maxime war, auch nachher noch zu kümmern? … wobei, das sei hier nur erwähnt, es mir im Grunde nicht klar ist, warum McEwan hier zusätzlich eine erotische Komponente (und sei sie noch so zart: immerhin bedroht sie ihren Ruf und ihre Karriere als Richterin) in die Beziehung Fionas zu Adam einbringt…

.. andererseits führt diese Entscheidung des Autoren, sich in seiner Darstellung sozusagen auf das Ergebnis der Diskussion zu konzentrieren, dazu, daß man anfängt, selbst darüber nachzudenken..

Summa summarum ist Kindeswohl eine lohnende, interessante Lektüre, bei der man in Kauf nehmen muss, nicht jede angeschnittene Frage im epischer Breite präsentiert zu bekommen. Andererseits ist es ja auch erholsam, sich nicht immer Wälzer im entmutigenden Vielhundertseiten-Format vor die Nase halten zu müssen….

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage von Ian McEwan: http://www.ianmcewan.com
[2] Wiki-Beitrag zum Daschner-Prozess:  http://de.wikipedia.org/wiki/Daschner-Prozess
[3] die diesbezüglichen Diskussionen sind noch bei weitem nicht beendet: Veit Medick und Philipp Wittrock: Grundgesetzänderung: Regierung will Abschuss von Terrorflugzeugen erleichtern;  http://www.spiegel.de/politik/deutschland/terror-flugzeuge-koalition-will-grundgesetz-aendern-a-963044.html
[4] zum Thema ein schon etwas älterer Übersichtsartikel aus dem Deutsches Ärzteblatt:  http://www.aerzteblatt.de/archiv/30076/Zeugen-Jehovas-Kritik-am-Transfusionsverbot-nimmt-zu

 

Weitere Buchvorstellung von McEwan hier im Blog:

Der Tagträumer
Solar
Am Strand
Abbitte

Ian McEwan
Kindeswohl
Übersetzt aus dem Englischen von Mirko Bonné
Originausgabe: The Children Act, London, 2014
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 220 S., 2015

Ian McEwan: Am Strand

6. Oktober 2011

England, 1962. Edward und Florence sind seit heute frisch verheiratet, ihre Flitterwochen beginnen mit einem (englischen) Mahl in einem Hotel am Strand…. Sie sind nicht wirklich hungrig, dazu war das Hochzeitsessen zu üppig, doch gefangen in Ängsten und Unsicherheiten, deswegen wagt er es nicht, seine geliebte Flo bei der Hand zu nehmen und ins Zimmer zu führen. Und Flo selbst? Ihr Zögern hat nichts mit fehlendem Wagemut zu tun, sondern mit der Angst vor dem Unvermeidlichen….

So fängt die Ehe der beiden – das dürfen wir voraussetzen – sich liebenden holprig an, in einer Konstellation, die heutzutage wahrscheinlich eher selten ist, damals jedoch, noch vor der sexuellen Revolution (die Pille war erst zwei Jahre vorher in den USA auf den Markt gekommen und in Europa eher noch ein Gerücht): beide unerfahren, mit Ängsten und Unsicherheiten überladen, zu einer ehrlichen Aussprache über ihre Probleme nicht in der Lage.

McEwan schildert uns in groben Strichen das Leben der beiden jungen Menschen. Edwards Kindheit und Jugend ist geprägt von der Hirnverletzung seiner Mutter, die sie bei einem Unfall erlitten hat. Der Vater und die drei Kinder sind nicht in der Lage, den Haushalt halbwegs in den Griff zu bekommen, Majorie, die Mutter, irrlichtert in ihrer Krankheit durchs Haus und für sie halten die anderen eine Scheinwelt aufrecht: daß sie nämlich, die Mutter, den Haushalt bewältigt, die Kinder erzieht und die Familie bekocht. Nichts von alldem stimmt, aber unabgesprochen halten sich alle an diese Validation.

Edward geht dann zum Studium der Geschichte nach London, dort lebt er auf, fühlt die Enge, in der er zu Hause lebte. Er lernt andere Menschen kennen und merkt, daß seine sozialen Verhaltensweisen nicht immer und überall akzeptabel sind: ab und zu lässt er seinen Aggressionen in Kneipenschlägereien freien Lauf. Politisch engagiert er sich am Rande bei Anti-Atombomben-Aktionen, bei einer solchen lernt er auch Florence kennen.

Diese stammt aus einem gutsituierten Elternhaus, die Mutter ist Professorin, der Vater Unternehmer. Als Kind und Jugendliche hängt sich jedoch mehr am Vater, mütterliche Zuneigung, Körperberührungen gar, lernt sie nicht kennen. Sie ist schüchtern, unsicher, sich selbst und ihrem Körper gegenüber immer fremd geblieben. Nur als Musikerin entwickelt sie ihr Selbstbewusstsein; erst als Studentin im Mädchenwohnheim erfährt sie Umarmungen und Berührungen in ihrer Mädelsclique. Aber auch das Verhältnis zum Vater kühlt ab und geht auf Abstand, im Gegensatz zur Beziehung zwischen Ruth, ihrer jüngeren Schwester und dem Vater.

Edwards Probleme in der Hochzeitsnacht sind die, die viele junge Männer vor dem „ersten mal“ haben dürften (egal, wie weit sie den Mund vorher aufreissen….): er weiß einfach nicht, was er machen soll, was richtig und was falsch ist, welches Verhalten akzeptabel ist. Bisher hat er seine sexuellen Spannungen per Handbetrieb abgebaut, jetzt, vor der Hochzeitsnacht hat er eine Woche lang „keusch“ gelebt, sich für Florence aufgespart. Nichts also, was mann und frau nicht in den Griff bekommen sollten.

Bei Florence dagegen rebelliert etwas sehr tief in ihr Verborgenes gegen das Unvermeidliche der Hochzeitsnacht, schiere Angst und Panik erfassen sie. Bis heute hat sie ihren Edward auf Abstand halten können, ihm z.B klarmachen können, daß sie zwei Zungen in einem Mund für sie eine zuviel sind… einmal überwand sie sich, seinen Wunsch zu erfüllen und ihre Hand zwischen seine (behosten) Beine zu legen. Ein paar Sekunden, dann, als sie das erwachende Leben dort spürte, zog sie sie angewidert wieder weg.

McEwan erzählt uns nicht, ob etwas und wenn, was mit Florence in ihrer Kindheit passiert ist. Andeutungen nur, eine Erinnerung etwa von ihr irgendwann in dieser heutigen Nacht… sie sieht sich als zwölfjährige nackt in der Koje des väterlichen Segelboots (sie hat des öfteren Touren mit dem Vater gemacht) liegen, der Vater in der Ecke zieht sich – so wie heute Edward – aus… ob die Übelkeit, an die sich Florence erinnert, auf das Schaukeln des Bootes zurückzuführen ist oder auf etwas anderes… McEwan verrät es uns nicht, läßt es unausgesprochen im Unklaren….

Zurück zur Hochzeitsnacht… Flo nimmt ihren Edward bei der Hand und zieht ihn ins Zimmer. Das Unvermeidliche endlich hinter sich bringen, ihm endlich den Wunsch, der ihm in den Augen geschrieben steht, erfüllen. Sie wird es schaffen, für ihn wird sie es schaffen, ihre Angst und ihren Ekel zu überwinden. Tragischerweise deutet Edward alles, was Flo macht, miss: spürt er, daß sie zittert, ist es für ihn ein Zeichen der Begierde, stößt sie ob seiner Hand an ihrem Schenkel einen spitzen Schreckenslaut aus klingt dieser für ihn nach einem erregenden Schauer, der seine Flo durchlief. Ihr angewidertes Stöhnen muntert ihn auf, deutet er es doch als Zeichen ihrer Lust…. Der Reissverschluss des Kleides klemmt, das auch noch. Überhaupt, wie Florence, wie sich ausziehen, ohne den (vermeintlichen) Zauber des Augenblicks dadurch zu zerstören. Er weiß um die Empfindlichkeit seiner Frau….

Ein einziger Moment bei all diesen Bemühungen ist für die Frau frei von Schrecken: bei seiner Erkundung des sich unter dem Kleid befindlichen Terrains berührt Edward mit der Daumenspitze ein Schamhaar, ganz leicht streift er es und löst damit eine Erregung bei Florence aus, die sie als Wärme, eine sich durch den ganzen Körper fortpfanzende angenehme Welle empfindet und die ihr jetzt Mut gibt, Zuversicht. Schließlich und endlich ist er über ihr, sie versucht – so wie sie sich angelesen hat – ihm zu helfen und löst damit etwas allzu männliches aus, was sich aber hier und jetzt, zwischen Edward und Florence, zur Katastrophe ausweitet: besudelt, voller Ekel und Widerwillen läuft Florence davon und läßt Edward im Zimmer zurück.

Unfähig, sich auszusprechen, sich dem anderen zu öffnen werfen sie sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf, schließlich macht Florence Edward ein unmoralisches Angebot, das diesen nur noch mehr entrüstet. So kommt es zur Trennung noch in der Hochzeitsnacht.

Es ist tragisch. Ein Wort nur, ein „Ich liebe dich!“, ein „Bleib hier!“ oder „Geh nicht weg!“, das er Florence damals hätte nachrufen müssen, und beider Leben wäre anders verlaufen, ein Wort nur….

Zum Abschluss dieses kleinen Romans skizziert McEwan das weitere Leben Edwards. Es ist nicht unglücklich zu nennen, er hat seinen Spaß, er macht Geschäfte, Unternehmungen, hat (genügend) Erfolg damit, um gut zu leben. Die Pläne freilich, die er als junger Mann hatte: nichts davon verwirklicht er. Überhaupt, planlos verläuft sein Leben, er ergreift Gelegenheiten, wie sich sich bieten, lebt in den Tag hinein. Manchmal denkt er an Florence (die als Musikerin bekannt wird), er trifft sie aber nie wieder, da er sie so in Erinnerung behalten will, wie sie damals war. Er weiß es, keine der vielen Frauen, mit denen er zusammen war, hat er so geliebt wie sie.

Dieser letzte Abschnitt hat ich sehr an den Leo Kaplan von de Winter erinnert, den ich vor ein paar Tagen gelesen hatte. Hie wie dort zwei Paare, die sich zwar lieben, die aber bei der ersten Bewährungsprobe ihrer Liebe sprachlos bleiben und die Flucht ergreifen. In beiden Fällen erkennen sie vor Unsicherheit, Ichbezogenheit und gekränktem Ego nicht, daß sie an einer Schaltstelle des Lebens stehen und sich dieser Herausforderung stellen müssten. Stattdessen wählen sie den erst einmal leichteren Weg, das Auseinandergehen. Hier wie dort auch, daß die Lebensplanung vor allem der Männer auseinanderfällt. Es ist kein Scheitern beider Leben, beide Männern haben durchaus ihre Erfolgserlebnisse und sogar Erfolge, aber trotzdem ist ihr Leben unstetig, es hat keine innere Ruhe, es reagiert von Tag zu Tag neu und anders. Die Leere im Herzen, in der Seele läßt Leo Kaplan und auch Edward zu Suchenden werden, die nicht finden können, weil sie das, was ihnen fehlt, vor langer Zeit verloren haben.

Was de Winter in einem umfangreichen, opulenten Roman beschrieben hat, geschieht bei McEwan in einen dünnen Werk, das man in zwei, drei Stunden gelesen haben kann. de Winter erfreut uns mit einem bunten Gemälde, farbenfroh und ausladen, während McEwan sich auf eine Skizze beschränkt, mit wenigen Strichen, die aber gut gesetzt sind und aufs Wesentliche zielend. Die Schwerpunkte liegen anders, de Winter führt besonders die Folgen der unbedachten, im Zentrum stehenden Handlung für die beiden Menschen aus, McEwan konzentriert sich auf die Zwangsläufigkeit, mit der die beiden Protagonisten auf ihr Unglück zusteuern und gibt damit auch gleichzeitig einen Blick frei auf eine verklemmte, prüde Gesellschaft, die bald darauf von einer revoltierenden Jugend überrollt werden sollte.

Facit: Ein kleiner, aber feiner Roman über eine sprachlose Beziehung, die von Anfang an auf eine persönliche Katastrophe hinauslief.

Ian McEwan
Am Strand
übersetzt von Bernhard Robben
Diogenes, 2007
Erstveröffentlichung:

Ian McEwan: Solar

28. September 2010

Solar ist die Geschichte von Michael Beard, einem britischen Nobelpreisträger, der mit diesem Titel gleichzeitig auch den Höhepunkt seiner Schaffenskraft erreicht hat und sich in den Folgejahren mehr mit dem Vermarkten seines Namens und seines Renommees befasst als weiterhin mit Forschung.

Der Homo sapiens war der beste Beweis gegen die Existenz Gottes. Kein Gott, der etwas taugte, konnte an einer Werkbank so nachlässig gewesen sein. Beard teilte genüsslich alle Makel mit dem Rest der Menschheit.

Der Inhalt im Schnelldurchgang: Beard, der im Grunde mehr mit dem Scheitern seiner fünften Ehe befasst ist als mit seiner Arbeit in einem aus politischem Opportunismus gegründeten Umweltforschungsinstitut hat Zugriff auf die Unterlagen eines jungen, in seinem Haus verstorbenen Wissenschaftlers, die sich als Konzept für eine neuartige, revolutionäre Nutzung der Solarenergie erweisen. Er sieht in diesem Papier seine Chance, er treibt Gelder und Forschungsstellen auf, in denen er das Konzept über die Laborphase, Konzeptstudien bis letztlich in die kommerzielle Phase weiterentwickeln kann. Es sieht gut aus, jetzt, am Tag vor der großen Feier zur Inbetriebnahme „seiner“ Anlage. Aber.. man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.

Mit diesem Grundplot bezeichnet die Kritik „Solar“ als den ersten Umweltroman. Und sicher nehmen Klimaerwärmung, Umweltpolitik, umweltschützerischer Idealismus und blockierende Industrien einen großen Raum der Handlung (bzw. eben gerade nicht Handlung, sondern ausschweifenden Betrachtens…) ein. McEwan läßt Beard in seinen diversen Reden noch einmal alle gängigen Argumente für eine umweltgerechte Politik anführen, er schildert die Skepsis und Kurzsichtigkeit der einschlägigen Industrie, belächelt den Idealismus der Umweltschützer, die mit viel Energieaufwand zu einem Klimawandelkunsttag in die Arktis fliegen… das ganze gewürzt mit einer gehörigen Prise wissenschaftlicher Fachtermini, die der Normalleser wohl kaum einordnen kann und die auch nichts zu Sache beitragen – ich gebe zu, mich hat das nicht überzeugt, eher gelangweilt. Er gönnt seine ironischen Seitenhiebe der Wissenschaft (wer wollte behaupten, an die Existenz der 10 hoch 500 möglichen Universen nach bestimmten Stringtheorien müsse man weniger glauben als an die Existenz eines Gottes) und der Politik, garniert die Geschichte mit Slapstickeinlagen, die er aber nicht wirklich in die Geschichte einbaut, sondern nach dem vermeintlichen „Gag“ (Merke: niemals bei -30 Grad gegen den Wind pinkeln…) abrupt beendet und auch die anderen ursprünglichen Bedürfnisse des Mannes neben Essen und Trinken weiß er in die Geschichte einzubauen… aber trotzdem… irgendwie war es blutleer und langatmig…

Vielleicht liegt es an der Person des Beard, einem opportunistischen, intelligenten, skrupellosen Widerling, fett, verfressen, dem Alkohol zugetan, lügend und betrügend, der wenig Anhalt bietet, sich mit ihm zu identifizieren oder als „böser Held“ eine gewisse Zuneigung auf sich zu lenken. Fünfmal verheiratet und genau so oft geschieden, säumen unzählige Affären seinen Lebensweg, die ihm eigentlich nur für die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse dienen, von denen ein anderes die saubere Zufluchtsstätte ist, die er bei den Damen zu Hause antrifft. In seinem eigenen Heim dagegen wütet eine Katastrophe der anderen Art, im Lauf der Jahre, in denen nichts geputzt und repariert wurde, wurde sie zum Biotop für Ungeziefer aller Art, für Pilzteppiche und Sporenstürme…. genauso verwüstet er seinen eigenen Körper durch Kalorien- und Alkoholzufuhr, bis schlussendlich die unterste Falte seines Doppelkinns an den Kamm eines Truthahns erinnert.

In der SZ wird Beard als Allegorie bezeichnet, so wie im obigen Zitat ja auch schon festgestellt wird, daß sich in der Person Beard alle Makel der Menschheit zeigen (und in seiner Bleibe der Zustand der Erde). Wenn die Menschheit wirklich so ist, dann ist es schlecht um sie bestellt, dann ist dieser Roman ein zutiefst pessimistischer, denn Beard ist ein Betrüger, Lügner und Dieb und der Rest der Bagage, die ihm aufsitzt, die ihn hofiert und immer wieder einlädt ist auch nicht besser. Und Beard zerstört sich selber, er kann nicht masshalten, er achtet nicht auf sich, er treibt Raubbau an seinem Körper so wie die Menschheit unbelehrbar an der Natur.. dieser Bilder sind viele.

Beard (als Figur) ist ein Frauenheld, warum die Frauen diesen feisten Menschen aber so lieben, bleibt unklar. Er gibt ihnen nichts (ausser vllt den abendlichen kleinen Tod. Immerhin.), im Gegenteil, er belügt und betrügt sie. Sie langweilen ihn, ist alles vorbei denkt er an seine Projekte und die sich an ihn Schmusende wird ihm lästig. Nur einer gelingt es, ihn reinzulegen, von ihr wird er ebenfalls belogen und sie nimmt das von ihm auf, was nur ein Mann abgeben kann, um das zu bekommen, was nur eine Frau austragen kann… Trotzdem haben mir diese Kapitel, in denen es um die Figur Beard und seine privaten Verhältnisse geht, noch besser gefallen als der Rest.

Facit: ein langatmiges Buch, das mich insbesondere im Mittelteil etwas Mühe gekostet hat. Vllt, weil ich pro und contra Klimawandel auch sonst schon verfolge und zur „Genüge“ kenne und es hier als aufgesetzt und belehrend empfunden habe. Gegen Ende hat die Geschichte, da sie sich wieder mehr der Person Beard widmete, dann wieder etwas Tempo aufgenommen, so daß der letzte Buchabschnitt wieder etwas kurzweiliger zu lesen war.

Links:

Rezension in der SZ

Rezension in der FAZ

Ian McEwan
Solar
Diogenes, TB, 2010, 368 S.

Ian McEwan: Abbitte

16. Januar 2010

England, in der Nähe Londons. Ein in einer weiträumigen Parklandschaft gelegenes Herrenhaus, ein gleißender Sommertag und eine Vielzahl von Menschen, die McEwan im Stil eines englischen Gesellschaftsromans beschreibt. Mehr als einmal dachte ich, daß ich Brideshead wiedersehe….

Es ist das Haus der Familie Tallis. Emily, die Mutter, pflegt ihre Migräne vorwiegend im abgedunkelten Schlafzimmer, ihr Mann sitzt in London im Ministerium – der 2. Weltkrieg wirft im Jahr 1935 seine langen Schatten voraus. Die viele Arbeit (und auch – so wird angedeutet – die nachherige Entspannung davon) hindert ihn des öfteren, nach Hause zu kommen. Im Haus führt Betty die Küche und den Haushalt, Cecilia, die ältere Tochter ist anwesend und mit dem von der Mutter gewünschten Aufstellen eines Blumenarrangements für den ganzen Tag beschäftigt. Briony, das 13jährige Nesthäkchen ist aufgeregt, zu Ehren des Besuchs ihres Bruders Leon hat sie, die mit dem Kopf in den Wolken schwebt und einen ganzen Kosmos an Phantastereien in ihre schriftstellerischen Elaborate steckt, ein Theaterstück geschrieben, daß sie mit den ebenfalls für heute erwarteten Kindern ihrer Tante aus dem Norden aufführen will. Und im Garten werkelt Robbie Turner, der Sohn der Dienstfrau, der vom Vater unterstützt und gefördert vor einem hoffnungsvollen Leben steht. Dies ist vereinfacht dargestellt die Ausgangssituation, in die McEwan uns führt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Briony, das Mädchen zwischen Kindheit und Erwachsensein. Weder noch hier noch schon dort fehlen ihr die Massstäbe zum Urteilen, ihre Phantasie, ihre eigenen (unterschwelligen) Wünsche gaukeln ihr Bilder vor und flüstern ihr Sachen ein, deren Konsequenz sie nicht erahnt. Ähnlich wie die Hitze des Tages flirrende Bilder erzeugt, kann sie die Realität nicht fassen sondern fällt auf Trugschlüsse herein.

Sehr einfühlsam entwickelt McEwan in diesem Szenario den Verlauf des Tages, dessen Unglück damit beginnt, daß Cecila und Robbie beim Füllen der Vase mit Wasser am Gartenbrunnen dieses wertvolle Stück zerbrechen und Cecilia in Unterwäsche in den Brunnen steigt, um die Scherben zu bergen. Für Briony ist dieses Bild aus der Entfernung nicht zu deuten, es wird zu einem Mosaiksteinchen im Teppich über der Falltür, durch die kurz darauf alle stürzen.

Die Gefühle zwischen Cecilia und Robbie, anfänglich aggressiv und voller Spannung, lösen sich, als endlich das befreiende Wort gesprochen wird: ich liebe dich. Doch leider verwechselt Robbie den Brief, den er durch Briony an Cecilia schickt, mit einem früheren Entwurf, in dem er auch mehr körperbetonte Handlungen ins Spiel bringt. Briony öffnet diesen Brief, sie ist schockiert, spioniert Robbie und Cecila nach und fängt an, Robbie zu hassen und mit einer falschen Beschuldigung, die von keinem außer Cecilia in Frage gestellt wird, beschwört sie die Katastrophe hervor.

Ist der erste Teild es Romans durch eine geradezu einschläfernde Behäbigkeit der Atmosphäre geprägt, stellt der zweiter Teil das genaue Gegenteil dar, damit wird auch der Bruch im Leben der Personen offensichtlich. Fünf Jahre sind vergangen, Robbier, der im Gefängnis saß, hatte durch den Krieg die Gelegenheit, zu den Truppen entlassen zu werden. Der Autor schildert den Versuch Robbie Turners, mit zwei Kameraden der Einkesselung durch die deutschen Truppen bei Dünkirchen zu entkommen. (Stichwort: „Wunder von Dünkirchen„). Die Beschreibung dieser Odyssee ist schonungslos, hart und grausam, wie der Krieg.

Im letzten Teil geht Ian McEwan auf das Schicksal von Briony ein. Auch deren Leben ist durch ihre Tat entscheidend beeinflusst, anstatt zur Schule zu gehen unterwirft sie sich als Schwesternschülerin in einem Krankenhaus einem quasi-militärischem Drill, pflegt und versorgt verwundete Soldaten. Und sie nimmt nach all den Jahren wieder Kontakt auf zu ihrer Schwester, die nach dem Zwischenfall im Sommer 1935 mit der Familie gebrochen hatte.

Im Epilog, der 1999 in London angesiedelt ist, schließt sich letztlich der Kreis, den der Autor mit seinen Figuren geflochten hat.

Schuld ist das Thema des Buches, Schuld und Sühne, Vergebung und Busse, aber auch Liebe und Treue. Die kleine, bösartige Schwindelei einer intrigierenden Pubertierenden, der allzu bereitwillig geglaubt wird, weil sie auf einen trifft, der sowieso nicht so richtig dazu gehört. Einen Schuldigen zu haben, noch dazu so einen, das reicht, um die Ordnung wieder herzustellen und das Mädchen, gefangen in seiner eigenen Behauptung findet nicht den Weg zurück in den Zweifel. Und so zerstört dieser Moment den vorgezeichneten Lebensentwurf der Beteiligten, wirft das Leben buchstäblich in andere Bahnen, unwiederruflich und endgültig. Keine Sühne, und sei sie auch noch so groß, kann hier etwas rückgängig oder wieder gut machen, nur eins kann getan werden, Abbitte kann geleistet werden und – vielleicht – Vergebung gewährt.

Facit: Im ersten Teil des Buches muss man sich einfach von der Behäbigkeit der Betrachtungen und dem Glast der Sonne in dieser sommerlichen Umgebung einfangen lassen… dann wird es auch nicht langweilig. Langatmig ist es schon…. Aber sei es drum: ein großes Thema verlangt auch noch einer großen Darstellung. Und die ist gelungen!

Ian McEwan
Abbitte
Diogenes TB, April 2004, 544 S.
ISBN-10: 3257233809
ISBN-13: 978-3257233803

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