Klaus Schäfer: Trösten – aber wie?

„Du sag mal, da vorn sitzt die XY. Da ist doch neulich das Kind
überfahren worden. Meinst du, da kann ich mal hingehen?“

Wer kennt es nicht.. das kleine Kind, das hingefallen ist, sich wehgetan hat und nun weint, der Schmerz, wenn das Meerschweinchen, der Hund, die Katze stirbt, der Kummer der ersten wieder erlöschenden Verliebtheit oder die ganz große Katastrophe, der Tod eines lieben Menschen, seien es nun die Eltern, Verwandte, Freunde oder auch Arbeitskollegen – all das rührt die Seele auf und bereitet Schmerz: man trauert. Diese Trauer läßt sich aber für den Leidenden leichter tragen und aushalten, wenn er getröstet wird, darin begleitet wird. Nur: uns ist oft schon die Fähigkeit dazu abhanden gekommen, denn ein Indianer kennt nun mal keinen Schmerz und eine Woche reicht ja wohl, jetzt werd endlich mal wieder normal und stell dich sowieso nicht so an, meiner Tante ist es viel schlimmer ergangen und macht die so einen Heckmeck um die Sache, was soll´n die Leute denn eigentlich denken und mich ziehst du auch ganz runter, also ehrlich, ich geh jetzt mal shoppen, das brauch ich jetzt einfach nach der miesen Laune, die du verbreitest!!

Wer kennt es nicht, diese etwas beklemmende Gefühl, wenn man auf jemanden trifft, dem ein Leid geschehen ist. Man weiß, man müsste eigentlich, aber man weiß nicht so recht, wie…. und letztlich läßt man es dann lieber bleiben als etwas falsch zu machen, etwas falsches zu sagen. Und das ist vllt einer der schlimmsten Fehler, die man machen kann, die Isolierung, die soziale Ausgrenzung. Deshalb war meine Antwort auf obige Frage dann natürlich auch ein „Klar, du musst sogar! Wenn sie ihre Ruhe haben will, wird sie es dir sagen. Dann nimmst du das nicht persönlich und bist nicht beleidigt und kommst halt wieder her…“

Eigentlich ist es garnicht so viel, was man wissen muss, wenn man trösten und begleiten will. Zuhören ist oft wichtiger als Reden, eine Umarmung kann mehr ausdrücken als viele Worte es vermögen. Man sollte den Leidenden nicht unter Druck setzen und ihm die Zeit lassen, die er braucht und man sollte sein Leid und seine Trauer anerkennen und nicht versuchen, sie ihm auszureden. Wie genau man das machen kann, das ist Inhalt dieses sehr schönen Ratgebers von Schäfer, der nicht nur kurz auf „theoretische“ Aspekte von Leid und Trauer eingeht, sondern sich im Wesentlichen mit der Sprache befasst. So gibt er eine ganz kurze Übersicht über die Wirkung von Sprache auf den Hörenden, den im Gesprochenen schwingen ja immer auch noch verborgende Botschaften mit bevor er dann ausführlich mit Beispielen verdeutlicht, wie man etwas „falsch“ bzw „richtig“ formulieren kann, so daß der Leidende tatsächlich Trost erfährt und nicht z.B. unter Druck gesetzt wird oder er sich aus anderen Gründen zurückzieht.

Dem Buch merkt man an, daß hier eine lange praktische Erfahrung mit eingeflossen ist. Die Sprache ist klar und deutlich, sie kommt schnell auf den Punkt und stellt das heraus, was wichtig ist. Zwar ist der theologische Hintergrund des Verfassers erkennbar, aber er beherrscht das Buch nicht und bleibt immer nur als Hintergrund, so daß sich niemand, auch davon abhalten lassen braucht.

Natürlich ist das Buch von Schäfer keine Lektüre, die man normalerweise aus Spaß an der Freude liest. Aber so ganz verkehrt ist es eigentlich nicht, sich auch mal mit diesem Thema zu befassen, denn Trauer kann schnell eintreten und Begleitung verlangen, schon ein Krankenhausaufenthalt eines Verwandten oder Bekannten kann durch gelungene oder misslungene Begleitung erleichtert oder unnötigerweise erschwert werden.

Facit: ein sehr schön gelungenes und praxisnahes Buch zu einem schwierigen Thema, das wir schon fast verlernt haben….

Klaus Schäfer
Trösten – aber wie?
Ein Leitfaden zur Begleitung von Trauernden und Kranken
Verlag Pustet, 2009, broschur, 175 S.

Kurzlink des Beitrags: http://wp.me/paXPe-1Zg

4 Kommentare zu „Klaus Schäfer: Trösten – aber wie?

  1. Welch einfühlsame Kommentare!
    Wieviel Versuch sich in Trauernde hinein zu versetzen!
    Das tut gut!
    Trauernde spüren, wenn es jemand ernsthaft, ehrlich meint, in aller Hilflosigkeit, aber nahe sein.
    Ein Satz „Ich kann dir jetzt nur meine Tränen schenken“
    besser als tausend Wort irgendwo herbeigeholt.

    Danke immer wieder für die Auswahl der Bücher, ich lese sie immer wieder voller Neugier.

    Sonnige Tage allen Buchstabenfreunden in Ost und West!
    Cornelia Gorenflo

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    1. Ach, da freu ich mich jetzt aber über Ihren Kommentar, seit der „Frühjahrslyrik“ ist ja doch etwas Zeit ins Land gegangen…. Ich wurde übrigens letzte Woche gerade wieder an Sie erinnert, als ich Ihr Buch im Regal meiner Buchhandlung gesehen habe….

      Ich sende Ihnen ganz liebe Grüße aus einem in rosa Sonnenaufgangsnebel gehüllten Taunus!

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  2. Was ich persönlich (menschlich) sehr hart finde, ist, wenn jemand Sorgen hat und sie einem anderen erzählt, woraufhin dieser sowas sagt wie: „Das nennst du Sorgen?! Dann schau dir mal an, wie es mir oder xy geht!“ Und damit scheint das Thema erledigt.
    Jeder empfindet Sorgen und seelische Belastung anders und ich finde es sehr vermessen, wenn man die Sorgen eines anderen abtut, weil es irgendwo auf der Welt etwas gibt, das allgemein gültig als schlimmer empfunden wird.

    Wie du oben schon angedeutet hast, ist vielen Menschen die Fähigkeit zuzuhören und zu trösten abhanden gekommen. Dinge werden mit einem „Kopf hoch“ abgetan und der Themenwechsel erfolgt rasch. Dabei bedarf es selten einer ultimativen Lösung und manchmal geht es auch nicht darum, den anderen aufzubauen, denn in schwierigen Momenten kann es auch helfen, sich einfach mal die Zeit und Geduld zu nehmen, dem anderen zuzuhören und dazusein, ihn einfach mal aussprechen zu lassen, was in ihm vorgeht, ohne ihm mit klugen Ratschlägen ins Wort zu fallen.

    Andererseits kenne ich auch die Hilflosigkeit des Zuhörenden. Was soll man dazu sagen? Was kann man tun? Dass man meistens nicht viel tun kann und es nicht immer großer Taten bedarf, macht einen hilflos und manchmal möchte man die Sorgen des anderen auch einfach wegschieben, weil sich dieser Zustand so komisch anfühlt.

    Ein schwieriges Thema und eigentlich bin ich kein großer Fan von Ratgebern, weil jene Sorte von Literatur oft ein gutes Geschäft mit den Sorgen der Menschen ist. Doch dieses Buch scheint eine Ausnahme zu sein.

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    1. Was ein langer, ein schöner Kommentar! Hab ganz herzlichen Dank dafür, liebe Ada!

      Ja, du hast recht, mit so einer Bemerkung wie du sie im ersten Absatz beschreibst, ist soviel Vertrauen verspielt, daß eine Begleitung, ein Trost durch diesen Menschen fast unmöglich wird. Er muss danach schon sehr bemühen, noch einmal neues Vertrauen aufzubauen…

      Und noch mal „Ja“: es geht nicht um fertige Lösungen und auch nicht um Weisheiten, die man verbreiten soll. Da sein, zuhören, Zeit haben, mit-leiden ohne zu bemitleiden, das ist die „Kunst“. Und Ehrlichkeit! Lieber ein: „Das kann ich dir auch nicht sagen, da bin ich genauso ratlos…“ als eine fadenscheinige Erklärung, die eh sofort als unglaubwürdig erkannt wird.

      Du erwähnst die Hilflosigkeit des Zuhördenden, dieses Gefühl: du müsstest doch jetzt was machen, sagen und du weißt nicht was das richtige wäre…. Ja, kenn ich auch. Aber man muss sich davon freimachen, daß man unbedingt etwas „machen“ muss, etwas sagen muss. Das Gefühl vermitteln, daß der Andere nicht allein ist, daß jemand da ist, der zuhört, der sich Zeit nimmt, ist viel wichtiger als das Reden. Das kommt dann schon wieder von alleine an passender Stelle…. ja, das ist manchmal schwierig auszuhalten, man wird unruhig und selber ein wenig traurig.

      Oft vergisst man es zu sagen: wenn man jemanden „erfolgreich“ getröstet hat, vielleicht sogar mit jemandem geweint hat, das gibt einem selbst auch viel zurück. Das Gefühl, ja, du konntest jetzt jemandem helfen, vllt sogar ganz praktisch bei der Hausarbeit, beim Einkaufen o.ä. ist für den Helfenden selbst eine sehr positive Bestätigung…. und das ist gut so!

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