barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000

Pat Barker: Niemandsland

8. März 2017

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)

 

loneyÜber den Autoren Andrew Michael Hurley habe ich relativ wenig Informationen gefunden. Die Autorenwebseite des deutschen Verlages glänzt durch Leere [Stand 13.01.2017, [2]], es gibt zwar einen Eintrag in der Wikipedia, aber auch der verrät kaum mehr über den Autoren als sein Geburtsjahr, 1975. So geheimnisvoll wie der Autor kommt auch sein Buch, bzw. natürlich dessen Inhalt, daher…

Ein Buch, das eine wahre Freude ist, wenn man es anschaut. Ein faszinierendes Bild auf dem Cover, faszinierend, weil es in den Verästelungen der Zweige so fein ist, weil es wie eine Lackmalerei wirkt und es haptisch ein tolles Gefühl ist, mit der Hand leicht über das Bild zu streichen. Ein roter Tropfen ist der einzige Farbfleck, den der Umschlag zu bieten hat….


Die Geschichte führt uns in den Norden Englands, in die Nähe von Lancaster, an die Küste, die dort rau ist und unwirtlich, an der das Meer gefährliche Strömungen aufweist und die Flut wie ein gefräßiges Raubtier am Land nagt und mit sich nimmt, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat. Schon so mancher ist Opfer geworden des kalten Wassers, es ist nicht selten, daß der Wechsel von Ebbe und Flut, der die Küstenlinie täglich neu verändert, Knochen freigibt, die das Land schon lange begraben hatte. An solch einem Knochenfund hängt sich die Geschichte Hurleys auf. Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends wird durch einen Erdrutsch das Skelett eines Babys freigelegt. In den Berichten darüber, die im Fernsehen gesendet werden, ist die Rede davon, daß dieses Baby seinerzeit möglicherweise erschossen worden sei…

‚Tonto‘ Smith, ein introvertierte, eigenbrötlerischer Angestellter eines Londoner Museums sieht diese Berichte, die in ihm eine Erinnerung, eine verdrängte, fast vergessene Erinnerung wecken…..

Der Zeitsprung dieser Erinnerung führt dreißig Jahre zurück, ins Jahr 1976. Tonto und sein Bruder Edward (‚Hanny‘) gehören mit ihren Eltern einer kleinen katholischen Kirchengemeinde in London an, deren geistlicher Leiter, Father Wilfred, vor einigen Monaten durch einen Unfall (so sagt man) gestorben ist. Diese Gemeinde ist eigen, sie hängt einer Schmerzenstheologie an, die davon ausgeht, daß, je größer Schmerz, Not und Unrecht, desto größer auch die Gnade des Herrn sein kann. So äußert sich beispielsweise auch die Liebe Father Wilfreds seinen Ministranten gegenüber vorwiegend in Schlägen, bis das Blut fließt.

Nachfolger des Verstorbenen wird Father Bernard, ein Priester, dem diese Rigorisität seines Vorgängers fremd ist, der sich ebenso mit dem Bedürfnis der Gemeinde nach Strenge und unnachsichtiger Führung nicht anfreunden kann. Father Bernard ist durch seine Tätigkeit in Irland, in den dortigen Brandherden, den Kämpfen zwischen Katholiken und Protestanten geprägt, ihm ist menschliches nicht fremd und sein Gottesbild erlaubt es durchaus, fünfe auch mal gerade sein zu lassen. Oder wie er ausdrückt, daß es die Wahrheit nicht gibt, sondern nur Versionen der Wahrheit.

Der harte Kern dieser Gemeinde um die Familie Smith (das sind die beiden Brüder (ca 13, 14 Jahre alt) sowie die Eltern (‚Mummer‘ und ‚Farther‘)), das Ehepaar Belderboss (Father Wilfred war der Bruder des Mannes), Miss Bunce (die Köchin Father Bernard) und David, ihr Verlobter fuhren damals, 1976, in der Karwoche mit einem klapprigen Minibus an die nordenglische Küste, nach The Loney. Sie wollten damit an eine Tradition anknüpfen, die sie unter Father Wilfred gepflegt hatten, die aber seit mehreren Jahren ausgesetzt worden war: in der Osterwoche mit einer strengen Tagesordnung innere Einkehr halten und als Höhepunkt in der örtlichen Wallfahrtsstätte um die Heilung Hannys beten. Denn Hanny war sowohl stumm als auch geistig zurückgeblieben.

Unterkunft war ein altes Haus, einsam stehend, nicht allzuweit vom Strand weg, von einem Einheimischen mehr oder weniger in Schuss gehalten. Bevor die Gruppe aber dort eintrifft, muss sie noch die Fährnisse einer Autopanne überwinden, was jedoch mit Hilfe von ein paar dort zufällig (?) vorbeikommenden Männern gelang. Mit diesen Männern stellt uns Hurley auch schon die sozusagen Gegenspieler der kleinen Gruppe vor.

Damit wären die Ingredienzien, mit denen Hurley seinen Roman gewürzt hat, beisammen: eine kleine, fromme, auf ein Wunder hoffende Gruppe, die mit ihrem geistigen Leiter fremdelt, eine raue, einsame Gegend mit einer gefährlichen Küste und einem Wetter, daß durch den noch kaum zu ahnenden Frühling geprägt vorwiegend nebligt, diesig und regnerisch ist. Dazu die Einheimischen, die im besten Fall als Originale durchgehen können, im Grunde aber einen undurchsichtig, potentiell bedrohlichen Charakter haben. Das Haus selbst alt und muffig, zu allem Überfluss entdeckte Farther noch ein verborgenes Zimmer, in dem er seltsame Utensilien vorfand wie eine in einer mit Urin gefüllten Flasche schwimmende Figur des neu geborenen Jesus…

Es ist nicht mehr wie die Jahre zuvor. Etwas Beängstigendes, Bedrohliches, Unheimliches liegt in der Luft. Um dies deutlich zu machen, bedient sich Hurley der üblichen Mittel: des Wetters, einer Vodoo-ähnlichen Figuren, die im undurchdringlichen Wald an Bäumen hängen, nächtliche Geräusche, einer Vegetation, die sich nicht an die Jahreszeiten hält. Das Meer natürlich, das täglich neu und unberechenbar an die Küste schlägt… die Menschen, hinter deren Fassade man nicht blicken kann, die einem so fremd sind… es scheint, als hätte sich in der Region eine andere Art von Glauben etabliert gehabt…

Tonto erzählt die Geschichte dieser Pilgerfahrt aus seiner Perspektive. Er war damals für seinen Bruder Hanny verantwortlich, nahm diese Verantwortung auch sehr ernst. Doch im Lauf der Tage entgleitet ihm der Bruder, das Mädchen Else (irgendwoher muss das Babyskelett ja kommen), wohl noch ein wenig jünger als die Jungens, spielt dabei eine große Rolle. Und durch Father Bernard lernt er in dieser Zeit eine andere Art kennen, an Gott zu glauben, eine menschlichere… Höhepunkt der Wallfahrt sollte der Besuch des ‚Schreins‘ sein, mit dessen wundertätigem Wasser sollte Gott angefleht werden, ein Wunder an Hanny zu bewirken…

Hurley versteht es stilistisch vorzüglich, uns als Leser durch seinen Roman zu führen. Immer wieder baut er spannende Handlungstränge auf, die er jedoch nicht immer auflöst, vieles bleibt einfach ohne eine weitere Erklärung im Raum stehen. Das ist beim Lesen ein wenig unbefriedigend, passt aber natürlich in das Setting: als Leser weiß man nicht mehr als die Romanfiguren. Dies bleibt über den gesamten Roman so, alles bleibt unerklärt, wird nur beschrieben und als Ereignis geschildert. Wie beispielsweise die Tatsache, daß Hanny kurz nach der Rückkehr der Gruppe seine Sprache wieder findet… ist dies dem Wirken der dunklen Seite oder dem Anflehen Gottes zu verdanken oder hat es mit keinem von beiden zu tun? Wir wissen es nicht, wir erfahren es nicht.

Loney ist auch eine Auseinandersetzung mit einer bestimmte Art von Religiosität, einer, die den Menschen aus den Augen verloren hat: Je größer die Qual, desto besser konnte Gott sich einem zeigen … eine Formel, derzufolge Grausamkeiten umgekehrt proportional zu Gnade auftritt. Je unmenschlicher das Leid, das wir einander zufügen, desto barmherziger wirkte Gott als Kontrapunkt zu uns. Durch Schmerz würden wir lernen, wie weit unser Weg noch war, um in seinen Augen perfekt zu sein. Wer nicht litt, konnte also kein wahrer Christ sein, wie Father Wilfred uns einzuschärfen pflegte.

Zu diesem Fanatiker war Father Bernard, der auch mal ein Bierchen im Pub trank, der Gegenentwurf, kein Wunder, daß Mummer, die ihren einzigen Halt in der Rigorosität der Rituale und des Glaubens fand, mit ihm nicht zurecht kam. Und er auch nicht mit ihr und seiner neuen Gemeinde, lieber ging er nach Irland zurück.

… Dreißig Jahre danach.. Hanny, der tief in die damaligen Ereignisse verstrickt ist, dessen genauen Teil daran zwar nicht genannt wird, der sich aber beim Lesen aufdrängt, hat keine Erinnerung mehr an das, was damals geschah, nur ein undeutliches Gefühl von Schuld beunruhigt ihn… Noch immer, und damit schließt der Roman, fühlt sich Tonto als Beschützer seines Bruders, eine Rolle, die er gerne annimmt, auch in diesem Aspekt bleibt es unklar, ob Hanny einen solchen Schutz noch braucht, oder ob Tonto so mit seiner Beschützerrolle zusammengewachsen ist, daß er sich dadurch definiert.


Hurley hat mit seinem klaustrophobischen, dystopische Roman Loney ein gelunges Debüt vorgelegt. Er verstört den Leser, verunsichert, hat den Mut, Falltüren zu öffnen, die nicht gesichert sind, sprich: Dinge einfach stehen zu lassen, ohne sie aufzulösen. Vieles bleibt im Ungefähren, im Bereich der Vermutungen und Ahnungen, erzeugt dadurch eine durchgehend düstere, spannungsgeladene Atmosphäre. In dieses beunruhigende Panorama baut Hurley seine Kritik an der Rigorosität des von ‚Mummer‘ und ‚Father‘ gelebten Katholizismus ein praktisch konstituierendes Element ein, folgerichtig läßt er den liberaleren und menschlichern Nachfolger des alten, diesen Rigorosität fördendern und fordenden Geistlichen an dieser religiösen Haltung scheitern. Der Begriff der ‚Schuld‘ sthet explizit und implizit bei der gesamten Handlung des Romans mit im Zentrum. Zudem ist das Ganze sprachlich sehr gut umgesetzt und läßt für weitere Veröffentlichungen viel erwarten!

Links und Anmerkungen:

[1] Infos über Autor und Buch: http://www.foyles.co.uk/Andrew-Michael-Hurley
[
2] http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/autor/name/andrew%20michael-hurley.html

Andrew Michael Hurley
Loney
Übersetzt aus dem Englischen von Yasemin Dincer

Originalausgabe:
diese Ausgabe: Ullstein, HC, 384 S., 2016

 

boyd-cover

Spätestens, wenn man im Kurzportraits des englischen Autoren William Boyd [1] den Namen Nat Tate liest, sollte man stutzen. Nat Tate – da war doch was [2]? Genau – ein riesiger Bluff, auf den viele reinfielen…. und derart misstrauisch geworden hilft die Internetsuche nach der Protagonisten dieses Romans mit dem Untertitel Die vielen Leben der Amory Clay ebenfalls weiter. Ich kann es hier ohne zu spoilen ruhig verraten, da es in den Kritiken, die schon publiziert sind, ja auch nicht verschwiegen wird: auch Amory Clay (1908 – 1983), deren vorgebliche Biografie Boyd vorlegt, ist eine fiktive Person.

Betrachten wir die Lebensspanne von Amory Clay: sie umfasst die beiden Weltkriege, die beiden Nachkriegszeiten, andere Kriege wie  den in Vietnam. Natürlich gäbe es außer diesen drei Nennungen noch viele weitere Ereignisse, aber diese Kriege mit den nachfolgenden Zeiträumen stehen sozusagen im Mittelpunkt des Romans. Denn Boyd hat nicht weniger vor, als uns Lesern einen großen Teil des letzten Jahrhunderts noch einmal durch das Leben seiner Hauptfigur vorzuführen.

Boyd nutzt das vorgebliche Leben der Amory Clay als Vehikel zu einer Tour de Force durch einen großen Teil des 20. Jahrhunderts. Sie ist das älteste Kind von insgesamt dreien, die jüngere Schwester sollte als musikalisches Wunderkind Pianistinnenkarriere machen, der Bruder, der die ersten Jahre Sorge machte, weil er ein Spätentwickler war, mauserte sich  zum Lyriker, der später im Weltkrieg No 2 bei der britischen Luftwaffe diente und über Frankreich abgeschossen wurde. Das schriftstellerische Talent verdankt Amory wohl dem Vater, obschon dieser mit seinen literarischen Werken einen gut überschaubaren Erfolg hatte, immerhin reichte es zum Leben. Was ist über die Mutter zu sagen? Nun, vielleicht soviel: Herzlichkeit und Mutterliebe waren wohl nicht ihre herausragenden Charaktereigenschaften….

Der entscheidende Moment im Leben Amorys war das Geschenk des von ihr geliebten Onkels Greville, einem Fotografen, der ihr, als sie sieben Jahre alt war, einen Fotoapparat schenkte. Von nun an fühlte sich Amory als Herrin der Zeit, die sie mit ihren Bilder anhalten und konservieren konnte….

Der Vater nahm am ersten Weltkrieg teil, überlebte ihn zwar, trug aber einen schweren seelischen Schaden davon, der auch Ursache war für einen weiteren Wendepunkt im Leben seiner ältesten Tochter. Die bis dahin hervorragenden schulischen Leistungen verschlechterten sich, die Aussicht auf einen anständigen Beruf sanken und Amory beharrte darauf, Fotografin zu werden. Für eine Frau war das Mitte der 20er Jahre ein recht ausgefallener Wunsch…

Kürzen wir es ab: mit Hilfe ihres Onkels konnte sie zumindest die ersten Schritte als Fotografin machen. Sie reiste mit seiner finanziellen Unterstützung in das verruchte und mondäne Berlin der Goldenen Zwanziger, die Bilder, die sie von Prostituierten und aus den Nachtclubs mitbrachte, provozierten in England aber einen (lokalen) Skandal, der die junge Fotografin ins gesellschaftliche Abseits manövrierte. Andererseits lernte sie durch die Ausstellung ihrer Bilder Cleve Finzi kennen, einen amerikanischen Verleger, der sie in die USA holte. Amory wusste natürlich, daß dies seinen Preis hatte, aber es war ihr nicht wirklich unangenehm, diesen Rate für Rate zu begleichen, Finzi war ein intelligenter und attraktiver Mann….. und auch der französiche Romancier, den sie interviewen sollte, hinterließ Eindruck bei ihr, er sollte Jahre später ihr Geliebter werden…

Doch zuvor wurde sie von Finzi nach London geschickt, um aus Europa zu berichten. Dort keimte und wuchs die faschistische Bewegung immer stärker… Amory erlebte ein Desaster: sie wurde von den britischen Braunhemden der BFU zusammengetreten und sehr schwer verletzt…. der neuen Job, den Finzi ihr nach langer Krankheit besorgte, die Arbeit als Modefotografin, lag ihr nicht besonders…. eher reizte sie dann, den 2. Weltkrieg, nachdem die Amerikaner in die Kampfhandlung eingetreten waren, als Kriegsreporterin zu begleiten… in den letzten Kriegstagen traf sie dort auf einen jungen Offizier, der offensichtlich Schweres hinter sich hatte…. Sholto Farr, der sich als Landwirt vorgestellt hatte, wurde 1947 ihr Mann und machte sie zur Lady, Lady Farr, Herrin über ein großes Refugium in Schottland. Die Bezeichnung ‚Landwirt‘ war etwas tief gestalpelt… die Ehe der beiden war einige Jahre glücklich, dann kamen völlig unerwartet (angeblich konnte Amory nach dem Zwischenfall in England keine Kinder bekommen) Zwillinge, zwei Mädchen, auf die Welt. Doch ihr Mann Sholto litt immer offensichtlicher an den seelischen Verletzungen, die er im Krieg erlitten hatte…. es gab Probleme mit dem Testament, mit der Verteilung des Erbes, die Exfrau Sholtos hatte noch große Ansprüche… Amory wählte für sich und ihre Kinder unter anderem ein altes, einsame Cottage als Wohnsitz aus, Barrandale, auf einer kleinen ‚Insel‘ vor der schottischen Küste.

Noch ein Krieg… Boyd schickt seine Protagonisten im zarten Alter von immerhin neunundfünfzig Jahren noch einmal in die Hölle, nach Vietnam [3]. Amory merkte aber dort, daß sie irgendwie zu alt war für diesen Job… außerdem geriet sie hinter den Kulissen in Gefahr, weil sie Dinge gesehen hatte, die sie nicht sehen sollte…

Barrandale, der Ruhestand… mit Sorgen, die ihr Blythe, eine der Töchter macht, mit gesundheitlichen Problemen, die sie mit einem (später auch umgesetzten) Suizid sympathisieren läßt….


Boyd läßt seine Amory, die sich immer wieder mit spontanen, hastig getroffenen Entscheidungen in Probleme brachte, als Ich-Erzählerin ihres eigenen Lebens schildern. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, aber immer wieder durch Abschnitte unterbrochen bzw. aufgelockert, in denen die Protagonisten aus ihrer Gegenwart des Jahres 1977 auf ihr Leben zurückblickt. Daß die Hauptfigur trotz des biografischen Anstrichs, den sich der Roman gibt, fiktiv ist, ist kein prinzipielles Problem, teilt sie doch dieses Schicksal mit unzähligen anderen Romanfiguren, die von Autoren geschaffen wurden.

Was mich mehr gestört hat, ist die ausschließlich Konzentration der Geschichte auf ihre Hauptperson. Im Buch selbst ist in Bezug auf Cleve Finzi einmal von Solipsismus die Rede, genau dies trifft auf das Buch und seine Hauptfigur auch zu: nur deren Ich existiert. So schrumpft beispielsweise das Berlin der Goldenen Zwanziger, in dem Amory einige Zeit weilte, zusammen auf einen lesbisch-schwulen Kosmos, der sich zwischen Bordellen, halbseidenen Nachtclubs und privaten Pornoshows bewegt. Mehr des Alibis wegen wurden Amory und eine Freundin des Nachts auch mal von Braunhemden belästigt, aber das war es dann schon, mehr erfährt man von Berlin nicht. Weltgeschehen ist und bleibt nur Hintergrund für Amory Clays persönliches Schicksal.

Leider nimmt man dieser Figur auch nicht ab, daß sie als Fotografin besonderes geschaffen hätte. Der Roman ist, eine schöne Idee, illustriert mit (angeblichen) Bilder Amorys, deren Geschichte und Motiv in die Romanhandlung eingebaut ist. Oder waren am Ende die Bilder sogar zuerst da und der Roman wurde um sie herum geschrieben? Das läßt sich nicht entscheiden, entscheidend ist eher, daß die Bilder – auch wenn ich kein Fachmann für Fotografie bin – allenfalls die Qualität von Schnappschüssen oder Erinnerungsfotos haben.

Dabei ist der Roman jedoch flott geschrieben und unterhaltsam zu lesen. Allzuviel Ansprüche stellt er nicht, ich habe hin und wieder, wenn es mir zu langatmig wurde, auch einmal ein paar Seiten nur überflogen….

Was wollte der Dichter uns mit seinen Worten sagen? Das zu beantworten fällt mir schwer… ging es darum, die Biografie einer Frau zu schildern, die in eine Männerdomäne eingebrochen ist, die beruflich und privat ein Leben mit Brüchen geführt hat, die mehrfach indirekt von Spätfolgen des Krieges betroffen worden ist (Vater, Bruder und Mann waren jeder auf seine Art Opfer des Krieges)? Das Weltgeschehen, in dem Amory agierte blieb jedenfalls immer nur schwach ausgeleuchteter Hintergrund ihrer Geschichte.

So ist meine Begeisterung über das Buch eher verhalten, für eine Entspannungskur zwischendurch scheint es mir jedoch bei aller Kritik geeignet.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.williamboyd.co.uk
[2] z.B. hier: William Boyd: How David Bowie and I hoaxed the art world; in: https://www.theguardian.com/music/2016/jan/12/art-david-bowie-william-boyd-nat-tate-editor-critic-modern-painters-publisher
[3] ich hatte mir noch nie klar gemacht, wie interessant und vielschichtig das Thema ‚Kriegsberichterstattung‘ ist. Z.B. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73169/kriegsberichterstattung?p=all

William Boyd
Die Fotografin
Die vielen Leben der Amory Clay

Übersetzt aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer
Originalausgabe: Sweet Caress, 2015, London
diese Ausabe: berlin-Verlag, HC, ca. 560 S., 2016

lord

So berühmt, wie der gleichnamige Film mit Alec Guinness und Ricky Schroder aus dem Jahr 1980 ist [2], brauche ich eigentlich den Inhalt des Buches hier gar nicht wiedergeben, er gehört wohl zum Allgemeingut: so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so weicht naive Unschuld und der Glaube an das Gute im Menschen auch noch das verhärteste Herz eines Misanthropen auf. Nun denn..

Verfasst wurde dieser Jugendbuchklassiker von der 1849 in England geborenen und 1865 nach dem Tod des Vaters mit ihrer Familie in die USA ausgewanderten Frances Hodgson Burnett [1], die insgesamt drei solcher Jugendbücher verfasst hat. Um jetzt doch noch einmal auf den Film zurückzukommen: im Film schließt die Handlung mit einem großen Fest, dem Weihnachtsfest nämlich. Dies entspricht nicht der Buchvorlage, auch wenn die dem Roman inhärente Botschaft durch das Weihnachtsfest gut wiedergegeben wird: Nächstenliebe, der Glaube an das Gute im Menschen, Versöhnung und auch Erlösung, des alten Grafen nämlich von seiner Menschenfeindlichkeit. Im Buch von Burnett ist das abschließende Fest profaner: es ist schlicht und einfach der achte Geburtstag des kleinen Lords, der im Kreise aller gefeiert wird. Aber zugegeben, ein Weihnachtsfest vermarktet sich besser und verwandelt die Handlung des Buch nolens volens in ein feiertagstaugliches Erlebnis.


Um das Nachschlagen zu ersparen, mach ich´s jetzt doch und fasse den Inhalt kurz zusammen:

Cedric Errol ist ein siebenjähriger Junge in New York. Vom Aussehen her muss er einem Engel gleichen, vom Wesen her ebenfalls. Er lebt zusammen mit seiner Mutter und dem Kindermädchen Mary in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater des Jungen ist an einer schweren Krankheit gestorben, daher sieht Cedric seine Aufgabe jetzt darin, die Mutter zu trösten. Cedric ist bei aller Vollkommenheit dann doch ein normaler Junge, der mit anderen Jungs tobt, der aber Freunde unter den Erwachsenen hat, zum Beispiel den Kolonialwarenhändler Mr. Hobbs, mit dem er die Nachrichten aus den Zeitungen diskutiert und dem er seine streng republikanische Gesinnung zu verdanken hat.

Daß Cedric und seine Mutter unter bescheidenen Bedingungen leben müssen, hat einen Grund, denn Cedrics Vater, der dritte Sohn eines reichen englischen Adligen, dem  Earl of Dorincourt, wurde der Heirat mit einer Amerikanerin wegen verstoßen. Man ahnt es: der alte Earl hat den Bewohnern der abtrünnigen Kolonie gegenüber eine prinzipiell negative Einstellung. Da aber seine zwei älteren Söhne zum einen rechte Taugenichtse waren und zum anderen sowieso früh verstorben und damit tot sind, fällt der gesamte Besitz des alternden Großvaters der Erbfolge nach an seinen Enkel Cedric. Um diesen wenigstens halbwegs zu erziehen schickt er seinen Notar, einen gewissen Mr. Havisham los, Cedric, den ab jetzigen Lord Fauntleroy mitsamt seiner verachteten Mutter nach England auf sein Schloss zu holen, bzw. die Mutter wird, weil ihr das Betreten des Schlosses verwehrt wird, in einem anderen Gebäude auf dem riesigen Anwesen einquartiert.

Als Cedric auf dem Schloss eintrifft, quält den alten Großvater wieder einmal die Gicht, die sowieso schon Nullpunktslaune sinkt dadurch noch tiefer. Und dann die Sorge, dieser amerikanische Bastard könne auch äußerlich ein Scheusal sein….. daß seine Erziehung nichts tauge, stand für den Alten von vornherein fest. Die Bediensteten des Grafen, die um dessen Laune wussten, bedauerten den kleinen Lord, der sich jedoch, von der Mutter ermuntert, darauf freute, den Großvater kennen zu lernen und der völlig unbefangen in seiner offenherzigen Art auf den alten Mann zugeht…

Es kommt so, wie es kommen muss… der alte Graf findet Gefallen an dem munteren Bürschchen, will sich´s selbst gar nicht so recht eingestehen, er spielt mit ihm lustige Brettspiele und geht mit grimmiger Miene sogar auf die menschenfreundlichen Anregungen des Jungen ein, mit denen dieser Bitten der Untergebenen des Grafen nachkommt. Die Menschen können´s kaum fassen, wie sich der gefürchtete Graf auf einmal benimmt, zumal Cedric nicht müde wird, den Leuten gegenüber die Güte des von ihm bewunderten Großvaters zu loben….

Es sollte noch eine Krise geben in diesem kleinen Rührstück, eine Krise allerdings, aus der wiederum Gutes entsteht. Es taucht nämlich plötzlich eine Person weiblichen Geschlechts auf, die behauptet, für kurze Zeit mit einem der Söhne verheiratet gewesen zu sein und die ihrerseits eine Frucht dieser Ehe, vulgo: einen Sohn, präsentieren kann. Porca miseria, wie der Italiener jetzt rufen würde, miseria ladra! Um diese vertrackte Situation, die den alten Grafen brutalstmöglich erzürnt und in Wut bringt, während der kleine Lord sie mit rechtem Gleichmut angeht, aufzulösen, müssen die alten republikanischen Freunde Cedrics aus Amerika eingreifen…. und das Gute dieser Komplikation ist, daß der Graf jetzt endlich erkennt, welches Goldstück seine Schwiegertochter doch ist….

Ende gut, alles gut! Und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern so noch heute Weihnachten oder auch Geburtstag….


So rührselig das Stück auch ist, so kann man doch ebenfalls einiges an Zeitgeschichte herauslesen. Bei der Erstveröffentlichung des Buches lag der Unabhängigkeitskrieg der USA gut ein Jahrhundert zurück, die Ressentiments, die Vorurteile gegen die jeweils andere Seite kommen deutlich heraus. Der Engländer, der die Bewohner der abtrünnigen Kolonie für ungebildet, roh, hinterwälderisch und aufrüherisch hält, während er (bzw. genauer, die aristokratische Schichte) selbst als dekadent und wahrer Menschenunterdrücker gilt. Da die Autorin beide Seite kannte (in England geboren, in die USA ausgewandert), dürfte diese Bündelung von Vorurteilen wohl den damaligen Tatsachen entsprechen. Sie löst diese jedoch im Lauf der Geschichte auf, Mr. Hobbs, der eingefleischte Republikaner und Verächter der Aristokratie modifiziert seine Meinung genauso wie auf der anderen Seite der Earl. Beide werden nicht gerade Herzensfreunde, aber kommen doch, nachdem sie sich erst einmal kennen gelernt haben, gut mit- und nebeneinander aus.

Mich hat die Geschichte in gewisser Weise an The Chrismas Carol von Dickens [3] erinnert. Hie wie dort ein hartherziger Mensch, einsam und von den anderen verachtet und gefürchtet. Während bei Dickens eine Art schwarzer Pädagogik zu Wandelung führt, indem Mr Scrooge die schlimmen Konsequenzen seines verbitterten Herzens vor Augen geführt werden, wird hier die Wandlung durch pure Liebe vollzogen: die unerschütterliche Zuneigung des Enkels zu seinem Großvater verhindert einerseits, daß dieser seinen Enkel genauso schlecht behandelt wie die anderen Menschen und sie weicht sein Herz langsam, aber sicher auf…. und beide, Ebenezar und der Earl sind über dieses neue, unbekannte Gefühl, das sie in sich spüren, dieses Gefühl der Menschenliebe, einfach nur glücklich. schnief.

Die 'Schlussszene', in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt Beispiel für die Illustrationen im Buch Bildquelle: [B]

Die ‚Schlussszene‘, in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt
Beispiel für die Illustrationen im Buch
Bildquelle: [B]


Eigentlich ist ein Titel wie Der kleine Lord keine typische Lektüre für mich, ich habe mich da (ich kenne den Film nicht…) in die Irre führen lassen. Habe ich ein Buch erwartet im Stile von Mitford oder Waugh? Vielleicht…. nun, dann habe ich mich getäuscht, denn natürlich ist Der kleine Lord eher ein Rührstück für die Tränendrüse. Andererseits: warum nicht? Warum nicht einfach mal eine Art modernes Märchen lesen, sich in diese Geschichte hineinfallen lassen, mitverfolgen, wie ein Mensch sich wandeln kann und mit der Autorin die Unschuld eines engelgleichen Jungen feiern. Und warum sollte man dies nicht gerade auch zu Weihnachten tun, die Welt ist realistisch genug, so daß man sich ruhig einmal eine kleine Flucht gönnen sollte. So habe auch ich mich nach einigen Seiten ‚in mein Schicksal ergeben‘ und die Geschichte mit zunehmenden Gefallen gelesen. Zumal sie in dieser schönen Ausgabe des homunculus-Verlages, stilecht in der Bodoni-Antiqua gedruckt und mit den Illustrationen der Originalausgabe (siehe Abbildung) versehen, dargeboten wird. Es handelt sich um den leicht überarbeiteter Text der deutschen Erstübersetzung, wenngleich ich hier einfach einen Kritikpunkt anbringen muss, der mich bis zum Schluss des Buches (sehr) irritiert hat: im Bemühen, die traurige Mutter nach dem Tod ihres Mannes wieder glücklich zu machen, orientiert sich der Knabe am Wesen und Verhalten seiner verstorbenen Vaters. Unter anderem also nennt er seine Mutter ‚Liebste’… vielleicht bin ich zu empfindlich, aber mit dieser Anrede eines Siebenjährigen an seine Mutter habe ich das ganze Buch hindurch gehadert ….

Trotz dieser kleinen Eintrübung des Lesevergnügens ist jedoch festzuhalten, daß dem Verlag hier ein wunderschönes Buch gelungen ist, das wohl nicht zufällig kurz vor Weihnachten herausgegeben worden ist. Möge ihm Erfolg beschieden sein!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frances_Hodgson_Burnett
[2] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Lord_(1980)
[3] Charles Dickens: Der Weihnachtsabend; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/30/charles-dickens-der-weihnachtsabend/

Bildquelle [B]: By Reginald Bathurst Birch (1856-1943) (scanned book (archive.org)) [Public domain], via Wikimedia Commons

Frances Hodgson Burnett
Der kleine Lord
Übersetzt aus dem Englischen von Emmy Becher
behutsam bearbeitet von Laura Jabobi
Originalausgabe: Little Lord Fauntleroy, 1886
diese Ausgabe: homunculus-Verlag, HC, 288 S., 2016
(Verlagsangabe: Die Ausgabe enthält alle 26 Abbildungen der Illustrationen von Reginald Bathurst Birch (1856–1943) aus der englischen Originalausgabe sowie mehrere Schmuckinitialen. Die deutsche Erstübersetzung wurde behutsam überarbeitet; es handelt sich um eine ungekürzte Fassung.)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

%d Bloggern gefällt das: