Wolfgang Hildesheimer: Das Ende einer Welt

29. Oktober 2014

Ab 1950 veröffentlicht Hildesheimer seine „Lieblose Legenden„, zuerst in Zeitungen, dann 1952 in Buchform. Eine dieser Legenden ist die Geschichte vom „…Ende einer Welt“ (nicht: der Welt), in der er satirisch den weltabgewandten und lebensuntüchtigen Kulturbetrieb zum Thema hat.

Die Geschichte selbst ist kurz, sie erzählt von der letzten Abendgesellschaft der Marchesa Montetristo, der der Erzähler mit dem deutlich bürgerlicherem Namen Sebald eine Badewanne verkauft, ein besondere: einst wurde Marat in ihr ermordet. Spielschulden zwangen den Erzähler, das kostbare Stück – welches sich – dies war kaum bekannt – in seinem Besitz befand – abzugeben, was ihn jedoch anscheinend in den Augen der Marchesa (die im übrigen als eine geborene Waterman in Ohio zur Welt gekommen war) derart adelte, daß sie ihn zu einer ihrer Abendgesellschaften auf ihrer Insel einlud.

Es war nicht irgendeine Insel, die vorhandenen: zu profan, zu bekannt, zu belebt: die Marchesa hätte sie mit anderen Bewohner teilen müssen – undenkbar! Also schüttete sie sich eine eigene Insel im Meer auf, bebaute sie stilecht mit einen Palazzo. Die Überfahrt (nur Gondeln waren erlaubt) war der gefährlichen Meereströmung und der Winde wegen nicht ungefährlich, mehr als einmal reduzierten Unglücke die Zahl der Gäste bei der Marchesa….

hildesheimer cover

Wie auch immer… Herr Sebald erreichte die exklusive Gesellschaft, wurde in ihr eingeführt, traf bedeutende und berühmte Männer und alle zusammen lauschten dann nach der angebotenen Erfrischung durch Champagner und köstliche Krustazeen dem aufgeführten Konzert: der Erstaufführung zweier (wie sich im Nachhinein herausstellen sollte: gefälschter) Flötenkonzerte, die die Marchesa auf dem Cembalo persönlich begleitete.

Abseits der Orchestrierenden, wahrscheinlich war Herr Sebald der einzige, der dies zur Kenntnis nahm, liefen hie und da Ratten an der Wand entlang.. bald war auch ein tiefes Grummeln zu verspüren… Feuchtigkeit wahrzunehmen…. ein Diener näherte sich der Marchesa, flüsterte ihr etwas in Ohr, woraufhin sie sich ihren Gästen zuwandte und ruhig verkündete, die Meerestiefbaubehörde hätte sie informiert, daß sich das Fundament der Insel auflösen würde, sie aber denke, daß es im Sinne aller sei, mit dem Konzert fortzufahren. Man stimmte ihr zu – mit einer Ausnahme: Herr Sebald verließ unter den verächtlichen Blicken der anderen den Saal, in dem das Wasser nun immer höher stieg und die Akustik sich der eines Hallenbades näherte…..

Während im Inneren die Kerzen durch das steigende Wasser gelöscht wurden, letzte Töne der Flöte zu hören waren, Applaus mit hoch erhobenen Händen geklatscht noch aus den Fensteröffnungen drang, schien draußen ein ruhiger, klarer Mond, als geschähe nichts…….


Man könnte formulieren, daß sich der Kreis für die Marchesa geschlossen hat: aus der als „Waterman“ geborenen ist am Schluss eine „Waterwoman“, weder die Abkehr von der realen Welt auf der künstlich errichteten Insel noch der Aufsteig zur Marchesa waren von Dauer. Die realen Gegebenheiten haben sie eingeholt, das Fundament einer solchen Selbstisolation hat sich als bröckelig erwiesen, als nicht haltbar, es wird im Lauf der Zeit unterspült und ausgehöhlt und das auf ihm errichtete Gebäude bricht ein und reißt die dort Lebenden mit.

Nichts ist solide und belastbar in dieser Parabel auf die Lebensuntüchtigkeit und Weltabgewandheit der Künstler und der Kunst: die Marchesa eine geborene Waterman, die Insel nur aufgeschüttet und instabil, die Gäste dilettierend und den Schein des Selbstbetrugs pflegend (schließlich saßen sie alle einer Fälschung auf…), ja, selbst der Erzähler ein Filou, der seiner Spielschulden wegen Marats Badewanne verkaufen muss [3]. Aber Hildesheimer zeigt auch die Machtlosigkeit der Kunst: sie kann den Untergang dieser künstlichen Welt nicht verhindern, den Lauf der Dinge nicht beeinflussen: „Nennen Sie mir ein Buch, das die Schrecknisse unserer Zeit verhindert hätte. Die Literatur ist machtlos. Kein Buch, kein Bild, die ganze Kultur richtet nichts aus.“ [4].

…und wir alle – es ist heute so aktuell wie damals – leben trotz der Katastrophen um uns herum unser Leben so weiter, als ginge uns das nichts an….


„Das Ende einer Welt“ ist nicht vollständig beschrieben, wenn man die Illustrationen übergeht. Die Künstlerin Anne von Karstedt, Jahrgang 1970 [5] hat sie geschaffen, mit ihren meist ganzseitigen Bildern begleitet sie die Abendgesellschaft und deren Untergang, bis diese Teil des neptunischen Reiches geworden ist, umschwommen von Fischen, die Menschen selbst wie schwebend im Wasser treibend. Manches an den Bildern bzw. den dargestellten Figuren mag bekannt vorkommen, mir selbst ist z.B Napoleon aufgefallen, bis zum Schritt im Wasser stehend, einer Aufstellung nach (in der just Napeleon nicht vorkommt!) hat die Künstlerin auf jeder ihrer Schnitte und Zeichnungen solche Bildzitate untergebracht.

Gelesen ist das Buch schnell, die Parabel ist kurz. Das Schauen und sich am Buch Erfreuen dauert länger, es ist ein Schmuckstück, das im Regal unter anderen Werken zu verstecken zu schade ist: es braucht deinen Platz, an dem es ins Auge fällt, den Drang hervorruft, hinzugreifen, es aufzuschlagen und in Geschichte und Illustrierung zwar nicht zu versinken, aber doch einzutauchen ……

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu den „Lieblose Legenden„:  http://de.wikipedia.org/wiki/Lieblose_Legenden. Hier ist von 1952 als Erscheinungsjahr der ersten Buchausgabe die Rede, die Herausgeber dieser vorliegenden Buchausgabe dagegen sprechen von 1951 als Ersterscheinungsjahr [vgl. unten: diese Ausgabe]
[2] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Hildesheimer:  http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Hildesheimer und Würdigung anläßlich seines Todes im Spiegel:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490505.html
[3] Glück gehabt: die Marchesa war Sammlerin von Badeutensilien des 18. Jhdts. Wer sich auf diesem Gebiet selbst etwas umtun möchte, dem kann ich folgenden Katalog empfehlen: Staatl. Schlösser und Gärten Baden-Württembergs (Hrsg): Das Stille Örtchen, Deutscher Kunstverlag, Berlin-München, 2011
[4] so in einem Gespräch mit Marco Guetg:  http://www.handl.net/zit/zithildesheimer.htm
[5] ein paar biografische Daten zu ihr sind auf dieser Seite zu finden:   http://www.buchdruckkunst.de/History/Platz2006.html

Vertonung des Stücks als Opera buffa in einem Akt: http://www.schott-musik.de/shop/9/show,152627.html

Wolfgang Hildesheimer
Das Ende einer Welt
Erstausgabe: Lieblose Legenden, 1951 oder 1952
diese Ausgabe: Officina Ludi, HC („Künstlerbuch“, Format ca. 30 x 33 cm), mit Original-Linolschnitten und Strichätzungen von Anne von Karstedt

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2 Responses to “Wolfgang Hildesheimer: Das Ende einer Welt”

  1. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,
    das Video ist eine wunderbare Beigabe zu Ihrer wie immer lesenswerten Rezension, obwohl ich kein Henzefan bin.
    Habe mal im Regal gestöbert und dort ein total vergilbtes Exemplar der Lieblosen Legenden aus der DDR 6,–M vom Eulenspiegel Verlag, Berlin, 1977 1. Auflage, entdeckt, dort sind die Illustrationen von Horst Hussel. Meine Thüringer Sippschaft schenkte mir immer Bücher, die aber leider alle ,mit Ausnahme der Kinderbücher, den Gilb haben.
    Im übrigen steht dort, daß die Legenden erstmals1962 bei Suhrkamp erschienen sind.

    mit nicht-lieblosen sondern lieben Grüßen
    Karin

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    • flattersatz Says:

      was den gilb angeht, kann ich nur dato empfehlen… ob clementine damals auch in diese schwierige herausforderung hausfraulicher tätigkeiten verwickelt war, weiß ich garnicht mehr. aber aufpassen auf die goldkante, wenn´s von ado ist… ;-)

      so fügt sich eins ins andere, liebe karin. die von ihnen erwähnte ausgabe der „lieblose legenden“ habe ich jetzt nicht gefunden, aber ich bin darauf gestoßen, daß hussel das wunderwunderschöne büchlein von petiska: der golem illustriert hat, mit ausnehmend liebevollen, schönen strichzeichnungen. herzlichen dank für diese (ungewollt) gegebenen hinweis, ich werde das gleich noch in der besprechung vom golem ergänzen!

      ein dickes danke und liebe grüße zurück
      fs

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