Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater

24. Januar 2010

Demenz, ob nun vom Alzheimer-Typ oder auch andere, ist eine Krankheit, die uns besonderen Schrecken einjagd, da sie das „menschliche“ im Menschen angreift, zum Verschwinden bringt. Sieht man dementiell Erkrankte, ist man nur zu schnell dabei, apodiktisch festzustellen: „So will ich nicht leben“. Insofern ist das Schicksal von Walter Jens, einem der bekanntesten deutschen Publizisten, von besonderem Interesse, da er in seinen gesünderen Tagen vehement das Recht auf einen menschenwürdigen Tod forderte und verteidigte [1], und darunter eben auch die Folgen einer dementiellen Erkrankung verstand. Vor dem Lesen der Krankengeschichte ist es daher interessant, sich noch einmal die älteren Ausführungen von Jens durchzulesen.

Demenz ist heutzutage kein gesellschaftliches Stigma mehr, sie wird mehr und mehr öffentlich gemacht. Die Geschichte von Walter Jens ist ja nur ein Beispiel, unvergessen auch die Art, wie sich Ronald Reagan 1994 in einem Schreiben an die Amerikaner in die Demenz verabschiedete [2]. Charlton Heston, Inge Meysel, der Geiger Helmut Zacharias, Maggie Thatcher, Herbert Wehner – alles dementiell Erkrankte, denen Millionen nicht Prominenter gegenüberstehen, für diese jene das gesellschaftliche Stigma zumindest reduziert haben. Über Verwirrte, Alzheimerkranke kann man heute reden, ohne schief angesehen zu werden. Und das ist gut so.

Alzheimer zerstört das Gehirn. Die Krankheit ist destruktiv, sie bringt nichts neues hervor. Aussagen von Verwandten oder Bekannten: „Sie ist völlig verändert, das hat sie früher nie gemacht… das ist ganz neu“ umschreiben nur, daß im Zuge der fortschreitenden Erkrankung gesellschaftliche, persönliche oder auch anders motivierte Schranken, Konventionen nicht mehr eingehalten werden. Anschaulich gesagt, hat der-/diejenige früher das „Ar***loch“ nur gedacht, wo es jetzt lautstark in die Gegend gebrüllt wird…. Vergegenwärtigt man sich das, sind manche Verhaltensänderungen, die bei Erkrankten zu beobachten sind, sehr erstaunlich….

… und Alzheimer ist nicht tödlich. Man stirbt nicht an Alzheimer, sondern an irgendeiner anderen Erkrankung. Körperliche Gesundheit bedeutet also ein langes dementielles Leiden…..

Im Internet ist eine Vielstzahl von Informationen zum Thema zu bekommen, hier verlinke ich nur stellvertretend auf die Internetseite der Alzheimer-Gesellschaft [3]. Auch regional gibt es oft „Demenz-Wochen“ und ähnliche Veranstaltungen, in denen man sich meist sehr profund informieren kann.

Tilman Jens beschreibt in seinem kleinen Buch den Leidensweg seiner Vaters, des berühmten Publizisten, Rhetorikers und Redners Walter Jens. Es ist der „übliche“ Leidensweg, den Jens durchmacht, Wortfindungsschwierigkeiten, Orientierungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Angst vor dem Verlassen werden wechseln mit Phasen wieder verbesserten Zustands. Tilman Jens korreliert den Ausbruch der Krankheit (im Verborgenen hat die Zerstörung des Hirns ja schon Jahre früher eingesetzt) mit dem Auftauchen der Karteikarte, auf dem die NSDAP-Mitgliedschaftsnummer von Walter Jens notiert war [4]. Ein Schock, für Walter Jens und später, als dies einer breiteren Öffentlichkeit und der Familie bekannt wurde, auch für diese. Die moralische Instanz Walter Jens als Parteimitglied, schlimmer noch für seinen Sohn, als jetzt, nach dem Bekanntwerden, Lavierender, nichts mehr Wissender, schwammig in den Aussagen und Ausreden, war zum einen ein Schock, reiht sich aber „mühelos“ in andere, vergleichbare Schicksale ein: Günther Grass (Waffen-SS) und Marcel Reich-Ranicki (polnischer Geheimdienst) sind ein paar derjenigen, die einem da einfallen und die auch im Buch erwähnt werden. Gemeinsam ist ihnen, daß sie Jahrzehnte verdrängt haben und dann, nach dem Bekanntwerden, die Boten, d.h. die Journalisten, die enttäuschte und auf Aufklärung beharrende Öffentlichkeit (als Boten der schlechten Nachricht) „hängen“ wollen. Wieviel einfacher, das ist es, was keiner versteht, wäre eine frühzeitige Offenlegung gewesen, es waren damals junge Menschen, in Deutschland sind schlimmere Lebensläufe ohne Bruch weitergegangen. Der Sohn widmet einen großen Teil seiner Biographie dieser „Schweige-Krankheit“. Sein Vater, so vermutet Tilman Jens, ist letztlich daran zerbrochen.

Überhaupt ist im Hause Jens vergessen, verdrängen ein von Tilman Jens mehrfach beschriebene Verhalten. Beatus und Beate Jens, die bei/kurz nach der Geburt verstorbenen Geschwister sind kein Thema in der Familie: „Trauer und Abschied, Probleme, die sich einer raschen Lösung verweigerten, hatten in meinem beredten Elternhaus nicht sehr viel Platz“ [S. 100]. Überhaupt vermittelt das Erzählte den Eindruck, daß in diesem intellektuell geprägten Elternhaus die emotionale Seite zu kurz kam [5]. Gute-Nacht-Geschichten, Tischgebete, Lieder, Hühner füttern: das gab es beim Wahlopa, dem Nachbarehepaar Schaich. Aber auch dessen Lebenslauf ist gebrochen, wie Tilman spät erfährt.

Verdrängung: lange Zeit geben sich die Familienangehörigen mit der ärztlichen Diagnose „Depression“ zufrieden. Die offensichtlichen Symptome, die die Ärzte aus welchen fadenscheinigen Gründen auch immer, nicht richtig deuten, nehmen auch sie nicht zur Kenntnis, vllt sogar beruhigt, hat Walter Jens doch schon einmal in den 80er Jahren eine Depression überwunden. Wird hier der Prominenz des Kranken die niederschmetternde Wahrheit geopfert?

Verdrängung: wer wollte es der Familie verdenken, daß sie ihrem Mann, dem Vater die richtige Diagnose nicht sagten? Sie halten ihn hin, verweisen auf die Entzugserscheinungen seines übermäßigen Arzneimittelkonsums, auf die früher schon einmal durchlittene Depression. Ein Fehler dies, sicher. Denn dieses Schweigen macht den Abschied unmöglich. Ein letztes Gespräch mit dem Vater hätte nur im Angesicht der Wahrheit sein können, nur diese hätte die Chance geboten, offen zu sein für eine letzte Aussprache, für Tränen und Trauer und Abschied. Vertan die Chance, unwiderbringbar. Aber wer wollte es ihnen verdenken? Einem Menschen zu offenbaren, daß er verwirrt ist und seine Demenz immer schlimmer werden wird – ist das zuviel für einen Menschen zu tragen? [6]

Jens war ein vehementer Verfechter der Würde des Lebens, zu der er auch und gerade die Würde des Sterbens zählte. Ein humaner, selbstbestimmter Tod, das ist es was er postulierte. Ein Tod im Kreis der Familie, die Frau an seinem Bett (sie soll ja nicht vorher sterben!), so wäre nach Jens der wünschbare Tod. Und auch die aktive Sterbehilfe vertrat er, seine literarischen Vorbilder auch in dieser Hinsicht beispielgebend. Im unten angegebenen Aufsatz: „Si vis vitam para mortem“ [1] vertritt er diese Meinung wortgewaltig – aber praxisfern. Dies aus literarischen Betrachtungen ableitend verdrängte er, daß im „richtigen Leben“ auch danach handeln muss: im Hause Jens gab es weder eine Patientenvollmacht noch Betreuungsverfügung, mit den entsprechenden Problemen, die jetzt die Familie hat, wenn es um eine Unterbringung geht, da die Mutter selbst für ein paar Wochen ins Krankenhaus muss [7].

„Ihr Lieben, es reicht. Mein Leben war lang und erfüllt. Aber jetzt will ich gehen.“[S.132] Walter Jens äußert diesen Wunsch und die Familie will ihn respektieren, Vorkehrungen sind getroffen. Doch dann auch kurz darauf dieses: „Aber schön ist es doch!„. Nein, dies klingt nicht nach Todeswunsch und so unternimmt die Familie nichts mehr.

Schlimme Wochen folgen, bis Walter Jens eine Pflegerin findet [8], die ihn als das nimmt, was er ist, die bodenständig ist und keine Probleme mit ihm, den sein Sohn jetzt den „kreatürlichen“ Vater nennt hat. Walter Jens auf der Stufe eines Kindes, lernt wieder lesen, spielt mit Puppen, sitzt mit Begeisterung vor dem Hasenstall und füttert die Hasen mit Möhren (er, der den Kindern wegen seines Asthmas nie Haustiere erlaubte)…. Er hat Spaß an einem Leben, „…das – wie er einst dachte [1], im Sinne des Humanen keines mehr ist.“ [S. 139]

Facit: Die Erkrankung seines Vaters auf diese Art und Weise publik zu machen, hat Widerspruch hervorgerufen. Aber es ist der richtige Weg. Dementiell Erkrankte sind kein Makel, jeder kann daran erkranken und es ist wichtig, daß die Gesellschaft dies versteht. Und daß sie versteht, daß auch ein dementiell Erkrankter Lebensqualität haben kann – anders wie früher, anders wie wir Gesunden, aber er kann! Bei aller Kritik, die der Autor an seinem Vater übt, spürt man die innige Beziehung, die zwischen beiden herrscht. T. Jens schreibt sich seine Trauer von der Seele und kommt so mit seinem Vater und mit sich ins Reine.

Links und Anmerkungen:

[1] Walter Jens: „Si vis vitam para mortem“, in Hans Küng, Walter Jens: Menschwürdiges Sterben, verschiedene Ausgaben

[2] Brieftext des „Abschiedsbriefes von R. Reagan

[3] Internetseite der Alzheimer-Gesellschaft

[4] mit „Jens Parteimitglied“ googlen bringt eine Menge der von Tilman Jens im Buch erwähnten Textstellen, Interviews und Zeitungsartikel

[5] Bezeichnend die Episode, in der T. Jens schildert, wie beeindruckt sein Vater von Werner Höfer war, daß dieser Stunden nach dem Tod seiner Frau ganz normal seine Fernsehsendung moderierte.

[6] Ich muss an dieser Stelle an Young („Die Hütte„) denken, der seiner „Gott“esfigur den Gedanken in den Mund legt, daß man die Unwahrheit sagt, um sich zu schonen, nicht um den Gegenüber zu schonen. Man selbst wolle den Konsequenzen der Wahrheit aus dem Weg gehen und deswege erniedrige man seinen Gegenüber, indem man ihn anlügt. Gilt dies auch hier??

[7] Die Schwierigkeiten, spezielle Einrichtungen für dementiell Erkrankte zu finden, kann ich aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen. Es gibt solche Heime und viele Pflegeheime haben auch solche Abteilungen, in denen man auf solche Erkrankungen spezialisiert ist. Das, was Walter Jens hier nach den Schilderungen seines Sohnes zugemutet wird, ist wirklich hart [S. 136/7]

[8] Ich persönlich bin der Überzeugung, daß eine Familie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in der Lage ist, einen dementiell Erkrankten adäquat zu pflegen. Zum einen überfordert es die Pfleger und auch der Erkrankte bekommt keine optimale Pflege mehr. Demenz ist organisch zwar die Krankheit eines einzelnen Menschen, sozial gesehen wirkt sie jedoch auf die ganze Familie zurück, denn man lebt auf einmal mit einem Menschen zusammen, den man nicht mehr kennt, schlimmer noch: der Verlust des früheren, geliebten Mannes/Vaters bedingt einen eigenen, schmerzlichen Trauerprozess bei den Familienmitgliedern, der nicht adäquat durchschritten werden kann unter der Belastung der Pflege.

zur Besprechung des zweiten Buches von Tilmann Jens: Vatermord

Nachtrag vom 11. Juni 2013: Gestern, am 10. Juni 2013, ist Walter Jens im Alter von 90 Jahren gestorben. Zur Erinnerung und Würdigung ein Nachruf in der ZEIT.

Tilman Jens
Demenz
Abschied von meinem Vater
Gütersloher Verlagshaus, 2009, HC, 144 S.
ISBN-10: 3579069985
ISBN-13: 978-3579069982

Advertisements

3 Responses to “Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater”

  1. ck Says:

    Neben dem Umgang mit und der Beziehung zu einem Demenzkranken wirft dieser Text – wie du in deiner Rezension schreibst – sehr viele andere interessante Fragen auf, die die Bedeutung des Buches von der Ebene des privaten Leidens auf die Ebene des gesellschaftlichen Zustands übertragen. Besonders die Ausführungen zur „Schweige-Krankheit“ oder Jens‘ Gedanken zum würdevollen Leben und Sterben scheinen mir bemerkenswert. Danke für den Buchtipp.

    Gefällt mir

  2. Ina Degenaar Says:

    Hallo,
    ich bin eben zufällig auf diese Rezension gestoßen. Vor einiger Zeit habe ich ebenfalls auf meinem Blog über das Buch geschrieben und parallel dazu ältere Rezensionen gelesen. Die Unterstellung einer bekannten Kolumnistin, Tilman Jens habe seinen Vater mit „Demenz“ bloßgestellt, hat mich ziemlich befremdet. Soll dem Publikum vermittelt werden, dass schlimme Erkrankungen an bekannten Personen, erst recht bei einem Geistesmenschen wie Walter Jens, einfach abperlen? Letztlich sind auch sie nur Menschen, und Aufklärung gelingt nun mal besser, wenn die vielen Namenlosen sehen, dass auch Prominente nicht vor solchen Schicksalen gefeit sind.
    Bis auf einige „Hänger“ hat mir das Buch gut gefallen, sofern man das über einen Titel mit diesem Hintergrund so flapsig sagen kann.

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      liebe ina, herzlichen dank für deinen kommentar. ich gebe dir, was dieses buch von tilman jens angeht, völlig recht. es ist gut, wenn diese erkrankung aus dem gesellschaftlichen tabu geholt wird, gerade das traurige schicksal prominenter öffentlich anzusprechen ist der breitenwirkung wegen grundsätzlich zu begrüßen, die kritik daran zeigt wahrscheinlich eher eigene probleme der kritiker, damit umzugehen.

      was mich mittlerweile allerdings ein wenig seltsam anrührt, ist die ausdauer, mit der gerade tilman jens immer wieder in buchform über das schicksal seines vater berichtet. ich habe in den letzten wochen bei mir sowohl ein buch von ihm als auch eins seiner mutter (das wohl auf seine anregung hin entstanden ist) besprochen und dann gab es ja noch seine replik auf die ganzen kritiker von seinerzeit… wenn du magst, kannst du dir die besprechungen ja anschauen, sie stehen rechts in der liste der aktuellen beiträge…

      Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: