Anfang Juli 1863 tobte in der pennsylvanischen Kleinstadt Gettysburg eine der blutigsten Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs. Sie forderte um die fünfzigtausend (andere nennen höhere Zahlen, dies ist jedoch die im Roman kolportierte) Opfer, endete mit einer Niederlage der Konföderierten Armee und wird als einer der Wendepunkte dieses Bürgerkriegs angesehen.

Jede Zeit hat ihre Waffen, jede Waffe hat die ihr eigene Grausamkeit. Entsprechend sind die Art der Verletzungen, an denen die Menschen sterben – oder auch nicht, wenn sie ihre Verwundungen als Krüppel überleben. Stichwunden durch Bajonette, vom Säbel abgeschlagene Hände, Arme, Beine, Köpfe: der Boden war schnell so sehr vom Blut getränkt, daß er nichts mehr aufnehmen konnte, die Luft roch nach Eisen von all dem Blut…. die relativ neuen Minie-Waffen/Geschosse rissen fürchterliche Wunden, die Kampftaktik der Heere hatte sich an die entscheidend ver’besserte‘ Waffentechnik (Zielgenauigkeit, Reichweite) noch nicht angepasst….

In dieses Szenario stellt der amerikanische Autor Robert Olmstead [1] seine Geschichte vom vierzehnjährigen Robey Childs, der mit seiner Mutter auf einer einsamen Farm in Virginia lebt, der Vater ist im Krieg. Im Mai 1863 erfährt die Mutter vom Tod Thomas Jacksons [2], einem der fähigsten Männer General Lees, für sie damit der Krieg verloren: Es ist vorbei. … Es hat keinen Sinn mehr. … Es war ein Fehler….,  und sie schickt ihren Sohn aus, den Vater nach Hause zu holen, spätestens im Juli solle er zurück sein.

In seinem Alter, mit vierzehn Jahren, sei er alt genug zum Sterben, deswegen kann er diesen gefährlichen Weg jetzt gehen. Beladen mit Ratschlägen der Mutter (Trau‘ niemanden / Überleg‘ nicht lang, du musst als erster schießen / Wenn man der Gefahr ins Auge schaut, zieht sie an einem vorbei / Versprich, daß du zurückkommst), verabschiedet mit einer der seltenen Zärtlichkeiten, die sich die Mutter erlaubt, reitet der Junge noch in der Nacht los, vielleicht hat er die Prophezeiung der Mutter noch im Ohr: Dann sagte sie, daß es Männer gebe, welche die Erde, das Wasser und die Luft mit Schrecken erfüllten, und er würde diesen Männern auf seiner Reise begegnen, und sein Vater sei einer von ihnen. … vielleicht werde auch er eines Tages einer von ihnen sein. 

Sein Pferd ist schon nach der ersten Nacht durch das noch vom weichenden Winter vereiste Tal so am Huf verletzt, daß er es im Tal beim Krämer zurücklassen muss. Der Krämer jedoch hat ein herrenloses Pferd, einen prächtigen Rappen, den er dem Jungen leiht. Dieses Pferd zeigt bald fast mystische Eigenschaften, findet den Weg allein, geht bei Begegnungen mit andern in Deckung… so kann der Junge fast Tag und Nacht reiten, lernt im Sattel zu schlafen. (Man kann in diesen Wechsel des Pferdes, zu dem Robey gezwungen ist, einiges hineininterpretieren, wenn man sich aus der Mythologie (s.u.) bekannte Rappen vor Augen hält.)

Es ist eine Reise in die Hölle, die Robey unternimmt. Sein Weg kreuzt sich mit dem von Männern, die gefährlich sind, mit Sklavenjägern, die entlaufene Sklaven wieder gen Süden treiben. Durch eine Unvorsichtigkeit läßt sich Robey das Pferd stehlen, er selbst kommt noch einmal mit dem Leben davon. Es ist eine Lektion, die er hier lernt, die er noch oft anwenden kann, es ist das, was ihm die Mutter mitgab: Schieß‘ als Erster! Aber noch ist er ein Junge, fühlt sich hilflos, muss beispielsweise der Vergewaltigung eines jungen Mädchens zuschauen, weil er sich ohnmächtig fühlt, einzugreifen…

Er gerät in Gefangenschaft, viele Tage sind schon vergangen, der Juli, in dem er eigentlich wieder zuhause sein sollte mit dem Vater, ist da und noch immer hat er den Vater nicht gefunden. Eine Spur des des ihm gestohlenen Rappen  jedoch hat sich aufgetan, als plötzlich die Schlacht in der kleinen Stadt beginnt…

So wird aus dem Jungen ein Mann nicht dadurch, daß er das Leben kennen lernt, sondern durch die Bekanntschaft mit dem Tod, in einer Zeit, in der Menschen getötet werden, einzig aus dem Grund, weil sie leben. Weder der Tod schreckt den Jungen nach kurzer Zeit, noch die Schreie der Verwundeten, die Tränen der Trauernden sowenig wie der Gestank der Verwesung und erst recht nicht die Fledderer, die die Landschaft durchkämmen, um die Toten auszurauben und ebenso die, die noch nicht ganz tot sind…

.. unter diesen findet Robey schließlich auch seinen Vater und er spürt, daß er es jetzt ist oder bald sein wird, auf den die Rolle des Vaters übergehen wird, so wie sie seit Urzeiten von einer Generation an die nachfolgende übergeben wird…. und noch jemanden hat Robey in dieser menschengemachten Hölle getroffen: das Mädchen, dem er damals nicht helfen konnte….

Sie reiten nachts und verstecken sich am Tag, kommen nach Tagen, nach vielen Tagen, auf die Farm zur Mutter zurück. Robey ist ein Mann geworden, ein Mann, der das Töten gesehen und gelernt hat und der das Leben der ihm jetzt Anvertrauten mit aller Konsequenz verteidigt. Das Reden gehört nicht dazu, es ist beeindruckend, wie Olmstead seine Figur in eine Wortkargheit und Lakonie packt, die der Kargheit der Landschaft entspricht. Was getan werden muss, muss getan werden und über das, was offensichtlich ist, muss man nicht weiter reden. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum… und ein Mann ist ein Mann ist ein Mann.


Der amerikanische Bürgerkrieg, der vor jetzt gut einhundertfünfzig Jahren tobte, ist uns wahrscheinlich allen nur wenig präsent. Man weiß natürlich um ihn, hat auch ein paar Namen im Gedächtnis, Gettysburg eben, Lincoln, General Lee (dessen Namen ja ganz aktuell wieder in den Nachrichten aufgetaucht ist und der im Zusammenhang der Ereignisse zeigt, daß der Bürgerkrieg in gewissem Sinn immer noch nicht vorbei ist, sondern in den Seelen einiger Menschen immer noch sein Unwesen treibt), aber dann? Omstead kommt durch seinen Roman das Verdienst zu, uns in seinen Schilderungen an die unfassbare Grausamkeit des Kampfes und die fast noch unfassbarere Verrohung der Menschen in diesen bzw. solchen Schlachten zu erinnern. Unter diesem Gesichtspunkt ist Der Glanzrappe ein blutgetränktes Buch, so wie damals die Bäche tagelang rot eingefärbt waren. Nun ist der Roman aber keineswegs ein Roman über den Bürgerkrieg,ein historischer Roman also, dieser Krieg ist vielmehr eine eher grausame Kulisse, in der Olmstead die Frage beantwortet, was mit einem jungen Menschen geschehen kann, der durch diese (oder verallgemeinert: eine solche) Hölle gehen muss.

An Robey zerren die Kräfte der Natur, die ihn mit seinen vierzehn Jahren in der Pubertät gepackt haben. Er ist also auf dem Absprung von der Kindheit (die in diesen Zeit eh nicht so ausgeprägt war wie in den unsrigen) zum Mann und das Prägende in diesem Übergang ist die Gewalt, das Töten und das Getötet werden. Das hat er verinnerlicht, so wie die prophetischen Worte der Mutter es bei seinem Abschied vorausgesagt hatten.

Auch der titelgebende Glanzrappe ist ein Symbol dafür: Hades, der griechische Gott der Unterwelt fuhr in einem von Rappen gezogenen Wagen, die isländische Mythologie kennt mit Hrimfaxi ebenfalls einen Rappen, der mit der Nacht, dem Dunklen, verbunden ist. So ist für Robey der Rappe ein mythischer Freund und Beschützer, und Robey selbst wird zu einer Figur der Dunkelheit, des Todes….


Besonders zu Beginn des Romans musste ich viel an einen anderen, großen amerikanischen Erzähler denken: an John Williams. Olmsteads Landschaftsbeschreibungen sind ähnlich poetisch, kommen mit ähnlich schönen Bildern und Stimmungszeichnungen daher; später, bei den Schilderungen der Kämpfe und Grausamkeiten wird die Sprache drastischer und deutlicher, verliert aber nie ihre Schönheit. Auch unter diesem Aspekt (obwohl der Titel auf den ersten Blick eher an einen Roman für pubertierende Mädchen denken läßt) ist Olmsteads Geschichtes des jungen Robey, der durch den Krieg erwachsen wird, daher eine Empfehlung wert.

Links und Anmerkungen:

[1] die sehr knappe Wiki-Seite zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Olmstead
[2] Wiki-Beiträge zum Sezessionskrieg:
– https://de.wikipedia.org/wiki/Sezessionskrieg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Gettysburg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Jonathan_Jackson

Robert Olmstead
Der Glanzrappe
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer und Edith Nerke
Originalausgabe: Coal Black Horse, 2007
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Erfolgsausgabe), HC, ca. 260 S., 2009

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Die Geschichte, die der amerikanische Autor Donald Ray Pollock uns hier erzählt, fängt mit Willard Russel an. Und ein wenig auch, wenngleich im Hintergrund, mit Helen. Denn Helen, so hatte sich Willards Mutter Emma geschworen, wollte sie mit ihrem Sohn verheiraten. Daß Helen so aussah, daß sich freiwillig niemand an sie herangemacht hätte, verblasste für sie vor den inneren Werten dieser durch und durch gottesfürchtigen jungen Frau. Willard jedoch war dafür nicht empfänglich, er kam gerade aus dem Krieg zurück, hatte im Kampf gegen die Japse Dinge gesehen, die ein Mensch nicht sehen müssen dürfte… Damals gab es den Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung noch nicht, geschweige denn eine Behandlung, gleich gar nicht in diesem im tiefsten Hinterlang gelegenen Kaff in Ohio…

Willard blieb nicht lang bei den Eltern, sondern fuhr bald zurück zu der Busstation, wo er diese wunderschöne junge Frau gesehen hatte. Kurz darauf erreichte die Eltern die Nachricht, daß die beiden geheiratet hätte. Es kam ein Kind, Arvin, Willard fing in der Fabrik an zu arbeiten und man zog in ein altes, heruntergekommenes Haus. Egal, es war ihr Haus und sie richteten sich ein.

Helen dagegen fiel einem verrückten Wanderpredigerpaar zum Opfer, in vielerlei Hinsicht… man fand ihre Leiche später verscharrt im Wald, die Tochter, Lenora blieb bei Willards Eltern, bei denen sie Helen kurz abgegeben hatte, weil sie mit Roy einen kleinen Ausflug machen wollte, so sagte sie ganz glücklich….

Als Arvins Mutter starb, nein: verreckte (Arvin war so um die sieben, acht Jahre alt), packte Willard der Wahn, aber all sein Beten, seine Blutopfer halfen nicht… Letztlich kam Arvin dann zu den Großeltern und wuchs dort auf, im Haus, in dem auch sein Vater aufgewachsen war.

Und dann waren da noch Sandy und Carl… Sandy, die Schwester des korrupten Sheriffs, die im schmierigen Restaurant bediente und an der Hintertür jedem Kerl, der ihr etwas Geld dafür gab, den Hintern zur Nutzung hinhielt und Carl, der fette, weißfleischige Kerl, den sie in diesem Schuppen kennengelernt und nach einer oder zwei Wochen geheiratet hatte und der von sich behauptete, Fotograf zu sein. Ja, er machte Bilder, von Sandy und den Models, aber es waren Bilder der Art, die man noch nicht einmal unter dem Ladentisch zeigen geschweige denn verkaufen konnte….

Der Teufel, der nicht nur ein Eichhörnchen ist, sondern auch sein Handwerk versteht, richtete es schließlich ein, daß sich die Lebenswege all dieser Menschen an der einen oder anderen Stelle trafen. Und man kann wirklich nicht sagen, dies für irgendjemanden von ihnen gut war oder von Vorteil….


Puhhh… was ein Roman. Donald Ray Pollock weiß, wovon er schreibt. Er ist in dieser Ecke der USA [2] geboren, hat schon 2008 Knockemstiff, eine Sammlung von Erzählungen herausgegeben, den ich seinerzeit hier vorgestellt hatte [4]. Was ich dort zum Atmosphärischen schrieb, könnte ich eins zu eins hier einfügen: es ist eine Version von Hölle auf Erden, eine fleischgewordene Freak-Show, eine Ansammlung von Menschen, denen jedweder Wertemaßstab, ach: jeder Maßstab eigentlich, abhanden gekommen ist. Konflikte werden über das Faustrecht ausgetragen oder auch mit Waffen, jemanden zu ‚Brei schlagen‘ ist hier keine leere Redewendung. Es ist bezeichnend, daß Arvin den Tag für den besten mit seinem Vater hält, an dem dieser einem Mann, der zuvor die Mutter beleidigt hat, sämtliche Knochen im Leib bricht…. Dazu herrscht unvorstellbarer Dreck, die Menschen stinken, sie waschen sich nicht, putzen sich nicht die Zähne und die Kleidung nicht zu wechseln bereitet ihnen keine schlaflosen Nächte. Die Autos sind so gammelig wie die Wohnungen versifft sind, Alkohol ist ein weidlich genutztes Ablenkungsmittel (die große Zeit des Hillbilly-Heroins, des Oxycontin, sollte erst noch nicht gekommen).

Sicherlich gibt es auch andere Menschen in dieser Region, in Pollocks Romanen tauchen aber nur wenige davon auf. Der Rechtsanwalt, der der Vermieter des Hauses der Russels ist, ist zwar gut angezogen und Mitglied im Country-Club, aber er ist ein Schwein und schaut hilflos zu, wie seine nymphomane Gattin sich vom farbigen Gärtner bearbeiten läßt. Der Sheriff ist, wie schon erwähnt, korrupt bis an die Halskrause und um Ärzte in die Geschichte einzuführen, reicht das Geld der Leute nicht…. und der (Ersatz)Pfarrer, der seinen todkranken Onkel vertritt… na, was das für ein Früchtchen ist, verrate ich hier nicht, der Handlung gibt er jedenfalls einen weiteren tragischen Impuls.

In den anderhalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, erlebten die Vereinigten Staaten einen ungeheurlichen Wirtschaftsaufschwung. Der Krieg brachte die Rückkehr des Wohlstandes, und die USA. konnten ihre Stellung als die reichste Nation der Welt festigen. [3] Von diesem Aufschwung scheint in der Region nichts angekommen zu sein, obwohl die Handlung des Romans genau diesen Zeitraum, die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg umfasst. Im Gegenteil könnte man als Leser ohne die Hinweise des Autoren keinen zeitlichen Verlauf in der Geschichte feststellen, in ihrer Armseligkeit, Schäbigkeit, ja: Schlechtigkeit, die noch schlimmer wird durch die Tatsache, daß sie offensichtlich als Normalzustand des Lebens akzeptiert wird, obwohl im Gleichschritt mit dieser äußeren Verkommenheit auch innere Maßstäbe verloren gegangen sind: es scheinen mit wenigen Ausnahmen alle vom Wahn, mag er nun religiöser Natur oder einfach nur abartig sein, erfasst.

Die einzigen halbwegs anständigen Menschen im Roman sind die Eltern von Willard Russel, bei denen der Enkel Arvin groß wird, selbst Helen und Lenora, die beiden Frauen, die von Gott mir ihrem Äußeren geschlagen sind, sind zwar gute Menschen, aber seltsam sind sie auch, hilflos vor allem. Und Arvin, die Hauptperson der Geschichte? Tragisch verstrickt in ein Schicksal, daß er sich nicht ausgesucht hatte, geprägt von der Konsequenz der Handlung, die ihm sein Vater an jenem Tag, der ihm noch immer als der beste deucht, den er mit seinem Vater erlebte, als Handlungsprinzip mitgab…. so lädt er Schuld auf sich, wieder und wieder, obwohl er im Grunde kein schlechter Mensch ist: er hat es nie anders gelernt.

Die Sprache, in der Pollock uns diese Geschichte erzählt, ist unaufgeregt. Lakonisch nimmt er uns sprachlich an die Hand und führt uns oft nur bis an eine Grenze, hinter der dann unsere eigene Fantasie anfängt, sich den Fortgang der Situation vorzustellen, Pollock punktet also nicht durch Schock, durch explizite Beschreibungen. Selbst wenn er mal detaillierter schildert (z.B. den Gebetsbaum Willards und die dort abgehaltenen Rituale) versteht er es grandios, die Wirkung eher indirekt durch die Visualisierung, die er in unserer Fantasie antriggert, zu entfalten. Ich habe mir entgegen meiner  Gewohnheit keine Notizen beim Lesen des Romans gemacht: er war so fesselnd, das ich das Lesen einfach nicht unterbrechen wollte. Das sagt wohl alles….

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: http://en.wikipedia.org/wiki/Donald_Ray_Pollock
[2] https://www.google.de/maps/@39.2492458,-83.1853021,11.25z
[3] https://usa.usembassy.de/geschichte-postwar.htm [Status: 02.09.2017, die orthographischen Fehler im Zitat stammen aus der Originalstelle]
[4] Donald Ray Pollock: Knockemstiff, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/05/25/donald-ray-pollock-knockemstiff/

Donald R. Pollock
Das Handwerk des Teufels
Übersetzt aus dem Englischen von Peter Torberg
Originalausgabe: The Devil all the time, NY, 2011
diese Ausgabe: Heyne Hardcore, Tb, ca. 300 S., 2013

Gay Talese: Der Voyeur

2. August 2017

Gay Taleses  Der Voyeur ist ein verstörendes Buch, denn der Autor ist kein Romanschriftsteller, der sich Figuren ausdenkt und Handlungen konstruiert. Er ist ein Sachbuchautor, der nichts erfindet. Die Geschichten, die ich schrieb – so führt Talese aus –, erhielt ich von Leuten, mit denen ich sprach und die ich für eine Zeitlang begleitete. Ich verbarg nichts vor meinen Lesern: echte Namen und Faktgen, die sich überprüfen lassen – oder es gab keine Story. Was die Reporterlegende Talese [1] in diesem Buch also festhält, ist so geschehen, auch wenn sich bei genauer Recherche einige Ungereimtheiten ergeben, die aber an der prinzipiellen Richtigkeit der Story wohl nichts ändern [3].

Der Kontakt Taleses mit Gerald Foos, dem Mann, um den er hier geht, währte einige Jahrzehnte, 1980 erhielt der Autor einen handgeschriebenen Brief von Foos, in dem dieser u.a. ausführt, daß er seit fünfzehn Jahren Besitzer eines kleinen Motels ist, das er erworben hat, um seine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen und sein obsessives Interesse am Menschen in all seinen Aspekten zu stillen, in gesellschaftlicher wie in geschlechtlicher Hinsicht, wie auch, um die alte Frage zu beantworten, wie Menschen sich wirklich sexuell verhalten, also privat, in den eigenen vier Wänden des Schlafzimmers.

In realiter bedeutete dies, daß Foos (das fragliche Motel ist auf dem Cover schön zu sehen) den Dachboden des Motels dick mit schallschluckenden Teppichen ausgelegt hatte und einige der Zimmer derart präpariert waren, daß er von seiner ‚Beobachtungsstation‘ auf dem Dachboden direkt in das Zimmer schauen konnte. Dazu waren im Zimmer speziell konstruierte Gitter in die Decke eingelassen, die auf den ersten Blick von unten nach der Abdeckung eines Abluftkanals aussahen. Durch diese Vorrichtungen konnte Foos das Zimmer, wenn die Tür offenstand, auch die Toilette beobachten. Das dies keine bloße Erfindung des Briefeschreibers war, konnte Talese bei einem Treffen mit ihm nachprüfen: ein einziges Mal war er selbst mit auf dem Dachboden und beobachtete zusammen mit dem Voyeur ein Paar beim Oralverkehr – wobei ihm die Krawatte durch das Gitter in das Zimmer rutschte, eine gefährliche Situation für die beiden Spanner, der Mann hatte jedoch die Augen geschlossen gehalten.

Foos hatte Talese am Beginn ihrer Bekanntschaft ein Dokument unterzeichnen lassen, mit dem sich der Autor zur Verschwiegenheit verpflichtete. Erst Jahrzehnte später, als Foos schon alt, das Motel lange verkauft und mittlerweile sogar abgerissen war, erteilte er Talese die Erlaubnis, über seine Beobachtungen zu schreiben und dies zu veröffentlichen.

Denn Foos, der das heimliche Beobachten schon als Junge kennen- und lieben lernte (… When he was a child, his mother’s married sister, Katheryn, lived in the farmhouse next door. At the age of nine, he said, he started watching her. …. His aunt Katheryn liked to sit at her dressing table with no clothes on, arranging her miniature porcelain dolls or her collection of “valuable thimbles. …) sah sich selbst nicht als einfacher Spanner, bzw. Voyeur, im Gegenteil schrieb er sich den Anspruch zu, das (Sexual)Verhalten und dessen Wandel im Lauf der Zeit von sich unbeobachtet fühlenden Menschen in seinen ausführlichen Tagebüchern zu dokumentieren. Erwähnenswert ist, daß die Ehefrauen von Foos (sowohl Donna, seine erste Frau und später, nach der Trennung von Donna, auch Anita, seine zweite Frau) von seiner Passion wussten, sie hin und wieder sogar mit ihm teilten.

In dem Buch beschreibt Talese in groben Zügen das Leben und den Lebenslauf von Gerald Foos, der sich im Grunde in den der meisten Menschen einfügt, ich gebe das hier nicht im Einzelnen wieder. Talese formuliert sein eigenes Interesse an der Geschichte folgendermaßen: I was hoping to get his permission to read the hundreds of pages that he claimed to have written during the past fifteen years, with the result that he would one day allow me to write about him. I knew that he viewed himself as a sex researcher along the lines of Alfred Kinsey, and I assumed that his account centered on what excited him sexually, but it was possible that he noted things that existed beyond his desires. Eine Erlaubnis, die er, auch wenn das neue Jahrtausend schon lange angebrochen war, eines Tages tatsächlich erhalten sollte.

Und in der Tat – und das ist das Zwiespältige (aber im Grunde auch Triviale) an dieser ganzen Geschichte – spiegeln sich in den Aufzeichnungen von Foos die gesellschaftlichen Änderungen, die im Lauf der Jahre eingetreten sind, wieder. War beispielsweise bei gemischtfarbigen Paaren einer der beiden in den frühen Jahren bei der Anmeldung im Auto geblieben, änderte sich dies später und beide kamen zur Rezeption. Analoges gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare, auch änderten sich die Praktiken, ebenso notierte Foos, wie sich mit den Jahren die Frauen als immer selbstbewusster präsentierten. Viele Stunden der Beobachtung waren langweilig, weil nichts geschah, im Zimmer Sprachlosigkeit zwischen den Partnern herrschte oder einfach nur Fernsehen geschaut wurde. Interessant ist die Wirkung, die das jahrelange heimliche Beobachten auf Foos selbst hatte: er war misstrauisch geworden und mied später allgemein die Menschen, deren Verhalten ihn enttäuscht hat. Die einzigen, so gibt Talese ihn wieder, die generell wirklich liebevoll und sanft miteinander umgegangen wären, waren lesbische Paare.

Es kam erstaunlicherweise nur sehr selten zu Situationen, in den Foos in der Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Die bizarrste ist wohl die, in der sein eigenes Sperma durch das Abdeckgitter tropfte, die Frau jedoch beeindruckt davon ausging, es wäre das ihres Partner, dem sie gerade mit der Hand einen fulminanten Höhepunkt verpasst hatte.

Es gab Situationen, in denen es nicht beim Beobachten blieb – abseits der (wie oben angedeutet) vorgenommenen Selbstbefriedigungen. Wenn Foos beispielsweise beobachtete, daß im Zimmer mit Drogen gedealt wurde, konnte es vorkommen, daß er, wenn das Zimmer leer, in das Zimmer ging und die Drogen durch die Toilette wegspülte. Einmal kam es nach einer solchen Aktion bei der Rückkehr des Paares, das das Zimmer gemietet hatte, zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, da der Mann der Frau unterstellte, die Drogen an sich genommen zu haben. Den Aufzeichnungen von Foos nach, der diesen Streit beobachtet hatte, lag die Frau nach den Schlägen des Mannes bewusstlos, aber atmend, auf dem Zimmerboden, so daß er sich damit beruhigte, daß am nächsten Tag alles wieder in Ordnung sein werde bei der Frau. Das Zimmermädchen jedoch fand sie am nächsten Morgen tot vor. Dies ist eine der erwähnten Ungereimtheiten, denn als Talese diesen Mord Jahre später verifizieren wollte, war das nicht möglich, eine Gewalttat war in keinen offiziellen Unterlagen nachzuweisen. Die Beschäftigung mit diesem Ereignis, das für Talese eine unterlassene Hilfeleistung durch Foos bedeutet, die einem Menschen den Tod nach sich zieht, nimmt im Buch einen größeren Raum ein. Foos selbst versucht sich durch die Tatsache, daß er die Frau noch atmend gesehen hat, er andernfalls aber eingeschritten wäre, vor sich selbst zu rechtfertigen.

Talese beschreibt und zitiert jedoch nicht nur, er versucht auch, den Ursprüngen dieser Leidenschaft in der Biografie Foos‘  nachzuspüren, dessen Motivation zu erkennen und ebenso, welche Bild Foos von sich selbst hat. Bezeichnend ist beispielsweise, daß er in seinen Aufzeichnungen von sich selbst in der dritten Person spricht: er ist, sobald er auf dem Dachboden liegt ‚der Voyeur‘, Gerald Foos ist er nur ausserhalb des Dachbodens. Foos war sich auch nie einer Schuld bewusst. Die Tatsache, daß nie jemand von seiner Beobachtung wusste und daß er nie jemandem Schaden zugefügt hatte, reicht ihm ein Leben lang aus, sich von Schuld freizusprechen. Am Ende des Buches, beim letzten Treffen von Talese und Foos im Jahr 2013, weist Foos empört auf die vielen Beobachtungskameras hin, mit denen praktisch alles aufgezeichnet wurde, ohne daß man weiß, wozu es verwendet wird. So sieht sich Foos eher in der Nachfolge von Kinsey als in der Phalanx anderer Spanner, die sich am heimlichen Beobachten erregen, entsprechend niedrig liegt sein Schuldbewusstsein und konsequenterweise stellt er seine Handlung auch später nicht in Frage.

Talese beschreibt und untersucht jedoch auch das eigene Interesse, seine Motivation, den Kontakt mit Foos über Jahrzehnte hinweg, teilweise locker, teilweise intensiver, aufrecht erhalten zu haben. Für Foos scheint der Autor die einzige Ansprechperson gewesen zu sein, bei der er über seine Aktivitäten geredet hat, ein Ventil, durch das er den Druck, der sich in ihm aufbaute, ablassen konnte. Da er sich ja nicht als primitiver Spanner verstand, brauchte er jemanden, der die von ihm beanspruchten und im Tagebuch festgehaltenen und aufbereiteten Erkenntnisse (im Fototeil des Buches ist eine Statistik von Foos wiedergegeben, in der er den Geschlechtsverkehr der von ihm beobachteten Motelbesucher nach diversen Kriterien aufschlüsselt…) würdigen und letztlich auch in die Öffentlichkeit bringen soll.

Der Voyeur, ein Buch, das interessant ist, das das moralisch fragwürdige Verhalten eines Mannes dokumentiert, das aber beim Lesen auch ein schlechtes Gewissen macht, weil man durch die zitierten Tagebucheinträge von Foos das Gefühl hat, selbst wie ein Voyeur heimlich in die Zimmer des Motels zu schauen und in die Privatsphäre dieser unbekannten Menschen einzudringen – auch wenn man weiß, daß seit dem Geschehen schon Jahrzehnte vergangen sind.

Links und Anmerkungen:

[1] der Wiki-Beitrag zu Gay Talese: https://de.wikipedia.org/wiki/Gay_Talese
[2] Buch(ausschnitte?) im New Yorker:  http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/11/gay-talese-the-voyeurs-motel. Diesem Beitrag sind auch die englischen Zitate entnommen.
[3] vgl dazu diesen Artikel in der NYT:  https://www.nytimes.com/2016/07/02/books/gay-talese-defends-the-voyeurs-motel.html

Gay Talese:
Der Voyeur
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber
Originalausgabe: The Voyeur’s Motel, NY, 2016
diese Ausgabe
: Hoffmann und Campe, HC, ca. 224 S., 2017


Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

Die Autorin der Janus-Kammer ist keine ganz Unbekannte. Lange Jahre war sie einer der Stars der Hardcore-Industrie im Bereich der Erwachsenenunterhaltung, wie man es mit jugendfreien Begriffen umschreiben könnte. Aus diesem Bereich der Sexindustrie stieg sie jedoch aus, um sich dem Schreiben und der Musik zu widmen. Aus ihrem ersten literarischen Gehversuch ist mit der Juliette-Society [2] ein Buch entstanden, das sicherlich keine Weltliteratur darstellt, das aber durchaus lesbar ist und für mich über dem Durchschnitt des Grossteils der aktuellen erotischen Literatur anzusiedeln ist.

Die vorliegende Janus-Kammer führt die Geschichte der seinerzeitigen Protagonisten Catherine weiter. Kennt man deren Vorgeschichte, sind einige der Andeutungen bzw. Namen, die einem hier wieder begegnen, leichter zugänglich, aber ein unbedingtes ‚Muss‘ ist die Kenntnis der Juliette-Society nicht (möglicherweise hilft meine Besprechung des Buches ja ein wenig: [2]). Catherine jedenfalls hat sich aus ihren im Erstling geschilderten erotischen Abenteuern zurückgezogen und lebt seitdem mit ihrem Freund Jack zusammen, der ihre momentanen sexuellen Bedürfnisse offensichtlich befriedigend bedienen kann; Grey versäumt nicht, uns zu erzählen, auf welche Art und Weise.


Catherine arbeitet mittlerweile als Journalistin und ist auf der Suche nach einer Story. Dabei stößt sie auf den Namen eines verstorbenen Top-Models: Inana Luna [4]  hat sich nach offizieller Lesart suizidiert, ihre Schwester dagegen ist fest davon überzeugt, daß sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Catherine, die sich über Irana informiert, sich ihre Clips, die im Internet veröffentlicht sind, anschaut, gerät immer mehr in den Bann dieser Frau, die so ganz offensichtlich ihre Grenzen auszutesten versuchte und sie damit die Erinnerung an die Catherine vergangener Jahre wieder hervorruft. Als die Schwester Inanas ihr das Tagebuch der Verstorbenen gibt und sie die Einträge der Toten liest, erkennt sie sich in dieser Gedanken- und Wunschwelt endgültig wieder: in Catherine reift der Plan, den Weg Inanas zu (sexueller) Entgrenzung zu rekonstruieren und selbst zu gehen.

Sie folgt den durch das Tagebuch gelegten Spuren und gelangt an einen mysteriösen Ort in der Wüste, ein geheimes Hotel mit einem Luxusstandard, der die gewöhnliche Sterneeinteilung sprengt: ‚La Notte‘. Aufgrund ihres Aussehens und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit erhält sie auch gleich eine Anstellung an der Rezeption, bewährt sich einigen ‚kritischen‘ Situationen bei der Betreuung der Gäste und wird vom geheimnisvollen Besitzer des Hotels, Max Gold, sukzessive in die geheimen Ort dieses Hauses geführt.

Es sind dies diverse Clubs, Kammern und Zimmern, in denen sexuellen Spielarten aller Couleur nachgegangen wird. Die Reichen und Mächtigen der Welt sind dort unter sich, es gibt keine Geheimnisse mehr so wie es keine Tabus gibt. Diese arkane Welt der Sexualität, die nur für ausgewählte Eingeweihte zugänglich ist, ist eine dunkle Welt der Erniedrigung, der Beschmutzung, des Schmerzes bis hin zu dem Punkt, an dem Schmerz und Lust ununterscheidbar und eins werden und aus dem malträtierten Körper sich das wahre Ich herausgeschält hat.

Auf Catherine übt diese Welt schnell einen unwiderstehlichen Sog aus, der sie dem heimischen Blümchensex immer mehr entfremdet. Obwohl, Blümchensex ist relativ, auch Jack kennt natürlich mehr als nur die Art der Missionare. Vor dem, was sich Catherine jedoch wünscht, die härtere Gangart nämlich, scheut er: sie widert ihn an. So kommt es sukzessive zu tiefgehenden Differenzen zwischen beiden, zumal Jack für den Intimfeind von Catherine, de Ville, arbeitet, der für die nächste Präsidentschaft in den Staaten kandidieren will. Wobei für mich die letzte verbale Auseinandersetzung zwischen Catherine und Jack noch zu den gelungensten Passagen des Romans zählt.

Das soll als grobes Muster des Plots der Janus-Kammer reichen, den zu skizzieren, war die leichtere Aufgabe. Aber was sag ich nun zu diesem Buch ‚an sich‘?


Die Janus-Kammer hat mich gelangweilt. Es ist einfach so. Ein Roman von fast vierhundert Seiten, in denen sich die Autorin in langen Passagen einer schwurbeligen Kultur- und Gesellschaftskritik hingibt, die über Allgemeinplätze meist nicht hinauskommt: die Verlogenheit und Scheinheiligkeit der Gesellschaft im allgemeinen und der Mächtigen im besonderen, der unheilvolle Einfluss der Religion auf die (sexuelle) Entfaltung der Menschen, der Feminismus, der leugnet, daß Frauen (passive) Gewaltfantasien haben dürfen…

Ein Roman, in dem die Protagonisten (und damit wohl auch die Autorin) nicht müde wird, darauf hinzuweisen, daß sie sich im europäischen Kunstkino vergangener Jahrzehnte auskennt und diese alten Schwarz/Weißfilme liebt. Immer wieder, wie schon in der Juliette-Society, nimmt sie Filmszenen als Hilfsmittel, um ihren Roman zu erklären. Ein explizit erotischer Roman, der ‚dafür‘ praktisch nur den Begriff ‚f*cken‘ verwendet, der einem im Laufe des Romans langsam zum Hals raushängt (es wäre interessant zu erfahren, ob dies auf die Autorin oder auf den Übersetzer zurückzuführen ist)… und dann das immerwährend aus der gerade damit gefüllten Körperöffnung tropfende/laufende Come (auch im Original kursiv gehalten)….

Dabei hat dieser Roman durchaus ein Anliegen: er plädiert für die Entgrenzung der Sexualität, des sexuellen Erlebens, für die Überwindung aller Tabus und für die Anerkennung aller sexuellen Bedürfnisse als gleichwertig: letztlich soll in einer Art mystischer Offenbarung die Erlösung erfolgen. Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich auch und gerade sexuell auszutesten – so wie es die Autorin als achtzehnjährige selbst getan hat, als sie anfing, in der gesellschaftlich geächteten Sexindustrie zu arbeiten. Da Männern in der Gesellschaft dieses Recht auf frei gelebte Sexualität meist eher zugebilligt wird, ist das Anliegen Greys gleichzeitig auch eine Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in sexuellen Dingen.

… und selbstverständlich könnte man jetzt auch anfangen, davon zu schwadronieren, daß dieses Luxushotel ‚La Notte‘ ein Bild ist für die Untiefen der eigenen Bedürfnisse, die man sich selbst nicht eingestehen will… könnte man, man muss aber nicht.

So will ich zusammenfassend festhalten, das Die Janus-Kammer zwar ein respektables Anliegen vertritt, aber die Umsetzung in Literatur aufgrund einer schwurbeligen, teilweise langatmigen Sprache mit eintönigem Vokabular wenig gelungen erscheint. Die Tatsache, daß Grey durch in den Text eingestreute rhetorische Fragen permanent versucht, den Leser direkt anzusprechen, macht das Ganze nicht besser. Und daß der Roman ein offenes Ende hat, läßt zudem ein weiteres Abenteuer Catherines befürchten… wobei mir als noch nicht vorkommende Grenzüberschreitung eigentlich nur noch Kopro- und Nekrophilie (sowie Verwandte davon) einfallen…. Wollen wir hoffen, daß Greys Fantasie in andere Richtungen weist.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin
[2] Sasha Grey: Die Juliette Society (Besrpechung hier im Blog)
[3] —
[4] Grey hat diesen Namen natürlich nicht ohne Hintersinn gewählt, galt Inan(n)a den Sumerern doch u.a. als Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens: https://de.wikipedia.org/wiki/Inanna, auch der Nachname ‚Luna‘ passt mythologisch für eine Tochter der Mondgötter…

Sasha Grey
Die Janus-Kammer
Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Müller
Originalausgabe: The Janus Chamber,
diese Ausgabe: Heyne, (Reihe: Heyne Hardcore), Softcover, ca. 384 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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