Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Außer sich sein: höchst aufgeregt, fassungslos, von Sinnen sein, ganz aus dem Häuschen sein, toben, rasen, wutschnauben, überkochen, ausbrechen – so kann man Synonyma nachlesen… aber auch vor Freude läßt es sich ‚außer sich‘ sein. Außer sich selbst betrachtet sie noch…. und dann läßt sich mit ein wenig Fantasie auch noch das ‚Außer‘ in Außer sich als Gegensatz zum Innen interpretieren, als ‚Außen‘ eben. Ein Gegensatz: wer Außer sich ist, kann nicht ‚in sich‘, ‚bei sich‘ sein, hat keine Mitte, keine Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ist aus sich selbst herausgetreten wie in dieser Szene: Ich schwebte über uns und sah zu, wie dieses andere Ich von mir meiner Mutter zuhörte. … Ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten also für diesen nur zwei Worte umfassenden Romantitel der jungen, 1985 in Wolgograd geborenen und jetzt in Berlin lebenden Theaterfrau Sasha Marianna Salzmann. Deutungen, denen aber eins gemeinsam ist: sie setzen eine Entität voraus, die eine Grenze hat, die überschritten wird oder wurde – in welcher Art auch immer.


Sasha Marianna Salzmann kam mit ihrer Familie 1995 als Zehnjährige nach Deutschland, als Juden bekamen sie den Status von Kontingentflüchtlingen, sie weiß also, wovon sie redet, wenn sie im Roman Deutschland als ein fremdes und auch unfreundliches Land für ihre Protagonisten beschreibt. Waren diese in Russland als Juden beschimpft worden, wurden sie es hier als Russen. Dies abzustreiten und sich als Jude zu outen (wie es Anton entgegen dem Verbot der Mutter tat) war nicht wirklich förderlich für die Integration der Zwillinge Anton und Alissa in die Klassengemeinschaft. Die anschließende Auseinandersetzung endete mit einer sehr heftigen Prügelattacke, die Geschwister wurden dadurch noch enger auf sich selbst zurückgeworfen.

Salzmann ist keine Unbekannte, in Theaterkreisen hat sie ihren Namen und nach diesem Roman dürfte sich der in Literaturkreisen auch etabliert haben. Außer sich kommt wie ein Sturm über uns Leser, die mit außerordentlichem Tempo, großer Bildkraft und imponierendem Sprachgefühl erzählte und stark (?) biographisch angehauchte Geschichte der Familie spült einen förmlich weg, entreißt beim Lesen den Grund unter den Füßen, denn nichts ist wirklich sicher in diesem Roman, bustäblich alles wird in Frage gestellt.


Dies betrifft insbesondere die Erzählerin Alissa oder kürzer Ali, womit wir schon bei einem Namen für ein Mädchen sind, der auch ein Jungenname sein könnte. Ein nicht ganz nebensächliches Detail. Es irritiert schon auf der allerersten Seite des Buches, dem Personenregister (das aber bei weitem nicht vollständig ist): Alissa, Ali: Schwester, Bruder, ich…

Konzentrierte sich die Geschichte Salzmanns auf die Zwillinge, musste ich an das Symposium von Platon denken, die Geschichte, in der dieser davon erzählt, daß die Mann und Weib erst entstanden, nachdem der Mensch von Zeus in zwei Teile geschnitten worden war, ihn zu schwächen war das Ziel [3]. So kamen mir Alissa und Anton vor, die Unzertrennlichen, die sich aneinander klammerten, schon in der Gebärmutter vereint, durch die Geburt äußerlich getrennt, die Nähe unter der Bettdecke suchend sich ineinander verbeißend, sich wieder findend und irgendwann dann den Begriff der Geschwisterliebe bis über die Grenze hinaus lebend. Und als Anton dann schließlich ausbrach und wegging, blieb Ali allein zurück, und als die Postkarte kam, ohne Worte außer dem einen: Istanbul, fuhr Ali dorthin, in diese Stadt, eine andere konnte es nicht sein als diese, genauso vereint und getrennt wie Ali und Anton, auf zwei Kontinenten liegend, zwischen Osten und Westen, zwischen Moderne und Althergebrachten hin- und herschlingernd.

Istanbul, das Istanbul, durch das Salzmann ihre/n Ali schickt, erinnert an einen Fiebertraum. Ali kommt in einer großen Wohnung unter, die ihr ‚Onkel‘ Cemal (der eigentlich der Onkel von Elyas ist, aber damit ebenso ihr Onkel, denn mit Elyas lebte Alissa in Deutschland zusammen, inmitten der Staubmäuse [4] und nicht funktionierenden Türklinken) besorgt hatte, obwohl sie trotzdem oft bei Onkel Cemal ist und dort auf dem Sofa liegt, in dem die Wanzen leben, die schon auf sie warten. Cemal hilft ihr bei der Suche nach Anton; Ali durchstreift die Gegend, die Altstadt von Istanbul auf der nördlichen Seite des Goldenen Horns [2], wo sich die finden, die außer sich sind, die auf der Suche oder der Flucht sind, auf der Suche nach Drogen oder der Flucht vor sich. Es ist die Gegend um den Taksim-Platz, den Gezi-Park, in dem Ali dann auch in die Demonstrationen geraten sollte…

Sie streift durch die Lokale dort, über schummrige Flure, quietschende Treppen, trifft auf Katho, die Tänzerin, mit der sie mitgeht und Sex hat, bevor sie erfährt, daß Katho ein ‚Er‘ ist, Testosteron spritzt und bald eine Bart haben wird… irgendwann – sind Wochen vergangen, Monate? es ist nicht immer klar erkennbar, auch die Zeit löst sich auf, gerät zumindest für Ali und uns als Leser außer sich, aber ist es wichtig, wieviel Zeit vergangen ist, kehrt nicht alles irgendwann zu sich selbst zurück, als ob die Zeit ein Riesenrad schlägt? Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, … – irgendwann also fängt Ali an, sich selbst auch Testosteron, das an jeder Straßenecke vertickert wird, zu spritzen, da sie Anton nicht findet, will sie zu Anton werden…

In diesem wurzel- und orientierungslosen Zwischenzustand, auf der Suche nach Anton, auf der Suche nach sich, im Auflösen des Ichs ohne daß ein neues schon Konturen hätte, läßt Salzmann Ali die Geschichte ihrer Familie erzählen; Erinnerung als zweites Standbein des Romans. Auch diese nicht eindeutig, die Personen tragen – je nachdem, wer erzählt – oft unterschiedliche Namen (wie der Großvater Daniil, Danja, Danitshka), selbst Familiennamen sind nicht zuverlässig, russische konnten ‚besorgt‘ werden, um das jüdische zu verschleiern. Die Geschehnisse können, wieder in Abhängigkeit von Figur, der Salzmann die Worte in den Mund legt, ganz unterschiedlich dargestellt werden. Durchgängig ist jedoch das hohe Tempo, das die Autorin ihrem Text verleiht, es spiegelt den Entstehungsprozess des Romans wieder: …hatte Salzmann das Prosaschreiben beileibe nicht strategisch geplant. Vielmehr kam „Außer sich“ während eines Auslands-Stipendiums quasi wie eine Naturgewalt über sie. [5], durchgängig auch die Intensität des Geschriebenen, die fesselt und den Atem nimmt.

Es wird eine Familiengeschichte, die bis zu den Urgroßeltern zurückführt, eine Geschichte, die in Russland spielt, in der UdSSR und dann wieder in Russland, eine Geschichte, in der das Wort von der ‚Judensau‘ häufig und immer wieder zu hören ist, eine Geschichte, in der die Männer ihre Rolle als Ehemänner und Vater aus Filmen lernen, in den Männer vorwiegend saufen und prügeln, eine Geschichte, in der Frauen lernen, daß Gefühle vor der Ehe nicht wichtig sind, sie kämen in der Ehe. Leider ist es meist der Schmerz als einziges Gefühl, das sie spüren werden. Eine Geschichte der frühen Schwangerschaften, der verbotenen Lieben zu Schicksen, denn wichtig ist, daß man unter sich heiratet… Der Krieg, die Not, alles wird durchlitten… Man hatte nichts mit dem osteuropäischen Shetlt zu tun, es gab hochberühmte Ärzte in der Familie (die mit viel Glück sogar die Säuberung nach Stalins Tod überlebten, denn irgendjemand hatte einfach Schuld zu haben am Tod des Väterchens und da kamen Ärzte, zumal jüdische, gerade recht…) und man studierte, wenn möglich. Man zog oft um, lebte in Moskau, in Wolgograd, in Odessa… und dann hatte man die Gelegenheit, nach Germania zu gehen, ausgerechnet Germania, wo das Blut doch noch nicht trocken war, das die Deutschen vergossen haben… Salzmann erzählt diese Geschichte nur angenähert chronologisch, immer wieder gibt es Kapitel, in denen Rückblenden eingeschoben sind, oder in denen das Geschehen aus anderer Sicht dargestellt wird. Die einzelnen Abschnitte, die die Autorin ihren Vorfahren (Urgroßeltern, Großeltern und Eltern) widmet, verraten viel über das Leben damals im Osten, in Russland, in der UdSSR, immer wieder auch streut Salzmann russische Sätze in ihren Text ein, an einer Stelle auch jiddisches.

Der Empfang in Deutschland war … deutsch eben. Ein Asylheim, in dem der Fettgeruch sich auf alles legte und alles egalisierte, in dem jeder mithörte, wenn die Nachbarn sich stritten oder liebten… Die ‚Russen‘ fielen auf durch die Sprache, die nur die Kinder schnell lernten, durch die Klamotten. Dann eine kleine Wohnung, doch der Vater hatte sich dem Suff ergeben, Ali wird die Dolmetscherin, erledigt Behördengänge und den Schriftverkehr. Die Scheidung der Eltern, bei der Ali sich um den Vater kümmert und durch eine ergebnisorientierte Übersetzung seiner Flüche das gewünschte Ergebnis fördert. Ali studiert Mathematik, das kostet sie jedoch zu viel Zeit, die sie eher für ihr Boxtraining braucht, also schmeißt sie das Studium hin. Daß der Sturz des Vaters vom Balkon als Suizid zu werten ist, schält sich langsam heraus aus den Erinnerungen, die auf den Anruf gesprochene letzte Botschaft – eine ewige Schuldzuweisung an die Tochter, die zum Sohn werden will.

Es gibt diesen Anton, die Geburt der Zwillinge ist wohl unstreitig, auch ihre gemeinseme Kindheit und Jugend im Roman. Ansonsten könnte man ihn  für eine Figur halten, die nur in der Fantasie Alis existiert. Das Salzmann gegen Ende des Romans auch auf Antons Erlebnisse in Istanbul eingeht, ändert daran wenig. Obwohl beide im selben Bezirk Istanbul leben, wohnen, hausen, obwohl Anton Ali gesehen zu haben scheint, treffen sie sich nicht, begegnen sie sich nicht. Anton wird immer mehr zur Sehnsuchtsfigur für Ali, deren Identität immer diffuser wird… sich der Identität ‚Anton‘ immer mehr nähert, immer häufiger taucht das ‚er‘ auf, wenn von Ali die Rede ist…

Das Geschehen um Anton und Ali spielt praktisch in der Jetzt-Zeit, der Roman endet mit der Schilderung des Putschversuchs aus dem Erleben Alis heraus im Juli 2016 [6]. Diese politischen Ereignisse bleiben jedoch auf der Hintergrundebene der persönlichen Schicksale der Figuren. Im Übrigen läßt sich auch bei der gegenwärtigen politischen Entwicklung in der Türkei ein Identitätswechsel, wie ihn Alissa zu Ali/Anton durchlebt, beobachten.


Ich hatte Salzmanns Roman nicht auf dem Film, das Buch war eine Weihnachtsgeschenk und hat mir den Einstieg in den neue Lesejahr sehr, sehr schön gestaltet. Es steht bei mir schon jetzt auf der Liste der Highlights und ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Buches zu widmen: mit seinem hohen Tempo ist es spannend, mit dem Schicksal der Figuren berührend, eindringlich, verwirrend, es lädt zum Nachdenken ein, vermittelt Eindrücke über Lebenswirklichkeiten sowohl in Russland/der UdSSR als auch später hier in Deutschland und verunsichert, stellt immer wieder in Frage durch das Grundproblem der Identität: Wer oder Was bin ich?

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Marianna_Salzmann und ihre eigene Webpräsenz: http://sashamariannasalzmann.com
[2] am sieht schon hier auf diesem Kartenausschnitt die kleinen Gässchen in dem Viertel, die teilweise sehr steil sind, sehr schmal sind, umstanden von alten, auch hin- und baufälligen Häusern. Irgendwie erinnert mich das an Zeiten, in denen ich selbst tagelang durch diese Stadt gestromert bin…. Karte bei google-maps: https://goo.gl/maps/38U52bPpgTJ2
[3] z.B. hier http://www.deanita.de/liebe/liebe03.htm
[4] das ist witzig: den Begriff ‚Staubmäuse‘ habe ich noch nie gehört, ich denke mal, sie sind mit dem, was ich unter ‚Wollmäuse‘ kenne, identisch…
[5] Christoph Schröder: Wenn sich das Ich auflöst;  http://www.deutschlandfunk.de/…id=396109
[6] dies scheint literarisch ein beliebtes Ereignis für einen Romanschluss zu sein, Aydemir hat ihren Roman Ellbogen (in dem es ebenso um Identität und Migration geht) ebenso zu diesem Zeitpunkt enden lassen;  https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/18/fatma-aydemir-ellbogen/

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 365 S., 2017

 

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Ein Kommentar zu „Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

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