Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens

26. Februar 2017

Elena Ferrantes Auftaktroman zu ihrer vierbändigen ‚Neapolitanischen Saga‘ hat letztes Jahr, so kann man wohl sagen, große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er war ein kommerzieller Erfolg, wurde auch von den meisten Kritikern hochgelobt. Andererseits kam es auch zu dem – für mich – typischen deutschen Reflex, daß nämlich, was erfolgreich ist, nicht gut sein kann, mit anderen Worten, es gab auch Stimmen, die die vom Verlag geförderte (hashtag: #ferrantefever) Hype missbilligten und die dem Roman ankreideten. Sicherlich ist es zutreffend, daß Suhrkamp das Buch gepusht hat, als kommerziellem Unternehmen kann man das dem Verlag wohl kaum vorwerfen, er wäre schlecht beraten, wenn er einen potentiellen Verkaufserfolg nicht realisieren und optimieren wollte. Mir jedenfalls hat Ferrantes Roman gut, sehr gut gefallen und ich weiß mich damit auch in guter Gesellschaft. Daß außerdem die Autorin die Öffentlichkeit scheut und ihr Pseudonym nicht lüftet, heizte die Diskussion zusätzlich an bis hin zur moralisch fragwürdigen Enttarnung im Herbst letzten Jahres, die dann auch folgerichtig von den meisten Medien und Lesern verurteilt worden ist.

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Jetzt also Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens, ein Roman von immerhin deutlich über 600 Druckseiten, der gerade mal sechs Jahre im Leben der beiden Heldinnen, Elena Grecco (‚Lenù‘) und Rafaella Cerrulo (‚Lila‘ bzw. ‚Lina‘) umfasst. Wobei ich hier schon einen Fehler gemacht habe, denn Lilas Nachname lautet seit dem Ende des ersten Bandes Meine geniale Freundin [1] Carracci. Sie war dort mit Stefano Carracci, dem Besitzer der Salumeria, die Ehe eingegangen und daß dieser Ehe kein glücklicher Verlauf beschieden sein sollte, wurde schon am Tag der Hochzeit deutlich.

Der vorliegende Band der Tetralogie beginnt mit einem Vertrauensbruch. 1966 vertraute Lila ihrer Freundin eine verschlossene Schachtel mit Schreibheften an, die diese nicht, so das Versprechen, das ihr abgenommen wurde, öffnen durfte. Lenù tat es trotzdem, las die Hefte und – vernichtete sie. Für uns Leser ist dieser Vertrauensbruch (der spät im Roman eine Erklärung erhält) natürlich ein Gewinn, denn ein großer Teil des Inhalts beruht auf diesen Aufzeichnungen der Freundin.

Der Inhalt des Buches ist recht schnell erzählt, er schließt nahtlos an Band 1 [1] an:

Die Schuhe, die Lila und ihr Bruder in der Schuhmacherei der Familie unter Lilas ‚Federführung‘ heimlich hergestellt haben, spielen insofern eine große Rolle in Lilas Leben, da sie am Hochzeitstag am Fuß eines der Brüder Solara, der örtlichen Camorra, auftauchen. Für Lila, die mit den Brüdern Solara auf Kriegsfuß steht, ist dies ein unverzeihlicher Vertrauensbruch ihres Mannes Stefano, dem sie die Schuhe gegeben hatte. So überrascht es nicht, daß die Hochzeitsnacht disharmonisch verlief und mit einer Vergewaltigung endete.

Stefano Carracci macht Geschäfte mit den Solaras, es werden sowohl neue Schuhläden als auch eine neue Salumeria eingerichtet. Insofern Lila sich (aus Langeweile?) an solchen Projekten beteiligt, hat sie sehr unkonventionelle Vorschläge und Ideen, Michele Solara, der ein Auge auf sie geworfen hat, verteidigt und fördert sie gegen die Ablehnung der anderen Beteiligten. Die Gestaltung der Geschäfte durch Lila sorgt für viel Gesprächsstoff, ist jedoch immer erfolgreich.

Lilas Bauch bleibt flach, die von allen im Rione (Stadtteil) erwartete Schwangerschaft will sich nicht einstellen. Man, vor allem die Frauen, unterstellt Lila, deren Leben im relativen Wohlstand ihr ermöglicht, zum Missfallen aller sehr exzentrisch und launisch aufzutreten, durch eine ihr innewohnende böse Kraft eine Schwangerschaft zu verhindern. Als sie dann doch schwanger wird, verliert sie das Kind.

„Die Signora ist noch jung, sie muss zu Kräften kommen.“ Der Arzt, zu dem man Lila gegen ihren Willen ’schleift‘, trifft den Nagel auf den Kopf, Lila ist mit ihren sechzehn Jahren schließlich weniger Frau als vielmehr noch Mädchen. Ein Aufenthalt am Meer soll sie stärken, Lenù kann sie überreden, nach Ischia zu fahren. Denn dort hält sich auch Nino auf, der heimliche Schwarm Lenùs, wovon allerdings niemand weiß…

Das Verhältnis der beiden Freundinnen ist wechselhaft, ihr Leben allzu unterschiedlich geworden. Lenù hat zwar auch Phasen, in denen sie am Sinn ihres Schulbesuchs zweifelt, nicht weiß, was das alles soll, sie wieder ins Rione eintauchen will, aber letztlich gelingt es ihr, sich wieder zu fangen. Gelegentliche Kontakte mit Menschen ausserhalb ihres Viertels machen ihr deutlich, wie sehr sie doch die intellektuelle Herausforderung lockt.

Der Aufenthalt der Mädchen (sie sind ja erst sechzehn, siebzehn Jahre alt) in Ischia sollte entscheidend werden für beide. Ja, sie treffen Nino, der mit einem Freund dort ist, und Lenù ist glücklich, wenn der angehimmelte Nino sie beachtet. Doch mehr noch beachtet dieser schließlich Lila, so lange, bis mehr Beachtung nicht mehr geht….

Die beiden setzen ihr Verhältnis nach der Rückkehr nach Neapel fort, schließlich wird Lila wieder schwanger. Das Verhältnis mit ihrem Mann wird für sie immer untragbarer, schließlich kommt es zum Bruch und sie verläßt ihn. Aber auch ihre gemeinsame Zeit mit Nino ist nur von kurzer Dauer, dann wird sie von Enzo, einem Jugendfreund, wieder nach Hause, zu Stefano gebracht, nicht jedoch ohne daß dieser schweigsame junge Mann ihr ein Versprechen gibt…

Lenù hat in der Zwischenzeit ihr Abitur gemacht, ihr wird geraten, sich an einer Hochschule in Pisa um ein Stipendium zu bewerben. Sie besteht die Aufnahmeprüfung, fängt das Studium an und als junge Frau aus einem Armenviertel Neapels ist sie eine Ausnahme dort, die auffällt: die Kleidung, das Benehmen, die Sprache… Lenù hat viel zu lernen, ihr Vorteil ist, daß sie gut auf die Menschen wirkt, ihnen sympathisch ist, daß man ihre Intelligenz (von der sie selbst nicht sonderlich überzeugt ist) schätzt und bewundert. Mit Lila besteht in dieser Zeit kaum noch Kontakt, überhaupt kommt Lenù nur zu den hohen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten ins Rione, wo sie immer mehr zur Auswärtigen wird, zur Frau aus Pisa.

In Pisa dagegen ist sie hin und wieder Opfer von Spott und Häme, bei einer solchen Gelegenheit lernt sie Pietro kennen, der sich für seine Kameraden bei ihr entschuldigt. Pietro ist nicht gerade der Draufgänger, die sich entwickelnde Beziehung bleibt lange Zeit recht platonisch und hat den Schwerpunkt auf der intellektuellen Ebene; die schlussendlich erfolgende Verlobung der beiden ist an Impulsivität und Gefühlsreichtum kaum zu unterbieten.

Die beiden jungen Frauen sind jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Während sich für Lenù mit ihrem Hochschulabschluss und dem Verlobten aus einer angesehenen Familie das Leben in all seinen Möglichkeiten zu entfalten beginnt, geht es für Lila in die andere Richtung. Gegen Ende des Buches besucht Lenù ihre Freundin auf deren miesen, dreckigen Arbeitsplatz. Lenù hat sich mit der Ausrede eingeschlichen, sie wolle zum Chef und Lila erwidert ihr: „Gut so, jetzt denken sie [die anderen Arbeiter/-innen], dass ich dem Juniorchef einen blase, und lassen mich eine Weile in Ruhe.“ – „Was soll das heißen?“ – „So läuft das eben.“ – „Hier drin?“ – „Überall. ….“


Die Geschichte eines neuen Namens, Teil 2 einer der ‚Neapolitanischen Saga‘. Ob diese Bezeichnung zutreffend ist, mögen andere entscheiden, die Übertragung des Begriffes ‚Saga‘, der ja eher auf nordische Dichtungen gemünzt ist denn auf die Lebensgeschichte zweier Frauen aus Neapel und dann auch noch nicht nur ‚einer‘, sondern ‚der‘ Saga, erscheint mir schon etwas hoch gegriffen. Sei´s drum, auch dieser Band der Tetralogie las sich – wie man bei uns in der Region etwas flappsig sagt – wie ‚geschnitten Brot‘, ein paar wenige Abende und die gut sechshundertzwanzig Seiten waren vertilgt. Und somit stand für mich die Frage am Horizont, was uns die Dichterin mir ihren Worten sagen wollte…..

In erster Linie ist er die weitgehend parallel erzählte Geschichte zweier junger Frauen, die in einem der neapolitanischen Armenviertel (‚Rione‘) geboren wurden, zusammen in die Schule gingen und deren Lebenswirklichkeit sich nach dem Ende der Grundschule aufplittete. Eine von ihnen, Lenù, wurde gefördert, ihr wurde der weitergehende Besuch von Schule und später Universität ermöglicht, dieser Bildungsweg aus dem Rione heraus war ihrer Freundin Lila versperrt, sie wurde nicht in gleicher Weise von der Lehrerin unterstützt und die Eltern, besonders der Vater, erachteten Bildung für Frauen als entbehrbar, Lila sollte lieber sehen, daß sie Geld verdient und zum Familieneinkommen beitragen.

Wenn man so will, kann man den Roman also als Beispiel dafür nehmen, daß es möglich ist, mit entsprechender Förderung und Unterstützung sowie natürlich unermüdlichem Fleiß schlechten sozialen Bedingungen zu entkommen, vulgo: in gewissem Sinn Karriere zu machen. An Lenù macht Ferrante aber auch deutlich, daß die Herkunft sich nicht einfach verleugnen läßt: die Sprache, der Dialekt, verrät die Herkunft, die Kleidung und das Schuhwerk den sozialen Status, das Benehmen die Erziehung. Einiges davon kann man sich mit viel Selbstdisziplin abgewöhnen oder abtrainieren, bei Lenù, von Natur aus zurückhaltender und schüchterner, blieben aber immer Hemmungen zurück, ihr Selbstbewusstsein litt unter ihrer Herkunft. Nur bei seltenen Gelegenheiten schildert Ferrante ihre Heldin spontan und offen, meist schweigt sie lieber, weil sie sich anderen gegenüber ‚unterlegen‘ fühlt. Diese ‚Anderen‘ agieren so, wie man in dieser Gesellschaftsschicht aufwächst und groß wird: was für diese selbstverständliches Leben ist, ist für Lenù auf das Vermeiden von Fehlern ausgerichtetes, konzentriertes Handeln.

Lila ist das Gegenteil von Lenù: sie offensiv bis hin zur Aggressivität, sie ist furchtlos, bereit, auch negative Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Sie läßt andere ihre Überlegenheit spüren, sie leidet unter der Tatsache, daß sie ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen kann, nutzt jede sich auftuende Gelegenheit, die sich ihr intellektuell bietet. Sie macht Fehler in ihrem Leben, große Fehler, sie ist nicht in der Lage, langfristig zu planen und vorauszudenken: die Hochzeit, die Affäre mit Nino…. Ereignisse, die ihr gesamtes Leben prägen sollten.

In ihrem Potential sind sich Lenù und Lila ebenbürtig, auch wenn jede die jeweils andere als offensichtlich ‚begabter‘ einschätzt. Dabei projiziert Lila ihre für sie nicht realisierbaren Möglichkeiten auf Lenù: sie fördert sie, kauft ihr Schulbücher und als sie davon erfährt, daß Lenù einen Roman veröffentlichen wird, küsst sie ihr die Hände. Stellvertretend für sie, die gescheitert ist, hat es Lenù geschafft, denn in ihrer Freundin ist immer auch Lila und ihr Wirken präsent.

Ebenbürtig, aber nicht gleich. Wie schon die Charakterisierung der beiden Figuren zeigt, sind diese eher komplementär: Und ihr Leben taucht beständig in meinem auf, in den Worten, die ich gesagt habe, und in denen häufig ihre Worte widerklingen; in jener entschlossenen Geste, die eine Nachahmung einer ihrer Gesten ist; in meinem Weniger, das als solches wegen ihres Mehr das ist; in meinem Mehr, das die Umkehrung ihres Weniger ist. … reflektiert Lenù in ihrer Pisa-Zeit. Gleichzeitig ist das Schicksal Lilas für sie immer auch Antrieb gewesen, zu lernen, sich anstrengen. Der Rione hing eine zeitlang, als sie noch zur Schule ging, wie ein Gewicht an ihr, sie wälzte Gedanken, aufzugeben, in die Geborgenheit des Bekannten zurückzukehren, die Armut, die sie kannte, den Möglichkeiten, die ihr offenstanden, vorzuziehen. Durch Lilas negatives Beispiel und durch die geistigen Freiheiten, die sie bei entsprechenden Gelegenheiten spürte, überwandt sie dieses Tief.

Wie dagegen strampelte sich Lila ab, gierig, wie eine Verhungernde, Verdurstende griff sie nach jeder Gelegenheit, sich zu beweisen. Das Schuhmodell, das sie kreierte, später die Geschäfte, die sie ausstattete, die Diskussionen mit Nino, am Ende des Romans dann kniet sie sich zusammen mit ihrem Begleiter Enzo in das Erlernen der aufkommenden Computersprachen, weil dieser sich auf diesem Gebiet weiterbildet…

Komplementär die beiden Mädchen/Frauen, zugespitzt könnte man sagen, Lila repräsentiert die ‚dunkle‘ Seite von Lenù bzw. Lenù die helle von Lila.

Interessant fand ich auch die Rolle und Funktion, die Ferrante der Sprache in ihrem Roman zuweist. Die beiden Mädchen werden im Rione groß, in dem ‚Dialekt‘ gesprochen wird. Insbesondere Lenù fällt immer dann in diesen Dialekt (ich gehe davon aus, daß damit das Neapolitanisch gemein ist [2]), wenn es um Emotionen, Gefühle geht, meist negative. So reagiert sie gegen Ende des Buches äußerst derb und vulgär auf plumpe Anmachversuche in der Straßenbahn, da man sie in ihrem Rione nicht mehr als Dazugehörige erkennt, sondern als Auswärtige behandelt. Auch an der Uni in Pisa geht sie ‚dialektisch‘ gegen Häme und Anfeindungen vor, hier wird ihre ‚Muttersprache‘ für sie ein Stigma. Das Italienische, das von den Kindern wie eine Fremdsprache gelernt werden muss, ist dagegen die Sprache der Diskussion, der intellektuellen Auseinandersetzung, die Sprache einer anderen Welt ausserhalb des Rione.

Das Neapolitanische: eine entsprechende Saga sollte das zumindest im Hintergrund ausmalen. Das habe ich vermisst, muss ich zugeben. Die Solaras beispielsweise, als Angehörige der Camorra, treten einfach nur als mehr oder weniger gewiefte Geschäftsleute auf, die ihren Vorteil suchen. Den oder die Schilderung eines mafiösen Hintergrunds unterläßt Ferrante weitestgehend, allenfalls fallen vereinzelte Andeutungen. Auch über Neapel selbst erfährt man kaum was. Ein paar Straßennamen, den Hinweis darauf, daß auch in anderen Vierteln eine möglicherweise etwas anders ausgeformte Armut herrscht – damit hat sich´s.

Einzig die Herrschaft des Mannes über die Frau, die aus Gewohnheit oder weil der Mann sich ärgert oder weil er der Frau was Gutes tun will, auch mit häuslicher Gewalt verbunden ist, sie tritt deutlich in der gesamten Geschichte auf. Die Frauen im Rione altern schnell, verlieren schnell die Form, die vielen Kinder, die Arbeit, die Not, die Sorgen, die Schläge…. Auch Lila und Lenù können sich nicht frei davon machen. Stefano, Lilas verhasster Mann, ist zwar bequem und will viel lieber seine Ruhe haben, aber auch er schlägt seine Frau grün und blau, es steht zu vermuten, daß er sich wie in der Hochzeitsnacht auch dieses ‚Recht‘ häufig mit Gewalt einfordert. Bei Lenù ist es etwas anders, da sie keinen Freund hat, hat sie etwas größere Freiheiten, aber auch sie wird angemacht und angepöbelt. Im Unterschied zu ihrer Freundin, die nicht müde wird, ihren Mann zu provozieren, ordnet Lenù sich unter: um dem angehimmelten Nino zu gefallen, versucht sie krampfhaft, sich so zu benehmen, wie sie glaubt, daß es diesem gefällt….


Wie schon der Vorläuferband Meine geniale Freundin [1] zeichnet auch diese Geschichte eines neuen Namens das Unspektakuläre aus: hier wird einfach eine Geschichte aus dem Leben erzählt, sie könnte so, genau so passiert sein, hat möglicherweise sogar reale Grundlagen, man kann als Leser die Gefühle, Irrungen und Wirrungen, der Protagonistinnen nachempfinden. Man möchte vielleicht selbst dann und wann alle Konventionen über den Haufen werfen und ausbrechen, wie es Lila im Roman vormacht, man hat unter Umständen unter Selbstzweifeln gelitten wie es Lenù ergeht. Dieses hohe Identifikationspotential fesselt beim Lesen und läßt den Roman trotz seines Umfangs gut lesbar sein.

… und doch. Und doch tauchte bei mir hin und wieder die Frage auf, ob dieses Buch wirklich so ausführlich hat sein müssen. ‚Es ist alles schon einmal gesagt worden, aber nicht von mir!‘ Jeder kennt diesen Spruch wohl, an den ich an solchen Stellen denken musste. Übertragen auf das Buch meine ich damit, daß die Autorin ein und dasselbe Grundverhalten ihrer Figuren, insbesondere trifft dies auf Lila zu, der der Hauptanteil der Handlung zukommt, immer wieder in leicht differierenden Situationen schildert. Natürlich sind beispielsweise die Wochen auf Ischia für das Leben der beiden Mädchen entscheidend. In Ferrantes Darstellung (weit über hundert Seiten widmet sie dieser Episode) liest sich dieser Aufenthalt fast wie ein taggenaues Protokoll, obwohl die Tage meist ähnlich verlaufen. Hier (aber auch an anderen Stellen) wäre eine Straffung des Textes und ein Konzentrieren auf das Wesentliche sicher möglich gewesen.

Daher fällt für mich dieser zweite Teil der ‚Saga‘ gegen den ersten ein wenig ab, das jedoch weiterhin auf einem hohem Niveau, das auch diese Geschichte eines neuen Namens einhält. Natürlich endet dieser Teil wieder mit einem Cliffhanger, schließlich ist Ferrante eine versierte Autorin und hat mit Suhrkamp einen profilierten Verlag, der auf solches geachtet haben wird: die Bände 3 und 4 sind ja noch auf den Markt, bzw. die Frau/den Mann zu bringen. Das wird sicher gelingen, das Schicksal der beiden Frauen läßt wohl niemanden unberührt, ich jedenfalls werde es weiterverfolgen.

Links und Anmerkungen:

[1] zu meiner Besprechung dieses ersten Teils: Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, hier sind auch weiterführende Links zu finden.
[2] vgl. Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Neapolitanisch

Elena Ferrante
Die Geschichte eines neuen Namens
Band 2 der Neapolitanischen Saga

übersetzt aus dem Italienischen von  Karin Krieger
Originalausgabe: Storia del nuovo cognome, Rom, 2012

diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca 624 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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7 Responses to “Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens”

  1. Lena Riess Says:

    Ja, Du hast recht, wir werden die Geschichte weiterfolgen. Die Figuren bleiben im Gedächtnis und man möchte wissen, wie das alles weitergeht. Aber ich muß zugeben: so richtig einzuschätzen vermag ich die Qualität dieser Romane immer noch nicht. :)

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    • flattersatz Says:

      liebe elena, du warst jetzt aber sehr früh beim lesen…

      ‚eine beerige obernote und *schluckschluckschluck* leicht mineralisch im abgang…‘ damit überzeugst du jeden laien bei einer weinverkostung von der qualität des tropfens, auch wenn du selbst null ahnung hast…

      so ähnlich geht mir das mit büchern. mit fehlt einfach der literaturwissenschaftliche hintergrund, um die ‚qualität‘ eines buches wirklich einschätzen und einordnen zu können. deswegen ziehe ich mich tatsächlich fast immer auf die einfache formel zurück: ‚gefällt mir/gefällt mir nicht‘ und versuche, das halbwegs konsistent zu begründen. nach ferrantes romanen, die sich sehr gut lesen, muss sicherlich die literaturgeschichte nicht umgeschrieben werden, insofern bringen sie nichts neues. joyce (der fällt mir gerade ein) dagegen… liest sich für den normalleser schwer, hat aber seine ganz andere bedeutung… es gibt also, denke ich, nicht ‚die‘ qualität. ich habe neulich (irgendwo muss der schnipsel noch liegen) ein interview mit der Felicitas von Lovenberg (piper-verlag) gelesen, in der sie sinngemäß sagte, sie könne leicht bei bestseller begründen, warum diese erfolge sein. viel schwieriger für sie sei es, zu erklären, warum so viele andere bücher keinen erfolg hätten, obwohl sie genau so ‚gut‘ seien… so in etwa…. ferrantes qualität liegt vllt darin, eine gut lesbare, unterhaltsame, teils auch spannende geschichte geschrieben zu haben, die anrührt und den leser/die leserin mitnimmt. das ist nicht wenig.
      liebe grüße

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      • Lena Riess Says:

        Da habe ich mich wohl falsch, bzw. zu knapp ausgedrückt. Der Begriff Qualität bezog sich nicht auf eine versuchte objektive Beurteilung. Diese vermag ich ähnlich wie Du nicht zu leisten (und deshalb würde ich auch niemals ein Buch zerreissen. Wenn mir etwas überhaupt nicht gefallen hat, wird es eben nicht besprochen). Es hätte statt Qualität eher so etwas wie Wertschätzung stehen müssen. Tatsächlich war ich bei einem Buch diesbezüglich selten so hin und her geworfen. Es hat mir gefallen und auch nicht. Dir einen schönen Sonntag noch! :)

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  2. Annette.thielke Says:

    Mit dem zweiten Band nimmt die Geschichte Fahrt auf, der Leser wird heftig einbezogen und liest freiwillig Stunde um Stunde die Nahaufnahmen parallel oder auch kontrovers verlaufender Entwicklungsschritte zweier enger Freundinnen, die im Wechselspiel die Führungsrolle tauschen auf dem Weg zur Selbstfindung. Die detaillierten Insidereinblicke in die Lebensbedingungen und das persönliche Umfeld der beiden Heranwachsenden vermittelt dem Leser eine bildhafte Vorstellung vom neapolitanischen Milieu der 60 ger Jahre und beteiligt den Leser intensiv am Gefühlsleben der Protagonistinnen.
    Während des Lesens kann man sich kaum entziehen, eigene Erinnerungen anzuknüpfen an Phasen der eigenen Selbstfindung, den Irrtümern,den Enttäuschungen, den Glücksgefühlen, der Scham und auch den Desillusionierungen. Dass man auf dem Umweg über Neapel einen Blick auf sich selbst tun kann, ist für mich die eigentliche Überraschung der ersten Bände der Saga. Nun kommt erst eine lange Wartezeit,bis man wider Lesekontakt aufnehmen kann.

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  3. monerl Says:

    Ich bin sehr froh, dass dir der zweite Teil auch gut gefallen hat. Obwohl es bei mir umgekehrt war, ich fand diesen Teil ein Stück besser als den ersten, ist unsere Meinung zum Buch sehr ähnlich. Ich mag bei Ferrante diese ausschweifende, beschreibende Art, die Geschichte zu erzählen. Man denkt zwar, -wann kommt sie auf den Punkt- doch am Ende passte es für mich bisher immer im Gesamtgefüge.

    Ich freue mich auf den nächsten Teil im Mai und warte wieder gespannt auf deine Besprechung!

    GlG vom monerl

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      ja, liebe monerl, ich freu mich auch auf diese nächsten etappe im leben der beiden, denen man ja doch heftig die daumen drückt für ihr leben…. obwohl man ja bei lila immer so seine befürchtungen hat und der beginn des ersten bandes nichts gutes ahnen läßt…

      liebe grüße und danke für deinen besuch und den kommentar!

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  4. Huhu!

    Das ist wirklich ein typisch deutsches Phänomen – was nicht brotlose Kunst ist, und dabei am besten noch deprimierend und schwer zu lesen, kann keine „echte“ Literatur sein…

    Ich habe „Meine geniale Freundin“ noch nicht gelesen, werde das aber sicher noch tun. Deswegen werde ich mir deinen Beitrag auch lieber für später aufsparen, bevor ich mir noch unabsichtlich selber das Lesevergnügen schmälere, indem ich schon zu viel erfahre! ;-)

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person


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