Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm

Der Roman spielt im 26. Jhdt, andere Planeten sind kolonialisiert und die Schranke zwischen organischem Leben und dessen Erweiterung und Modifizierung sind durch Cybertechnologien weitgehend aufgehoben. Sämtliche Eigenschaften eines Menschen sind in sogenannten „stacks“ gespeichert, die fast beliebig in andere Körper („sleeves“) implantiert werden können, die Körper selbst sind nur noch (schmerzempfindliche) Hüllen. Für die Reichen („Meth“ von Methusalem) möglich, den Inhalt der eigenen Stacks regelmäßig extern auszulesen und abzudaten, nach einem eventuellen Tod kommt es durch Implantierung der externen stacks in einen neuen Körper quasi zu einer Wiederauferstehung. Der reale Tod kann nur noch dann eintreten, wenn der eigene „stack“ zerstört wird. Entsprechend unübersichtlich und verwirrend gestaltet sich diese Welt, die Morgan durchgehend düster, in Grautönen, deprimierend, frustrierend, gewalttätig, tötend, folternd, im Grunde als eine Art Hölle darstellt (In meiner Phantasie hat Bay City unwillkürlich wie die Stadt im „Blade Runner“ ausgesehen…).

Takeshi Kovacs, ehemaliger Angehöriger einer interplanetaren Eliteeinheit und entsprechend modifiziert und ausgebildet, wird von einem reichen Meth aus seiner Strafe freigekauft und beauftragt, den angeblichen Selbstmord des Meths als Mord zu enttarnen. Aus Mangel an akzeptablen Alternativen nimmt Kovacs, der in der Gestalt eines ehemaligen korrupten Polizisten gesleevt wurde, den Auftrag an. Seine Recherchen führen in sofort in ein unübersichtliches Geflecht von Intrigen und unterschiedlichsten Interessen. Sehr schnell gelingt es ihm, sich eine Menge Feinde zu machen, die in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich sind. Ausgefeilte Foltertechniken gehören zum Standard dieser Leute, aber auch die Methoden von Kovacs zeichnen sich nicht gerade durch Feinfühligkeit aus. So durchzieht die Suche von Kovacs ein Spur von Blut und Gewalt.

Damit ist grob der Handlungsrahmen der Geschichte umrissen, aber natürlich bietet der ca 600 Seiten starke Roman viel mehr. Kovacz ist ein Einzelgänger, getrieben auch von Hass- und Rachegefühlen, oder (wie es im Roman heißt): er nimmt es persönlich. Und entsprechend handelt er. Doch auch dieser Einzelgänger baut Bindungen zu anderen Menschen auf und reagiert dann irrational. So gibt es immer wieder Überraschungen und Wendungen, werden einzelne Erzählstränge zusammengeführt und weiterentwickelt.

Morgan hat einen unheimlich fesselnden, düsteren Cyberkrimi geschrieben. Eine Sprache ohne Schnörkel, die mit seltsamer Distanz, fast neutral und nüchtern, die fiktive Welt des 26 Jhdts beschreibt. Gewalt ist integraler Bestandteil dieser Gesellschaft so wie Lüge und Betrug, von Morgan in deutlicher Sprache geschildert. Einzig in den nachdenklichen Phase, in denen Kovacs sein eigenes Leben und seine Erlebnisse reflektiert, weicht Morgan auf eine etwas leisere Sprache aus, die – ebenso wie in manchen „romantischen“ Szenen einen leichten Hang zur Pathetik hat. (Auch hier habe ich mich ab und an an Blade Runner erinnert gefühlt: ich habe dinge gesehen, die ihr menschen niemals glauben würdet. ich sah brennende schlachtschiffe vor der schulter des orion, gleissende c-strahlen nahe dem tor des tannhäuser. all diese augenblicke sind verloren in der zeit – so wie tränen im regen. zeit zu sterben.) Doch sind diese Passagen kurz, und dann wird es meist auch schon wieder direkter.

Facit: Wer Gewaltdarstellungen nicht grundsätzlich ablehnt und einen spannenden, intelligenten Krimi sucht, wird hier fündig. Man sollte nur bedenken, daß es schwer fällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen….

Links:
Eine weitere, ausführliche Besprechung findet man hier.
Der Wiki-Eintrag zum Autor mit weiterführenden Hinweisen

Richard Morgan
Das Unsterblichkeitsprogramm
Heyne, September 2004
ISBN-10: 3453879511
ISBN-13: 978-3453879515

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