Orhan Pamuk: Istanbul

28. Dezember 2008

istanbul

Vor einigen Wochen begann ich diese “Erinnerungen an eine Stadt” (so der Untertitel) von Pamuk zu lesen und habe seinerzeit ein wenig aus meiner eigenen Erinnerung über meine Zeit in Istanbul erzählt. Heute habe ich nun das Buch selbst fertig gelesen, aus der Zeit, die mittlerweile vergangen ist, kann man ersehen, daß das Buch sich nicht unbedingt wie ein Thriller liest. Aber das soll es ja auch nicht, es sind Erinnerungen des Autors an sich, seine Kindheit, seine Jugend, die er allesamt in seiner Stadt, seinem Istanbul verbracht hat, die Stadt, in der er noch heute lebt.

Den Inhalt des Buches zu beschreiben ist müßig. Er behandelt praktisch die gesamte Geschichte und Entwicklung der Stadt, besonders die kritische Übergangszeit Istanbuls nach dem Ende des osmanischen Reiches, da die Stadt seit dieser Zeit im Zwiespalt lebt zwischen Orient und Okzident. Die westlichen Einflüsse auf die Bewohner nehmen zu und zeigen eine (vorgebliche) Unterlegenheit des Ursprünglichen. “Hüzün” nennt Pamuk dieses Gefühl, eine Art kollektiver Melancholie, Tristesse, Depremation und Niedergeschlagenheit der Einwohner Istanbuls, die sich als dämpfendes, sich unterlegen fühlendes Lebensgefühl über die Stadt legt:

“Wie alt hier alles ist! Nicht alt, altehrwürdig, antik oder altmodisch, nur veraltet!” so zitiert Pamuk Joseph Brodsky (1985 [1]). … “Er hatte recht. Da das Osmanische Reich zusammengebrochen war und die Türkische Republik ausser ihrem Türkentum, das sie nicht recht zu definieren wusste, kaum mehr etwas anderes wahrnahm und sich somit von der Welt abkapselte, ging es mit der Vielsprachigkeit und den glorreichen alten Tagen dahin und Istanbul verkam zu einem langsam vor sich hin alternden, verödenden, schwarzweißen, monotonen und einsprachigen Ort.” (S. 276)… “So habe ich denn auch Istanbul in meiner Kindheit nicht als große Weltstadt, sonders als großflächige, heruntergekommene Provinz erlebt. ” (S. 282)

So schildert der Autor nicht nur seine umfangreichen Studien zur Geschichte der Stadt in allen möglichen Archiven und Reiseberichten, auch seine eigenen Erfahrungen zeigen das Leben in Istanbul von seiner Alltagsseite. Pamuk wächst in einer Familie auf, der Wohlstand durch die Unternehmungen des Vaters stetig gemindert wird, Religion spielt keine große Rolle, das Leben wird nach westlichen Massstäben eingerichtet. Auch seine eigenes Leben, Aufwachsen schildert Pamuk in teilweise recht intimen Details, ob man als Leser jetzt alles so genau über “Bibi” wissen will, ist natürlich eine andere Frage, aber ich vermute mal, dass Pamuk dieses Buch im wesentlichen für sich selbst geschrieben hat, wider das Vergessen, als Zusammenfassung und Exzerpt seiner eigenen Studien über Istanbul und das stetige Wechselspiel, das ihn zusammen mit dieser Stadt hat sich entwickeln lassen.

Es ist ein langwierig zu lesendes Buch, das sich in vielen Details verliert, mit vielen, meist unbekannten Namen, die man liest und wieder vergisst. Andererseits enthüllt es, gerade wenn man Istanbul vielleicht sogar etwas kennt, viele Detail und Fakten, die man in seinen eigenen kurzen Besuchen natürlich nicht kennenlernen kann. Bei manchen Buchpassagen meint man, mit dem Autor durch die engen Gassen alter Viertel zu gehen, den alten Häusern auf die windschiefen Wände zu schauen, im Hintergrund den Bosporus und Asien am Horizont zu erahnen. Man riecht die dunstige Wärme förmlich, voller Aromen nach Früchten und Verderbnis, nach Verlockung und Unrat. Alles ist zu finden hier in dieser Stadt und läßt man sich als Leser auf die langatmigen Schilderungen ein, kann man es sogar beim Lesen ahnen….

Facit: ein sehr gemächliches, ins Detail gehendes Buch über Istanbul, geschrieben von einem Istanbuler, der seine Liebe zur Stadt nicht verheimlicht. Ach ja, das Buch gibt einige sehr schöne alte Fotos aus Istanbul wieder.

Links:

[1] zu Joseph Brodsky

Orhan Pamuk
Istanbul
Fischer TB, Oktober 2008, 432 S.
ISBN-10: 3596177677
ISBN-13: 978-3596177677

Vor ein paar Tagen habe ich von Orhan Pamuk hier einen schönen Aufsatz vorgestellt, in dem er beschreibt, wie er im Haus seiner Eltern mit Büchern, mit Literatur aufgewachsen ist und wie diese für ihn zum Lebensinhalt wurde. Bedenkt man das Thema der diesjährigen Buchmesse ist es sicher kein Zufall, daß in etwa zur gleichen Zeit bei Arte ein Film “Mein Istanbul” gezeigt wurde, in dem der Autor mit Texten aus seinem Buch [3] durch seine Stadt führte. Ein stiller Film mit ruhigen, melancholischen Aufnahmen und Erinnerungen, die Liebeserklärung eines Mannes an seine Geburtsstadt, die er in ihrer mit all ihren Schatten- und Lichtseiten verehrt [2].

Mein Istanbul – auch wenn es anmaßend ist, es gab eine Zeit, in der ich ein ähnliches Gefühl hatte und deswegen hat der Film mich besonders berührt und auch deswegen liegt das Buch auf meinem Lesetisch und wartet auf mich. Aber wie in einer zarten Liebe nähere ich mich ihm langsam und unaufdringlich, geniesse die Vorfreude…

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in Istanbul, als ich so ca. 12, 13 Jahre auf der Welt war. Mit meiner Familie verlebte ich einen Urlaub an der Schwarzmeerküste und wir unternahmen von dort eine Schifffahrt an den Bosporus, in die Stadt. Erinnerungen an diese Fahrt habe ich nicht mehr allzuviele, irgendwo muss ein Bild von mir sein auf dem Schiff, sitzend, mit kurzen Hosen und einem roten Pollunder, in die Sonne blinzelnd. Dann erinner ich mich noch, daß wir in der Stadt, nachdem wir den großen Bazaar durchstreift haben, eine Wassermelone aßen, am Straßenrand sitzend, und die Schalen einfach liegen ließen. Istanbul war keine saubere Stadt und so kam uns diese Sünde gering vor. Und die alten amerikanischen Straßenkreuzer fallen mir ein, welche das Straßenbild beherrschten, quietschend bunt und vor allem mit Hupen ausgerüstet, ein Lärm war ringsherum, der einem mitteleuropäischen Kind ungeheuer war. Des Abends, eine weitere Erinnerung, besuchten die Erwachsenen in der Gegend um den Galata-Turm einen Nachtclub mit türkischem Bauchtanz, natürlich. Ich verblieb auf dem Schiff, aber es ging mir wohl nicht gut. Ob ich gebrochen habe oder in die Hose gemacht, ich weiß es nicht mehr, weiß nur noch, daß irgendeine Kalamität geschah mit mir. Einen besonderen Eindruck hinterliess Istanbul bei mir nicht. Halt, eins noch: als Souvenir bekam ich einen Wimpel mit der türkischen Flagge, den ich zu Hause stolz an mein Rad montierte, jeder sollte sehen, wo ich war. Immerhin weit weg, in einer fast exotischen Gegend.

Dieser Gedanke, schon einmal dort gewesen zu sein, hat mich auch in Zweigs “Sternstunden der Menschheit” die Geschichte der Eroberungs Konstantinopels durch die Osmanen zu meiner Lieblingsgeschichte werden lassen. (Auch ein Buch, das man unbedingt noch einmal lesen müsste…). Der Gedanke, daß eine vergessene Tür den Untergang der Stadt besiegelte (obschon er wohl auch kaum aufzuhalten gewesen wäre, wäre diese Tür geschlossen gewesen…), hat mich fasziniert, eine so kleine Ursache und eine so riesige Wirkung.

Wirklich wieder besucht habe ich den Bosporus das nächste Mal 1973. Ich war damals bei der Bundeswehr Wehrdienst und hatte einen Kameraden, dessen Traum es war, nach Istanbul (und dann noch weiter nach Osten) zu fahren. Und so sind wir dann im Urlaub los. H besaß einen altersmüden Diesel 180D, wie er auf dem Bild zu sehen ist. Altersmüde hieß ganz praktisch, daß der gute Benz undicht war: wir fuhren mit sechs 5-l Kanistern Öl in Deutschland los, die wir auch alle brauchten. Von Frankfurt aus sind es unter Brüdern 3000 km bis zum Bosporus, wir fuhren sie in einem durch, denn Pause machen war uns nicht vergönnt: wir waren so hochgepuscht, daß wir hellwach im Auto lagen und nach spätestens einer Stunde waren wir uns einig, daß wir dann auch weiterfahren können. Wir ist gut, ich hatte damals noch garkeinen Führerschein, so daß H alleine fahren musste. In Griechenland platzte dann zu allem Überfluss auch noch irgendein Schlauch in den Eingeweiden der Karre und Diesel tropfte auf den heißen Motorblock. Völlig mit Qualm eingehüllt rollten wir in eine Tankstelle, doch der Tankwart war dermaßen geschockt von dem, was er sah, daß er laut schreiend das Weite suchte….

Und dann waren wir tatsächlich da. Wir waren in Istanbul. Die Ampeln standen auf “Rot” und jeder fuhr, die Hupe nicht länger ein nutzloser Ballast im Auto. Bei “Grün” hielten wir vorsichtshalber, weil ja die kreuzende Straße “Rot” hatte… Dann sahen wir sie, die Blaue Moschee, die Hagia Sophia… wir tanzten im Auto, waren verrückt vor Freude. Wir hatten es geschafft, wir hatten es geschafft!!

Durch die Stadt gelaufen, im Pudding-Shop gesessen, all den “Narren des Glücks” [1] zugeschaut, die dort ein und aus gingen und sehnsüchtig bedauert, keiner von ihnen zu sein, nur als Besucher zu sitzen und nicht dazuzugehören…..

Die folgenden Besuche schlief ich immer im Hotel direkt neben dem Pudding-Shop, dem Hotel Güngör. Aber dieses erste Mal in Istanbul nicht, H und ich fanden ein Quartier der besonderen Art. An der Ausfallstraße Richtung Griechenland tranken wir am Abend noch etwas in einer “Kneipe” und irgendwie ergab es sich, daß wir dort schlafen konnten. In der Folge rollten wir jede Nacht dort im Hof unsere Schlafsäcke aus, Bezahlung wollten die Wirtsleute natürlich keine, da wir uns aber auch nicht lumpen lassen wollten, tranken wir halt jeden Abend den Kühlschrank leer… Wir sind mit der Dorfjugend Basketball spielen gegangen, durften das Baby der Tochter des Hauses auf den Arm nehmen.. es war eine schöne Zeit, diese paar Tage dort haben uns soviel positives von der Türkei gezeigt, daß es für ein Leben lang reichen wird.

Pamuk beschreibt sein Istanbul als schwarz-weiße Stadt voller Melancholie. Dies war sie für mich nicht. Bunt war sie, voller noch nie gerochener Gerüche, noch nie gesehender Aussichten. Die Moscheen so lichte, wunderbare Gebäude, der Große Bazaar mit seinen funkelnden Auslagen, die Garküchen mit dem billigen, aber guten Essen.. Nein, nicht grau war sie, diese Stadt, sie glich eher einer Sirene, die uns lockte, komm, komm.. Asien ist so nah, Afghanistan, Indien, Nepal.. ein paar lächerliche Tagesreisen im Bus oder in der Bahn, 20 Dollar und ich bring dich nach Dehli versprachen sie uns. Am Bosporus stehend war Asien zum Greifen nah.. Asien, das geheimnisvolle, lockende Asien….

Im nächsten Jahr, 1974, fuhr ich mit H dann endgültig nach Indien, natürlich wieder über Istanbul. Die Einreise (der runde, schwarze Stempel) über Edirne, die Ausreise (rund und rot) über Agri in den Iran. Jetzt gehörten wir dazu, noch grün hinter den Ohren, mit unseren kurzen Haaren unsererseits Exoten in der Welt der Langhaarigen. Wir waren der Verlockung unterlegen, nichts konnte uns mehr aufhalten…

Aber Istanbul wurde genossen, der frische Fisch am Goldenen Horn, das hektische Treiben am Bahnhof, die Ruhe vor der Blauen Moschee (oben auf einer Postkarte von 1975) oder in den Höfen anderer Gotteshäuser. Der Tee, den wir in Massen tranken, die frischen Simits, die aufgeschnittenen und gesalzenen Gurken.. Wir schwitzten im Hamam, bestaunten den Topkapi-Serail, liefen zum Bosporus, fuhren schon mal mit der Fähre zum anderen Kontinent, streiften durch die Gassen… nein, mein Istanbul war bunt, interessant, fremd und doch freundlich, es lud mich ein, zu entdecken, zu schauen, zu lernen….

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[1] Günthner, Ulrich
Narren des Glücks
Unter Hippies, Haschern und Globetrottern von Australien zum Bosporus
Fischer Tb, 1974

[2] Virtueller Spaziergang mit Pamuk durch Istanbul

[3] Buchvorstellen: Orhan Pamuk: Istanbul

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