Burhan Sönmez: Istanbul Istanbul

Es fällt mir auf, daß Istanbul in den letzten Zeit häufiger ein Thema ist in den Büchern, die ich lese bzw. las [z.B. hier: Fatma Aydemir: Ellbogen oder  Sasha Marianna Salzmann: Außer sich]. Vor Jahren schon stellte ich im Zusammenhang mit Pamuk Orhans Erinnerung an Istanbul auch meine eigenen online, die ich gerade selbst noch einmal mit viel Interesse gelesen habe. Ja, das würde ich heute auch noch so schreiben! [vgl. Orhan Pamuk: Istanbul und ….eigene Erinnerungen]. Zu Anfang meiner Studentenzeit war ich häufig in Istanbul, praktisch jede Semesterferien. In der Gegend um die Hagia Sophia, die Sultan-Ahmed-Camii bzw. den Topkapi-Palast oder auch den Großen Bazaar kannte ich mich aus, teilweise besser als in meiner Uni-Stadt. Verändert hat sich Istanbul, in meiner Erinnerung ist es jedoch weiterhin die chaotische, laute, dreckige, fasznierende, betörende Kakophonie von Autolärm, Hupen, Schiffssirenen, Geschrei und Gerufe… So wie sie geteilt war auf zwei Kontinenten barg sie in sich Hell und Dunkel, Großmütiges und Niedertracht…


Burhan Sönmez legt mit seinem Roman Istanbul Istanbul ein Werk vor, daß die Stadt sogar zweifach im Titel trägt, so wie man häufig einen Ausruf verdoppelt, um eine besondere Tiefe des Gefühls anzuzeigen. Der Autor selbst ist kein gebürtiger Istanbuler, er stammt aus der Stadt Haymana, die einige -zig Kilometer südlich von Ankara in Zentralanatolien liegt, die aber von vielen Kurden bewohnt wird. So ist Sönmez selbst mit einer verbotenen Muttersprache aufgewachsen, möglicherweise ist diese Sprache und das damit verbundene Denken der Grund dafür, daß mich sein Text beim Lesen mit seinen vielen poetischen, bilderreichen Geschichten an den letzten Granatapfel des kurdischen Autoren Bachtyar Ali [Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel] erinnert.

Istanbul Istanbul ist ein Kammerspiel, im erschreckend wörtlichen Sinn dieses Ausdrucks: fast die gesamte ‚Handlung‘ spielt sich in einem Raum von einem Meter Breite und zwei Meter Länge ab, der keinerlei Einrichtung enthält, sondern der nur für bis zu vier Männer der Ort ist, der ihren momentane Lebensraum absteckt. Aus diesem Raum werden sie geholt – oder auch nicht geholt und sie erleben dieses Geholtwerden als eine besondere Form der Qual -, um verhört und befragt zu werden, in einer Art und Weise, die man im Mittelalter als hochnotpeinlich bezeichnete: sie werden geschlagen und getreten, mit Elektroschocks traktiert, die Knochen werden ihnen gebrochen, die Haut in Streifen geschnitten, sie müssen zusehen, daß und wie andere Gefangene gefoltert werden, weil sie selbst nicht antworten.

Das Verlies befindet sich unter der Erde, irgendwo in Istanbul. Symbolisch sind die vier damit schon so etwas wie begraben, es gibt ein ‚Oben‘ und ein ‚Unten‘, und während die Menschen, die im ‚Oben‘ leben, nichts ahnen von denen, die schon fast begraben sind unter ihnen, gewinnt für die Eingekerkerten die Stadt Istanbul immer mehr und immer stärker den Charakter eines Sehnsuchtsortes.

Es sind vier unterschiedliche Männer in dieser Zelle, die eine ist unter vielen. Zum einen ist dies der ‚Doktor‘, ein junger Student, ein Barbier, der jedoch studiert hatte und ein alter Mann aus Anatolien, der den Schergen sagte, brächten sie ihn nach Istanbul, würde er reden. Gegenüber, durch ein Gitter zu sehen, ist eine junge Frau eingesperrt, mit schwärenden Wunden, zugeschwollenen Augen, blutverkrustet. Sie können sich durch diese Gitter sehen und einfache Botschaften austauschen.

Die Männer sind unterschiedlich, aber in dieser Situation sind sie aufeinander angewiesen. Die völlig zerschunden von der Folter Zurückkehrenden, die wie Stücke Fleisch auf den Boden der Zelle geworfen werden, werden von ihnen gepflegt und umsorgt, soweit dies eben möglich ist: die Lippen vom Blut gereinigt und mit Wasser genetzt, gegen die ewig herrschende Kälte tief unter dem Boden der Stadt werden sie mit einer Jacke zugedeckt oder zwischen zwei Leiber von Zellengenossen gepackt…

Sie erzählen sich Geschichten, es sollen keine traurigen sein, damit ihr Mut und ihre Widerstandskraft nicht noch weiter gesenkt werden. Es sind märchenhafte Geschichten von Schiffen, die im Sturm auf dem Bosporus untergehen, von Nonnen, die vor Männer fliehen und die ihnen mit Witz entkommen, von einer alten Frau, der ein Schaf abgeluchst wird, in dem jeder sagt, es wäre ein Hund und sie letztendlich zweifelt und dann keine Lust hat, einen Hund an der Leine durch die Straßen zu zerren…

Wie Würmer im Erdboden hatten wir uns an die Dunkelheit und Feuchtigkeit gewöhnt.
Wäre da nicht die Folter gewesen, hätten wir ewig gelebt.
Brot, Wasser, ein wenig Schlaf, das reichte aus.

Die Zeit und das Gefühl dafür verschwimmt und verschwindet schließlich ganz, es ist keine Kategorie mehr für sie. Genauso gerät die Welt ausserhalb ihrer Zelle für sie immer weiter in Vergessenheit, es war, als wären wir nicht auf der Erde, sondern darunter zur Welt gekommen, von Tag zu Tag geriet uns ein weiteres Stückchen des Lebens draußen in Vergessenheit. War heiß das Gegenteil von kalt, kannten wir zwar noch das Wort heiß, erinnerten uns aber nicht mehr daran, wie es sich anfühlte. Nur in ihren Geschichten lebte die Welt da draußen immer wieder auf, in der realen Situation der Zelle sind die Männer auf die reine Existenz zurückgeworfen, auf das Hier und Jetzt, Vergangenheit und Zukunft lösen sich im Schmerz auf. [Es ist eine ein wenig absurde Tatsache, daß man diese Achtsamkeit auf die Gegenwart, auf das Hier und Jetzt zum Beispiel durch Meditation nur mit viel Übung erreichen kann, starker Schmerz dagegen führt einen in Sekundenbruchteilen in eine Gegenwart, in der man keinen Schmerz spürt, sondern im Gegenteil Schmerz geworden ist: er ist allumfassend und hat Zukunft und Vergangenheit aufgelöst.]

Hartes Brot, einen Kanister mit Wasser, schimmeligen Käse, mehr hatten sie in der Zelle nicht, in ihrer Fantasie jedoch saßen sie zusammen und tranken heißen Tee, rollten sich Zigaretten und genossen Raki zum Essen. Sie reichten sich gegenseitig den Zucker, gaben sich Feuer und bliesen den Rauch genussvoll in den Raum…

… und hörten dann wieder das Quietschen und Ächzen der Metalltür, die hart und metallisch klingenden Schritte der Wärter im Flur, die den nächsten holten oder einen zurückbrachten in eine der Zellen… und dann … hörte [man] nur das Blut, das aus Zinê Sevda aus dem Körper quoll und hinabrann, von ihren Zehen auf den Boden tropfen. 

Besonders ist die Figur des Barbiers Kamo, die anders ist und die sich auch abseits hält von ihren Zellengenossen, in dem sie sich in den Schlaf flüchtet. Sein Schicksal hat ihn zum Misanthropen gemacht, für ihn ist der Mensch von Natur aus schlecht, Kamo wurde zu demjenigen, der bei seinen ‚Befragungen‘ die Wärter seinerseits quält, in dem er sie lobt, denn sie, die Schergen, wären die, die ehrlich wären, die ihrer und der Menschen wahrer Natur nach leben würden: Lügen halten sie für unnötig. Sie verbergen die Wahrheit nicht. Sie machen sich ungeniert das Böse zu eigen. Ihr seid die ehrenwertesten Leute, die ich kenne, habe ich zu ihnen gesagt. Sie waren gerade dabei, mich in Stücke zu schneiden, bei lebendigen Leib, wie ein Tier auf der Schlachtbank. … Ich bewundere euch wirklich, … Ihr seid, wie ihr seid, sagte ich. Meine Worte regten sie auf, sie verloren die Beherrschung. … Sie brüllten vor Schmerz. …


Sönmez hat jedem der zehn Tage, den wir die Gefangenschaft dieser Vier begleiten, eine Geschichte gewidmet, die von einem der Männer erzählt wird. Zwischen diesen poetischen und märchenhaften Passagen sind immer wieder die Schrecken der Folter, des Wartens und des Zurückkehrens eingefügt und holen einen in die Realität der Dinge zurück. Die gesamte Situation erinnert (und dieses Buch wird im Roman auch explizit erwähnt) an das Setting des Dekameron: eine Gruppe von Menschen ist auf einem eng umgrenzten Raum versammelt und vertreibt sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten. Sicherlich ist es eine Art inverses Dekameron: während die zehn Männer und Frauen bei Boccaccio vor dem Tod geflüchtet sind, hat in Sönmez‘ Roman der Tod sie im Gegenteil zu sich geholt und sich dazu der Menschen bedient…

Je weiter die Zeit, die für die Gefangenen immer weniger greifbar wird, voranschreitet, desto mehr wird Istanbul bzw. das Istanbul an der Oberfläche, zu einem Zuflucht- und Sehnsuchtsort für die Seele. Immer mehr spürt man im Text eine Huldigung an diese Stadt durchscheinen, die durchaus in ihrer Polarität zwischen Schönheit und Häßlichkeit gesehen wird, zwischen hell und dunkel, gut und böse, alt und neu. Wir streifen mit Männern durch die Gassen der Stadt, blicken über das Dächermeer auf den Bosporus, sehen den Leanderturm, den Galataturm oder die Blaue Moschee (die alle auf dem Umschlagbild als Schattenriß abgebildet sind)…


„1980 gab es in der Türkei einen Militärputsch,“ erzählt Burhan Sönmez. „Eine Million Menschen wurden in unterirdische Gefängnisse gesteckt und tage-, wochen-, monatelang gefoltert.“ Er weiß das aus eigener Erfahrung: „Der Ort, an den man mich brachte, lag drei Etagen unter der Erde, eine Zelle von 1 x 2 Metern, genannt ‚das Dunkel‘. Es gab eine Eisentür. An manchen Tagen war man allein, an anderen waren zehn und mehr Menschen darin. Niemand konnte sich hinlegen, jeder saß oder stand – tagelang.“ [https://www.br.de/themen/kultur/burhan-soenmez-istanbul-istanbul-102.html, vgl auch: https://de.wikipedia.org/wiki/…1980]. Über dreißig Jahre später arbeitet der damals Neunzehnjährige, der Jahre nach England geflohen war (dort immer noch einen Wohnsitz hat) diese Erlebnisse auf, es liegt nahe, ihn in der Figur des Studenten zu suchen. Trotzdem ist die Handlung des Romans seltsam zeitlos (entspricht damit andererseits dem schwindenden Zeitgefühl der Männer), sie kann genauso gut in der heutigen Türkei spielen, aus der ja ebenso immer wieder Berichte über Folterungen von Gefangenen an die Öffentlichkeit dringen [vgl. z.B. hier: http://www.sueddeutsche.de/kultur/tuerkische-chronik-die-alten-foltermethoden-sind-zurueck-in-der-tuerkei-1.3164048]. Es bleibt auch nach dem Lesen dieses Romans ein nicht lösbares Rätsel, wie Menschen zu solcher Grausamkeit anderen Menschen gegenüber fähig sein können. Die Folterer bleiben ohne individuelles Gesicht, das Quietschen der Tür, die harten Schritte auf dem Betonboden: sie sind die Vorboten des nahenden Schmerzes, des Abholens und des bevorstehenden Verhörs. Vereinzelt kommt es zu Handlungen individuellen Widerstands, der jedoch – wie sollte es anders sein – erneute Grausamkeiten nach sich zieht.

Istanbul Istanbul zerfällt nur vordergründig in zwei Themata, in die die Huldigung an die Stadt, ja auch an ihre Überhöhung und in das Schicksal der Gefangenen. Auf einer tieferen Ebene brauchen die Eingekerkerten diesen Sehnsuchtsort Istanbul, in dem sich ihre Träume ansiedeln können, der ihre, die sie unter der Erde Würmern gleich , die man zertritt, vegetieren, Spiegelwelt ist an der Oberfläche ist: der Ort, ein paradiesischer Ort der Gegensätze, doch voller Harmonie und Leben, in den sie sich hineinversetzen können… So treffen die Vier sich am Ende des Romans in dieser Stadt, geniessen den frischen Fisch, trinken Raki und schauen vom Balkon aus über das sich unter ihnen ausbreitende Dächermeer der Häuser, das erst ganz weit hinten vom blauen Wasser des Bosporus begrenzt wird…

Istanbul Istanbul ist ein Roman, der weh tut, der notwendig ist – und leider wohl auch aktuell.

Burhan Sönmez
Istanbul Istanbul
Übersetzt aus dem Türkischen von Sabine Adatepe 
Originalausgabe: Istanbul Istanbul, Istanbul 2015
diese Ausgabe: btb, HC, 288 S., 1 Abb. (siehe vorstehender Text), 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9UM

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