Burhan Sönmez: Istanbul Istanbul

Es fällt mir auf, daß Istanbul in den letzten Zeit häufiger ein Thema ist in den Büchern, die ich lese bzw. las [z.B. hier: Fatma Aydemir: Ellbogen oder  Sasha Marianna Salzmann: Außer sich]. Vor Jahren schon stellte ich im Zusammenhang mit Pamuk Orhans Erinnerung an Istanbul auch meine eigenen online, die ich gerade selbst noch einmal mit viel Interesse gelesen habe. Ja, das würde ich heute auch noch so schreiben! [vgl. Orhan Pamuk: Istanbul und ….eigene Erinnerungen]. Zu Anfang meiner Studentenzeit war ich häufig in Istanbul, praktisch jede Semesterferien. In der Gegend um die Hagia Sophia, die Sultan-Ahmed-Camii bzw. den Topkapi-Palast oder auch den Großen Bazaar kannte ich mich aus, teilweise besser als in meiner Uni-Stadt. Verändert hat sich Istanbul, in meiner Erinnerung ist es jedoch weiterhin die chaotische, laute, dreckige, fasznierende, betörende Kakophonie von Autolärm, Hupen, Schiffssirenen, Geschrei und Gerufe… So wie sie geteilt war auf zwei Kontinenten barg sie in sich Hell und Dunkel, Großmütiges und Niedertracht…


Burhan Sönmez legt mit seinem Roman Istanbul Istanbul ein Werk vor, daß die Stadt sogar zweifach im Titel trägt, so wie man häufig einen Ausruf verdoppelt, um eine besondere Tiefe des Gefühls anzuzeigen. Der Autor selbst ist kein gebürtiger Istanbuler, er stammt aus der Stadt Haymana, die einige -zig Kilometer südlich von Ankara in Zentralanatolien liegt, die aber von vielen Kurden bewohnt wird. So ist Sönmez selbst mit einer verbotenen Muttersprache aufgewachsen, möglicherweise ist diese Sprache und das damit verbundene Denken der Grund dafür, daß mich sein Text beim Lesen mit seinen vielen poetischen, bilderreichen Geschichten an den letzten Granatapfel des kurdischen Autoren Bachtyar Ali [Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel] erinnert.

Istanbul Istanbul ist ein Kammerspiel, im erschreckend wörtlichen Sinn dieses Ausdrucks: fast die gesamte ‚Handlung‘ spielt sich in einem Raum von einem Meter Breite und zwei Meter Länge ab, der keinerlei Einrichtung enthält, sondern der nur für bis zu vier Männer der Ort ist, der ihren momentane Lebensraum absteckt. Aus diesem Raum werden sie geholt – oder auch nicht geholt und sie erleben dieses Geholtwerden als eine besondere Form der Qual -, um verhört und befragt zu werden, in einer Art und Weise, die man im Mittelalter als hochnotpeinlich bezeichnete: sie werden geschlagen und getreten, mit Elektroschocks traktiert, die Knochen werden ihnen gebrochen, die Haut in Streifen geschnitten, sie müssen zusehen, daß und wie andere Gefangene gefoltert werden, weil sie selbst nicht antworten.

Das Verlies befindet sich unter der Erde, irgendwo in Istanbul. Symbolisch sind die vier damit schon so etwas wie begraben, es gibt ein ‚Oben‘ und ein ‚Unten‘, und während die Menschen, die im ‚Oben‘ leben, nichts ahnen von denen, die schon fast begraben sind unter ihnen, gewinnt für die Eingekerkerten die Stadt Istanbul immer mehr und immer stärker den Charakter eines Sehnsuchtsortes.

Es sind vier unterschiedliche Männer in dieser Zelle, die eine ist unter vielen. Zum einen ist dies der ‚Doktor‘, ein junger Student, ein Barbier, der jedoch studiert hatte und ein alter Mann aus Anatolien, der den Schergen sagte, brächten sie ihn nach Istanbul, würde er reden. Gegenüber, durch ein Gitter zu sehen, ist eine junge Frau eingesperrt, mit schwärenden Wunden, zugeschwollenen Augen, blutverkrustet. Sie können sich durch diese Gitter sehen und einfache Botschaften austauschen.

Die Männer sind unterschiedlich, aber in dieser Situation sind sie aufeinander angewiesen. Die völlig zerschunden von der Folter Zurückkehrenden, die wie Stücke Fleisch auf den Boden der Zelle geworfen werden, werden von ihnen gepflegt und umsorgt, soweit dies eben möglich ist: die Lippen vom Blut gereinigt und mit Wasser genetzt, gegen die ewig herrschende Kälte tief unter dem Boden der Stadt werden sie mit einer Jacke zugedeckt oder zwischen zwei Leiber von Zellengenossen gepackt…

Sie erzählen sich Geschichten, es sollen keine traurigen sein, damit ihr Mut und ihre Widerstandskraft nicht noch weiter gesenkt werden. Es sind märchenhafte Geschichten von Schiffen, die im Sturm auf dem Bosporus untergehen, von Nonnen, die vor Männer fliehen und die ihnen mit Witz entkommen, von einer alten Frau, der ein Schaf abgeluchst wird, in dem jeder sagt, es wäre ein Hund und sie letztendlich zweifelt und dann keine Lust hat, einen Hund an der Leine durch die Straßen zu zerren…

Wie Würmer im Erdboden hatten wir uns an die Dunkelheit und Feuchtigkeit gewöhnt.
Wäre da nicht die Folter gewesen, hätten wir ewig gelebt.
Brot, Wasser, ein wenig Schlaf, das reichte aus.

Die Zeit und das Gefühl dafür verschwimmt und verschwindet schließlich ganz, es ist keine Kategorie mehr für sie. Genauso gerät die Welt ausserhalb ihrer Zelle für sie immer weiter in Vergessenheit, es war, als wären wir nicht auf der Erde, sondern darunter zur Welt gekommen, von Tag zu Tag geriet uns ein weiteres Stückchen des Lebens draußen in Vergessenheit. War heiß das Gegenteil von kalt, kannten wir zwar noch das Wort heiß, erinnerten uns aber nicht mehr daran, wie es sich anfühlte. Nur in ihren Geschichten lebte die Welt da draußen immer wieder auf, in der realen Situation der Zelle sind die Männer auf die reine Existenz zurückgeworfen, auf das Hier und Jetzt, Vergangenheit und Zukunft lösen sich im Schmerz auf. [Es ist eine ein wenig absurde Tatsache, daß man diese Achtsamkeit auf die Gegenwart, auf das Hier und Jetzt zum Beispiel durch Meditation nur mit viel Übung erreichen kann, starker Schmerz dagegen führt einen in Sekundenbruchteilen in eine Gegenwart, in der man keinen Schmerz spürt, sondern im Gegenteil Schmerz geworden ist: er ist allumfassend und hat Zukunft und Vergangenheit aufgelöst.]

Hartes Brot, einen Kanister mit Wasser, schimmeligen Käse, mehr hatten sie in der Zelle nicht, in ihrer Fantasie jedoch saßen sie zusammen und tranken heißen Tee, rollten sich Zigaretten und genossen Raki zum Essen. Sie reichten sich gegenseitig den Zucker, gaben sich Feuer und bliesen den Rauch genussvoll in den Raum…

… und hörten dann wieder das Quietschen und Ächzen der Metalltür, die hart und metallisch klingenden Schritte der Wärter im Flur, die den nächsten holten oder einen zurückbrachten in eine der Zellen… und dann … hörte [man] nur das Blut, das aus Zinê Sevda aus dem Körper quoll und hinabrann, von ihren Zehen auf den Boden tropfen. 

Besonders ist die Figur des Barbiers Kamo, die anders ist und die sich auch abseits hält von ihren Zellengenossen, in dem sie sich in den Schlaf flüchtet. Sein Schicksal hat ihn zum Misanthropen gemacht, für ihn ist der Mensch von Natur aus schlecht, Kamo wurde zu demjenigen, der bei seinen ‚Befragungen‘ die Wärter seinerseits quält, in dem er sie lobt, denn sie, die Schergen, wären die, die ehrlich wären, die ihrer und der Menschen wahrer Natur nach leben würden: Lügen halten sie für unnötig. Sie verbergen die Wahrheit nicht. Sie machen sich ungeniert das Böse zu eigen. Ihr seid die ehrenwertesten Leute, die ich kenne, habe ich zu ihnen gesagt. Sie waren gerade dabei, mich in Stücke zu schneiden, bei lebendigen Leib, wie ein Tier auf der Schlachtbank. … Ich bewundere euch wirklich, … Ihr seid, wie ihr seid, sagte ich. Meine Worte regten sie auf, sie verloren die Beherrschung. … Sie brüllten vor Schmerz. …


Sönmez hat jedem der zehn Tage, den wir die Gefangenschaft dieser Vier begleiten, eine Geschichte gewidmet, die von einem der Männer erzählt wird. Zwischen diesen poetischen und märchenhaften Passagen sind immer wieder die Schrecken der Folter, des Wartens und des Zurückkehrens eingefügt und holen einen in die Realität der Dinge zurück. Die gesamte Situation erinnert (und dieses Buch wird im Roman auch explizit erwähnt) an das Setting des Dekameron: eine Gruppe von Menschen ist auf einem eng umgrenzten Raum versammelt und vertreibt sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten. Sicherlich ist es eine Art inverses Dekameron: während die zehn Männer und Frauen bei Boccaccio vor dem Tod geflüchtet sind, hat in Sönmez‘ Roman der Tod sie im Gegenteil zu sich geholt und sich dazu der Menschen bedient…

Je weiter die Zeit, die für die Gefangenen immer weniger greifbar wird, voranschreitet, desto mehr wird Istanbul bzw. das Istanbul an der Oberfläche, zu einem Zuflucht- und Sehnsuchtsort für die Seele. Immer mehr spürt man im Text eine Huldigung an diese Stadt durchscheinen, die durchaus in ihrer Polarität zwischen Schönheit und Häßlichkeit gesehen wird, zwischen hell und dunkel, gut und böse, alt und neu. Wir streifen mit Männern durch die Gassen der Stadt, blicken über das Dächermeer auf den Bosporus, sehen den Leanderturm, den Galataturm oder die Blaue Moschee (die alle auf dem Umschlagbild als Schattenriß abgebildet sind)…


„1980 gab es in der Türkei einen Militärputsch,“ erzählt Burhan Sönmez. „Eine Million Menschen wurden in unterirdische Gefängnisse gesteckt und tage-, wochen-, monatelang gefoltert.“ Er weiß das aus eigener Erfahrung: „Der Ort, an den man mich brachte, lag drei Etagen unter der Erde, eine Zelle von 1 x 2 Metern, genannt ‚das Dunkel‘. Es gab eine Eisentür. An manchen Tagen war man allein, an anderen waren zehn und mehr Menschen darin. Niemand konnte sich hinlegen, jeder saß oder stand – tagelang.“ [https://www.br.de/themen/kultur/burhan-soenmez-istanbul-istanbul-102.html, vgl auch: https://de.wikipedia.org/wiki/…1980]. Über dreißig Jahre später arbeitet der damals Neunzehnjährige, der Jahre nach England geflohen war (dort immer noch einen Wohnsitz hat) diese Erlebnisse auf, es liegt nahe, ihn in der Figur des Studenten zu suchen. Trotzdem ist die Handlung des Romans seltsam zeitlos (entspricht damit andererseits dem schwindenden Zeitgefühl der Männer), sie kann genauso gut in der heutigen Türkei spielen, aus der ja ebenso immer wieder Berichte über Folterungen von Gefangenen an die Öffentlichkeit dringen [vgl. z.B. hier: http://www.sueddeutsche.de/kultur/tuerkische-chronik-die-alten-foltermethoden-sind-zurueck-in-der-tuerkei-1.3164048]. Es bleibt auch nach dem Lesen dieses Romans ein nicht lösbares Rätsel, wie Menschen zu solcher Grausamkeit anderen Menschen gegenüber fähig sein können. Die Folterer bleiben ohne individuelles Gesicht, das Quietschen der Tür, die harten Schritte auf dem Betonboden: sie sind die Vorboten des nahenden Schmerzes, des Abholens und des bevorstehenden Verhörs. Vereinzelt kommt es zu Handlungen individuellen Widerstands, der jedoch – wie sollte es anders sein – erneute Grausamkeiten nach sich zieht.

Istanbul Istanbul zerfällt nur vordergründig in zwei Themata, in die die Huldigung an die Stadt, ja auch an ihre Überhöhung und in das Schicksal der Gefangenen. Auf einer tieferen Ebene brauchen die Eingekerkerten diesen Sehnsuchtsort Istanbul, in dem sich ihre Träume ansiedeln können, der ihre, die sie unter der Erde Würmern gleich , die man zertritt, vegetieren, Spiegelwelt ist an der Oberfläche ist: der Ort, ein paradiesischer Ort der Gegensätze, doch voller Harmonie und Leben, in den sie sich hineinversetzen können… So treffen die Vier sich am Ende des Romans in dieser Stadt, geniessen den frischen Fisch, trinken Raki und schauen vom Balkon aus über das sich unter ihnen ausbreitende Dächermeer der Häuser, das erst ganz weit hinten vom blauen Wasser des Bosporus begrenzt wird…

Istanbul Istanbul ist ein Roman, der weh tut, der notwendig ist – und leider wohl auch aktuell.

Burhan Sönmez
Istanbul Istanbul
Übersetzt aus dem Türkischen von Sabine Adatepe 
Originalausgabe: Istanbul Istanbul, Istanbul 2015
diese Ausgabe: btb, HC, 288 S., 1 Abb. (siehe vorstehender Text), 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9UM

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Orhan Pamuk: Istanbul

istanbul

Vor einigen Wochen begann ich diese „Erinnerungen an eine Stadt“ (so der Untertitel) von Pamuk zu lesen und habe seinerzeit ein wenig aus meiner eigenen Erinnerung über meine Zeit in Istanbul erzählt. Heute habe ich nun das Buch selbst fertig gelesen, aus der Zeit, die mittlerweile vergangen ist, kann man ersehen, daß das Buch sich nicht unbedingt wie ein Thriller liest. Aber das soll es ja auch nicht, es sind Erinnerungen des Autors an sich, seine Kindheit, seine Jugend, die er allesamt in seiner Stadt, seinem Istanbul verbracht hat, die Stadt, in der er noch heute lebt.

Den Inhalt des Buches zu beschreiben ist müßig. Er behandelt praktisch die gesamte Geschichte und Entwicklung der Stadt, besonders die kritische Übergangszeit Istanbuls nach dem Ende des osmanischen Reiches, da die Stadt seit dieser Zeit im Zwiespalt lebt zwischen Orient und Okzident. Die westlichen Einflüsse auf die Bewohner nehmen zu und zeigen eine (vorgebliche) Unterlegenheit des Ursprünglichen. „Hüzün“ nennt Pamuk dieses Gefühl, eine Art kollektiver Melancholie, Tristesse, Depremation und Niedergeschlagenheit der Einwohner Istanbuls, die sich als dämpfendes, sich unterlegen fühlendes Lebensgefühl über die Stadt legt:

„Wie alt hier alles ist! Nicht alt, altehrwürdig, antik oder altmodisch, nur veraltet!“ so zitiert Pamuk Joseph Brodsky (1985 [1]). … „Er hatte recht. Da das Osmanische Reich zusammengebrochen war und die Türkische Republik ausser ihrem Türkentum, das sie nicht recht zu definieren wusste, kaum mehr etwas anderes wahrnahm und sich somit von der Welt abkapselte, ging es mit der Vielsprachigkeit und den glorreichen alten Tagen dahin und Istanbul verkam zu einem langsam vor sich hin alternden, verödenden, schwarzweißen, monotonen und einsprachigen Ort.“ (S. 276)… „So habe ich denn auch Istanbul in meiner Kindheit nicht als große Weltstadt, sonders als großflächige, heruntergekommene Provinz erlebt. “ (S. 282)

So schildert der Autor nicht nur seine umfangreichen Studien zur Geschichte der Stadt in allen möglichen Archiven und Reiseberichten, auch seine eigenen Erfahrungen zeigen das Leben in Istanbul von seiner Alltagsseite. Pamuk wächst in einer Familie auf, der Wohlstand durch die Unternehmungen des Vaters stetig gemindert wird, Religion spielt keine große Rolle, das Leben wird nach westlichen Massstäben eingerichtet. Auch seine eigenes Leben, Aufwachsen schildert Pamuk in teilweise recht intimen Details, ob man als Leser jetzt alles so genau über „Bibi“ wissen will, ist natürlich eine andere Frage, aber ich vermute mal, dass Pamuk dieses Buch im wesentlichen für sich selbst geschrieben hat, wider das Vergessen, als Zusammenfassung und Exzerpt seiner eigenen Studien über Istanbul und das stetige Wechselspiel, das ihn zusammen mit dieser Stadt hat sich entwickeln lassen.

Es ist ein langwierig zu lesendes Buch, das sich in vielen Details verliert, mit vielen, meist unbekannten Namen, die man liest und wieder vergisst. Andererseits enthüllt es, gerade wenn man Istanbul vielleicht sogar etwas kennt, viele Detail und Fakten, die man in seinen eigenen kurzen Besuchen natürlich nicht kennenlernen kann. Bei manchen Buchpassagen meint man, mit dem Autor durch die engen Gassen alter Viertel zu gehen, den alten Häusern auf die windschiefen Wände zu schauen, im Hintergrund den Bosporus und Asien am Horizont zu erahnen. Man riecht die dunstige Wärme förmlich, voller Aromen nach Früchten und Verderbnis, nach Verlockung und Unrat. Alles ist zu finden hier in dieser Stadt und läßt man sich als Leser auf die langatmigen Schilderungen ein, kann man es sogar beim Lesen ahnen….

Facit: ein sehr gemächliches, ins Detail gehendes Buch über Istanbul, geschrieben von einem Istanbuler, der seine Liebe zur Stadt nicht verheimlicht. Ach ja, das Buch gibt einige sehr schöne alte Fotos aus Istanbul wieder.

Links:

[1] zu Joseph Brodsky

Orhan Pamuk
Istanbul
Fischer TB, Oktober 2008, 432 S.
ISBN-10: 3596177677
ISBN-13: 978-3596177677

Orhan Pamuk: Mein Istanbul.. eigene Erinnerungen

Vor ein paar Tagen habe ich von Orhan Pamuk hier einen schönen Aufsatz vorgestellt, in dem er beschreibt, wie er im Haus seiner Eltern mit Büchern, mit Literatur aufgewachsen ist und wie diese für ihn zum Lebensinhalt wurde. Bedenkt man das Thema der diesjährigen Buchmesse ist es sicher kein Zufall, daß in etwa zur gleichen Zeit bei Arte ein Film „Mein Istanbul“ gezeigt wurde, in dem der Autor mit Texten aus seinem Buch [3] durch seine Stadt führte. Ein stiller Film mit ruhigen, melancholischen Aufnahmen und Erinnerungen, die Liebeserklärung eines Mannes an seine Geburtsstadt, die er in ihrer mit all ihren Schatten- und Lichtseiten verehrt [2].

Mein Istanbul – auch wenn es anmaßend ist, es gab eine Zeit, in der ich ein ähnliches Gefühl hatte und deswegen hat der Film mich besonders berührt und auch deswegen liegt das Buch auf meinem Lesetisch und wartet auf mich. Aber wie in einer zarten Liebe nähere ich mich ihm langsam und unaufdringlich, geniesse die Vorfreude…

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in Istanbul, als ich so ca. 12, 13 Jahre auf der Welt war. Mit meiner Familie verlebte ich einen Urlaub an der Schwarzmeerküste und wir unternahmen von dort eine Schifffahrt an den Bosporus, in die Stadt. Erinnerungen an diese Fahrt habe ich nicht mehr allzuviele, irgendwo muss ein Bild von mir sein auf dem Schiff, sitzend, mit kurzen Hosen und einem roten Pollunder, in die Sonne blinzelnd. Dann erinner ich mich noch, daß wir in der Stadt, nachdem wir den großen Bazaar durchstreift haben, eine Wassermelone aßen, am Straßenrand sitzend, und die Schalen einfach liegen ließen. Istanbul war keine saubere Stadt und so kam uns diese Sünde gering vor. Und die alten amerikanischen Straßenkreuzer fallen mir ein, welche das Straßenbild beherrschten, quietschend bunt und vor allem mit Hupen ausgerüstet, ein Lärm war ringsherum, der einem mitteleuropäischen Kind ungeheuer war. Des Abends, eine weitere Erinnerung, besuchten die Erwachsenen in der Gegend um den Galata-Turm einen Nachtclub mit türkischem Bauchtanz, natürlich. Ich verblieb auf dem Schiff, aber es ging mir wohl nicht gut. Ob ich gebrochen habe oder in die Hose gemacht, ich weiß es nicht mehr, weiß nur noch, daß irgendeine Kalamität geschah mit mir. Einen besonderen Eindruck hinterliess Istanbul bei mir nicht. Halt, eins noch: als Souvenir bekam ich einen Wimpel mit der türkischen Flagge, den ich zu Hause stolz an mein Rad montierte, jeder sollte sehen, wo ich war. Immerhin weit weg, in einer fast exotischen Gegend.

Dieser Gedanke, schon einmal dort gewesen zu sein, hat mich auch in Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ die Geschichte der Eroberungs Konstantinopels durch die Osmanen zu meiner Lieblingsgeschichte werden lassen. (Auch ein Buch, das man unbedingt noch einmal lesen müsste…). Der Gedanke, daß eine vergessene Tür den Untergang der Stadt besiegelte (obschon er wohl auch kaum aufzuhalten gewesen wäre, wäre diese Tür geschlossen gewesen…), hat mich fasziniert, eine so kleine Ursache und eine so riesige Wirkung.

Wirklich wieder besucht habe ich den Bosporus das nächste Mal 1973. Ich war damals bei der Bundeswehr Wehrdienst und hatte einen Kameraden, dessen Traum es war, nach Istanbul (und dann noch weiter nach Osten) zu fahren. Und so sind wir dann im Urlaub los. H besaß einen altersmüden Diesel 180D, wie er auf dem Bild zu sehen ist. Altersmüde hieß ganz praktisch, daß der gute Benz undicht war: wir fuhren mit sechs 5-l Kanistern Öl in Deutschland los, die wir auch alle brauchten. Von Frankfurt aus sind es unter Brüdern 3000 km bis zum Bosporus, wir fuhren sie in einem durch, denn Pause machen war uns nicht vergönnt: wir waren so hochgepuscht, daß wir hellwach im Auto lagen und nach spätestens einer Stunde waren wir uns einig, daß wir dann auch weiterfahren können. Wir ist gut, ich hatte damals noch garkeinen Führerschein, so daß H alleine fahren musste. In Griechenland platzte dann zu allem Überfluss auch noch irgendein Schlauch in den Eingeweiden der Karre und Diesel tropfte auf den heißen Motorblock. Völlig mit Qualm eingehüllt rollten wir in eine Tankstelle, doch der Tankwart war dermaßen geschockt von dem, was er sah, daß er laut schreiend das Weite suchte….

Und dann waren wir tatsächlich da. Wir waren in Istanbul. Die Ampeln standen auf „Rot“ und jeder fuhr, die Hupe nicht länger ein nutzloser Ballast im Auto. Bei „Grün“ hielten wir vorsichtshalber, weil ja die kreuzende Straße „Rot“ hatte… Dann sahen wir sie, die Blaue Moschee, die Hagia Sophia… wir tanzten im Auto, waren verrückt vor Freude. Wir hatten es geschafft, wir hatten es geschafft!!

Durch die Stadt gelaufen, im Pudding-Shop gesessen, all den „Narren des Glücks“ [1] zugeschaut, die dort ein und aus gingen und sehnsüchtig bedauert, keiner von ihnen zu sein, nur als Besucher zu sitzen und nicht dazuzugehören…..

Die folgenden Besuche schlief ich immer im Hotel direkt neben dem Pudding-Shop, dem Hotel Güngör. Aber dieses erste Mal in Istanbul nicht, H und ich fanden ein Quartier der besonderen Art. An der Ausfallstraße Richtung Griechenland tranken wir am Abend noch etwas in einer „Kneipe“ und irgendwie ergab es sich, daß wir dort schlafen konnten. In der Folge rollten wir jede Nacht dort im Hof unsere Schlafsäcke aus, Bezahlung wollten die Wirtsleute natürlich keine, da wir uns aber auch nicht lumpen lassen wollten, tranken wir halt jeden Abend den Kühlschrank leer… Wir sind mit der Dorfjugend Basketball spielen gegangen, durften das Baby der Tochter des Hauses auf den Arm nehmen.. es war eine schöne Zeit, diese paar Tage dort haben uns soviel positives von der Türkei gezeigt, daß es für ein Leben lang reichen wird.

Pamuk beschreibt sein Istanbul als schwarz-weiße Stadt voller Melancholie. Dies war sie für mich nicht. Bunt war sie, voller noch nie gerochener Gerüche, noch nie gesehender Aussichten. Die Moscheen so lichte, wunderbare Gebäude, der Große Bazaar mit seinen funkelnden Auslagen, die Garküchen mit dem billigen, aber guten Essen.. Nein, nicht grau war sie, diese Stadt, sie glich eher einer Sirene, die uns lockte, komm, komm.. Asien ist so nah, Afghanistan, Indien, Nepal.. ein paar lächerliche Tagesreisen im Bus oder in der Bahn, 20 Dollar und ich bring dich nach Dehli versprachen sie uns. Am Bosporus stehend war Asien zum Greifen nah.. Asien, das geheimnisvolle, lockende Asien….

Im nächsten Jahr, 1974, fuhr ich mit H dann endgültig nach Indien, natürlich wieder über Istanbul. Die Einreise (der runde, schwarze Stempel) über Edirne, die Ausreise (rund und rot) über Agri in den Iran. Jetzt gehörten wir dazu, noch grün hinter den Ohren, mit unseren kurzen Haaren unsererseits Exoten in der Welt der Langhaarigen. Wir waren der Verlockung unterlegen, nichts konnte uns mehr aufhalten…

Aber Istanbul wurde genossen, der frische Fisch am Goldenen Horn, das hektische Treiben am Bahnhof, die Ruhe vor der Blauen Moschee (oben auf einer Postkarte von 1975) oder in den Höfen anderer Gotteshäuser. Der Tee, den wir in Massen tranken, die frischen Simits, die aufgeschnittenen und gesalzenen Gurken.. Wir schwitzten im Hamam, bestaunten den Topkapi-Serail, liefen zum Bosporus, fuhren schon mal mit der Fähre zum anderen Kontinent, streiften durch die Gassen… nein, mein Istanbul war bunt, interessant, fremd und doch freundlich, es lud mich ein, zu entdecken, zu schauen, zu lernen….

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[1] Günthner, Ulrich
Narren des Glücks
Unter Hippies, Haschern und Globetrottern von Australien zum Bosporus
Fischer Tb, 1974

[2] Virtueller Spaziergang mit Pamuk durch Istanbul

[3] Buchvorstellen: Orhan Pamuk: Istanbul