Dagmar Fedderke: Die Geschichte mit A.

Mittlerweile in der 9. Auflage (Erstauflage 1993) erhältlich kann man „Die Geschichte mit A.“ wohl als Erfolgsbuch bezeichnen. Insofern ist es eine Ausnahme, denn halbwegs anspruchsvolle erotische Literatur von deutschen Schriftstellern, gar -innen ist ja nicht so breit gesät.

„Die Geschichte mit A.“ erinnert im Titel an „Die Geschichte der O.“ (die ich nicht kenne), spielt auch im SM-Milieu. Die Erzählerin, eine Deutsche, unterwirft sich dem Franzosen A., mit dem sie immer tiefer in ihre Begehren und Lüste eintaucht. Fedderke läßt ihre Heldin das gesamte Spektrum durchmessen, angefangen von öffentlichen Zurschaustellungen über Swingerclubs und Privatparties empfindet sie die Schläge ihres Geliebten als Zeichen tiefster Liebe, die übergangslos in Zärtlichkeiten übergehen und sie glücklich machen.

Dabei springt die Autorin keineswegs von einem Szenario zum nächsten, sie läßt ihrer Heldin Zeit, zu reflektieren und die eigenen Beweggründe, das eigene Verlangen auszuloten. Sie stellt in Zweifel und kommt doch nicht los, sie entdeckt ihre Bedürfnisse und den Reiz, ihre Grenzen kennenzulernen, sie ist „á la recherche des sensations fortes“, wie sie es ausdrückt, auf der Suche nach den starken Empfindungen, „nach dem Verwerflichen, das ihr im Blut steckt, das sie aber nicht von sich selbst fordern kann“. Oder wie sie es selbst ausdrückt: „Ich bin angewiesen, daß A. mir befiehlt und er tut das gerne.“

Die Schilderungen ihrer sexuellen Obsessionen sind hart und offen, sie versteckt nichts hinter Andeutungen, die Sprache wird durchaus auch vulgär und derb. Einen pikanter Effekt ruft sie dadurch hervor, daß sie in manchen Momenten von der Begrifflichkeit her ins Französische überwechselt. Es ist ein Französichunterricht der eigenen Art, an dessen Ende man die Bedeutung von enculer, jouir oder auch sucer (um nur einige Beispiele des Vokabelschatzes zu nennen) kennt, plastisch vor Augen hat…. Quelle honte… ob es immer besonders gelungen ist, wenn die französichen Verben deutsch durchkonjugiert werden, also A. seine Partnerin suciert oder er/sie jouirt (oder auch nicht) mag dahingestellt sein, es ist eine nette Idee und geheimnisvoller als die deutschen Entsprechungen klingt es allemal.

Habe ich bei Millet noch geschrieben, daß ich keine Entwicklung in ihrer Geschichte sehe, ist es hier anders. Obwohl auch dieses Sexleben ausschweifend genannt werden kann, haben A. und die Ich-Erzählerin ein intensives Verhältnis, das sich im Lauf der Zeit entwickelt, verändert. Und erstaunlicherweise ist es A., den dieses Beziehung so aus dem Gleichgewicht wirft, daß er sie beendet. Die Ich-Erzählerin, die anfänglich als Suchende in ihr Abenteuer einsteigt, gewinnt im Lauf der Zeit Sicherheit und Selbstbewusstsein, sie, so seltsam das klingt, reift in ihrer Beziehung zu A.

A. ist mir unsympathisch. Er scheint cholerisch bis zum Kontrollverlust, gewalttätig und unbeherrscht („… hat mich dermassen gehauen, daß mir seit zwei Tagen die Kieferknochen, oben und unten, um die Wette weh tun….“ aber auch im gleichen Atemzug: „A. mon amour, je t´aime. Und sterben muss ich sowieso eines Tages… „), oft scheint die Gefahr zu bestehen, daß er es übertreibt. Nach seiner Wut jedoch wird er zärtlich und liebevoll… nun ja…

Facit: Wie fast jeder erotische Roman hat auch dieses Buch seine entschiedenen Fürsprecher und Gegner. Ich lese die Kommentare bei amazon immer mit einem gewissen Vergnügen, denn kaum ein Krimi, ein Sachbuch polarisiert so wie erotische Literatur. Mir jedenfalls hat das Buch gefallen, auch wenn das S/M-Milieu mir fremd ist und ich diese Lust am und im Schmerz nicht nachempfinden kann.

Weniges zur Biographie Fedderkes: http://www.krimi-couch.de/krimis/carlo-de-luxe-dagmar-fedderke-sonja-rudorf.html

Dagmar Fedderke
Die Geschichte mit A.
Konkursbuchverlag 1993
ISBN-10: 3887690664
ISBN-13: 978-3887690663

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