Leon de Winter: Hoffmans Hunger

28. September 2011

Er hatte Ehrfurcht vor der Erde, denn in der Erde lagen seine Kinder. Er hatte Ehrfurcht vor der Luft, denn in der Luft schwebte der Staub seiner vergasten Eltern.

Dieser Satz aus dem Roman, den ich meiner Besprechung voranstelle, umschreibt die Tragik des Felix Hoffman, der zum Zeitpunkt der Handlung, in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1989, im Alter von 59 Jahren als Botschafter der Niederlande in Prag lebt und arbeitet: Sein Leben ist beherrscht vom Tod, vom Verlust all derer, die ihm lieb waren, die seinem Leben einen Sinn gegeben haben. Die Verzweifelung, die Sinnlosigkeit all dessen treibt ihn zum einen in die Suche nach einer Antwort auf all die Fragen, die ihn umtreiben und sie treibt in einen latenten Suizid, da er gegen besseres Wissen nicht davon abläßt, seinen Körper zu zerstören.

Hoffmann, 1930 geboren, wurde von seinen Eltern, holländischen Juden, während der Besatzung bei einem christlichen Bauern versteckt, wo er im Dreck lebte, im Schweinestall schlief und lernte, Schinken zu essen. Dort las er im Schein fackelnder Petroleumfunzeln, die Bücher, die der dem Selbstegbrannten frönende Bauer ihm gab: Rilke, Morgenstern, Hölderlin – „Dichtungen aus dem Grenzgebiet zum Wahnsinn.

Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir usn mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.

Er verstand nicht, daß seine Eltern ihn verließen, allein zurückließen und ihn auch nach der Befreiung 1944 nicht abholten. So irrte er herum, wurde schließlich aufgelesen und kam in einer holländischen Familie unter. Langsam verstand er, daß seine Eltern ermordet worden waren, in ihrem eigenen Versteck verraten wurden von Kollaborateuren.

An der Uni verliebte sich der junge Felix in Marian, sie heirateten und bekamen die Zwillinge Esther und Marjiam. Es waren glückliche Zeiten für die Familie, die durch den Dienst des Mannes im Diplomatischen Corps viel in der Welt herumkam. Dann wurde Esther krank, bekam Fieber, die Ärzte konnten ihr nicht helfen. Schließlich wurde Leukämie diagnostiziert. Felix verdrängt diese Diagnose, verdrängt die Tatsache, daß Esther im Sterben liegt, doch diese flüstert ihm zu: „Ich weiß es, Papa…“, ein Satz, der Felix sein vor ihm liegendes Leben verfolgen wird.

Felix kann Esthers Tod nicht verwinden, rasend vor Verzweifelung fängt er an zu saufen, er hurt herum und hat seine Fressgier nicht mehr unter Kontrolle. Und er hört auf zu schlafen. Er beginnt, sich selbst zu hassen. Aber auch Esthers Schwester, Mirijam, wird an ihrer Seele krank, kann den Tod Esthers nicht ertragen. Sie wird ein schwieriges Kind für die Familie und verläßt diese früh in ein tragisches Schicksal, auch sie wird jung sterben. Seine Frau Marian dagegen vertieft sich immer weiter in ein Buchprojekt, das nie enden wird, die Ehe der beiden besteht nur noch auf dem Papier.

Dieser wenig diplomatische Mann also sitzt jetzt in Prag, vor seiner Pensionierung wider Erwarten doch noch zum Botschafter ernannt in seiner Wohnung. Seine Nächste verbringt er in der Küche vor dem Kühlschrank, den er systematisch leert, das Essen wird mit Alkoholika aller Art hinuntergespült. Ist der Magen voll, wird er über der Kloschüssel wieder geleert, um neues Essen aufzunehmen. de Winter gibt uns in seinen exkrementellen Abschnitten detaillierte Erläuterungen der Hofmannschen Verdauungsvorgänge…. Dabei liest Hoffmann Spinoza, dessen Werk „Abhandlungen“ hat einer seiner Vorgänger in der Wohnung zurückgelassen und Felix fängt an, es zu studieren. Er ist fasziniert von der logischen Gedankenführung des Philosophen, der über die Klarheit des Denkens, die Reinheit des Geistes zur Erkenntnis kommen will und über die Erkenntis zu Gott. Während des Lesen schweifen seine Gedanken ab in seine eigene Geschichte, er erinnert sich an seine Vergangenheit, die er wiederholt durchlebt und durchleidet.

Die Zeiten im Sommer/Herbst 1989 sind unruhig, die politischen Weltenläufte sind dabei, sich aufzulösen. In diesem Umfeld ist als Nebenhandlung eine kleine Spionagegeschichte eingebettet, in der zwei weitere unglückliche Männer eine Rolle spielen, von denen einer Hoffman sogar kennt. Diese Handlung läuft weitgehend unabhängig und parallel zu der Hofmanschen Geschichtel, sie ist für die Quintessenz des Buches im Grunde entbehrlich. de Winter läßt – gemessen an der Ausführlichkeit, mit der er auf Hoffman eingeht – auch einiges an Fragen offen, die sich aus dieser Nebenhandlung ergeben, gegen Schluss des Buches überstürzen sich die Ereignisse, nicht nur im Ostblock durch die Öffnung der Mauer, sondern auch im Hoffmanschen Leben. Hier malt de Winter mit grobem Pinsel.

Hoffmans Hunger ist kein Hunger im üblichen Sinn, so wie wir ihn alle kennen. Felix unterliegt einem krankhaften Esszwang wider besseren Willens, mit geradezu suizidaler Tendenz. Wie kann er am Leben sein, das Leben verdient haben, wenn seine beiden Töchter es nicht mehr haben, tot sind? Mirijam, seine zweite Tochter, ist diesen Weg in den Tod noch konsequenter gegangen. Sie, die sich als Schwester die Schuld gab am Tod Esthers (aus dem sicheren „Wissen“ heraus, daß der kindliche Eifersuchts und Zorneswunsch „Ich will, daß du tot bist!“ in Erfüllung gegangen ist), sie verkauft ihren Körper und richtet ihm mit Drogen zugrunde. Der Unterschied zu Hoffman liegt darin, daß dieser die weicheren Droge bevorzugt, das (übermäßige) Essen und den Alkohol, so dauert es bei ihm länger. Angedeutet hat sich diese Handlungsoption von Hoffmann schon nach dem Krieg, als er von Heins Familie aufgenommen wurde. Auch da stopfte er sich schon Essen in seinen Körper hinein, solange es auf dem Tisch stand. Nur bot das Leben ihm in dieser Situation noch Perspektiven, so daß er diese Fressgier nicht auslebte, sondern sie kontrollierte.

Unser Titelheld kann das, was er aufnimmt, nicht verarbeiten, sprich: verdauen. Der Körper scheint förmlich an der Substanz zu ersticken, er windet und wehrt sich in Krämpfen, Schmerzen durchfahren Hoffman und die Ausscheidung, wenn sie denn kommt, gleicht eher einer wiederum von Schmerzen begleiteten Eruption des Körpers als dem normalen Verdauungsvorgang. Und so, wie er über seinen Körper die Kontrolle verliert, verliert er sie auch immer öfter über sich selbst: er läßt sich gehen, fällt in Gesellschaft unangenehm auf, betrinkt sich, besudelt sich auf Empfängen und erleidet schließlich eine Herzinfarkt (der ihn aber keineswegs davon abhält, weiter zu saufen). Einzig der Gedanke an Irene, die den Zusammengebrochenen gefunden hat, der „Hunger“ nach dieser Frau, deren Rolle innerhalb der Spionagegeschichte aber unklar bleibt, gibt ihm ein wenig Lebensmut, der will diese Frau spüren, sich in ihr verlieren, selbst wenn er sie dafür kaufen muss…..

Sein Hunger ist aber auch als Sinnbild zu sehen, als Hunger nach Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach Gott. Und so stürzt er sich in seinen wachen Nächten auf die Sätze Spinozas, die den Verstand und seine Art zu arbeiten, analysieren. Sie werden Hoffman zu einer Art Liturgie werden, denn mit einem gereinigten Verstand kann man die Prinzipien der Natur erkennen und damit auch die waltende Hand Gottes.

So ist dies Buch zweierlei: zum einen die faszinierend dargestellte und geschilderte Lebensgeschichte eines tragischen Helden, dem der Tod zweimal alles genommen hat, was ihm das Leben wert machte (und der diese Verluste nie in sein Leben integrieren konnte) und es ist eine kleine Einführung in ein Werk des jüdisch-spanisch-holländischen Philosphen Spinoza. Ich gebe zu, über diese Ausführungen bin ich teilweise hinweggegangen, sie waren Unterbrechungen im Lesefluss, die ich nicht wollte. Das alles eingebettet in die Wirren, die mit der politischen Umwälzung am Ende des Jahres 1989 einhergehen, bildet der Roman auch diese bewegte Zeit ab.

Facit: Ein wunderbarer Roman mit etwas viel Spinoza…..

Leon de Winter
Hoffmans Hunger
aus dem Niederländischen übersetezt von Sybille Mudot
Diogenes
Erstausgabe 1990 Amsterdam

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3 Responses to “Leon de Winter: Hoffmans Hunger”


  1. Verehrter flattersatz,

    was für eine Fortsetzung! Für mich ist die Geschichte zu extrem in allem und genau das ist wohl auch der Grund, weshalb ich den Roman nie gelesen habe. Deine wunderbare Rezension durchleuchtet das Buch bis ins kleinste Detail, dafür danke ich dir, doch lesen werde ich es immer noch nicht. Es freut mich dafür um so mehr, dass es dir gefallen hat.

    Viele Sonnengrüße zum Wochenstart,

    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      liebe klappentexterin,

      du hast sicher recht, es ist ein dunkles buch, ein düsteres. wenig nur bietet es zum lächeln oder fröhlich sein. die schicksale, die es uns schildert, sind traurig und verzweifelt, man möchte ihnen helfen und kann es nicht….

      ich danke dir für die sonnengrüße, heute hat die sonne noch geschienen, aber man ahnt, daß jetzt der herbst mit wind und fallenden blättern sein regiment ergreifen wird…

      liebe grüße
      flatter satz

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  2. […] Seine Unsicherheit kompensiert er durch sehr viel Essen (Dieses Gebaren erinnert mich stark an Leon de Winters – Hoffmans Hunger). Autor McEwan setzt auf eine Prise Slapstick: Vor einem Vortrag über den Klimawandel futtert er […]

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