Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel

Bachtyar Ali [siehe z.B. die Autorenseite beim Verlag: http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=3114#pagetop oder auch
https://www.br.de/themen/kultur/bachtyar-ali-die-stadt-der-weissen-musiker-100.html]: ein bei uns (noch) recht unbekannter Auto, obwohl er schon seit Mitte der 90er Jahren in Deutschland lebt. 1986 musste Ali aus seiner Heimat, dem Gebiet der Kurden im Iraq, fliehen. Dort, in der Grenzregion zwischen Türkei und dem Iraq (die jetzt gerade im Moment wieder so unrühmlich in den Focus gerückt ist [z.B hier: https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article173639041/Nato-Land-Tuerkei-droht-dem-Nato-Land-USA.html], sind seine Bücher jedoch allgemeines Kulturgut. Der vorliegende Roman Der letzte Granatapfel, erschienen im Original schon 2002, ist der erste Roman in kurdischer Sprache überhaupt, und zwar dem Sorani [vgl. dazu hier: http://ifkurds.de/de/die-kurdische-sprache.html]. Nach seinem Erscheinen im schweizerischen Unionsverlag wurde er mit positiven Kritiken überhäuft und er ist in der Tat eine Art Naturgewalt, die auch uns, die Leser, in weiten Teilen überwältigt.


Habe ich jetzt schon zu viel verraten? Nein, wohl kaum. Worum geht es in diesem Roman überhaupt? Daß die Handlung uns nach Kurdistan führt, dürfte nicht überraschend sein. Ein Mann mit Namen Muzafari Subhdam, ein ehemaliger Peschmerga, ein hochrangiger Widerstandskämpfer, der sich für seinen Revolutionsführer aufgeopfert hat, ist nach einundzwanzig Jahren der Gefangenschaft in einem einsamen Gefängnis in der Wüste freigelassen worden: Jacobi Snauber war der einzige, der noch wußte, daß dieser mittlerweile zur Legende gewordene Mensch noch lebt und er tauscht ihn gegen einen anderen Gefangenen aus. Nur um ihn ihn gleich wieder einzusperren, in ein Schloß, das umgeben ist von Wald und Wiesen und Dornen und Gestrüpp, weitab dem verwüsteten Gebiet der Heimat, vor dessen Anblick er Muzafari Subhdam schonen will, um derart dessen in der Wüste erreichte innere Reinheit zu bewahren.

Einundzwanzig Jahre in einem einsamen Gefängnis, in einer kargen Zelle mit Wärtern, die kaum ein Wort an ihn gerichtet hatten, umgeben nur von Sand und Hitze: Muzafari Subhdam ist dort nach Jahren der Verzweiflung eine Art Erleuchtung zuteil geworden, er hat die Nichtigkeit der Welt erkannt und hat der Wüste, die ihm zum Freund geworden war, gelauscht und sich mit ihr unterhalten. Einzig die Frage, was aus seinem Sohn Saryasi geworden ist, den er damals, ein Säugling noch, in der Nacht geboren, in der er sich für Snauber opferte, zurück lassen musste, bewegt ihn noch…

Nicht dagegen kann ihn das Ansinnen seines alten Revolutionsführers bewegen: mit diesem in seinem luxuriösen Schloss zu sitzen und über die Welt und das Leben zu philosophieren, um derart möglicherweise inneren Frieden zu schließen mit der Unruhe im Herzen, mit dem vielen Blut, das vergossen wurde. Muzafari Subhdam, mit bodenlangem Haar und Bart, fleht Ikrami Keu, diesen riesenhaften Menschen, der als einziger ausser Snauber noch dieses Schloss kennt (denn er hat es damals für Snauber gebaut) an, ihn mit nach draußen in die Welt zu nehmen, aus dieser Gefangenschaft zu befreien, um nach seinem Sohn suchen zu können. Auch Keu erfüllt Muzafari diesen Wunsch nur widerwillig, denn auch er will den Reinen vor dem Anblick des Elends in der Welt bewahren…

Erst nach einer ganzen Weile erfahren wir als Leser, daß der Erzähler dieser Geschichte, jener Muzafari Subhdam nämlich, mit anderen zusammen in einem Boot sitzt, das seit zehn Tagen nur den Wellen und dem Wind ausgeliefert auf dem Meer treibt. Nacht für Nacht erzählt er seinen Schicksalsgefährten seine Lebensgeschichte weiter, die eine Geschichte geworden ist des Suchens nach seinem Sohn Saryasi… Es ist eine sehr orientalische, fantasievolle Geschichte, eine Geschichte wie aus Tausendundeiner Nacht, mit zwei Schwestern, die sich gelobt und geschworen haben, nie zu heiraten, sich das Haar nie zu scheren, nur weiße Kleidung zu tragen und immerzu zu singen, mit einem Jungen, der nichts verbergen wollte und mit seinem gläsernen Herzen in einem gläsernen Haus lebt und durch eine große Flut zum Haus dieser Schwestern getrieben wird und dessen entflammende Liebe diese nicht erhören, so daß alles Gläserne in ihm zerbricht und auch sein Haus in Scherben fällt und er stirbt.

Muzafari sucht auf den Pfaden seines Sohnes Saryasis, er trifft die weißen Schwestern, trauert mit ihnen am Grabe von Glasherz und auch an dem des Sohnes, der (so bekommt er es unter Tränen erzählt) bei einem Kampf mit der Polizei im Basar erschossen worden ist. Und er erfährt, daß es in der Freundschaft zwischen diesen beiden jungen Männern einen dritten gab, der ebenfalls Saryasi hieß und daß auch dieser sein Sohn sein könnte. Einen Schwur hatten sich diese drei jungen Männer gegeben, unter dem Granatapfelbaum auf dem Gipfel des Berges, den sie so oft besuchten und unter dem sie träumten.

Ist der ‚erste‘ Saryasi eine helle Figur, ein verständiger, auf Frieden und ein friedliches Zusammenleben hin ausgerichteter Anführer der Karrenhändler, so ist der ‚zweite‘ Saryasi ungebildet und roh, ein Kämpfer, der in den Kämpfen der Peschmerga den Tod suchte und nicht fand, der an der Welt verzweifelte und der betrogen wurde und der den großen, hellen Saryasi über alles liebte und doch mit ihm brach… missbraucht haben sie ihn, die Führer und Anführer im Kampf, sie ließen ihn vor Kameras erzählen vom Tod auf dem Schlachtfeld, vom Kampf, vom Verrecken, vom Töten – und sperrten ihn danach ein in ein dunkles, lichtloses Verließ.

Doch noch ist das Geheimnis um den Sohn für Mazafari nicht vollständig, denn er erfährt, daß es noch einen Saryasi gibt und daß dieser, der auch sein Sohn sein könnte, ein ‚Kohlenkind‘ ist, gezeichnet von Brandbomben, die sein Gesicht zerschmolzen, seinen Körper schwärzten, seine Seele zerstörten…

Der Vater geht diesen Weg des Schmerzes bis zu seinem Ende. Gegen alle Warnungen spürt und sucht er diesen ‚dritten‘ Saryasi auf und hört in ihm ein schwaches Herz schlagen und nach Liebe suchen. Nie, so sein Schwur, den er ablegt, wird er ihn wieder verlassen, er wird sich seiner annehmen und als Sohn annehmen. Denn schon längst ist es ihm egal geworden, welcher der ‚richtige‘ Saryasi ist, der damals, vor einundzwanzig Jahren, in dieser Nacht geboren worden ist, für ihn sind alle drei zu seinen Söhnen geworden…


In die poetischen Passagen des Romans eingeflochten sind jedoch auch ganz realistische Abschnitte, die vom Gräuel sprechen, die der Krieg anrichtet, die von Jungen reden, die in den Minenfeldern zwischen den Leichen nach Metall suchen, das dann verkauft wird (nicht von den Jungen, sondern von einem Mann, der die Kinder um ihren Lohn betrügt), die von der Flucht reden und der Vertreibung, die von der Zerstörung reden der Häuser und des kärglichen Besitzes… Wir erfahren vom Leben des ‚ersten‘ Saryasis, den sie den bald König der Straßenhändler nennen, weil er im Hintergrund organisiert und lenkt, Karrenhändler, die im Basar auf ihren Wagen mit Namen wie ‚Kazhals Brüste‘ Waren verkaufen und die von der Polizei gejagt und verfolgt werden, denn dieses Gewerbe ist verboten… die beiden anderen Jungen stehen für den Krieg, schildern die Verwüstung, die er anrichtet im Land und in den Menschen. Insbesondere die Passage, in der der Autor den Besuch Muzafaris im Haus der verbrannten Kinder beschreibt, ist grausam, vor allem auch, weil man davon ausgehen muss, daß diese Schilderung soweit von der Realität gar nicht entfernt ist.

Um die Botschaft des Romans in Gänze erfassen zu können, müsste man sich besser in kurdischer Geschichte auskennen. Es ist in weiten Teilen eine kriegerische, gewalttätige Geschichte, eine Geschichte rivalisierender Clans und Gruppen, die in Kämpfen und Bruderkriegen um die Vorherrschaft streiten.  Deren Führer auch, haben sie ‚gewonnen‘, sich maßlos bereichern und in Saus und Braus leben, ihre alten Ideale verraten. Es ist eine Geschichte der verstümmelten Menschen, der verbrannten Dörfer, der verwüsteten Felder. Leid ertragen wie immer die Menschen des Volkes, die vertrieben werden, die flüchten müssen, die getötet werden oder misshandelt.

Der letzte Granatapfel ist voll mit Bildern und Symbolik.  So werden Granatäpfel an drei Stellen im Qur’an erwähnt, zwei Mal als Geschenke von Allah. Der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, empfahl den Verzehr von Granatäpfeln, um den Körper von Eifersucht und Hass zu reinigen. [zitiert aus: https://www.islamische-zeitung.de/granataepfel-sind-nicht-nur-gesund-sondern-haben-auch-symbolwirkung/], diese symbolische Wirkung des Granatapfels (jeder der drei Saryasis besaß solch einen Granatapfel aus Glas als Symbol für ihre innere Verbundenheit und Brüderlichkeit) kann man natürlich sehr schön auf den Inhalt des Romans anwenden. Aber auch ansonsten ist die Geschichte größtenteils sehr blumig und sich wiederholend erzählt. Ich muss zugeben, daß mir das teilweise etwas viel war… aber in gewisser Weise ist Der letzte Granatapfel ein einziges, großes, lautes Klagelied über das Leid, das ein Volk zu tragen hat und insofern passen diese Wiederholungen dann doch in den Kontext des Romans.

Das wichtigste aller Bilder jedoch sind die drei Saryasis selbst, deren Existenz weit über sich selbst hinausweist und deren Geschichte zu der aller Menschen geworden ist, die hilflos in die Wirbelstürme dieser Region geraten waren? … Saryasi ist der Menschensohn. Ein Sohn Adams ohne Gottes Schutz, der auf dieser Erde verbrennt, dann aufersteht, verbannt wird und wieder zurückkehrt. …

Bei aller Symbolik, Ausschückung und teilweiser Märchenhaftigkeit wahrt der Autor den Bezug zur Realität und Jetztzeit, um derart den Eindruck, hier würde einfach nur eine Geschichte erzählt, zu vermeiden: es gibt Fernsehteams, die getürkte Interviews führen oder ausländische Hilfsorganisationen bauen Krankenhäuser und Heime.

Gerade in der aktuellen Situation, daß wieder Krieg in diese Region, die bislang relativ ruhig durch die Kämpfe gekommen ist, getragen wird, gewinnt Der letzte Granatapfel an neuer Aktualität. So ist und bleibt dieser Roman ein gleichzeitig poetisches und tragisches Dokument über ein Volk, das kein Volk sein darf und sich in Kriegen untereinander und mit äußeren Feinden verzehrt.

Bachtyar Ali
Der letzte Granatapfel
Übersetzt aus dem Sorani von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim
Originalausgabe: Dwahamin Hanari Dunya. 2002
diese Ausgabe: Unionsverlag, HC, ca. 350 S., 2016 (Deutsche Erstausgabe)

 

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Ein Kommentar zu „Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel

  1. Habe von Ali bisher die Stadt der weißen Musiker gelesen. In jedem Fall ein Autor, der es versteht in Bildern zu erzählen und Erzählstränge zu verweben. Manchmal zwingt er die Bilder ein wenig sehr, aber im Großen und Ganzen ein starker Literat. Traurig, dass man sich fragen muss, ob er ohne die Bedrohung der Kurden in Syrien überhaupt in den Fokus gerückt wäre…

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