Orhan Pamuk: Mein Istanbul.. eigene Erinnerungen

Vor ein paar Tagen habe ich von Orhan Pamuk hier einen schönen Aufsatz vorgestellt, in dem er beschreibt, wie er im Haus seiner Eltern mit Büchern, mit Literatur aufgewachsen ist und wie diese für ihn zum Lebensinhalt wurde. Bedenkt man das Thema der diesjährigen Buchmesse ist es sicher kein Zufall, daß in etwa zur gleichen Zeit bei Arte ein Film „Mein Istanbul“ gezeigt wurde, in dem der Autor mit Texten aus seinem Buch [3] durch seine Stadt führte. Ein stiller Film mit ruhigen, melancholischen Aufnahmen und Erinnerungen, die Liebeserklärung eines Mannes an seine Geburtsstadt, die er in ihrer mit all ihren Schatten- und Lichtseiten verehrt [2].

Mein Istanbul – auch wenn es anmaßend ist, es gab eine Zeit, in der ich ein ähnliches Gefühl hatte und deswegen hat der Film mich besonders berührt und auch deswegen liegt das Buch auf meinem Lesetisch und wartet auf mich. Aber wie in einer zarten Liebe nähere ich mich ihm langsam und unaufdringlich, geniesse die Vorfreude…

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in Istanbul, als ich so ca. 12, 13 Jahre auf der Welt war. Mit meiner Familie verlebte ich einen Urlaub an der Schwarzmeerküste und wir unternahmen von dort eine Schifffahrt an den Bosporus, in die Stadt. Erinnerungen an diese Fahrt habe ich nicht mehr allzuviele, irgendwo muss ein Bild von mir sein auf dem Schiff, sitzend, mit kurzen Hosen und einem roten Pollunder, in die Sonne blinzelnd. Dann erinner ich mich noch, daß wir in der Stadt, nachdem wir den großen Bazaar durchstreift haben, eine Wassermelone aßen, am Straßenrand sitzend, und die Schalen einfach liegen ließen. Istanbul war keine saubere Stadt und so kam uns diese Sünde gering vor. Und die alten amerikanischen Straßenkreuzer fallen mir ein, welche das Straßenbild beherrschten, quietschend bunt und vor allem mit Hupen ausgerüstet, ein Lärm war ringsherum, der einem mitteleuropäischen Kind ungeheuer war. Des Abends, eine weitere Erinnerung, besuchten die Erwachsenen in der Gegend um den Galata-Turm einen Nachtclub mit türkischem Bauchtanz, natürlich. Ich verblieb auf dem Schiff, aber es ging mir wohl nicht gut. Ob ich gebrochen habe oder in die Hose gemacht, ich weiß es nicht mehr, weiß nur noch, daß irgendeine Kalamität geschah mit mir. Einen besonderen Eindruck hinterliess Istanbul bei mir nicht. Halt, eins noch: als Souvenir bekam ich einen Wimpel mit der türkischen Flagge, den ich zu Hause stolz an mein Rad montierte, jeder sollte sehen, wo ich war. Immerhin weit weg, in einer fast exotischen Gegend.

Dieser Gedanke, schon einmal dort gewesen zu sein, hat mich auch in Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ die Geschichte der Eroberungs Konstantinopels durch die Osmanen zu meiner Lieblingsgeschichte werden lassen. (Auch ein Buch, das man unbedingt noch einmal lesen müsste…). Der Gedanke, daß eine vergessene Tür den Untergang der Stadt besiegelte (obschon er wohl auch kaum aufzuhalten gewesen wäre, wäre diese Tür geschlossen gewesen…), hat mich fasziniert, eine so kleine Ursache und eine so riesige Wirkung.

Wirklich wieder besucht habe ich den Bosporus das nächste Mal 1973. Ich war damals bei der Bundeswehr Wehrdienst und hatte einen Kameraden, dessen Traum es war, nach Istanbul (und dann noch weiter nach Osten) zu fahren. Und so sind wir dann im Urlaub los. H besaß einen altersmüden Diesel 180D, wie er auf dem Bild zu sehen ist. Altersmüde hieß ganz praktisch, daß der gute Benz undicht war: wir fuhren mit sechs 5-l Kanistern Öl in Deutschland los, die wir auch alle brauchten. Von Frankfurt aus sind es unter Brüdern 3000 km bis zum Bosporus, wir fuhren sie in einem durch, denn Pause machen war uns nicht vergönnt: wir waren so hochgepuscht, daß wir hellwach im Auto lagen und nach spätestens einer Stunde waren wir uns einig, daß wir dann auch weiterfahren können. Wir ist gut, ich hatte damals noch garkeinen Führerschein, so daß H alleine fahren musste. In Griechenland platzte dann zu allem Überfluss auch noch irgendein Schlauch in den Eingeweiden der Karre und Diesel tropfte auf den heißen Motorblock. Völlig mit Qualm eingehüllt rollten wir in eine Tankstelle, doch der Tankwart war dermaßen geschockt von dem, was er sah, daß er laut schreiend das Weite suchte….

Und dann waren wir tatsächlich da. Wir waren in Istanbul. Die Ampeln standen auf „Rot“ und jeder fuhr, die Hupe nicht länger ein nutzloser Ballast im Auto. Bei „Grün“ hielten wir vorsichtshalber, weil ja die kreuzende Straße „Rot“ hatte… Dann sahen wir sie, die Blaue Moschee, die Hagia Sophia… wir tanzten im Auto, waren verrückt vor Freude. Wir hatten es geschafft, wir hatten es geschafft!!

Durch die Stadt gelaufen, im Pudding-Shop gesessen, all den „Narren des Glücks“ [1] zugeschaut, die dort ein und aus gingen und sehnsüchtig bedauert, keiner von ihnen zu sein, nur als Besucher zu sitzen und nicht dazuzugehören…..

Die folgenden Besuche schlief ich immer im Hotel direkt neben dem Pudding-Shop, dem Hotel Güngör. Aber dieses erste Mal in Istanbul nicht, H und ich fanden ein Quartier der besonderen Art. An der Ausfallstraße Richtung Griechenland tranken wir am Abend noch etwas in einer „Kneipe“ und irgendwie ergab es sich, daß wir dort schlafen konnten. In der Folge rollten wir jede Nacht dort im Hof unsere Schlafsäcke aus, Bezahlung wollten die Wirtsleute natürlich keine, da wir uns aber auch nicht lumpen lassen wollten, tranken wir halt jeden Abend den Kühlschrank leer… Wir sind mit der Dorfjugend Basketball spielen gegangen, durften das Baby der Tochter des Hauses auf den Arm nehmen.. es war eine schöne Zeit, diese paar Tage dort haben uns soviel positives von der Türkei gezeigt, daß es für ein Leben lang reichen wird.

Pamuk beschreibt sein Istanbul als schwarz-weiße Stadt voller Melancholie. Dies war sie für mich nicht. Bunt war sie, voller noch nie gerochener Gerüche, noch nie gesehender Aussichten. Die Moscheen so lichte, wunderbare Gebäude, der Große Bazaar mit seinen funkelnden Auslagen, die Garküchen mit dem billigen, aber guten Essen.. Nein, nicht grau war sie, diese Stadt, sie glich eher einer Sirene, die uns lockte, komm, komm.. Asien ist so nah, Afghanistan, Indien, Nepal.. ein paar lächerliche Tagesreisen im Bus oder in der Bahn, 20 Dollar und ich bring dich nach Dehli versprachen sie uns. Am Bosporus stehend war Asien zum Greifen nah.. Asien, das geheimnisvolle, lockende Asien….

Im nächsten Jahr, 1974, fuhr ich mit H dann endgültig nach Indien, natürlich wieder über Istanbul. Die Einreise (der runde, schwarze Stempel) über Edirne, die Ausreise (rund und rot) über Agri in den Iran. Jetzt gehörten wir dazu, noch grün hinter den Ohren, mit unseren kurzen Haaren unsererseits Exoten in der Welt der Langhaarigen. Wir waren der Verlockung unterlegen, nichts konnte uns mehr aufhalten…

Aber Istanbul wurde genossen, der frische Fisch am Goldenen Horn, das hektische Treiben am Bahnhof, die Ruhe vor der Blauen Moschee (oben auf einer Postkarte von 1975) oder in den Höfen anderer Gotteshäuser. Der Tee, den wir in Massen tranken, die frischen Simits, die aufgeschnittenen und gesalzenen Gurken.. Wir schwitzten im Hamam, bestaunten den Topkapi-Serail, liefen zum Bosporus, fuhren schon mal mit der Fähre zum anderen Kontinent, streiften durch die Gassen… nein, mein Istanbul war bunt, interessant, fremd und doch freundlich, es lud mich ein, zu entdecken, zu schauen, zu lernen….

———————-
[1] Günthner, Ulrich
Narren des Glücks
Unter Hippies, Haschern und Globetrottern von Australien zum Bosporus
Fischer Tb, 1974

[2] Virtueller Spaziergang mit Pamuk durch Istanbul

[3] Buchvorstellen: Orhan Pamuk: Istanbul

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2 Kommentare zu „Orhan Pamuk: Mein Istanbul.. eigene Erinnerungen

  1. Da ich erst seit kurzem regelmäßig hier vorbeischaue, bin ich jetzt erst über diesen Artikel gestolpert und danke dir sehr für diese Worte.
    Ich war vor zwei Monaten in Istanbul, das erste Mal und nur für eine Woche, dennoch hat mich die Stadt schon am ersten Abend gefesselt und fasziniert. Es gibt soviel zu sehen, erleben, entdecken, so viele verschiedene Menschen zu beobachten und kennenzulernen, dass man noch tausendmal zurückkehren müsste, um die Stadt auch nur ansatzweise zu begreifen.
    Jetzt lasse ich meiner Nostalgie die Zügel etwas locker und schaue mir Erinnerungsfotos an.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend!

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    1. Ich freue mich sehr über deinen Kommentar, habe ich doch dadurch meine eigene Erinnerung wieder aufgefrischt. Schon zwei Jahre her, daß ich diesen Beitrag schrieb…

      Ich vermute, daß heutige Istanbul würde ich nicht wieder erkennen. Ob es von seinem morbiden Charme verloren hat, seinen Gerüchen, seinem Lärm (sicher nicht)….. aber es wird immer noch faszinierend sein. Vielleicht sollte ich doch noch mal schauen, ob ich nicht doch noch irgendwo Bilder habe aus der Stadt in den 70ern…

      Auch dir einen schönen Abend mit deinen Bildern!
      fs

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