Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

9. September 2016

Dieser Beitrag ist auch als podcast im literaturRADIObayern  anzuhören.


Die italienische Autorin Elena Ferrante ist eine Geheimnisvolle, man weiß nicht, wer sich hinter diesem Namen verbirgt [1]. Zwar gibt es plausible Spekulationen – die NZZ [5] hat darüber berichtet, aber auch der Spiegel [3] –  die aber nicht bestätigt sind. Im Ausland ist das Werk Ferrantes, auch diese Tetralogie, deren ersten Band ich heute vorstelle, schon ein großer Erfolg, ein Bestseller, in Deutschland hat jetzt Suhrkamp angefangen, endlich eine Übersetzung vorzulegen. Im Grunde ist die Identität der Autorin jedoch nebensächlich, ein Roman sollte schließlich für sich stehen und sprechen, als Vermarktungselement jedoch: mit Gold nicht aufzuwiegen [6] und es ist zu hoffen, daß die daraus resultierende  #elenaferrante-hype die Saga nicht unter sich begräbt….

Denn als ‚Saga‘ wird es beworben, vier Bände werden es am Schluss sein, dieser erste überstreicht die Zeit der Kindheit und der Jugend der beiden Hauptpersonen nach dem Krieg, die restlichen Teile des Werks ‚werden in rascher Folge im Suhrkamp Verlag veröffentlicht werden‘ – nun ja, das Feuer muss schließlich am Leben gehalten werden.


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Um was also geht es in diesem ersten Teil der Tetralogie?

Es geht (und jetzt nehme ich die dem Buch beigefügte Aufzählung der Figuren zu Hilfe) um zwei Mädchen, Elena Greco, der Tochter eines Pförtners, genannt Lenuccia oder allermeist Lenù und um ihre beste Freundin Rafaella Cerullo, von allen außer Lenù Lina genannt, ihre Freundin ruft sie jedoch Lila, sie ist die Tochter eines Schusters. Die hier erwähnte und dem Buch beigefügte Auflistung der Figuren ist übrigens sehr notwendig: die Familien sind kinderreich und ihrer sind viele, es dauert eine Weile, bis man ohne die Liste den Überblick behält….

Wir werden nach Neapel geführt, die beiden gleich alten Mädchen wurden 1944 geboren, der Inhalt des Bandes überstreicht die nächsten sechzehn Jahre, mithin die Nachkriegszeit, und endet im Frühjahr 1960 mit der Hochzeit Lilas. Wenn ich geschrieben habe: wir sind in Neapel, so ist das richtig und falsch zugleich, denn streng genommen spielt sich fast die gesamte Handlung im dem Stadtviertel (Rione) der beiden Mädchen ab, einem Viertel der armen Leute, der kleinen Handwerker und Ladenbesitzer, der schlechten Schulen, einem Viertel, in dem ‚Dialekt‘ gesprochen wird, so daß auf der Schule ‚Italienisch‘ quasi als Fremdsprache zu lernen ist. Die Umgangssprache, sie ist deftig und grob (wenn man es nett formulieren will), ansonsten könnt man auch feststellen, sie sei vulgär und obszön, die Lautstärke oft erheblich.

Für die Bewohner des Viertels ist Aggressivität normal, es wird schnell zugeschlagen, auch in der Familie, Konflikte und Meinungsverschiedenheiten durch Diskussionen auszutragen – das haben die Menschen hier nicht gelernt. Hier ist man schnell gekränkt oder gar beleidigt, braust auf, schreit aufeinander ein und geht gern und schnell zu Schlägen über. Wir wussten mit unseren fast dreizehn Jahren nichts von Institutionen, Gesetzen, Justiz. Wir wiederholten, und gegebenenfalls mit Nachdruck das, was wir seit frühester Kindheit um uns her gehört und gesehen hatten. Stellte man Gerechtigkeit denn nicht mit Prügeln her?

Es gibt auch Wohlhabende in dem Viertel, Männer, die Geld verleihen wie Don Achille und die Zinsen dafür nehmen, Männern, die einem Angebote machen, die man kaum ablehnen kann und vor denen man sich in Acht nehmen muß… [2].

Das Geschichte der beiden Mädchen wird aus der Rückschau der Jetztzeit, aus der Erinnerung also, erzählt. Lenù will festhalten, was sie über Lila weiß, damit nicht auch noch das verloren geht, denn Lila ist verschwunden, spurlos, wie sie von deren Sohn Rino erfährt. Und spurlos heißt bei Lila spurlos: in ihrer Wohnung ist nichts mehr von ihr aufzufinden, nichts mehr, was an sie erinnert. Selbst aus den Fotos hat sie ihr Gesicht herausgeschnitten… so beschließt Lenù, alles nieder zu schreiben, was sie noch von Lila weiß und wir erfahren die Geschichte der Menschen im Rione aus Lenùs Sicht, sie ist die Ich-Erzählerin des Buches.

Die beiden Mädchen lernen sich in der Grundschule kennen und freunden sich an. Intelligent sind sie beide, das zeigt sich schnell, aber Lila ist die geborene Anführerin. Sie ist frech und unerschrocken, konsequent und diszipliniert, sie scheut sich nicht, Regeln zu brechen und ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Und in ihrem Gefolge ist Lenù, die Lila in allem nachfolgt, was diese macht und vorschlägt.. Nach der Grundschule trennen sich ihre Wege, es war damals nicht üblich, daß Kinder, Mädchen zumal, mehr lernten als unbedingt notwendig. Wichtiger war es, daß ein schmaler Verdienst mehr in die Familien kam, um den Alltag etwas besser durchstehen zu können. Trotzdem schafft es Lenù, auf die Mittelschule zu gehen und später sogar, weil sich ihre Lehrerin so für sie einsetzt und auch Kosten übernimmt, auf´s Gymnasium. Lila dagegen, die in der Schule immer besser war als Lenù, wird im Haus eingespannt, bei der Mutter im Haushalt, aber auch in der Schusterwerkstatt, wo sie ihren älteren Bruder Rino animiert, seine Pläne von der eigenen Schuhherstellung zu verwirklichen: nach ihren Skizzen fertigen sie zusammen ein Musterpaar an, das den Vater, der von solchen Plänen nichts hält, vom Gegenteil überzeugen soll.

Die erste Zeit begleitet die fanatische Leserin Lila ihre Freundin noch im Lernen: bekommt Lenù Latein als Fach dazu, bringt sie sich selbst Latein bei, ebenso bei Griechisch. Sie wird eine strenge ‚Lehrerin‘ für Lenù, treffen sich die beiden Mädchen, so fragt sie ihre Freundin ab und treibt sie an, noch mehr und noch gründlicher zu lernen…. Bald ist Lenù die von den Lehrern hochgelobt beste Schülerin der Schule, während Lila in der Schusterwerkstatt arbeitet und irgendwann kaum noch Interesse zeigt an dem, was ihre Freundin auf der Schule lernt.

Langsam, aber stetig splitten sich ihre Lebenswelten auf. Noch leben beide im Viertel, sind noch nie hinausgekommen, aber für Lenù erweitert sich die Welt auf einmal: um zum Gymnasium zu kommen, muss sie das Viertel verlassen und einmal, in den Ferien, vermittelt sie die Lehrerin als Hausmädchen an eine Verwandte auf Ischia, die dort eine Pension betreibt. Dort erlebt das Mädchen die Weite des Meeres, die Sonne, sie sieht andere Menschen leben, so ganz anders leben als in ihrem Viertel. Und sie muss erfahren, daß auch jemand, der selber Bücher schreibt, deswegen noch lange kein guter Mensch sein muss…

Das Leben der beiden Mädchen erscheint in dieser Phase komplementär, ohne daß dies ursächlich zusammenhängt: geht es Lenù gut, so leidet Lila unter den Verhältnissen. Erlebt Lila eine gute Phase, so fühlt sich Lenù schlecht. Sie, die immer der Meinung war, daß ihr Lila in allen Belangen überlegen ist und die dies anerkannte, sie bekommt immer stärker das Gefühl, daß das Leben, das sie führt, eigentlich Lilas Leben sein sollte… ganz leise jedoch herrscht wohl auch eine Art Konkurrenz zwischen den beiden Mädchen bzw. jungen Frauen, wer sein Leben besser, sinnvoller gestaltet, die um den ersten Freund, die erste Liebe….

Lenù greift die Mauern, die das Viertel gegen den Rest der Welt abgrenzen, an. Normalerweise kommt niemand aus dem Viertel heraus, das Viertel ist für die allermeisten identisch mit der Welt. Nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt beispielsweise ist dies für sie dennoch fast unerreichbar: sie kennen es nicht. Die Einfallsstraße nach Neapel wird nicht überquert, einen Versuch wagen die Mädchen einmal, ganz heimlich, es wird ein Fiasko, feindlich scheint diese Aussenwelt sich gegen ihr Eindringen zu wehren…. Was sich da draußen abspielt – wen kümmert´s im Viertel?

Doch Lenù schaut über diese innere Mauer hinweg, und damit entfremdet sie sich ihren alten Freunden gegenüber. Mit wem sollte sie sich unterhalten über die Themen, mit denen sie am Gymnasium konfrontiert wird? Noch geht sie mit den Freunden an Wochenenden aus (oft enden diese Ausflüge mit Streit und Schlägereien, weil die Jungs meinen, eine Ehre sei durch irgend etwas gekränkt worden) und sie tratscht auch mit den Freundinnen, doch…

Aus dem häßlichen Entlein Lila wird in der Pubertät, die bei ihr spät eintritt, ein stolzer, ein schöner Schwan, eine junge Frau, die überall die Blicke auf sich zieht. Schon bald erscheint ein Verehrer, der um die Hand des Mädchens anhält, der Sohn eines örtlichen Camorra-Mitglieds. Lila läßt ihn zum Schrecken aller abblitzen. Bessere Chancen dagegen hat ein anderer bei ihr…. es ist ihre Art, die Grenzen zu sprengen, in dem sie mit dem jungen Mann ohne Anstandsbegleitung ausgeht, mit dem Auto Spritztouren macht… Sie nimmt den Heiratsantrag an, auch die Eltern, was sollten sie schon machen gegen Lilas starken Willen, sind einverstanden, zum Stefano dem Vater finanziell helfen und sich am Geschäft beteiligen will.

Mit der Beschreibung der Hochzeitsfeierlichkeiten im März 1960 endet dann dieser erste Teil der Tetralogie, völlig stilecht mit einem Cliffhanger…


Du bist meine geniale Freundin,
du musst die Beste von uns werden,
von den Jungen und von den Mädchen.

Meine geniale Freundin ist zweierlei. Zum einen eine wunderschön erzählte Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die langsam erwachsen werden, deren Beziehung durch Krisen geht, die Konkurrenz erfährt, die sich aber immer wieder bewährt. ‚Liebst du denn Stefano?‘ – Sie sagte ernst: ‚Sehr.‘ – ‚Mehr als deine Eltern, mehr als Rino?‘ – ‚Mehr als alle anderen, aber nicht mehr als dich.‘ bekommt Lenù als Antwort auf ihre Frage. ob sie ihren Bräutigam denn wirklich liebt… Dabei sind die beiden Mädchen vom Charakter und vom Temperament her unterschiedlich, nicht umsonst gilt Lila im Viertel als die ‚Böse‘, während Lenù die ‚Liebe‘ ist.

Parallel zu dieser Geschichte einer Seelenfreundschaft stellt Ferrante das Alltagsleben in diesem Milieu der einfachen und armen Leute dar. Es war Nachkriegszeit, es herrschte anfangs Mangel an Geld und Arbeit, eigentlich an allem Materiellem. Es dauerte ein wenig, bis sich leise Aufbruchstimmung zeigte, bis neue Geschäfte aufgemacht oder auch alte erweitert wurden. Nicht jedes Unternehmen war erfolgreich, es hing wohl auch davon ab, wie man sich mit bestimmten Leuten im Viertel stellte…. Man schaute nach vorne, ein ‚Früher‘ gab es nicht, alles, was in der Vergangenheit war, wurde ausgeblendet. So wussten die Kinder nichts vom Faschismus oder Mussolini, hörten die Mädchen diese Begriffe, mussten sie fragen, was damit gemeint war. Allenfalls wurde geflüstert oder getuschelt, daß dieser oder jener damals…. Man redete nicht darüber, was war.

Die Kindheit war früh zu Ende, spätestens mit Ende der Grundschule. Daß ein Kind noch länger auf die Schule ging, war in diesem Viertel die große Ausnahme, einen wirklichen Grund, noch mehr zu wissen, konnte niemand benennen. Lenù ahnte um die Ausnahme, die sie darstellte, es ist beeindruckend, mit welcher Disziplin Lenù bis tief in die Nacht hinein lernte, um in der Schule gute Noten zu bekommen, Lila dagegen fiel das Lernen leichter, ihr flog alles einfach zu.

Mit ihrer armseligen Kleidung, ihrem vulgären Dialekt, ihrer unverhohlenen Aggressivität waren die Menschen des Viertels ausserhalb ihres Bereichs sofort Aussenseiter, sie fielen auf, meist endeten solche Ausflüge, die als Jugendliche waren sonntags stattfanden, im Streit oder gar mit Prügeleien. Es fiel wiederum nur Lenù auf, wie entspannt doch diese ‚anderen‘ Menschen mit ihren besseren Kleidern, ihrer leiseren Sprache auf Sachen reagierten, auf die ihre Leute sofort mit Aggression antworteten, wenn z.B. ein Mädchen angeschaut oder gar angelächelt wurde. Lenù dagegen hatte diese Art des Umgangs schon damals in Ischia kennengelernt und sich wohl gefühlt dabei [4].

Jung waren die Mädchen mit ihren sechzehn Jahren und doch Erwachsene. Nicht zu vergleichen mit heutigen Mädchen dieses Alter. Auch wenn man neugierig war und heimlich schon mal testete, war Sexualität etwas für die Ehe und geheiratet wurde früh. Obwohl die Eltern besonders der Mädchen ein wachsames Auge für ihre Töchter hatten, fanden diese natürlich Mittel und Wege, sich ab und zu heimlich mit ihrem Schwarm zu treffen. Und auch hier war es Lenù, die die Grenzen des Üblichen überschritt: zu ihrem großen Erstaunen war sie mit ihrem Freund viel weiter gegangen als beispielsweise Lila mit ihrem Verlobten, obwohl diese in der Öffentlichkeit mit ihrem Verhalten keine Rücksicht auf die Meinung der Menschen nahmen.

Es ist das pralle Leben, das Ferrante schildert, das pralle Leben in einem neapolitanischen Stadtviertel, das von der Entwicklung abgehängt war. Ein Leben voller Menschen, von denen ich hier nur einen kleinen Bruchteil erwähnt habe. Es sind sympathische und unsympathische Figuren, die arroganten Solara-Brüder beispielsweise, die aus lauter Liebeskummer verrückt gewordene Melina, die Sippe der Carraccis, die den örtlichen Lebensmittelladen führen, Nino Sarratore, der Sohn des Zugschaffners und Dichters Donato Sarratore, die Lehrerin Maestra Oliviero und natürlich die Eltern und Geschwister von Lenù und Lila, die Schulkameraden/-innen und… und…und…

… das pralle Leben, das ohne Aufhebens geschildert wird und dann auf einmal überfällt einen der Text mit einer Passage, die schier den Atem nimmt, die in unheimlicher Klarheit diese oder jene Situationen oder Gegebenheit analysiert und aufdröselt. Dies können Ausführungen sein, wie alles, was ein paar Jahre früher politisch geschehen war, im Gedächtnis der Menschen ausgeblendet und verdrängt wurde, aber genauso eindringlich und präzise beschreibt Ferrante durch Lenù, was in den Mädchen vorgeht, wie diese ihre konkrete Situation sieht. Lila war dort geblieben, deutlich an diese Welt gefesselt, aus der sie das Beste herausgeholt zu haben glaubte. Und das Beste war dieser junge Mann, diese Heirat, dieses Fest, das Spiel mit den Schuhen für Rino und ihren Vater. Nichts, was mit meinem Weg eines fleißigen Schulmädchens zu tun gehabt hätte. Ich fühlte mich mutterseelenallein. … analysiert sie auf der Hochzeitsfeier und fasst mit diesen wenigen Worten Lilas Schicksal glasklar zusammen und sieht ihr eigenes Schicksal so: … begann ich mich deutlich als Fremde zu fühlen, die unter der eigenen Fremdheit litt. … ich ging seit nunmehr sechs Jahren einen Weg, über den sie überhaupt nichts wussten, den ich jedoch so hervorragend meisterte, daß ich die Beste war. …. Was ich in der Schule war, musste ich hier beiseite lassen. …

Die Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht der Erzählerin Lenù dargestellt, alles, was Lila betrifft, sind Aussagen von Lenù. Wie Lila selbst ihre Situation sieht oder gesehen hat, dieses Verbauen einer jeglichen Zukunft, in dem man ihr den weiteren Schulbesuch untersagte – wie können es ahnen, aber wir wissen, wir erfahren es nicht. Anscheinend hat sie mit der ihr eigenen Konsequenz und Gradlinigkeit irgendwann akzeptiert, daß ihr der Weg, den die Freundin geht, nicht offen steht. Eine Weile hatte sie sich noch an Lenu orientiert, indem sie für sich das lernte, was auch Lenù in der Schule lernen musste, hatte sich eingeredet, trotz aller Widerstände auf die Mittelschule gehen zu können… hat sie resigniert? Oder hat sie eher ein Substitut gesucht? Ich glaube letzteres, und dies sogar zwiefach: zum einen macht sie ihre Freundin Lenù zu ihrer ‚Stellvertreterin‘: … du musst die Beste von uns werden, von den Jungen und von den Mädchen… wird Lenù beschworen, zum anderen unterstützt Lila ihren Bruder Rino gegen den Vater, der die Pläne seines Sohnes zur Erweiterung des Schustergeschäfts vehement ablehnt. In dieses Vorhaben des Bruders setzt sie all ihre Energie und letztlich – wenn auch auf eine Art und Weise, die sicher nicht geplant war – sollte sie ihr Ziel erreichen.


So ist Meine geniale Freundin sowohl das ergreifende Portraits zweier aussergewöhnlicher Mädchen, einer ebensolchen Freundschaft und zugleich ist es ein Sittenbild (des armen, bildungsfernen) Neapels, ein Blick zurück in eine vergangene Zeit, die von der Verleugnung des ‚Früher‘ und vom Aufbruch nach vorne geprägt ist. Genau das ist die Kunst, das Große im Kleinen abzubilden. Dies alles in einer Sprache, die unspektakulär aber nicht trivial ist, die den Inhalt des Gesagten über die Form stellt, die schlicht ist und unangestrengt, die das Gefühl vermittelt, hier würde einem etwas einfach erzählt – die so ist, wie Lenù Lilas Schreibstil beschreibt: ihr Schreiben ist so lebendig wie es Sprechen ist, Lila konnte schriftlich reden. …  beim Lesen sah und hörte ich sie. … sie hatte die lebendige Ordnung, die nach meiner Vorstellung der Rede innewohnen müsste, …

Möglicherweise (Prognosen, die die Zukunft betreffen, sind ja immer etwas unsicher), möglicherweise also haben wir mit Ferrantes Tetralogie tatsächlich ein Werk vor uns, das auch unsere schnelllebige Zeit, in der die allermeisten Romane nach wenigen Monaten aus dem Gedächtnis schwinden, überdauert. Die folgenden drei Bände werden es erweisen, ob hier etwas Bleibendes geschaffen worden ist, der Anfang jedenfalls ist gemacht.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Elena Ferrante: https://de.wikipedia.org/wiki/Elena_Ferrante
[2] ob sich Ferrante an diesem Viertel hier orientiert hat, weiß ich natürlich nicht, aber die Beschreibung auf der Seite passt, denke ich, ganz gut auf dieses ‚Rione‘: http://www.neapel-stadt.de/neapel-sehenswuerdigkeiten/neapel-stadtteile/neapel-stadtteil-sanita.htm
ein zeitgenössischer Artikel im Spiegel lässt ebenfalls eine Ahnung über die Verhältnisse im Neapel dieser Zeit zu: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447616.html
[3] im Spiegel ist eine kleine Zusammenstellung dessen, was über das Werk Ferrantes aufzulisten ist: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/elena-ferrante-der-unbekannte-weltstar-a-1108307.html
[4] Die Aggressivität und Gewaltbereitschaft der einfacheren Menschen hat übrigens ja auch schon Moravia in seinen ‚Römischen Erzählungen‘ geschildert, an die ich in solchen Passagen denken musste: Alberto Moravia: Römische Erzählungen  (Besprechung hier im Blog)
[5] Die NZZ hat sich der Autorin in divesen Beiträgen zu nähern versucht:
– Franz Haas: Wer steckt hinter Elena Ferrante und ihren brillanten Romanen?
– Franz Haas: Neapel liegt nicht für alle am Meer
[6] zum Beispiel diese Sonderseite des deutschen Verlages:  http://www.elenaferrante.de
Ein Interview, das Elena Ferrante dem Spiegel via Mail gegeben hat, ist hier nachzulesen: http://www.elenaferrante.de/interview-mit-elena-ferrante-im-spiegel/?mobile=1 (kostenpflichtig)

lesenswert auch dieses Interview von Mara mit der Übersetzerin und dem Lektoren des Buches (Karin Krieger bzw. Frank Wegner): http://buzzaldrins.de/2016/09/19/elena-ferrante-auf-den-spuren-des-grosen-hypes/

Dieser Beitrag ist auch als podcast im literaturRADIObayern  anzuhören.

Elena Ferrante
Meine geniale Freundin
Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend)
Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Originalausgabe: L`amica geniale, Rom, 2011
diese Ausgabe: Suhrkamp-Verlag, HC, ca. 420 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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7 Responses to “Elena Ferrante: Meine geniale Freundin”

  1. Lena Riess Says:

    Ich bin sehr gespannt. Ist mein nächster Lesestoff, nach dem fantastischen Donald Ray Pollock. Danke für Deine ausführliche Einschätzung.

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    • flattersatz Says:

      Ich bin gespannt auf deine meinung. hin und wieder liest man ja auch, daß das buch zu unrecht zu hochgepuscht wird…

      btw: welchen pollock meinst du?

      Gefällt 1 Person

      • Lena Riess Says:

        Ja, über das Buch hört man ja ganz entgegengesetzte Urteile. Grad die Woche habe ich im „derFreitag” ein ziemlichen Verriß gelesen. In meinen jüngeren Jahren habe ich mich strikt geweigert, solch gehypten Stoffe anzufassen, aber mit dem Alter wird man gnädiger. Bin auch schon sehr gespannt, was mich da erwartet.
        Ich lese meinen ersten Pollock: Das Handwerk des Teufels. Bin total geplättet, was mir nicht zu oft passiert. So viel düstere, dabei dichte Atmosphäre findet man selten. Und ich muß die ganze Zeit an McCarthy denken. Was ein Roman.

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        • flattersatz Says:

          ich kenne von pollock das Knockemstiff, auch so ein düsteres ding….

          aber gut, daß du mich an das handwerk… erinnerst, ich hatte mir das schon mal rausgeschrieben, aber wieder vergessen…

          was die ferrante angeht: manchmal nehme ich mir als einfacher leser auch das recht heraus, einen roman einfach nur gut zu finden. und wenn ich ein buch von über 400 seiten in einem rutsch durchlese, dann hat es mir – hype hin oder her – gefallen. obwohl ich mir sicher bin, auch für diesen roman könnte ich eine besprechung schreiben, die ein negativeres bild enthielte…. im begriff ‚hype‘ steckt ja schon ein wenig auch das ‚unverdient, übertrieben’….

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      • Lena Riess Says:

        So ganz gehen: Nach 150 Seiten habe ich beschlossen, sowohl die Lektüre abzubrechen, als auch keine Besprechung zu schreiben. Ich kriege einfach überhaupt keinen Zugang zum Buch, weder über Figuren oder Handlung, noch über die Schreibe. Kann passieren. Liebe Grüße!

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