Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Celeste Ng… dieser Autorinnenname hat sich eingeprägt, nicht nur, weil er als Name, als Wort natürlich auffällig ist, sondern weil gleich der Erstling der Autorin ein so wunderbares Buch war (Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte). Entsprechend hoch waren bei mir die Erwartungen an ihren neuen Roman… und ich will diese Frage gleich beantworten und schon hier sagen, daß Kleine Feuer überall für mich die Erwartungen noch übertroffen hat. Auch wenn es pathetisch ist, ich habe mir gedacht, so lange es Menschen gibt, die solche Bücher schreiben können (und solche, die das lesen wollen), ist noch nicht alles verloren…. ;-)

Es war für mich – noch eine (nicht die letzte) Vorbemerkung – eine seltsame Erfahrung, in dem Roman die Beschreibung eines Hauses zu lesen und mir gleichzeitig dieses Haus anzuschauen: Ngs Geschichte spielt in Shakers Heights, Ohio (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_Heights), wo die Familie Richardson zwei Häuser besitzt, eins in der Winslow Road 18434 (https://goo.gl/maps/n3eA41h538J2) und ein zweites in der nicht weit davon entfernten Sedgewick Road (https://goo.gl/maps/6WBQJBKNMoF2), in dem sie selbst wohnen. Auch hier fließen persönliche Erfahrungen der Autorin mit in ihre Geschichte ein, Ng wohnte viele Jahre lang in diesem besonderen Viertel von Cleveland. Womit wir jetzt bei den „Shaker“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_(Religion)) wären, eine aus der Quäker-Bewegung hervorgegangene Glaubensgemeinschaft mit einer hohen Arbeitsethik. Arbeit wurde als Gottesdienst angesehen, auf Bildung wurde Wert gelegt, technischer Fortschritt nicht abgelehnt. Dies alles führte dazu, daß Shaker-Gemeinden wohlhabend und wirtschaftlich erfolgreich waren. Shaker Heights war eine nach ihren Prinzipien aufgebaute Siedlung, mit einer strengen Ordnung. Noch heute (sprich zu Zeiten, in denen der Roman spielt und das waren die, in denen eine gewisse Praktikantin im Weißen Haus die Endnote „befriedigend“ erhielt und die Zigarren eben nicht ihrem bestimmungsmäßigen Gebrauch zugeführt worden waren….) wurden zum Beispiel die Mülltonnen zum Leeren nicht an die Straße gestellt, sondern von den Müllarbeitern mit speziellen Wagen von hinter dem Haus geholt.


Elena Richardson – jetzt komme ich endlich zum Buch – stammt aus dieser Siedlung, ihre Familie wohnt dort schon seit einigen Generationen. Sie hat diese Prinzipien mit der Muttermilch aufgenommen und verinnerlicht, Regeln und deren Befolgung, das Einhalten der Ordnung sind für sie Lebensprinzipien, die sie nicht aufgibt. Die große Gelegenheit, aus diesem System auszubrechen, wehrte sie einst mit einem Kuss ab, Larry, ihr Mitschüler und Schwarm, der eines Tages die Schule hinschmiss und mit einem kleinen VW-Bus nach Kalifornieren fuhr, musste alleine fahren…

Zu den Richardson gehören neben der bei einem Lokalblatt als Journalistin arbeitenden Elena ihr Mann, der als Jurist in einer Kanzlei arbeitet und die vier Kinder Lexie, Trip und Moody einerseits sowie Izzy, die Jüngste, die für Elena das Sorgenkind ist: sie ist unangepasst, aufmüpfig, hat ihren eigenen Willen und der Konflikt zwischen ihr und ihrer Mutter ist ein Dauerzustand. Geld ist kein Problem für die Richardsons, sie haben es. Und da es zur Ethik Elenas gehört, denen, die es nicht so reichlich haben, zu helfen, vermietet sie ihr Zweithaus in der Winslow Street (das wie alle anderen dort so gebaut ist, daß es wie ein normales Haus für eine Familie aussieht, um zu kaschieren, daß dort zwei Parteien zur Miete wohnen) an Menschen, denen sie damit etwas Gutes tun will.

Und das sind im Moment die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und ihre fünfzehnjährige Tochter Pearl. Die beiden sind so ziemlich das Gegenteil von allem, was die Richardsons sind. Sie sind ruhelose Wanderer, zigmal haben sie in den letzten Jahren ihren Wohnort gewechselt, immer wenn ein Projekt der Fotografin fertig ist, wird der Besitz, den sie haben, in einen alten VW Golf gepackt. Es reicht zum Leben – die Ansprüche der beiden sind gering.

Es ist Moody, der auf Pearl aufmerksam wird und sich in sie verliebt, auch wenn er das selbst vielleicht so nicht formulieren würde. Jedenfalls wusste er beim ersten Aufeinandertreffen, daß es von nun an ein ‚Davor‘ und ein ‚Danach‘ geben würde. So wie Moody verblüfft war, daß man Reparaturen und Handwerkliches, so wie Mia und Pearl machten, auch selbst erledigen kann, so ungläubig starrte Pearl beim ersten Besuch bei den Richardson auf deren Wohnung, die einem Hochglanzmagazin entstiegen schien, und auf das lässige Selbstverständnis, die Selbstsicherheit der Bewohner und die Selbstverständlichkeit, mit der sie von der gesamten Familie, fast, als gehöre sie schon immer dazu, behandelt wird.

Mit den Warrens und den Richardsons hat Ng zwei Antagonisten, zwei Pole, die sich anziehen und die sich dann jedoch auch Abstoßung einschleicht. So wie sich Pearl zur leichten Sorge ihrer Mutter eng an die Richardsons anlehnt, oft ganze Tage bei ihnen verbringt, so sollte Izzy später in Mia einen Menschen erkennen, der sie einfach so akzeptiert, wie sie ist und der sogar ihre innere Wut zu verstehen scheint. Es sollte schließlich ein dummer Zufall sein, der das fragile Miteinander aus dem Gleichgewicht bringen sollte und den Stein ins Rollen brachte, auch wenn man die Konsequenzen erst später ganz erfassen sollte.

Moody und Pearl besuchen eines Tages mit ihrer Klasse ein Museum und dort hängt ausgestellt an der Wand die Fotographie einer berühmten Fotokünstlerin, Pauline Hawthorne, „Jungfrau mit Kind“, auf der ganz eindeutig Mia Warren zu sehen ist, die einen Säugling im Arm hält… und als Izzy, die mehr über das Foto erfahren will, nicht weiterkommt, sie ihre Mutter bei der Berufsehre packt und bittet, dies doch mal als Journalistin zu recherchieren, greift Elena dies freudig auf, vermutet sie doch selbst ein Geheimnis im Leben dieser verschlossenen, so ganz anders als sie ‚gestrickten‘ Mia Warren….

Je tiefer Elena in die Vergangenheit Mias eindringt, desto mehr nehmen Ablehnung und moralische Verurteilung zu.  Eine Steigerung erfährt dies noch durch einen Skandal, der Shakers Heights in diesen Tagen, in denen ein blaues Kleid mit Flecken nationales Thema war, aufregt: die McCulloughs, Freunde der Richardson, kinderlos, haben die Chance, ein Baby zu adoptieren, die Formalitäten sind fast abgewickelt. Da taucht auf einmal die biologische Mutter wieder auf und möchte das Kind zurück. Bebe ist eine junge, mittellose, alleinstehende Chinesin, die ihr Baby in einem psychischen Ausnahmezustand (Geburtsdepression) seinerzeit vor einer Feuerwache abgelegt hatte. Sie ist eine Arbeitskollegin von Mia in einem Imbiss, in dem Mia ein wenig Geld dazu verdient, und Mia hatte, nachdem sie von den Umständen der Adoption erfahren hatte, eins und eins zusammengezählt und Bebe alles erzählt. Es kommt zum Prozess um das Kind, für Elena ein Kampf des Guten, Ordentlichen, den Regeln Gehorchenden (i.e. die McCulloughs) gegen das Chaos, die Unsicherheit, das Regellose (die alleinstehende, mittellose Bebe) – und wer war’s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, aber für Elena trägt Mia die Schuld daran….


Regeln gab es aus einem bestimmten Grund:
Wer sie befolgte, kam voran;
wer es nicht tat,
drohte die Welt in Asche zu legen. 

Dieser grundsätzlichen Lebenseinstellung hält Ng an einer Stelle entgegen, daß Regeln nur dann absolut gelten, wenn die Welt schwarz und weiß wäre, es nur richtig und falsch gäbe – aber die richtige Welt hat Zwischentöne, in denen diese Regeln ihre Eindeutigkeit verlieren. Der Adoptionsfall zeigt dies sehr deutlich, es gibt Argumente für jede der beiden Parteien, die sich um das Baby streiten, und außer Elena und den streitenden Parteien ist zum Schluß praktisch jeder unsicher, was die ‚richtige‘ Entscheidung ist. Sogar Mr. Richardson, der vor Gericht die Sache der McCulloughs vertritt, entwickelt im Lauf des Prozesses Verständnis für Bebe.

Und noch eins zeigt Ng, eine Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, an dieser Episode. Schon in ihrem Debüt Was ich euch nicht erzählte verarbeitete sie die Erfahrungen des täglichen Rassismus, den sie in ihrer normalen Umwelt erlebt hat, sie betonte seinerzeit, daß sie alles, was sie in diesem Roman eingearbeitet hat, persönlich oder aus ihrem persönlichen Umfeld erlebt hat bzw. kennt. In der Sorgerechtsverhandlung wird dies auch in diesem Roman thematisiert: Wie können die McCulloughs sicherstellen, daß ein chinesisches Baby nicht von seinen Wurzeln abgeschnitten wird, wird gefragt? Eine der hilflosen Antworten dazu ist die Aussage, man würde gerne chinesisch Essen gehen… Ng nutzt diesen Streit, den alltäglichen, dem normalen Leben inhärente Rassismus aufzuzeigen: es gibt (gab) u.a. keine Puppen, die chinesisch aussahen, keine Bilderbücher mit chinesisch aussehenden Kindern. Eine persönliche Erfahrung der Autorin dazu: My mother „bought every children’s book she could find that had Asian characters in it … she always tried to buy me an Asian doll, but there weren’t any. So at one point I got a black doll, because at least she wasn’t blond.“ (https://www.theguardian.com/books/2017/nov/04/celeste-ng-interview-little-fires-everywhere)

Elena Richardson scheitert letztlich an ihrem Glauben an Regeln, weil der nicht einschließt, daß andere Menschen Regeln dehnen, sie gar übertreten. So prallt sie mit der Realität zusammen, hinterfragt nicht, was sie erfährt bzw. was für sie offensichtlich ist. Sofort ist sie mit einem Urteil zur Stelle und löst damit eine Katastrophe aus. Zudem verunsicherte sie diese so völlig andere Person Mia Warren, die all das war, was sie, Elena, in sich unterdrückt hatte und gegen das sie sich an jeder Wegerkreuzung ihres Lebens entschieden hatte, der Sicherheit anderer Entscheidungen (Ehepartner, Wohnort, Beruf, Stellung) untergeordnet. Kaum auch Neid auf? Uneingestandener würde ich sagen, denn Mia öffnete in der ansonsten fast hermetischen Shaker Heights-Welt Elenas ein Fenster zu einer anderen Welt mit anderen Ansprüchen, anderen Chancen und Risiken, anderen Möglichkeiten. Shaker Heights erlaubte keine Entwicklung, die Regeln, die strenge Ordnung war wie ein Zaun, hinter dem ein dröges, bequemes Leben geführt werden konnte, das blind machte für alles außerhalb dieser Ordnung. Die Erlebnisse und Schicksale der Kinder (auf die ich hier nicht eingehe) sind dafür beredtes Beispiel: sie liegen ausserhalb der Vorstellungswelt Elenas.

Ng läßt ihr Buch völlig offen enden, ich hätte sie **** können dafür! Natürlich will ich wissen, was aus Mia und Pearl wird, wie es Izzy ergeht, will wissen, ob Pearl ihren Vater und ihre Großeltern kennen lernen wird (und wie reagiert/en die?) , wie entwickelt sich das Leben für Lexie, Moody und Trip weiter? Und Elena? Hat sie was gelernt aus dem Unglück, wird sie Izzy finden und treffen Mia und sie noch einmal aufeinander? Herrgott, das will doch gefälligst erzählt bekommen!!! An die Arbeit, liebe Frau Ng!


Ngs Sprache ist – zumindest in der Übersetzung – nicht kompliziert, sondern klar und strukturiert. Sie erzählt ihre Geschichte chronologisch und streut an den entsprechenden Stellen Rückblicke ein, die uns im Lauf der Handlung die Schicksale ihrer Personen nahe bringen und aufzeigen. Das Leben ist nicht immer einfach, gerade Mias Leben war es nie und ist damit schon von Anfang an ein strikter Gegensatz zum Lebensweg Elenas. Diese Rückblicke sind nüchtern und wirken fast wie Reportagen, Ng wertet nicht und arbeitet dadurch die Charakteristika ihrer Figuren um so deutlicher heraus. (Wer das in extenso duchdeklininiert haben möchte, sollte mal auf diese Seite schauen:  https://www.litcharts.com/lit/little-fires-everywhere). Peu a peu gewinnen die Figuren an ‚Leben‘, scheinen immer plastischer und vielschichtiger in der eigenen Phantasie, besonders galt dies bei mir für Izzy, dieses junge Mädchen, das mir vorkam wie ein Tiger, der in einem Gitterkäfig eingesperrt war und mit jedem Atemzug an den Eisenstäben rüttelt…

Es ließe sich noch viel über dieses Buch sagen. Viele der Personen, die eine Rolle spielen, habe ich noch nicht einmal erwähnt: die Ryans, die Wrights, Mr. Yang, ‚Mrs. Pisser‘, Pauline und ihre Lebensgefährten u.a.m., es würde einfach zu viel. Was ich aber mit meiner Buchvorstellung deutlich machen wollte, ist kurz gesagtdies: Kleine Feuer überall ist ein Kleinod, ein wunderbares, spannendes, intelligentes, lebensweises Buch, das ich jedem nur empfehlen kann.

Celeste Ng
Kleine Feuer überall
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Little Fires Everywhere, NY, 2017
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 380 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Advertisements

Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die Autorin dieses in den Südstaaten der USA angesiedelten Romans, die auch ihre eigene Heimat sind, ist schon mit ihrem Erstling wie ein Sturm durch die Blogs und Feuilletons gegangen. Die Geschichte dieses Debüts, die das Leben einer Familie vor dem großen Hurrikan Katrina schildert, erntete großes Lob und Begeisterung [Jesmyn Ward: Vor dem Sturm]. Mit ihrem vorliegenden neuen Roman, ebenfalls mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet [vgl hier: http://www.nationalbook.org/nba2017-finalist-fic-ward-sing-unburied-sing.html#.WsriQMWsbcs], führt uns Ward wiederum in die Südstaaten, und obwohl er in unsere heutige Zeit spielt, wirkt die Handlung seltsam zeitlos ist…

‚Pop‘ und ‚Mam‘ kümmern sich um die Erziehung von Joseph, genannt Jojo. Die Großeltern springen für ihre Tochter Leonie ein, der, so wird es die von Krebs gezeichnete Mam am Ende ihres Lebens festhalten, der Mutterinstinkt fehlt. In Jojo ist deutlich das Erbe, die Verwandtschft mit Pop zu erkennen, seine Haltung, sein gerader Rücken, seine Blick. Er ist dreizehn Jahre alt und das Buch beginnt sozusagen mit seiner Initiation: Pop nimmt ihn mit, als eine Ziege geschlachtet wird. Jojos Vater ist im Gefängnis, in Parchman, einer Hölle auf Erden, er heißt Michael und ist weiß, im Gegensatz zu Leonie. Für Michaels Vater Big Joseph ist diese Beziehung etwas Unmögliches, eine ‚Niggerschlampe‘ kommt ihm nicht auf Hof und als Michael doch einmal mit seiner Familie dort erscheint, kommt es zu einer üblen Schlägerei zwischen den beiden. Michael, Leonie und die beiden Kinder Jojo und Kayla (die eigentlich Michaela heißt) leben bei Pop und Mam. Kayla ist Jojos Schwester, um die dieser sich liebevoll kümmert. Wie ein Klammeräffchen hängt die Dreijährige an ihm, der für sie quasi die Mutterrolle angenommen hat und der das Versagen der eigenen Mutter deutlich spürt und verurteilt.

Die drei Jahre Parchman, dem gefürchteten Staatsgefängnis in Mississippi [vgl. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Mississippi_State_Penitentiary], sind für Michael um, er wird entlassen. Leonie packt ihre beiden widerstrebenden Kinder ins Auto und sie machen sich auf den Weg, um ihren Mann bzw. Vater abzuholen. Begleitet werden sie von Misty, der Kollegin von Leonie aus der Bar, in der sie arbeitet, auch ihr Mann ist dort inhaftiert.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Ward eine typische Road-Novel, eine Reise durch den unerträglich schwül-heißen Süden der USA, eine Reise auch durch drei Generationen Familienschicksal und Rassenhass.

Sie läßt ihre Familiengeschichte mit Pop beginnen, der als Jugendlicher einer Nichtigkeit wegen nach Parchman gekommen war. Und dabei hatte er noch Glück gehabt muss man feststellen, andere sind (oder sollten es noch Jahre später werden) größerer Kleinigkeiten wegen als einer Prügelei in einer Bar gelyncht worden. Wobei ‚Lynchen‘, also Aufhängen, fast noch human klingt, wenn Ward erzählt, daß nur noch das aufgehängt wurde, was nach der bestialischen Vorbehandlung übrig geblieben war…

Parchman war ein riesiges Areal, auf dem Baumwolle angebaut wurde. Es gab keine Zäune oder Mauern, die Weite war Mauer genug und dann waren da noch die Wärter mit ihrem Gewehren und der Lust am Töten und die Hunde… Nur die stärksten und widerstandsfähigsten überstanden die Zeit dort, Richie gehörte nicht dazu, obwohl sich Rivers, der später zu Pop wurde, wie ein Vater um ihn kümmerte und ihn zu schützen suchte. Richie war erst zwölf, halb verhungert und aus diesem Grund in Parchman, weil er für sich und seine vielen Geschwister Essen gestohlen hatte.

Rivers blieb nach seiner Zeit im Süden, er wollte das Meer, das Bayou, nicht verlassen. Mit Philomene hatte er zwei Kinder. Given, der Sohn, sollte als junger Mann erschossen werden, weil ein Weißer sich für eine verlorene Wette rächen wollte. Ein Mord, der zum Jagdunfall wurde… Leonie verliebte sich in den Cousin des Mörders, der als Schweißer auf der Deepwater Horizon [https://de.wikipedia.org/wiki/Deepwater_Horizon] arbeitete und der durch deren Explosion, bei der viele seiner Freunde starben, tief traumatisiert war. Und danach kamen ein paar Jahre Parchman für Michael…


Ward erzählt ihre Geschichte aus der Sicht dreier Personen: Jojo, Leonie und hin und wieder Richie wechseln sich ab. Es sind oft dieselben Situationen, die sich aus der Sicht der Erzähler ganz unterschiedlich darstellen, es sind aber auch verschiedene Lebensstationen, die sich auf die jeweiligen Erzähler konzentrieren. Jojo und Pop sind oft zusammen und Pop erzählt Jojo von seiner Zeit in Parchman und seinem besonderen Verhältnis zu Richie – was er jedoch nicht erzählt, das Ende der Geschichte. Das auch Richie selbst nicht kennt, das seinen ‚Geist‘ – denn Richies Körper ist schon lange tot und vergangen – unruhig sein läßt, auf der Suche nach seinem Schicksal zu Jojo führt. Und so wie Jojo Richie sehen kann, kann Leonie ihren toten Bruder Given sehen, beide haben sie diese Gabe von Mam geerbt, ebenso wie Kayla sie hat. Pop hat sie nicht, auch Michael natürlich nicht… Sie können die Toten nicht sehen, die Geister nicht spüren und hören so wie die Frauen – und Jojo es können…

Wie der Ozean. Nicht wie euer Ozean – ich meine, im Ernst, den sollte man nicht mal Golf nennen, so schlammgrau wie der ist. Ich meine echtes Wasser. Ich meine Jamaika, Santa Lucia, Indoniesen, Zypern. Schlammig, modrig, faulig, der Boden mit verrottenden Pflanzenresten bedeckt, so wie das Wasser in dieser Gegend und darüber die Luft, die aus Hitze und Schwüle besteht, so erscheint auch die Atmosphäre dieser Geschichte. Es gibt keinen Blick in die Zukunft, es gibt keine Zukunft, es scheint nur den Augenblick zu geben, in dem alle Zeit verschmilzt und dann den nächsten und dann den folgenden… die Vergangenheit zerrt an ihnen, hält sie, blockiert sie, die Gestorbenen sind nicht wirklich tot, sie sitzen auf den Bäumen, sie erscheinen denen, die mit der Gabe, sie zu sehen gesegnet (oder geschlagen) sind und verlangen Erlösung, verlangen Aufklärung… oder sind gekommen, jemanden abzuholen wie beispielsweise Mam, für die Leonie das alte Ritual, die alte Beschwörung durchführt. Für Maman Brigitte, Mutter der Ghede. Herrin der Friedhöfe und Mutter aller Toten. … es sind die alten Götter der Yoruba, die beschworen werden, die hier noch herrschen, die ihre Hand über die Menschen halten. Ich wusste, sie rief Unsere liebe Frau von Regla an. Den Stern der Meere. Beschwor Yemayá, die Göttin der Meere und des Salzwassers, mit ihrem Schsch und mit ihren Worten und sie hielt mich wie diese Göttin, ihre Arme waren die lebenspendenden Wasser der ganzen Welt. 

Eine Welt der Konflikte, der Arbeitslosigkeit, der Drogen, des Hasses der Hautfarbe wegen… Er hat mich vergewaltigt und gewürgt bis ich tot war ich habe die Hände hochgenommen und er hat achtmal auf mich geschossen sie hat mich im Schuppen eingesperrt und dort verhungern lassen während ich zuhörte wie meine Kinder im Garten mir ihr spielten sie kamen mitten in der Nacht in meine Zelle und haben mich erhängt sie merkten daß ich lesen konnte und da zerrten sie mich nach draußen zur Scheune und stachen mir die Augen aus bevor sie mich totschlugen … klagen die Geister an. 

Jojo und Kayla erinnern an die vierhändigen und -beinigen Wesen aus Platons Gastmahl, sie sind kaum zu trennen, Kayla umklammert Jojo und klettert auf ihm herum und beide halten sich im Schlaf umschlungen. Nur widerwillig gibt Jojo seine Schwester her wenn Leonie (oder später dann Michael) danach verlangen, meist auch mit Recht, denn es tut Kayla, die dann zu Michaela wird, nur selten gut, von Jojo getrennt zu werden. Die meiste Zeit leidet Kayla/Michaela in dieser Geschichte Hunger, was Leonie weitgehend egal ist, allenfalls stopft sie ihre Tochter mit Cheetos voll, die dann kurze Zeit später in einem Schwall zusammen mit dem eingeflößten Brombeersud lilafarben wieder aus ihr hervorbrechen. So wie bei Leonie Milch mit zerstoßener Grillkohle das Crystal Meth wieder zu Tage fördern, das diese bei der Polizeikontrolle in Panik verschluckt hatte… es wird viel gekotzt auf dieser Fahrt, die Menschen drehen ihr Innerstes nach außen, entleeren sich, bis nur noch die Hülle vorhanden zu sein scheint und alles andere ausgespuckt ist.

Eine Road-Novel, die die Frage offen läßt, was sich verändert hat in diesen Tagen. Jojo ist erwachsen geworden durch alles, was er auf dieser Fahrt erlebt und gesehen hat, inclusive der Pistolen des Streifenpolizisten an seinem Kopf, seine Initiation ist beendet. Und was hat sich für die anderen ergeben?


Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein packender Roman und das ist die Kunst Wards, denn im Grunde wird eine unspektakuläre Familiengeschichte erzählt, wie  im Süden der USA wahrscheinlich gang und gäbe ist. Aber Ward hebt die Grenzen des Alltäglichen auf, in ihrer Geschichten weilen die Gestorbenen noch unter uns, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen mit der Gegenwart, die Zeit verliert ihre Grenzen, was aber erst die Gestorbenen erkennen, die Lebenden glauben noch an eine Zukunft – oder auch nicht, denn welchen haben sie schon, wenn die Hautfarbe nicht stimmt? Die alten Götter leben neben den neuen weiter, auch wenn nicht jeder die Gabe des Sehens hat. Der Hass hat sich nicht verändert, nach wie vor bestimmt die Hautfarbe den Wert des Menschen und damit sein Leben, seine Möglichkeiten. Und die sind für die, die dunkler sind, beschränkt. In der Bar kellnern, ein bischen was mit Drogen, Gelegenheitsarbeiten. Armut ist der Standard. So wird es weitergehen, wenn es Hoffnung gibt auf Änderung, dann erst bei Jojo, Kayla und deren Generation…

Ist es diese schwülfeuchte, alles erstickende Atmosphäre, in der sich die Geschichte abspielt, ist es dieses Durchbrechen der Rationalität, in dem die Geister der Gestorbenen genauso eine tragende Rolle spielen in der Handlung wie die Lebenden, ist es die Polarität, die sich zwischen Leonie und Jojo symbolisiert, zwischen dem sich Aufgegebenhaben und der Rebellion dagegen? Der Roman fasziniert auf vielen Ebenen, die Figuren werden in der Geschichte lebendig und die Handlung saugt einen beim Lesen ein, das Kopfkino, in dem sich alles spiegelt, springt sofort an. Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ganz sicher einer der Höhepunkte in diesem Lesejahr.

Jesmyn Ward
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker
Originalausgabe: Sing, Unburied, Sing; NY 2017
diese Ausgabe: Kunstmann, HC, ca. 300 S., 2018

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Wu

Michael Cunningham: Ein wilder Schwan

Michael Cunningham ist 1952 geborener Amerikaner und als Schriftsteller u.a. mit dem Pulitzer-Preis für seinen auch verfilmten Roman Die Stunden ausgezeichnet [1]. Im vorliegenden Werk, schon von außen als Buch ein Genuss, hat er etwas ganz anderes als einen Roman geschrieben. Er hat sich den Märchen gewidmet, Rapunzel beispielsweise, die Schöne und das Biest, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen, den standhaften Zinnsoldaten (um einige zu nennen) und hat diese ‚hinterfragt‘, uminterpretiert, in unsere Zeit transferiert oder auch fortgeschrieben.


Manchmal führt dies zu ganz anderen Geschichten wie beispielsweise bei Hänsel und Gretel. Die im Märchen böse Hexe ist bei Cunningham eine durch ein ausschweifendes, mehrere Ehemänner verschlissen habendes Leben gealterte Frau, die sich, nachdem das Alter (auch der eigene Körper hat Spuren dieses Lebens davon getragen) sie gezeichnet hat, ein Häuschen, ein Zuckerhäuschen, im Wald gebaut hat, in der Hoffnung, Anlaufstelle zu werden für die, die etwas vorhaben, was keiner sehen soll. Die einzigen, die jedoch nach Jahren des Wartens auf ihr Häuschen stoßen, ist ein psychopathisches Pärchen…

Enger am ursprünglichen Märchentext bleibt Cunningham dagegen bei seiner Geschichte vom Gnomen (… aus einer Sippe unbedeutender Zauberer…), der unbedingt ein Kind haben bzw. aufziehen möchte, ein Begehr, das zu Verwirklichen ihm auf natürlichem Wege verwehrt ist. Als die Müllerstochter jedoch des großmäuligen Vaters wegen vom König mit Spinnrad, Stroh und dem Auftrag, daraus Gold zu spinnen, in ein Verließ gesperrt wird, sieht er seine Chance…

… oder die Schöne… auch sie vom Vater geopfert… wohl kann sie das Biest erlösen, doch als der schöne, muskulöse Prinz dann vor ihr steht und sie seine Augen sieht, fragt sie sich, ob dessen Verwandlung in ein Biest nicht einfach nur eine angebrachte Schutzmaßnahme war…

… oder auch der letzte, der zwölfte Prinz aus Andersens Die wilden Schwäne, der dort nur erwähnt wird, bei Cunningham kommt ihm die Hauptrolle zu. Er, mit seinem Schwanenflügel, wird zum und ist Aussenseiter, Ausgestoßener auch: die billigen Schänken und Bars und deren Bewohner werden seine Begleiter, Vergessen und Trost sucht er im Alkohol…

Das soll als Beispiel für den Inhalt des Buches und den Ansatz des Autoren reichen.


Märchen, diese alte, ursprünglich mündlich tradierte Form – bevor sie schriftlich fixiert wurde – von Geschichten sind ja nicht einfach nur schöne und/oder erbauliche Texte, sie (als Volksmärchen) sind tiefgründig, übermitteln verschlüsselte Wahrheiten und Botschaften. Ich hatte mich vor einigen Jahren einmal damit befasst, als ich gebeten worden war, etwas über Aschenputtel zu erzählen [siehe unten]. Verfremdet man solche Geschichten, die offensichtlich mehr als nur einen Boden haben, verflacht man sie notwendigerweise, weil man das in ihnen Versteckte mit der Umwandlung in eine neue Geschichte verliert. Das Märchen der beiden Kinder Hänsel und Gretel beispielsweise ist in vielfacher Weise deut- und interpretierbar [2], kehrt man die Rollen jedoch um (wie der Autor es hier gemacht hat)  wird aus dem vielschichtigen, uralten Schatz der Volksüberlieferung eine einfache Geschichte, die zwar auch eine Botschaft vermitteln kann, aber im Grunde doch ‚flacher‘ ist als das Original. Diese Tatsache tut – das möchte ich betonen – dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch, da man sich als Leser (oder auch Hörer…) meist weniger auf tiefenpsychologische Aspekte von Märchen konzentriert, sondern man sich einfach nur dem Genuss der Geschichten hingibt… Märchen erzeugen schließlich auch Gefühle und Emotionen.

Wer Märchen kennt, ist klar im Vorteil, denn Cunningham hat sich natürlich nicht nur an die bekannten Volksmärchen der Grimmschen Brüder oder Andersens gehalten, die meisten der zugrunde liegenden Originale sollten aber bekannt jedem und damit erkennbar sein. Nicht jede Geschichte gefällt gleich gut, das ist normal bei Märchen (und als (Kunst)Märchen werden auch Cunninghams Geschichten im Untertitel bezeichnet), aber zusammen mit den zauberhaften Illustrationen der japanischen (und in NY lebenden) Künstlerin Yuko Shimizu ist ein sehr, sehr schönes Buch entstanden, schon der Umschlag ist optisch und haptisch ein Genuss für die Sinne. Damit ist Ein wilder Schwan eine erste Adresse als Buch zum (Ver)Schenken, sich selbst und anderen…

Links und Anmerkungen:

[1] Über Cunningham hat die Wiki nicht allzu viel zu bieten, aber immerhin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Cunningham, dafür gibt es aber eine Homepage: http://www.michaelcunninghamwriter.com
[2] Wie es hier im Überblick geschrieben steht…: https://de.wikipedia.org/wiki/…Deutungen

Es gibt nicht allzu viel ‚Märchenhaftes‘ auf aus.gelesen, aber zumindest dies:

ein wenig was zu Aschenputtel
José María Guelbenzu: Spanische Hunger- und Zaubermärchen
E.T.A. Hoffmann: Meister Floh (ein Kunstmärchen)
Blaise Cendrars: Kleine Negermärchen

Michael Cunnigham
Ein wilder Schwan
Andere Märchen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Illustrationen von Yuko Shimizu
Originalausgabe: A Wild Swan and Other Tales, NY, 2015
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 156 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Robert Olmstead: Der Glanzrappe

Anfang Juli 1863 tobte in der pennsylvanischen Kleinstadt Gettysburg eine der blutigsten Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs. Sie forderte um die fünfzigtausend (andere nennen höhere Zahlen, dies ist jedoch die im Roman kolportierte) Opfer, endete mit einer Niederlage der Konföderierten Armee und wird als einer der Wendepunkte dieses Bürgerkriegs angesehen.

Jede Zeit hat ihre Waffen, jede Waffe hat die ihr eigene Grausamkeit. Entsprechend sind die Art der Verletzungen, an denen die Menschen sterben – oder auch nicht, wenn sie ihre Verwundungen als Krüppel überleben. Stichwunden durch Bajonette, vom Säbel abgeschlagene Hände, Arme, Beine, Köpfe: der Boden war schnell so sehr vom Blut getränkt, daß er nichts mehr aufnehmen konnte, die Luft roch nach Eisen von all dem Blut…. die relativ neuen Minie-Waffen/Geschosse rissen fürchterliche Wunden, die Kampftaktik der Heere hatte sich an die entscheidend ver’besserte‘ Waffentechnik (Zielgenauigkeit, Reichweite) noch nicht angepasst….

In dieses Szenario stellt der amerikanische Autor Robert Olmstead [1] seine Geschichte vom vierzehnjährigen Robey Childs, der mit seiner Mutter auf einer einsamen Farm in Virginia lebt, der Vater ist im Krieg. Im Mai 1863 erfährt die Mutter vom Tod Thomas Jacksons [2], einem der fähigsten Männer General Lees, für sie damit der Krieg verloren: Es ist vorbei. … Es hat keinen Sinn mehr. … Es war ein Fehler….,  und sie schickt ihren Sohn aus, den Vater nach Hause zu holen, spätestens im Juli solle er zurück sein.

In seinem Alter, mit vierzehn Jahren, sei er alt genug zum Sterben, deswegen kann er diesen gefährlichen Weg jetzt gehen. Beladen mit Ratschlägen der Mutter (Trau‘ niemanden / Überleg‘ nicht lang, du musst als erster schießen / Wenn man der Gefahr ins Auge schaut, zieht sie an einem vorbei / Versprich, daß du zurückkommst), verabschiedet mit einer der seltenen Zärtlichkeiten, die sich die Mutter erlaubt, reitet der Junge noch in der Nacht los, vielleicht hat er die Prophezeiung der Mutter noch im Ohr: Dann sagte sie, daß es Männer gebe, welche die Erde, das Wasser und die Luft mit Schrecken erfüllten, und er würde diesen Männern auf seiner Reise begegnen, und sein Vater sei einer von ihnen. … vielleicht werde auch er eines Tages einer von ihnen sein. 

Sein Pferd ist schon nach der ersten Nacht durch das noch vom weichenden Winter vereiste Tal so am Huf verletzt, daß er es im Tal beim Krämer zurücklassen muss. Der Krämer jedoch hat ein herrenloses Pferd, einen prächtigen Rappen, den er dem Jungen leiht. Dieses Pferd zeigt bald fast mystische Eigenschaften, findet den Weg allein, geht bei Begegnungen mit andern in Deckung… so kann der Junge fast Tag und Nacht reiten, lernt im Sattel zu schlafen. (Man kann in diesen Wechsel des Pferdes, zu dem Robey gezwungen ist, einiges hineininterpretieren, wenn man sich aus der Mythologie (s.u.) bekannte Rappen vor Augen hält.)

Es ist eine Reise in die Hölle, die Robey unternimmt. Sein Weg kreuzt sich mit dem von Männern, die gefährlich sind, mit Sklavenjägern, die entlaufene Sklaven wieder gen Süden treiben. Durch eine Unvorsichtigkeit läßt sich Robey das Pferd stehlen, er selbst kommt noch einmal mit dem Leben davon. Es ist eine Lektion, die er hier lernt, die er noch oft anwenden kann, es ist das, was ihm die Mutter mitgab: Schieß‘ als Erster! Aber noch ist er ein Junge, fühlt sich hilflos, muss beispielsweise der Vergewaltigung eines jungen Mädchens zuschauen, weil er sich ohnmächtig fühlt, einzugreifen…

Er gerät in Gefangenschaft, viele Tage sind schon vergangen, der Juli, in dem er eigentlich wieder zuhause sein sollte mit dem Vater, ist da und noch immer hat er den Vater nicht gefunden. Eine Spur des des ihm gestohlenen Rappen  jedoch hat sich aufgetan, als plötzlich die Schlacht in der kleinen Stadt beginnt…

So wird aus dem Jungen ein Mann nicht dadurch, daß er das Leben kennen lernt, sondern durch die Bekanntschaft mit dem Tod, in einer Zeit, in der Menschen getötet werden, einzig aus dem Grund, weil sie leben. Weder der Tod schreckt den Jungen nach kurzer Zeit, noch die Schreie der Verwundeten, die Tränen der Trauernden sowenig wie der Gestank der Verwesung und erst recht nicht die Fledderer, die die Landschaft durchkämmen, um die Toten auszurauben und ebenso die, die noch nicht ganz tot sind…

.. unter diesen findet Robey schließlich auch seinen Vater und er spürt, daß er es jetzt ist oder bald sein wird, auf den die Rolle des Vaters übergehen wird, so wie sie seit Urzeiten von einer Generation an die nachfolgende übergeben wird…. und noch jemanden hat Robey in dieser menschengemachten Hölle getroffen: das Mädchen, dem er damals nicht helfen konnte….

Sie reiten nachts und verstecken sich am Tag, kommen nach Tagen, nach vielen Tagen, auf die Farm zur Mutter zurück. Robey ist ein Mann geworden, ein Mann, der das Töten gesehen und gelernt hat und der das Leben der ihm jetzt Anvertrauten mit aller Konsequenz verteidigt. Das Reden gehört nicht dazu, es ist beeindruckend, wie Olmstead seine Figur in eine Wortkargheit und Lakonie packt, die der Kargheit der Landschaft entspricht. Was getan werden muss, muss getan werden und über das, was offensichtlich ist, muss man nicht weiter reden. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum… und ein Mann ist ein Mann ist ein Mann.


Der amerikanische Bürgerkrieg, der vor jetzt gut einhundertfünfzig Jahren tobte, ist uns wahrscheinlich allen nur wenig präsent. Man weiß natürlich um ihn, hat auch ein paar Namen im Gedächtnis, Gettysburg eben, Lincoln, General Lee (dessen Namen ja ganz aktuell wieder in den Nachrichten aufgetaucht ist und der im Zusammenhang der Ereignisse zeigt, daß der Bürgerkrieg in gewissem Sinn immer noch nicht vorbei ist, sondern in den Seelen einiger Menschen immer noch sein Unwesen treibt), aber dann? Omstead kommt durch seinen Roman das Verdienst zu, uns in seinen Schilderungen an die unfassbare Grausamkeit des Kampfes und die fast noch unfassbarere Verrohung der Menschen in diesen bzw. solchen Schlachten zu erinnern. Unter diesem Gesichtspunkt ist Der Glanzrappe ein blutgetränktes Buch, so wie damals die Bäche tagelang rot eingefärbt waren. Nun ist der Roman aber keineswegs ein Roman über den Bürgerkrieg,ein historischer Roman also, dieser Krieg ist vielmehr eine eher grausame Kulisse, in der Olmstead die Frage beantwortet, was mit einem jungen Menschen geschehen kann, der durch diese (oder verallgemeinert: eine solche) Hölle gehen muss.

An Robey zerren die Kräfte der Natur, die ihn mit seinen vierzehn Jahren in der Pubertät gepackt haben. Er ist also auf dem Absprung von der Kindheit (die in diesen Zeit eh nicht so ausgeprägt war wie in den unsrigen) zum Mann und das Prägende in diesem Übergang ist die Gewalt, das Töten und das Getötet werden. Das hat er verinnerlicht, so wie die prophetischen Worte der Mutter es bei seinem Abschied vorausgesagt hatten.

Auch der titelgebende Glanzrappe ist ein Symbol dafür: Hades, der griechische Gott der Unterwelt fuhr in einem von Rappen gezogenen Wagen, die isländische Mythologie kennt mit Hrimfaxi ebenfalls einen Rappen, der mit der Nacht, dem Dunklen, verbunden ist. So ist für Robey der Rappe ein mythischer Freund und Beschützer, und Robey selbst wird zu einer Figur der Dunkelheit, des Todes….


Besonders zu Beginn des Romans musste ich viel an einen anderen, großen amerikanischen Erzähler denken: an John Williams. Olmsteads Landschaftsbeschreibungen sind ähnlich poetisch, kommen mit ähnlich schönen Bildern und Stimmungszeichnungen daher; später, bei den Schilderungen der Kämpfe und Grausamkeiten wird die Sprache drastischer und deutlicher, verliert aber nie ihre Schönheit. Auch unter diesem Aspekt (obwohl der Titel auf den ersten Blick eher an einen Roman für pubertierende Mädchen denken läßt) ist Olmsteads Geschichtes des jungen Robey, der durch den Krieg erwachsen wird, daher eine Empfehlung wert.

Links und Anmerkungen:

[1] die sehr knappe Wiki-Seite zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Olmstead
[2] Wiki-Beiträge zum Sezessionskrieg:
– https://de.wikipedia.org/wiki/Sezessionskrieg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Gettysburg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Jonathan_Jackson

Robert Olmstead
Der Glanzrappe
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer und Edith Nerke
Originalausgabe: Coal Black Horse, 2007
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Erfolgsausgabe), HC, ca. 260 S., 2009

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

Die Geschichte, die der amerikanische Autor Donald Ray Pollock uns hier erzählt, fängt mit Willard Russel an. Und ein wenig auch, wenngleich im Hintergrund, mit Helen. Denn Helen, so hatte sich Willards Mutter Emma geschworen, wollte sie mit ihrem Sohn verheiraten. Daß Helen so aussah, daß sich freiwillig niemand an sie herangemacht hätte, verblasste für sie vor den inneren Werten dieser durch und durch gottesfürchtigen jungen Frau. Willard jedoch war dafür nicht empfänglich, er kam gerade aus dem Krieg zurück, hatte im Kampf gegen die Japse Dinge gesehen, die ein Mensch nicht sehen müssen dürfte… Damals gab es den Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung noch nicht, geschweige denn eine Behandlung, gleich gar nicht in diesem im tiefsten Hinterlang gelegenen Kaff in Ohio…

Willard blieb nicht lang bei den Eltern, sondern fuhr bald zurück zu der Busstation, wo er diese wunderschöne junge Frau gesehen hatte. Kurz darauf erreichte die Eltern die Nachricht, daß die beiden geheiratet hätte. Es kam ein Kind, Arvin, Willard fing in der Fabrik an zu arbeiten und man zog in ein altes, heruntergekommenes Haus. Egal, es war ihr Haus und sie richteten sich ein.

Helen dagegen fiel einem verrückten Wanderpredigerpaar zum Opfer, in vielerlei Hinsicht… man fand ihre Leiche später verscharrt im Wald, die Tochter, Lenora blieb bei Willards Eltern, bei denen sie Helen kurz abgegeben hatte, weil sie mit Roy einen kleinen Ausflug machen wollte, so sagte sie ganz glücklich….

Als Arvins Mutter starb, nein: verreckte (Arvin war so um die sieben, acht Jahre alt), packte Willard der Wahn, aber all sein Beten, seine Blutopfer halfen nicht… Letztlich kam Arvin dann zu den Großeltern und wuchs dort auf, im Haus, in dem auch sein Vater aufgewachsen war.

Und dann waren da noch Sandy und Carl… Sandy, die Schwester des korrupten Sheriffs, die im schmierigen Restaurant bediente und an der Hintertür jedem Kerl, der ihr etwas Geld dafür gab, den Hintern zur Nutzung hinhielt und Carl, der fette, weißfleischige Kerl, den sie in diesem Schuppen kennengelernt und nach einer oder zwei Wochen geheiratet hatte und der von sich behauptete, Fotograf zu sein. Ja, er machte Bilder, von Sandy und den Models, aber es waren Bilder der Art, die man noch nicht einmal unter dem Ladentisch zeigen geschweige denn verkaufen konnte….

Der Teufel, der nicht nur ein Eichhörnchen ist, sondern auch sein Handwerk versteht, richtete es schließlich ein, daß sich die Lebenswege all dieser Menschen an der einen oder anderen Stelle trafen. Und man kann wirklich nicht sagen, dies für irgendjemanden von ihnen gut war oder von Vorteil….


Puhhh… was ein Roman. Donald Ray Pollock weiß, wovon er schreibt. Er ist in dieser Ecke der USA [2] geboren, hat schon 2008 Knockemstiff, eine Sammlung von Erzählungen herausgegeben, den ich seinerzeit hier vorgestellt hatte [4]. Was ich dort zum Atmosphärischen schrieb, könnte ich eins zu eins hier einfügen: es ist eine Version von Hölle auf Erden, eine fleischgewordene Freak-Show, eine Ansammlung von Menschen, denen jedweder Wertemaßstab, ach: jeder Maßstab eigentlich, abhanden gekommen ist. Konflikte werden über das Faustrecht ausgetragen oder auch mit Waffen, jemanden zu ‚Brei schlagen‘ ist hier keine leere Redewendung. Es ist bezeichnend, daß Arvin den Tag für den besten mit seinem Vater hält, an dem dieser einem Mann, der zuvor die Mutter beleidigt hat, sämtliche Knochen im Leib bricht…. Dazu herrscht unvorstellbarer Dreck, die Menschen stinken, sie waschen sich nicht, putzen sich nicht die Zähne und die Kleidung nicht zu wechseln bereitet ihnen keine schlaflosen Nächte. Die Autos sind so gammelig wie die Wohnungen versifft sind, Alkohol ist ein weidlich genutztes Ablenkungsmittel (die große Zeit des Hillbilly-Heroins, des Oxycontin, sollte erst noch nicht gekommen).

Sicherlich gibt es auch andere Menschen in dieser Region, in Pollocks Romanen tauchen aber nur wenige davon auf. Der Rechtsanwalt, der der Vermieter des Hauses der Russels ist, ist zwar gut angezogen und Mitglied im Country-Club, aber er ist ein Schwein und schaut hilflos zu, wie seine nymphomane Gattin sich vom farbigen Gärtner bearbeiten läßt. Der Sheriff ist, wie schon erwähnt, korrupt bis an die Halskrause und um Ärzte in die Geschichte einzuführen, reicht das Geld der Leute nicht…. und der (Ersatz)Pfarrer, der seinen todkranken Onkel vertritt… na, was das für ein Früchtchen ist, verrate ich hier nicht, der Handlung gibt er jedenfalls einen weiteren tragischen Impuls.

In den anderhalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, erlebten die Vereinigten Staaten einen ungeheurlichen Wirtschaftsaufschwung. Der Krieg brachte die Rückkehr des Wohlstandes, und die USA. konnten ihre Stellung als die reichste Nation der Welt festigen. [3] Von diesem Aufschwung scheint in der Region nichts angekommen zu sein, obwohl die Handlung des Romans genau diesen Zeitraum, die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg umfasst. Im Gegenteil könnte man als Leser ohne die Hinweise des Autoren keinen zeitlichen Verlauf in der Geschichte feststellen, in ihrer Armseligkeit, Schäbigkeit, ja: Schlechtigkeit, die noch schlimmer wird durch die Tatsache, daß sie offensichtlich als Normalzustand des Lebens akzeptiert wird, obwohl im Gleichschritt mit dieser äußeren Verkommenheit auch innere Maßstäbe verloren gegangen sind: es scheinen mit wenigen Ausnahmen alle vom Wahn, mag er nun religiöser Natur oder einfach nur abartig sein, erfasst.

Die einzigen halbwegs anständigen Menschen im Roman sind die Eltern von Willard Russel, bei denen der Enkel Arvin groß wird, selbst Helen und Lenora, die beiden Frauen, die von Gott mir ihrem Äußeren geschlagen sind, sind zwar gute Menschen, aber seltsam sind sie auch, hilflos vor allem. Und Arvin, die Hauptperson der Geschichte? Tragisch verstrickt in ein Schicksal, daß er sich nicht ausgesucht hatte, geprägt von der Konsequenz der Handlung, die ihm sein Vater an jenem Tag, der ihm noch immer als der beste deucht, den er mit seinem Vater erlebte, als Handlungsprinzip mitgab…. so lädt er Schuld auf sich, wieder und wieder, obwohl er im Grunde kein schlechter Mensch ist: er hat es nie anders gelernt.

Die Sprache, in der Pollock uns diese Geschichte erzählt, ist unaufgeregt. Lakonisch nimmt er uns sprachlich an die Hand und führt uns oft nur bis an eine Grenze, hinter der dann unsere eigene Fantasie anfängt, sich den Fortgang der Situation vorzustellen, Pollock punktet also nicht durch Schock, durch explizite Beschreibungen. Selbst wenn er mal detaillierter schildert (z.B. den Gebetsbaum Willards und die dort abgehaltenen Rituale) versteht er es grandios, die Wirkung eher indirekt durch die Visualisierung, die er in unserer Fantasie antriggert, zu entfalten. Ich habe mir entgegen meiner  Gewohnheit keine Notizen beim Lesen des Romans gemacht: er war so fesselnd, das ich das Lesen einfach nicht unterbrechen wollte. Das sagt wohl alles….

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: http://en.wikipedia.org/wiki/Donald_Ray_Pollock
[2] https://www.google.de/maps/@39.2492458,-83.1853021,11.25z
[3] https://usa.usembassy.de/geschichte-postwar.htm [Status: 02.09.2017, die orthographischen Fehler im Zitat stammen aus der Originalstelle]
[4] Donald Ray Pollock: Knockemstiff, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/05/25/donald-ray-pollock-knockemstiff/

Donald R. Pollock
Das Handwerk des Teufels
Übersetzt aus dem Englischen von Peter Torberg
Originalausgabe: The Devil all the time, NY, 2011
diese Ausgabe: Heyne Hardcore, Tb, ca. 300 S., 2013