Der dritte Band der Tetralogie einer neapolitanische Saga der unter einem Pseudonym publizierenden italienischen Autorin Elena Ferrante über die beiden Freundinnen Lenù und Lila ist gegenüber der ursprünglichen Ankündigung zwar etwas verzögert, aber jetzt endlich erschienen. Da die einzelnen Bände eine fortlaufende Geschichte erzählen, ist es sinnvoll, sich noch einmal auf das bisher geschilderte Schicksal der beiden jungen Frauen zu vergegenwärtigen. Dies wird im Buch einführend in einer kurzen Gesamtschau gemacht [man kann aber natürlich auch meine Buchbesprechungen hier im Blog lesen ;-) … siehe unten unter Anmerkung]. Der zweite Band jedenfalls endet mit der Präsentation des Buches, das Lenù geschrieben hat und bei der völlig überraschend ihre geheime Liebe Nino Sarratone auftaucht und sie einem harschen Kritiker gegenüber eloquent verteidigt. Außerdem ist Lenù fest liiert mit Pietro Airota, sie wollen heiraten. Lila dagegen lebt mit ihrem Jungen in einer zölibatären Gemeinschaft mit Enzo ausserhalb des Riones, sie hatte ihren Mann verlassen und arbeitet jetzt unter ausbeuterischen und unwürdigen Bedingungen in einer Wurstfabrik: das Leben der beiden jungen Frauen hatte sich also völlig gegesnätzlich entwickelt, der Titel dieses Bandes deutet darauf hin, daß diese Trennung noch weiter gehen wird.


Wie geht es jetzt weiter? Die ersten Abschnitte des in kleine Kapitel unterteilten Buches befassen sich mit Lenús Schicksal. Sie hat ihr Buch veröffentlicht, erhält überwiegend positive, aber auch negative Kritiken. Die Begegnung mit Nino wirft sie kurzfristig aus der Bahn, sie ist sogar bereit, ihren Verlobten für eine Nacht zu betrügen, die Umstände verhindern es jedoch. Danach verschwindet Nino wieder aus ihrem Umfeld, hin und wieder liest sie Aufsätze von ihm, die sie vorbehaltlos bewundert. Ihr eigenes Buch ist erfolgreich, verkauft sich gut und wird auch in ihrer alten Heimat, im Rione, gelesen, es gilt allgemein als Skandalbuch wegen der enthaltenen ‚gewagten‘ Szenen, in den Lenù das aus einer Verzweiflung ihrer Protagonisten heraus motivierte Eingehen auf das aufdringlichen Werbens eines älteren Mannes schildert und sie so das eigene Erleben verarbeitet. ‚Schmutzig‘ ist ein Wort, das sie des öfteren hört, einige Frauen des Rione, von denen sie angesprochen wird, erkennen sich bzw. ihre Position als Opfer darin wieder.

Parallel zu den Lesungen und Präsentationen läuft das private Leben: Pietro kommt nach Neapel, um bei den Eltern ganz formell um ihre Hand anzuhalten. Wider Erwarten verstehen sich die Familie Greco und der frisch nach Florenz berufene Professor und Schwiegersohn in spe gut, selbst Lenùs Mutter taut im Lauf der Tage auf.

Eingebettet ist all dies in die große politische Unruhe, die gegen Ende der 60er Jahre ganz Europa erfasst: die jungen Leute, die Studenten revoltieren, gehen auf die Straße, wollen gesellschaftliche Veränderungen. Und wie es ihre Art ist, stürzt sich Lenù , als sie merkt, daß sie von diesen Vorgängen, von den politischen Hintergründen etc pp, keine Ahnung hat, verbissen ins Lernen: sie will mitreden können, sucht Anerkennung auch in diesen aufbegehrenden studentischen Kreisen.

Mit der revolutionären Stimmung auf ganz andere Weise macht Lila ihre Bekanntschaft. Sie reibt sich bis zur Erschöpfung zwischen der Versorgung ihres Sohnes, der Erledigung des Haushalts und der anstrengenden und entwürdigenden Arbeit in der Fabrik auf. Hier sind Frauen nicht nur Arbeitskräfte, sondern haben ebenso als willfährige Objekte sexueller Anzüglichkeiten bis hin zu erduldenden Handlungen zu dienen. Lila läßt sich dies nicht gefallen, sie setzt sich robust zur Wehr, auch gegenüber ihrem Chef.

Als sie in ‚revolutionären Kreisen‘ (alte Bekannte u.a. aus dem Rione, haben sich den Kommunisten angeschlossen) davon erzählt, verarbeiten diese ihre Geschichte zu einem Flugblatt. Die Ereignisse in der Fabrik überschlagen sich daraufhin und Lila bricht körperlich ausgelaugt zusammen, ein Arzt diagnostiziert einen Herzfehler. Lila ruft Lenù zu Hilfe, die über ihre Schwiegereltern Hilfe für Lila organisieren kann. abgesehen von den Ärzten, zu denen sie mit ihrer Freundin geht, ist es die Frage, ob diese Hilfe tatsächlich hilft. Michel Solara ist mittlerweile der Mann, der die wirkliche Macht in Händen hält und die Kluft zwischen der arbeitenden Klasse, die letztlich auch die Konsequenzen allen ‚revolutionären‘ Handelns zu tragen hat und denen, die guten Willens sind und mit ihrem Geld, ihren Beziehungen und im ‚revolutionären‘ Eifer helfen wollen, erweist sich als nicht überbrückbar.

Die Hochzeit von Lenù und Pietro ist einfach gehalten, wenngleich nicht ohne eine kleine familiäre Missstimmung. Lenù wird nach der Hochzeit sofort schwanger und so wie ihre Schwangerschaft problemlos verlief, so schwierig wird es nach der Geburt des Mädchens Adele, das sie ‚Dede‘ nennen: es ist ein Schreikind, das schlecht schläft und das Stillen verweigert. Bald ist die Mutter ausgelaugt, an die Arbeit am neuen Buch ist nicht zu denken, die Ehe zeigt bald Dissonanzen. Eine böse Prophezeiung Lilas über die Ehe scheint sich zu erfüllen.

Lenù ist einsam in Florenz, nötigt ihren Mann, der berufliche Probleme hat, Einladungen auszusprechen, bei denen sie heftig und wahllos flirtet, ohne allerdings die letzte Grenze zu überschreiten. Als sie dann doch endlich ein Manuskript für ein zweites Buch beendet hat, wird dies gnadenlos ehrlich von der Schwiegermutter, aber auch von Lila, der sie es zu lesen gab, verrissen – eine Bruchlandung auf dem Boden der Realität, verbunden mit einer Identitätskrise sind die Folge davon und der (zeitweiligen) Akzeptanz ihres Lebens – ein zweites Kind ist die Folge, wieder ein Mädchen, Elsa.

Der Kontakt zu Lila besteht fast nur noch aus Telefonaten, in denen beide Konfliktträchtiges vermeiden. Für Lila hat sich das Leben zwischenzeitlich grundlegend verändert, das anfangs ein wenig belächelte Erarbeiten von computertechnischen Grundlagen zahlt sich für beide aus, für Enzo und für Lila: sie bekommen beide gutdotierte Stellungen. Für Lila wird es sogar noch lukrativer: Michele Solara ködert sie mit viel, viel Geld, weit mehr als Enzo in seiner Position verdient. Lila nimmt das Angebot an, erzählt dies Lenù und auf deren Empörung verweist Lila nur auf Elisa, die Schwester Lenùs. Denn diese ist, was Lenù nicht weiß, fest mit Micheles Bruder, dem anderen Solara, liiert, was bedeutet, daß die verhassten Solara-Brüder – Pietro bezeichnet sie nach dem Kennenlernen als zwei Gauner, zwei Schlitzohren, zwei scheißfreundliche Kriminelle – Verwandtschaft werden…

Ein Märztag des Jahres 1976 sollte das Schicksal Lenùs dann völlig über den Haufen werfen. Ihr Mann, Pietro, bringt einen universitären Kollegen, mit dem er sich sehr gut versteht, überraschend zum Essen mit nach Hause. Als Lenù die zwei durch die Tür treten sieht, kann sie gerade noch den Schein wahren, aber der Anblick von Nino in ihrer Wohnung, an ihrem Tisch, ihr Essen essend, mit ihren Kindern spielend, charmant und attraktiv, intelligent und aufmerksam, ein Nino, der sie ernst nimmt, bringt alles in ihr in einen gefährlichen Aufruhr, läßt alle Systeme in den roten Bereich rasen…


Der dritte Band dieser Geschichte zweier junger Frauen überstreicht knapp ein Jahrzehnt, am Ende des zweiten Bandes waren sie dreiundzwanzig, am Ende dieses Buches, 1976, sind sie zweiunddreißig Jahre alt. Es sind für Italien unruhige Zeiten, wie an vielen Stellen Orten Europas setzen auch hier 1986 Unruhen unter den Studenten ein, die gegen die veralteten Studienbedingungen (‚Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren‘) protestierten, ein Protest, der schnell auf allgemein gesellschaftliche Zustände übergriff. Was Italien angeht, sind uns wahrscheinlich die ‚Roten Brigaden‘ (Brigate Rosse, BR) eine bekannte Gruppierung, auf deren Konto viele Anschläge, Entführungen und Morde gehen.

Der gesellschaftliche Umbruch, der dadurch in Gang gesetzt wurde, bildet den Hintergrund der Geschichte der getrennten Wege. Sowohl Lila aus auch Lenù sind in ihrem jeweiligen Umfeld involviert, Lenù auf der eher intellektuellen Ebene, die sich später dann auf eine feministische Fragestellung konzentrieren sollte, Lila dagegen ganz konkret mit Aktionen in ihrer Firma. Wie gesamtgesellschaftlich werden auch im Rione die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppierungen (Faschisten vs. Revolutionären) immer radikaler, bis hin zu brutalsten Überfällen und Morden. Lenù dagegen nimmt an der ein oder anderen Demonstration teil, vielleicht steht sie auch nur am Rand, um zu schauen, später dann bekommt sie über ihre Schwägerin Kontakt zu Frauengruppen, in denen das Selbstverständnis des Frauseins diskutiert wird. Nicht unwichtig für das Leben Lenùs ist ferner, dass es die Möglichkeit einer Scheidung im italienischen Familienrecht erstmals im Dezember des Jahres 1970 festgeschrieben wurde, sie also nicht, wie ihre Freundin Lila, bei einer Trennung von ihrem Mann weiterhin verheiratet bleiben müsse.

Diese Diskussionen um die Stellung und das Wesen der Frau kontrastiert diametral mir ihrer Lebenssituation. Sie, die Intellektuelle, die ein erfolgreiches Buch geschrieben hat, ist durch ihre Ehe in die allbekannte Falle geraten und auf die Rolle der unbezahlten Putzfrau, Kinderfrau, Köchin und Sexpartnerin reduziert worden, ohne daß die Ehe ihr dafür einen adäquaten Ersatz gegeben hätte. In der Summe sind diese Funktionen sogar so zeit- und kraftraubend, daß für andere Tätigkeiten kaum noch Energie bleibt. Hat sie dafür seit früher Kindheit unter vielen Entbehrungen mit bewundernswerter (?) Selbstdisziplinierungen gegen viele Schwierigkeiten so viel gelernt? Komm, gehen wir ficken: die neue Freiheit, die sich jungen Frauen eröffnet, weckt Neidgefühle, verdeutlicht ihr, wieviel Wünsche und Gefühle sie in ihrem bisherigen Leben unterdrückt hat.

Und noch ein weiteres wird Lenù bewusst: daß sie die ganze Zeit versucht hat, mit männlichen Methoden zu arbeiten, wie Männer zu denken, zu diskutieren, zu argumentieren: Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass ich vor allem besser verstehen musste, wer ich war. Meine weibliche Natur erforschen. Ich hatte es übertrieben, hatte mich gezwungen, mir männliche Fähigkeiten anzueignen. Ich glaubte alles wissen zu müssen..… Nie, so ihr Resümee, war sie sie selbst, immer hat sie sich starker Selbstkontrolle und -verleugnung unterworfen. .. So erscheint sie jetzt, nachdem ihr das bewusst wird, unsicher, zweifelnd über ihre Rolle, ihren Standort; sie reagiert häufig gereizt und überzogen, fühlt sich von ihrem Mann geringgeschätzt und nicht als gleichwertig akzeptiert. Man könnte festhalten, daß sie am Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts von der Lebensmittelkrise erfasst worden ist, die einen großen Teil der bisherigen Sicherheiten erschüttert.

Sie ist mir lieber als du. Ihr seid zwei Stück Scheisse, das ist nicht zu ändern, zweimal Abschaum aus dem Lumpenproletariat. Aber du spielst die Nette, Lina nicht.
[Nadia zu Lenù]

Von besonderem Interesse ist außer diesen eher nach/von außen wirkenden Ereignissen und Vorgängen das Innenverhältnis der beiden jungen Frauen Lila und Lenù. Beider Leben entwickelt sich völlig unterschiedlich, dies ist, denke ich, schon zur Genüge deutlich geworden. Trotzdem haben beide ihre Herkunft nicht abschütteln können: Lila ist dem Rione auf eine ganz elementare Weise verbunden geblieben, durch die Sprache, durch ihre Aggressivität, ihre Skrupellosigkeit, ihre Härte und natürlich zuvörderst durch die Tatsache, daß sie wieder zurückgezogen ist in das Viertel ihrer Kindheit. Sie war und ist Teil des Riones, schon eingangs des ersten Bandes hatten wir ja erfahren, daß sie Neapel nie verlassen hat. In einer Passage des Textes läßt Ferrante Lina (die ja zwischenzeitlich in ein anderes Viertel der Stadt gezogen war) zu der Erkenntnis kommen, daß es möglicherweise besser gewesen wäre, zu bleiben, wo sie hingehörte, nicht die Sünde des Hochmuts [zu] begehen, den Kopf [zu] beruhigen. Eine Ansicht, die natürlich ebenso hinsichtlich Lenù interessant ist, die ihr alte Heimat ja noch viel konsequenter zu verlassen versucht hat.

Bei Lenù dagegen ist die Verbindung subtiler: ihr Bestreben ist es, dem Rione zu entkommen, das Rione definiert in diesem Sinne all, was sie nicht (mehr) will, all das, was sie erreichen muss, um es hinter sich zu lassen: Sprache, Kleidung, Benehmen etc pp. Selbst ihre Ehe mit dem für die Familie Airota etwas atypischen Pietro kann unter diesem Aspekt betrachtet werden (zumindest realistischer als unter dem Aspekt himmelhochjauchzend entflammter Liebe): sie bedeutete die Aufnahme in diese fortschrittlich gesinnte, hoch angesehene Familie von Intellektuellen und festigte damit ihren eigenen, neuen Status. Das alte Viertel, die Herkunft, wird dadurch zu einer Art negativer Messlatte, an der bestimmt werden kann, wie weit sie sich gelöst hat. Jedoch unterliegt sie dem allgemeinen Phänomen, daß all die Fähigkeiten der neuen Gesellschaftsschicht, in die sie eintritt, eintreten will, von ihr gelernt werden müssen, im Gegensatz zu denen, die mit den dort geforderten Umgangsformen und Fähigkeiten groß werden und sie sozusagen mit der Muttermilch aufnehmen. Folge ist Unsicherheit, das Bestreben, sich eröffnende Lücken sofort durch Lernen und Aufnahme von entsprechenden Informationen zu schließen. Sie anfällig für Lob, Kritik stürzt sie in große Zweifel, kurz Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind schwach entwickelt. Dazu kommt, daß in Situationen extremer (negativer) Gefühlswallungen das Rione immer wieder aus ihr herausbricht: sie verfällt unwillkürlich in den Dialekt, bedient sich der Vulgarität der Sprache.

Vollends zeigt sich die lebenslange Bindung an das Rione, als sie, die ganz offensichtlich – wie sich in der entsprechenden Episode des Buches ebenfalls erweist- nur sporadischen und oberflächlichen Kontakt zur dort lebenden Familie hat, erfährt, daß ihre Schwester ausgerechnet mit dem Feind aus Kindertagen liiert ist, sie damit zur Schwägerin eines der beiden örtlichen Verbrecherbosse werden wird….

Lenù und Lila, die alten Freundinnen und Vertrauten aus Kindertagen, sie sind sich fremd geworden und doch verbunden geblieben, es ist eine Art komplementäre Beziehung, die zwischen ihnen herrscht. In Lenù verwirklicht sich für Lila das, was sie selbst nicht erreichen konnte: Bildung, sozialer Status und gesellschaftliches Ansehen: …ich erwarte Großes von dir, … ich will, dass du es besser machst, … denn wer bin ich, wenn du nicht gut bist, wer bin ich dann? Lila dagegen, die alte Lila, wird von Lenù schmerzlich vermisst: sie war der Quell ihrer Kreativität, an und mit ihr wuchs sie, entwickelte Phantasie und Ideen. Mach dir keine Sorgen, sag mir immer, was du denkst, nur so hilfst du mir, hast du mir von klein auf geholfen, ohne dich kann ich nichts… lautet die Entgegnung und Beruhungig Lenùs auf Lilas Ausruf. Meine geniale Freundin, dieser Titel des ersten Teil der Tetralogie ist in jede Richtung interpretierbar.

Als wir klein waren,
haben wir einen Pakt geschlossen.
Die Böse bin ich.
[Lila über Lenù und sich]

Für Lenù stellt Lila auch so etwas wie ein Symbol und ein Kristallisationspunkt der dunklen Seite des eigenen Ichs dar. Lila verkörpert das, was sie selbst nicht ist: selbstsicher bis zur Arroganz, selbstbestimmt ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen, ich [Lenù] war ihr trotz all meiner Veränderunen immer noch unterlegen. Ich hate das Gefühl, mich nie aus diser Unterlegenehit befreien zu können, und da swar mir unerträglich.  So wie die Lila der Kindertage für Lenù ein schöpferischer Quell war, ist die Lila dieser Tage eine Belastung: …. mein Wunsch, sie möge sterben, setzte sich irgendwo in mir fest, ich verdrängte ihn, aber er verschwand nicht. In einer Stunde der Selbstreflexion sollte Lenù schließlich zu der Erkenntnis kommen, daß sie nur deshalb etwas hat werden wollen, weil ich Angst gehabt hatte, Lila könnte etwas werden und ich würde hinter ihr zurückbleiben. Mein Etwas-Werden hatt sich in ihrem Fahrwasser vollzogen. Ich musste noch einmal von vorn beginnen etwas zu werden, aber für mich, als erwachsene Frau, außerhalb von ihr.


Die Geschichte der getrennten Wege ist ebenso wie ihre beiden Vorgängerbände fesselnde Unterhaltung auf hohem Niveau. Sie verbindet die bemerkenswerten Biografien zweier Frauen, deren gegenseitige Beziehung einer starken Wandlung unterworfen ist, sie macht deutlich, daß man der eigenen Vergangenheit nicht entfliehen kann, sondern daß man sich ihr stellen muss. Da die Geschichte aus der Erinnerung Lenùs erzählt wird, erhält man in deren Entwicklung tiefere Einblicke, in den Erzählstrang sind immer wieder Passagen eingestreut, in denen die Protagonisten über ihr Leben und ihre Lebenssituation reflektiert. Gegen Ende der in diesem Band dargestellen Lebensepoche nimmt die Geschichte, die trotz der bewegten Zeitumständen, in denen sie spielt, relativ gemächlich verläuft, deutlich an Tempo zu und Ferrante als geschickte Autorin läßt sie mit einem klassischen Cliffhanger enden. Wollen wir hoffen daß Lenù, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug sitzt, keinen Absturz erlebt….

Links und Anmerkungen:

zu den Besprechungen der ersten beiden Bände hier im Blog. Dort sind auch Anmerkungen und Links angeführt:

– Meine geniale Freundin
– Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege
Erwachsenenjahre

Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Originalausgabe: Storia di chi fugge e di chi resta, Rom, 2013
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, c. 540 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Der Tod so kalt ist ein Krimi, ein Thriller. Nun bin ich nicht der typische Krimifreund, deswegen muss es schon einen Grund haben, daß ich mir diesen Roman vor die Nase geklemmt habe. Bletterbachschlucht heißt dieser Grund, denn dort spielt der Roman bzw. es geht um Ereignisse, eine Katastophe, die dort einst stattfand. Die Bletterbachschlucht [1] kenne ich nämlich, gerade um die Jahre, in der dort dieses ‚Massaker‘ stattfand, war ich dort, bin auf noch nicht ausgewiesenen Wegen, ohne die Prospekte eines noch nicht existierenden Besucherzentrums und natürlich auch ohne Schutzhelm dort herumgekraxelt. Schön war´s und tierisch interessant!

D’Andrea hat die Haupthandlung seines Romans also genau verortet und nennt Namen von realen Ortschaften in der Nähe: Bozen oder Deutschnofen beispielsweise oder Aldein. Das Dorf, in dem er seine Hauptfiguren ansiedert, Siebenhoch, dagegen ist fiktiv. Aber damit bin ich ja schon mittendrin in der Buchvorstellung….

salinger


Hauptperson des Romans ist ein gewisser Jeremiah Salinger (nicht verwandt oder verschwägert), ein junger Amerikaner mit deutschen Wurzeln. In der Vorgeschichte zum eigentlichen Thema wird erzählt, wie er als Filmstudent zusammen mit einem Kollegen bei der Band ‚Kiss‘ jobbt und die Idee entwickelt, über die Roadies dieser Band eine Dokumentation zu drehen. Das wird ein Riesenerfolg für die beiden und auf einer der Filmvorführungen lernt er eine Austauschstudentin kennen, Annelise Mair, die aus diesem kleinen, putzigen Flecken Erde kommt, aus dem deutschsprachigen Südtirol. Man lernt sich näher kennen, sich lieben, man heiratet, Carla wird geboren und zu dritt fährt man mit der mittlerweile fünfjährigen Tochter (wir schreiben das Jahr 2013) nach Südtirol in das Heimatdorf von Annelise, nach Siebenhoch.

Annelieses Vater, Werner Mair, ist Witwer, die beiden Männer verstehen sich gut, auch der Selbstgebrannte schmeckt ihnen hervorragend. Werner erzählt Jeremiah (er ist einer der wenigen, die Salinger beim Vornamen nennen) von früher. Unter anderem davon, daß er Mitbegründer der Bergrettung in den Dolomiten ist, er erzählt aus deren Anfängen und weckt das Interesse Salingers. Und folgerichtig fliegt Salinger dann mit der Bergrettung mit, weil ihm die Idee zu einem neuen Filmprojekt gekommen ist [2]. Bei einem dieser Flüge zu einem Gletscher passiert ein schlimmes Unglück. Es ist schwierig, Schuld oder Verantwortung zu benennen, der Überlebende, dies ist Salinger, fühlt sich jedenfalls schon allein deswegen schuldig, weil er überlebt hat…

Es wird eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bei ihm diagnostiziert, aber nicht wirklich behandelt. Außer ein paar Tabletten, die er nicht nimmt, passiert nichts. Salinger wird von schlimmen Alpträumen gequält, er hört die ‚Bestie‘, wie er den Gletscher für sich nennt, in sich zischen und rufen… Nicht schön. Einzig Clara, der fünfjährige Sonnenschein muntert ihn in dieser Phase auf. Manchmal rafft er sich auf, so fährt er mit ihr eines Tages in besagte Bletterbachschlucht. Dort hört er durch Zufall von dem sogenannten ‚Massaker‘, bei dem am 28. April 1985 drei junge Menschen während eines tagelangen Unwetters in der Schlucht grausam ermordet und verstümmelt worden waren. Der Täter wurde nie gefunden.

Womit wir beim eigentlichen Thema des Romans wären, zu dem ich aber nicht allzuviel sagen, sprich verraten werde.

Salinger jedenfalls hat ein Thema gefunden, das ihn bald besetzt. Zumal er erfährt, daß sein Schwiegervater damals zu den Männern gehört hat, die die Leichen entdeckt hatten. Salinger recherchiert, er fragt sich durch, er macht sich damit aber keine Freunde, zumal viele Dörfler ihm Schuld am Unglück gibt, das er als einziger überlebte, und so muss mehr als einmal Prügel einstecken. Soviel ist auf jeden Fall bald klar: das Massaker hat mehr Opfer gekostet als nur die drei jungen Menschen in der Schlucht. Und es ist immer noch nicht aus, denn bald steht Salingers Ehe auf dem Spiel: die Bessenheit, mit der dieser jedes Versprechen aufzuhören, das er seiner Frau gibt, bricht und dem Geschehen nachspürt, kann diese kaum noch ertragen.

Doch obwohl man keineswegs erfreut ist, daß da ein Fremder seine Nase in diese Angelegenheit steckt, will (muss?) doch der/die eine oder andere sich etwas von der Seele reden.. so nach und nach ergibt sich ein Bild des Geschehens für Salinger, aber immer noch keine Antwort auf die Frage nach dem Täter.

Diese hebt sich der Autor bis zum Schluss auf: in einer Situation, die in etwa der des seinerzeitigen Massakers ähnelt (Ort und Wetter gleichen sich), entlarvt Salinger den Mörder endgültig…

…aber zuvor hatte er noch ein Geheimnis entdeckt, das sehr, sehr nahe an ihn und sein Leben greift.


Für den Autoren, Luca D’Andrea ist Der Tod so kalt so etwas wie ein Heimatkrimi. Bozen/Bolzano, die Stadt, aus der er stammt, liegt inmitten Südtirols, zwar im Tal der Eisack, aber dies ist nur wenige Kilometer von dem Ort der Handlung entfernt. Und so traditionell wie die Bevölkerung in den Bergen, zumindest nach aussen hin, auch ist, so traditionell ist auch die Handlung dieses Romans.

Der Bergler an sich ist eigen, in der Menge halten sie zusammen. Er ist hart aber ehrlich, Fremden gegenüber ist er misstrauisch. Die Oberfläche jedoch kann täuschen, unten drunter, in der Tiefe seiner Seele, können Untiefen lauern, vllt sogar das Böse an sich? Um es noch etwas rätselhafter zu machen, wird ein Tatverdächtiger in die Geschichte eingeführt, der sage und schreibe so um die 250 Millionen Jahr alt ist.. oder wäre, wenn es ihn tatsächlich gibt oder gäbe…. hier schrammt die Geschichte an der Fantasy vorbei (was etwas arg gekünstelt wirkt), um letztlich dann doch auf einem ganz konventionellen Hintergrund menschlicher Leidenschaften zu beruhen.

Ja, der Salinger mit seiner (unbehandelten) PTBS, den es interessiert dies halt, weil er selbst so seine Probleme hat, von denen diese Geschichte ablenkt, möglicherweise auch fühlt er eine Parallelität oder Analogie zu seinem eigenen Schicksal. Vielleicht ist es aber auch einfach nur beruflicher Ehrgeiz: Ich will nur wissen, ob ich`s noch draufhabe. Ob ich noch eine richtige Geschichte erzählen kann. Dafür setzt er dann schon mal seine Familie und auch sein Eheglück auf´s Spiel….

So ist Der Tod so kalt die Geschichte eines Mannes, der sich ohne Rücksicht auf Verluste in eine selbstgestellte Aufgabe verbeisst und dafür bereit ist, alles auf´s Spiel zu setzen. Es ist aber auch die Geschichte eines Menschen, der sich in diese Aufgabe flüchtet, um inneren Dämonen zu entgehen, es ist die Geschichte eines Mannes, den man mit seiner schweren Traumatisierung allein läßt.


Die ganze Geschichte ist durchaus flott erzählt, viele Dialoge, szenische Passagen, kurze Kapitel mit wechselnden Schauplätzen: es liest sich schnell und ohne große Mühen. Dabei liebt es D’Andrea, seiner Hauptperson häufig das letzte Wort zu überlassen, mit dem das vorher Gesagte kommentiert, häufig sogar konterkariert wird. Ein Beispiel: Salinger ist neugierig und durchsucht das Haus nach Weihnachtsgeschenken. Es ist nicht schön, so schreibt er selbstkritisch, wie ein Trüffelhund durchs Haus zu schnüffeln und in den Schubladen herumzuwühlen. – Nein, das tut man nicht. So hebt er dann nochmals unötigerweise den moralischen Zeigefinger. Das ist als Stilelement hin und wider ganz nett, aber zu oft eingesetzt ermüdet es.

Insgesamt war mir der Schreibstil zu plakativ, zu sehr auf Effekt getrimmt, die Figuren wieder zu sehr Schema F. Und der 250 Millionen Jahre alte Verdächtige, der immer wieder ins Spiel gebracht wird dann doch etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen, als daß man es ernst nehmen könnte. So bin ich nicht übermäßig begeistert von diesem Roman, wer jedoch einfach ein paar Stunden ohne großes Grübeln in eine Geschichte versinken will, dem mag Der Tod ist kalt möglicherweise besser zusagen als mir.

ach ja … dann ist da noch der geniale, weil frühreife Staatsanwalt. Der, um die vierzig (S. 155) schon 1985 (S. 157) die Uni verließ. Wir erinnern uns, der Roman spielt um die Jahreswende 2013/14, ….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zur Bletterbachschlucht: http://www.bletterbach.info
[2] Autorenseite bei Random House:  https://www.randomhouse.de/Autor/Luca-DAndrea/p609810.rhd
[3] der Autor hat eine solche Dokumentation für das italienische Fernsehen gedreht

Luca D’Andrea
Der Tod so kalt
Übersetzt aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Originaltitel:  La sostanza del male, Turin, 2016
diese Ausgabe: DVA, Softcover, ca. 480 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Elena Ferrantes Auftaktroman zu ihrer vierbändigen ‚Neapolitanischen Saga‘ hat letztes Jahr, so kann man wohl sagen, große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er war ein kommerzieller Erfolg, wurde auch von den meisten Kritikern hochgelobt. Andererseits kam es auch zu dem – für mich – typischen deutschen Reflex, daß nämlich, was erfolgreich ist, nicht gut sein kann, mit anderen Worten, es gab auch Stimmen, die die vom Verlag geförderte (hashtag: #ferrantefever) Hype missbilligten und die dem Roman ankreideten. Sicherlich ist es zutreffend, daß Suhrkamp das Buch gepusht hat, als kommerziellem Unternehmen kann man das dem Verlag wohl kaum vorwerfen, er wäre schlecht beraten, wenn er einen potentiellen Verkaufserfolg nicht realisieren und optimieren wollte. Mir jedenfalls hat Ferrantes Roman gut, sehr gut gefallen und ich weiß mich damit auch in guter Gesellschaft. Daß außerdem die Autorin die Öffentlichkeit scheut und ihr Pseudonym nicht lüftet, heizte die Diskussion zusätzlich an bis hin zur moralisch fragwürdigen Enttarnung im Herbst letzten Jahres, die dann auch folgerichtig von den meisten Medien und Lesern verurteilt worden ist.

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Jetzt also Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens, ein Roman von immerhin deutlich über 600 Druckseiten, der gerade mal sechs Jahre im Leben der beiden Heldinnen, Elena Grecco (‚Lenù‘) und Rafaella Cerrulo (‚Lila‘ bzw. ‚Lina‘) umfasst. Wobei ich hier schon einen Fehler gemacht habe, denn Lilas Nachname lautet seit dem Ende des ersten Bandes Meine geniale Freundin [1] Carracci. Sie war dort mit Stefano Carracci, dem Besitzer der Salumeria, die Ehe eingegangen und daß dieser Ehe kein glücklicher Verlauf beschieden sein sollte, wurde schon am Tag der Hochzeit deutlich.

Der vorliegende Band der Tetralogie beginnt mit einem Vertrauensbruch. 1966 vertraute Lila ihrer Freundin eine verschlossene Schachtel mit Schreibheften an, die diese nicht, so das Versprechen, das ihr abgenommen wurde, öffnen durfte. Lenù tat es trotzdem, las die Hefte und – vernichtete sie. Für uns Leser ist dieser Vertrauensbruch (der spät im Roman eine Erklärung erhält) natürlich ein Gewinn, denn ein großer Teil des Inhalts beruht auf diesen Aufzeichnungen der Freundin.

Der Inhalt des Buches ist recht schnell erzählt, er schließt nahtlos an Band 1 [1] an:

Die Schuhe, die Lila und ihr Bruder in der Schuhmacherei der Familie unter Lilas ‚Federführung‘ heimlich hergestellt haben, spielen insofern eine große Rolle in Lilas Leben, da sie am Hochzeitstag am Fuß eines der Brüder Solara, der örtlichen Camorra, auftauchen. Für Lila, die mit den Brüdern Solara auf Kriegsfuß steht, ist dies ein unverzeihlicher Vertrauensbruch ihres Mannes Stefano, dem sie die Schuhe gegeben hatte. So überrascht es nicht, daß die Hochzeitsnacht disharmonisch verlief und mit einer Vergewaltigung endete.

Stefano Carracci macht Geschäfte mit den Solaras, es werden sowohl neue Schuhläden als auch eine neue Salumeria eingerichtet. Insofern Lila sich (aus Langeweile?) an solchen Projekten beteiligt, hat sie sehr unkonventionelle Vorschläge und Ideen, Michele Solara, der ein Auge auf sie geworfen hat, verteidigt und fördert sie gegen die Ablehnung der anderen Beteiligten. Die Gestaltung der Geschäfte durch Lila sorgt für viel Gesprächsstoff, ist jedoch immer erfolgreich.

Lilas Bauch bleibt flach, die von allen im Rione (Stadtteil) erwartete Schwangerschaft will sich nicht einstellen. Man, vor allem die Frauen, unterstellt Lila, deren Leben im relativen Wohlstand ihr ermöglicht, zum Missfallen aller sehr exzentrisch und launisch aufzutreten, durch eine ihr innewohnende böse Kraft eine Schwangerschaft zu verhindern. Als sie dann doch schwanger wird, verliert sie das Kind.

„Die Signora ist noch jung, sie muss zu Kräften kommen.“ Der Arzt, zu dem man Lila gegen ihren Willen ’schleift‘, trifft den Nagel auf den Kopf, Lila ist mit ihren sechzehn Jahren schließlich weniger Frau als vielmehr noch Mädchen. Ein Aufenthalt am Meer soll sie stärken, Lenù kann sie überreden, nach Ischia zu fahren. Denn dort hält sich auch Nino auf, der heimliche Schwarm Lenùs, wovon allerdings niemand weiß…

Das Verhältnis der beiden Freundinnen ist wechselhaft, ihr Leben allzu unterschiedlich geworden. Lenù hat zwar auch Phasen, in denen sie am Sinn ihres Schulbesuchs zweifelt, nicht weiß, was das alles soll, sie wieder ins Rione eintauchen will, aber letztlich gelingt es ihr, sich wieder zu fangen. Gelegentliche Kontakte mit Menschen ausserhalb ihres Viertels machen ihr deutlich, wie sehr sie doch die intellektuelle Herausforderung lockt.

Der Aufenthalt der Mädchen (sie sind ja erst sechzehn, siebzehn Jahre alt) in Ischia sollte entscheidend werden für beide. Ja, sie treffen Nino, der mit einem Freund dort ist, und Lenù ist glücklich, wenn der angehimmelte Nino sie beachtet. Doch mehr noch beachtet dieser schließlich Lila, so lange, bis mehr Beachtung nicht mehr geht….

Die beiden setzen ihr Verhältnis nach der Rückkehr nach Neapel fort, schließlich wird Lila wieder schwanger. Das Verhältnis mit ihrem Mann wird für sie immer untragbarer, schließlich kommt es zum Bruch und sie verläßt ihn. Aber auch ihre gemeinsame Zeit mit Nino ist nur von kurzer Dauer, dann wird sie von Enzo, einem Jugendfreund, wieder nach Hause, zu Stefano gebracht, nicht jedoch ohne daß dieser schweigsame junge Mann ihr ein Versprechen gibt…

Lenù hat in der Zwischenzeit ihr Abitur gemacht, ihr wird geraten, sich an einer Hochschule in Pisa um ein Stipendium zu bewerben. Sie besteht die Aufnahmeprüfung, fängt das Studium an und als junge Frau aus einem Armenviertel Neapels ist sie eine Ausnahme dort, die auffällt: die Kleidung, das Benehmen, die Sprache… Lenù hat viel zu lernen, ihr Vorteil ist, daß sie gut auf die Menschen wirkt, ihnen sympathisch ist, daß man ihre Intelligenz (von der sie selbst nicht sonderlich überzeugt ist) schätzt und bewundert. Mit Lila besteht in dieser Zeit kaum noch Kontakt, überhaupt kommt Lenù nur zu den hohen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten ins Rione, wo sie immer mehr zur Auswärtigen wird, zur Frau aus Pisa.

In Pisa dagegen ist sie hin und wieder Opfer von Spott und Häme, bei einer solchen Gelegenheit lernt sie Pietro kennen, der sich für seine Kameraden bei ihr entschuldigt. Pietro ist nicht gerade der Draufgänger, die sich entwickelnde Beziehung bleibt lange Zeit recht platonisch und hat den Schwerpunkt auf der intellektuellen Ebene; die schlussendlich erfolgende Verlobung der beiden ist an Impulsivität und Gefühlsreichtum kaum zu unterbieten.

Die beiden jungen Frauen sind jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Während sich für Lenù mit ihrem Hochschulabschluss und dem Verlobten aus einer angesehenen Familie das Leben in all seinen Möglichkeiten zu entfalten beginnt, geht es für Lila in die andere Richtung. Gegen Ende des Buches besucht Lenù ihre Freundin auf deren miesen, dreckigen Arbeitsplatz. Lenù hat sich mit der Ausrede eingeschlichen, sie wolle zum Chef und Lila erwidert ihr: „Gut so, jetzt denken sie [die anderen Arbeiter/-innen], dass ich dem Juniorchef einen blase, und lassen mich eine Weile in Ruhe.“ – „Was soll das heißen?“ – „So läuft das eben.“ – „Hier drin?“ – „Überall. ….“


Die Geschichte eines neuen Namens, Teil 2 einer der ‚Neapolitanischen Saga‘. Ob diese Bezeichnung zutreffend ist, mögen andere entscheiden, die Übertragung des Begriffes ‚Saga‘, der ja eher auf nordische Dichtungen gemünzt ist denn auf die Lebensgeschichte zweier Frauen aus Neapel und dann auch noch nicht nur ‚einer‘, sondern ‚der‘ Saga, erscheint mir schon etwas hoch gegriffen. Sei´s drum, auch dieser Band der Tetralogie las sich – wie man bei uns in der Region etwas flappsig sagt – wie ‚geschnitten Brot‘, ein paar wenige Abende und die gut sechshundertzwanzig Seiten waren vertilgt. Und somit stand für mich die Frage am Horizont, was uns die Dichterin mir ihren Worten sagen wollte…..

In erster Linie ist er die weitgehend parallel erzählte Geschichte zweier junger Frauen, die in einem der neapolitanischen Armenviertel (‚Rione‘) geboren wurden, zusammen in die Schule gingen und deren Lebenswirklichkeit sich nach dem Ende der Grundschule aufplittete. Eine von ihnen, Lenù, wurde gefördert, ihr wurde der weitergehende Besuch von Schule und später Universität ermöglicht, dieser Bildungsweg aus dem Rione heraus war ihrer Freundin Lila versperrt, sie wurde nicht in gleicher Weise von der Lehrerin unterstützt und die Eltern, besonders der Vater, erachteten Bildung für Frauen als entbehrbar, Lila sollte lieber sehen, daß sie Geld verdient und zum Familieneinkommen beitragen.

Wenn man so will, kann man den Roman also als Beispiel dafür nehmen, daß es möglich ist, mit entsprechender Förderung und Unterstützung sowie natürlich unermüdlichem Fleiß schlechten sozialen Bedingungen zu entkommen, vulgo: in gewissem Sinn Karriere zu machen. An Lenù macht Ferrante aber auch deutlich, daß die Herkunft sich nicht einfach verleugnen läßt: die Sprache, der Dialekt, verrät die Herkunft, die Kleidung und das Schuhwerk den sozialen Status, das Benehmen die Erziehung. Einiges davon kann man sich mit viel Selbstdisziplin abgewöhnen oder abtrainieren, bei Lenù, von Natur aus zurückhaltender und schüchterner, blieben aber immer Hemmungen zurück, ihr Selbstbewusstsein litt unter ihrer Herkunft. Nur bei seltenen Gelegenheiten schildert Ferrante ihre Heldin spontan und offen, meist schweigt sie lieber, weil sie sich anderen gegenüber ‚unterlegen‘ fühlt. Diese ‚Anderen‘ agieren so, wie man in dieser Gesellschaftsschicht aufwächst und groß wird: was für diese selbstverständliches Leben ist, ist für Lenù auf das Vermeiden von Fehlern ausgerichtetes, konzentriertes Handeln.

Lila ist das Gegenteil von Lenù: sie offensiv bis hin zur Aggressivität, sie ist furchtlos, bereit, auch negative Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Sie läßt andere ihre Überlegenheit spüren, sie leidet unter der Tatsache, daß sie ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen kann, nutzt jede sich auftuende Gelegenheit, die sich ihr intellektuell bietet. Sie macht Fehler in ihrem Leben, große Fehler, sie ist nicht in der Lage, langfristig zu planen und vorauszudenken: die Hochzeit, die Affäre mit Nino…. Ereignisse, die ihr gesamtes Leben prägen sollten.

In ihrem Potential sind sich Lenù und Lila ebenbürtig, auch wenn jede die jeweils andere als offensichtlich ‚begabter‘ einschätzt. Dabei projiziert Lila ihre für sie nicht realisierbaren Möglichkeiten auf Lenù: sie fördert sie, kauft ihr Schulbücher und als sie davon erfährt, daß Lenù einen Roman veröffentlichen wird, küsst sie ihr die Hände. Stellvertretend für sie, die gescheitert ist, hat es Lenù geschafft, denn in ihrer Freundin ist immer auch Lila und ihr Wirken präsent.

Ebenbürtig, aber nicht gleich. Wie schon die Charakterisierung der beiden Figuren zeigt, sind diese eher komplementär: Und ihr Leben taucht beständig in meinem auf, in den Worten, die ich gesagt habe, und in denen häufig ihre Worte widerklingen; in jener entschlossenen Geste, die eine Nachahmung einer ihrer Gesten ist; in meinem Weniger, das als solches wegen ihres Mehr das ist; in meinem Mehr, das die Umkehrung ihres Weniger ist. … reflektiert Lenù in ihrer Pisa-Zeit. Gleichzeitig ist das Schicksal Lilas für sie immer auch Antrieb gewesen, zu lernen, sich anstrengen. Der Rione hing eine zeitlang, als sie noch zur Schule ging, wie ein Gewicht an ihr, sie wälzte Gedanken, aufzugeben, in die Geborgenheit des Bekannten zurückzukehren, die Armut, die sie kannte, den Möglichkeiten, die ihr offenstanden, vorzuziehen. Durch Lilas negatives Beispiel und durch die geistigen Freiheiten, die sie bei entsprechenden Gelegenheiten spürte, überwandt sie dieses Tief.

Wie dagegen strampelte sich Lila ab, gierig, wie eine Verhungernde, Verdurstende griff sie nach jeder Gelegenheit, sich zu beweisen. Das Schuhmodell, das sie kreierte, später die Geschäfte, die sie ausstattete, die Diskussionen mit Nino, am Ende des Romans dann kniet sie sich zusammen mit ihrem Begleiter Enzo in das Erlernen der aufkommenden Computersprachen, weil dieser sich auf diesem Gebiet weiterbildet…

Komplementär die beiden Mädchen/Frauen, zugespitzt könnte man sagen, Lila repräsentiert die ‚dunkle‘ Seite von Lenù bzw. Lenù die helle von Lila.

Interessant fand ich auch die Rolle und Funktion, die Ferrante der Sprache in ihrem Roman zuweist. Die beiden Mädchen werden im Rione groß, in dem ‚Dialekt‘ gesprochen wird. Insbesondere Lenù fällt immer dann in diesen Dialekt (ich gehe davon aus, daß damit das Neapolitanisch gemein ist [2]), wenn es um Emotionen, Gefühle geht, meist negative. So reagiert sie gegen Ende des Buches äußerst derb und vulgär auf plumpe Anmachversuche in der Straßenbahn, da man sie in ihrem Rione nicht mehr als Dazugehörige erkennt, sondern als Auswärtige behandelt. Auch an der Uni in Pisa geht sie ‚dialektisch‘ gegen Häme und Anfeindungen vor, hier wird ihre ‚Muttersprache‘ für sie ein Stigma. Das Italienische, das von den Kindern wie eine Fremdsprache gelernt werden muss, ist dagegen die Sprache der Diskussion, der intellektuellen Auseinandersetzung, die Sprache einer anderen Welt ausserhalb des Rione.

Das Neapolitanische: eine entsprechende Saga sollte das zumindest im Hintergrund ausmalen. Das habe ich vermisst, muss ich zugeben. Die Solaras beispielsweise, als Angehörige der Camorra, treten einfach nur als mehr oder weniger gewiefte Geschäftsleute auf, die ihren Vorteil suchen. Den oder die Schilderung eines mafiösen Hintergrunds unterläßt Ferrante weitestgehend, allenfalls fallen vereinzelte Andeutungen. Auch über Neapel selbst erfährt man kaum was. Ein paar Straßennamen, den Hinweis darauf, daß auch in anderen Vierteln eine möglicherweise etwas anders ausgeformte Armut herrscht – damit hat sich´s.

Einzig die Herrschaft des Mannes über die Frau, die aus Gewohnheit oder weil der Mann sich ärgert oder weil er der Frau was Gutes tun will, auch mit häuslicher Gewalt verbunden ist, sie tritt deutlich in der gesamten Geschichte auf. Die Frauen im Rione altern schnell, verlieren schnell die Form, die vielen Kinder, die Arbeit, die Not, die Sorgen, die Schläge…. Auch Lila und Lenù können sich nicht frei davon machen. Stefano, Lilas verhasster Mann, ist zwar bequem und will viel lieber seine Ruhe haben, aber auch er schlägt seine Frau grün und blau, es steht zu vermuten, daß er sich wie in der Hochzeitsnacht auch dieses ‚Recht‘ häufig mit Gewalt einfordert. Bei Lenù ist es etwas anders, da sie keinen Freund hat, hat sie etwas größere Freiheiten, aber auch sie wird angemacht und angepöbelt. Im Unterschied zu ihrer Freundin, die nicht müde wird, ihren Mann zu provozieren, ordnet Lenù sich unter: um dem angehimmelten Nino zu gefallen, versucht sie krampfhaft, sich so zu benehmen, wie sie glaubt, daß es diesem gefällt….


Wie schon der Vorläuferband Meine geniale Freundin [1] zeichnet auch diese Geschichte eines neuen Namens das Unspektakuläre aus: hier wird einfach eine Geschichte aus dem Leben erzählt, sie könnte so, genau so passiert sein, hat möglicherweise sogar reale Grundlagen, man kann als Leser die Gefühle, Irrungen und Wirrungen, der Protagonistinnen nachempfinden. Man möchte vielleicht selbst dann und wann alle Konventionen über den Haufen werfen und ausbrechen, wie es Lila im Roman vormacht, man hat unter Umständen unter Selbstzweifeln gelitten wie es Lenù ergeht. Dieses hohe Identifikationspotential fesselt beim Lesen und läßt den Roman trotz seines Umfangs gut lesbar sein.

… und doch. Und doch tauchte bei mir hin und wieder die Frage auf, ob dieses Buch wirklich so ausführlich hat sein müssen. ‚Es ist alles schon einmal gesagt worden, aber nicht von mir!‘ Jeder kennt diesen Spruch wohl, an den ich an solchen Stellen denken musste. Übertragen auf das Buch meine ich damit, daß die Autorin ein und dasselbe Grundverhalten ihrer Figuren, insbesondere trifft dies auf Lila zu, der der Hauptanteil der Handlung zukommt, immer wieder in leicht differierenden Situationen schildert. Natürlich sind beispielsweise die Wochen auf Ischia für das Leben der beiden Mädchen entscheidend. In Ferrantes Darstellung (weit über hundert Seiten widmet sie dieser Episode) liest sich dieser Aufenthalt fast wie ein taggenaues Protokoll, obwohl die Tage meist ähnlich verlaufen. Hier (aber auch an anderen Stellen) wäre eine Straffung des Textes und ein Konzentrieren auf das Wesentliche sicher möglich gewesen.

Daher fällt für mich dieser zweite Teil der ‚Saga‘ gegen den ersten ein wenig ab, das jedoch weiterhin auf einem hohem Niveau, das auch diese Geschichte eines neuen Namens einhält. Natürlich endet dieser Teil wieder mit einem Cliffhanger, schließlich ist Ferrante eine versierte Autorin und hat mit Suhrkamp einen profilierten Verlag, der auf solches geachtet haben wird: die Bände 3 und 4 sind ja noch auf den Markt, bzw. die Frau/den Mann zu bringen. Das wird sicher gelingen, das Schicksal der beiden Frauen läßt wohl niemanden unberührt, ich jedenfalls werde es weiterverfolgen.

Links und Anmerkungen:

[1] zu meiner Besprechung dieses ersten Teils: Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, hier sind auch weiterführende Links zu finden.
[2] vgl. Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Neapolitanisch

Elena Ferrante
Die Geschichte eines neuen Namens
Band 2 der Neapolitanischen Saga

übersetzt aus dem Italienischen von  Karin Krieger
Originalausgabe: Storia del nuovo cognome, Rom, 2012

diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca 624 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Dieser Beitrag ist auch als podcast im literaturRADIObayern  anzuhören.


Die italienische Autorin Elena Ferrante ist eine Geheimnisvolle, man weiß nicht, wer sich hinter diesem Namen verbirgt [1]. Zwar gibt es plausible Spekulationen – die NZZ [5] hat darüber berichtet, aber auch der Spiegel [3] –  die aber nicht bestätigt sind. Im Ausland ist das Werk Ferrantes, auch diese Tetralogie, deren ersten Band ich heute vorstelle, schon ein großer Erfolg, ein Bestseller, in Deutschland hat jetzt Suhrkamp angefangen, endlich eine Übersetzung vorzulegen. Im Grunde ist die Identität der Autorin jedoch nebensächlich, ein Roman sollte schließlich für sich stehen und sprechen, als Vermarktungselement jedoch: mit Gold nicht aufzuwiegen [6] und es ist zu hoffen, daß die daraus resultierende  #elenaferrante-hype die Saga nicht unter sich begräbt….

Denn als ‚Saga‘ wird es beworben, vier Bände werden es am Schluss sein, dieser erste überstreicht die Zeit der Kindheit und der Jugend der beiden Hauptpersonen nach dem Krieg, die restlichen Teile des Werks ‚werden in rascher Folge im Suhrkamp Verlag veröffentlicht werden‘ – nun ja, das Feuer muss schließlich am Leben gehalten werden.


ferrante2

Um was also geht es in diesem ersten Teil der Tetralogie?

Es geht (und jetzt nehme ich die dem Buch beigefügte Aufzählung der Figuren zu Hilfe) um zwei Mädchen, Elena Greco, der Tochter eines Pförtners, genannt Lenuccia oder allermeist Lenù und um ihre beste Freundin Rafaella Cerullo, von allen außer Lenù Lina genannt, ihre Freundin ruft sie jedoch Lila, sie ist die Tochter eines Schusters. Die hier erwähnte und dem Buch beigefügte Auflistung der Figuren ist übrigens sehr notwendig: die Familien sind kinderreich und ihrer sind viele, es dauert eine Weile, bis man ohne die Liste den Überblick behält….

Wir werden nach Neapel geführt, die beiden gleich alten Mädchen wurden 1944 geboren, der Inhalt des Bandes überstreicht die nächsten sechzehn Jahre, mithin die Nachkriegszeit, und endet im Frühjahr 1960 mit der Hochzeit Lilas. Wenn ich geschrieben habe: wir sind in Neapel, so ist das richtig und falsch zugleich, denn streng genommen spielt sich fast die gesamte Handlung im dem Stadtviertel (Rione) der beiden Mädchen ab, einem Viertel der armen Leute, der kleinen Handwerker und Ladenbesitzer, der schlechten Schulen, einem Viertel, in dem ‚Dialekt‘ gesprochen wird, so daß auf der Schule ‚Italienisch‘ quasi als Fremdsprache zu lernen ist. Die Umgangssprache, sie ist deftig und grob (wenn man es nett formulieren will), ansonsten könnt man auch feststellen, sie sei vulgär und obszön, die Lautstärke oft erheblich.

Für die Bewohner des Viertels ist Aggressivität normal, es wird schnell zugeschlagen, auch in der Familie, Konflikte und Meinungsverschiedenheiten durch Diskussionen auszutragen – das haben die Menschen hier nicht gelernt. Hier ist man schnell gekränkt oder gar beleidigt, braust auf, schreit aufeinander ein und geht gern und schnell zu Schlägen über. Wir wussten mit unseren fast dreizehn Jahren nichts von Institutionen, Gesetzen, Justiz. Wir wiederholten, und gegebenenfalls mit Nachdruck das, was wir seit frühester Kindheit um uns her gehört und gesehen hatten. Stellte man Gerechtigkeit denn nicht mit Prügeln her?

Es gibt auch Wohlhabende in dem Viertel, Männer, die Geld verleihen wie Don Achille und die Zinsen dafür nehmen, Männern, die einem Angebote machen, die man kaum ablehnen kann und vor denen man sich in Acht nehmen muß… [2].

Das Geschichte der beiden Mädchen wird aus der Rückschau der Jetztzeit, aus der Erinnerung also, erzählt. Lenù will festhalten, was sie über Lila weiß, damit nicht auch noch das verloren geht, denn Lila ist verschwunden, spurlos, wie sie von deren Sohn Rino erfährt. Und spurlos heißt bei Lila spurlos: in ihrer Wohnung ist nichts mehr von ihr aufzufinden, nichts mehr, was an sie erinnert. Selbst aus den Fotos hat sie ihr Gesicht herausgeschnitten… so beschließt Lenù, alles nieder zu schreiben, was sie noch von Lila weiß und wir erfahren die Geschichte der Menschen im Rione aus Lenùs Sicht, sie ist die Ich-Erzählerin des Buches.

Die beiden Mädchen lernen sich in der Grundschule kennen und freunden sich an. Intelligent sind sie beide, das zeigt sich schnell, aber Lila ist die geborene Anführerin. Sie ist frech und unerschrocken, konsequent und diszipliniert, sie scheut sich nicht, Regeln zu brechen und ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Und in ihrem Gefolge ist Lenù, die Lila in allem nachfolgt, was diese macht und vorschlägt.. Nach der Grundschule trennen sich ihre Wege, es war damals nicht üblich, daß Kinder, Mädchen zumal, mehr lernten als unbedingt notwendig. Wichtiger war es, daß ein schmaler Verdienst mehr in die Familien kam, um den Alltag etwas besser durchstehen zu können. Trotzdem schafft es Lenù, auf die Mittelschule zu gehen und später sogar, weil sich ihre Lehrerin so für sie einsetzt und auch Kosten übernimmt, auf´s Gymnasium. Lila dagegen, die in der Schule immer besser war als Lenù, wird im Haus eingespannt, bei der Mutter im Haushalt, aber auch in der Schusterwerkstatt, wo sie ihren älteren Bruder Rino animiert, seine Pläne von der eigenen Schuhherstellung zu verwirklichen: nach ihren Skizzen fertigen sie zusammen ein Musterpaar an, das den Vater, der von solchen Plänen nichts hält, vom Gegenteil überzeugen soll.

Die erste Zeit begleitet die fanatische Leserin Lila ihre Freundin noch im Lernen: bekommt Lenù Latein als Fach dazu, bringt sie sich selbst Latein bei, ebenso bei Griechisch. Sie wird eine strenge ‚Lehrerin‘ für Lenù, treffen sich die beiden Mädchen, so fragt sie ihre Freundin ab und treibt sie an, noch mehr und noch gründlicher zu lernen…. Bald ist Lenù die von den Lehrern hochgelobt beste Schülerin der Schule, während Lila in der Schusterwerkstatt arbeitet und irgendwann kaum noch Interesse zeigt an dem, was ihre Freundin auf der Schule lernt.

Langsam, aber stetig splitten sich ihre Lebenswelten auf. Noch leben beide im Viertel, sind noch nie hinausgekommen, aber für Lenù erweitert sich die Welt auf einmal: um zum Gymnasium zu kommen, muss sie das Viertel verlassen und einmal, in den Ferien, vermittelt sie die Lehrerin als Hausmädchen an eine Verwandte auf Ischia, die dort eine Pension betreibt. Dort erlebt das Mädchen die Weite des Meeres, die Sonne, sie sieht andere Menschen leben, so ganz anders leben als in ihrem Viertel. Und sie muss erfahren, daß auch jemand, der selber Bücher schreibt, deswegen noch lange kein guter Mensch sein muss…

Das Leben der beiden Mädchen erscheint in dieser Phase komplementär, ohne daß dies ursächlich zusammenhängt: geht es Lenù gut, so leidet Lila unter den Verhältnissen. Erlebt Lila eine gute Phase, so fühlt sich Lenù schlecht. Sie, die immer der Meinung war, daß ihr Lila in allen Belangen überlegen ist und die dies anerkannte, sie bekommt immer stärker das Gefühl, daß das Leben, das sie führt, eigentlich Lilas Leben sein sollte… ganz leise jedoch herrscht wohl auch eine Art Konkurrenz zwischen den beiden Mädchen bzw. jungen Frauen, wer sein Leben besser, sinnvoller gestaltet, die um den ersten Freund, die erste Liebe….

Lenù greift die Mauern, die das Viertel gegen den Rest der Welt abgrenzen, an. Normalerweise kommt niemand aus dem Viertel heraus, das Viertel ist für die allermeisten identisch mit der Welt. Nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt beispielsweise ist dies für sie dennoch fast unerreichbar: sie kennen es nicht. Die Einfallsstraße nach Neapel wird nicht überquert, einen Versuch wagen die Mädchen einmal, ganz heimlich, es wird ein Fiasko, feindlich scheint diese Aussenwelt sich gegen ihr Eindringen zu wehren…. Was sich da draußen abspielt – wen kümmert´s im Viertel?

Doch Lenù schaut über diese innere Mauer hinweg, und damit entfremdet sie sich ihren alten Freunden gegenüber. Mit wem sollte sie sich unterhalten über die Themen, mit denen sie am Gymnasium konfrontiert wird? Noch geht sie mit den Freunden an Wochenenden aus (oft enden diese Ausflüge mit Streit und Schlägereien, weil die Jungs meinen, eine Ehre sei durch irgend etwas gekränkt worden) und sie tratscht auch mit den Freundinnen, doch…

Aus dem häßlichen Entlein Lila wird in der Pubertät, die bei ihr spät eintritt, ein stolzer, ein schöner Schwan, eine junge Frau, die überall die Blicke auf sich zieht. Schon bald erscheint ein Verehrer, der um die Hand des Mädchens anhält, der Sohn eines örtlichen Camorra-Mitglieds. Lila läßt ihn zum Schrecken aller abblitzen. Bessere Chancen dagegen hat ein anderer bei ihr…. es ist ihre Art, die Grenzen zu sprengen, in dem sie mit dem jungen Mann ohne Anstandsbegleitung ausgeht, mit dem Auto Spritztouren macht… Sie nimmt den Heiratsantrag an, auch die Eltern, was sollten sie schon machen gegen Lilas starken Willen, sind einverstanden, zum Stefano dem Vater finanziell helfen und sich am Geschäft beteiligen will.

Mit der Beschreibung der Hochzeitsfeierlichkeiten im März 1960 endet dann dieser erste Teil der Tetralogie, völlig stilecht mit einem Cliffhanger…


Du bist meine geniale Freundin,
du musst die Beste von uns werden,
von den Jungen und von den Mädchen.

Meine geniale Freundin ist zweierlei. Zum einen eine wunderschön erzählte Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die langsam erwachsen werden, deren Beziehung durch Krisen geht, die Konkurrenz erfährt, die sich aber immer wieder bewährt. ‚Liebst du denn Stefano?‘ – Sie sagte ernst: ‚Sehr.‘ – ‚Mehr als deine Eltern, mehr als Rino?‘ – ‚Mehr als alle anderen, aber nicht mehr als dich.‘ bekommt Lenù als Antwort auf ihre Frage. ob sie ihren Bräutigam denn wirklich liebt… Dabei sind die beiden Mädchen vom Charakter und vom Temperament her unterschiedlich, nicht umsonst gilt Lila im Viertel als die ‚Böse‘, während Lenù die ‚Liebe‘ ist.

Parallel zu dieser Geschichte einer Seelenfreundschaft stellt Ferrante das Alltagsleben in diesem Milieu der einfachen und armen Leute dar. Es war Nachkriegszeit, es herrschte anfangs Mangel an Geld und Arbeit, eigentlich an allem Materiellem. Es dauerte ein wenig, bis sich leise Aufbruchstimmung zeigte, bis neue Geschäfte aufgemacht oder auch alte erweitert wurden. Nicht jedes Unternehmen war erfolgreich, es hing wohl auch davon ab, wie man sich mit bestimmten Leuten im Viertel stellte…. Man schaute nach vorne, ein ‚Früher‘ gab es nicht, alles, was in der Vergangenheit war, wurde ausgeblendet. So wussten die Kinder nichts vom Faschismus oder Mussolini, hörten die Mädchen diese Begriffe, mussten sie fragen, was damit gemeint war. Allenfalls wurde geflüstert oder getuschelt, daß dieser oder jener damals…. Man redete nicht darüber, was war.

Die Kindheit war früh zu Ende, spätestens mit Ende der Grundschule. Daß ein Kind noch länger auf die Schule ging, war in diesem Viertel die große Ausnahme, einen wirklichen Grund, noch mehr zu wissen, konnte niemand benennen. Lenù ahnte um die Ausnahme, die sie darstellte, es ist beeindruckend, mit welcher Disziplin Lenù bis tief in die Nacht hinein lernte, um in der Schule gute Noten zu bekommen, Lila dagegen fiel das Lernen leichter, ihr flog alles einfach zu.

Mit ihrer armseligen Kleidung, ihrem vulgären Dialekt, ihrer unverhohlenen Aggressivität waren die Menschen des Viertels ausserhalb ihres Bereichs sofort Aussenseiter, sie fielen auf, meist endeten solche Ausflüge, die als Jugendliche waren sonntags stattfanden, im Streit oder gar mit Prügeleien. Es fiel wiederum nur Lenù auf, wie entspannt doch diese ‚anderen‘ Menschen mit ihren besseren Kleidern, ihrer leiseren Sprache auf Sachen reagierten, auf die ihre Leute sofort mit Aggression antworteten, wenn z.B. ein Mädchen angeschaut oder gar angelächelt wurde. Lenù dagegen hatte diese Art des Umgangs schon damals in Ischia kennengelernt und sich wohl gefühlt dabei [4].

Jung waren die Mädchen mit ihren sechzehn Jahren und doch Erwachsene. Nicht zu vergleichen mit heutigen Mädchen dieses Alter. Auch wenn man neugierig war und heimlich schon mal testete, war Sexualität etwas für die Ehe und geheiratet wurde früh. Obwohl die Eltern besonders der Mädchen ein wachsames Auge für ihre Töchter hatten, fanden diese natürlich Mittel und Wege, sich ab und zu heimlich mit ihrem Schwarm zu treffen. Und auch hier war es Lenù, die die Grenzen des Üblichen überschritt: zu ihrem großen Erstaunen war sie mit ihrem Freund viel weiter gegangen als beispielsweise Lila mit ihrem Verlobten, obwohl diese in der Öffentlichkeit mit ihrem Verhalten keine Rücksicht auf die Meinung der Menschen nahmen.

Es ist das pralle Leben, das Ferrante schildert, das pralle Leben in einem neapolitanischen Stadtviertel, das von der Entwicklung abgehängt war. Ein Leben voller Menschen, von denen ich hier nur einen kleinen Bruchteil erwähnt habe. Es sind sympathische und unsympathische Figuren, die arroganten Solara-Brüder beispielsweise, die aus lauter Liebeskummer verrückt gewordene Melina, die Sippe der Carraccis, die den örtlichen Lebensmittelladen führen, Nino Sarratore, der Sohn des Zugschaffners und Dichters Donato Sarratore, die Lehrerin Maestra Oliviero und natürlich die Eltern und Geschwister von Lenù und Lila, die Schulkameraden/-innen und… und…und…

… das pralle Leben, das ohne Aufhebens geschildert wird und dann auf einmal überfällt einen der Text mit einer Passage, die schier den Atem nimmt, die in unheimlicher Klarheit diese oder jene Situationen oder Gegebenheit analysiert und aufdröselt. Dies können Ausführungen sein, wie alles, was ein paar Jahre früher politisch geschehen war, im Gedächtnis der Menschen ausgeblendet und verdrängt wurde, aber genauso eindringlich und präzise beschreibt Ferrante durch Lenù, was in den Mädchen vorgeht, wie diese ihre konkrete Situation sieht. Lila war dort geblieben, deutlich an diese Welt gefesselt, aus der sie das Beste herausgeholt zu haben glaubte. Und das Beste war dieser junge Mann, diese Heirat, dieses Fest, das Spiel mit den Schuhen für Rino und ihren Vater. Nichts, was mit meinem Weg eines fleißigen Schulmädchens zu tun gehabt hätte. Ich fühlte mich mutterseelenallein. … analysiert sie auf der Hochzeitsfeier und fasst mit diesen wenigen Worten Lilas Schicksal glasklar zusammen und sieht ihr eigenes Schicksal so: … begann ich mich deutlich als Fremde zu fühlen, die unter der eigenen Fremdheit litt. … ich ging seit nunmehr sechs Jahren einen Weg, über den sie überhaupt nichts wussten, den ich jedoch so hervorragend meisterte, daß ich die Beste war. …. Was ich in der Schule war, musste ich hier beiseite lassen. …

Die Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht der Erzählerin Lenù dargestellt, alles, was Lila betrifft, sind Aussagen von Lenù. Wie Lila selbst ihre Situation sieht oder gesehen hat, dieses Verbauen einer jeglichen Zukunft, in dem man ihr den weiteren Schulbesuch untersagte – wie können es ahnen, aber wir wissen, wir erfahren es nicht. Anscheinend hat sie mit der ihr eigenen Konsequenz und Gradlinigkeit irgendwann akzeptiert, daß ihr der Weg, den die Freundin geht, nicht offen steht. Eine Weile hatte sie sich noch an Lenu orientiert, indem sie für sich das lernte, was auch Lenù in der Schule lernen musste, hatte sich eingeredet, trotz aller Widerstände auf die Mittelschule gehen zu können… hat sie resigniert? Oder hat sie eher ein Substitut gesucht? Ich glaube letzteres, und dies sogar zwiefach: zum einen macht sie ihre Freundin Lenù zu ihrer ‚Stellvertreterin‘: … du musst die Beste von uns werden, von den Jungen und von den Mädchen… wird Lenù beschworen, zum anderen unterstützt Lila ihren Bruder Rino gegen den Vater, der die Pläne seines Sohnes zur Erweiterung des Schustergeschäfts vehement ablehnt. In dieses Vorhaben des Bruders setzt sie all ihre Energie und letztlich – wenn auch auf eine Art und Weise, die sicher nicht geplant war – sollte sie ihr Ziel erreichen.


So ist Meine geniale Freundin sowohl das ergreifende Portraits zweier aussergewöhnlicher Mädchen, einer ebensolchen Freundschaft und zugleich ist es ein Sittenbild (des armen, bildungsfernen) Neapels, ein Blick zurück in eine vergangene Zeit, die von der Verleugnung des ‚Früher‘ und vom Aufbruch nach vorne geprägt ist. Genau das ist die Kunst, das Große im Kleinen abzubilden. Dies alles in einer Sprache, die unspektakulär aber nicht trivial ist, die den Inhalt des Gesagten über die Form stellt, die schlicht ist und unangestrengt, die das Gefühl vermittelt, hier würde einem etwas einfach erzählt – die so ist, wie Lenù Lilas Schreibstil beschreibt: ihr Schreiben ist so lebendig wie es Sprechen ist, Lila konnte schriftlich reden. …  beim Lesen sah und hörte ich sie. … sie hatte die lebendige Ordnung, die nach meiner Vorstellung der Rede innewohnen müsste, …

Möglicherweise (Prognosen, die die Zukunft betreffen, sind ja immer etwas unsicher), möglicherweise also haben wir mit Ferrantes Tetralogie tatsächlich ein Werk vor uns, das auch unsere schnelllebige Zeit, in der die allermeisten Romane nach wenigen Monaten aus dem Gedächtnis schwinden, überdauert. Die folgenden drei Bände werden es erweisen, ob hier etwas Bleibendes geschaffen worden ist, der Anfang jedenfalls ist gemacht.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Elena Ferrante: https://de.wikipedia.org/wiki/Elena_Ferrante
[2] ob sich Ferrante an diesem Viertel hier orientiert hat, weiß ich natürlich nicht, aber die Beschreibung auf der Seite passt, denke ich, ganz gut auf dieses ‚Rione‘: http://www.neapel-stadt.de/neapel-sehenswuerdigkeiten/neapel-stadtteile/neapel-stadtteil-sanita.htm
ein zeitgenössischer Artikel im Spiegel lässt ebenfalls eine Ahnung über die Verhältnisse im Neapel dieser Zeit zu: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447616.html
[3] im Spiegel ist eine kleine Zusammenstellung dessen, was über das Werk Ferrantes aufzulisten ist: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/elena-ferrante-der-unbekannte-weltstar-a-1108307.html
[4] Die Aggressivität und Gewaltbereitschaft der einfacheren Menschen hat übrigens ja auch schon Moravia in seinen ‚Römischen Erzählungen‘ geschildert, an die ich in solchen Passagen denken musste: Alberto Moravia: Römische Erzählungen  (Besprechung hier im Blog)
[5] Die NZZ hat sich der Autorin in divesen Beiträgen zu nähern versucht:
– Franz Haas: Wer steckt hinter Elena Ferrante und ihren brillanten Romanen?
– Franz Haas: Neapel liegt nicht für alle am Meer
[6] zum Beispiel diese Sonderseite des deutschen Verlages:  http://www.elenaferrante.de
Ein Interview, das Elena Ferrante dem Spiegel via Mail gegeben hat, ist hier nachzulesen: http://www.elenaferrante.de/interview-mit-elena-ferrante-im-spiegel/?mobile=1 (kostenpflichtig)

lesenswert auch dieses Interview von Mara mit der Übersetzerin und dem Lektoren des Buches (Karin Krieger bzw. Frank Wegner): http://buzzaldrins.de/2016/09/19/elena-ferrante-auf-den-spuren-des-grosen-hypes/

Dieser Beitrag ist auch als podcast im literaturRADIObayern  anzuhören.

Elena Ferrante
Meine geniale Freundin
Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend)
Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Originalausgabe: L`amica geniale, Rom, 2011
diese Ausgabe: Suhrkamp-Verlag, HC, ca. 420 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

romische cover

Alberto Moravias Römische Erzählungen sind nicht neu, die italienische Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1954. Das Buch enthält – sofern ich mich nicht verzählt habe – 60 Geschichten aus dem Rom der Nachkriegszeit. Es sind Geschichten der Menschen, die „unten“ sind, die arbeitslos sind, die in Hütten hausen oder gar in Höhlen, die sich als Tagelöhner verdingen oder deren Geschäfte schlecht gehen. Sie wollen das gleiche wie alle anderen: leben, satt werden, die Familie ernähren, sich verlieben, etwas Spaß und Freude haben… doch oft sind die Lebensumstände einfach nicht danach: die Menschen sind ungebildet, oft ungelernt und feste Arbeitsstellen sind selten. Manchmal wird ein Bote gebraucht, der ein oder andere kann als Taxifahrer arbeiten oder in einer Werkstatt …. So bleibt vielen  nur das Betrügen und Belügen, sie werden betrogen und belogen, manches Mal bleibt nur der Versuch, anderen etwas wegzunehmen, oder (etwas prosaischer gesagt), der Diebstahl. Man stiehlt aus Not, nicht aus Berufung: nur selten sind die Diebe so geschickt, daß sie nicht erwischt werden, manch einer wandert ins Gefängnis… wird er entlassen, geht der Teufelskreis wieder von vorne los…. das Denken der meisten Figuren ist einfach, zu einfach meist, als daß sie ihr Leben grundlegend ändern könnten…

Es gibt oftmals Händel untereinander, die Fäuste ersetzen hin und wieder Argumente, auch die Messer sitzen offen, von vermeintlichen Freunden aufgehetzt wird im Jähzorn schon mal zugestochen, hin und wieder bleibt jemand auf der Strecke. Im Gefängnis bekommt man wenigstens regelmäßig sein Essen…

Die Liebe, die Liebe… man verguckt sich in ein Mädchen, man versucht, es zu beeindrucken, es verliebt zu machen… es gibt Rivalen, die auszustechen sind und ist man dann glücklich ein Paar, bedeutet das nicht unbedingt, daß der Mann das Sagen hat. Mancher sitzt stumm zu Hause, wird von den Vorwürfen der Frau wie unter Geröll vergraben. Manch einer mag sich auch fragen, wo nur das Mädchen geblieben ist, in das er sich seinerzeit verliebt hatte, diese böse, zankende, keifende Frau, mit der er zusammenlebt, kann es doch nicht sein?

Rom, ein paar Jahre nach Kriegsende, das zivile Leben hat wieder Einzug gehalten, es geht wieder „aufwärts“. Man geht wieder in Lokale, auch wenn sie einfach sind, trifft sich mit Freunden in der Bar, auch wenn es nicht unbedingt Freunde sind, man plant wieder sein Leben, will Familie haben.. wie es eben so sein sollte. Nicht immer sind in Moravias Geschichten den Verhältnisse so, daß dies auch umgesetzt werden kann, meist sind seine Figuren die Pechvögel, die Ungeschickten, die, die trotz aller Bemühungen den Teufelskreis nicht durchbrechen können…

Die Geschichten sind unabhängig voneinander. Meist sind sie gleich aufgebaut, die Hauptfigur stellt sich und ihre Lebensumstände kurz vor, gleich so, als ob sie mit dem Leser redet. Dann beginnt die Geschichte, die erzählt werden soll. Moravia schreibt eine (den Geschichten angepasste) einfache, kraftvolle, bildhafte und klare Sprache, er erzählt meist nur, manchmal aber läßt er seine Figuren über das, über ihr Leben auch reflektieren, ins alltags-philosophische abschweifen…

Ich habe dieses Buch über viele Wochen hinweg gelesen. Immer mal wieder ein, zwei, vllt sogar mal drei Geschichten, mehr nicht, zu ähnlich sind sich die meisten der Stücke. Die Erzählungen „erden“ ein wenig, man spürt beim Lesen, wie gut es uns heutzutage geht, daß unsere Sorgen oft weit abgehoben sind von denen, bei denen es ums Leben, ja, ums Überleben geht… beim Lesen vermischen sich die Geschichten mit den Bildern, die man selbst von Italien hat und es entsteht oft eine leichte, mittelmeerische Stimmung in einem selbst…. Römische Erzählungen sind ein ideales Buch für „zwischendurch“, für den Strand, die Bahn, den Flieger… oder den Abend, wenn man für kompliziertes schon ein wenig müde ist….

Weitere Bücher von Alberto Moravia hier im Blog:

Ich und Er
Die Römerin

Alberto Moravia
Römische Erzählungen
Übersetzt aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Originalausgabe: Racconti romani, Mailand, 1954
dieses Ausgabe: Sammlung Luchterhand, TB, ca. 480 S., 2010

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