Ian McGuire: Nordwasser

Der Autor des vorliegenden Romans, Ian McGuire, ist Literaturwissenschaftler und er legt mit Nordwasser seinen zweiten Roman vor. Es ist wohl nicht ganz zufällig, daß dieser Roman, der historische Elemente enthält, der als Abenteuerroman und auch als Kriminalstück gelesen werden kann, in Hull seinen Ausgang nimmt und sich des Themas vom Walfang (welch ein Euphemismus, eher ist es ja ein Walabschlachten gewesen) widmet: Hull ist sowohl die Geburtsstadt des Autoren, war aber auch einer der großen Häfen für die Walfangschiffe in England. In Hull gibt es dieser Vergangenheit geschuldet das Hull Maritime Museum, in dem das nebenstehende Gemälde des Englischen Malers William John Huggins (https://en.wikipedia.org/wiki/William_John_Huggins) zu bestaunen ist.

Whaling Barque Harmony of Hull William John Huggins (1781-1845), Oil on canvas [Bildquelle: http://blueworldwebmuseum.org/item.php?title=Whaling_Barque_Harmony_of_Hull&id=138]

Zu sehen ist ein Schiff, die ‚Harmony of Hull‘, die inmitten eines von Eis bedeckten Meeres ihrem blutigen Geschäft nachgeht: dem Abschlachten der Robben, dem Harpunieren der Wale…. Philip Hoare beschreibt dieses Bild des Grauens, das gleichwohl auch die Gefahren dieser Jagd, die treibenden Eisschollen, die Kälte, der dräuende Eisberg im Hintergrund, nicht verschweigt, in seinem wunderbaren Buch Leviathan oder der Wal (https://radiergummi.wordpress.com…wal/), das als Hintergrund für McGuires Roman nur empfohlen werden kann (natürlich lassen sich Infos über den Walfang früherer Jahrhunderte auch aus dem Internet ziehen, Hoares Buch ist jedoch viel stilvoller…). Die dargestellte Szenerie jedenfalls entspricht wohl dem, wie es damals ablief und wie es McGuire in seinem vorliegenden Roman darstellt und teilweise sehr explizit schildert.


Der Autor führt uns in mit seiner Geschichte in das Jahr 1859 zurück. Die Walfangindustrie, die aus London die nächtens am besten beleuchtete Großstadt auf Erden gemacht hat (Hoare, a.a.O.), ist im Niedergang begriffen. Zum einen ist das Petroleum auf dem Markt aufgetaucht und verdrängt das Öl des Wales aus den Funzeln, zum anderen hat der Raubbau der letzten Jahrzehnte die Bestände an Walen stark reduziert. Waren diese in früheren Zeiten so groß, daß die Jagd fast einem Abernten glich, so war es mittlerweile gar nicht mehr sicher, daß man überhaupt noch auf einen Wal traf. Zudem verdrängt die aufkommende Dampfschifffahrt die Segler immer mehr.

Solch ein Segelschiff, die ‚Volunteer‘, liegt nun in Hull am Kai und wird für`s Auslaufen fertig gemacht. Sie wird mit allem Notwendigen beladen, die Mannschaft, bis auf die drei Harpuniere, von eher mittlerer Qualität, wurde von Baxter, einem Finanzier, zusammengestellt. Einer dieser Harpuniere, Henry Drax, ist eine der zwei Hauptfiguren des Romans. Ein vierschrötiger, keineswegs dummer Mensch, der völlig empathielos seinen Bedürfnissen nachgeht. Er sieht sich selbst als Macher, schaut verachtend auf die Denker hinab, und reagiert auf jede als solche von ihm empfundene Notwendigkeit des Augenblicks, was auch schon mal ein Erwürgen seines Partners nach dem erzwungenen oder erkauften sodomitischen Akt sein kann.

Sein Gegenspieler ist anderer Natur. Der gesichtsalte, aber nach Jahren noch relativ junge Arzt Sumner, ist undurchsichtig, er hält seine Vergangenheit im Dunkeln. Immerhin weiß man, daß er in den indischen Kolonieren als Militärarzt tätig war und heftige Kämpfe durchlitten hat (im Mai 1857 kam es dort zum Aufstand der Sepoy gegen die Kolonialmacht). Daß er aufgrund einer Erbschaft nach England zurückgekehrt, dann aber auf Probleme beim Antritt des Erbes gestoßen sei, nimmt ihm keiner ab, jeder fragt sich, warum er als Arzt auf einer derartige Fahrt anheuert. Das Kommando auf dem Schiff hat ein gewisser Brownlee, auch dieser Kapitän ein Mann mit Vergangenheit. Ihm wird nachgesagt, ein Unglücksmensch zu sein, hat er doch unter schlimmen Umständen früher mal ein Schiff verloren, mit der gesamten Ladung und vielen Toten und verletzten Seeleuten…

McGuire läßt sein Schiff nordwärts in See stechen. Auf den Shetlands wird noch mal angelegt und die Seeleute amüsieren sich ein letztes Mal bei Schnaps und Huren, bevor es dann ins Eis weitergeht, ins Nordwasser. Es ist eine blutige Fahrt, man kann sie grob nachverfolgen, da McGuire die einzelnen Stationen nennt, die über google-maps leicht zu finden sind. Blutig nenn ich sie, weil alles abgeschlachtet wird, was dem Schiff in den Weg kommt, in der Robbenkolonie werden so viel Tiere wie möglich niedergemetztelt (Fünfzig Tonnen wären machbar, wenn er eine passable Mannschaft hätte…) weil bei Sichtung jedes Bären versucht wird, ihn zu töten… ein verwaistes Bärenbaby wird an Bord gebracht, es ist- wenn es überlebt – zwanzig Pfund wert, wenn man es in den Zoo bringt. Auch auf Wale treffen sie…. Daß bei solchen Aktionen immer wieder auch Besatzungsmitglieder sterben, wird in Kauf genommen…

Schon bald wird klar, daß hinter dieser Fahrt noch etwas mehr steckt als nur die Jagd auf Wale. Der Kapitän steuert das Schiff immer weiter ins Nordwasser hinein, trotz der Jahreszeit und gegen alle tradierten Erfahrungen…. Und es kommt so, wie man es erwartet: das Schiff wird eines Tages vom Eis eingeschlossen und letztlich zerstört. Die Männer müssen es verlassen und sind in der Eiseinöde auf sich gestellt.

Schon vorher war es auf der ‚Volunteer‘ zu einem Verbrechen gekommen. Der seit Tagen vermisste Bootsjunge wird tot aufgefunden, es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Drax und Sumner, bei der letztlich Sumner die Oberhand behält – nicht ohne, daß es Opfer gibt… Aber alle sind sie jetzt ohne Schiff, im Eis, mit zuwenig Nahrung, sie sind der Kälte ausgesetzt, dem Wind, dem Hunger…

Diese Passage des Romans stellt letztendlich Sumner in den Mittelpunkt. Dieser durchlebt unter diesen extremen Bedingungen eine innere Entwicklung, zentrales Ereignis dabei ist seine Jagd auf einen Eisbären, die zu einem mythisch-archaischen Höhepunkt führt, zu einer Art Neu- bzw. Wiedergeburt: er ist danach ein anderer…


Nordwasser ist ein spannendes Buch, ganz ohne Zweifel. Es ist auch ein hartes Buch, ein – wie schon gesagt – blutiges.. mir haben diese Passagen weh getan, ich gebe es zu. Die Schilderung der Schlachtorgie in der Robbenkolonie, die Jagd der Besatzung auf die Eisbärenmutter, auch das Harpunieren und Schlachtes des Wals, das ist nicht schön. Für die Männer damals jedoch war genau dies das Ziel, der Zweck der Reise: jedes Fass mit Öl, mit Fett, jedes Fell war bares Geld, jede der Barten eines Wales wird als Fischbein im Korsett in der Zivilisation einer Dame zur Zierde verhelfen, einer Frau, die nicht ahnte, wieviel Blutvergießen damit verbunden war. Man war in dieser Gesellschaft weder wehleidig noch zimperlich, Hygiene war zweitrangig, Verdauungsprobleme an der Tagesordnung, es stank an allen Ecken und Enden, für Warmduscher war dies kein Biotop. Definitiv nicht.

Der arkane Zweck der Fahrt, er spielt keine allzu große Rolle, er erfüllt sich, weil er das Gesamtkonzept der Fahrt überlagert, letztlich wider Erwarten realistisch und glaubwürdig. Von daher ist er als Thema einer kriminellen Handlung allenfalls ein nettes Beiwerk des Romans, um zu zeigen, wie verworfen und böse, böse, böse man damals auch schon war. Es hat sich wenig verändert bis heute. In einzelnen Passagen schneidet der Autor andere Fragen an, so zum Beispiel das Phänomen, wie leicht sind Menschen zufrieden, wenn sie erstmal einen haben, den sie als Schuldigen bezeichnen können. Eine Abweichung vom Normverhalten – und schon ist man dabei. Auf der Verliererseite. Gut, wenn es dann einen Querulanten so wie Sumner gibt, der sich an den Ungereimtheiten stört und nachhakt…

In den Begegnungen der Walfänger mit den Eingeborenen ‚Yaks‘ zeigt sich ein Clash der Kulturen. Die Yaks kennen sich im Eis aus, sie wissen dort zu überleben, wissen, wie man jagen muss, wissen, die Wolken, den Schnee und das Eis zu lesen. Sie erscheinen den Männern, die doch selbst auf eine Stufe großer Primitivität gesunken sind, als kaum über den Tieren stehend mit ihrem Riten und Verhaltensweisen, allenfalls der Gedanke, daß auch diese Wesen von Gott geschaffene Menschen sind, XXXX

Ein interessanter Punkt ist auch, wie der Autor bei seiner Figur des Drax die beiden oft als Antagonisten bezeichneten Begriffe ‚Liebe‘ und ‚Tod‘ zusammenfließen läßt. Liest man eine aus ihrem Zusammenhang herausgelöste Passage wie … „Schenk mir ein letztes Stöhnen“, sagte er. „So ist es recht, meine Süße. Ein letztes Zittern, damit ich die richtige Stelle finde. Genauso Herzblatt, Noch zwei, drei Zentimeter, dann haben wir es geschafft.“ …. so werden wohl die wenigsten vermuten, daß dieses ‚abstoßende Liebesgeflüster‘ vom Töten handelt, nicht vom Lieben. Ist doch das Hineinstoßen der Harpune in den Leib des Wals hier wie das Einführen eines tödlichen Schaftes in einen warmen. lebenden Körper, der einen letzten ejakulativen Ausstoß einer Wolke reinen Herzbluts hoch in die Luft hervorruft… Dieser Vorgang des Töten des Wals gleicht dem des Töten eines Menschen nach dem Akt, in dem Drax seinem ‚Partner‘ in gleicher Weise blutig und brutal penetriert hat, einzig und allein einem unkontrollierten Trieb gehorchend.

Der Roman wird in dem meisten Besprechungen hochgelobt. Auch ich habe ihn gerne gelesen, habe ihn schnell gelesen, weil er mich packte. Und doch… ein paar Punkte haben mich gestört. Die Eingangssentenz beispielsweise, die für den weiteren Verlauf der Handlung unwesentlich ist, vor Blut nur so strotzt und außer der Tatsache, daß sie zeigt, daß es sich bei Henry Drax um einen gefährlichen, triebgesteuerten Zeitgenossen handelt (der jedoch nicht eindimensional ist), scheint im wesentlichen des bluttriefenden und schockierenden Effekts wegen geschrieben worden zu sein. Wie sagte meine Buchhändlerin: Ich habe das Buch nach ein paar Seiten weggelegt, das war nichts für mich. Für einen anderen Eindruck, den das Buch bei mir hervorgerufen hat (besser: nicht hervorgerufen hat) ist ein weiterer Autor schuldig: der Ransmayr nämlich. Ging mir doch in den „Eispassagen“ des Nordwassers seine Darstellungen zum Thema „Harte Männer im kaltem Eis bei wenig Essen, zerlumpter Kleidung und ansonsten ist es auch nicht einfach“ (Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis) nicht aus dem Kopf und daran gemessen empfand ich McGuire mit seinen Schilderungen blass und farblos.

So fass ich zusammen, was ich jetzt schon mehrfach geschrieben habe: Nordwasser ist ein publikumswirksamer, auf Schockeffekte angelegter Roman, der durchaus spannend ist, der unterhaltend ist und der ein Ende hat, bei dem der ‚Richtige‘ überlebt. Ein Abgesang auf die ‚große‘ Zeit des Walfangs, auf das Abschlachten dieser imposanten Tiere, eine Tätigkeit die nach Männer verlangte, die in dieser Brutalität und Rohheit entsprachen. Ein Abgesang auch auf die Zeit der großen Segler, eine Reminiszenz auf den einst so bedeutenden Walfanghafen Hull, die Geburtsstadt des Autoren. Das alles mit einem Protagonisten, der als Kontrapunkt zum bisherig Angemerkten durch das Purgatorium dieser Fahrt geläutert erscheint, der sich durch einen letzten barbarischen Akt retten und ein neues Leben anfangen kann.

Ian McGuire
Nordwasser
Übersetzt aus dem Englischen von Joachim Körber
Originalausgabe: The North Water, London 2016
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 304 S., 2018

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Anthony McCarten: Jack

Ich muss zugeben, daß ich vor diesem Buch gescheut habe, obwohl ich den Autoren McCarten natürlich kenne (siehe unten) und hoch schätze. Aber das Bild auf dem Schutzumschlag trifft so wenig meinen Geschmack, daß ich es einfach nicht haben wollte…. erst als ich die wirklich durchgängig guten Besprechungen gelesen habe, habe ich mir einen Ruck gegeben… und – um das vorweg zu nehmen – es hat sich gelohnt. Yes.


Ihre Hühnerpastete. die war der Schlüssel.
Die hat alle angelockt.
Ohne die hätte es keine Beat Generation gegeben.
Mannoman!

Die aktuelle Story, die das Buch erzählt, ist im Jahr 1968 angesiedelt. 1968 war ein wichtiges Jahr, eine ganze Generation (zumindest in Deutschland) ist danach benannt, eine ‚Revolution‘, die aus den USA herübergeschwappt war, der Protest gegen den Vietnam-Krieg, die ‚Hippies‘, um einige Stichworte zu geben und auch den Bogen zu spannen zu diesem Roman. Auch die Hippies sind nicht einfach vom Himmel gefallen, haben ihre Vorläufer, auf die sie sich berufen. Und davon erzählt dieser pseudobiographische Roman um Jack Kerouac und die fiktive Jan Weintraub.

Auf Jack Kerouac nämlich geht der Begriff des Beatnik zurück, der ihn 1948 in einem Interview prägte. „Das Adjektiv beat aus dem Slang der Kriminellen, den Herbert Huncke in die Gruppe um Kerouac, Ginsberg und Burroughs einbrachte, hatte die Bedeutungen „besiegt“, „müde“ und „heruntergekommen“, aber Kerouac prägte zusätzlich die Bedeutungen „euphorisch“ (upbeat), „seligmachend“ (beatific) und in Bezug auf Musik, vor allem Bebop, auch being on the beat („im Rhythmus sein“).“ [Quellehttps://de.wikipedia.org/wiki/Beat_Generation]. Bibel dieser Generation, die mit einem „Höchstmaß an innerer und äußerer Bewegung agierte, die ständig unterwegs war und auf der Suche nach einer von Tempo, Jazz, Marihuana, Sex und Freiheit berauschten Existenz, auf endloser Entdeckungsreise durch ein Amerika, für dessen Schönheit ihnen die Verachtung des Utilitarismus ihrer Zeitgenossen, des Establishment der Saturierten die Augen geöffnet hatten.“ [nach dem Text auf dem Vorsatzblatt der 68er rororo-TB-Ausgabe von Unterwegs; siehe Abbildung], war diese Roman Unterwegs (On the Road) von Jack Kerouac, der sich damit als „Romancier einer Generation vorstellte, die inmitten der schlechtesten aller Welten ein dröhnendes Bekenntnis zum glücklichen Leben ablegte, das den ehrbaren Bürger erschauern ließ.“ [a.a.O.]. Kerouac hatte (so legt es McCarten seiner Protagonistin in den Mund), als die Trümmer des Krieges noch rauchten, deutlich erkannt, dass zu lernen war, dass man nach vorn blicken muss, nach vorn und immer nur nach vorn … unsere Augen auf die nächste Biegung der Straße geheftet, weil wir sicher sein können, dass dahinter eine hübsche Zerstreuung wartet, etwas Flüchtiges, Schönes, dessen einziger Zweck auf Erden darin besteht, dass es uns – uns Neurotiker! – alles Traurige vergessen acht, das hinter uns liegt.

Vorderes Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo
Hinteres Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo

Es ist also 1968. Die junge Literaturwissenschaftlerin Jan Weintraub hat gehört, daß sich ihr Idol Kerouac auf dem stark absteigenden Ast befindet. Mit der sich aus den Beatniks herausgebildeten Hippie-Bewegung konnte er nichts anfangen, das war nicht mehr seins, die enge Freundschaft mit Neal Cassidy (z.B.: http://www.beatmuseum.org/cassady/nealcassady.html bzw.  https://de.wikipedia.org/wiki/Neal_Cassady), den er in seinen Romanen verewigt hatte, war zerbrochen und Kerouacs verbliebenes Lebensziel war es, sich von der Welt abgeschottet zu Tode zu saufen. Wo er sich aufhielt, war unbekannt [In der nebenstehend abgebildeten deutschen TB-Ausgabe beispielsweise steht, daß er zur Zeit in New York lebe, mittlerweile weiß man es besser]. Höchste Zeit also, ihr Ziel, eine autorisiere Biografie zu schreiben, anzugehen. Jan hatte durch Zufall erfahren, daß der Dichter für seine Mutter ein Haus gekauft hat und kommt so auf seine Spur. Kurzentschlossen fährt sie quer durch Amerika nach St. Petersburg, Florida, ein zerlesenes Exemplar von On the Road unter dem Arm – in der Hoffnung, dies würde der Eitelkeit des Schriftsteller genügend schmeicheln, um sie nicht direkt und brüsk abzuweisen.

Sie hatte den richtigen Riecher, erstaunlich einfach war das Haus der Mutter zu finden und in ihm tatsächlich der saufende Kerouac, der sie nicht abwies. Wohl hätte er auf sie verzichten können, doch gewährt er ihr Einlass und redet mit ihr, beantwortet ihre Fragen. Nur, und das ist schockierend für Jan, behauptet er, von dem beispielsweise sein Freund Ginsberg sagte, er würde ein Archiv führen wie ein Buchhalter, er hätte alles an Briefen, die er geschrieben und erhalten habe, verbrannt! Ein unersetzlicher Verlust für die Literaturgeschichte, aber stimmt die Behauptung Kerouacs? Jan kann sich in einem günstigen Augenblick Zugang zum Haus verschaffen, Jack ist mit seiner Mutter in der Kirche, es ist Allerheiligen [S. 102, wir haben jedoch den 25. Mai (!) 1968]. Doch die beiden kommen früher zurück als Jan erwartet hatte und sie erwischen Jan, wie sie im Schlafzimmer die Schränke mit den (wie vermutet) noch vorhandenen Briefen durchwühlt, auf der Suche nach einem oder zwei ganz bestimmten.

Standen bis jetzt die Geschichte Jacks und seines Schreibens im Vordergrund, stellt McCarten im zweiten Teil seines Buches das Schicksal Jans in den Mittelpunkt. Sie wird nach dem unerlaubten Eindringen zwar in einem ersten Impuls rausgeschmissen, doch letztlich erlaubt man ihr doch, zu bleiben, bietet ihr sogar ein Zimmer im Haus an. Es entsteht in dieser Periode dann tatsächlich so eine Art Familienleben zwischen Kerouac, seiner dritten Frau, der Mutter und Jan, ja, selbst  der heruntergekommene Poet strengt sich an… nur Petey, in dessen Zimmer Jan schläft, und der ein paar Tage später auf Heimaturlaub aus Vietnam kommt, tritt Jan gegenüber reserviert auf, ist und bleibt misstrauisch…

Für den Kerouac des Romans ist diese Zeit, sind diese Tage, eine Art letztes Zwischenhoch, aus dem er abrupt herausgerissen wird und der Trost, den er findet, wohnt in der Flasche und er tröstet ihn letztlich zu Tode. Wenige Menschen nur kommen zu seiner Beerdigung, mit deren Schilderung der Roman sowohl anfängt als auch endet, Jan ist unter ihnen, sie hält sich im Hintergrund…


McCartens Roman Jack behandelt zwei große Fragen am Beispiel seines eigenes schriftstellerischen Helden: „Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“ wird er zitiert. Ist die eine Frage also die nach der Identität, so spielt auch die Frage nach Schuld eine Rolle, nach Verantwortung zum Beispiel am traurigen Schicksal Neal Cassidys oder dem seiner Tochter.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
(Precht, 2007)

Kerouac wird im Roman als Mensch beschrieben, der in alle möglichen Rollen schlüpfen konnte, das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Dadurch steht die Frage im Raum, wer war er wirklich, wer war dieser Held einer ganzen Generation eigentlich, welche Identität hatte er, der so viele Rollen spielen und annehmen konnte? Aber wie definiert man diesen Begriff ‚Identität‘ eigentlich? Wie unterscheidet man ihn von den Rollen, die man/jeder in seinem Leben einnimmt? Eine schwierige Frage, die dieser Roman natürlich auch nicht beantwortet [Precht mag sie beantwortet haben, das Buch steht jedoch zwar bei mir im Regal, aber leider ungelesen…]… möglicherweise ist die Summe aller Rollen ja das glitzernde Facettenkleid der Identität, von der nichts übrig bliebe, wenn ich alle Rollen, die eingenommen werden können/wurden, wegnehme…. 

Die Frage nach der Identität taucht ebenso bei der zweiten, dem Roman im Geheimen sogar dominierenden, weil als Erzählerin auftretenden Jan Weintraub, auf. Traf man bei Kerouac auf eine Unzahl von Rollen, die er im Lauf seine Lebens ausgefüllt hatte (bis er schließlich bei der einzigen verbliebenen des mit der Welt grummelnden Säufers gelandet war), so überschreitet Jan Grenzen: sie nimmt nicht nur Rollen ein, sondern tatsächlich andere Identitäten, ein Übergang gar ins Pathologische findet bei ihr statt.

Letztlich kann man auch das traurige Schicksal Neal Cassidys unter diesem Aspekt betrachten. Der vormals kleinkriminelle Frauenheld, der in die Gruppe der intellektuellen, gesellschaftliche Normen sprengenden Dichter und Schriftsteller gerät, von Kerouac als literarische Figur verewigt wird, bemühte sich anfangs, dem Bild gerecht zu werden, das sein Schriftstellerkumpel ihm angehängt hatte. Später dann kann er sich allerdings nicht mehr von seinem Alter Ego Dean Moriarty lösen und befreien und geht daran zugrunde. Seine Umwelt nimmt ihn nur noch als Moriarty wahr und er hat sich resignierend in diese Funktion gefügt.

Sir, sollte die Literatur die Verantwortung für ihre Opfer übernehmen? lautet eine der Fragen, die Jan an Kerouac richten wollte…. Die Frage bezieht sich in erster Linie zwar auf Neal Cassidy, aber ist nicht auch Kerouac selbst ein Opfer seines Erfolgs, der ihn in eine Rolle gezwängt hat, die er am Ende seines kurzen Lebens (er wurde ja gerade mal siebenundvierzig Jahre alt) nicht ausfüllen wollte? Dabei kann man nicht behaupten, McCarten würde seine Hauptfigur besonders sympathisch darstellen, eher beschreibt er seinen Helden als am Erfolg gescheiterten Schriftsteller, der wieder zurück zu Muttern gegangen ist und sich dort gehen läßt, sich langsam zu Tode säuft und sich vor der Welt versteckt. Nur in der kurzen Phase, in der Jan im Haus mit lebt, erwacht noch einmal ein anderer Jack Kerouac, der empathisch ist, mitfühlend, sich sorgend, der auch sein Selbstmitleid vergessen hat…


Wie von McCarten nicht anders zu erwarten, ist Jack ein sehr professioneller Roman. Gut, abwechslungsreich und spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen der Handlung, mit gut gezeichneten Figuren kann man ihn problemlos in einen ‚Rutsch‘ durchlesen, intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau also. Im Gegensatz zu seinem Helden jedoch, der mit Unterwegs die amerikanische Literatur revolutionierte (oder sollte man sagen, es war Neal Cassidy, der dies tat, denn Kerouac goss letztlich dessen Art zu reden in eine literarische Form) und zum Leitbild einer Generation wurde, bleibt McCarten literarisch im Rahmen des Üblichen: keine Experimente, kein Aufsprengen von Grenzen. Wohl wechselt er zwischen inneren Monologen Jans, nachempfunden Interviewsequenzen zwischen Jack und Jan und Beschreibungen von Handlungen und Situationen, grundlegend Neues findet man jedoch nicht.

Jack ist kein historischer Roman und keine Biografie, was er über die Geschichte des Buches Unterwegs (im ersten Teil des Romans) schreibt, gibt jedoch einen anschaulichen Einstieg in die Historie der Beatniks, die nach dem Krieg einen Neuanfang für sich suchten, die Grenzen und Konventionen sprengten, für die Literatur wichtig war. Die Beatniks mögen selbst an ihren Anspruch gescheitert sein wie Kerouac oder Cassidy, sie fanden aber Nachfolger. Der Protest gegen den Vietnamkrieg mit den Studentenunruhen, die Bewegung der Hippies beispielsweise waren beides gesellschaftliche Phänomene, die auch nach Europa überschwappten und hie wie da die Gesamtgesellschaft veränderten.

Schrieb ich vorstehend, daß McCartens Roman dem Konventionellen verhaftet bleibt, so soll dies keine Abwertung sein, sondern ist als reine Feststellung zu nehmen, die dem Vergnügen, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen, keinen Abbruch tut. Ich war und bin jedenfalls froh, daß ich meine Abneigung gegen das Bild auf dem Schutzumschlag überwunden habe [ein post-it, das es gnädig verdeckte, hat mir dabei geholfen…;-)]

 

Anthony McCarten
Jack
Originalausgabe: American Letters, 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 256 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Roman von McCarten, die ich im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl

Kurzlink des Beitrags: https://wp.me/paXPe-9Xz

Nadeem Aslam: Die goldene Legende

Der Roman des 1966 geborenen britisch-pakistanischen Autoren Nadeem Aslam spielt in seinem Geburtsland, das er als Vierzehnjähriger aus politischen Gründen verlassen musste. Pakistan ist ein Staat mit schlechtem Ruf – im Westen. Entstanden nach dem Abzug der Briten aus ihrer ehemaligen Kolonie aus der blutigen Geburt zweier Staaten, eben Pakistan und dem modernen Indien  [Salman Rushdie hat dies ja in seinem wunderbaren Roman Mitternachtskinder so packend geschildert], gilt es heute als Staat, der für fundamentalistische Muslime Heimat und Unterschlupf geworden ist. Andererseits arbeitet er – zumindest klandestin – wohl mit amerikanischen Einrichtungen zusammen, er verfügt über Atomwaffen und ist in der Summe einer der politischen Brennpunkte auf dieser unserer Erde. Daß immer wieder Spannungen zum Nachbarn Indien auftreten, trägt dazu natürlich noch bei. Harmonischer dagegen funktioniert die Zusammenarbeit mit China, hier ist der Begriff „Chinesisch-Pakistanischer Wirtschaftskorridor“ bezeichnend für gemeinsame Interessen [z.B. hier: http://www.dw.com/de/china-treibt-wirtschaftskorridor-durch-pakistan-voran/a-38964812%5D. Falls jemand außerdem noch interessiert ist, zu erfahren, wie das aktuelle Verhältnis zwischen den USA und Pakistan ist, kann er dies beispielsweise in diesem Beitrag der SZ nachlesen [Arne Perras: Wie China den Streit zwischen USA und Pakistan nutzt; http://www.sueddeutsche.de/politik/pakistan-wenn-zwei-sich-streiten-1.3815740]


Die Handlung des vorliegenden Romans, dessen Cover in einer der Farbe der Nationalflagge und damit des Propheten gehalten ist, spielt zum größten Teil in der fiktiven Stadt Zamana im Norden Pakistans, in der Nähe der „Grand Trunk Road“ [die ich in jungen Jahren selbst schon in Teilen bereist habe; zur Geschichte dieser wichtigen Straße vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Trunk_Road ], auch das umstrittene und zeitweise in blutigen Auseinandersetzungen umkämpfte Kaschmir ist nicht weit. Zamana ist eine pulsierende, wachsende Stadt, in der viele Christen leben, die in einfachen Tätigkeiten arbeiten, beispielsweise als Hausmädchen, Kanalarbeiter u.ä. Das Viertel, in dem sie wohnen, ist mittlerweile eine Art Getto geworden: die Stadt ist um die kleinen Häuschen herum gewachsen und hat sie eingeschlossen. Christ sein ist nicht einfach in dieser Stadt, in der ein Brunnen als verunreinigt gilt, wenn ein Christ daraus getrunken hat…

Die Geschichte, die Aslam erzählt, verknüpft das Schicksal vieler Personen miteinander. Da sind zuerst zu nennen Nargis und Massud, aufgeklärte Muslime der Mittelschicht, die als Architekten viele Bauwerke geplant und errichtet haben. Bei ihnen geht ein und aus wie eine Tochter die junge Christin Helen aus dem Nachbarhaus, die von ihnen gefördert wird. Sie ist die Tochter von Lily (hier ein Männername) und Grace, die vor einiger Zeit von einem Muslim getötet worden war. Lily, der Analphabet ist, verdient sein Geld mit seiner Rikscha. In ihm regen sich mittlerweile wieder Gefühle für eine Frau, die er eines Abends mit seiner Rikscha nach Hause gefahren hat. Aysha ist Witwe, ihr Mann aus unglücklicher Ehe hatte sich den Dschihadisten angeschlossen und ist bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getötet worden. Sie ist die Tochter des Geistlichen der gegenüberliegenden Moschee, bewohnt dort mit ihrem bei einer Explosion verkrüppelten Sohn ein Zimmer und wird von ihrem fundamentalistsichen Schwager, der ebenfalls dort lebt, streng bewacht. Letzte, aber nicht unwichtigste der Hauptfiguren ist Imram, eine junger Mann aus Kaschmir, der dort als Jugendlicher die Unterdrückung durch die indische Armee miterlebt hat, der verfolgt und gefoltert worden war und der sich ebenfalls dem Untergrund angeschlossen hatte. Jedoch bekam er Zweifel und er floh aus dem Ausbildungslager; daß er auf Nargis und Helen stieß, war Zufall.

Am falschen Platz zur falschen Zeit. Auslöser der Geschichte ist ein schreckliches Unglück. Die Bibliothek Zamans zieht um ein neues, von Massud und Nargis geplantes Gebäude. Um die Bücher, in denen der Name des Propheten vorkommt, schonend und sicher umzuziehen, baut sich eine Menschenkette durch die Straßen auf, die die Bücher weiterreichen. Ausgerechnet an der Stelle, an der Massud und Nargis sich eingereiht haben, kommt es zu einer Schießerei auf der Straße und Massud wird von einer Kugel getroffen und stirbt…

In diese Schießerei war ein Amerikaner verwickelt, damit erhält das ganze eine politische Dimension, u.a. der militärische Geheimdienst nimmt sich der Angelegenheit an. Was bedeutet, daß Nargis als Witwe von einem Offizier aufgesucht wird, der ihr sehr handgreiflich klar macht, daß sie dem Amerikaner öffentlich zu verzeihen hat, das islamische Recht sieht eine solche Möglichkeit vor. Bevor es jedoch dazu kommt, werden der Christ Lily und die Muslima Aysha von dem Unbekannten, der nachts per Lautsprecher vom Minarett der Moschee aus Verfehlungen der Menschen im Viertel öffentlich macht, beschuldigt, ein Verhältnis zu haben. In der Folge kommt es zu Ausschreitungen, in einer offensichtlich lang vorbereiteten Aktion, fast ein Progrom, werden alle Häuser der Christen niedergebrannt, es gibt auch viele Tote und Verletzte, Lily jedoch konnte rechtzeitig fliehen. Die aufgebrachten und angestachelten Menschen suchen gleichfalls seine Tochter Helen, Nargis kennt jedoch ein Versteck, in dem sie mit Helen unterschlüpfen kann, Imran begleitet sie, läßt sich nicht abweisen.

Dort, auf einer Insel, in einer verfallenden Moschee, warten sie ab, schweifen mit ihrem Gedanken in die Vergangenheit, unterhalten sich, nähen die Seiten eines alten Buches, das der Geheimdienst gefleddert hatte, wieder zusammen. Imran besorgt Lebensmittel in der Stadt, er und Helen kommen sich näher, erzählen sich ihre Lebensgeschichten. Lebensgeschichte – auch Nargis hat natürlich eine und die weist eine schlimme Bruchstelle auf, ihr großes Geheimnis, das sie noch nicht einmal mir Massud teilen konnte – was ihr jetzt große Schuldgefühle verursacht.

Die relative Sicherheit des Verstecks endet mit einem Schlag. Zum einen dringt der Geheimdienstmajor langsam zu dem Geheimnis Nargis‘  vor, zum anderen kommt es auf einem religiösen Fest, zu dem Helen mit Imran geht, da sie hofft, dort auf Lily zu treffen, zu einem Selbstmordattentat…


Die Szenerie, die Aslam in seiner fiktiven Stadt Zamana entwirft, hat, was seine christlichen Einwohner angeht, einen fast schon leicht dystopischen Einschlag. Überall lauern Gefahren, Denunziationen, Diskriminierung oder körperliche Attacken auf sie. Sie sind umgeben von Verboten, werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, von Fundamentalisten als Zielscheibe eines bewusst erregten Volkszorns genutzt. Daß sich ein solcher Mob auch gegen andere aufgeklärte Menschen, und seien sie auch Muslime, ausrichten läßt [diese ganz aktuellen Berichte über den Besuch der muslimischen Friedensnobelpreisträgerin Malala in ihrer Heimat zeigen es nur zu gut:  http://www.spiegel.de/politik/ausland/malala-yousafzai-friedensnobelpreistraegerin-reist-nach-pakistan-a-1200416.html bzw. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/nobelpreistraegerin-malala-yousafzai-wieder-in-pakistan-15518210.html oder auch hier: http://www.zeit.de/news/2018-03/29/nobelpreistraegerin-malala-in-pakistan-180329-99-682164] kann da kein Trost sein und der Gedanke, daß das Bild einer weitgehend von Hass und (religiöser) Irrationalität geprägten Gesellschaft wohl weitgehend der Realität entspricht, deprimiert und macht mehr als traurig.

Wenige Menschen dieser Gesellschaft bewahren sich eine von Vorurteilen und Hass freie Einstellung, sie ist – dies läßt sich andeutungsweise aus dem Buch herauslesen – auch vom Bildungsstand abhängig. Das Paar Massud und Nargis beispielsweise, aber auch der Museumsdirektor Fargis verkörpern diese Humanität, die zum tieferen Kern eines Glaubens durchgedrungen ist. Woraus sich folgern ließe, daß eine verbesserte Bildung ein Mittel sein könnte, dem dumpfen Hass von Menschen an der Wurzel zu begegnen.


Polizisten hatten sich in einem großen Raum um ihn [i.e. den gefangenen Gotteslästerer] herum aufgestellt … Sie kamen auf ihn zu, die Waffen schussbereit. Sie alle beanspruchten das Privileg, den Gotteslästerer zu töten, wollten, daß ihnen ihre vielen Sünden mit dieser Tat genommen wurden; also beschloß man, sich in einem Kreis um ihn zu stellen und gleichzeitig zu feuern. Auf drei. … Ihr Leben lang hatten sie gelogen und betrogen, waren neidisch gewesen, hatten Gebete und Fastenzeiten ignoriert, hatten die Alten nicht geehrt, muslimische Glaubensbrüder brutal misshandelt und zahllose widerliche Tagten begangen; sie hatten Frauen geschlagen, Kinder vergewaltigt, hatten von den Kranken und Hungernden gestohlen, aber hier winkte die Rettung, die garantierte Aufnahme ins Paradies.

In diesem Absatz meint man die Verzweiflung des Autoren an den Verhältnissen förmlich körperlich zu spüren, deswegen habe ich ihn mit nur wenigen Kürzungen hier zitiert.

Aber – dies sei der Gerechtigkeit wegen gesagt – auch Muslime sind Opfer. Imram als Kaschmiri erzählt und berichtet von der Unterdrückung und Verfolgung der Muslime durch die indische Armee in Kaschmir [zur wechselvollen Geschichte dieses Himalaya-Tals z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmir]. Zu nennen ist ebenfalls der Drohnenkrieg der Amerikaner, der viele zivile Opfer fordert, auf der anderen Seite jedoch auch instrumentalisiert wird, in dem die Amerikaner für alles mögliche andere verantwortlich gemacht werden.


Der Roman enthält aber nicht nur diese schmerzhaften Passagen und Handlungsstränge, er stellt auch Schönes dar. Allein die beiden Zimmer im Zimmer Massuds, gebaut gegen die Kälte, die in diesem großen Raum im Winter herrscht… an die Decke ziehbare Modelle zweier Moscheen, die so groß sind, daß man ihn ihnen, wenn sie auf dem Boden stehen, gegen die Winterkälte geschützt sitzen und arbeiten kann… das Buch, das Massuds Vater einst geschrieben hat und das voll ist von schönen Legenden, von Warnungen auch an die Leser. Es spielt eine große Rolle in diesem Roman, ist selbst ein starkes Symbol in seiner Zerstört- und Versehrtheit, gegen die Nargis, Helen und Imram ankämpfen… die alte verfallene Moschee auf der Insel, einst gedacht als Symbol der Toleranz gegen Menschen die anders glauben, die an Anderes glauben… Immer wieder erzählt uns der Autor in die Geschichte eingestreut Legenden, die seit Generationen überliefert und bewahrt werden…

Enthält das Buch eine Botschaft? Für mich sind es zwei Aspekte der Geschichte: zum einen – wie erwähnt – die Rolle von Bildung und Ausbildung, die möglicherweise [es gibt ja auch Gegenbeispiele, da brauchen wir nicht allzuweit zu gehen] gegen primitive Propaganda schützt und die Kraft der Liebe, die in der Lage ist, Trennendes zu überwinden, weil sie den Menschen erkennt, der hinter all dem Glauben, hinter aller Überzeugung steckt.


Die goldene Legende ist ein schönes Buch, kein unbedingt fröhliches für unbeschwerte Stunden. Dazu ist die Handlung wohl zu authentisch, zu nah an der Realität vor Ort. Zwar weist sie meiner Meinung nach ein paar Stolperstellen auf, an denen man ins Stutzen kommen kann (wenn beispielsweise dem muslimischen Geistlichen ein urkatholischer Rosenkranz (mit seinen 59 Perlen und einem Kreuz) in die Hand gegeben wird anstatt einer Misbaha / Tasbih mit ihren meist 33 Perlen [S. 68]), aber solch leichtes Geholpere schadet dem Gesamteindruck nicht. Nadeem Aslam ist eine starke Stimme, die in diesem Roman Hass und Intoleranz in seinem Geburtsland anprangert und der erkennbar an diesen Gegebenheiten leidet. Und uns Lesern ermöglicht er einen Blick in ein Land, das ansonsten eher in den Nachrichten als in der Literatur auftaucht.

Nadeem Aslam
Die goldene Legende
Übersetzt us dem Englischen von Bernhard Robben 
Originalausgabe: The Golden Legend, London, 2017
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 410 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Vu

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

Der 1954 in Japan geborene und seit 1960 in Großbritannien lebende Kazuo Ishiguro gehört einem exklusiven Club an, dem der Nobelpreisträger für Literatur nämlich. Dieser wurde ihm in diesem Jahr 2017 mit der Begründung verliehen, er sei ein Schriftsteller, der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat. Das bekannteste Werk von ihm ist wohl der Roman Was vom Tage übrig blieb, dem vorliegenden, 2005 erschienen Buch Alles, was wir geben mussten (Never Let Me Go) wurde seinerzeit von vielen Kritikern das Prädikat „wichtigste Erzählung des Jahres“  verliehen. [1] Beide Romane sind verfilmt worden.


Eine Baumallee führt den Blick zu einem großem Gebäude hin, der Eindruck des Umschlagbildes ist freundlich und einladend. Auf der Rückseite ist der Blick ähnlich, als stünden wir im Zentrum und könnten nach einem Schwenk aus Richtung des Gebäudes nach ‚außen‘ schauen, ein Außen, das jedoch in einer Art Nebel versunken ist und nichts von sich preisgibt. Der Nebel scheint wie über die Baumreihen gestülpt, die dadurch bleich werden, ihre Äste wie Knochen in das diffuse Weiß weisend.

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen über elf Jahre als Betreuerin. So fängt dieser Roman Ishiguros an. Kathy ist die Erzählerin der Geschichte, daß sie schon seit elf Jahren Betreuerin ist (von wem oder in welchem Zusammenhang bleibt vorerst offen), ist etwas Aussergewöhnliches, kommt (wie erklärt wird) nicht häufig vor und auch Kathy wird ihre Aufgabe bald beenden.

Alles, was wir geben mussten ist in drei Teile aufgeteilt. Der erste Teil umfasst einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren, in denen Kathy das Heranwachsen einer Gruppe Kinder in einem englischen Internat schildert, Kinder, die dann als Jugendliche die Einrichtung in Hailsham verlassen werden. Ich schrieb ‚Einrichtung‘, denn es ist anfangs nicht ganz klar, was dies für eine Einrichtung ist, in normalen Internaten werden die Lehrer schließlich nicht als ‚Aufseher‘ bezeichnet, eine Funktion, die eher auf ein Gefängnis schließen ließe. Und tatsächlich schält sich im Lauf der Erinnerungen Kathys heraus, daß Hailsham beides ist: Internat sowohl als auch eine Art ‚Lager‘, dessen einziger Kontakt zur Aussenwelt der regelmäßig erscheinende Lieferdienst ist. Von Eltern ist nie die Rede, die englischen Landschaften und Regionen lernen die Schüler/-innen nur über Kalenderbilder kennen, auf das spätere Leben außerhalb Hailsham werden sie über Rollenspiele eingeübt.

Natürlich gibt es ein paar Personen, die einen besonderen Status in den Erinnerungen Kathys haben: ihre beste Freundin Ruth und Tommy, mit dem sie sich so gut verstand, die Aufseherin Lucy spielt eine große Rolle und hin und wieder auch eine rätselhafte ‚Madame‘, die keinen Namen hat, Hailsham mehr oder weniger regelmäßig besucht, dann Zeugnisse der kreativen Arbeit (die offensichtlich sehr wichtig ist) der Schüler für ihre ‚Galerie‘ mitnimmt und die weinen muss, als sei eines Tages heimlich sieht, wie Kathy mit einem Kissen vor die Brust gedrückt zu einen Lied tanzt.

Ishiguro erzeugt eine düstere, unheilschwangere, rätselhafte Atmosphäre: man merkt, daß etwas nicht ’stimmt‘, kann es aber nicht packen, da die Kinder/Jugendlichen im Grunde so sind (oder fast so sind) wie alle Menschen in diesem Alter, sich so verhalten, so pubertieren, so auch zu Erwachsenen reifen. Bis es dann eines Tages deutlich ausgesprochen wird: diese jungen Menschen haben keine Eltern denn sie sind Klone, sie sind Organersatzteillager.

Mit sechzehn Jahren ist die Zeit in Hailsham für die jungen Erwachsenen vorbei, sie kommen in sogenannte Cottages, in denen sie auf ‚Kollegiaten‘ aus anderen Einrichtungen treffen. Ruth, Tommy, Kathy und noch ein paar andere bleiben zusammen, man merkt jedoch schnell, daß Hailsham etwas besonderes war. Sie versuchen sich ihr Leben einzurichten, Sex wird wichtig für sie, er ist ohne großes Risiko, da sie keine Kinder bekommen können. Tommy und Ruth werden ein Paar, Kathy ist beunruhigt über die Tatsache, daß sie ‚es‘ manchmal so stark braucht, daß ihr egal wird, wer es ihr besorgt. Es wird die Frage gestreift, wer oder was ihre ‚Möglichen‘ sind, die Menschen also, von denen sie geklont wurden. In einem Ausbruch versteift sich Ruth darauf, daß sie vom Abschaum stammen und Kathy schaut sich daraufhin die Pornohefte, die einer der älteren Kollegiaten einst gesammelt hatte, nach Gesichter durch, die ihr ähneln. Es bleibt genauso ohne Ergebnis wie der Ausflug nach Norfolk, wo einer der Älteren eine ‚Mögliche‘ von Ruth gesehen zu haben meint.

Und noch ein Gerücht beschäftigt die drei: wenn ein Paar sich sehr liebt und diese Liebe beweisen kann, dann kann es – so das Gerücht – zurückgestellt werden, um diese Liebe ein paar Jahre zu leben. Nach Tommys Theorie (Welche Grundlage haben die Auseher, das zu entscheiden?) dienen die Werke der Schüler, die Madame seinerzeit für die Galerie gesammelt hat, als Entscheidungsgrundlage, denn sie erlauben einen Blick in die Seele… und Tommy selbst war damals nicht kreativ, hat nie was für die Galerie geschaffen und versucht verzweifelt, dies nachzuholen… Die drei leben sich jedoch bald auseinander, bis Kathy sich entschließt, Betreuerin zu werden.

Der dritte Teil des Romans spielt jetzt sieben Jahre später, Kathy ist immer noch Betreuerin und fährt in ganz England herum, um sich um die Spender zu kümmern. Selten trifft sie jemanden von damals, aus Hailsham, aber von Julia erfährt sie, daß ihre Schule mittlerweile geschlossen worden ist. Sie hört auch von Ruth und entschließt sich, deren Betreuerin zu werden. Das Verhältnis ist nicht unkompliziert und auf einem Ausflug zusammen mit Tommy, der auch Spender ist und den Ruth unbedingt wiedersehen will, bittet Ruth die beiden um Verzeihung, daß sie sich zwischen sie gestellt hat, sie Tommy und Kathy auseinander gehalten hat; sie gibt ihnen die Adresse von Madame, die sie herausgefunden hat und ermutigt sie, dort um eine Rückstellung zu bitten.

Nach dem Tod von Ruth werden Tommy und Kathy in Paar, Kathy wird auch Betreuerin von Tommy. Es kommt zu dieser Begegnung mit Madame, die jetzt auch einen Namen erhält – und sie treffen die ehemalige Schulleiterin in Madames Haus. Von ihr erfahren sie (und damit wir) einen ganz groben Hintergrund der ganzen Geschichte um die geklonten Menschen – und sie erfahren, daß es keine Rückstellungen gibt, daß dies einzig und allein ein Gerücht ist, das nie zutreffend war…

Danach leben sich Tommy und Kathy auseinander, bis Tommy, obwohl sie Freunde bleiben, sogar einen anderen Betreuer für sich haben möchte – seine nächste Spende steht an. Aber auch für Kathy wird die Zeit als Betreuerin jetzt enden, sie wird blad eine Benachrichtigung erhalten, und wenn ich erst in dem Zentrum bin, in das sie mich dann schicken, und ein ruhigeres Leben führe, werde ich Hailsham bei mir haben, sicher verwahrt im Kopf, und das wird mir niemand mehr nehmen können. 


Wir haben diesen Roman des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro bei uns im Lesekreis, dem ich hiermit auch für die Diskussion, die in meine Besprechung mit einfließt, bedanke, besprochen: die Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Das übergeordnete Thema des Buches zielt auf die Auswirkungen, Ergebnisse – es ist schwierig, hier das richtige Wort zu finden – gentechnischer Manipulationen, hier der seit 1996 mit dem Klonschaf Dolly demonstrierten Möglichkeit, auch ein hochentwickeltes Säugetier (und damit prinzipiell auch den Menschen) zu klonieren [2]. „.. es ist schwierig… “ weil Ishiguro konsequent jegliche Erklärung oder Einbettung seiner Geschichte in einen (fikitiven) historischen Kontext verweigert. Einzig, daß dieses Programm nach dem Krieg gegründet worden ist und daß die Handlung des Romans in den achziger Jahren spielt, konkretisiert er – kaum mehr ist dem Roman zu entnehmen. Ishiguro erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Sicht seiner Hauptperson Kathy, wir wissen zu keinen Zeitpunkt mehr als diese – wenn man mal von dem Wissen absieht, daß es eben genauso ist. Dieser etwas spitzfindig auf eine Metaebene deutende Satz ist insofern angebracht, als daß Kathy zwar auch wissen könnte, daß sie nichts weiß, daß es jedoch für Kathy – und auch für alle anderen – überhaupt keine Frage ist, sie thematisieren diese Frage nur äußerst selten. Allenfalls die immer wieder gerüchteweise vermutete Existenz von ‚Möglichen‘ könnte man in diese Hinsicht interpretieren.

Die jungen Menschen wie Kathy, Tommy, Ruth sind seltsam gefühlsreduziert. Spätestens wenn in der Pubertät normalerweise eine Auflehnen gegen äußere Zwänge erfolgt, der eigene Weg ins Leben gesucht wird, fällt dieser Mangel auf: obwohl die Kinder durch ihre Aufseherin Lucy genau um ihr Schicksal wissen, stellen sie es nie in Frage oder revoltieren gar dagegen. Klaglos akzeptieren sie, daß ihr Schicksal ist, als junge Erwachsene ausgeweidet zu werden und zu sterben.

So gefühlsreduziert bzw. was den Sex angeht, sogar ins animalische hineinreichend (wenn Kathy – später wird auch Ruth das zugeben – es unbedingt braucht, dann ist ihr egal, wer es ihr besorgt) ihr Verhalten ist, so zäh ziehen sich teilweise die Schilderungen Ishiguros in den ersten beiden Abschnitten des Romans. Es geschieht nur wenig, und wenn, dann hat man das Gefühl, es ist wieder das Gleiche, nur mit anderen Worten. Schlüsselstellen sind zweifelsohne der ‚Tanz‘ Kathys mit dem Kissen, der von der emotional berührten Madame beobachtet wird, die Eröffnung ihres Schicksals durch die Aufseherin Lucy, später dann die Fahrt nach Norfolk, um die ‚Mögliche‘ von Ruth zu suchen…

Der dritte Abschnitt, in dem alles auf ein Ende hinläuft, in dem die Protagonisten, auf jeden Fall aber Kathy, etwas aus der Isolation des Programms herausgenommen ist und mit der Welt in Berührung kommt (und wenn es nur durch die vielen Autofahrten durch das Land ist) ist lebhafter, wird dramatischer. Die Konflikte zwischen den drei Protagonisten treten zu Tage, die intrigante Ruth verspürt ein Gefühl der Reue und der Schuld Kathy und Tommy gegenüber, eine Schuld, die sie dadurch abtragen will, daß sie ihnen die Adresse von Madame gibt, die sie selbst mühsam herausgefunden hat. Hier sollen die beiden eine ‚Rückstellung‘ beantragen, sollen zeigen, daß sie zur Liebe fähig sind und daß sie eine Seele haben… es kommt zum Aufeinandertreffen von Kathy und Tommy einerseits mit der alten Internatsleiterin und Madame. Es ist ein seltsam anmutendes Gespräch zwischen den Vieren: auf der einen Seite existentielle Fragen, auf der anderen Seite die stete Sorge, die im Haus arbeitenden Möbelpacker könnten das Nachttischchen beschädigen…


Möglicherweise, so meine Gedanken jetzt während des Schreibens, tue ich dem Autoren mit meiner verhaltenen Bewertung jedoch unrecht. Möglicherweise lautet die grundlegende Frage des Romans ja doch anders: Was schaffen eigentlich (würden wir schaffen), wenn wir Mensch klonten? Die Frage ist durchaus nicht akademisch, daß Klone als Organspender dienen könnten, wird nicht nur im künstlerischen Umfeld thematisiert [3]. Wären es Wesen wie ‚richtige‘ Menschen mit Gefühlen, mit Wünschen, mit Hoffnungen, mit Ängsten – mit einer ‚Seele‘? Oder wären es Automaten, die einfach nur funktionierten? Müßte man diese Klon-Menschen menschwürdig behandeln (wie in Hailsham), oder könnte man die Ansprüche senken (wie in nicht näher beschriebenen Anstalten des Romans offensichtlich)? Wie viel Menschliches steckt tatsächlich in ihnen, eine Frage, die nicht neu ist, Stichwort: Blade Runner (bzw. der ihm zugrunde liegende Roman von Dick) und gäbe es bei diesen Wesen die Sehnsucht, ein „richtiger“ Mensch zu sein?

Ihr armen Geschöpfe.
Was haben wir euch angetan
mit all unseren Plänen
und Manipulationen.

Alles, was wir geben mussten, ein sich etwas ziehender, zäher, intelligenter Roman über die Verantwortung des Menschen gegenüber seinem Tun, auch wenn die Frage der Klonierung von Menschen sicherlich nicht das aktuellste Thema eines wie auch immer definierten medizinischen „Fortschritts“ ist.

Links und Anmerkungen:

[1] zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Kazuo_Ishiguro
[2] zu Dolly gibt es natürlich unendlich viele Fundstellen im Internet. Hier verlinke ich ausnahmsweise mal nicht die Wiki, sondern: http://www.wissensschau.de/stammzellen/stammzellen_kerntransfer.php
[3] https://www.welt.de/gesundheit/article116272121/Das-Ersatzteillager-fuer-Organe-ist-jetzt-moeglich.html oder auch hier: http://www.zeit.de/2013/21/klonen-mensch-durchbruch/komplettansicht

Kazuo Ishiguro
Alles, was wir geben mussten
Übersetzt aus dem Englischen von Barbara Schaden 
Originalausgabe: Never Let Me Go, London, 2005
diese Ausgabe: Heyne, TB, ca. 350 S., 2017

Wilkie Collins: Die Frau in Weiß

The woman in white (1890), Cover
Bildquelle: [B]
Dieser Roman, dessen Erstveröffentlichung als Fortsetzungsroman 1860 erfolgte, stand Jahrzehnte bei mir als ungelesenes – und ich wage zu behaupten, seinerzeit ratlos in selbiges gestellte – Exemplar im Regal. Vielleicht brauchte ich als Leser einfach die vielen Jahre, um sozusagen ‚reif‘ zu werden… jedenfalls habe ich die letzte Zeit Spaß gewonnen an Büchern, deren Handlung im viktorianischen England angesiedelt ist und dazu gehört dieser Roman ganz zweifelsohne und unbestreitbar. Zudem begründet er ein Genre, er wird als einer der ersten Detektivromane angesehen, auch wenn die Hauptfigur des Walter Hartright [9] als Zeichenlehrer recht deutlich von dem abweicht, was man sich so als Detektiv vorstellt. Andererseits ist die Profession gar nicht so schlecht gewählt: ein Zeichner muss beobachten können und das kann Walter Hartright.

Man merkt dem Buch auch seine ursprüngliche Fassung als Fortsetzungsroman an: um die Leser bei der Stange zu halten (korrekterweise hätte ich wohl ‚Leserinnen‘ schreiben müssen, 1860 dürfte die Zahl von Männern, die Fortsetzungsromane gelesen haben, noch überschaubar gewesen sein), braucht es Spannung, braucht es Witz und Leichtigkeit, braucht es Dramatik, Tragik und die dazu passenden Figuren. All das bietet Die Frau in Weiß und in der deutschen Fassung, die ich gelesen habe kommt mir Arno Schmidt noch ein fantastischer Übersetzer hinzu, der nicht nur neue Wortkreationen in seinen Text einbaute (sonnenscheinte, submissirte….), sondern der auch die Stimmung des Textes in seiner Übersetzung eingefangen hat [4].


Worum geht es?

Besagter Walter Hartright ist Zeichenlehrer in London. In den Häusern, in denen er unterrichtet, ist er mit einem Professor Pesca bekannt geworden, einen nach England geflohenen (der Grund wird vom ansonsten redseligen Professor erst gegen Ende des Romans – und auch dann erst unter großer Not – enthüllt) Italiener mit beeindruckend kleinen Körpermaßen aber dem unbedingten Ehrgeiz, in jeder Beziehung zum echten Engländer zu werden. Diesem Pesca rettete Walter eines Tages das Leben, als dieser nämlich seine Schwimmkünste hoffnungslos überschätzend beim Bade im Meer unaufhaltsam dem Grund entgegensank. Die italienisch-temperamtentvoll überschäumende übergroße Dankbarkeit kann Pesca zu seiner Genugtuung ein wenig abtragen, als er eines Abends mit der Botschaft kommt, in der Provinz, in Cumberland, werde ein Zeichenlehrer gesucht. Die äußeren Bedingungen für diese Stellung sind excellent, trotzdem zögert Walter ein wenig, das allen verlockend erscheinende Angebot anzunehmen, kann aber letztlich keinen stichhaltigen Grund dafür nennen und gibt den Überredungsversuchen der Familie und Pescas nach.

Johnson’s England and Wales (1862) Cumberland ist die nördlichste der violett eingefärbten Regionen

Am Abend vor der Abfahrt wandert er vom Landhaus seiner Mutter im Hampstead langsam zurück nach London, in seine Wohnung. Es ist nach Mitternacht und er erschrickt, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürt. Er dreht sich um und sieht eine junge Frau, die ganz in Weiß gekleidet ist. Sie bittet um Hilfe, verrät jedoch kaum etwas von sich… und das wenige, das Walter erfährt, verblüfft ihn, ja, mehr als das: diese Frau erwähnt ihre glückliche Kindheit, die sie zum Teil in dem Haus verbracht hat, in das Walter morgen reisen wird….. Walter hält sein Versprechen, bedrängt die Frau nicht mit Fragen, setzt sie, in der Stadt angekommen, in eine Kutsche und läßt sie fahren. Kurz darauf kommt in großer Eile eine weitere Kutsche mit Männer auf der Suche nach einer in weiß gekleideten Frau, die aus einem Sanatorium geflüchtet ist….

Szenenwechsel: Zwar mit Verspätung, aber doch erreicht Walter Limmeridge House in Cumberland, lernt dort die Halbschwestern und zukünftigen Schülerinnen Marian Halcomb und Laura Fairlie kennen sowie deren Onkel Sir Frederick Fairlie, Esqu., die alte Gouvernante und diverse Diener. Laura ist blond und schön, Marian (nach eigenem Bekunden) brünett und häßlich (wobei sich dieses ‚Häßliche‘ nur auf das Gesicht bezieht, Walter, der sie beim Eintreten in den Raum zuerst von hinten sieht (Marian schaut ohne ihn zu bemerken aus einem der Fenster), ist von diesem Anblick entzückt..). Marian ist die erste Person, auf die Walter (außer dem Diener) am nächsten Morgen trifft, sie gibt ihm beim Frühstück eine sehr launige, amüsante Einführung in die Verhältnisse auf Limmeridge House… ihr gegenüber erwähnt Walter auch diese seltsame Begegnung am Vorabend seines Reisetages, woraufhin Marian verspricht, die alten Briefe der Mutter, die Lehrerin an der Schule war, an ihren Mann durchzuschauen, sei sei sicher, wenn das was wäre, stünde es in einem der Briefe…

…. und in der Tat, in einem der letzten Briefe, die Marian noch zu lesen hatte, berichtete die Mutter ihrem Mann von einer Frau, die mit ihrem süßen, aber in der Entwicklung etwas zurück gebliebenen Kind namens Anne Catherick aus familiären Gründen in das Dorf gekommen ist, und sie erzählt, das sie sich ein wenig um das Kind kümmerte. Unter anderem kleidete sie es neu ein, ganz in weiß…. es ist genau dies der Moment des Berichts von Marian an Walter, in dem die Schwester Laura, ganz in Weiß gekleidet, von außen durch das Fenster auf die beiden schaut und Walter eine frappierende Ähnlichkeit erkennt mit der Unbekannten, die er in London getroffen hatte.

Das ist in etwa die Ausgangsituation, die sich in den ersten knapp 100 Seiten ergibt. Aber keine Angst, ich werde nicht so ausführlich weiter schreiben, diese Ausführungen waren jedoch notwendig, um herauszuarbeiten, um was es im Roman geht: um die Identität dieser rätselhaften Frau in Weiß und um die Frage, was die Ähnlichkeit zwischen Laura und dieser Frau bedeutet: mit anderen Worten, es geht um das Schicksal der Personen, die wir bisher kennen gelernt haben, denn auch Walter ist direkt darin involviert, hat er sich doch – soviel sei verraten – schon sehr bald in Laura verliebt…

… ein unglückliches, zwar von beiden empfundenes, gottseidank jedoch nie ausgesprochenes Gefühl, denn die Hochzeit Lauras mit Sir Percival Glyde steht bevor. Und justament in diesem Augenblick wird ein anonymer Brief überbracht, der dunkle Andeutungen über den zukünftigen Ehemann Lauras enthält. Damit ist der Keim des Misstrauens gesät und obwohl sich der zukünftige Ehemann, der kurz darauf in Limmeridge House eintrifft, allem Anschein nach als tadellos höflich und bezüglich der gegen ihn im Raum stehenden Vorwürfe als ebenso auskunftsfreudig erweist, wandelt sich langsam aber sicher die Sympathie für ihn in Angst vor ihm… doch Laura fühlt sich durch ein dem Vater am Sterbebett gegebenes Versprechen gebunden, auch um den hohen Preis ihres ganzen, möglicherweise unglücklichen Lebens.

Man ahnt es, die Schicksale der beiden Frauen, Anne Catherick und Laura Fairlies, sind im tief Verborgenen miteinander verknüpft, die Szene, in der Walter Lauras Schwester Marian von seiner seltsamen Begegnung erzählt und Laura weiß gekleidet vor der großen Flügeltür erscheint, spricht Bände… und so handelt der ganze Roman, der einen Zeitraum von knapp zwei Jahren umfasst, davon, die Geheimnisse, die sich im Schicksal der beiden Frauen und in dem Sir Percivals verbergen, zu lüften, und das Leben Lauras, das nach der Hochzeit mit Sir Percival unglücklich zu nennen in der Tat ein heilloser Euphemismus wäre, zu retten und zum Glück zu führen….


Die Frau in Weiß ist ein voluminöser Roman von 295.000 Worten. Ich habe sie nicht selber gezählt, die Zahl wird von Vollmann genannt (wie auch immer er an diese Angabe gekommen ist) [8] und trotz dieses Umfangs ist das Buch in keiner Phase auch nur andeutungsweise langatmig. Dies hat, denke ich, mehrere Gründe. Sicherlich ist die Entstehungsgeschichte als Fortsetzungsroman einer davon (Die erste Folge des Romans erschien am 26. November in der von Charles Dickens (der mit Collins verschwippschwägert war) herausgegebenen Zeitschrift All the Year Round, (die online verfügbar ist und man sich daher das Vergnügen gönnen kann, das Original des Romans zu sichten [7]), die letzte Folge erschien dann am 25. August des Folgejahres. Der Autor musste also jeweils entsprechende Spannungsbögen aufbauen, die die Leserinnen bei der Stange hielten und auf die nächste Folge lauern ließen. Dies gelingt ihm ausgezeichnet, auch heutzutage mochte ich das Buch kaum aus der Hand legen.

Einfüh-rung des Protago-nisten in die von ihm doku-mentierte Geschichte [7]
Ferner bediente sich Collins eines Kunstgriffes: anstatt die Geschichte in Gänze von seiner Hauptfigur erzählen zu lassen oder von einem auktorialen Erzähler baut er seinen Roman wie eine Art Zeugenvernehmung vor Gericht auf: es kommen, wie er in seiner Einführung (siehe nebenstehende Abbildung) schreibt, jeweils die Personen zu Wort, die in der entsprechenden Situation am direktesten beteiligt und daher die glaubwürdigsten Berichterstatter waren. Diese Vorgehensweise macht den Text abwechslungsreich, da (zumindest in der Übersetzung) sich die individuellen Eigenheiten der jeweiligen Erzähler in ihrer Sprache niederschlagen. Das Geschehen ist aus der Rückschau geschildert, von daher ist zumindest eindeutig, daß die zentrale Figur des Walter Hartright alle Malaisen und Gefahren überlebt hat. Was für die wesentlichen Figuren des Buches nicht unbedingt gelten muss, beispielsweise erfahren wir im Lauf der Handlung davon, daß Laura Fairlie offensichtlich ihrer nervlichen Zerrüttung, die wohl zu einer Schwächung des Herzens geführt hat, erliegt. Ich kann mir förmlich vorstellen, wie sich in dieser Szene weiland jedwede Leserin in Tränenströmen gebadet wiederfand, auch ich dachte mir an dieser Stelle: ey, boay, kann doch wohl nich sein, ey, dat feine Mädchen jetz so apnippeln lassen… boay. dat ist man hart, ey. wenn dat man keine fehler is!: Ein weiteres Stilmittel Collins` also: das, was man heutzutage ‚Cliffhanger‘ nennt: man will, falsch: man muss einfach wissen, wie es weitergeht.

Ein Kampf des Guten gegen das Böse, David gegen Goliath, ein Duell, bei dem eine Partei eine geladene Waffe, die andere eine Erbsenpistole in der Hand hat…. ein lichtes Dreigestirn gegen den Fürsten der Hölle und das übrige Pack. Natürlich sind die Sympathien klar vergeben, aber gnadenlos führt Collins seine Figuren immer weiter in Unglück, läßt er die dunklen Mächte immer weiter vordringen, bis sie schier auf ganzer Linie triumphieren. Doch Walter nimmt den Kampf auf [6]…

Die Figurenzeichnung: zwar sind die Sympathien selbstsprechend auf Seiten der Guten, doch interessatnerweise sind weder Walter noch Laura meine Favoriten gewesen. Zu rein, zu engelhaft, zu wenig Makel wiesen auf, da waren andere interessanter: zuvördert ist hier natürlich auf Don Bosco.. ähhh den Conte Fosco zu verweisen, eine zwielichtige Figur, nach außen hin ein hochintelligenter, hochgebildeter, charismatischer Menschenverführer, aber unter dieser Oberfläche ein Schurke, das Mastermind hinter all den dunklen Plänen und Intrigen, die im Roman gesponnen werden. So dunkel-gefährlich er ist, eine Leidenschaft jedoch teile ich mit Don dem Conte: die Hinwendung zu Marian, von der ich ebenso wie er gefesselt wurde, eine Frau mit Mut, mit Intelligenz, mit Verantwortungsbewusstsein und auch Entscheidungsfreude; sicherlich eine Identifikationsfigur, ein Idol für viele der damaligen Leserinnen.

Im Roman jedoch ist die Welt noch in Ordnung, herrscht noch das Primat des Mannes, insofern spiegelt er die damalige Lebensumwelt. Laura beispielsweise dümpelt die ganze Handlung hindurch bis zum Ende auf dem Selbstständigkeitsniveau und mit dem Selbstbewusstsein eines Kindes herum, die Contessa ist ihrem Mann geradezu in Hörigkeit ergeben, ansonsten kommen als Frauenfiguren fast nur Dienstpersonal vor. Einzig die unsympathische Mutter Annes sticht heraus, die sich trotz widrigster Umstände Ansehen erkämpft hat, sie ist im Roman jedoch nur eine der Nebenfiguren, die Collins braucht, um der Handlung einen entscheidenden Impuls zu geben. Bleibt Marian als Hauptfigur, die ich vorstehend so herausgehoben habe. Aber auch sie ist immer wieder in einer selbst auferlegten Beschränkung gefangen, in der sie sich als Frau natürlicherweise sieht: selbst diese starke Persönlichkeit orientiert sich am Manne. Da ich aber nichts als eine Frau bin, und ergo zeitlebens verdammt zu Prüderie, Phlegma und Petticoats, ….. oder Er [i.e. der Conte Fosco] schmeichelt meiner Eitelkeit dadurch, daß er sich mit mir so ernst und verständig unterhält, als wäre ich ein Mann. Jawohl! sind Aussagen aus Marians Tagebuch, indes der Conte Fosco z.B. verkündet: … denn wir Beide [i.e. er und seine Frau] haben nur noch eine Meinung, und das ist die meine. 

Nicht alle Männer jedoch sind stark. Lauras Onkel Frederick beispielsweise ist eine Karikatur, möglicherweise des ganzen Adels: kränklich, wehleidig, hypochondrisch, selbstmitleidig, permanent unpässlich, unhöflich, ungerecht und was einem an ‚un-’s noch einfallen mag. So sehr man ihn auch durchschütteln möchte, so sorgt er für doch für manch heiteren Moment im Stück – er ist die komische Figur im Buch, wenngleich eine mit unheilvoller Machtbefugnis. Ein Beispiel für inhärenten Humor, den er in die Handlung trägt: Ihm wird die Zofe Lauras gemeldet. „Lady Glyde’s Zofe soll hereinkommen, Louis. – Halt! knarren die Schuhe?“ – Ich konnte nicht umhin, diese Frage zu stellen. Knarrendes Schuhwerk reicht hin, mich für den Rest des Tages zu ruinieren. .. Selbst meine Dulderkraft hat ihre Grenzen. … gleichfalls ist der ungeliebte Mann Lauras, Sir Percival Glyde auf seine Art ebenfalls schwach: böse, unbeherrscht, jähzornig und wenig weitschauend. Er kompensiert seine Schwäche durch Aggressivität, in der Nähe des Conte wird er von diesem meist erfolgreich geführt.

Last aber bei weiten not least ist es jedoch der gesamte Plot der Geschichte, die Collins erzählt: Tragik, Dramatik, Herz und Schmerz, Liebe und Verrat, Lug und Trug, Verbrechen und edelste Gesinnung: an nichts sparte der Autor und gegen Ende der Handlung kommt es sogar zu einer gewissen ‚Action‘: Alles spitzt sich zu auf die finale Auseinandersetzung!

In einem Roman von fast 300k Worten ist viel enthalten. So könnte man noch auf die immer wieder durchscheinende abfällige Meinung, die gegenüber Ausländern durchscheint (Nun habe ich Ausländern gegenüber prinzipiell Gefühle menschlicher Duldung in mir zu nähren gesucht. Unsere Segnungen und Vorzüge sind ihnen nun einmal nicht zuteil geworden, …. so die Haushälterin Sir Percivals), eingehen, andererseits gibt es ebenso selbstkritische Passagen über England, wie hier beispielsweise über die zeitgenössische Stadtplanung: Gibt es in den Ödnissen Arabiens wohl eine Sandwüste, inmitten der Ruinen Palästinas den Anblick einer Verlassenheit, der mit dem widerwärtigen Eindruck auf das Auge, der niederschlagenden Wirkung auf das menschliche Gemüt wetteifern kann, wie ihn ein englisches Landstädtchen in den ersten Anfängen seiner Entstehung, im Übergangsstadium zum Wohlstand, mühelos erzeugt? 

Gegen Ende des Romans gibt Collins seiner Leserinnenschaft dann noch einmal so richtig Zucker: …. erzähle ich auch diese ganze Geschichte mit veränderten Namen. klingt beinahe so, als wäre das alles – so oder so ähnlich – in realiter tatsächlich geschehen. Ein Geschehen, das so außergewöhnlich ist, daß Collins auch noch einen Ratschlag bereit hält und Walter Hartright zum Schluss ausrufen läßt: Welch eine Situation! Ich empfehle sie den knospenden Romanschreibern Englands. Ich offeriere sie als gänzlich neu, den ausgeschriebenen Dramatikern Frankreichs…

Es ist genug geschrieben und kann abschließend mit einem Wort gesagt werden: Die Frau in Weiß war für mich was den Inhalt angeht, ein riesiges Lesevergnügen, die Freude des Lesens beruhte jedoch ebenso auf der Art und Weise, wie Wilkie Collins das alles in Szene gesetzt hat und wie es mit Hilfe Arno Schmidt für uns in Deutschland in Worte gefasst wurde.

Links und Anmerkungen:

[1] in der Wiki zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilkie_Collins
es gibt aber auch eine Vielzahl von ‚Fan’seiten zu Collins, z.B. diese hier: https://wilkiecollins.de/index.php?m=&l=v&cont=start&s=a
[2] es ist nicht überraschend, daß das Internet voll ist mit Hinweisen zum Buch. Hier zwei  davon, einmal die unvermeidbare Wiki: http://www.wilkie-collins.info/books_woman_white.htm und ferner eine literaturkritische Analyse des Romans, auch schon etwas angejahrt, aber der Name des Verfassers erinnert mich an was: https://wilkiecollins.de/index.php?m=&l=1&cont=life&s=w&kapitel=5
[3] —
[4] es schweift zwar etwas ab und gehört zwar nicht direkt zum Thema, aber die Einstellung Schmidts zum Genre des Kriminalromans ist diese Abschweifung wert. Dieser Aufsatz bietet einen schönen Überblick: Jan Süselbeck: Gedankenspiele von Lust & Mord – Ein kurzes Profiling zur notorischen Krimiverachtung Arno Schmidts;  http://literaturkritik.de/id/8510
Sofern jemand den im Text erwähnten Essay Schmidt zur Frau in Weiß auftreiben kann, wäre ich für eine Info dankbar!
[5] interessanter Artikel zum 150. Geburtstag des Romans: https://www.theguardian.com/books/booksblog/2009/nov/26/woman-in-white-150-years-sensation
[6] darin ähnlich unkaputtbar wie diese Maus:  https://www.youtube.com/watch?v=scXdT4ObY9k
[7] http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/serial?id=allyearround; hier der Link zum Romanbeginn: https://archive.org/stream/allyearround02dick#page/94/mode/2up/search/Collins
[8] Rolf Vollmann: Die wunderbaren Falschmünzer – Ein Romanverführer; Eichborn, 2004; S. 1046
[9] manchmal frage ich mich wirklich, ob die Menschen, die den Klappentext verzapfen, das Buch überhaupt aufgeschlagen haben. So heißt die Hauptfigur auf dem hinteren Umschlag William anstatt Walter, auch dessen Begegnung mit der Titelfigur wird ziemlich falsch wiedergegeben….

Bildquellen:

(i) Cover 1890: By Cover art 1889 Chatto & Windus yellowback [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_woman_in_white_Cover_1890.jpg)
(ii) England Karte: Alvin Jewett Johnson [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1862_Johnson_Map_of_England_and_Wales_-Geographicus-_England-johnson-1862.jpg#)

Wilkie Collins
Die Frau in Weiß
Übersetzt aus dem Englischen von Arno Schmidt
Originalausgabe: The Woman in White, erstveröffentlicht in: All the Year Round, 1859/60
diese Ausgabe: Fischer TB, ca. 870 S., limit. Sonderausgabe 1998