Der dritte Band der Tetralogie einer neapolitanische Saga der unter einem Pseudonym publizierenden italienischen Autorin Elena Ferrante über die beiden Freundinnen Lenù und Lila ist gegenüber der ursprünglichen Ankündigung zwar etwas verzögert, aber jetzt endlich erschienen. Da die einzelnen Bände eine fortlaufende Geschichte erzählen, ist es sinnvoll, sich noch einmal auf das bisher geschilderte Schicksal der beiden jungen Frauen zu vergegenwärtigen. Dies wird im Buch einführend in einer kurzen Gesamtschau gemacht [man kann aber natürlich auch meine Buchbesprechungen hier im Blog lesen ;-) … siehe unten unter Anmerkung]. Der zweite Band jedenfalls endet mit der Präsentation des Buches, das Lenù geschrieben hat und bei der völlig überraschend ihre geheime Liebe Nino Sarratone auftaucht und sie einem harschen Kritiker gegenüber eloquent verteidigt. Außerdem ist Lenù fest liiert mit Pietro Airota, sie wollen heiraten. Lila dagegen lebt mit ihrem Jungen in einer zölibatären Gemeinschaft mit Enzo ausserhalb des Riones, sie hatte ihren Mann verlassen und arbeitet jetzt unter ausbeuterischen und unwürdigen Bedingungen in einer Wurstfabrik: das Leben der beiden jungen Frauen hatte sich also völlig gegesnätzlich entwickelt, der Titel dieses Bandes deutet darauf hin, daß diese Trennung noch weiter gehen wird.


Wie geht es jetzt weiter? Die ersten Abschnitte des in kleine Kapitel unterteilten Buches befassen sich mit Lenús Schicksal. Sie hat ihr Buch veröffentlicht, erhält überwiegend positive, aber auch negative Kritiken. Die Begegnung mit Nino wirft sie kurzfristig aus der Bahn, sie ist sogar bereit, ihren Verlobten für eine Nacht zu betrügen, die Umstände verhindern es jedoch. Danach verschwindet Nino wieder aus ihrem Umfeld, hin und wieder liest sie Aufsätze von ihm, die sie vorbehaltlos bewundert. Ihr eigenes Buch ist erfolgreich, verkauft sich gut und wird auch in ihrer alten Heimat, im Rione, gelesen, es gilt allgemein als Skandalbuch wegen der enthaltenen ‚gewagten‘ Szenen, in den Lenù das aus einer Verzweiflung ihrer Protagonisten heraus motivierte Eingehen auf das aufdringlichen Werbens eines älteren Mannes schildert und sie so das eigene Erleben verarbeitet. ‚Schmutzig‘ ist ein Wort, das sie des öfteren hört, einige Frauen des Rione, von denen sie angesprochen wird, erkennen sich bzw. ihre Position als Opfer darin wieder.

Parallel zu den Lesungen und Präsentationen läuft das private Leben: Pietro kommt nach Neapel, um bei den Eltern ganz formell um ihre Hand anzuhalten. Wider Erwarten verstehen sich die Familie Greco und der frisch nach Florenz berufene Professor und Schwiegersohn in spe gut, selbst Lenùs Mutter taut im Lauf der Tage auf.

Eingebettet ist all dies in die große politische Unruhe, die gegen Ende der 60er Jahre ganz Europa erfasst: die jungen Leute, die Studenten revoltieren, gehen auf die Straße, wollen gesellschaftliche Veränderungen. Und wie es ihre Art ist, stürzt sich Lenù , als sie merkt, daß sie von diesen Vorgängen, von den politischen Hintergründen etc pp, keine Ahnung hat, verbissen ins Lernen: sie will mitreden können, sucht Anerkennung auch in diesen aufbegehrenden studentischen Kreisen.

Mit der revolutionären Stimmung auf ganz andere Weise macht Lila ihre Bekanntschaft. Sie reibt sich bis zur Erschöpfung zwischen der Versorgung ihres Sohnes, der Erledigung des Haushalts und der anstrengenden und entwürdigenden Arbeit in der Fabrik auf. Hier sind Frauen nicht nur Arbeitskräfte, sondern haben ebenso als willfährige Objekte sexueller Anzüglichkeiten bis hin zu erduldenden Handlungen zu dienen. Lila läßt sich dies nicht gefallen, sie setzt sich robust zur Wehr, auch gegenüber ihrem Chef.

Als sie in ‚revolutionären Kreisen‘ (alte Bekannte u.a. aus dem Rione, haben sich den Kommunisten angeschlossen) davon erzählt, verarbeiten diese ihre Geschichte zu einem Flugblatt. Die Ereignisse in der Fabrik überschlagen sich daraufhin und Lila bricht körperlich ausgelaugt zusammen, ein Arzt diagnostiziert einen Herzfehler. Lila ruft Lenù zu Hilfe, die über ihre Schwiegereltern Hilfe für Lila organisieren kann. abgesehen von den Ärzten, zu denen sie mit ihrer Freundin geht, ist es die Frage, ob diese Hilfe tatsächlich hilft. Michel Solara ist mittlerweile der Mann, der die wirkliche Macht in Händen hält und die Kluft zwischen der arbeitenden Klasse, die letztlich auch die Konsequenzen allen ‚revolutionären‘ Handelns zu tragen hat und denen, die guten Willens sind und mit ihrem Geld, ihren Beziehungen und im ‚revolutionären‘ Eifer helfen wollen, erweist sich als nicht überbrückbar.

Die Hochzeit von Lenù und Pietro ist einfach gehalten, wenngleich nicht ohne eine kleine familiäre Missstimmung. Lenù wird nach der Hochzeit sofort schwanger und so wie ihre Schwangerschaft problemlos verlief, so schwierig wird es nach der Geburt des Mädchens Adele, das sie ‚Dede‘ nennen: es ist ein Schreikind, das schlecht schläft und das Stillen verweigert. Bald ist die Mutter ausgelaugt, an die Arbeit am neuen Buch ist nicht zu denken, die Ehe zeigt bald Dissonanzen. Eine böse Prophezeiung Lilas über die Ehe scheint sich zu erfüllen.

Lenù ist einsam in Florenz, nötigt ihren Mann, der berufliche Probleme hat, Einladungen auszusprechen, bei denen sie heftig und wahllos flirtet, ohne allerdings die letzte Grenze zu überschreiten. Als sie dann doch endlich ein Manuskript für ein zweites Buch beendet hat, wird dies gnadenlos ehrlich von der Schwiegermutter, aber auch von Lila, der sie es zu lesen gab, verrissen – eine Bruchlandung auf dem Boden der Realität, verbunden mit einer Identitätskrise sind die Folge davon und der (zeitweiligen) Akzeptanz ihres Lebens – ein zweites Kind ist die Folge, wieder ein Mädchen, Elsa.

Der Kontakt zu Lila besteht fast nur noch aus Telefonaten, in denen beide Konfliktträchtiges vermeiden. Für Lila hat sich das Leben zwischenzeitlich grundlegend verändert, das anfangs ein wenig belächelte Erarbeiten von computertechnischen Grundlagen zahlt sich für beide aus, für Enzo und für Lila: sie bekommen beide gutdotierte Stellungen. Für Lila wird es sogar noch lukrativer: Michele Solara ködert sie mit viel, viel Geld, weit mehr als Enzo in seiner Position verdient. Lila nimmt das Angebot an, erzählt dies Lenù und auf deren Empörung verweist Lila nur auf Elisa, die Schwester Lenùs. Denn diese ist, was Lenù nicht weiß, fest mit Micheles Bruder, dem anderen Solara, liiert, was bedeutet, daß die verhassten Solara-Brüder – Pietro bezeichnet sie nach dem Kennenlernen als zwei Gauner, zwei Schlitzohren, zwei scheißfreundliche Kriminelle – Verwandtschaft werden…

Ein Märztag des Jahres 1976 sollte das Schicksal Lenùs dann völlig über den Haufen werfen. Ihr Mann, Pietro, bringt einen universitären Kollegen, mit dem er sich sehr gut versteht, überraschend zum Essen mit nach Hause. Als Lenù die zwei durch die Tür treten sieht, kann sie gerade noch den Schein wahren, aber der Anblick von Nino in ihrer Wohnung, an ihrem Tisch, ihr Essen essend, mit ihren Kindern spielend, charmant und attraktiv, intelligent und aufmerksam, ein Nino, der sie ernst nimmt, bringt alles in ihr in einen gefährlichen Aufruhr, läßt alle Systeme in den roten Bereich rasen…


Der dritte Band dieser Geschichte zweier junger Frauen überstreicht knapp ein Jahrzehnt, am Ende des zweiten Bandes waren sie dreiundzwanzig, am Ende dieses Buches, 1976, sind sie zweiunddreißig Jahre alt. Es sind für Italien unruhige Zeiten, wie an vielen Stellen Orten Europas setzen auch hier 1986 Unruhen unter den Studenten ein, die gegen die veralteten Studienbedingungen (‚Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren‘) protestierten, ein Protest, der schnell auf allgemein gesellschaftliche Zustände übergriff. Was Italien angeht, sind uns wahrscheinlich die ‚Roten Brigaden‘ (Brigate Rosse, BR) eine bekannte Gruppierung, auf deren Konto viele Anschläge, Entführungen und Morde gehen.

Der gesellschaftliche Umbruch, der dadurch in Gang gesetzt wurde, bildet den Hintergrund der Geschichte der getrennten Wege. Sowohl Lila aus auch Lenù sind in ihrem jeweiligen Umfeld involviert, Lenù auf der eher intellektuellen Ebene, die sich später dann auf eine feministische Fragestellung konzentrieren sollte, Lila dagegen ganz konkret mit Aktionen in ihrer Firma. Wie gesamtgesellschaftlich werden auch im Rione die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppierungen (Faschisten vs. Revolutionären) immer radikaler, bis hin zu brutalsten Überfällen und Morden. Lenù dagegen nimmt an der ein oder anderen Demonstration teil, vielleicht steht sie auch nur am Rand, um zu schauen, später dann bekommt sie über ihre Schwägerin Kontakt zu Frauengruppen, in denen das Selbstverständnis des Frauseins diskutiert wird. Nicht unwichtig für das Leben Lenùs ist ferner, dass es die Möglichkeit einer Scheidung im italienischen Familienrecht erstmals im Dezember des Jahres 1970 festgeschrieben wurde, sie also nicht, wie ihre Freundin Lila, bei einer Trennung von ihrem Mann weiterhin verheiratet bleiben müsse.

Diese Diskussionen um die Stellung und das Wesen der Frau kontrastiert diametral mir ihrer Lebenssituation. Sie, die Intellektuelle, die ein erfolgreiches Buch geschrieben hat, ist durch ihre Ehe in die allbekannte Falle geraten und auf die Rolle der unbezahlten Putzfrau, Kinderfrau, Köchin und Sexpartnerin reduziert worden, ohne daß die Ehe ihr dafür einen adäquaten Ersatz gegeben hätte. In der Summe sind diese Funktionen sogar so zeit- und kraftraubend, daß für andere Tätigkeiten kaum noch Energie bleibt. Hat sie dafür seit früher Kindheit unter vielen Entbehrungen mit bewundernswerter (?) Selbstdisziplinierungen gegen viele Schwierigkeiten so viel gelernt? Komm, gehen wir ficken: die neue Freiheit, die sich jungen Frauen eröffnet, weckt Neidgefühle, verdeutlicht ihr, wieviel Wünsche und Gefühle sie in ihrem bisherigen Leben unterdrückt hat.

Und noch ein weiteres wird Lenù bewusst: daß sie die ganze Zeit versucht hat, mit männlichen Methoden zu arbeiten, wie Männer zu denken, zu diskutieren, zu argumentieren: Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass ich vor allem besser verstehen musste, wer ich war. Meine weibliche Natur erforschen. Ich hatte es übertrieben, hatte mich gezwungen, mir männliche Fähigkeiten anzueignen. Ich glaubte alles wissen zu müssen..… Nie, so ihr Resümee, war sie sie selbst, immer hat sie sich starker Selbstkontrolle und -verleugnung unterworfen. .. So erscheint sie jetzt, nachdem ihr das bewusst wird, unsicher, zweifelnd über ihre Rolle, ihren Standort; sie reagiert häufig gereizt und überzogen, fühlt sich von ihrem Mann geringgeschätzt und nicht als gleichwertig akzeptiert. Man könnte festhalten, daß sie am Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts von der Lebensmittelkrise erfasst worden ist, die einen großen Teil der bisherigen Sicherheiten erschüttert.

Sie ist mir lieber als du. Ihr seid zwei Stück Scheisse, das ist nicht zu ändern, zweimal Abschaum aus dem Lumpenproletariat. Aber du spielst die Nette, Lina nicht.
[Nadia zu Lenù]

Von besonderem Interesse ist außer diesen eher nach/von außen wirkenden Ereignissen und Vorgängen das Innenverhältnis der beiden jungen Frauen Lila und Lenù. Beider Leben entwickelt sich völlig unterschiedlich, dies ist, denke ich, schon zur Genüge deutlich geworden. Trotzdem haben beide ihre Herkunft nicht abschütteln können: Lila ist dem Rione auf eine ganz elementare Weise verbunden geblieben, durch die Sprache, durch ihre Aggressivität, ihre Skrupellosigkeit, ihre Härte und natürlich zuvörderst durch die Tatsache, daß sie wieder zurückgezogen ist in das Viertel ihrer Kindheit. Sie war und ist Teil des Riones, schon eingangs des ersten Bandes hatten wir ja erfahren, daß sie Neapel nie verlassen hat. In einer Passage des Textes läßt Ferrante Lina (die ja zwischenzeitlich in ein anderes Viertel der Stadt gezogen war) zu der Erkenntnis kommen, daß es möglicherweise besser gewesen wäre, zu bleiben, wo sie hingehörte, nicht die Sünde des Hochmuts [zu] begehen, den Kopf [zu] beruhigen. Eine Ansicht, die natürlich ebenso hinsichtlich Lenù interessant ist, die ihr alte Heimat ja noch viel konsequenter zu verlassen versucht hat.

Bei Lenù dagegen ist die Verbindung subtiler: ihr Bestreben ist es, dem Rione zu entkommen, das Rione definiert in diesem Sinne all, was sie nicht (mehr) will, all das, was sie erreichen muss, um es hinter sich zu lassen: Sprache, Kleidung, Benehmen etc pp. Selbst ihre Ehe mit dem für die Familie Airota etwas atypischen Pietro kann unter diesem Aspekt betrachtet werden (zumindest realistischer als unter dem Aspekt himmelhochjauchzend entflammter Liebe): sie bedeutete die Aufnahme in diese fortschrittlich gesinnte, hoch angesehene Familie von Intellektuellen und festigte damit ihren eigenen, neuen Status. Das alte Viertel, die Herkunft, wird dadurch zu einer Art negativer Messlatte, an der bestimmt werden kann, wie weit sie sich gelöst hat. Jedoch unterliegt sie dem allgemeinen Phänomen, daß all die Fähigkeiten der neuen Gesellschaftsschicht, in die sie eintritt, eintreten will, von ihr gelernt werden müssen, im Gegensatz zu denen, die mit den dort geforderten Umgangsformen und Fähigkeiten groß werden und sie sozusagen mit der Muttermilch aufnehmen. Folge ist Unsicherheit, das Bestreben, sich eröffnende Lücken sofort durch Lernen und Aufnahme von entsprechenden Informationen zu schließen. Sie anfällig für Lob, Kritik stürzt sie in große Zweifel, kurz Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind schwach entwickelt. Dazu kommt, daß in Situationen extremer (negativer) Gefühlswallungen das Rione immer wieder aus ihr herausbricht: sie verfällt unwillkürlich in den Dialekt, bedient sich der Vulgarität der Sprache.

Vollends zeigt sich die lebenslange Bindung an das Rione, als sie, die ganz offensichtlich – wie sich in der entsprechenden Episode des Buches ebenfalls erweist- nur sporadischen und oberflächlichen Kontakt zur dort lebenden Familie hat, erfährt, daß ihre Schwester ausgerechnet mit dem Feind aus Kindertagen liiert ist, sie damit zur Schwägerin eines der beiden örtlichen Verbrecherbosse werden wird….

Lenù und Lila, die alten Freundinnen und Vertrauten aus Kindertagen, sie sind sich fremd geworden und doch verbunden geblieben, es ist eine Art komplementäre Beziehung, die zwischen ihnen herrscht. In Lenù verwirklicht sich für Lila das, was sie selbst nicht erreichen konnte: Bildung, sozialer Status und gesellschaftliches Ansehen: …ich erwarte Großes von dir, … ich will, dass du es besser machst, … denn wer bin ich, wenn du nicht gut bist, wer bin ich dann? Lila dagegen, die alte Lila, wird von Lenù schmerzlich vermisst: sie war der Quell ihrer Kreativität, an und mit ihr wuchs sie, entwickelte Phantasie und Ideen. Mach dir keine Sorgen, sag mir immer, was du denkst, nur so hilfst du mir, hast du mir von klein auf geholfen, ohne dich kann ich nichts… lautet die Entgegnung und Beruhungig Lenùs auf Lilas Ausruf. Meine geniale Freundin, dieser Titel des ersten Teil der Tetralogie ist in jede Richtung interpretierbar.

Als wir klein waren,
haben wir einen Pakt geschlossen.
Die Böse bin ich.
[Lila über Lenù und sich]

Für Lenù stellt Lila auch so etwas wie ein Symbol und ein Kristallisationspunkt der dunklen Seite des eigenen Ichs dar. Lila verkörpert das, was sie selbst nicht ist: selbstsicher bis zur Arroganz, selbstbestimmt ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen, ich [Lenù] war ihr trotz all meiner Veränderunen immer noch unterlegen. Ich hate das Gefühl, mich nie aus diser Unterlegenehit befreien zu können, und da swar mir unerträglich.  So wie die Lila der Kindertage für Lenù ein schöpferischer Quell war, ist die Lila dieser Tage eine Belastung: …. mein Wunsch, sie möge sterben, setzte sich irgendwo in mir fest, ich verdrängte ihn, aber er verschwand nicht. In einer Stunde der Selbstreflexion sollte Lenù schließlich zu der Erkenntnis kommen, daß sie nur deshalb etwas hat werden wollen, weil ich Angst gehabt hatte, Lila könnte etwas werden und ich würde hinter ihr zurückbleiben. Mein Etwas-Werden hatt sich in ihrem Fahrwasser vollzogen. Ich musste noch einmal von vorn beginnen etwas zu werden, aber für mich, als erwachsene Frau, außerhalb von ihr.


Die Geschichte der getrennten Wege ist ebenso wie ihre beiden Vorgängerbände fesselnde Unterhaltung auf hohem Niveau. Sie verbindet die bemerkenswerten Biografien zweier Frauen, deren gegenseitige Beziehung einer starken Wandlung unterworfen ist, sie macht deutlich, daß man der eigenen Vergangenheit nicht entfliehen kann, sondern daß man sich ihr stellen muss. Da die Geschichte aus der Erinnerung Lenùs erzählt wird, erhält man in deren Entwicklung tiefere Einblicke, in den Erzählstrang sind immer wieder Passagen eingestreut, in denen die Protagonisten über ihr Leben und ihre Lebenssituation reflektiert. Gegen Ende der in diesem Band dargestellen Lebensepoche nimmt die Geschichte, die trotz der bewegten Zeitumständen, in denen sie spielt, relativ gemächlich verläuft, deutlich an Tempo zu und Ferrante als geschickte Autorin läßt sie mit einem klassischen Cliffhanger enden. Wollen wir hoffen daß Lenù, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug sitzt, keinen Absturz erlebt….

Links und Anmerkungen:

zu den Besprechungen der ersten beiden Bände hier im Blog. Dort sind auch Anmerkungen und Links angeführt:

– Meine geniale Freundin
– Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege
Erwachsenenjahre

Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Originalausgabe: Storia di chi fugge e di chi resta, Rom, 2013
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, c. 540 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

Elena Ferrantes Auftaktroman zu ihrer vierbändigen ‚Neapolitanischen Saga‘ hat letztes Jahr, so kann man wohl sagen, große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er war ein kommerzieller Erfolg, wurde auch von den meisten Kritikern hochgelobt. Andererseits kam es auch zu dem – für mich – typischen deutschen Reflex, daß nämlich, was erfolgreich ist, nicht gut sein kann, mit anderen Worten, es gab auch Stimmen, die die vom Verlag geförderte (hashtag: #ferrantefever) Hype missbilligten und die dem Roman ankreideten. Sicherlich ist es zutreffend, daß Suhrkamp das Buch gepusht hat, als kommerziellem Unternehmen kann man das dem Verlag wohl kaum vorwerfen, er wäre schlecht beraten, wenn er einen potentiellen Verkaufserfolg nicht realisieren und optimieren wollte. Mir jedenfalls hat Ferrantes Roman gut, sehr gut gefallen und ich weiß mich damit auch in guter Gesellschaft. Daß außerdem die Autorin die Öffentlichkeit scheut und ihr Pseudonym nicht lüftet, heizte die Diskussion zusätzlich an bis hin zur moralisch fragwürdigen Enttarnung im Herbst letzten Jahres, die dann auch folgerichtig von den meisten Medien und Lesern verurteilt worden ist.

ferrante-2


Jetzt also Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens, ein Roman von immerhin deutlich über 600 Druckseiten, der gerade mal sechs Jahre im Leben der beiden Heldinnen, Elena Grecco (‚Lenù‘) und Rafaella Cerrulo (‚Lila‘ bzw. ‚Lina‘) umfasst. Wobei ich hier schon einen Fehler gemacht habe, denn Lilas Nachname lautet seit dem Ende des ersten Bandes Meine geniale Freundin [1] Carracci. Sie war dort mit Stefano Carracci, dem Besitzer der Salumeria, die Ehe eingegangen und daß dieser Ehe kein glücklicher Verlauf beschieden sein sollte, wurde schon am Tag der Hochzeit deutlich.

Der vorliegende Band der Tetralogie beginnt mit einem Vertrauensbruch. 1966 vertraute Lila ihrer Freundin eine verschlossene Schachtel mit Schreibheften an, die diese nicht, so das Versprechen, das ihr abgenommen wurde, öffnen durfte. Lenù tat es trotzdem, las die Hefte und – vernichtete sie. Für uns Leser ist dieser Vertrauensbruch (der spät im Roman eine Erklärung erhält) natürlich ein Gewinn, denn ein großer Teil des Inhalts beruht auf diesen Aufzeichnungen der Freundin.

Der Inhalt des Buches ist recht schnell erzählt, er schließt nahtlos an Band 1 [1] an:

Die Schuhe, die Lila und ihr Bruder in der Schuhmacherei der Familie unter Lilas ‚Federführung‘ heimlich hergestellt haben, spielen insofern eine große Rolle in Lilas Leben, da sie am Hochzeitstag am Fuß eines der Brüder Solara, der örtlichen Camorra, auftauchen. Für Lila, die mit den Brüdern Solara auf Kriegsfuß steht, ist dies ein unverzeihlicher Vertrauensbruch ihres Mannes Stefano, dem sie die Schuhe gegeben hatte. So überrascht es nicht, daß die Hochzeitsnacht disharmonisch verlief und mit einer Vergewaltigung endete.

Stefano Carracci macht Geschäfte mit den Solaras, es werden sowohl neue Schuhläden als auch eine neue Salumeria eingerichtet. Insofern Lila sich (aus Langeweile?) an solchen Projekten beteiligt, hat sie sehr unkonventionelle Vorschläge und Ideen, Michele Solara, der ein Auge auf sie geworfen hat, verteidigt und fördert sie gegen die Ablehnung der anderen Beteiligten. Die Gestaltung der Geschäfte durch Lila sorgt für viel Gesprächsstoff, ist jedoch immer erfolgreich.

Lilas Bauch bleibt flach, die von allen im Rione (Stadtteil) erwartete Schwangerschaft will sich nicht einstellen. Man, vor allem die Frauen, unterstellt Lila, deren Leben im relativen Wohlstand ihr ermöglicht, zum Missfallen aller sehr exzentrisch und launisch aufzutreten, durch eine ihr innewohnende böse Kraft eine Schwangerschaft zu verhindern. Als sie dann doch schwanger wird, verliert sie das Kind.

„Die Signora ist noch jung, sie muss zu Kräften kommen.“ Der Arzt, zu dem man Lila gegen ihren Willen ’schleift‘, trifft den Nagel auf den Kopf, Lila ist mit ihren sechzehn Jahren schließlich weniger Frau als vielmehr noch Mädchen. Ein Aufenthalt am Meer soll sie stärken, Lenù kann sie überreden, nach Ischia zu fahren. Denn dort hält sich auch Nino auf, der heimliche Schwarm Lenùs, wovon allerdings niemand weiß…

Das Verhältnis der beiden Freundinnen ist wechselhaft, ihr Leben allzu unterschiedlich geworden. Lenù hat zwar auch Phasen, in denen sie am Sinn ihres Schulbesuchs zweifelt, nicht weiß, was das alles soll, sie wieder ins Rione eintauchen will, aber letztlich gelingt es ihr, sich wieder zu fangen. Gelegentliche Kontakte mit Menschen ausserhalb ihres Viertels machen ihr deutlich, wie sehr sie doch die intellektuelle Herausforderung lockt.

Der Aufenthalt der Mädchen (sie sind ja erst sechzehn, siebzehn Jahre alt) in Ischia sollte entscheidend werden für beide. Ja, sie treffen Nino, der mit einem Freund dort ist, und Lenù ist glücklich, wenn der angehimmelte Nino sie beachtet. Doch mehr noch beachtet dieser schließlich Lila, so lange, bis mehr Beachtung nicht mehr geht….

Die beiden setzen ihr Verhältnis nach der Rückkehr nach Neapel fort, schließlich wird Lila wieder schwanger. Das Verhältnis mit ihrem Mann wird für sie immer untragbarer, schließlich kommt es zum Bruch und sie verläßt ihn. Aber auch ihre gemeinsame Zeit mit Nino ist nur von kurzer Dauer, dann wird sie von Enzo, einem Jugendfreund, wieder nach Hause, zu Stefano gebracht, nicht jedoch ohne daß dieser schweigsame junge Mann ihr ein Versprechen gibt…

Lenù hat in der Zwischenzeit ihr Abitur gemacht, ihr wird geraten, sich an einer Hochschule in Pisa um ein Stipendium zu bewerben. Sie besteht die Aufnahmeprüfung, fängt das Studium an und als junge Frau aus einem Armenviertel Neapels ist sie eine Ausnahme dort, die auffällt: die Kleidung, das Benehmen, die Sprache… Lenù hat viel zu lernen, ihr Vorteil ist, daß sie gut auf die Menschen wirkt, ihnen sympathisch ist, daß man ihre Intelligenz (von der sie selbst nicht sonderlich überzeugt ist) schätzt und bewundert. Mit Lila besteht in dieser Zeit kaum noch Kontakt, überhaupt kommt Lenù nur zu den hohen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten ins Rione, wo sie immer mehr zur Auswärtigen wird, zur Frau aus Pisa.

In Pisa dagegen ist sie hin und wieder Opfer von Spott und Häme, bei einer solchen Gelegenheit lernt sie Pietro kennen, der sich für seine Kameraden bei ihr entschuldigt. Pietro ist nicht gerade der Draufgänger, die sich entwickelnde Beziehung bleibt lange Zeit recht platonisch und hat den Schwerpunkt auf der intellektuellen Ebene; die schlussendlich erfolgende Verlobung der beiden ist an Impulsivität und Gefühlsreichtum kaum zu unterbieten.

Die beiden jungen Frauen sind jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Während sich für Lenù mit ihrem Hochschulabschluss und dem Verlobten aus einer angesehenen Familie das Leben in all seinen Möglichkeiten zu entfalten beginnt, geht es für Lila in die andere Richtung. Gegen Ende des Buches besucht Lenù ihre Freundin auf deren miesen, dreckigen Arbeitsplatz. Lenù hat sich mit der Ausrede eingeschlichen, sie wolle zum Chef und Lila erwidert ihr: „Gut so, jetzt denken sie [die anderen Arbeiter/-innen], dass ich dem Juniorchef einen blase, und lassen mich eine Weile in Ruhe.“ – „Was soll das heißen?“ – „So läuft das eben.“ – „Hier drin?“ – „Überall. ….“


Die Geschichte eines neuen Namens, Teil 2 einer der ‚Neapolitanischen Saga‘. Ob diese Bezeichnung zutreffend ist, mögen andere entscheiden, die Übertragung des Begriffes ‚Saga‘, der ja eher auf nordische Dichtungen gemünzt ist denn auf die Lebensgeschichte zweier Frauen aus Neapel und dann auch noch nicht nur ‚einer‘, sondern ‚der‘ Saga, erscheint mir schon etwas hoch gegriffen. Sei´s drum, auch dieser Band der Tetralogie las sich – wie man bei uns in der Region etwas flappsig sagt – wie ‚geschnitten Brot‘, ein paar wenige Abende und die gut sechshundertzwanzig Seiten waren vertilgt. Und somit stand für mich die Frage am Horizont, was uns die Dichterin mir ihren Worten sagen wollte…..

In erster Linie ist er die weitgehend parallel erzählte Geschichte zweier junger Frauen, die in einem der neapolitanischen Armenviertel (‚Rione‘) geboren wurden, zusammen in die Schule gingen und deren Lebenswirklichkeit sich nach dem Ende der Grundschule aufplittete. Eine von ihnen, Lenù, wurde gefördert, ihr wurde der weitergehende Besuch von Schule und später Universität ermöglicht, dieser Bildungsweg aus dem Rione heraus war ihrer Freundin Lila versperrt, sie wurde nicht in gleicher Weise von der Lehrerin unterstützt und die Eltern, besonders der Vater, erachteten Bildung für Frauen als entbehrbar, Lila sollte lieber sehen, daß sie Geld verdient und zum Familieneinkommen beitragen.

Wenn man so will, kann man den Roman also als Beispiel dafür nehmen, daß es möglich ist, mit entsprechender Förderung und Unterstützung sowie natürlich unermüdlichem Fleiß schlechten sozialen Bedingungen zu entkommen, vulgo: in gewissem Sinn Karriere zu machen. An Lenù macht Ferrante aber auch deutlich, daß die Herkunft sich nicht einfach verleugnen läßt: die Sprache, der Dialekt, verrät die Herkunft, die Kleidung und das Schuhwerk den sozialen Status, das Benehmen die Erziehung. Einiges davon kann man sich mit viel Selbstdisziplin abgewöhnen oder abtrainieren, bei Lenù, von Natur aus zurückhaltender und schüchterner, blieben aber immer Hemmungen zurück, ihr Selbstbewusstsein litt unter ihrer Herkunft. Nur bei seltenen Gelegenheiten schildert Ferrante ihre Heldin spontan und offen, meist schweigt sie lieber, weil sie sich anderen gegenüber ‚unterlegen‘ fühlt. Diese ‚Anderen‘ agieren so, wie man in dieser Gesellschaftsschicht aufwächst und groß wird: was für diese selbstverständliches Leben ist, ist für Lenù auf das Vermeiden von Fehlern ausgerichtetes, konzentriertes Handeln.

Lila ist das Gegenteil von Lenù: sie offensiv bis hin zur Aggressivität, sie ist furchtlos, bereit, auch negative Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Sie läßt andere ihre Überlegenheit spüren, sie leidet unter der Tatsache, daß sie ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen kann, nutzt jede sich auftuende Gelegenheit, die sich ihr intellektuell bietet. Sie macht Fehler in ihrem Leben, große Fehler, sie ist nicht in der Lage, langfristig zu planen und vorauszudenken: die Hochzeit, die Affäre mit Nino…. Ereignisse, die ihr gesamtes Leben prägen sollten.

In ihrem Potential sind sich Lenù und Lila ebenbürtig, auch wenn jede die jeweils andere als offensichtlich ‚begabter‘ einschätzt. Dabei projiziert Lila ihre für sie nicht realisierbaren Möglichkeiten auf Lenù: sie fördert sie, kauft ihr Schulbücher und als sie davon erfährt, daß Lenù einen Roman veröffentlichen wird, küsst sie ihr die Hände. Stellvertretend für sie, die gescheitert ist, hat es Lenù geschafft, denn in ihrer Freundin ist immer auch Lila und ihr Wirken präsent.

Ebenbürtig, aber nicht gleich. Wie schon die Charakterisierung der beiden Figuren zeigt, sind diese eher komplementär: Und ihr Leben taucht beständig in meinem auf, in den Worten, die ich gesagt habe, und in denen häufig ihre Worte widerklingen; in jener entschlossenen Geste, die eine Nachahmung einer ihrer Gesten ist; in meinem Weniger, das als solches wegen ihres Mehr das ist; in meinem Mehr, das die Umkehrung ihres Weniger ist. … reflektiert Lenù in ihrer Pisa-Zeit. Gleichzeitig ist das Schicksal Lilas für sie immer auch Antrieb gewesen, zu lernen, sich anstrengen. Der Rione hing eine zeitlang, als sie noch zur Schule ging, wie ein Gewicht an ihr, sie wälzte Gedanken, aufzugeben, in die Geborgenheit des Bekannten zurückzukehren, die Armut, die sie kannte, den Möglichkeiten, die ihr offenstanden, vorzuziehen. Durch Lilas negatives Beispiel und durch die geistigen Freiheiten, die sie bei entsprechenden Gelegenheiten spürte, überwandt sie dieses Tief.

Wie dagegen strampelte sich Lila ab, gierig, wie eine Verhungernde, Verdurstende griff sie nach jeder Gelegenheit, sich zu beweisen. Das Schuhmodell, das sie kreierte, später die Geschäfte, die sie ausstattete, die Diskussionen mit Nino, am Ende des Romans dann kniet sie sich zusammen mit ihrem Begleiter Enzo in das Erlernen der aufkommenden Computersprachen, weil dieser sich auf diesem Gebiet weiterbildet…

Komplementär die beiden Mädchen/Frauen, zugespitzt könnte man sagen, Lila repräsentiert die ‚dunkle‘ Seite von Lenù bzw. Lenù die helle von Lila.

Interessant fand ich auch die Rolle und Funktion, die Ferrante der Sprache in ihrem Roman zuweist. Die beiden Mädchen werden im Rione groß, in dem ‚Dialekt‘ gesprochen wird. Insbesondere Lenù fällt immer dann in diesen Dialekt (ich gehe davon aus, daß damit das Neapolitanisch gemein ist [2]), wenn es um Emotionen, Gefühle geht, meist negative. So reagiert sie gegen Ende des Buches äußerst derb und vulgär auf plumpe Anmachversuche in der Straßenbahn, da man sie in ihrem Rione nicht mehr als Dazugehörige erkennt, sondern als Auswärtige behandelt. Auch an der Uni in Pisa geht sie ‚dialektisch‘ gegen Häme und Anfeindungen vor, hier wird ihre ‚Muttersprache‘ für sie ein Stigma. Das Italienische, das von den Kindern wie eine Fremdsprache gelernt werden muss, ist dagegen die Sprache der Diskussion, der intellektuellen Auseinandersetzung, die Sprache einer anderen Welt ausserhalb des Rione.

Das Neapolitanische: eine entsprechende Saga sollte das zumindest im Hintergrund ausmalen. Das habe ich vermisst, muss ich zugeben. Die Solaras beispielsweise, als Angehörige der Camorra, treten einfach nur als mehr oder weniger gewiefte Geschäftsleute auf, die ihren Vorteil suchen. Den oder die Schilderung eines mafiösen Hintergrunds unterläßt Ferrante weitestgehend, allenfalls fallen vereinzelte Andeutungen. Auch über Neapel selbst erfährt man kaum was. Ein paar Straßennamen, den Hinweis darauf, daß auch in anderen Vierteln eine möglicherweise etwas anders ausgeformte Armut herrscht – damit hat sich´s.

Einzig die Herrschaft des Mannes über die Frau, die aus Gewohnheit oder weil der Mann sich ärgert oder weil er der Frau was Gutes tun will, auch mit häuslicher Gewalt verbunden ist, sie tritt deutlich in der gesamten Geschichte auf. Die Frauen im Rione altern schnell, verlieren schnell die Form, die vielen Kinder, die Arbeit, die Not, die Sorgen, die Schläge…. Auch Lila und Lenù können sich nicht frei davon machen. Stefano, Lilas verhasster Mann, ist zwar bequem und will viel lieber seine Ruhe haben, aber auch er schlägt seine Frau grün und blau, es steht zu vermuten, daß er sich wie in der Hochzeitsnacht auch dieses ‚Recht‘ häufig mit Gewalt einfordert. Bei Lenù ist es etwas anders, da sie keinen Freund hat, hat sie etwas größere Freiheiten, aber auch sie wird angemacht und angepöbelt. Im Unterschied zu ihrer Freundin, die nicht müde wird, ihren Mann zu provozieren, ordnet Lenù sich unter: um dem angehimmelten Nino zu gefallen, versucht sie krampfhaft, sich so zu benehmen, wie sie glaubt, daß es diesem gefällt….


Wie schon der Vorläuferband Meine geniale Freundin [1] zeichnet auch diese Geschichte eines neuen Namens das Unspektakuläre aus: hier wird einfach eine Geschichte aus dem Leben erzählt, sie könnte so, genau so passiert sein, hat möglicherweise sogar reale Grundlagen, man kann als Leser die Gefühle, Irrungen und Wirrungen, der Protagonistinnen nachempfinden. Man möchte vielleicht selbst dann und wann alle Konventionen über den Haufen werfen und ausbrechen, wie es Lila im Roman vormacht, man hat unter Umständen unter Selbstzweifeln gelitten wie es Lenù ergeht. Dieses hohe Identifikationspotential fesselt beim Lesen und läßt den Roman trotz seines Umfangs gut lesbar sein.

… und doch. Und doch tauchte bei mir hin und wieder die Frage auf, ob dieses Buch wirklich so ausführlich hat sein müssen. ‚Es ist alles schon einmal gesagt worden, aber nicht von mir!‘ Jeder kennt diesen Spruch wohl, an den ich an solchen Stellen denken musste. Übertragen auf das Buch meine ich damit, daß die Autorin ein und dasselbe Grundverhalten ihrer Figuren, insbesondere trifft dies auf Lila zu, der der Hauptanteil der Handlung zukommt, immer wieder in leicht differierenden Situationen schildert. Natürlich sind beispielsweise die Wochen auf Ischia für das Leben der beiden Mädchen entscheidend. In Ferrantes Darstellung (weit über hundert Seiten widmet sie dieser Episode) liest sich dieser Aufenthalt fast wie ein taggenaues Protokoll, obwohl die Tage meist ähnlich verlaufen. Hier (aber auch an anderen Stellen) wäre eine Straffung des Textes und ein Konzentrieren auf das Wesentliche sicher möglich gewesen.

Daher fällt für mich dieser zweite Teil der ‚Saga‘ gegen den ersten ein wenig ab, das jedoch weiterhin auf einem hohem Niveau, das auch diese Geschichte eines neuen Namens einhält. Natürlich endet dieser Teil wieder mit einem Cliffhanger, schließlich ist Ferrante eine versierte Autorin und hat mit Suhrkamp einen profilierten Verlag, der auf solches geachtet haben wird: die Bände 3 und 4 sind ja noch auf den Markt, bzw. die Frau/den Mann zu bringen. Das wird sicher gelingen, das Schicksal der beiden Frauen läßt wohl niemanden unberührt, ich jedenfalls werde es weiterverfolgen.

Links und Anmerkungen:

[1] zu meiner Besprechung dieses ersten Teils: Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, hier sind auch weiterführende Links zu finden.
[2] vgl. Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Neapolitanisch

Elena Ferrante
Die Geschichte eines neuen Namens
Band 2 der Neapolitanischen Saga

übersetzt aus dem Italienischen von  Karin Krieger
Originalausgabe: Storia del nuovo cognome, Rom, 2012

diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca 624 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

%d Bloggern gefällt das: