Erni Kutter: Schwester Tod

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

Advertisements

Klaus Schäfer: Hirntod

hirntod

Klaus Schäfer, von dem ich vor geraumer Zeit hier schon ein Buch über Trauer vorgestellt habe [2], gehört zur Ordensgemeinschaft der Pallottiner und arbeitet als Krankenhausseelsorger, in einem Bereich also, in dem er immer wieder mit Krankheit, Sterben und Tod zu tun hat. In diesem Büchlein hat er Fakten und Daten zum Thema „Hirntod“ zusammengetragen, ein Thema, welches im Zusammenhang mit Organspenden und Transplantationen für vielerlei Unsicherheit und Bedenken geführt hat und führt; Kritiker melden sich vehement zu Wort. Es ist jedoch nicht erst im „Falle eines Falles“ wichtig und sinnvoll, sich zu diesem Thema zu informieren, spätestens, wenn man seine Patientenverfügung schreibt und/oder vor der Entscheidung steht, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, ist man mit den Fragen konfrontiert, was der Tod überhaupt ist, wie er definiert und festgestellt wird. Was den Autoren im Besonderen zum Verfassen des Büchleins motiviert hat, ist hier ausführlicher wiedergegeben [3].

Leben und Tod gehören zusammen, bedingen einander. Auch wenn wir intuitiv eine Vorstellung davon haben, was unter dem jeweiligen Begriff zu verstehen ist, reicht dies bei manchen Fragen nicht. Was ist Leben, was ist Tod? Es muss definiert werden. Wann beginnt individuelles Leben, mit dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle oder erst später? Was überhaupt ist das „Leben“, welche Eigenschaften muss ein System aufweisen, um als „lebend“ eingestuft zu werden? Und was ist das: „tot sein“, der Tod? Er markiert das Ende eines Sterbeprozesses, den Zeitpunkt, an dem das System, hier: der Mensch, aufgehört hat, Mensch zu sein und er nur noch Toter ist, leblose Materie. Dieser Zeitpunkt ist nichts absolutes, in mehrfacher  Hinsicht: er ist abhängig von den medizinischen Möglichkeiten, die akut zur Verfügung stehen, aber auch vom wissenschaftlichen bzw. medizinisch-technischen Fortschritt.  Die Intensivmedizin hat ihn potentiell weit nach hinten geschoben, Stichwort: Reanimation, künstliche Beatmung. Aber auch der Körper stirbt nicht als Ganzes zu einem Zeitpunkt. Auch nach Eintritt des (definierten) Todes kann man Zellaktivitäten nachweisen, gibt es Zellen, die noch Stoffwechsel aufweisen, das Stadium des „intermediären Lebens“, des „Lebens“ auf der Basis einzelner Organe, Körperteile oder Zellen, hat eingesetzt….

Wir haben eine intuitive Vorstellung davon, wie ein Toter aussieht: er ist kalt, seine Haut macht einen wächsernen Eindruck, er atmet nicht mehr ebensowenig wie er noch Nahrung oder Flüssigkeiten aufnehmen kann. Puls und Blutdruck sind nicht mehr vorhanden, er reagiert nicht mehr auf äußere Reize, wie stark diese auch sind.

Hier liegt eins der großen mentalen Probleme, wenn man mit einem Hirntoten konfrontiert wird: er entspricht dieser Erscheinung nicht: er ist warm, hat Puls und Blutdruck, er atmet (künstliche Beatmung), er stoffwechselt, er kann sogar noch reflexartige Bewegungen an den Extremitäten aufweisen: er erscheint uns eher wie ein Schlafender, ein Bewusstloser oder im Koma liegender Mensch.

Doch er ist tot. Sein Gehirn weist keinerlei Aktivitäten mehr auf, würde die künstliche Beatmung eingestellt, würde er nicht mehr atmen und den Herztod sterben. Dies geschieht in Deutschland ca. 4000 mal im Jahr, 1000 mal wird die intensivmedizinische Behandlung des Hirntoten mit dem Ziel der Organentnahme fortgesetzt, daß die Körperfunktionen schwangerer Hirntoter aufrecht erhalten werden, kommt vor, ist aber sehr selten.

In der Öffentlichkeit gibt es Diskussionen um das Kriterium „Hirntod“ [4], das das Entscheidende ist für die Entnahme von Organen für eine Organtransplantation. Das Vertrauen in die Diagnostizierung des Hirntots ist neben dem Vertrauen in die Seriösität der beteiligten Ärzte und Institutionen wesentliche Voraussetzung für die Bereitschaft der Menschen zur Organspende – Vorkommnisse in der neueren Zeit haben dieses Vertrauen nachhaltig beschädigt.

Der Herztod ist der Tod des Körpers.
Der Hirntod ist der Tod des Menschen.

Schäfer versucht in seinem kleinen Ratgeber die Fakten zum Komplex „Hirntod“ klar und verständlich darzulegen. Dazu erklärt er grundlegende Begriffe wie „Leben“ und „Tod“, erläutert die Begriffe „Herztod“ und „Hirntod“ und erklärt die Funktionen der einzelnen Teile des Gehirns (Großhirn, Kleinhirn, Stammhirn). Ferner wird ausführlich auf die HTD, die Hirntoddiagnostik eingegangen, in diesem Zusammenhang sind auch Reflexe, mit denen ein Körper auf Reize reagiert, sehr wichtig. Wie wird der Hirntod festgestellt und wie wird nach Feststellung des Hirntods weiter verfahren? Wie können die Angehörigen und Hinterbliebenen in dieser extremen Situation begleitet werden, besonders, wenn die Frage nach einer möglichen Organspende im Raum steht, wie kann eine Abschiednahme von Angehörigen aussehen, die diesen innerlichen Frieden vermittelt? Als Priester reißt Schäfer ebenso theologische Aspekte des Themas an. Weiter geht Schäfer auf einzelne Punkte ein, die von Kritikern des „Hirntod-Konzepts“ immer wieder vorgebracht werden.

Auf einige dieser Punkte, die mir wichtig erscheinen, möchte ich hier kurz eingehen:

  • die Definition des Hirntods ist nicht überall gleich. In den USA, Großbritannien und anderen Staaten wird der nachgewiesene Funktionsausfall nur des Stammhirns, welches die Atmung steuert, als Hirntod definiert. In solchen Fällen ist es möglich, daß das EEG noch Großhirnaktivität anzeigt, ein Schmerzempfinden mag möglich sein. Bei Beispielen über die Unzuverlässigkeit des Hirntodkritieriums werden oft solche Fälle angeführt, die aber nicht vergleichbar sind mit den Verhältnissen in Deutschland/Österreich/Schweiz. In diesen (und anderen) Staaten ist der Hirntod dadurch definiert, daß ein irreversibler Funktionsausfall von Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn durch HTD nachgewiesen ist. Wird in bei der HTD über das EEG Aktivität im Großhirn nachgewiesen, kann per definitionem kein Hirntod vorliegen.
  • … Und das Elektroenzephalogramm, kurz EEG, darf keine Hirnströme mehr zeigen. Doch für Hirntodkritiker ist all das nicht Nachweis genug. Die Tests belegten nur eines: Der Patient ist in einem tiefen, irreversiblen Koma….“ [5]
    Zwischen einem Koma und dem Hirntod, führt Schäfer aus, bestehen keine graduellen/quantitative Unterschiede, sondern prinzipielle/qualitative. Ein Komapatient ist nicht hirntot, ein Hirntoter kein Komapatient, dieser Unterschied wird durch die HTD offensichtlich.
  • Hirnzellen, die abgestorben sind, regenerieren sich nicht wieder. Der Hirntod, der Funktionsausfall des Hirns, ist absolut irreversibel. Mit dem Tod des Hirns ist alles, was den Menschen als Menschen ausmachte, gestorben. Der Körper ist nur noch mit Maschinen und Intensivmedizin funktionsfähig zu halten, insbesondere auch ist er nicht mehr fähig, selbstständig zu atmen. Schäfer führt verschiedene Beispiele von Menschen an, die angeblich als Hirntod erklärt worden sind, danach aber wieder aufwachten. Im Regelfall zeigt sich, daß bei keinem dieser Menschen eine (fachgerechte) Hirntoddiagnostik vorgenommen worden ist.
  • Daß Hirntote unter Umständen noch Arme und Beine bewegen können liegt daran, daß diese reflexhaften Bewegungen vom Rückmark (als Teil des ZNS, spinale Reflexe) aus gesteuert werden, sie zeigen nicht, daß das Hirn in irgendeiner Weise aktiv ist. Schon vor Jahrhunderten hat die Tatsache, daß Enthauptete (also sehr offensichtlich Tote) noch mit den Armen zucken konnten, dazu geführt, den Tod eines Menschen mit dem Funktionsverlust des Kopfes/Hirns in Verbindung zu bringen.

In Deutschland ist die Feststellung des Hirntods und auch die anschließend ggf. mögliche Entnahme von Organen zur Transplantation über das Transplantationsgesetz von 1997 geregelt [1], die Richtlinien zur HTD werden von der Bundesärztekammer nach den jeweils neuesten Erkenntnissen festgelegt.

Wie ausgeführt, bedarf die Feststellung des Todes einer Definition, einer Festlegung. Jede Definition bedeutet also, daß durch Kritiker bemängelt werden kann, sie sei zu eng, zu weit, unangemessen oder abzulehnen – dies kann prinzipiell so sein, die Frage ist, ob es auch im hier betrachteten Themenkomplex so ist. Im Falle des Hirntod-Kriteriums fand ich diese Äusserung: „.. Ein Hirntoter ist höchstens ein Sterbender. Aber eben keine Leiche...“ [5], eine Begründung dafür wird nicht gegeben, der Verweis auf Ereignisse in Amerika ist aus den oben genannten Gründen nicht stichhaltig. Die Konsequenz aus dieser zitierten Äußerung wäre z.B. zu warten, bis „wirklich“ eine Leiche vorliegt, d.h., nach Abstellen der künstlichen Beatmung das Herz für eine Zeitlang stillsteht. Nach [5] geht die Schweiz diesen Weg, mit der Konsequenz: „… „Für mein Gefühl ist es so, dass diese Patienten, dieser Mensch toter ist – von der moralischen Intuition – als ein hirntoter Patient, weil er riecht anders, er sieht anders aus, es ist so, dass bei diesen Patienten aufgrund des Stillstands des Blutes die Fäulnis schon beginnt. Möglicher Nachteil: Die Organqualität leidet teilweise, zumindest bei Lebern.“

Auf die Problematik, daß sich Hirntote äußerlich nicht von Komapatienten unterscheiden, wurde oben schon eingegangen, dieses Unbehagen ist nachvollziehbar – aber ist es auch ein Grund, zu warten, bis der Tote „intuitiv toter“ ist, ihn also erst in den Zustand beginnender Verwesung übergehen zu lassen, bevor man ihn zur Organentnahme vorbereitet?

Es mag sein, daß irgendwann in naher oder ferner Zukunft die Kriterien für das Eintreten des Todes genauer, exakter, anders gefasst werden: das ist dann so und es wäre gut so. Aber – dies ist meine persönliche Meinung und die sehe ich auch in den Ausführungen von Schäfer wiedergespiegelt – im Moment ist das Hirntodkriterium (D/A/CH) das beste Kriterium, das uns zur Verfügung steht. Kritiker, die dies in Frage stellen, stellen meiner Meinung nach das gesamte Konzept der Transplantation von Organen in Frage.


Schäfers schmales Buch ist eher ein Nachschlagewerk denn das es durch ausführliche Beschreibungen hervortritt. Die Knappheit des Platzes bedingt eine gewisse Kürze der Texte und führt damit zu klaren Aussagen, ohne Wenn und Aber. Es wird deutlich, daß Schäfer ein Verfechter des Hirntod-Kriteriums ist, für ihn als Theologen ist das Hirn das maßgebliche Organ und die materielle Basis für Geist und Seele des Menschen. Seine Argumentation und die Darlegung der Faktenlage ist schlüssig und plausibel, auch wenn der „normale“ Leser, der kein Mediziner ist, die fachliche Richtigkeit nicht wirklich beurteilen kann. Behält man aber einige der Argumente Schäfers im Hinterkopf, so wird man auf jeden Fall in der Lage sein, Argumente von Kritikern besser auf ihre Stichhaltigkeit beurteilen zu können. Und für die eigene Entscheidungsfindung (Patientenverfügung, Organspendeausweis) ist die Beschäftigung mit diesem Thema auf jeden Fall sinnvoll.

Was Schäfer leider nicht erreicht mit seinem Büchlein (nicht erreichen kann), ist Vertrauen zu schaffen. Berichten, wie sie z.B. von Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung, einem seriösen Medium, veröffentlicht wurden [6] und die auf (mögliche) Unregelmäßigkeiten und fehlerhaftes Vorgehen von Ärzten hinweisen, zerstören dies – da können die Vorschriften über die Durchführung der HTD noch so explizit und penibel sein. Wenn der Angehörige (oder möglicherweise in Zukunft Betroffene) kein Vertrauen in die Ärzte hat, wird er sich verweigern. Hier sind in Bezug auf Organentnahmen und Transplantationen die Ärzte und die involvierten Institutionen in einer Bringschuld.

Da sich im Grunde jeder Mensch – unabhängig vom Alter, denn auch junge Menschen können durch erlittene Unfälle schnell in so eine traurige Situation kommen – mit den Fragen „Patientenverfügung“ bzw. „Organspende“ befassen sollte und damit dann automatisch auch der Punkt „Hirntod“ in den Fokus gerät, ist Schäfers  Zusammenfassung zum Thema ein guter und sehr empfehlenswerter Einstieg in diese komplexe Materie.

Links und Anmerkungen:

[1] Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen und Geweben: http://www.gesetze-im-internet.de/tpg/
[2] Klaus Schäfer: Trösten – aber wie?: https://radiergummi.wordpress.com/2010/09/30/klaus-schafer-trosten-aber-wie/
[3] ?, Unser Vorbild des Monats: Klinikseelsorger Klaus Schäfer; in: http://www.fuers-leben.de/informieren/news-einzelansicht/article/2013/02/unser-vorbild-des-monats-klinikseelsorger-klaus-schaefer.html
[4] hier findet sich eine Sammlung von Quellen dazu: »Hirntod« bzw. »Hirntodkonzept« in: http://www.transplantation-information.de/hirntod_transplantation/hirntod_hauptseite.html
[5] Thomas Liesen: Wie tot darf ein Organspender sein? Das Kriterium des Hirntods ist ethisch widersprüchlich, in: http://www.deutschlandfunk.de/wie-tot-darf-ein-organspender-sein.1148.de.html?dram:article_id=263202
[6] Christina Berndt: Ärzte erklären Patienten oft fälschlich für hirntot; in: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/falsche-todesdiagnosen-in-krankenhaeusern-aerzte-erklaeren-patienten-oft-faelschlich-fuer-hirntot-1.1891373

ferner wird von Klaus Schäfer eine Informationsseite zum Thema „Organspende“ betrieben:  http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hauptseite

Weitere Bücher zum Thema: Sterben, Tod, Trauer, die ich besprochen habe, sind hier aufgelistet:
http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Klaus Schäfer
Hirntod
diese Ausgabe: topos, TB, ca. 120 S., 2014

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars

Monika Specht-Tomann: Ich bleibe bei dir bis zuletzt

Diesen Sommer habe ich auf der Station, in der ich ab und an aushelfe, folgendes miterlebt. Eine Frau begleitete ihren schwerkranken Mann, der auf die Station überwiesen worden war. Der Mann wurde von der Frau zu Hause gepflegt und versorgt, im Krankenhaus sollte er ein wenig „aufgepäppelt“, der Allgemeinzustand verbessert werden, um die Lebensqualität noch einmal anzuheben. Nach der Aufnahme des Mannes sagte der diensthabende Arzt zur Frau: „Und sie bleiben jetzt auch mal ´ne Woche hier, sie sind ja ganz fertig!“ … und schwupps! war auch die Ehefrau eingewiesen….

Das ist das Thema dieses Ratgebers von Specht-Tomann: Was muss ich beachten, auf was muss ich achten, daß die Pflege eines Angehörigen nicht zur Selbstaufopferung führt, die den Pflegenden selbst krank macht.

Eine gute, liebevolle Pflege durch einen Angehörigen zu Hause ist sicher ein Idealzustand. Aber Angehörige sind normalerweise keine ausgebildeten Pflegekräfte, sie wohnen meist im selben Haushalt oder Haus und sind daher oft 24 h am Tag im „Dienst“. Die Pflege ist nicht einfach, auch nicht immer der zu Pflegende, die Ansprüche an sich selbst sind hoch und so ist es kaum verwunderlich, daß der Pflegende mehr oder weniger schnell an seine Grenzen stößt, Grenzen, die ihm sein Körper oder auch seine Psyche aufzeigt. Die Grenzen mag man noch erkennen, das vielleicht größere Problem ist es sogar, sie zu akzeptieren und sich danach zu richten („Eigentlich ist er/sie mir viel zu schwer für …. . Das Kreuz tut mir schon seit einiger Zeit weh. Und schlafen kann ich auch nicht mehr richtig, immer bin ich .. damit auch nicht überhöre, wenn er/sie ruft…“).

Hier gibt der Ratgeber, wie ich finde, sehr gute Hinweise, wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Wichtig ist das Gespräch innerhalb der Familie, wer kann was und wie, wie stellt man es an, daß die Pflege nicht zum alles beherrschenden Themas wird und noch genügend normaler Lebensraum übrig bleibt. Auch das retrospektive Gespräch in der Familie „Wie ist was gelaufen, was habe ich erlebt“ ist wichtig. Specht-Tomann gibt viele Beispiele aus der Praxis, an denen sie bestimmte Situation erläutert und Rat gibt, wie hier Abhilfe geschaffen werden kann. Es gibt Fragelisten, anhand derer man die eigene Situation analysieren kann, denn es ist wichtig, das eigene Handeln aktiv wahrzunehmen und nicht in einen Automatismus hineinzukommen, bei dem einfach so lange es eben geht, einfach gemacht wird.

Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch die Begleitung pflegebedürftiger Menschen. Was kann ich mit ihnen bereden, mir erzählen lassen von ihnen (Biographiearbeit ist hier ein solches Stichwort, die Auseindersetzung mit Sterben und Tod ein anderes). Ferner führt die Situation: ein einstig selbstständiger Mensch ist nun krank und von anderen abhängig auf der einen Seite und auf der anderen: die Belastung durch des Pflegenden durch die Pflege leicht zu emotionalen und psychischen Problemen. Dieser Abschnitt hat mich sehr interessiert und war sehr erhellend, da Specht-Tomann darlegt, daß es in diesen Situationen auf beiden Seiten zu einer Vielzahl von Verluste kommt, die alle mit entsprechenden Trauerprozessen verbunden sind. Auf Seiten der Pflegebedürftigen sind dies z.B. die Verluste an: Selbstständigkeit, Beweglichkeit, Mobilität, das Nachlassen von körperlichen und/oder geistigen Fähigkeiten, u.U. der Verlust der eigenen Wohnung mit allen Gegenständen, die man zurücklassen muss….. und vieles mehr. Der Pflegende dagegen leidet unter anderen Verlusten: es muss sich vom Angehörigen, so wie er ihn kannte, verabschieden und ihn als Pflegefall oder kranken Menschen akzeptieren, die Pflege bindet ihn, soziale Bindungen leiden darunter, daß man nicht mehr frei über seine Zeit verfügen kann, die früher großzügige Wohnung wird durch den Einzug des Verwandten eng, Unbekümmertheit und Fröhlichkeit schwinden durch die Sorgen.. auch hier liesse sich viel mehr aufzählen.

Wenn man all solches als Abschiede/Verluste mit der nachfolgenden Trauer erkennt und weiß, wie Trauerprozesse ablaufen (können), fällt es viel leichter, Situationen zu handhaben. Das Gegrummel beispielsweise ist dann garnicht persönlich gemeint, sondern „nur“ allgemeiner Ausdruck von Zorn und Verzweifelung, manche Situation wird dadurch entschärft.

Zum Abschluss folgt dann das wichtige Kapitel über „den achtsamen Umgang mit sich selbst“ über das Erkennen der eigenen Grenzen, das Einschätzen der eigenen Situation mit Tips und Hilfestellungen auch über Möglichkeiten, sich selbst was Gutes zu tun.

Facit: Wenn man in die Situation kommt, Angehörige pflegen zu müssen, sollte man sich aktiv mit diesem neuen neuen Lebensabschnitt auseinandersetzen. Dieser Ratgeber bietet dazu einen sehr guten Einstieg.

Monika Specht-Tomann
Ich bleibe bei dir bis zuletzt
Hilfestellung für pflegende Angehörige
Kreuz-Verlag 2009, TB, 220 S.

Anselm Grün: Ich bleibe an deiner Seite

Sobald ein Mensch zum Leben kommt,
ist er alt genug zum Sterben. [1]

Ich habe am Wochenende dieses Büchlein (es ist ja nicht sehr umfangreich) von Bruder Anselm Grün gefunden und natürlich auch gleich mitgenommen, denn für die Allgemeinheit geschriebene Werks zum Themenbereich „Tod und Sterben“ sind aus Theologenfeder nicht so häufig bzw. unterscheiden sich vom Inhalt her nur wenig von „Ratgebern“ anderer Fachrichtungen.

Ein vom Umfang her kleines Büchlein zu einem Thema, das mich interessiert – und doch habe ich mich schwer getan, es zu lesen. Vieles ging mir darin „gegen den Strich“.

Fang ich sachlich an und beschreibe erst einmal, welche Themenkreise Grün behandelt:

– Sterben als lebenslangen Prozess im Sinne des obigen Mottos aus dem „Ackermann“ [1]
– Sterben als spiritueller Weg
– Stationen des Sterbens
– Sterbegegleitung
– Rituale des Abschieds und der Begleitung
– Sterbehilfe
– die Auseinandersetzung mit dem Sterben als Lebenshilfe
– die Worte Jesu am Kreuz als Einweisung in ein gutes Sterben
– Trauer und Trauerbegleitung
– dto bei Kindern

Das ist schon ein ganz erheblicher Themenumfang für nicht mal 160 Seiten mit dem Anspruch, Menschen zu ermutigen, sterbende Angehörige zu begleiten.

Was hat mich an dem Buch gestört? Ich will nur ein paar Punkte herausgreifen:

Gleich am Anfang spricht er von den „Vorboten des Sterbens“ und führt als Beispiele an: die Pensionierung („.. die für manche eine Art Tod bedeutet: ….“), „…Für andere ist es eine Art Sterben, wenn sie ihre Arbeit verlieren. ..“ [s.13]
Das geht mir doch etwas zu weit. Natürlich sind das alles Verluste und wie jeder Verlust bedingen diese Ereignisse auch einen Trauerprozess, wie immer er sich auch gestalten mag. Aber Tod bzw. Sterben? Jeder Tod ist natürlich auch ein (extremer) Verlust, aber deswegen ist ja noch nicht jeder Verlust auch ein Tod…. „… Jeder Abschied ist letztlich ein Sterben. …“ stimmt eben so (Grüns Beispiele: Kinder gehen aus dem Haus und heiraten, man zieht wg. des Berufs in eine andere Stadt) nicht, Abschiede können auch Erlösungen sein… Hier hätte ich mir eine klarere Begrifflichkeit gewünscht.

Vom christlichen Verständnis her ist der Tod nur für die Körperlichkeit etwas endgültiges, der Mensch, seine Seele, wird ja in Gott wiedergeboren. Damit verliert der Tod seinen Schrecken und das Sterben wird zu einer Art im irdischen ablaufenden Läuterung und Reifung des Menschen: „..Wir dürfen vertrauen, dass im Sterben all das nachgeholt wird an innerer Reife, was wir unser Leben lang übersprungen haben. ..“ [S. 31] bzw. „.. das Sterben als Weg zu letzten Reifung des Menschen. ..“ [S. 33]. Sterben als „… spirituelle Öffnung…“ [S. 42], als „.. Ganzwerdung..“ [S. 43] bzw. als „.. Vollendung des Lebens…“ [S. 45]. Dies so zu anzunehm mag dem Gläubigen Kraft und Hoffnung geben, aber in der Allgemeinheit, in der Grün redet (er differenziert ja nicht, sondern benennt immer nur „den Sterbenden“ ohne einschränkendes oder näher bestimmendes Adjektiv) wage ich zu bezweifeln, daß diese Ausführungen in der Praxis sehr hilfreich sind.

Es ist schon seltsam, ein Buch über das „Sterben“ zu lesen, ohne daß dort im Abschnitt „Stationen des Sterbens“ der Name Kübler-Ross auftaucht. Überhaupt ist die von Grün verwendete Literatur, die er in seinem Verzeichnis anführt, sehr einseitig, es sind neben theologischer Fachliteratur im wesentlichen drei kleine, schon etwas ältere Bücher von Renz [4], Tausch-Flammer [5] sowie ein von Mettner [6] herausgegebene Zusammenfassung von Aufsätzen zum Thema (anzumerken ist, daß sowohl Renz als auch Mettner neben ihrer Fachwissenschaft auch Theologen sind). Modernere oder weltlicher orientierte Literatur wird nicht angegeben, ebensowenig wie Basiswerke wie eben das von Kübler-Ross [7]. Sowie wirkt das Kapitel aufgrund der häufigen Zitate wie ein Exzerpt des Renz´schen Buches.

Die Grün´schen Ausführungen zur Sterbehilfe haben mir dann wirklich zu schaffen gemacht:

„Passive Sterbehilfe besteht darin, dass man dem natürlichen Prozess des Sterbens seinen Lauf läßt, ihn aber dadurch unterstützt, dass man die Schmerzen lindert“ [S. 71]
„In Holland wurde die aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen erlaubt. … Untersuchungen … haben ergeben, dass oft von den Angehörigen Druck auf die Sterbenden ausgeübt wird, sie sollten doch aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. … Man will die hohen Pflegekosten nicht bezahlen.“ [S. 72] Natürlich (?) führt Grün keinerlei Quelle oder Nachweis für diese Behauptung auf, Erfahrungen, daß aktive Sterbehilfe, wo sie gesetzlich möglich ist, keineswegs verantwortungslos und exzessiv in Anspruch genommen wird [8], erwähnt er natürlich (?) nicht.
„Wenn die Leidenden ausgerottet werden.“ [S. 73]
„Statt aktiver Sterbehilfe ist es unsere Aufgabe, die Sterbenden zu begleiten und in der Begleitung ihnen die Möglichkeit zu geben, über ihr Leiden und über ihren Sterbeprozess zu sprechen.“ [S. 78]
„Die aktive Sterbehilfe… das Sterben muss möglichst schnell vonstattengehen, damit er [i.e. der Sterbende] sich ihm nicht stellen muss.“ [S.79]

Genug der Zitate. Mag sich jeder seinen Teil dazu denken.

Mir reicht es jetzt auch an Text zu diesem Buch, das den Tod und das u.U. schmerzvolle Sterben als erdgewordenes Purgatorium ansieht, über das man in das Licht Gottes eingeht. Die abschließenden Kapitel über Trauer und Trauerbegleitung sind im selben Tenor gehalten und bieten wenig praktische Hilfe, es sei denn, diese grundlegenden Gedanken selbst sind schon Hilfe. Was ich mir aber bei der Mehrzahl von Menschen kaum vorstellen kann.

Facit: Als Facit greife ich einfach auf eine in seinen Schlussgedanken wiedergegebene Formulierung von Grün in Bezug auf Tauerseminar, die er regelmäßig abhält, zurück: „Ich merke, dass da meine gelernte Theologie nicht weiterhilft.“ Eben. Dieses Büchlein auch nicht.

Links:

[1] aus: J. von Tepl: Der Ackermann
[2] Kurzportraits von Pater Anselm Grün in der FAZ
[3] Monika Renz: Was ist gutes Sterben? NZZ, 28.03.2008
[4] Monika Renz: Zeugnisse Sterbender, 2001
[5] Tausch-Flammer: Sterbenden nahe sein, 1993
[6] Matthias Mettner: Menschwürdiges Sterben, 2001
[7] Kübler-Ross wird dann aber im Kapitel über Sterbebegleitung erwähnt mit ihren „…vier Phasen des Sterbens..“ (kein Schreibfehler, es steht tatsächlich „vier“ da). vgl: Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[8] siehe Ridder oder bei Wanzer/Glenmullen

Anselm Grün
Ich bleibe an deiner Seite
Sterbende begleiten, intensiver leben
Vier-Türme-Verlag 2010, ca. 156 S.

Klaus Schäfer: Trösten – aber wie?

„Du sag mal, da vorn sitzt die XY. Da ist doch neulich das Kind
überfahren worden. Meinst du, da kann ich mal hingehen?“

Wer kennt es nicht.. das kleine Kind, das hingefallen ist, sich wehgetan hat und nun weint, der Schmerz, wenn das Meerschweinchen, der Hund, die Katze stirbt, der Kummer der ersten wieder erlöschenden Verliebtheit oder die ganz große Katastrophe, der Tod eines lieben Menschen, seien es nun die Eltern, Verwandte, Freunde oder auch Arbeitskollegen – all das rührt die Seele auf und bereitet Schmerz: man trauert. Diese Trauer läßt sich aber für den Leidenden leichter tragen und aushalten, wenn er getröstet wird, darin begleitet wird. Nur: uns ist oft schon die Fähigkeit dazu abhanden gekommen, denn ein Indianer kennt nun mal keinen Schmerz und eine Woche reicht ja wohl, jetzt werd endlich mal wieder normal und stell dich sowieso nicht so an, meiner Tante ist es viel schlimmer ergangen und macht die so einen Heckmeck um die Sache, was soll´n die Leute denn eigentlich denken und mich ziehst du auch ganz runter, also ehrlich, ich geh jetzt mal shoppen, das brauch ich jetzt einfach nach der miesen Laune, die du verbreitest!!

Wer kennt es nicht, diese etwas beklemmende Gefühl, wenn man auf jemanden trifft, dem ein Leid geschehen ist. Man weiß, man müsste eigentlich, aber man weiß nicht so recht, wie…. und letztlich läßt man es dann lieber bleiben als etwas falsch zu machen, etwas falsches zu sagen. Und das ist vllt einer der schlimmsten Fehler, die man machen kann, die Isolierung, die soziale Ausgrenzung. Deshalb war meine Antwort auf obige Frage dann natürlich auch ein „Klar, du musst sogar! Wenn sie ihre Ruhe haben will, wird sie es dir sagen. Dann nimmst du das nicht persönlich und bist nicht beleidigt und kommst halt wieder her…“

Eigentlich ist es garnicht so viel, was man wissen muss, wenn man trösten und begleiten will. Zuhören ist oft wichtiger als Reden, eine Umarmung kann mehr ausdrücken als viele Worte es vermögen. Man sollte den Leidenden nicht unter Druck setzen und ihm die Zeit lassen, die er braucht und man sollte sein Leid und seine Trauer anerkennen und nicht versuchen, sie ihm auszureden. Wie genau man das machen kann, das ist Inhalt dieses sehr schönen Ratgebers von Schäfer, der nicht nur kurz auf „theoretische“ Aspekte von Leid und Trauer eingeht, sondern sich im Wesentlichen mit der Sprache befasst. So gibt er eine ganz kurze Übersicht über die Wirkung von Sprache auf den Hörenden, den im Gesprochenen schwingen ja immer auch noch verborgende Botschaften mit bevor er dann ausführlich mit Beispielen verdeutlicht, wie man etwas „falsch“ bzw „richtig“ formulieren kann, so daß der Leidende tatsächlich Trost erfährt und nicht z.B. unter Druck gesetzt wird oder er sich aus anderen Gründen zurückzieht.

Dem Buch merkt man an, daß hier eine lange praktische Erfahrung mit eingeflossen ist. Die Sprache ist klar und deutlich, sie kommt schnell auf den Punkt und stellt das heraus, was wichtig ist. Zwar ist der theologische Hintergrund des Verfassers erkennbar, aber er beherrscht das Buch nicht und bleibt immer nur als Hintergrund, so daß sich niemand, auch davon abhalten lassen braucht.

Natürlich ist das Buch von Schäfer keine Lektüre, die man normalerweise aus Spaß an der Freude liest. Aber so ganz verkehrt ist es eigentlich nicht, sich auch mal mit diesem Thema zu befassen, denn Trauer kann schnell eintreten und Begleitung verlangen, schon ein Krankenhausaufenthalt eines Verwandten oder Bekannten kann durch gelungene oder misslungene Begleitung erleichtert oder unnötigerweise erschwert werden.

Facit: ein sehr schön gelungenes und praxisnahes Buch zu einem schwierigen Thema, das wir schon fast verlernt haben….

Klaus Schäfer
Trösten – aber wie?
Ein Leitfaden zur Begleitung von Trauernden und Kranken
Verlag Pustet, 2009, broschur, 175 S.

Kurzlink des Beitrags: http://wp.me/paXPe-1Zg