Dennis Lehane: In der Nacht


Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

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