Monika Maron: Stille Zeile Sechs

2. Februar 2010

Rosalind Polkowski, Historikerin in Ostberlin, kommt zu der Erkenntnis, daß es eine Schande sei, für Geld zu denken. Ihr Arbeit über die proletarische Bewegung in Sachsen und Thüringen, der sie 15 Jahre vorher an der Barabasschen Forschungsstätte zugeteilt wurde, gibt sie folgerichtig auf. Es ist Mitte der 80er Jahre in der DDR, Rosalind erlaubt sich den Luxus eigener Gedanken.

Derart geistig unabhängig geworden wird sie eines Tages in dem Cafe, in dem sie sitzt von einem älteren Mann angesprochen. Dieser läßt sich von ihr, die offensichtlich aus der Menge ausgeschert ist, nicht abschrecken, sondern bietet ihr im Gegenteil eine Arbeit an – für ein nennenswertes Salär – in der sie schreiben, aber nicht denken muss. Sie nimmt diese Arbeit an und kommt so dazu, die Memoiren Beerenbaums, Wohnsitz: in der abgeschirmten Bonzensiedlung, Stille Zeile No. 6, die dieser wegen seiner kranken rechten Hand niicht mehr selbst schreiben kann, festzuhalten.

Beerenbaum ist ein alter Kader der Partei, proletarische Herkunft, Widerstand gegen die Nazis, Aufenthalt in Moskau (das berüchtigte Hotel Lux), danach Aufbau der DDR. Repräsentant der Generation, die etwas aufbauen wollte und sich jetzt am erreichten festhält, da sie das Eingeständnis dessen, was sie wirklich erreicht haben, nicht aushalten würde: „... Beerenbaum einen ganzen Radschwung der Geschichte als sein Werk ansah, das er zu beschützen hatte, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand…“ [S. 139]. Und im gleichen Gedankengang dämmert ihr, daß ihr Tag, Rosas Tag, die Zeit ihrer Generation, erst kommen würde, wenn Beerenbaum tot ist.

Es ist eine bittere Auseinandersetzung, die in Rosa tobt, denn natürlich kann sie all das, was Beerenbaum ihr diktiert, nicht einfach nur schreiben und ansonsten ignorieren. Es erinnert sie an ihre eigene Geschichte, ihr eigener Vater ist Beerenbaums Generation, Kommunist und Schuldirektor, zeit seines Lebens überfordert und voller Angst, derart entlarvt zu werden. Diese Angst ist es, die sie zu Repressalien greifen läßt, die jeden freien Gedanken verbieten, verfolgen und ahnden läßt, diese Angst, einfach weggewischt zu werden in ihrer Unfähigkeit und Überforderung.

Die Auseinandersetzung zwischen Rosa und Beerenbaum spitzt sich zu, als Rosa erfährt, daß einer ihrer Freunde durch Beerbenbaums Denunziation für mehrere Jahre im Gefängnis gesessen hat. In ihren Gedankenspielen schlägt sie Beerenbaum, bis er blutet, aber auch die verbalen Auseinandersetzungen der beiden nehmen Beerenbaum mit. Er erleidet einen Schlaganfall, an dem er stirbt.

Damit wäre ich bei der Rahmenhandlung: Rosa läßt ihr Zusammentreffen mit Beerenbaum während der Zeit, in der sie auf seiner Beerdigung ist, an ihrem inneren Auge vorbei ziehen. So nimmt wohl auch Maron Abschied von der untergegangenen DDR und arbeitet ein Kapitel ihrer eigenen Geschichte in diesem Staat auf.

Facit: Ein einhelliges Facit fällt mir schwer. Das Buch widmet sich aus kurzer zeitlicher Distanz (so kurz wie Rosa ihre Geschichte mir Beerenbaum bei seiner Beerdigung aufarbeitet) der untergegangenen DDR. Es ist daher, zusammen mit dem literarischen Anspruch, den es erhebt, eine noch recht aktuelle Analyse, geprägt auch von vielen biographischen Elementen der Autorin Maron [1]. Das Buch liest sich recht schwer, da es zu einem großen Teil Gedanken wiedergibt, nur wenige Handlungselemente sind vorhanden. Anyway… es ist es wert, gelesen zu werden, es bringt – zumindest ansatzweise und – eine Antwort auf die Frage: wie konnte es dazu kommen….

Link:

[1] Christian Rausch, Repression und Widerstand, Marburg 2005, ISBN 3828888976

Monika Maron
Stille Zeile Sechs
Bertelsmann, Gütersloh, 1992, HC, 197 S.

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3 Responses to “Monika Maron: Stille Zeile Sechs”

  1. Cara Says:

    hm, eigentlich mag ich ja Romane, die geschichtliche Fakten von einer persönlichen Seite her aufarbeiten, aber ohne große Handlung könnte das dann doch wieder ein bisschen trocken werden…

    Gefällt mir


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