Klaus Schäfer: Hirntod

26. Oktober 2014

hirntod

Klaus Schäfer, von dem ich vor geraumer Zeit hier schon ein Buch über Trauer vorgestellt habe [2], gehört zur Ordensgemeinschaft der Pallottiner und arbeitet als Krankenhausseelsorger, in einem Bereich also, in dem er immer wieder mit Krankheit, Sterben und Tod zu tun hat. In diesem Büchlein hat er Fakten und Daten zum Thema „Hirntod“ zusammengetragen, ein Thema, welches im Zusammenhang mit Organspenden und Transplantationen für vielerlei Unsicherheit und Bedenken geführt hat und führt; Kritiker melden sich vehement zu Wort. Es ist jedoch nicht erst im „Falle eines Falles“ wichtig und sinnvoll, sich zu diesem Thema zu informieren, spätestens, wenn man seine Patientenverfügung schreibt und/oder vor der Entscheidung steht, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, ist man mit den Fragen konfrontiert, was der Tod überhaupt ist, wie er definiert und festgestellt wird. Was den Autoren im Besonderen zum Verfassen des Büchleins motiviert hat, ist hier ausführlicher wiedergegeben [3].

Leben und Tod gehören zusammen, bedingen einander. Auch wenn wir intuitiv eine Vorstellung davon haben, was unter dem jeweiligen Begriff zu verstehen ist, reicht dies bei manchen Fragen nicht. Was ist Leben, was ist Tod? Es muss definiert werden. Wann beginnt individuelles Leben, mit dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle oder erst später? Was überhaupt ist das „Leben“, welche Eigenschaften muss ein System aufweisen, um als „lebend“ eingestuft zu werden? Und was ist das: „tot sein“, der Tod? Er markiert das Ende eines Sterbeprozesses, den Zeitpunkt, an dem das System, hier: der Mensch, aufgehört hat, Mensch zu sein und er nur noch Toter ist, leblose Materie. Dieser Zeitpunkt ist nichts absolutes, in mehrfacher  Hinsicht: er ist abhängig von den medizinischen Möglichkeiten, die akut zur Verfügung stehen, aber auch vom wissenschaftlichen bzw. medizinisch-technischen Fortschritt.  Die Intensivmedizin hat ihn potentiell weit nach hinten geschoben, Stichwort: Reanimation, künstliche Beatmung. Aber auch der Körper stirbt nicht als Ganzes zu einem Zeitpunkt. Auch nach Eintritt des (definierten) Todes kann man Zellaktivitäten nachweisen, gibt es Zellen, die noch Stoffwechsel aufweisen, das Stadium des „intermediären Lebens“, des „Lebens“ auf der Basis einzelner Organe, Körperteile oder Zellen, hat eingesetzt….

Wir haben eine intuitive Vorstellung davon, wie ein Toter aussieht: er ist kalt, seine Haut macht einen wächsernen Eindruck, er atmet nicht mehr ebensowenig wie er noch Nahrung oder Flüssigkeiten aufnehmen kann. Puls und Blutdruck sind nicht mehr vorhanden, er reagiert nicht mehr auf äußere Reize, wie stark diese auch sind.

Hier liegt eins der großen mentalen Probleme, wenn man mit einem Hirntoten konfrontiert wird: er entspricht dieser Erscheinung nicht: er ist warm, hat Puls und Blutdruck, er atmet (künstliche Beatmung), er stoffwechselt, er kann sogar noch reflexartige Bewegungen an den Extremitäten aufweisen: er erscheint uns eher wie ein Schlafender, ein Bewusstloser oder im Koma liegender Mensch.

Doch er ist tot. Sein Gehirn weist keinerlei Aktivitäten mehr auf, würde die künstliche Beatmung eingestellt, würde er nicht mehr atmen und den Herztod sterben. Dies geschieht in Deutschland ca. 4000 mal im Jahr, 1000 mal wird die intensivmedizinische Behandlung des Hirntoten mit dem Ziel der Organentnahme fortgesetzt, daß die Körperfunktionen schwangerer Hirntoter aufrecht erhalten werden, kommt vor, ist aber sehr selten.

In der Öffentlichkeit gibt es Diskussionen um das Kriterium „Hirntod“ [4], das das Entscheidende ist für die Entnahme von Organen für eine Organtransplantation. Das Vertrauen in die Diagnostizierung des Hirntots ist neben dem Vertrauen in die Seriösität der beteiligten Ärzte und Institutionen wesentliche Voraussetzung für die Bereitschaft der Menschen zur Organspende – Vorkommnisse in der neueren Zeit haben dieses Vertrauen nachhaltig beschädigt.

Der Herztod ist der Tod des Körpers.
Der Hirntod ist der Tod des Menschen.

Schäfer versucht in seinem kleinen Ratgeber die Fakten zum Komplex „Hirntod“ klar und verständlich darzulegen. Dazu erklärt er grundlegende Begriffe wie „Leben“ und „Tod“, erläutert die Begriffe „Herztod“ und „Hirntod“ und erklärt die Funktionen der einzelnen Teile des Gehirns (Großhirn, Kleinhirn, Stammhirn). Ferner wird ausführlich auf die HTD, die Hirntoddiagnostik eingegangen, in diesem Zusammenhang sind auch Reflexe, mit denen ein Körper auf Reize reagiert, sehr wichtig. Wie wird der Hirntod festgestellt und wie wird nach Feststellung des Hirntods weiter verfahren? Wie können die Angehörigen und Hinterbliebenen in dieser extremen Situation begleitet werden, besonders, wenn die Frage nach einer möglichen Organspende im Raum steht, wie kann eine Abschiednahme von Angehörigen aussehen, die diesen innerlichen Frieden vermittelt? Als Priester reißt Schäfer ebenso theologische Aspekte des Themas an. Weiter geht Schäfer auf einzelne Punkte ein, die von Kritikern des „Hirntod-Konzepts“ immer wieder vorgebracht werden.

Auf einige dieser Punkte, die mir wichtig erscheinen, möchte ich hier kurz eingehen:

  • die Definition des Hirntods ist nicht überall gleich. In den USA, Großbritannien und anderen Staaten wird der nachgewiesene Funktionsausfall nur des Stammhirns, welches die Atmung steuert, als Hirntod definiert. In solchen Fällen ist es möglich, daß das EEG noch Großhirnaktivität anzeigt, ein Schmerzempfinden mag möglich sein. Bei Beispielen über die Unzuverlässigkeit des Hirntodkritieriums werden oft solche Fälle angeführt, die aber nicht vergleichbar sind mit den Verhältnissen in Deutschland/Österreich/Schweiz. In diesen (und anderen) Staaten ist der Hirntod dadurch definiert, daß ein irreversibler Funktionsausfall von Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn durch HTD nachgewiesen ist. Wird in bei der HTD über das EEG Aktivität im Großhirn nachgewiesen, kann per definitionem kein Hirntod vorliegen.
  • … Und das Elektroenzephalogramm, kurz EEG, darf keine Hirnströme mehr zeigen. Doch für Hirntodkritiker ist all das nicht Nachweis genug. Die Tests belegten nur eines: Der Patient ist in einem tiefen, irreversiblen Koma….“ [5]
    Zwischen einem Koma und dem Hirntod, führt Schäfer aus, bestehen keine graduellen/quantitative Unterschiede, sondern prinzipielle/qualitative. Ein Komapatient ist nicht hirntot, ein Hirntoter kein Komapatient, dieser Unterschied wird durch die HTD offensichtlich.
  • Hirnzellen, die abgestorben sind, regenerieren sich nicht wieder. Der Hirntod, der Funktionsausfall des Hirns, ist absolut irreversibel. Mit dem Tod des Hirns ist alles, was den Menschen als Menschen ausmachte, gestorben. Der Körper ist nur noch mit Maschinen und Intensivmedizin funktionsfähig zu halten, insbesondere auch ist er nicht mehr fähig, selbstständig zu atmen. Schäfer führt verschiedene Beispiele von Menschen an, die angeblich als Hirntod erklärt worden sind, danach aber wieder aufwachten. Im Regelfall zeigt sich, daß bei keinem dieser Menschen eine (fachgerechte) Hirntoddiagnostik vorgenommen worden ist.
  • Daß Hirntote unter Umständen noch Arme und Beine bewegen können liegt daran, daß diese reflexhaften Bewegungen vom Rückmark (als Teil des ZNS, spinale Reflexe) aus gesteuert werden, sie zeigen nicht, daß das Hirn in irgendeiner Weise aktiv ist. Schon vor Jahrhunderten hat die Tatsache, daß Enthauptete (also sehr offensichtlich Tote) noch mit den Armen zucken konnten, dazu geführt, den Tod eines Menschen mit dem Funktionsverlust des Kopfes/Hirns in Verbindung zu bringen.

In Deutschland ist die Feststellung des Hirntods und auch die anschließend ggf. mögliche Entnahme von Organen zur Transplantation über das Transplantationsgesetz von 1997 geregelt [1], die Richtlinien zur HTD werden von der Bundesärztekammer nach den jeweils neuesten Erkenntnissen festgelegt.

Wie ausgeführt, bedarf die Feststellung des Todes einer Definition, einer Festlegung. Jede Definition bedeutet also, daß durch Kritiker bemängelt werden kann, sie sei zu eng, zu weit, unangemessen oder abzulehnen – dies kann prinzipiell so sein, die Frage ist, ob es auch im hier betrachteten Themenkomplex so ist. Im Falle des Hirntod-Kriteriums fand ich diese Äusserung: „.. Ein Hirntoter ist höchstens ein Sterbender. Aber eben keine Leiche...“ [5], eine Begründung dafür wird nicht gegeben, der Verweis auf Ereignisse in Amerika ist aus den oben genannten Gründen nicht stichhaltig. Die Konsequenz aus dieser zitierten Äußerung wäre z.B. zu warten, bis „wirklich“ eine Leiche vorliegt, d.h., nach Abstellen der künstlichen Beatmung das Herz für eine Zeitlang stillsteht. Nach [5] geht die Schweiz diesen Weg, mit der Konsequenz: „… „Für mein Gefühl ist es so, dass diese Patienten, dieser Mensch toter ist – von der moralischen Intuition – als ein hirntoter Patient, weil er riecht anders, er sieht anders aus, es ist so, dass bei diesen Patienten aufgrund des Stillstands des Blutes die Fäulnis schon beginnt. Möglicher Nachteil: Die Organqualität leidet teilweise, zumindest bei Lebern.“

Auf die Problematik, daß sich Hirntote äußerlich nicht von Komapatienten unterscheiden, wurde oben schon eingegangen, dieses Unbehagen ist nachvollziehbar – aber ist es auch ein Grund, zu warten, bis der Tote „intuitiv toter“ ist, ihn also erst in den Zustand beginnender Verwesung übergehen zu lassen, bevor man ihn zur Organentnahme vorbereitet?

Es mag sein, daß irgendwann in naher oder ferner Zukunft die Kriterien für das Eintreten des Todes genauer, exakter, anders gefasst werden: das ist dann so und es wäre gut so. Aber – dies ist meine persönliche Meinung und die sehe ich auch in den Ausführungen von Schäfer wiedergespiegelt – im Moment ist das Hirntodkriterium (D/A/CH) das beste Kriterium, das uns zur Verfügung steht. Kritiker, die dies in Frage stellen, stellen meiner Meinung nach das gesamte Konzept der Transplantation von Organen in Frage.


Schäfers schmales Buch ist eher ein Nachschlagewerk denn das es durch ausführliche Beschreibungen hervortritt. Die Knappheit des Platzes bedingt eine gewisse Kürze der Texte und führt damit zu klaren Aussagen, ohne Wenn und Aber. Es wird deutlich, daß Schäfer ein Verfechter des Hirntod-Kriteriums ist, für ihn als Theologen ist das Hirn das maßgebliche Organ und die materielle Basis für Geist und Seele des Menschen. Seine Argumentation und die Darlegung der Faktenlage ist schlüssig und plausibel, auch wenn der „normale“ Leser, der kein Mediziner ist, die fachliche Richtigkeit nicht wirklich beurteilen kann. Behält man aber einige der Argumente Schäfers im Hinterkopf, so wird man auf jeden Fall in der Lage sein, Argumente von Kritikern besser auf ihre Stichhaltigkeit beurteilen zu können. Und für die eigene Entscheidungsfindung (Patientenverfügung, Organspendeausweis) ist die Beschäftigung mit diesem Thema auf jeden Fall sinnvoll.

Was Schäfer leider nicht erreicht mit seinem Büchlein (nicht erreichen kann), ist Vertrauen zu schaffen. Berichten, wie sie z.B. von Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung, einem seriösen Medium, veröffentlicht wurden [6] und die auf (mögliche) Unregelmäßigkeiten und fehlerhaftes Vorgehen von Ärzten hinweisen, zerstören dies – da können die Vorschriften über die Durchführung der HTD noch so explizit und penibel sein. Wenn der Angehörige (oder möglicherweise in Zukunft Betroffene) kein Vertrauen in die Ärzte hat, wird er sich verweigern. Hier sind in Bezug auf Organentnahmen und Transplantationen die Ärzte und die involvierten Institutionen in einer Bringschuld.

Da sich im Grunde jeder Mensch – unabhängig vom Alter, denn auch junge Menschen können durch erlittene Unfälle schnell in so eine traurige Situation kommen – mit den Fragen „Patientenverfügung“ bzw. „Organspende“ befassen sollte und damit dann automatisch auch der Punkt „Hirntod“ in den Fokus gerät, ist Schäfers  Zusammenfassung zum Thema ein guter und sehr empfehlenswerter Einstieg in diese komplexe Materie.

Links und Anmerkungen:

[1] Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen und Geweben: http://www.gesetze-im-internet.de/tpg/
[2] Klaus Schäfer: Trösten – aber wie?: https://radiergummi.wordpress.com/2010/09/30/klaus-schafer-trosten-aber-wie/
[3] ?, Unser Vorbild des Monats: Klinikseelsorger Klaus Schäfer; in: http://www.fuers-leben.de/informieren/news-einzelansicht/article/2013/02/unser-vorbild-des-monats-klinikseelsorger-klaus-schaefer.html
[4] hier findet sich eine Sammlung von Quellen dazu: »Hirntod« bzw. »Hirntodkonzept« in: http://www.transplantation-information.de/hirntod_transplantation/hirntod_hauptseite.html
[5] Thomas Liesen: Wie tot darf ein Organspender sein? Das Kriterium des Hirntods ist ethisch widersprüchlich, in: http://www.deutschlandfunk.de/wie-tot-darf-ein-organspender-sein.1148.de.html?dram:article_id=263202
[6] Christina Berndt: Ärzte erklären Patienten oft fälschlich für hirntot; in: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/falsche-todesdiagnosen-in-krankenhaeusern-aerzte-erklaeren-patienten-oft-faelschlich-fuer-hirntot-1.1891373

ferner wird von Klaus Schäfer eine Informationsseite zum Thema „Organspende“ betrieben:  http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hauptseite

Weitere Bücher zum Thema: Sterben, Tod, Trauer, die ich besprochen habe, sind hier aufgelistet:
http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Klaus Schäfer
Hirntod
diese Ausgabe: topos, TB, ca. 120 S., 2014

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars

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