Ian McEwan: Der Tagträumer

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Ian McEwan, ein mir bis dato unbekannter britischer Autor. Nun, diese Unkenntnis hat sich gelüftet, nachdem eine gute Freundin mir ein Buch von ihm lieh, nämlich den „Tagträumer“. Ein kleines Diogenes-Bändchen, knapp über 150 Seiten, das von Peter Glück handelt, einem 10 1/2 jährigen Jungen, der glücklich in seiner Familie mit Mutter, Vater und Schwester lebt, als Tagträumer.

McEwan schafft es, mit wenigen präzise gesetzten Worten die Gedankenwelt des Jungen aufzubauen und einen mitzunehmen, wenn Peter wieder in einen seiner Tagträume fällte, in eine andere Welt gleitet, eine Welt, die den meisten Menschen, den Erwachsenen sowieso, verschlossen ist und bleiben wird.

Das Büchlein enthält 8 solcher Träume, von denen mir die Geschichte von Willi, dem Kater am besten gefallen hat. Hier träumt sich Peter in einen Seelentausch mit seinem 17 Jahre alten Lieblingskater, er schlägt für ihn die letzte Schlacht im Garten, Willi seinerseits erlebt das Leben als Junge und dann tauschen sie wieder ihre Seelen aus und Peter wird wach und seine Familie steht vor ihm und traut ihm kaum zu sagen, daß Willi gerade gestorben ist. Eine fürwahr anrührende Geschichte, ohne übertriebene Sentimentalität erzählt, bewegend einfach…..

Auch einen alten, sehr selten, viel zu selten gesehen Gast brachte mir die Geschichte von Willi, nämlich das Wort „Glast“. Es wird kaum noch gebraucht, wer kennt es überhaupt noch? Ich verbinde mit ihm das Bild eines Weges, der sich durch Felder schlängelt, der Himmel ist blau und eine brennende, gelbe Scheibe verbreitet Hitze, glastende Hitze. Ein Wanderer auf dem Weg, zielstrebig oder auch sinnend.

Soweit ich mich erinnere, beschreibt Hesse häufiger solche Landschaften mit Wanderern, die nach ihrem Ziel suchen. Und eben dieser Ausdruck, die glastende Hitze über der Landschaft. Und andersherum funktioniert es auch: ist es im Sommer heiß, brütend heiß – dann fällt mir Hesse ein mit seiner Beschreibung, die aus „Unterm Rad“ stammt. Genug abgeschweift. McEwan verwendet das Wort hier in einer etwas anderer Bedeutung als Synonym für Glanz oder Schimmer.

Ähnlich eindringlich war in der letzten Geschichte des Buches die Schilderung der Erkenntnis von Peter, daß er einmal der Erwachsenenwelt angehören wird, in der keine Zeit mehr sein wird für die wirklich wichtigen Sachen wie Spielen, weil man seinen Tag mit Telefonieren, Sprechen, Besorgungen machen, lesen, etc pp verbringen muss. Aber er zeigt ihm auch den Trost, daß auch die Erwachsenenwelt ihre Abenteuer bereit hält, und nicht das geringste davon ist dieses seltsame Gefühl, das man Liebe nennt, und dessen erste Ahnung sich Peter erträumt….. Einfache Worte, die McEwan hier findet, einfache Worte, eindringliche Worte eines Jungen, die auch den Erwachsenen berühren….

Facit: Ein einfach nur schönes Buch. Einen Dank an dich, A., für´s Aussuchen und Ausleihen….

Ian McEwan
Der Tagträumer
Diogenes 1995
ISBN-10: 3257060718
ISBN-13: 978-3257060713

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