Peter Härtling: Felix Guttmann

23. September 2011

Kurz nach der Jahrhundertwende wird im Jahr 1906 in Breslau Felix Guttmann geboren. Er ist das einzige Kind eines liberalen jüdischen Tuchhändlers und seiner Frau, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. Das Reglement im Haus ist streng, der Vater ist die unumstrittene Herrscherfigur, die Mutter spielt im Leben des Jungen kaum eine Rolle, tritt auch gegenüber dem Mann kaum in Erscheinung. Daß sie, wenn der Mann mit dem Essen fertig ist, das Recht hat, ungefragt zu reden, ist kennzeichnend für ihre Rolle. Dann ist da noch Elena im Haus, der gute Geist, die einzige Person, von der der kleine Felix so etwas wie Zuwendung erfährt. Aber wir wollen ihn nicht allzusehr bedauern, auch wenn seine Kindheit in dieser Beziehung nicht sehr reich war. Ferner dürfen wir Onkel Jona nicht vergessen, den körperreichen Schneider, den er so gerne besuchte und ihm unter dem Tisch sitzend bei seinen Erzählungen, zuhörte. Bei ihm fühlt sich der kleine Felix wohl, dies soll so bleiben, bis Onkel Jona viele Jahre später dem Moloch zum Opfer fällt.

In dieser Umgebung wird Felix groß, oder sagen wir richtiger, wächst er auf, denn groß wird er nicht, er bleibt ein schmächtiges Jüngelchen, das sich gegen die Spielkameraden im Hof kaum durchsetzen kann. Einmal macht er die Erfahrung, daß klug gesetzte Worte einen Streit vermeiden und ihn als „Sieger“ hervorgehen lassen können, ansonsten ist er eher geduldet unter den gleichaltrigen Kindern. Schlimm wird es, als 1914 der Weltkrieg ausbricht, der nachher der „Erste“ genannt werden sollte: ihm kam die Rolle des Feindes zu, des Franzmanns, des Russen, weil er doch der Jud war, bei dessen Schwänzel etwas fehlt, so kreischen sie ihn an.

So wird der hochintelligente Knabe vorwiegend alleine groß, in einer Phantasiewelt, die er sich schafft, in der er lebt und die er auch seinen Eltern vorlebt. In der Schule hat er keine Schwierigkeiten mit dem Lernen, nur Freunde findet er nicht. Bis, ja bis der neue kommt, den es nach Breslau verschlagen hat, der Casimir Liebstock, ein hochgeschossenes, dürres Stück Mensch. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen, doch beschränken sie sich, um die Spannung zu steigern, für die ersten Wochen auf einen Briefverkehr zwischen ihnen, der ihrer beider Leben darlegt; bei der persönlichen Begegnung in der Klasse oder auf dem Hof geben sie sich fremd. Es soll eine Freundschaft werden zwischen den beiden auf Lebenszeit.

Obwohl körperlich klein geblieben, merkt Felix schnell, daß die Mädels, später dann die Frauen, ihn mögen. Er erwidert dies. Und so teilen sie jede für sich, manchmal gleichzeitig, eine Lebensstrecke mit Felix: Irene, Mirijam, Katja, Laura und Olga… in Breslau, später dann in Berlin, wohin er zum Studium der Rechte geht, nicht ohne vorher seinen Vater davon überzeugen zu müssen. Im Kreis um Casimir und Laura wird politisch gedacht, Felix hält sich zurück, teilt vielleicht ihre Ansichten und ihre Ablehnung des herrschenden Regimes und des sich am Horizont abzeichnenden Unglücks, wiegelt aber gerne ab, es wird schon nicht so schlimm werden, Hitler in Haft, er wird doch kaum zurückkommen…. Felix zieht sich in die Rolle des Beobachters zurück, wenn überhaupt, mehr verdrängt er eigentlich als daß er beobachtet, was um ihn herum geschieht. Zusammen mit Mirijam durchstreift er die Berliner Nächte in Theatern, Shows und Kabaretts, das ist seine Welt hier, dort fühlt er sich wohl. Dieses Sich-nicht festlegen wollen, sich nicht einbinden lassen wollen, beherrscht auch seinen privaten Bereich. So sehr er auch liiert ist, die Frage nach der Hochzeit, dem Heiraten, beantwortet er immer mit „Nein“, auch um den Preis der Trennung willen.

Das Studium geht ihm gut von der Hand, er wird zum Doktor der Rechte, macht sich selbstständig mit einer Kanzlei. Sein erster Fall, ihm von einem ihn protegierenden Kollegen ihm vermittelt, ist gleich ein politischer, sein grenzdebiler Mandant wird verurteilt und suizidiert sich später. Felix verlegt sich in der Folge auf Scheidungen… dann wird ein Gesetz erlassen, daß jüdischen Anwälten die Lizenz entzieht, Felix steht (wie viele andere) vor dem beruflichen Aus [5]. Jetzt kann selbst Felix nicht mehr verdrängen, zumal das Straßenbild immer brauner wird. Die Freunde, immer noch Freunde, müssen fliehen, werden verfolgt, Casimir muss ausser Landes gehen, Laura verschwindet… Sommerfeld, sein anwaltlicher Protegé, nimmt ihn mit zu jüdischen Organisationen und jetzt, in der Verfolgung, fängt Felix an, sich als Jude zu begreifen. Er arbeitet im Palästinaamt, in dem Ausreisen von Juden organisiert werden, nicht ohne, daß ihnen vorher noch das letzte abgepresst wird. Aber immerhin, noch läßt man sie um ihr irdisches Vermögen erleichtert, gehen. In letzter Minute, nach einem Termin bei Eichmann, in dem er über Casimir ausgefragt wird, kann auch Felix das Land noch verlassen. Die nächste Dekade seines Lebens verbringt er in Israel, mit einem israelischen Pass wird er in US-Uniform Deutschland 1948 wieder betreten. Er bleibt in Deutschland, arbeitet in Frankfurt als Rechtsanwalt, heiratet sogar, diesmal.

Felix Guttmann stirbt 1977, eine Straßenbahn erfasst ihn und schleift ihn mit sich.

Der Roman Härtlings umfasst nach der Kapiteleinteilung die Jahre 1906 bis 1977, jedoch ist die Zeit nach Felixs Flucht 1937 nur sehr andeutungsweise ausgeführt. So gibt das Buch eher ein Bild des Deutschland in dunkler und in seiner schwärzesten Zeit. Härtling verliert sich aber nicht in Details, er hält ebenso wie sein Held Abstand, deutet an, nennt Namen, aber wenn man diese Namen, so sie einem nichts sagen, googelte, bekäme man eine Zeitgeschichte Deutschlands zustande. So bin ich z.B. hier auch den Rexinger Juden wiederbegegnet, die mich neulich an anderer Stelle überraschten [4]. Stimmungen transportiert Härtling, leise, aber eindringlich, ein Geschichtsunterricht der besonderen Art.

Felix Guttmann ist kein reines Kunstprodukt, ihm liegt eine reale Person zugrunde, eine Person, die ihm nach „langer, vaterloser Zeit den Vater ersetzt hat.“ Denn Härtling bringt sich als Erzähler selbst ein in diesen Roman, versucht, sein Verhältnis zu klären zu Felix, den er geschaffen hat und der ein Eigenleben entwickelte im Lauf der Zeit und dessen Verhältnis zu der realen Person, die er dichterisch vertreten soll. So fließt auch biographisches ein in das Werk, das kalte Verhältnis zum Vater etwa. Aber da ich hier auch nur Angelesenes nachplappere, verweise ich in dieser Beziehung einfach auf die einschlägige Literatur… [1-3] zum Beispiel].

Facit: ein leiser und intensiver Roman über das Schicksal eines Einzelnen, der unpolitisch sein wollte, der sich aber den Zeitläuften nicht entziehen konnte.

[1] Bericht des hr über die Person, die dem Felix Guttman zugrunde liegt
[2] Biographisches zu Härtling aus der BücherWiki
[3] eine Buchkritik in der Zeit
[4] Wenn der Roman sich hier an die historische Wahrheit hält, war Felix Guttmann an der Ausreise eines ganzen Dorfes nach Palästina beteiligt
[5] Eine Dokumentation über die betroffenen jüdischen Anwälte in Berlin ist in Buchform erschienen: Simone Ladwig-Winters: Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933, be.bra Verlag, 2007

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