Anthony McCartens funny girl erschien 2014 in deutscher Übersetzung, interessanterweise habe ich keine englische Ausgabe gefunden, auch bei z.B. goodreads wird nur auf den bei Diogenes erschienen, übersetzten Roman verwiesen [3]. Falls es tatsächlich keine englischsprachige Ausgabe gibt, hat dies möglicherweise (aber das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits) damit zu tun, daß die Hoffung des Autoren, jeder würde das Buch als Aufruf zur Toleranz und ‚Brücke zwischen den Kulturen‘ verstehen, dann doch nicht so gesichert ist [4]. Sei es drum, vielleicht gibt es ja auch verlagsinterne Gründe für diese zumindest ungewöhnliche Publikationsgeschichte.


Bei funny girl (nicht zu verwechseln mit der 1964 mit gleichen Titel publizierten Geschichte (?) etc pp. einer gewissen Isobel Lennart; sogar der große online-Händler ist hier ins Schleudern geraten [5]) handelt es sich um die Geschichte des Emanzipationsprozesses einer jungen Britin, deren Eltern aus dem kurdischen Teil der Türkei geflohen und nach England emigriert sind.

Die Familie Gervas wohnt in Green Lanes [6], einer Gegend im Norden Londons, in der sich viele kurdische bzw. türkische Emigranten angesiedelt haben, so daß diese hier im Großen und Ganzen ihr Leben noch nach den Traditionen ihrer Herkunftsorte gestalten können. Zwar haben sie sich durchaus eingerichtet im neuen Land, die Gervas sprechen sogar mittlerweile in der Familie im Alltag die Sprache des neuen Landes, wenngleich sie in Krisensituationen wieder in die uralte Sprache ihre Heimat mit all den Gesten und Mimiken ‚zurück’fallen. Der sowieso schon immer potentiell schwelende Konflikt zwischen den Generationen wird in diesen Familien durch den Zusammenprall der Kulturen in seiner Härte noch potentiert. Die erste Generation, der die Titelheldin Azime angehört, ist zwischen den zwei Kulturen wie zwischen zwei Mahlsteinen eingeklemmt, denn deren konstituierenden Merkmale sind kaum miteinander zu vereinbaren.

Diesen existentiellen Konflikt bekommt Azime zu spüren. Sie, die zwanzigjährige Britin, liebt das Leben, sie lacht gerne so wie sie gleichfalls die Begabung hat, sich Witze zu merken und sie zu erzählen. Sie kann ihre beste Freundin Buna damit aus deren Trübsal über ihr Schicksal, das dem Azimes entgegengestellt wird und ihr den Horror vermittelt, den ein tradionelles Leben potentiell für sie als Frau bereit hielte, herauskatapultieren und ins Lachen bringen. In der elterlichen Wohung dagegen darf sie der kleine Bruder mit seinen sechzehn Jahren ungestraft, mit Billigung des Vaters, ohrfeigen, er wird sie bald im Auftrag des Vaters aus Lokalen zerren, in denen sie sich mit einem jungen Männern getroffen hat: die traditionelle Rollenverteilung des ländlichen Kurdistan lebt in der Wohnung weiter. Azime unterliegt zuhause in solchen Fällen der Standardstrafe der Mutter für ungebührliches Verhalten (x Tage Zimmerarrest). Ferner muss sie im schlecht laufenden Möbelgeschäft des Vaters arbeiten, diese ungeliebte Beschäftigung bietet ihr andererseits Muße für ihre Träume.

Da Azime aber niemand ist, der sich das alles gefallen läßt (so hat sie sich seinerzeit nach dem Probemonat beispielsweise geweigert, weiterhin ein Kopftuch zu tragen) kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzung, auch ist Azime zu Heimlichkeiten gezwungen und zu Lügen. Daß sie zum Beispiel Deniz kennt, diesen ungeheuer sympathischen Schlacks, durch den ihr Leben einen entscheidenden Kick bekommen sollte.

Deniz nämlich ist im eigenen Verständnis der so ziemlich weltbeste Stand-up Comedian, den man sich vorstellen kann. Daß dieses Verständnis ein Alleinstellungsmerkmal von Deniz ist, merkt Azime schnell, als sie ihn eines Abends heimlich in den Comedy-Kursus von Kristin begleitet….

Der weitere Ablauf der Handlung ist jetzt vorhersehbar: für Azime wird es eine reale Möglichkeit, als Comedian (die erste muslimische Stand-up Comedian der Welt) aufzutreten – und zwar in einer Burka, denn natürlich darf niemand erfahren, wer sie ist und was sie dort treibt…. nach anfänglichen Problemen (natürlich ist Azime schüchtern, hat Selbstzweifel, mangelndes Selbstbewusstein etc pp) kommen erste Erfolgserlebnisse und sie merkt, daß sie den Menschen etwas zu sagen hat und sie zum Lachen bringen kann…

Azime bekommt aber auch sofort die Schattenseiten zu spüren. Dank Deniz, der sich als ihr Manager geriert, erfährt die Presse ihren Namen und damit ist zuhause die Hölle los. Aber nicht nur zuhause brodelt es, auch bei Facebook schlägt ihr offene Feindschaft bis hin zu (Mord)Drohungen entgegen. Diese Drohungen sind keineswegs nur so dahingesagt, Azime und Deniz werden nach einem Auftritt sehr real attackiert.

Es gibt Zeiten des Zweifels, der immer währenden Angst – natürlich, wer könnte dies verdenken. Der Druck der Gemeinschaft ist groß, die Familie wird zusammengetrommelt und Azime steht ganz allein gegen alle, die sie, die Abtrünnige, zurückholen wollen in die althergebrachten Traditionen. Die steten Verheiratungsversuche der Mutter beispielsweise (die Azime jedoch sehr witzig zu lesen stets erfolgreich sabotiert) sind eine parallel laufende Nebenhandlung in der Geschichte.

So geht es eine ganze Zeit lang hin und her, bis es dann etwas ’süßlich‘ wird: der Vater (der die Tochter natürlich heiß und innig liebt) entdeckt deren versteckte Notizen und Einfälle und kann sich vor Lachen kaum noch halten, auch ist er in seiner Eitelkeit geschmeichelt, denn Azime hat viele seiner Sprüche für ihre Auftritte notiert. Azime andererseits hat bei dem Versuch, sich dann doch in die Gemeinschaft einzufügen, endgültig gemerkt, daß sie das nicht kann. Zudem bekommt sie das Angebot zu einem Auftritt, daß sie einfach nicht abschlagen kann… und unter den fünfzehntausend Zuhöreren ist schluss- und endlich auch ihre gesamte Familie. Ende gut, alles gut?


funny girl, das sei zu Anfang festgehalten, ist trotz des ernsten Themas ein sehr amüsant und gut zu lesender Roman, er ist Unterhaltung der besseren Art. Es gab einige Stellen, an denen ich laut aufgelacht habe, weil die Azime in den Mund gelegten Sprüche das einfach verlangten. Aber auch die Geschichte als solche ist natürlich wichtig.

Es ist der – jetzt hätte ich fast geschrieben: die ewig alte Geschichte vom – Zusammenprall der Kulturen am Beispiel des Lachens. Der Westen mit seiner auf individuelle Freiheit ausgelegten Kultur, in dem das Lachen, der Witz keineswegs verpönt ist, im Gegenteil, und dem Islam, für den das Lachen eine seichte Ablenkung ist vom wahren und gläubigen Leben (den vermeintlich schädlichen Einfluss des Lachens hat ja schon Umberto Ecos in seinem Roman Im Namen der Rose erfolgreich thematisierte).

Azime als Heldin der Geschichte ist sehr mutig. Sie nimmt die Position einer Aussenseiterin in Kauf, eines Menschen, der sich außerhalb der Gesellschaft stellt, in die er hineingeboren worden ist, in der er eingehüllt und getragen werden könnte. In der Geschichte werden ihr mehrere Personen gegenübergestellt, die genau dies machen: ihre jüngere Schwester Döndü, die allen verbalen Bekundungen zum Trotz letztlich das Kopftuch tragen wird, weil sie nur dadurch in der sie umgurrenden Gemeinschaft der Frauen bleiben kann, die Mutter Babite selbst natürlich, die die traditionellen Werte des verlassenen kurdischen Dorfes lebt und leben will, die beste Freundin Banu, die sich ihre unglückliche, von massiver häuslicher Gewalt geprägte Ehe schönredet… und dann war da noch dieses sechzehnjährige Mädchen, das ebenfalls wie Azime rebelliert, weil es in einen italienischen Jungen verliebt war, den sie nicht lieben durfte und das den Eltern den Gefallen tat, ihnen den Ehrenmord zu ersparen, indem es vom Balkon springt….

In einem zweiten Aspekt weist die Titelheldin ebenfalls großen persönlichen Mut auf, unterstützt und ermuntert durch ihren Freund Deniz: sie überwindet die Angst, die ihr durch Hass und Drohungen eingeflößt wird. Sie wird als Witze erzählende, in einer Burka öffentlich auftretende Muslima zur Hassperson per se, auf sie konzentriert sich die angesammelte Wut und Frustration all derer, die sich berufen fühlen, ihr radikales Verständnis von Religion und Kultur zu verteidigen – und das sind nicht wenige und sie sind nicht zimperlich.

McCarten läßt das Ende seiner Geschichte teilweise offen. Weiter vorne schrieb ich, daß es etwas ’süßlich‘ wird, damit meinte ich die letztendlich stattfindende Aussöhnung mit der Familie. Offen bleibt jedoch, wie sich der Hass, der sich in den sozialen Netzwerken, aber ebenso ganz konkret in Angriffen auf Azime persönlich, zeigt, weiter entwickelt.


McCarten greift in funny girl aktuelle gesellschaftliche Phänomene auf: die Zerrissenheit der ersten Generation zwischen den alten Traditionen des Herkunftslandes der Eltern und dem Land, in dem sie groß geworden und aufgewachsen sind. Dieser Zwiespalt äußert sich teilweise radikal mit Hass und Gewalt: anonym und enthemmt in sozialen Netzwerken, aber auch mit anonymen Briefen, mit ganz handfesten Angriffen auf Leib und Leben. Nicht umsonst läßt der Autor seine Geschichte vor dem Hintergrund der Serie von Terroranschlägen 2005 in London spielen.

Anthony McCarten ist in Neuseeland geboren, lebt aber in London. Muslim ist er erkennbar nicht (zumindest für mich), in funny girl schreibt er also über eine gesellschaftliche Gruppe, der er selbst nicht angehört. Natürlich klingt das, was er schreibt, plausibel und glaubhaft – es bedient schließlich alle Vorurteile, die man als Leser möglicherweise selbst hat und widerspricht auch nicht dem, was man gegebenenfalls tatsächlich gesehen oder gehört hat, entweder in persönlichen Erlebnissen oder durch z.B. Hasskommentare und -beiträge auf Facebook. Trotzdem habe ich mir beim Lesen immer mal wieder vor Augen gehalten, daß funny girl ein Roman ist, daß er mit einiger Sicherheit verdichtet, zuspitzt, akzentuiert und übertreibt: er ist kein Tatsachenbericht und man sollte ihn nicht dazu missbrauchen, eigene Vorurteile bestätigt zu sehen. Möglicherweise hat McCarten auch aus diesem Grund einen ’schlechten‘ Christen mit in seine Geschichte eingebaut.

funny girl ist trotz des ernsten Themas ein sehr witziger Roman, McCarten fügt immer wieder Passagen ein, in denen er das ‚Programm‘ von Azime (und anderen Comedians) wiedergibt. Nicht weniger köstlich sind die Szenen der angestrebten Verheiratungen Azimes durch die Mutter und schließlich die Treffen der Tochter mit den bedauernswerten Kandidaten. McCarten versteht es, zu formulieren, zu erzählen, zu unterhalten. Dialoge, Gespräche und Beschreibungen wechseln sich ab, mit der ‚Nebenfigur‘ Kirsten, die Leiterin des Comedykurses, hat er eine sehr lebenskluge Frau in die Handlung mit hereingebracht. Azime, die Heldin der Geschichte, wächst einem im Lauf der Handlung immer mehr ans Herz, so viel Angst, aber auch so viel Mut und so viel Witz…

… und wer dann noch eine Aufzählung von Oxymora zu schätzen weiß, der ist mit funny girl absolut richtig bedient.

Und? Hat jetzt jeder mitbekommen, wie gut mir das Buch gefallen hat, wie gern ich es gelesen haben? Nicht? Na ja, für euch sag ich´s noch deutlich: Well done, McCarten!

Links und Anmerkungen:

[1] die Autorenseite beim Verlag: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/m/anthony-mccarten.html
[2] —
[3] vgl. Bibliographie bei goodreads:  http://www.goodreads.com/author/show/288213.Anthony_McCarten
[4] vgl. hier: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/175223/index.html
[5] vgl. hier: https://www.amazon.com/funny-girl-Isobel-Lennart/dp/3257068921/ref=asap_bc?ie=UTF8
[6] die Gegend, in der der Roman spielt, wie sie bei Wiki beschrieben wird: https://en.wikipedia.org/wiki/Green_Lanes_(London)

Mehr von Anthony McCarten auf diesem Blog:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden

Anthony McCarten
funny girl
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: ? 
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 370 S., 2014

Vorbemerkung: der 1895 von Hardy veröffentlichte Roman Jude the Obscure ist im Deutschen auch unter folgenden Titeln publiziert worden: Im Dunkeln, Herzen in Aufruhr und Juda, der Unberühmte. Ein weiteres ‚Problem‘ ist der Name der Hauptperson, die im Original ‚Jude‘ heißt, was als Eigenname im Deutschen unbekannt ist und als Wort eine völlig andere, im Zusammenhang mit dem Roman irritierende Bedeutung hat. So wird der Protagonist der Geschichte in der Übersetzung also kurzerhand in ‚Juda‘ umbenannt, auch das ein Name, der biblische Assoziationen aufkommen läßt, was aber im Gesamtzusammenhang des Romans gar nicht so unpassend ist. (btw: ich habe mich in jungen Jahren in dieser Hinsicht auch mit dem Beatles-Titel Hey Jude sehr schwer getan….)

Mit dem Titel Im Dunkeln steht dieser Roman schon länger bei mir im Regal, als ich neulich bei Waters in ihrer Muschelöffnerin [3] dieses Buch erwähnt fand (was zeitlich ja sehr knapp ist, da der Roman erst 1895, also in der Endzeit der Romanhandlung Waters‘ erschienen ist) habe ich ihn mir endlich aus dem Regal geholt und das schon länger geplante Lesen auch umgesetzt….


Juda Fawley also ist die Hauptperson, deren Leben wir in diesem Roman verfolgen können. Er wird nach dem Tod der Eltern, über den wir im Lauf der Geschichte kurz aufgeklärt werden, bei der Tante groß, einer Tante, die ihn nicht besonders liebt, aber immerhin dafür sorgt, daß er gekleidet ist, zu essen hat und später dann auch arbeiten kann. Das große Idol des kleinen Juda ist der örtliche Lehrer und so beginnt der Roman gleich mit einer Trennung, der Schulmeister zog aus dem Dorfe fort; das schienen alles zu bedauern. Er; Phillotson mit Name, wollte in der recht nahe gelegenen Stadt Christminster (=Oxford), nichtsdestotrotz jedoch einer anderen Welt, weiterkommen, einen akademischen Grad erringen und Geistlicher werden. Mit diesem Begehr setzt er für den jungen Schüler Juda einen Traum in die Welt, dem dieser fortan nachjagen sollte. Die nächsten Jahre versucht der Junge, der im Dorf seines Traumes wegen ein wenig verlacht wird, sich Bildung anzueignen, er besorgt sich Bücher, lateinische und griechische und bringt sich diese Sprachen bei. Das Pferd beispielsweise, mit dem er später Brot für seine Tante, die eine Bäckerei hat, ausfährt, kennt bald den Weg und so läßt er es allein laufen und sitzt derweil auf dem Kutscherbock und lernt…

Aber Juda ist nicht nur Lernender, er hat auch ein funktionierendes endokrines System, auch wenn Hardy diesen Ausdruck im Roman natürlich nicht verwendet. Und dieses System wird durch Arabella im wahrsten Sinne des Wortes angeworfen. Als Tochter eines Schweinehalters hilft sie dem Vater und wäscht zusammen mit Freundinnen am Fluss, just in dem Moment, in dem Juda auf seinem Weg dort vorbei kommt, Schweinedärme aus und bewirft den Vorbeikommenden mit dem, was den Eber zum Eber macht. Ein fürwahr köstliche Szene mit Folgen: Christminster war  jetzt vergessen. Sich mit Arabella über den gewöhnlichen Dorfklatsch zu unterhalten, gewährte ihm größeren Genuß, als es eine Diskussion über sämtliche Philosophiesysteme mit sämtlichen Professoren der kürzlich noch an angeschwärmten Universität vermocht hätte; … und die Sonne war nicht weiter als eine praktische Lampe zur Beleuchtung von Arabellas Antlitz. …

Juda hängt wie der Köder an der Angel Arabellas und was Arabella fischen will, ist die Ehe. Und da Juda ein Ehrenmann ist, gelingt Arabella der Fischzug, ein subtiler Hinweis auf ihren neuen Mitbewohner, den Juda ihr (… beide hatten sich in der Zwischenzeit of und oft getroffen …) eingepflanzt hat, nimmt den jungen Mann (er ist kaum neunzehn Jahre alt, noch Lehrling in einer Steinmetzwerkstatt) in die Pflicht. Kurz und gut, es gibt eine Hochzeit, es gibt eine kurze Zeit des Glücks, eine längere des Unglücks, ein schockierendes Geständnis, eine Trennung, ein hilfloser Suizidversuch des von seiner Frau Verlassenen, ein Besäufnis und danach der große Weltschmerz. Und die Erinnerung an seinen früheren Traum, der er für dieses fehlgeleitete Intermezzo aufgegeben hat.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.. Nach dem Ende der Lehrzeit beschließt Juda, in sein verehrtes Christminster umzuziehen. Es ist ein Zauber, mit dem die Stadt ihn umfängt, all die berühmten Gelehrten, die dort gewirkt, erscheinen ihm in den Gassen, den Colleges, den hohen Toren, auf den Brücken…. ein Hochgefühl erfasst ihn, diese Atmosphäre des Wissens und der Weisheit….

Am Tag erscheint die Stadt dann schon nüchterner, die Fassaden bröckliger, für ihn als Steinmetz kann das nur von Vorteil sein. Aber nicht nur die Fassaden bröckeln, es bröckelt auch Judas fester Wille. Denn stetig höhlt die Erinnerung an das Bild der Cousine, das bzw. die ihm so schön und – er muss es sich eingestehen – begehrenswert dünkt, seine Zielstrebigkeit. Er hat das Bild noch bei der Tante zuhause gesehen und es sich von ihr erbeten, gegen das Verbot der Tante, Kontakt mit diesem Abkömmling des verfeindeten Teils der Familie aufzunehmen.

Auch hier jetzt nur die Kurzversion: Juda und Sue treffen sich zwar, aber noch ist er zu schicklich, verheiratet immer noch, und sie eine Verwandte… und so macht er sich mit seinem alten Idol, dem Lehrer gebliebenen Schulmeister bekannt und verschafft ihr dort eine Arbeit. Selbige hatte sie nämlich am Tag davor einiger Götzenbilder wegen verloren. Aber was passiert, wenn ein mittelalter Mann und eine junge, schöne Frau zusammenarbeiten? Eben, eben… und Juda muss dem hilflos zuschauen….. Und nicht nur hier bleibt der junge Mann aussen vor: sein (erstmalig) aktives Bemühen, auf einem College als Student angenommen zu werden, scheitert grandios: Schuster, bleib bei deinem Leisten, so die einzige Antwort, die er erhält. Und wieder lockt der Alkohol…. schließlich verläßt Juda Christminster und kehrt zurück in sein altes Dorf. Dort wenigstens macht man ihm Hoffnung, als Laie könne er durchaus auch in der Kirche dienen.

So widmet sich unser Held wieder der Theologie, wenngleich diesmal eher in Bezug auf ihre praktische Anwendung in einer zukünftigen Gemeinde. Bis ihn eine Nachricht Sues erreicht, sie sei unter strenger Zucht in einem Lehrerinnenanwärterseminar und er solle sie doch… na ja, besuchen halt. Ach, so wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt, vertreibt die Sehnsucht nach der still Geliebten die Hingabe an das Studium der Theologie – natürlich folgt Juda sofort dem Ruf des Weibes. Welches er ernster, farbloser antrifft als er es aus Christminster kannte. Seltsam geschlechtslos scheint Sue ihm, wankend in ihren Bemerkungen und ihrem Reden, während er…. und dann noch dies: sie habe ihm, dem alten Lehrer Phillotson, die Heirat versprochen!

Kann man sich vorstellen, wie die Welt des Juda jetzt ins Wanken kommt, ins Schwanken, ins Trudeln und Rotieren? Und wie er doch nichts sagen kann, ist sie doch eine Verwandte und er auf dem Weg zum Hilfspriester, und außerdem: er hat ein Weib vor dem Gesetz und der Kirche… so fährt er tief geknickt, aber dies nicht zeigend, zurück in seine so trostlose Heimstatt, die ihm vor kurzem noch so sicher beherbergte.

Was soll man sagen? Einer Dummheit wegen, die zu einfältigem Gerede führt, wird Sue des Seminars verwiesen, also ist auch für Phillotson kein Grund mehr, mit der Hochzeit zu warten: Ob er denn den Brautvater spielen könne, fragt Sue ihren Vetter… denn er sei doch ihr einziger verheiratete Verwandter, den sie hier habe. Denn auch das geschah noch: er beichtete ihr seinen Status als verheirateter Mann.

So geht es hin und her, sie ruft ihn, auch wieder an den neuen Wohnort, an den sie zusammen mit ihrem neuen Manne lebt, und sie schickt ihn wieder weg, obschon in Juda die Gewissheit immer größer wird, das sie unglücklich ist in ihrer Ehe so wie er es war in der mit Arabella. Der er – so sei es hier vermerkt, ohne näheres dazu zu sagen bis auf die Tatsache ihrer Juda verblüffenden neuerlichen Verheiratung in Australien – durch Zufall in einer Wirtschaft, in die er in der Absicht, sich mit zumindest mal einem Hochprozentigen über die Not zu helfen, eingetreten war, zu seiner großen Überraschung wieder begegnet.

Es kommt jedoch bald die Stunde jetzt des Ehemanns Phillotson, der als tragischer Held über sich hinauswächst: Sue, die immer unglücklicher wird in ihrer Ehe, die, als ihr Mann ihr Zimmer betritt, lieber aus dem Fenster springt, als ihn zu empfangen, bittet ihren Mann, sie gehen zu lassen. Und dieser Mann, seiner Zeit (und in den meisten Fällen wohl sogar noch unserer) voraus, will kein Gefängniswärter sein für die von ihm so geliebte, sieht kein Sinn in Zwang und Gewalt und läßt sie bedingungslos gehen – gegen den Rat aller anderen, gegen die herrschenden Vorstellungen von Sitte und Moral, obwohl er davon ausgehen muss, davon ausgeht, daß Sue zu ihrem Vetter gehen wird, dessen Liebe zu seiner Frau er wohl gespürt hat.

So kommt es. Sue und Juda leben fortan zusammen, auch wenn Sue sich schwer damit tut, zu lieben und Juda darunter leidet. Immerhin werden ihrer beiden Ehen geschieden, aber sie gehen keine neue Ehe miteinander ein, Sue scheut dies wie der Teufel das Weihwasser: dieser Vertrag, der zur Liebe zwingt, würde gerade die Liebe zwischen den Vertragspartnern töten…

Diese ‚wilde Ehe‘ ist für die beiden eine Zeitlang eine Blase des Glücks, in der sie leben und auskommen. Aber wie jede Blase platzt auch diese irgendwann… Sie sind eines Tages plötzlich und überraschend zu dritt: Arabella teilt Juda in einem Brief mit, daß er Vater sei, sie sei damals acht Monate nach der Trennung niedergekommen und schicke ihm jetzt seinen Sohn, damit er ihn aufziehe. So kommt der ‚kleine Gnom‘ – wie er genannt wird – in diese ungewöhnliche Zweisamkeit, ein Kind noch und doch schon so alt wie ein alter Mensch, ein Kind voller Traurigkeit und Depression, ein Kind, das nicht lachen kann noch sich freuen… doch Sue liebt ihn wir ein eigenes Kind und diese Liebe wird von Kind erwidert.

Die Leute fangen über zu tuscheln über die drei… wechseln die Straßenseite, wenn sie ihnen begegnen, sie werden gemieden, geschnitten, nicht mehr gegrüßt… die Aufträge für den Steinmetz Juda Fawley nehmen ab. Daß Sue und Juda nach einigen Tagen Abwesenheit wieder zurück nach Hause kommen und sagen, sie hätten in dieser Zeit geheiratet, hilft nicht mehr.. es beginnt ein Wanderleben, Juda arbeitet sozusagen als freischaffender Handwerker mal hier, mal dort….

Nach Jahren trifft Sue, die auf einem Markt Backwaren verkauft, welche der kranke Juda (seine Tante war ja Bäckerin) gebacken hat, auf Arabella, die die Situation der Familie, die mittlerweile zwei eigene Kinder hat und sichtbar ein drittes erwartet, intuitiv richtig einschätzt. Und Arabella trifft auf dem Heimweg wiederum Phillotson, mit dem sie sich unterhält…..

Sue, Juda und die Kinder leiden Not. Sie gehen auf Judas Wunsch nach Christminster zurück, das sie vor Jahren verlassen haben. Und diese Stadt empfängt sie kalt und mit Regen. Durchnäßt, schmutzig, mit dem dickem Bauch Sues sieht man sie für sonderlich an und nicht vertrauenswürdig, so daß sie kaum eine Unterkunft finden. In dieser Not kommt es zu einem verhängnisvollen Gespräch zwischen Sue und dem kleinen Gnom…

Welch ein Unglück, welch ein Unglück….. die Kinder sind tot, Sue verfällt einer Art religiösem Wahn und sieht ihr gesamtes Leben als versündigt an. Die Ehe, früher für sie ein verabscheuungswürdiger Vertrag zwischen Vertragspartnern, wird jetzt für sie ein heiliges, nicht lösbares Sakrament. In ihrer neuen Welt sieht sie immer noch mit Phillotson verheiratet, und so wie sie diesen einst verließ für Juda, verläßt sie Juda nun und geht zurück zu ihrem früheren Mann, der ihr verzeiht und sie aufnimmt. Sie erneuern die Ehe vor dem Priester und Sue nimmt auch die letzte Konsequenz ihrer selbst auferlegten Buße auf sich und begibt sich ‚freiwillig‘ nächtens zu ihren Mann aufs Zimmer.

Und Juda? Die Geschichte wiederholt sich…. So wie Arabella den jungen Juda einsponn und fing in ihrem Netz, so fängt sie sich ihn auch jetzt wieder. Sie füllt den gebrochenen Mann mit Alkohol ab, packt ihn an der Ehre und schleift ihn wiederum vor das Standesamt… Es bringt ihr kein Glück, Juda, an Leib und Seele gebrochen, siecht bald krank vor sich hin und während sie sich bei dem großen Spektakel in Christminster lieber eine Regatta anschaut, haucht er allein gelassen sein Leben aus.


Thomas Hardys Im Dunkeln bzw. Jude… ist ein umfangreicher Roman. Nicht nur weist er fast fünfhundert Seiten Text auf, er ist auch recht eng gesetzt, trotzdem liest er sich sehr gut und mit großem, freilich durch das schlimme Ende mit Traurigkeit durchsetzten Vergnügen. Die übergeordneten Kapitel benannt nach den jeweiligen Wohnorten sind ihrerseits aufgeteilt in kleinere Abschnitte, die das Lesen sozusagen ‚portionsweise‘ erlauben. Dazu ist der Text flüssig formuliert, mit vielen Beschreibungen und Erläuterungen, aber auch Dialoge und Gespräche zwischen den einzelnen Figuren nehmen einen großen Raum ein. Mich hat diese Art des Textes lange an ein anderes Buch erinnert, ohne daß ich wusste, an welches, bis es mir dann plötzlich einfiel: nämlich an Manzonis wunderbaren italienischen Roman Die Verlobten [5]. Hier wie dort steht ein junges Paar im Mittelpunkt des Geschehens (auch wenn Manzoni seinen Roman im Gegensatz zu Hardy glücklich ausgehen läßt), die Handlung wird streng chronologisch geschildert, beide Autoren streuen immer wieder Erläuterungen, Betrachtungen, erklärende Ausführungen, aber auch offene Fragen und Problemstellungen in ihren Text ein.

Hardys Roman schildert nicht nur eine Lebensgeschichte, er hat auch selbst eine und auch diese ist eher eine ‚dunkle‘. In der Nachschrift zur Neuausgabe des Romans im Jahre 1912 (die erste Ausgabe erscheint 1895) stellt Hardy die Rezeption seines Romanes bei Kritik und Publikum dar.  Er rief schon wenige Tage nach Erscheinen ein „schrilles Crescendo“ bei der Kritik hervor (die sich das Lesen des Romans aber weitestgehend gespart hatte), auch „wurde [der Roman] von einem Bischof verbrannt – wahrscheinlich [mutmaßt Hardy], weil der Kirchenfürst verzweifelt darüber war, daß er nicht mich selber verbrennen konnte.“ Eine andere Kritikerin „zeterte“ in einer „weltbekannten Zeitschrift“ über das Buch und taten kurz darauf brieflich an den Autoren den sehnlichsten Wunsch kund, diesen kennen zu lernen….. summa summarum haben diese (und weitere) Reaktionen der Kritik eine (für uns Leser) verhängnisvolle Wirkung auf Hardy gehabt: „… das Erlebnis heilt mich von jeder weiteren Neigung, Romane zu schreiben.“ In der Tat ist Jude, the Obscure das letzte Romanwerk Hardys geblieben, die Änderungen der Ausgabe von 1912 sind, so hält Hardy fest, nur stilistischer Art, „größere Änderungen allgemein- kritischer Art“ hat er nicht vorgenommen, wohl, weil er auch nach den vergangenen Jahren nichts anderes zu sagen hatte. Dieser Nachschrift ist ebenfalls zu entnehmen, daß der Roman in Deutschland als Fortsetzungsroman erschienen ist. Hardy zitiert einen Kritiker, der in Sue Bridehead den Phänotyp der modernen, intellektuellen, emanzipierten nervösen Frau sieht, die Notwendigkeit, die Ehe als Beruf zu begreifen, leugnet. Daß Sue im Roman am Ende zusammenbricht, wäre, so hält der Kritiker bedauernd fest, einer Frau als Autorin nicht untergekommen.


In Dunkeln hat zwei Hauptthemen. Dies ist zum Anfang des Romans, der gegen Ende der viktorianischen Epoche spielt, die Undurchlässigkeit, Arroganz und Hochmut der ‚besseren‘ Gesellschaft, die es nicht zuläßt, einen Menschen aus niedriger Herkunft zu akzeptieren und zu fördern. Der Autodidakt Jude Fawley, der sich mit viel, sehr viel Mühe und Durchhaltevermögen eine zugegebenermaßen willkürliche Bildung angelesen hatte, wird abgewiesen, auf seinen Stand und seine soziale Schicht verwiesen als demjenigen Platz in der Gesellschaft, in der er sein zufriedenes Auskommen finden kann. Erst gegen Ende des Romans wird davon geredet, daß sie diese (für den jungen Jude noch undurchdringliche) Ausgrenzung lockert, daß unter Umständen auch begabte Menschen aus unteren sozialen Schichten die Chance auf Weiterbildung erhalten können. Für Jude kommt das zu spät, auch wenn gegen Ende der Geschichte deutlich wird, wie sehr es ihn immer noch nach Christminster zieht, nach den so abweisend und dunkel über der Stadt dräuenden Gebäuden der Colleges…

Das Hauptthema des Romans ist freilich der Angriff des Autoren auf Institution der Ehe. Hardy schildert, wie sich Jude als junger Mann durch die sinnlich-erotische Arabella einfangen läßt, einer Frau, mit der ihn sonst nichts verbindet als die körperlichen Freuden, die er mit ihr wohl erleben darf [6]. Die schildert Hardy zwar nicht, aber da Arabella ihn mit einer Schwangerschaft zur Eheschließung bringt, darf man diese sicher vermuten. Diese Schwangerschaft Arabellas ist ein Schlüsselelement in der ganzen Geschichte, in Leben von Juda und (durch den ‚alten Gnom‘) später auch im Leben von Juda und Sue. Letztlich kann man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Arabella Juda und Sue nicht sogar belogen hat mit der Behauptung, dieses Kind sei Judas Kind, so wie sie Juda ja auch in frühen Jahren belog… Es sei an dieser Stelle nur angemerkt, daß Hardy im Übrigen sämtliche Ehen bei den Fawleys als schlecht bezeichnet.

So wie Judas erste Ehe scheiterte, so scheitert auch die Ehe Sues, die sie nicht mit dem Mann eingeht, den sie liebt – insofern sie zu diesem Gefühl überhaupt fähig ist, so etherisch, ja, fast asexuell sie gezeichnet wird -, sondern den älteren Mann, ihren Lehrer und Mentor Phillotson, zu dem Juda sie geführt hat. Sue betrachtet die Ehe keineswegs als Sakrament, für sie ist es ein Vertrag, der obendrein noch zum Lieben verpflichtet und damit die Liebe zerstört. Ihrer Meinung nach bleibt die Liebe zwischen Menschen, die freiwillig und nicht unter dem Zwang der Ehe miteinander leben, viel lebendiger und stärker, eine Ansicht, deren Folgen Juda und Sue Jahre später ins gesellschaftliche Abseits und Unglück stürzen lassen werden. In den vielen Diskussionen zwischen Juda und Sue geht Hardy später immer wieder auf diesen Punkt ein, so wie er die halbherzigen Versuche der beiden, sich doch der gesellschaftlichen Norm zu unterwerfen, immer wieder scheitern läßt. Dieses Lebensmodell der ‚wilden Ehe‘, die Hardy schildert, sie sollte noch Jahrzehnte brauchen, bis es gesellschaftlich halbwegs akzeptiert worden ist.

Die angestrebte (und dank Phillotsons generöser Art erreichte) ‚Flucht‘ aus der Ehe ist ein Skandal. Eine Frau der damaligen Zeit hat sich zu fügen, einzurichten – so wie der Mann sie zu fügen hat, notfalls auch mit Zwang. Das ich nicht mit ihm als Ehemann leben kann […] es ist eine Marter für mich […] Was mich so maßlos quält, ist die Pflicht, diesem Mann jedesmal zu Willen zu sein, wenn er es möchte, so gut er auch sonst ist! – dieser schreckliche Vertrag, der einen zwingen will, auf eine bestimmte Art zu empfinden, in einer Sache, deren eigentliches Wesen ihre Freiwilligkeit ist. Diese Sue in den Mund gelegte Aussage dürfte deren revolutionäre Ansicht hinreichend belegen. Den von ihr angesprochenen Willen des Mannes, dem sie sich zu unterwerfen hätte, den übte Phillotson übrigens nicht aus…


Der junge Juda träumt von Bildung, von der Karriere als Theologe und später dann als Pfarrer: beide Male wird er jedoch durch den Lockruf der Liebe und der Körper daran gehindert: seine Sehnsucht nach den jeweiligen Frauen besetzt ihn völlig und lenkt ihn vom Geistigen ab. Er ist ein ‚weicher‘ Mensch, ein nachgiebiger, ein Träumer auch, gegen Arabella mit ihrer rustikalen und stabilen Art hat er keine Chance, sich durchzusetzen, und auch Sue, die Zerbrechliche, setzt – zumindest in der Frage der Eheschließung – ihre Ansicht gegen ihn durch, weil er aus Liebe zu ihr immer nachgibt.

So wie im Lauf der Jahre wurde der Hang zum Theologischen bei Juda geringer wurde, nimmt er langsam aber sicher die Ansichten Sues über die Untauglichkeit einer Ehe als auch seine an. Die radikale Änderung der Ansichten Sues ausgelöst durch die unermessliche seelische Verletzung dieser empfindsamen Frau nach dem Tod der Kinder ist daher um so schockierender für Juda: daß sie ein einmal gegebenes Eheversprechen nun als ewig gültig ansieht, bedeutet nicht nur, daß sie und Phillotson in ihrem Geist noch verheiratet sind, sondern auch Juda noch mit Arabella. Und so wiederholt sich die Geschichte, so wie Sue einst von Phillotson die Freiheit erbat, fleht sie nun den verzweifelnden Juda an, sie gehen zu lassen. Daß sie zu ihrem Mann, den sie weltlich erneut heiratet, keine Liebe verspürt, ist nicht mehr wichtig, wichtig ist, daß sie die ihr selbst auferlegte Buße ableistet… und so führt die Romanhandlung zu den Konstellation, die es schon anfangs gab: sowohl Juda als auch Sue, die sich erneut in unglücklichen Ehen wiederfinden.

Der Roman hat neben dem beiden Hauptfiguren Juda und Sue noch die beiden Figuren des Phillotson und der Arabella mit wichtigen Funktionen.

Der Schulmeister Phillotson verläßt zu Beginn des Romans, wie Jahre später auch Juda, das Dorf, um in Christminster Karriere zu machen. Ebenso wie später Juda scheitert er damit, bleibt letztlich auch bei ’seinem Leisten‘, sprich, er bleibt Lehrer. Er verliebt sich in dieselbe Frau wie Juda, er weigert sich (obwohl die Gesellschaft dies erwartet), Zwang gegen diese Frau anzuwenden und er verliert die Frau an einen anderen, eine weitere Parallelität in beider Leben. An diesem Verlust gehen beide zugrunde: Phillotson wird auf Grund seiner Entscheidung aus der Gesellschaft ausgestoßen und sanktioniert, kann sich gerade noch mit Hilfe eines letzten Freundes fangen, Juda jedoch bricht zusammen, wacht als Ehemann einer ungeliebten Frau wieder auf und wartet körperlich geschwächt nur noch auf seinen Tod.

Die Haltung Phillotsons, mit der er auf die Bitte seiner Frau reagiert, sie gehen zu lassen, ist bemerkenswert. Ich denke, ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, daß sie in dieser Weise auch heute noch ungewöhnlich wäre. In der damaligen Zeit ist es sicher eine skandalöse Einstellung, einen ‚Wahnsinnsgedanken‘ nennt es sein Freund, … es wird überall Anstoß erregen. Großer Gott, was wird Shaston [die Stadt, in der sie leben] sagen! dies ficht Phillotson jedoch nicht an: Wenn ein Mensch blindlings in einen Sumpf [i.e. in diesem Fall die Ehe…] gelaufen ist und um Hilfe ruft, bin ich geneigt, ihm Hilfe zu bringen, wenn es mir möglich ist. … ich bin ein fühlender Mensch, kein logisch denkender. … ich sehe nicht ein, warum nicht die Frau und die Kinder die soziale Einheit bilden sollen, ohne den Mann… weitet er seine Gedanken später noch aus. Fass den Entschluß, die mit ein paar Weiberlaunen abzufinden. … Laß sie nicht fort! so der abschließende Rat des Freundes. Doch der nächste Morgen kam heran…: Du kannst gehen – mit wem du willst. Du hast meine völlige, bedingungslose Einwilligung. 

Will man an Phillotson Eigeninteresse feststellen, so ist es später möglich, da er Sue noch einmal heiratet, obwohl im klar ist (sein muss), daß sie in einem Zustand ist, der diesen von ihr behaupteten Willen dazu und die Freiwilligkeit, sich diesmal unter ihn zu legen, Lügen straft. Vielleicht denkt er auch, daß das Verweigern dieser ‚Buße‘ für Sue noch schlimmer wäre, daß die erneute Heirat gesellschaftlich für ihn vorteilhaft ist, daß wird er in jedem Fall sehen.

Ist Sue die etherische, zerbrechliche, fragile Figur mit scharfen Intellekt und mit eigener Meinung, eine Frau wie ein Blatt im Wind der Gefühle, so ist ihre Gegenspielerin Arabella auch äußerlich ihr Gegenteil: prall, sinnlich, erotisch, durchsetzungsfähig und skrupellos. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, das Sinnieren, Zweifeln und Grübeln einer Sue ist ihr völlig wesensfremd. Was sie will, bekommt sie – auf die eine oder die andere Art und Weise. Daß auch sie damit nicht glücklich wird, verschmerzt sie, es sind schließlich noch andere Männer da, die sie sich angeln kann…..


„Jude the Obscure is an angry book, and a deeply radical one. To write it, Hardy went further into himself than ever before, exposed his deepest feelings …“ schreibt der Guardian zu dem Roman in seiner Liste der einhundert besten englischen Romane [4], in die er zweifelsohne gehört – was eine kühne Bestätigung meinerseits ist, da ich dafür ja keinerlei Grundlage habe, sprich die anderen Romane kenne. Aber Im Dunkeln ist in der Tat ein wunderbares Buch, das in seiner Konsequenz, mit der die geheiligte Institution der Ehe in Frage gestellt wird, auch heute noch weit mehr ist als ’nur‘ Unterhaltung: es ist eine Lektion in Toleranz ebenso wie in der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Ehe (bei uns ja jetzt in gewisser Weise durch die „Ehe für alle“ sogar eine aktuelle Frage). Ebenso ist Jude…. eine Darstellung der viktorianischen Epoche, die langsam den Ende zugeht und sich moderneren Fragen stellen muss wie dem Zugang zu Bildung für alle oder der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Dies alles ist eingebunden in tragische Lebensläufe, die – bedingt durch die gesellschaftlichen Umstände – schon von Anfang an kaum Chancen auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben ließen. So endet der Roman traurig, Sue gebrochen, sich selbst auf dem Altar eines fehlgeleiteten Glaubens opfernd und Juda sogar den Tod suchend. Phillotson wird als Ehemann nicht wirklich glücklich sein, sieht jedoch gesellschaftlich/beruflich wieder eine Zukunft und einzig für Arabella geht die Welt weiter mit allen Chancen, die sich einer Frau wir ihr bieten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Eintrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy
[2] —
[3] Sarah Waters: Die Muschelöffnerin; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[4] Robert McCrum: The 100 best novels: No 29 – Jude the Obscure by Thomas Hardy (1895); in:  https://www.theguardian.com/books/2014/apr/07/100-best-novels-jude-obscure-thomas-hardy
[5] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[6] Im Klappentext wird von einer ’schamlos pornographischen Darstellung der modernen Frauen‘ geredet. Das Wort ‚pornographisch‘ ist was Im Dunkeln betrifft, jedoch wohl  (unterstellt man nicht, es sei aus rein vermarktungstechnischen Gründen genannt) anders zu lesen, über die seltene Verwendung des Wortes ‚Busen‘ geht der Text nicht hinaus. Insofern ist also Entwarnung zu geben bzw. darauf hinzuweisen, daß möglicherweise diesbezügliche Erwartungen enttäuscht werden.

Thomas Hardy
Im Dunkeln
Jude the Obscure
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Schumann
Originalausgabe: Jude the Obscure, London 1895 (1894/95 gekürzt als Fortsetzungsroman im Harper’s New Monthly Magazine)
diese Ausgabe: Greno, HC, ca. 490 S., 1988; mit ausführlichen Anmerkungen

Der vorliegende Roman Die Muschelöffnerin (im Original Tipping the Velvet) ist der Erstling der britischen Schriftstellerin Sarah Waters [1] aus dem Jahr 1998. Im Englischen noch mehr als im Deutschen deutet der Titel das Genre an, in dem der Roman spielt. So ähnlich wie bei D.H.Lawrence der Titel John Thomas und Lady Jane [in einer anderen Version als Lady Chatterley bekannt; 3] eine umgangssprachliche Umschreibungen der damaligen Zeit für die Geschlechtsteile auf den Einband hob, war ‚Tipping the Velvet‘ in der Zeit, in der der Roman spielt, eine Bezeichnung für Cunnilingus. Man braucht wohl nicht viel Fantasie, um auch den deutschen Titel in diese Richtung zu interpretieren, er hat jedoch im Zusammenhang mit der Handlung auch eine ganz reale Bedeutung.

Aber noch einmal kurz zurück zur Autorin. Diese wurde 1966 in Wales geboren, studierte mit mehreren Abschlüssen englische Literatur und promovierte über lesbisch-schwule Literatur ab 1870. Mit ihrer Lebenspartnerin lebt sie heute in London; ihr Werk ist vielfach ausgezeichnet, einige ihrer Romane, unter anderem auch dieser, wurden verfilmt.


Im Mittelpunkt der Muschelöffnerin steht die Figur der Nancy Astley, mit ihr lassen wir uns von Waters in die Vergangenheit zurückführen, in die Jahre um 1890 nach London. Wir beginnen diese Reise zurück jedoch in Kent, in der Nähe der Stadt Canterbury an der Küste. Dort nämlich betreiben die Eltern von Nancy ein bekanntes Austernlokal, in dem die 17jährige als Muschelöffnerin arbeitet. Es ist eine harmonische Familie, in der Nancy ihre ältere Schwester bewundert, die harte Arbeit in der Küche oder beim Servieren findet sie normal und erledigt sie gerne. Zu den wenigen Vergnügungen, die das Leben für sie bereit hält, gehört der Besuch der Music Hall im nahegelegenen Canterbury…

Dort, an diesem Ort, in dieser Music Hall, sollte sich ihr Leben entscheiden. Eines Tages tritt dort nämlich eine gewisse Kitty Butler auf. Man klatschte und johlte … und ich hörte das Knistern und Rauschen des sich hebenden Vorhangs. Gegen meinen Willen öffnete ich die Augen – dann riss ich sie auf und hob den Kopf. Die Hitze und meine Müdigkeit waren augenblicklich vergessen. Ein einziger rosiger Lichtstrahl durchdrang das Dunkel der leeren Bühne, und mitten darin stand ein Mädchen, das wundervollste Mädchen – ich wusste es sofort – das ich je gesehen hatte. 

Ohne daß man das zu diesem Zeitpunkt schon hätte sagen können, aber mit diesem Moment ist die Weiche für Nancys Leben umgestellt worden. Alle Kapriolen und Volten (und es sind einige), die jetzt noch folgen werden, finden auf der neuen Lebensbahn statt, nie wird zur Diskussion stehen, umzukehren und ein ’normales‘, sprich: konventionelles Leben mit Mann und Kind zu führen.

Nancy jedenfalls versuchte (und es gelang ihr) so viele Vorstellungen von Kitty Butler, wie es für sie möglich war, zu besuchen. Und sie fiel der Sängerin, die mit kurzen Haaren im Kostüm eines Dandys, eines Mannes also, auftrat, auf, sie lernten sich kennen, waren sich sympathisch und als Kitty ein neues Engagement in London annimmt, fragt sie Nancy, ob diese nicht als ihre Garderobiere mitkommen möchte.

So kommt Nancy nach London in die Welt des Theaters. Es zeigt sich nämlich, daß auch sie eine Begabung hat zum Singen und zum Tanzen und so treten die beiden jungen Frauen eines Tages mit viel Erfolg als Duo in Männerkleidung auf. Und auch außerhalb der Bühne überwinden sie diese Grenze, die davor steht, sich dem dem anderen zu öffnen, zumal wenn dieser andere gleichen Geschlechts ist und diese Variation einer Liebe gesellschaftlich stark geächtet ist [2]… Kitty und Nancy werden daher ein heimliches Paar, das in der Öffentlichkeit alles vermeidet, als ‚kesse Väter‘ erkannt zu werden. Doch dann kommt es zum Bruch, Kitty kann sich nicht zu Nancy bekennen, sie heiratet – ob aus Berechnung für die Öffentlichkeit oder aus Liebe, darüber läßt sich diskutieren – ihrer beider Agenten Walter.

Für Nancy bricht die Welt zusammen. Sie flieht, nimmt nur ein paar Kostüme mit. In einem der schmuddeligsten Viertel Londons findet sie schließlich ein unsagbar dreckiges Zimmer, hier verwahrlost sie in überwältigendem Selbstmitleid: Seht nur, was ihr mir antut! Sie wäscht sich nicht mehr, wechselt ihr Kleid nicht, isst kaum… aber auch diese Periode geht vorbei und eines Tages geht sie gebadet und mit geschnitten Haaren, gekleidet in eins der schönen ihrer Männerkostüme als Husar vor die Tür und streift durch die Straßen.

In schmuddeligen Vierteln gibt es Männer mit Gelüsten auf schöne Knaben. Von so einem wird sie angesprochen. Erst ziert sich Nancy, der Husar, doch dann…. so also schmeckt Walter, denkt sie, spuckt das Zeug aus und steckt das Geld ein… ab diesem Zeitpunkt findet man Nancy regelmäßig auf Abtritten, in dunklen Ecken, schummrigen Hauseingängen vor Männern knien… sie lernt die Tricks und Kniffe, die sie in diesem Milieu zum Überleben braucht. Doch eines Tages fühlt sie sich von einer Kutsche verfolgt, die sie nicht abschütteln kann. Sie verweigert sich der Einladung des offensichtlich wohlhabenden Passagiers, bis … ja, bis sie die Stimme einer Frau hört: Du kleine Närrin … steig schon ein.

Diana, die Nancy auf diese Art in ihr luxuriöses Haus holt, ist eine reiche Witwe mit Neigung zum Exzentrischen, auch im Erotischen. Zusammen mit anderen Frauen bilden sie einen sapphischen Club und Nancy wird zum Jungen Dianas, ein Spielzeug, mit dem diese vor ihren Freundinnen angibt, das mit Lust und Luxus ausstaffiert und verwöhnt wird und das die Art von Lust, die ihre Herrin wünscht, zu schenken hat. Und das ungerührt weggeschickt wird, wenn der Dame nicht mehr danach ist.

Setzt Nancy dieses Leben einer Sexdrohne aus Dummheit auf´s Spiel oder will sie unbewusst ein Ende herbeiführen? Diana jedenfalls schlägt sie blutig und schmeißt sie noch in der Minute der Entdeckung aus dem Haus. Die Frauen stülpen Nancy noch eins der alten muffigen Kleider aus dem Seesack über, mit dem sie damals zu Diana kam, und jagen sie in die eiskalte Dunkelheit der Winternacht, die sie im Obdachlosenasyl überlebt.

Nancy erinnert sich in dieser Notlage an eine Frau, mit der sie am Tag, als sie von Diana mitgenommen worden war, eine kurze Unterhaltung und eine nicht eingehaltene Verabredung zu einem Rendevouz hatte. Sie kann sich die Adresse dieser Florence erschleichen, die sie mit ihrem blauen Auge und der blutverkrusteten Wange natürlich nicht wiedererkennt, als sie in der Tür steht. Mit Hartnäckigkeit, Unverfrorenheit, vielen gebrochenen Versprechen, die Wohnung wieder zu verlassen, aber auch mit Saubermachen und Reinigen der vernachlässigten Wohnung in einem armen Viertel, mit dem Versprechen, sich um das Kind zu kümmern, nistet sich Nancy bei Florence und Ralph dann doch ‚auf Probe‘ ein.

Sie bleibt, wird bald Teil der Familie und fängt auch irgendwann an, Florence, die (so würde man heute vllt sagen) Sozialarbeiterin ist und die sich in ihrer Freizeit politisch für Frauen und die Verbesserung der Lebensverhältnisse engagiert, zu helfen. Und sie bekommt wieder Lust darauf, Hosen zu tragen. Eines Tages belauscht Nancy unbeabsichtigt ein Gespräch von Florence mit einer Freundin, die ihr vorhält, sich zu sehr an ihre verstorbene Liebe zu klammern, das Mädchen in den tollen Hosen nicht für sich zu beanspruchen und wenn das schon so wäre, solle sie es doch für ihre Freundinnen ‚freigeben‘. Aber besser wäre es, sie, Florence, würde Nancy bitten, mir ihr zum Stammlokal der Frauen zu gehen und einen lustigen Abend miteinander zu haben.

Diese Ermahnung ist (nicht weiter überraschend) der erste Riss in der Mauer gegenseitiger Abschottung bei Florence und Nancy. Und hat der Damm erst mal einen Riss, dann wird er auch bald geflutet. Und so sollte es nach diesem Abend auch kommen….

Waters läßt ihren Roman, ihre Geschichte von Nancy, in einer Art ‚Showdown‘ enden. Es gibt eine große politische Versammlung im Park, auf der Nancy im Laufe des Tages sämtliche ihrer Liebhaberinnen sieht bzw. trifft, auch Kitty, nach der die Sehnsucht in ihr immer noch zu leben scheint. Doch Nancy ist reifer geworden, hat zu viele Erfahrungen gemacht, um in dieser Konfrontation, in der Begegnung mit ihrer ersten Liebe, nicht deutlich zu erkennen, wo jetzt ihr Platz ist.


Die Muschelöffnerin ist ein Entwicklungsroman, der sieben Jahre im Leben der Nancy Astley schildert, in denen sie vom unschuldigen Mädchen vom Lande zur reifen, ihren Platz im Leben kennenden 25jährigen Frau wird. Die Zwischenzeit, diese Periode des Erwachsenwerdens, weist Höhen und Tiefen auf, die einander zum Teil sehr plötzlich ablösen, Nancys Leben wird mehrfach in den Grundfesten erschüttert: die Erkenntnis, daß sie sich durch ihre Liebe zu Frauen und ihre Arbeit am Theater der eigenen Familie entfremdet hat und die Entdeckung, daß sie von ihrer Liebe, von Kitty, betrogen und belogen wird, findet am selben Tag statt, gefolgt vom Abstieg aus relativ gesichertem und komfortablem Status in die soziale Unterschicht bis schließlich hin in die Prostitution. In der sie in gewisser Weise verbleibt, als die reiche Diana sie aus dem Strichermilieu innerhalb von Minuten in eine Welt des Luxus, des reinen Sexes ohne jegliches Gefühl katapultiert. Monate des raffiniert konstruierten Genusses, gefolgt von einem weiteren Absturz, aus dem heraus Nancy dann endlich in eine gesicherte Existenz gelangt.

Der Charakter eines Entwicklungsromans ist das eine, das andere ist selbstverständlich die (in den Augen des viktorianischen Zeitalters) Verwirrung der sexuellen Orientierung der Nancy Astley, die sich nicht zu Männern, sondern zu Frauen hingezogen fühlt und damit – das deutet Waters als Autorin des Romans an – bei weitem nicht allein steht [2]. Sofern sie überhaupt offen gelebt werden konnte, wurde Homosexualität zwischen Frauen damals entweder geächtet (Waters stellt dies dar in der Figur vor den Frauen ausspuckender Männer), ignoriert (zusammenlebende Frauen wurden konsequent als ‚gute Freundinnen‘ bezeichnet, die offensichtlich keine Sexualität hatten) oder als medizinisches Problem behandelt – durch männliche Vergewaltigungen, damit sie, sozusagen, auf den Geschmack kommen [nach 2]. In diesem Zusammenhang sei an das traurige Schicksal Oscar Wildes erinnert, der 1896 seines Lebenswandels wegen zu harter Zwangsarbeit (zwei Jahre waren das übliche Maß) verurteilt wurde und der letztlich daran zugrunde ging und starb.

Der Roman Walters enthält einige Bett- und Sexszenen, insbesondere im dunklen Dian’schen Zeitalter. Die Eingangsszene mit dem ledernen Strap-on Dildo läßt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig und genießt wohl einen gewissen Ruf. Aber auch sonst geht es nicht prüde zu im herrschaftlichen Ambiente Dianas, überraschender ist da schon der forsche … ähem… Eingriff von Florence bei Nancy, den ich in dieser Ausgestaltung so nicht erwartet hätte. Die Visualisierung der Tätigkeit Nancys als ‚Stricher‘ auf Abtritten etc pp sind wie zu erwarten wenig schön, aber ich gehe davon aus, daß Waters hier schildert und darstellt, was sich seinerzeit genauso abgespielt hat.

Interessant ist die Rolle der Kleidung im Roman bzw. in Nancys Leben. Nancy sieht Kitty zum ersten Mal in Männerkleidung, als Dandy, mit kurzen Haaren und ist begeistert. Auch sie selbst trägt später als Partnerin von Kitty Männerkleidung, die sogar durch Änderung des Schnitts weiblicher gemacht werden muss, da man sie sonst für einen echten Jungen halten würde. Nach der depressiven Periode ihres exzessiven Selbstmitleids geht sie in Männerkleidung wieder auf die Straße und ‚arbeitet‘ sogar als Junge dort. Ebenso kleidet Diana sie als Jungen mit massgeschneiderten Anzügen ein, sie ist es, die den Dildo umschnallen muss und die Männerrolle zu übernehmen hat: “I tore it from her, her gown of black and white and silver… [then] she had me kneel upon it and fuck her, until she came and came again” heißt es im Original. Und ebenso: „Nancy is cast in the role of the male aggressor who takes control of the female victim by undressing her forcefully, ironically inverting the established dynamic of dominant Diana who exercises her power by dressing her “kept boy”“. Dient die Kleidung Nancy im ersten Teil des Romans also dazu, ihre Sexualität auszudrücken, kehrt sich deren Funktion bei Diana insofern um, als sie die Hierarchie in dieser Beziehung spiegelt: Diana ist diejenige, die Nancy anzieht bzw. ihr Anweisungen gibt. Nach der Zeit bei Diana trägt Nancy dann erst einmal wieder konventionell Röcke, bis sie eines Tages wieder unbändige Lust verspürt, eine Hose anzuziehen, nach wenigen Tagen sogar außer Haus, ein Symbol für ihre sich langsam wieder normalisierende Gefühlswelt. Jetzt dient die Kleidung wieder dazu (ebenso wie die Haare) Sexualität auszudrücken, der Sehnsucht einen Ausdruck zu geben, denn selbstverständlich war eine derartige Kleidung damals für andere – Männer wie Frauen – ein Signal, es sein denn, die Menschen waren so arm, daß sie auf derartige Feinheiten keine Rücksicht nehmen mussten, sondern anzogen, was gerade überhaupt da war. Wer Ausführlicheres zu diesem interessanten Aspekt der Geschichte lesen möchte, den verweise ich auf den Aufsatz von Joanna Waszczuk, dem ich auch die beiden englischen Zitate entnommen habe [4].

Womit ich bei einem weiteren Punkt des Romans wäre, denn durch die gesamte Geschichte zieht sich eine Schilderung der Lebensverhältnisse im damaligen London. Meist waren diese Verhältnisse erbärmlich schlecht, die Menschen wurden ausgenutzt, lebten in ungesunden, beengten, muffigen Wohnungen, die völlig überbelegt waren, arbeiteten für einen Hungerlohn und wurden im Schnitt nur halb so alt wie die wohlhabenden Londoner, die sich für Geld alles kaufen konnten. Im letzten Abschnitt des Buches, der unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Verhältnisse ein totales Gegenstück zur degenerierten, blasierten sapphischen Gesellschaft um Diana darstellt, die mit ihrem Luxus nicht weiß, wohin, wird das Erwachen eines politischen Bewusstseins unter den Armen Londons beschrieben: politische Versammlungen werden abgehalten, Gewerkschaften werden gegründet und werben Mitglieder/innen, Flugblättern geschrieben und verteilt, Menschen, die in Not geraten sein, werden unterstützt. Bei all diesen Aktivitäten ist Florence mit ganzem Herzen und viel Einsatz dabei. Sie weiß, daß der Erfolg nur langsam kommen wird, aber für sie ist die Arbeit an sich schon Erfolg und Befriedigung.

So wird parallel zur Geschichte der Nancy Astley auch das London um 1890 lebendig: geschäftig ist es, Kutschen und Droschken rumpeln durch die Straßen, es ist an vielen Ecken und Enden dreckig und versifft, es ist prächtig in den großen Theatern, laut und lustig in den kleineren, schmuddeligeren. Dem Alkohol wird gefrönt, dem Tabak ebenso und die Reichen können sich auch andere Drogen leisten. Wer Sex braucht und keinen Partner hat, kauft ihn sich; die Londoner Halbwelt kann jedes Bedürfnis befriedigen… es ist ein farbenprächtiges, ein lebendiges Bild einer pulsierenden Millionenstadt, die auf dem Rücken der Armen und Geknechteten errichtet ist.


Ich war skeptisch bei diesem Buch, zu groß das Lob, das es allgemein einheimst, obwohl es doch so schwierig ist, einen guten erotischen Roman zu schreiben. Und obwohl ich das Buch gar nicht mal als explizit erotischen Roman ansehe – die Erotik ist nur Teil der Handlung, der Entwicklung Nancys – muss ich bestätigen, daß Sarah Walters mit Die Muschelöffnerin in der Tat einen schönen, einen guten Roman geschrieben hat. Sprachlich zwar ist er nicht sonderlich anspruchsvoll, die Schilderung der Ereignisse ist streng chronologisch, aber die Schauplätze der Handlung sind lebendig und farbig geschildert, daß man sie sich sofort vorstellen kann und viele der Figuren, auch der Nebenfiguren wie beispielsweise Mrs Miles, eine der Zimmervermieterinnen mit ihrer behinderten Tochter Gracie erwecken spontane Sympathie.

Dabei ist Nancy keineswegs ohne Fehl und Tadel… auch wenn sie bei ihrem letzten Besuch der Eltern gemerkt hat, wie anders ihre Lebenswelt doch geworden ist, so ist es doch sehr grausam von ihr, für diese praktisch wie vom Erdboden verschluckt zu verschwinden. Man kann nur hoffen, daß Florence ihr da gehörig die Meinung sagt…. ;-)

Die Muschelöffnerin ist also ein atmosphärisch dichter Roman mit gut und differenziert gezeichneten Figuren, der einen beim Lesen leicht in Bann schlägt.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] es ist mir leider nicht gelungen, die Dissertation von Waters im Internet ausfindig zu machen. Ein interessanter Überblick über Homosexualität im England dieser Zeit (über dessen Qualität ich nichts sagen kann) ist hier zu finden: http://the-gaiety-girl.blogspot.com/2013/02/homosexualitat-im-viktorianischen.html
[3] Besprechung des Buches hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/21/d-h-lawrence-john-thomas-lady-jane/
In beiden Roman geht es (vor dem Hintergrund sozialer Probleme) um eine die gesellschaftlichen Konventionen sprengenden Liebesbeziehung. Unter diesem Gesichtspunkt wäre möglicherweise sogar in Vergleich beider Romane interessant.
[4] Joanna Waszczuk: Cross-Dressing as an Expression of Lesbian Sexuality in Sarah Waters’ Tipping the Velvet; in:  http://www.ia.uw.edu.pl/…Waters_Tipping_the_Velvet.pdf

Sarah Waters
Die Muschelöffnerin
aus dem Englischen übersetzt von Susanne Amrain
Originalausgabe: Tipping the Velvet, London 1998
diese Ausgabe: Daphne, HC, ca. 480 S., 2002

 

 

Vorbemerkung: Dieser Beitrag von mir über das Buch John Thomas & Lady Jane (übrigens eine umgangssprachliche Bezeichnung für die jeweiligen Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein), eine der drei Versionen, die D.H. Lawrence von seinem Lady Chatterley-Stoff geschrieben hat (und zwar die umfangreichste), ist vor einigen Wochen bei der hochgeschätzen Bloggerkollegin Birgit in ihrer ‚Sätze & Schätze‘-Reihe Mein Klassiker veröffentlicht worden [4].


Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die violett markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gesprach berührt ist, den Spiess um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seinen Vorschlag offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit voll erblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich geniesst Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Haß gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann läßt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original die unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischen Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrolliert‘ über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen …  Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jendseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach  ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verläßt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkomnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenwert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. ;-)

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde. 

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in:  https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/
[4] hier geht´s zu Birgits Blog und meinem Beitrag: https://saetzeundschaetze.com/2017/03/31/meinklassiker-35-lady-chatterly/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Die Straße der Geister ist dritte und abschließende Teil von Pat Barkers bemerkenswerter Trilogie über den Ersten Weltkrieg, die die Schrecken dieses Krieges aus britischer Sicht darstellt. Der erste Band Niemandsland hatte uns in eine Nervenheilanstalt geführt, in der traumatisierte Offiziere wieder fronttauglich gemacht werden sollen. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt, 1917, schon in ein Stadium getreten, in dem er ohne ausreichende Begründung einfach weiter geführt wurde, der Dichter  Siegfried Sassoon hatte einen entsprechenden Aufruf veröffentlicht und wurde daraufhin unter einem vorgeschobenen Grund in die Nervenheilanstalt eingewiesen. In Niemandsland erfahren wir den Krieg indirekt, durch die Alpträume und Traumata der Soldaten, die von Dr. Rivers behandelt werden. Dr. Rivers ist ein einfühlsamer Arzt, der mit modernen Methoden mit Gesprächstherapie behandelt, andere Ärzte, die meisten, wenden gröbere Mittel an, um die Soldaten wieder zu ‚heilen‘: Er [i.e. Rivers] hatte beispielsweise keine Elektroden an Moffets [einer seiner Patienten mit einer psychosomatisch bedingten Lähmung der Beine] Beinen angebracht und dann den Strom eingeschaltet, wie Dr. Yealland es mittlerweile bestimmt getan hätte. Er hatte ihm keine Radiumröhren an die Haut gehalten, bis sie versengt war. Er hatte ihm keine subkutanen Ätherinjektionen gegeben. Alle diese Dinge wurden praktiziert, um Soldaten wieder einsatzfähig zu machen…

Ein weiterer Patient von Rivers ist Billy Prior, ein sehr komplexer, intelligenter Charakter mit einer analytischen Fähigkeit, die der Rivers kaum nachsteht. Er ist neben dem Arzt die Figur, die uns im zweiten Teil der Trilogie, Das Auge in der Tür, begleitet und die Zustände in England selbst vorführt: die Hatz auf Minderheiten aller Couleur, die grassierenden Verschwörungstheorien und politischen Ränke. Schließlich hält es Prior in England nicht mehr aus, obwohl er sich mit Sarah verlobt hat und sein zeitweiliger Geschlechtspartner Mannings ihm eine Arbeit im Ministerium verschaffen könnte, will er zurück nach Frankreich, an die Front.

Endlich, so ist man fast versucht zu sagen, führt uns Barker also hinein in die Hölle. In einer Art Tagebuch hält Prior am 5. Oktober 1918, nachdem sie unter feindlichem Beschuss stehend eine schwerstverletzten Kameraden ‚gerettet‘ haben, fest: Die ganze Szene sah aus wie etwas, das sich unmöglich auf Erden ereignen konnte, teils die Sonne, teils die absolute Leblosigkeit der zerstörten, zerwühlten, pockennarbigen Landschaft mit ihren stinkenden Kratern und den Stacheldraht verhauen. Kein einziger Vogel, nicht einmal Aasfresser. Selbst Krähen haben kapituliert. ….

Aber vor diesem Szenario lagen noch ein paar Tage, ein paar Wochen. In England vertreibt sich Prior die Zeit, er muss noch einmal vor eine Kommission, die seinen Zustand zu beurteilen hat und ihn dann trotz Asthmas tatsächlich nach Frankreich schickt. Bei seiner Verlobten Sarah zuhause erlebt er noch einmal die Prüderie und Verlogenheit der englischen Provinz, von Rivers verabschiedet er sich mit einem Besuch. Die ersten Wochen in Frankreich ähneln fast einer Art Sommerfrische, eine gute Unterkunft, keine Front, allenfalls die ewigen Gasübungen verderben die Laune der Soldaten. Es ist die Zeit, in der Prior nach dem Besuch der Divisionsbadeanstalt in sein Tagebuch schreibt: Die Westfront ist ein Wichserparadies. Aber sie ist es nicht ewig, auch Billy Prior und seine Einheit werden an die Front verlegt und es sollte so kommen, wie Prior schon lange vorher geunkt hatte: viermal ist einmal zu viel…..

Neben Prior begleiten wir den Arzt Dr. Rivers durch die Zeit, die der Roman überstreicht. Schildert Barker dessen Tätigkeit anfänglich noch im Rahmen des Üblichen mit diversen Fallbeschreibungen, so läßt sie ihn später selbst fiebrig erkranken. Obwohl nicht explizit erwähnt, erinnert dies an den katastrophalen Seuchenzug der ‚Spanischen Grippe‘, der 1918 seinen Anfang nimmt. Im Fieber, das weiß Rivers, kehrt sein Erinnerungsvermögen zurück: so auch jetzt. Erinnerungen an seine Kindheit, an den übermächtig tapferen Großvater, dessen Namen William er trägt und dem der ängstliche, schnell weinende Junge so wenig entsprach…. Ferner drängen die Erinnerungen an seine letzte Expedition in die Südsee immer stärker in den Vordergrund. Die Berichte der Patienten und seine Erinnerungen an das Erlebte bei den Kopfjägern zeigen Analogien, verschmelzen, verschränken sich. Krankheiten, die durch Geister hervorgerufen werden, so der Glaube der Eingeborenen, so die Übertragung des Arztes auf seine Kriegspatienten, die durch die in ihren Seelen verborgenen Schrecken erkrankten. Was den Kopfjägern ihre Geisterbeschwörung waren in England die Sceancen…. Im Ganzen gesehen war es für mich ein rätselhaftes Element des Romans, in ihrem Nachwort hilft Angela Schrader jedoch es zu entschlüsseln.

Rivers und Prior sind die Figuren, die uns durch das gesamte Werk begleiten. Ist Rivers eine historische Figur, so hat Barker Prior als seinen Gegenpol geschaffen: ein Angehöriger der unteren Klasse, der sich in frühen Jahren Geld durch sexuelle Dienstleistungen an Männern verdiente steht einem Arzt aus gehobender Gesellschaftsschicht gegenüber. Beide sind intelligent und weisen ähnliche analytische Fähigkeiten auf, Rivers ist geschult und setzt sie behutsam ein, Prior dagegen ist direkter – er ist es, der Rivers brutal auf seine verdrängten Erinnerungen anspricht. Zwischen beiden besteht ein nur in wenigen Andeutungen der Autorin erkennbares Band der Zuneigung.


Pat Barkers Trilogie ist weit mehr als die Beschreibung eines grausamen Krieges. Sie ist eine sehr vielschichtige und tiefgründige Analyse dessen, was ein Krieg im Menschen anrichtet und wie dieser auf diese existentielle Bedrohung reagiert. Barker konzentriert sich auf England, in dem – fern der Front – 1917 ein unbedingter Glaube an den Sieg herrschte, obwohl die riesigen Menschenverluste nicht mehr zu leugnen waren, sie charakterisiert dieses Land als Klassengesellschaft, in die der Krieg als auch die Ideen vom Bolschewismus und Sozialismus Unruhe gebracht haben und den Nährboden bereitet haben für Verschwörungstheorien und die Hatz auf Andersdenkende, mit der die Kriegsauswirkungen überspielt und verdrängt wurden. Dazu kam, daß nennenswerte Teile der männlichen Gesellschaft offensichtlich durch homoerotische Tendenzen geprägt waren. Der Krieg, mag er anfänglich noch mit einem definierten Ziel geführt worden sein, verselbstständigte sich im Lauf der Jahre, die Generalität, die von den Frontverhältnissen und wenig mitbekam, hatte sich eingerichtet. In der Vierten Armee sind jedwede Diskussionen über den Frieden ab sofort untersagt. (Tagesbefehl vom 11. Oktober 1918). Noch in den Gefechten, die stattfanden, als anderswo schon über einen Waffenstillstand verhandelt wurde, verreckten Soldaten auf den Schlachtfeldern, so auch Prior und Wilfred Owen, neben Sassoon einer der ‚war poets‘ Englands.

 


Anthem For Doomed Youth
Poem by Wilfred Owen

What passing-bells for these who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns.
Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells;
Nor any voice of mourning save the choirs,
The shrill, demented choirs of wailing shells;
And bugles calling for them from sad shires.
What candles may be held to speed them all?
Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of good-byes.
The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing-down of blinds.

 


Ich war durch Zufall an dieses Buch gekommen: es lag in einer Ramschkiste, war gut erhalten und brauchte ein zuhause. Dort habe ich dann festgestellt, daß es der letzte Teil eines Werkes war.. na ja. Es gibt Sachen, die man leicht in Ordnung bringen kann…

Barkers Trilogie hat mich sehr beeindruckt. Sie ist meiner Ansicht nach deutlich tiefgründiger, tiefschürfender und umfassender als zum Beispiel Im Westen nichts Neues. Natürlich kann man das, was Barker über England und die englischen Verhältnisse schreibt, nicht auf andere Länder übertragen, aber da England ein Kriegsakteur war, an den man eigentlich gar nicht so denkt, wenn man an den 1. Weltkrieg denkt, ist das Verdienst Barkers um so höher einzuschätzen. Ich kann jedem, der sich für diesen Krieg interessiert,  nur empfehlen, Barkers Werk zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Besprechungen der drei Bände hier auf dem Blog:
Niemandsland
Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
Dort finden sich auch weiterführende Links.
[2] Das Gedicht Owens (Gesang für eine dem Untergang geweihte Jugend) wurde dieser Quelle entnommen:  https://www.poemhunter.com/poem/anthem-for-doomed-youth/

Weitere Bücher, die ich hier im Blog vorgestellt habe und deren Handlung im 1. Weltkrieg angesiedelt sind, sind unter folgendem Link zu finden:

https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/

Pat Barker
Die Straße der Geister
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Mit einem Nachwort von Angela Schader
Originalausgabe: The Ghost Road, London, 1995
Deutsche Erstausgabe: Hanser, 2000
diese Ausgabe: dtv, ca. 256 S., 2002

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