Der in den siebziger Jahren unter Nixon ausgerufene und als Begriff in die Welt gesetzte „War on drugs“ hat so etwas wie einen Ahnen: das im 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933 ausgesprochene landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol, die Prohibition [2]. Beide haben ferner eins gemeinsam: sie sind in der Praxis gescheitert und haben ein ungeheures Ausmaß an Kriminalität geschaffen.

Dennis Lehanes Roman In der Nacht führt uns zurück in diese Zeit der Prohibition, in der die großen Gangstersyndikate entstanden. Hauptfigur der Geschichte ist Joseph (‚Joe‘) Coughlin, Sohn eines Polizeicaptains in Boston, zwanzig Jahre alt und Mitglied eines der Syndikate, die den Markt von Boston beherrschen. Ein Handlager, der mit seinen Kumpels ausgeschickt wurde, eine Pokerrunde in einem Hinterzimmer auszuheben. Nur daß sie dort nicht die harmlosen Zocker antreffen sollten, mit denen sie gerechnet hatten, sondern die Konkurrenz…. und eine junge Frau, Emma Gould, die die Spieler mit Flüssigem versorgte und die auf Joe und seine Kumpel absolut cool reagierte: Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?

Es sind diese Minuten, die Anwesenheit dieser Frau, die das Leben Joes in eine bestimmte Bahn ohne Umkehr lenken sollten: Joe kann Emma Gould nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, was jedoch besser für ihn gewesen wäre, da sie die Geliebte von Albert White war, dem nicht nur das überfallene Hinterzimmer gehörte, sondern der eine der großen Figuren in Bostons Schwarzbrennerszene war….

Als Joe und Emma beschlossen hatten, aus Boston abzuhauen, geht etwas fürchterlich schief. Ein Banküberall endet mit drei toten Polizisten und Joe sitzt ein dafür. Nicht aber bevor Albert White ihn bearbeitet hatte und danach noch die Leute von Captain Dougherty auf dessen Geheiß hin. Immerhin überlebte Joe, was die Ärzte nicht unbedingt erwartet hatten.

Der Knast, in den Joe kommt, ist für ihn die Hölle auf Erden, er steht zwischen sämtlichen Fronten. Bis ein alter Mann, gebeugt, gebrechlich aussehend, ihn unter seinen Schutz stellt: Tommaso Pescatore (‚Maso‘), ein Boss, der noch aus dem Knast heraus sein Reich kontrolliert und führt. Unter anderem mit den Zetteln, die Joe seinem Vater bei dessen Besuchen heimlich zustecken muss und auf denen einfach nur Adressen vermerkt sind…

Durch Maso kommt Joe nach wenigen Jahren aus dem Knast heraus, er hat die Zeit dort genutzt, das Schnapsbrennen gelernt, aber auch die gesamte Knastbibliothek (die in Teilen nicht schlecht bestückt war, aber das ist eine andere Geschichte) durchgearbeitet. Maso schickt Joe in den Süden, nach Tampa/Florida. Es gibt dort Schwierigkeiten mit dem örtlichem Nachschub an Melasse (für die Rumherstellung) und anderen Dingen, die Transporte sind unzuverlässig und Joe soll aufräumen und den Job übernehmen.

In den folgenden Jahren gelingt es Joe mit seinen Leuten, aus dem maroden Geschäft in Tampa einen florierenden Laden zu machen, der einen enormen Gewinn abwirft. Die Interessensphären in der Stadt sind abgesteckt, solange sich Joe und seine Leute auf die kubanischen und schwarzen Vierteln beschränken, haben sie nicht allzuviel zu befürchten. Hartnäckiger als die Staatsgewalt ist zeitweise zwar der Klan, aber da Joe, auch wenn er es zu vermeiden sucht, vor Gewalt letztlich nicht zurückschreckt, löst sich auch das Problem zumindest temporär zu seinem Gunsten.

Joe hatte damals lange nicht an den Tod Emmas damals glauben wollen, aber dessen Gewissheit letztlich akzeptieren müssen. In Tampa lernte er Graciela kennen, eine Kubanerin, die in einer Zigarrenfabrik arbeitet. Sie wird seine Freundin – und die Liebe seines Lebens. Es geht den beiden gut, sie leben auf großem Fuss und sie lassen andere teilhaben daran: besonders Graciela kümmert sich um elternlose Kinder und verschafft ihnen Unterkunft in Häusern, die sie dafür kaufen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… Albert White, sein persönlicher Feind und vor Jahren Parallelliebhaber bei Emma taucht eines Tages im Tampa auf und auch Maso hat auf einmal Pläne, in denen Joe einfach nur störend ist… es kommt zum Krieg.


In der Nacht ist ein Gangsterepos aus der Zeit der Prohibition. Die Nacht, das ist die Zeit, in der die Gangster, die Gesetzlosen nach eigenen Regeln leben – es sind nicht allzuviele. Am Tag verstecken sie sich, das Licht, die Öffentlichkeit ist nicht ihr Revier: Wir sind süchtig nach der Nacht … Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln. … fasst es Joe am Ende des Romans zusammen … und langsam macht mich das kaputt.

Mit Joe Coughlin hat Lehane eine Figur geschaffen, die nicht einfach ein brutaler Schläger, ein Sadist, ein mehr oder weniger tumber oder eindimensional agierender Gangster ist. Joe ist eine dieser zwiespältigen Figuren, die einem sympathisch sind, obwohl man weiß, daß sie Verbrecher und Mörder sind. Für Joe ist Gewalt kein Selbstzweck, wenn er ein Abkommen schließen kann, so zieht er dies einem Mord vor. Deswegen, so sagt ihm Lucky Luciano später einmal, gilt er als weich, nicht als Feigling, aber als weich. Aber Joe ist im Gegensatz zu den anderen Bossen innerlich und charakterlich so stark, daß er es erträgt, weich zu sein. Die Angst, auch die, als weich zu gelten, die sieht Joe dagegen so oft ganz kurz in den Augen seiner Gegenüber aufblitzen und aufzucken, bevor sie sich dann wieder hinter einem Pokerface versteckt und mit Gewalt tarnt. Joe ist ein großer Menschenkenner, er kann seinen Gegenüber einschätzen und strategisch denken ist ihm auch nicht fremd.

Es gibt nicht nur keine Regeln in der Nacht, es gibt auch nur ganz, ganz wenig Freunde, Menschen, dem man vertrauen kann und denen man sogar verzeihen kann…. praktisch jeder ist bereit, wenn der Preis stimmt (und manchmal ist dieser Preis das eigene Leben, das man derart retten kann) Verrat zu üben und die Seite zu wechseln, Loyalität ist fast immer etwas durch Angst Erzwungenes.

Gegen Ende der Geschichte Lehanes ist auch das Ende der Prohibition absehbar. Die vorausschauenden unter den Bossen haben sich, so wie es Joe, schon lange darauf eingerichtet, ihre Strukturen umgestellt und sind bereit, das dann legale Alkoholgeschäft zu übernehmen. Die Syndikate und Organisationen der Nacht tauchen auf, etablieren sich damit auch tagsüber in der amerikanischen Gesellschaft.

In der Nacht ist ein packender Roman, spannend, unterhaltend und intelligent. Lehane [1] schafft es locker zu verhindern, daß man das doch recht umfangreichen Buchaus der Hand legen will. Obwohl gleich der erste Satz im Buch das offensichtliche Ende der Handlung antizipiert: Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement . Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, …. und man daher immer im Hinterkopf hat, daß Joe, egal, wie brenzlich die Situation für ihn auch ist, überleben wird, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Lehane entwickelt vor dem Hintergrund der Prohibition (und ein wenig auch der der damaligen politischen Verhältnisse in Kuba, das ja quasi gegenüber von Tampa liegt und aus dem Graciela stammt) das Bild eines Gangsters, der nicht einfach nur ‚böse‘ ist, dessen Charakter im Gegenteil viele Facetten aufweist, die ihn aus der Phalanx seiner Kumpane hervorhebt. Obwohl ich kein ausgesprochener Thrillerfan bin, vermute ich, daß man In der Nacht in diesem Genre zur Spitzenklasse zählen muß.

 

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Lehane
[2] siehe Wiki-Beiträge: https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs und https://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_den_Vereinigten_Staaten

Dennis Lehane
In der Nacht
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Originalausgabe: Live by Night, NY, 2002
diese Ausgabe
: Diogenes, TB, ca. 580 S., 2015

Die Autorin der Janus-Kammer ist keine ganz Unbekannte. Lange Jahre war sie einer der Stars der Hardcore-Industrie im Bereich der Erwachsenenunterhaltung, wie man es mit jugendfreien Begriffen umschreiben könnte. Aus diesem Bereich der Sexindustrie stieg sie jedoch aus, um sich dem Schreiben und der Musik zu widmen. Aus ihrem ersten literarischen Gehversuch ist mit der Juliette-Society [2] ein Buch entstanden, das sicherlich keine Weltliteratur darstellt, das aber durchaus lesbar ist und für mich über dem Durchschnitt des Grossteils der aktuellen erotischen Literatur anzusiedeln ist.

Die vorliegende Janus-Kammer führt die Geschichte der seinerzeitigen Protagonisten Catherine weiter. Kennt man deren Vorgeschichte, sind einige der Andeutungen bzw. Namen, die einem hier wieder begegnen, leichter zugänglich, aber ein unbedingtes ‚Muss‘ ist die Kenntnis der Juliette-Society nicht (möglicherweise hilft meine Besprechung des Buches ja ein wenig: [2]). Catherine jedenfalls hat sich aus ihren im Erstling geschilderten erotischen Abenteuern zurückgezogen und lebt seitdem mit ihrem Freund Jack zusammen, der ihre momentanen sexuellen Bedürfnisse offensichtlich befriedigend bedienen kann; Grey versäumt nicht, uns zu erzählen, auf welche Art und Weise.


Catherine arbeitet mittlerweile als Journalistin und ist auf der Suche nach einer Story. Dabei stößt sie auf den Namen eines verstorbenen Top-Models: Inana Luna [4]  hat sich nach offizieller Lesart suizidiert, ihre Schwester dagegen ist fest davon überzeugt, daß sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Catherine, die sich über Irana informiert, sich ihre Clips, die im Internet veröffentlicht sind, anschaut, gerät immer mehr in den Bann dieser Frau, die so ganz offensichtlich ihre Grenzen auszutesten versuchte und sie damit die Erinnerung an die Catherine vergangener Jahre wieder hervorruft. Als die Schwester Inanas ihr das Tagebuch der Verstorbenen gibt und sie die Einträge der Toten liest, erkennt sie sich in dieser Gedanken- und Wunschwelt endgültig wieder: in Catherine reift der Plan, den Weg Inanas zu (sexueller) Entgrenzung zu rekonstruieren und selbst zu gehen.

Sie folgt den durch das Tagebuch gelegten Spuren und gelangt an einen mysteriösen Ort in der Wüste, ein geheimes Hotel mit einem Luxusstandard, der die gewöhnliche Sterneeinteilung sprengt: ‚La Notte‘. Aufgrund ihres Aussehens und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit erhält sie auch gleich eine Anstellung an der Rezeption, bewährt sich einigen ‚kritischen‘ Situationen bei der Betreuung der Gäste und wird vom geheimnisvollen Besitzer des Hotels, Max Gold, sukzessive in die geheimen Ort dieses Hauses geführt.

Es sind dies diverse Clubs, Kammern und Zimmern, in denen sexuellen Spielarten aller Couleur nachgegangen wird. Die Reichen und Mächtigen der Welt sind dort unter sich, es gibt keine Geheimnisse mehr so wie es keine Tabus gibt. Diese arkane Welt der Sexualität, die nur für ausgewählte Eingeweihte zugänglich ist, ist eine dunkle Welt der Erniedrigung, der Beschmutzung, des Schmerzes bis hin zu dem Punkt, an dem Schmerz und Lust ununterscheidbar und eins werden und aus dem malträtierten Körper sich das wahre Ich herausgeschält hat.

Auf Catherine übt diese Welt schnell einen unwiderstehlichen Sog aus, der sie dem heimischen Blümchensex immer mehr entfremdet. Obwohl, Blümchensex ist relativ, auch Jack kennt natürlich mehr als nur die Art der Missionare. Vor dem, was sich Catherine jedoch wünscht, die härtere Gangart nämlich, scheut er: sie widert ihn an. So kommt es sukzessive zu tiefgehenden Differenzen zwischen beiden, zumal Jack für den Intimfeind von Catherine, de Ville, arbeitet, der für die nächste Präsidentschaft in den Staaten kandidieren will. Wobei für mich die letzte verbale Auseinandersetzung zwischen Catherine und Jack noch zu den gelungensten Passagen des Romans zählt.

Das soll als grobes Muster des Plots der Janus-Kammer reichen, den zu skizzieren, war die leichtere Aufgabe. Aber was sag ich nun zu diesem Buch ‚an sich‘?


Die Janus-Kammer hat mich gelangweilt. Es ist einfach so. Ein Roman von fast vierhundert Seiten, in denen sich die Autorin in langen Passagen einer schwurbeligen Kultur- und Gesellschaftskritik hingibt, die über Allgemeinplätze meist nicht hinauskommt: die Verlogenheit und Scheinheiligkeit der Gesellschaft im allgemeinen und der Mächtigen im besonderen, der unheilvolle Einfluss der Religion auf die (sexuelle) Entfaltung der Menschen, der Feminismus, der leugnet, daß Frauen (passive) Gewaltfantasien haben dürfen…

Ein Roman, in dem die Protagonisten (und damit wohl auch die Autorin) nicht müde wird, darauf hinzuweisen, daß sie sich im europäischen Kunstkino vergangener Jahrzehnte auskennt und diese alten Schwarz/Weißfilme liebt. Immer wieder, wie schon in der Juliette-Society, nimmt sie Filmszenen als Hilfsmittel, um ihren Roman zu erklären. Ein explizit erotischer Roman, der ‚dafür‘ praktisch nur den Begriff ‚f*cken‘ verwendet, der einem im Laufe des Romans langsam zum Hals raushängt (es wäre interessant zu erfahren, ob dies auf die Autorin oder auf den Übersetzer zurückzuführen ist)… und dann das immerwährend aus der gerade damit gefüllten Körperöffnung tropfende/laufende Come (auch im Original kursiv gehalten)….

Dabei hat dieser Roman durchaus ein Anliegen: er plädiert für die Entgrenzung der Sexualität, des sexuellen Erlebens, für die Überwindung aller Tabus und für die Anerkennung aller sexuellen Bedürfnisse als gleichwertig: letztlich soll in einer Art mystischer Offenbarung die Erlösung erfolgen. Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich auch und gerade sexuell auszutesten – so wie es die Autorin als achtzehnjährige selbst getan hat, als sie anfing, in der gesellschaftlich geächteten Sexindustrie zu arbeiten. Da Männern in der Gesellschaft dieses Recht auf frei gelebte Sexualität meist eher zugebilligt wird, ist das Anliegen Greys gleichzeitig auch eine Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in sexuellen Dingen.

… und selbstverständlich könnte man jetzt auch anfangen, davon zu schwadronieren, daß dieses Luxushotel ‚La Notte‘ ein Bild ist für die Untiefen der eigenen Bedürfnisse, die man sich selbst nicht eingestehen will… könnte man, man muss aber nicht.

So will ich zusammenfassend festhalten, das Die Janus-Kammer zwar ein respektables Anliegen vertritt, aber die Umsetzung in Literatur aufgrund einer schwurbeligen, teilweise langatmigen Sprache mit eintönigem Vokabular wenig gelungen erscheint. Die Tatsache, daß Grey durch in den Text eingestreute rhetorische Fragen permanent versucht, den Leser direkt anzusprechen, macht das Ganze nicht besser. Und daß der Roman ein offenes Ende hat, läßt zudem ein weiteres Abenteuer Catherines befürchten… wobei mir als noch nicht vorkommende Grenzüberschreitung eigentlich nur noch Kopro- und Nekrophilie (sowie Verwandte davon) einfallen…. Wollen wir hoffen, daß Greys Fantasie in andere Richtungen weist.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin
[2] Sasha Grey: Die Juliette Society (Besrpechung hier im Blog)
[3] —
[4] Grey hat diesen Namen natürlich nicht ohne Hintersinn gewählt, galt Inan(n)a den Sumerern doch u.a. als Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens: https://de.wikipedia.org/wiki/Inanna, auch der Nachname ‚Luna‘ passt mythologisch für eine Tochter der Mondgötter…

Sasha Grey
Die Janus-Kammer
Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Müller
Originalausgabe: The Janus Chamber,
diese Ausgabe: Heyne, (Reihe: Heyne Hardcore), Softcover, ca. 384 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

John Williams: Augustus

26. Januar 2017

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung  war die aller erste…. (Lukas 2, 1-2)


Der Amerikaner John Williams [1] veröffentlichte diesen Roman 1972, er wurde als einziges seiner wenigen Werke schon zu Lebzeiten anerkannt, bekam ein Jahr darauf den National Book Award. Williams, der nach einem bewegten Berufsweg Dozent für Englische Liteatur in Denver gewesen war, verstarb 1985, lange Jahre bevor auch seine beiden anderen Romane Stoner und Butcher´s Crossing als herausragende Werke reüssierten [s.u.]. Allen drei Romanen ist zu eigen, daß sie sich auf eine Person konzentrieren, in Stoner und Augustus schildert Williams ein ganzes Leben, in Butcher´s Crossing eine entscheidende Episode eines Lebens. Diese beiden ersten Roman Williams handeln von fiktiven Figuren, in denen aber, erkennbar durch die Namensgebung (William Stoner, William Andrews, John Williams) auch Biographisches mit eingeflossen ist.

Kaiser Augustus dagegen ist eine historische Persönlichkeit [2], eine der herausragenden Persönlichkeiten überhaupt in der Weltgeschichte. Was mag Williams bewegt haben, diese historische Romanbiographie zu verfassen, die so täuschend echt gelungen ist, daß Williams es für geraten hielt, in einer Vorbemerkung den Leser zu bitten, dieses Buch als das zu nehmen, als was es gedacht ist – ein Werk der Imagination … das allenfalls eine ‚literarische Wahrheit‘ wiedergibt. Wahrscheinlich hätte diese Aussage seinem Augustus gefallen, denn diesem diktiert Williams den altersweisen Gedanken in die Feder, dass es der Dichter [ist], der über das Chaos der Erfahrung nachdenkt, über die Konfusion des Zufalls, die unfassbaren Bereiche des Möglichen – womit nichts anderes gesagt ist, als dass er über die Welt nachdenkt, in der wir alle leben, die zu untersuchen sich aber nur wenige die Mühe machen

So imaginiert Williams mit seinem Augustus das Leben und Wirken eines Mannes, dessen Lebenslauf von vielen Zufällen abhing, der ihm keineswegs jedoch in die Wiege gelegt war. Und der im hohen Alter in der Rückschau auf sein Leben zu der Feststellung kommt, daß ihm der ‚wahre‘ Augustus in den vielen Rollen, die Augustus einzunehmen hatte, abhanden gekommen ist….


Julius Cäsar war in einer Welt zur Macht gekommen, die so korrupt war, wie Du es Dir nicht vorzustellen vermagst. Gerade mal sechs Familien regierten die Welt; Städte, Regionen und Provinzen unter römischer Herrschaft hieß die für Bestechung gezahlte Währung; im Namen der Republik und unter dem Deckmantel der Tradition galten Mord, Bürgerkrieg und brutale Unterdrückung als akzeptable Mittel zum Erlangen von Macht, Reichtum und Ruhm.

augustus-cover

Daß Gaius Octavius viele Jahre später einmal den Ehrentitel Augustus verliehen bekam, war nicht selbstverständlich. Sein Leben, sein Lebenslauf hing in zweifacher Weise von Julius Cäsar ab. Zum einen war der aus keiner der maßgeblichen römischen Familien stammende Octavius über seine Mutter mit Cäsar verwandt, er war dessen Großneffe. Und Cäsar war von dem jungen Mann, der körperlich nicht sehr robust war uns ein Leben lang anfällig sein sollte für Krankheiten, so beeindruckt, daß er ihn adoptierte und testamentarisch als seinen Nachfolger einsetzte.

Cäsar wurde bekanntlich in den Iden des März des Jahres 44 vor Christi ermordert, und dies keineswegs von Sonderlingen. Die Mörder fühlten sich getragen von einer breiten politischen Mehrheit im Senat, die um ihre politischen Einfluss fürchteten (ich habe ja vorstehend in dem längeren Zitat eine Beschreibung der herrschenden Zustände vor Cäsar wieder gegeben), hatte Cäsar doch vor, die Macht in Rom auf seine Person zu konzentrieren. Nach dem Tod Cäsars zeigte sich jedoch, daß die Verschwörer keinerlei Plan hatten, wie es jetzt weitergehen sollte. Die naive Vorstellung jedenfalls, mit dem Tod Cäsars sei alles wieder wie vorher, war unzutreffend, man musste beispielsweise schon bald bestätigen, daß sämtliche Anordungen (auch die noch nicht veröffentlichten) weiterhin gültig waren. Der antizipierte Tyrann damit zwar tot, aber gleichzeitig auch rehabilitiert.

Zum anderen war der gerade mal neunzehnjährige Octavius der offiziell per Testament zum Erbe und Nachfolger Cäsars Eingesetzte. Die Eltern rieten ihm dringend ab, das Erbe anzunehmen, doch Octavius, der sich mit Freunden auf der anderen Seite der Adria aufhielt, als er die Nachricht vom Attentat auf Cäsar bekam, sah auf einmal seine Aufgabe vor sich. Nicht Dichter oder Gelehrter wollte er mehr werden, sondern: …. ich kannte jetzt mein Schicksal …. es bestand schlicht darin, die Welt zu ändern. – so sollte es Augustus Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod, formulieren.

Gaius Octavius war also entschlossen, das Erbe anzunehmen, wusste aber natürlich genau um die riesigen Probleme, die ihn erwarteten. Heimlich setzten er und seine Freunde nach Italien über und nahmen in Rom sowohl den Kampf um die Macht auf als auch die Aufgabe, Cäsars Tod zu rächen. Auf der Habenseite hatte der Neunzehnjährige seine Intelligenz, seine Kaltblütigkeit, das ungeheure Erbe Cäsars (auf das gleichwohl auch andere schon, insbesondere Marcus Antonius seine Hand gelegt hatte) und die Sympathien, die der ermordete Cäsar beim Volk und bei den Soldaten hatte. Sowie last noch least die Tatsache, daß seine Gegner ihn sträflich unterschätzten und selbst keinen Plan hatten.

Es begann eine Zeit grausamer Kriege, in den Römer gegen Römer standen, wechselnde Allianzen eingegangen, Intrigen geschmiedet und Soldaten unter dem Versprechen horrender Geldsummen zum Überlaufen animiert wurden. Gleich zu Anfang der Militärherrschaft des ‚Triumvirats‘ (Octavian, Marcus Antonius, Lepidus) wurde im Senat ‚Säuberungen‘ durchgeführt, der Tod Cäsars blutig gerächt. Ende dieser Periode war der Herrschaftsbereich im Römischen Reich aufgeteilt auf Marcus Antonius im Osten und Octavius im Westen. Im Osten hatte sich Marcus Antonius mit der ägyptischen Königin Cleopatra verbündet und verbunden, in der entscheidenden Schlacht 31 v.Chr. bei Actium, die Octavians fähigster Generals Marcus Agrippa für ihn gewann, verlor Marcus Antonius, der im Jahr darauf zusammen mit Cleopatra in den Suizid ging. Damit war Rom wieder geeint, unter Octavian. Dreizehn Jahre brutaler Kriege und einer Militärherrschaft waren vorüber, es galt jetzt, das Land, das Reich zu befrieden.


Dieser Werdegang Octavians beginnend mit der Nachricht vom Tode Cäsars bis zum Tod Marc Antons ist Inhalt des in ersten Abschnitts des in drei ‚Bücher‘ aufgeteilten Textes von Williams. Es ist kein fortlaufender Prosatext, Williams hat für sein Buch die Form eines Briefromans gewählt, in dem neben Briefen Auszüge aus Notizen, Bücher, Fragmenten wieder gegeben werden. Wenn auch die vielen Namen der Schreiber und Adressaten anfangs verwirren (man also immer wieder mal im beigefügten ‚Who was who‘ im alten Rom nachschlagen muss), so kann Williams auf diese Art sehr viele unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen in seinen Roman einführen. Häufig stellt er ein und denselben Vorgang derart aus verschiedenen Blickwinkeln dar, selbstverständlich kommen auch die Gegner und Feinde Octavians zu Wort.

Williams teilt seinen Roman in Analogie zum Leben des Octavian auf. Nachdem dieser durch die Niederlage und den Tod Marcus Antonius de facto der alleinige Herrscher Roms geworden ist, sollte eine andere Facette seines Wesen Oberhand gewinnen. Zuerst aber griff Octavian nicht direkt nach der Macht, versuchte nicht, sich als Alleinherrscher zu etablieren und die Republik aufzulösen. Vielmehr verstand er es, sich unentbehrlich zu machen, der Senat trug ihm Befugnisse und Ämter von sich aus an, viele dieser Ämter waren zeitlich begrenzt und mussten regelmäßig neu an ihn vergeben werden. So hatte Octavian, dem der Senat 27 v.Chr. den Ehrentitel ‚Augustus‘, d.h. der zu Ehrende, verlieh, zwar de facto die Macht in Rom in seinen Händen, nach außen hin trat er aber ’nur‘ als erster Bürger Roms, ‚Princeps‘, in Erscheinung.


Augustus hatte machtpolitisch zwei Schwachstellen. Zum einen war er ein Emporkömmling, der blutmäßig keiner der großen Familien der Stadt entstammte. Zum zweiten hatte er trotz dreier Ehen keinen Sohn, den er zu seinem Nachfolger hätte aufbauen können. Einzig aus seiner zweiten Ehe wurde ihm eine Tochter geboren, Julia.

Deren Tagebuchaufzeichnungen, geschrieben in der Verbannung auf eine kleine Insel im Golf von Neapel, bilden das Rückgrat des zweiten Teils des Augustus, in parallel um Schicksal der Tochter der Mensch, der Privatmann Augustus im Mittelpunkt steht. Beider Schicksale sind eng verknüpft..

Julia war ein sehr wissbegieriges, intelligentes, von ihrem Vater geliebtes Mädchen, das eine privilegierte, ansonsten nur den Jungen vorbehaltene Ausbildung geniessen durfte in den Fächern der damaligen Zeit, gegeben von hervorragenden Lehrern und Wissenschaftlern. Julia als leibliche Tochter war jedoch auch die bevorzugte Möglichkeit, über die Augustus seine Nachfolge zu regeln versuchte, für Augustus waren Hochzeiten und Ehen Instrumente der Machtpolitik und des Machterhalts.

So wurde Julia mit vierzehn Jahren zum ersten Mal (mit einem Jüngling) verheiratet und  mit siebzehn wurde sie zum ersten Mal Witwe. Auch die zweite von Augustus arrangierte Heirat mit seinem Freund und fähigstem Feldherren Marcus Agrippa nahm die Tochter noch als selbstverständliche Notwendigkeit hin, als Tochter des Kaisers und Frau seiner mächtigsten und besten Freundes genoss sie ein Leben im Luxus und besaß hohen Einfluss. So großen Einfluss, daß sie ihren Willen durchsetzen konnte, ihren Mann gegen alle Tradition auf eine Dienstreise nach Kleinasien zu begleiten. Dort lernte sie sozusagen „…the bright side of life….“ kennen…

Eine dritte Heirat nach dem plötzlichen Tod Agrippas wurde mit dem sowohl dem Vater als auch Julia verhassten Tiberius, den Sohn der Stiefmutter Livia aus erster Ehe, arrangiert. „Du weißt genau, wie grausam er ist.“ – „Das weiß ich, …… Du wirst ein Leben außerhalb dieser Ehe finden, und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Wir gewöhnen uns alle an unser Leben. ….“ Der Vater sollte Recht behalten, Julia, die in Kleinasien eine andere Seite des Lebens kennengelernt hatte, fand ein Leben ausserhalb der Ehe mit Tiberius, der aus diversen Gründen viele Jahre ausserhalb von Rom auf Rhodos weilte.

Augustus brachte in dieser zweiten Phase seines Lebens dem Reich inneren und äußeren Frieden. Er sicherte die Grenzen (hatte nur im Norden, gegen die germanischen Barbaren, Probleme), im Inneren baute er die Infrastruktur aus, niemand musste mehr hungern, den Bürgern Roms gab er Brot und Spiele. Auch wenn ihm selbst viele der Vergnügungen und Rituale des öffentlichen Lebens nichts sagen, nahm er daran teil, um seine Verbundenheit mit dem Volk zu demonstrieren.

Privat war Augustus bescheiden, sein Haushalt verblüffte viele Besucher, die Prächtigeres gewohnt waren und erwartet hatten. Gerne umgab er sich mit Dichtern, sie erinnerten ihn wohl an frühere, eigene Ideale. Vergil, Horaz, in gewissem Masse auch Ovid, der aber später in Die letzte Welt nach Tomi verbannt wurde, waren von ihm gern gesehene Gäste und Freude. Sein alter Begleiter Maecenas, dem wir noch heute mit dem Begriff des ‚Mäzens‘ gedenken, war nicht nur Politiker und Soldat, sondern ebenso ein Förderer der Dichtkunst…

Augustus rgierte nicht ohne Feinde zu haben, es gab Verschwörungen gegen ihn. Bei einer dieser Verschwörungen geriet sogar Julia unter Verdacht, um sie zu retten, klagte Augustus selbst die mittlerweile sehr freizügig lebende Tochter der Verletzung der von ihm selbst erlassenen strengen Sittengesetze an, Julia wurde verbannt, eine stetig offene Wunde im Herzen des Vaters.


Augustus herrschte Jahrzehnte in Rom, er war ein alter Mann geworden. Noch einmal machte er sich auf den Weg, in Neapel Spielen beizuwohnen, er hatte es versprochen. Es ist ein sehr schönes Bild, das Williams hier verwendet hat: der Augustus, der in Rom alles geregelt hat, sein Testament hinterlegt hat, besteigt ein Schiff, daß nur von den Winden bewegt, seinem Ziel entgegensteuert. Die Ruderer, die an Bord sind, kommen nicht zum Einsatz. Die Ruhezeit an Bord (immer unter den misstrauischen Augen des jungen Arztes, der ihn begleitet) nutzt Augustus, einen Brief an einen Freund als längst vergangenen Tagen zu schreiben, der einzige der Freunde, der noch unter den Lebenden weilt, und ein Resümee seines Lebens zu ziehen.

Es ist ein nachdenkliches, resignierendes Schreiben, in dem Augustus sich sein Scheitern als Mensch eingesteht, seit beinahe zwanzig Jahren nämlich finde ich, ich habe für nichts gelebt. … Ich habe nie die Welt erobern wollen und wurde immer eher beherrscht, als daß ich Herrscher war. …. Der junge Mann, der die Zukunft nicht kennt, hält das Leben für ein episches Abenteuer, …. Der alte Mann jedoch wird, spielt er die ihm zugewiesene Rolle, einsehen müssen, dass das Leben eine Komödie ist. …..

… die ihm zugewiesene Rolle … Augustus spielte sie, diese Rollen, er spielte sie so sehr und es waren ihrer so viele, daß er sich am Ende selbst verloren hatte, dass es [auch für ihn] ein Selbst gar nicht mehr gab. Für jeden Menschen, so Augustus, kommt früher oder später der Moment, in dem er die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist.

Doch Williams läßt den Kaiser nicht in dieser resignierten Stimmung, er beschert ihm ein Erlebnis, daß ihm sein segensreiches Wirken offenbart. Sie begegnen nämlich einem Frachtschiff, das ägyptischen Weizen nach Rom bringt und dessen Kapitän Augustus auf Lateinisch für den Frieden auf den Meeren dankt, der diese Fahrt erst ermöglicht. Noch vor einigen Jahren, so sinniert Augustus, hätte der Kapitän Griechisch gesprochen, wäre die Fahrt der Piraten wegen gefährlich gewesen. So drang und dringt still und unauffällig die römische Kultur in andere Kulturen ein, selbst, wenn Rom – was Augustus vermutet – äußeren Feinden nicht mehr standhalten wird und früher oder später fällt, wird diese Kultur die des Eroberer verändern und verfeinern…

Augustus weiß, daß er sterben wird. Sein Körper ist alt, versagt hie und da seinen Dienst. Aber er hat auf dieser Reise seinem Tod entgegen Bilanz gezogen und wenngleich er möglicherweise die Dichters um ihr Leben und Wirken beneidet hat, so tröstet ihn doch der Gedanke, sein Gedicht sei Rom gewesen, welches er, so wie ein Dichter die Worte zu Sätzen, die Sätze zu Zeilen, die Zeilen zu Strophen und letztere schließlich zu einem Gedicht ordnet, zu seinem Gedicht geordnet hat.


Das Buch schließt mit einem Brief des Arztes Philippus, der seinerzeit den Kaiser auf dessen letzter Fahrt begleitete und der dessen Tod miterlebte. Jahrzehnte später beschreibt Philippus seinem Freund Seneca die Umstände dieses Todes… und Williams legt seinem Briefschreiber eine (für uns heutige) ironisch wirkende Hoffnung in den Mund, daß nämlich nach den auf den Augustus folgenden und teils grausamen oder unfähigen Kaisern jetzt jemand folgt, auf den man Hoffnung setzen kann. Gemeint ist Nero. Auch eine derartige Ironie ist für Williams nicht ungewöhnlich: in Butcher´s Crossing kommen die ‚Helden‘ nach unsäglichen Qualen aus der Wildnis zurück mit ihren Fellen und müssen erfahren, daß der Markt zusammengebrochen ist.

Wie ordnet sich dieser Augustus in das Gesamtwerk von John Williams ein, ein Gesamtwerk, daß wir – traurigerweise – ja überblicken können. Dazu nimmt in einem sehr lesenswerten Nachwort der US-amerikanische Journalist und Buchautor Daniel Mendelsohn Stellung [3]. Er arbeitet u.a. heraus, daß das Leben der Helden Williams, egal, ob so mächtig wie Augustus oder eher ohnmächtig wie Stoner und Andrews, von Zufällen abhängig ist, daß letztlich all seine Helden nur Menschen sind, arme Geschöpfe, allein und getrennt von allen. Augustus ist im Alter kein Freund mehr geblieben (Philippus betont diesen Eindruck in seinem Schreiben an Seneca), und auch Stoner streichelt in seinen letzten Momenten keinen Menschen, sondern den Einband seines Buches, das er vor Jahrzehnten geschrieben hatte…. Eine weiterer Parallelität zwischen Stoner und Augustus liegt in der jeweiligen Beziehung zur Tochter. Beide lieben ihre Töchter, beide verlieren sie in gewisser Weise, Stoner an seine Frau, Augustus opfert Julia seiner Machtpolitik.

Es ist ein literarischer Augustus, den uns Williams geschaffen hat und es gut, sich das hin und wieder in Erinnerung zu rufen. Zu gut, zu plastisch tritt uns diese literarische Figur in den Briefen, Notizen, Tagebucheintragungen, die Williams uns darbietet, hervor, sie wächst ans Herz, sie wird im Lauf der Handlung für Rom immer mehr ‚alternativlos‘: was wäre aus Rom geworden, wenn genau zu dieser Zeit ein anderer, minder begabter, die Macht gehabt hätte? Denn entgegen seiner Befürchtung überdauerte sein staatsmännisches Wirken viele Jahrzehnte. Williams zeigt uns den Menschen Augustus, so wie er ihn hinter der nicht sehr umfangreichen ‚Fassade‘ der historische Persönlichkeit vermutet. Es gibt nicht viel Material über Augustus, ein Teil seiner Wirkung beruht auch darauf, mit seinen Motiven und Absichten immer etwas undurchsichtig, geheimnisvoll gewesen zu sein.

Ich habe ein wenig in Geschichtsbüchern über das Zeitalter Augustus` nachgelesen. Es ist klar, daß ein Jüngling, der aus dem realpolitischen Nichts auf der Bühne erscheint und der ein Jahrzehnt später de facto Herrscher des mächtigsten Reiches sein sollte, dies nicht durch Verabreichung von Globuli an seine Feinde geschafft hat. Es muss ein grausames Jahrzehnt des Machtkampfes gewesen sein, voll mit Blut, mit Intrigen, mit Absprachen, mit Hinterlist… oft, und das hat der literarische Augustus gut erkannt, kam der Zufall zu Hilfe, der das Unwahrscheinlichere dem Naheliegenderen vorzog und Augustus damit begünstigte…. allein der Übergang aus dieser kriegerischen  in die Friedensphase zu bewältigen: ein Meisterwerk, das die Genialität des Mannes offenbart.

… und geradezu prophetisch für unsere Tage die resignierende Feststellung, die Williams 1972 seinem Augustus am Ende seines Lebens zubilligt (und mit diesem etwas längeren Zitat will ich dann auch meine Buchvorstellung beenden): In den letzten Jahren kam mir immer mal wieder der Gedanke, dass der dem Menschen angemessene Zustand, also jener, in dem es ihm am besten geht, gar nicht ein Leben in Wohlstand, Frieden und Harmonie ist. …. In den ersten Jahren meines Amtes fand ich immer wieder Anlass, meine Landsleute zu bewundern. Trotz aller Entbehrungen klagten sie nicht und waren oft sogar guter Laune; ….. Wir leben den römischen Wohlstand. … Wir leben die römische Harmonie. … Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeiten überdrüssig sehen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zur Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, … wurde mir vom Volk wie vom römischen Staat die Diktatur angeboten. … Möge diese Feststellung von Augustus jeder für sich auf unsere heutige politische Lage übertragen und anwenden….

Ich war seinerzeit von Stoner und Butcher´s Crossing begeistert, hatte mich dann aber nicht an Augustus herangewagt, weil ich einfach nicht glauben konnte, daß Williams noch so ein Meisterwerk geschaffen haben könnte. Welch ein Irrtum! Daher – und sehr gerne – einen großen Dank an das Christkind, daß mich mit diesem Werk beschenkte!

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Williams_(Autor)
[2] Wiki-Beitrag über Augustus: https://de.wikipedia.org/wiki/Augustus
[3] vgl. diese Buchbesprechung in The New York Review of Books: Daniel Mendelsohn: Hail Augustus! But Who Was He?; in:  http://www.nybooks.com/articles/2014/08/14/hail-augustus-who-was-he/

Weitere Besprechungen von Williams´ Romanen hier im Blog:

– Stoner
Butcher´s Crossing

John Williams
Augustus
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben
Mit einem Nachwort von
Originalausgabe:
diese Ausgabe: dtv, HC, 480 S., 2016

baker

Es ist, liest man hin und wieder ein Werk aus diesem Genre, offensichtlich schwer, über Erotik zu schreiben, über Sex oder auch nur Pornographisches. Wobei bei letzterem ja fast schon zur Definition gehört, daß es intellektuell anspruchslos zu sein hat und nur die entsprechenden Körperfunktionen aktivieren soll, indem die dazu gehörigen Schalter im Kopf umgelegt werden (Aber immerhin läßt sich über den „schlechten Sex“, den die Literatur zu bieten hat, trefflich lästern, Moritz hat es mit großen (zumindest hinsichtlich des Umsatzes) Erfolg vorgeführt [1]. Ist es möglicherweise sogar als gutes Zeichen zu werten, daß Baker in diesem ‚Buch der Verrisse‘ nicht erwähnt wird?)

Nicholson Baker jedenfalls hat keine Berührungsängste, wenn es um Literatur und Erotik geht und er scheut auch nicht, wenn es handfester wird und der schillernde, den moralischen Weltuntergang signalisierende Begriff ‚Pornografie‘ am Horizont erscheint. Denn Baker ist kein ganz Unbekannter im Genre, mit Vox und Die Fermate hat er in den letzten Jahren zumindest zwei erotische Romane veröffentlicht, die einiges an Lob einheimsten. Nun also das Haus der Löcher (HdL). ein doppeldeutiger Titel, der recht eindeutig auf das hinweist, was zu erwarten ist – eine Erwartung, die erfüllt wird, aber auf eine derartige Art und Weise, die dann doch verblüfft.

Das Haus der Löcher ist eine wilde Mischung aus erotischem (Episoden)Roman und Fantasy. Der Hinweis auf Alice im Wunderland ist naheliegend, denn so wie Alice seinerzeit nicht einfach ’so‘ ins Wunderland gelangte, sondern erst dem weißen Kaninchen in seinem Bau folgen musste, sind die Wege ins Sex-Ressort gleichfalls fantastisch: es sind Wege der Löcher: man/frau muss im Waschsalon in den vierten Trockner von links im Waschsalon Ecke 18th Street und Grover Avenue steigen, werden durch einen Strohhalm gesogen oder reisen durch die Öffnung, die Zeigefinger und Daumen bilden…. Endpunkt der wunderlichen Reise ist jenes Haus der Löcher, küstennah, sonnenbeschienen, luxuriös, mit angeschlossenem Vergnügungspark, wo es aber auch passieren kann, daß die Ankömmlingin sich miniaturisiert durch eine Harnröhre in die Freiheit arbeiten muss….

Im Ressort eingetroffen es meist Lila, die Chefin, die die Reisenden in Empfang nimmt, ihre Wünsche und Fantasien erfragt, ausgesuchte Männer (die ‚tipptoppsten‘) zur Waschung ihres kleinen (oder auch größeren) Prinzen schickt (wobei es den ‚Peniswäscherinnen‘ bei Strafe verboten ist, eine ganz bestimmte Grenze beim Waschen zu überschreiten, auch wenn den Männer noch so sehr danach dürstet), Lila ist es auch, die das Finanzielle regelt. Es ist nicht billig…. aber mit etwas Glück kann man bei mangelnder Finanzkraft die Kosten abarbeiten…. und das Reglement ist streng im Haus der Löcher, keineswegs sind Zucht und Ordnung außer Kraft gesetzt. Vieles ist mit Strafen und Sanktionen belegt, keineswegs kann jede/r zu beliebiger Zeit auftauchenden Lüsten nachgehen, aber gar zu oft ist die Versuchung größer als die Scheu vor der Strafe – man kennt das ja auch aus dem richtigen Leben…..

Was bei der Addam´s Family das ‚Eiskalte Händchen‘ ist hier Daves Arm, der die tragende, besser gesagt: massierende und stimulierende Rolle in der einleitenden Episode spielt. Daves Arm: ein selbstständig agierendes, sprechendes, intelligentes Wesen (das mit Fischpaste zu Füttern ist), welches Shandee, die ihn findet, sehr gefühlvoll als Vibratorersatz dient. Dave, der ursprüngliche Träger des Arms, bekam im HdL von Lila ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Wären Sie bereit, für einen größeren Penis ihren rechten Arm zu geben? .. vorübergehend.. nur so lange, bis jemand ihn findet, ihn zurück bringt und wieder an ihm befestigt…. Ein Angebot, das Dave nicht ablehnen konnte….

Ähnlich fantastisch geht es weiter im Text. Die Künstlerin Koizumi beispielsweise fertigt Skulpturen, die auch im Gesäßbereich anatomisch korrekt sind und es Marcella ermöglichen, auf schon geschildertem Weg über das dort beheimatete Loch den Zugang zum Ressort zu finden, wo dann passenderweise diese Körperregion auch gleich in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird… Reese dagegen sucht einfach einen gutaussehenden Mann für hirnlosen Spaß in der Kiste und wird dafür ins ‚Kopflosenzimmer‘ geschickt. Hier denken die Männer nur noch mit dem, was sie haben, nämlich Rückgrat und Genitalien …. der Arsch wird neuronaler Stellvertreter…. Ned ist der arme, beim HdL hoch verschuldete Kerl, an dem Baker uns vorführt, auf welche Art und Weise aufgehäufte Schulden abgetragen werden können…

Da gibt es ‚Pornosaugschiffe‘, die die aufgesaugten Filme in einem Tümpel ablassen, in dem sich daraus ein Monster materialisiert hat, ein Amalgam aus Körperteilen… es dürften hundert Penisse gewesen sein – manche blassrosa, manche kaffeeefarben -, dann Brüste und Augen und Klits …. aber kein Kopf – naturellement. Rhumpa ist die Glückliche, die das Monster mittels eines gigantischen Gangbang mit nur einer Person zähmt…

Handjob-Festivals werden ausgetragen, es gibt ‚Penisbäume‘ genauso wie ‚Penissäle‘, ‚Sex-jetzt-Tasten‘ auf der Fernbedienung im Hotelzimmer, im ‚Weißen See‘ kann muschigeboardet werden und im ‚Pornodekaeder‘, einem zwölfseitigem Projektionskino kann die vorher zusammengestellte Playlist abgearbeitet werden….  Voyeure kommen ebenso zu ihrem Vergnügen wie Liebhaber des Dirty Talks, das ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ vermag aus üblichen Sperma Heilsperma zu machen, das die Kraft hat, menschliche Gließmaßen oder Köpfe wieder anzubringen – nicht überflüssig, wie wir gesehen haben. Mittels besonderer Medien haben Männer und Frauen die Möglichkeit, ihre Geschlechtsteile zu transferieren, was die seltene Gelegenheit ergibt, daß Männer  (nunmehr Träger einer Vagina) mit ihrem eigenen Geschlecht penetriert werden können… genug der Beispiele….

Natürlich, Baker ist fantasievoll genug, sich im Vokabular nicht auf die medizinische Fachterminologie zu beschränken. Wollte ich all die verwendeten Ausdrücke für die im Mittelpunkt der Ausführungen stehenden Körperteile auflisten – es wäre eine lange Liste (an dieser Stelle ist es wohl angebracht, auch der Übersetzerin Anerkennung für ihre Mühe, das alles ins Deutsche zu transferieren, auszusprechen).

Es gibt Regeln im HdL, aber keine Grenzen, weder was die geheimen Wünsche der Besucher/-innen angeht noch was deren Umsetzung betrifft. Baker kehrt das Innere nach außen, der aufgeregte Gedanke, die exotische Fantasievorstellung, die dem/der einen oder anderen möglicherweise durch den Kopf gehen mag – hier formuliert Baker sie aus, setzt sie grenzenlos in die Tat um. Mann wünscht sich ein größeres Gerät? Es hat seinen Preis – aber es ist möglich; Frau will endlich einmal die selbstauferlegte verbale oder auch rektale Zurückhaltung aufgeben: Voilá – nur zu! Für jede/n gibt es hier das Passende – aber nicht umsonst.

Es ist eine eindimensionale Utopie, die Baker beschreibt. Kaum eine der Figuren hat ausser ihren Sexvorstellungen weitere Eigenschaften, mit der Ankunft im HdL sind solche der Erwähnung nicht mehr wert. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger und es herrscht Gleichberechtigung an diesem Fantasieort, männliche und weibliche Bedürfnisse werden in gleicher Weise befriedigt, auch wenn die Männer finanziell stärker belastet werden. Es wäre interessant, ein HdL (vielleicht als ‚Heim der Ständer‘) aus weiblicher Sicht geschildert zu bekommen, denn daran kommt man natürlich nicht vorbei: Baker kann als Mann, was seine Frauenfiguren angeht, nur in Szene setzen, was er glaubt, es würde ihren potentiellen Wünschen entsprechen.

Wer will, mag Ironie erkennen im Werk: das erwähnte ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ als Persiflage auf oft obskure Heilmittel, denen Wunderdinge nachgesagt werden, das Pornomonster als Sexanalogon auf die Inflation diverser Aliens, die die Erde heimsuchen…. auch korrespondiert das Haus der Löcher gut mit dem Garten der Lüste, des vor einen halben Jahrtausend verstorbenen Hieronymus Bosch (rein architektonisch ergänzen sie sich sogar), auch wenn natürlich Bakers Text eindimensionaler, weniger subtil und einfacher deutbar ist als dieses Meisterwerk des Niederländers.

Das Haus der Löcher polarisiert sicherlich weniger als daß es erregt – auch wenn es solche Momente durchaus bereit hält. Vielleicht stößt es den Leser, die Leserin sogar ab, nicht jede wird sich mit der Vorstellung anfreunden können, mit Dekapitierten zu kopulieren oder eine Klitdiebin in die Hände zu laufen. Möglicherweise ist das Haus der Löcher aber auch ein Blick in die Untiefen der Begierden, die einen Menschen, egal welchen Geschlechts, heimsuchen können und die wir normalerweise nicht zulassen. Und wie jeder Blick in diese Untiefen bietet auch dieser nicht nur Schönheit und Anmut.

Wer also einen leichten oder lockeren Sexroman erwartet, wird von Bakers Fantasie enttäuscht sein, denn das bekommt er nicht. Wer Ungewöhnliches mag, nun, dem könnte das Buch zusagen, sicher ist aber auch das nicht. Denn das Haus der Löcher ist, um mit Monty Python zu sprechen: Something completely different. Ach ja, bevor ich es vergesse: die Umsetzung seiner Idee ist Baker, schließlich ist es ein arrivierter Autor, literarisch natürlich um Klassen besser gelungen als dem inflationären Gros an Möchtegernsexautoren/-innen, die im Moment dank Selfpublishing in den Markt drängen…. daran hängt Gefallen oder Nicht-Gefallen also nicht….

Nicholson Baker
Haus der Löcher
Übersetzt aus dem Englischen von Elke Schönfeld
Originalausgabe: House of Holes, NY, 2001
diese Ausgabe: rororo TB, ca. 315 S., 2003

1970 zog sich der vielverprechende und hochbegabte Mathematikprofessor Theodore Kaczynski in die Berge von Montana zurück, wo er in einer einfachen Holzhütte lebte. Von März 1978 an bis April 1995 verschickte er eine Vielzahl von Briefbomben, durch die im Lauf der Jahre drei Menschen getötet und viele verletzt worden waren. 1995 verschickte der sich selbst als Anarchist bezeichnende Kaczynski ein ‚Manifest‘ von ca. 35.000 Worten an die NYT und die Washington Post, die den Text nach Rücksprache mit den Ermittlungsbehörden druckten. Durch dieses Manifest kam man Kaczynski auf die Spur, 1996 wurde er verhaftet.

Warum stelle ich diesen kurzen Abriss über Theodore Kaczynski (auch bekannt als ‚Unabomber‘ [1]) der Vorstellung des Romans von Henderson voran? Nun, der zentrale Erzählstrang in Hendersons Roman, in dem ein analog gewaltbereiter Sonderling die Hauptrolle spielt, erinnert einfach daran. Zumal der ‚Unabomber‘ seine Hütte seinerzeit in Lincoln, Montana, hatte, ein Flecken, der in derselben Region liegt, in der auch ein großer Teil des vorliegenden Romans spielt [2], ebeson wie die Zeit, in der Henderson seine Handlung ansiedelt, die – grob gesagt – in dem Jahr spielt, das mit dem Wahlkampf Carter-Reagan begann. Man könnte auch noch weitere Details benennen, die Ähnlichkeiten aufweisen. Möglicherweise – aber dies ist eine pure Spekulation meinerseits – hat der Unabomber den Autoren ja zu seiner Figur des Jeremiah Pearl inspiriert.

Aber nun wirklich zum Roman Montana von Smith Henderson.


„Ein Haufen Leute kommen hierher,
weil sie vor irgendwas weglaufen“, sagte Pete.
„Bei mir war´s jedenfalls so.
Aber die meisten von uns stellen fest,
daß sie ihre Probleme mitgebracht haben.“

Montana

Der das sagt und feststellt, ist Peter (‚Pete‘) Snow, ein Sozialarbeiter vom SFD, dem Sozialen Familien Dienst, die Hauptfigur des Romans. Sein Einsatzgebiet liegt im unzugänglichen, waldreichen Nordwesten Montanas, einer Region, in der die verschrobenen, problembeladenen Menschen den Hauptteil der Bevölkerung ausszumachen scheinen. Die Ortschaften, in denen die Handlung angesiedelt ist – sofern sie nicht eh im Wald spielt – sind von überschaubarer Größe, der Alkohol anscheinend die Freizeitgestaltung Nummer 1 mit seinen typischen Folgen wie Schlägereien, weiterem Drogenkonsum etc pp. So zieht eins das andere nach sich, und Pete, der selbst ein Alkoholproblem hat, hat eine Menge ‚Kundschaft‘ im Klientel, für die er sorgen muss.

Dabei ist er selbst nicht frei von Problemen: seine Ehe ist gescheitert und nachdem er seine Frau Beth mit einem anderen im Bett erwischt hatte, ist er nach Montana geflüchtet. Beth dagegen nimmt die dreizehnjährige Tochter Rachel, die viel lieber Rose hieße, und geht nach Texas; da sie ist kein Kind von Traurigkeit ist, findet sie dort viele Bekanntschaften der flüchtigen Art, als Vorbild für ihre Tochter taugt sie weniger. Aber zurück zu Pete, dessen Verhältnis mit dem Vater schwierig ist, ebenso wie das zum Bruder Luke, der des öfteren Probleme mit dem Gesetzgeber bekommt und momentan auf der Flucht vor seinem Bewährungshelfer ist, eine der vielen kleinen Nebenhandlungen des Romans.

Von den drei Erzählsträngen Hendersons befasst sich einer mit den Schicksal Cecils, eines Jungen, den Pete in der Eingangsszene des Romans aus seiner eigenen (Rumpf)Familie herausholen und in eine Pflegefamilie geben muss. In der eigenen Familie ist die Mutter mit zwei Kindern vom Mann sitzen gelassen worden, sie frönt dem Alkohol und anderen Drogen und vernächlässigt dafür die Kinder, denn ausser Cecil gibt es noch die kleine, verängstigte und verschüchterte Katie. Aber Cecil eignet sich nicht für die Pflegefamilie, er wird dort auffällig, muss wieder gehen und so nimmt für ihn eine verhängnisvolle Schussfahrt in Richtung ‚verkorkstes Leben‘ Fahrt auf.

Im Zentrum des Geschehens jedoch steht das Schicksal der Familie Pearl, von denen Pete jedoch nur den ungefähr elfjährigen Ben und dessen Vater Jeremiah kennenlernt. Ben stand eines Tages an der Schule in Tenmiles, dem Ort, in dem Pete säuft und in dessen Nähe seine Hütte steht. Niemand kannte die verwahrloste Jungengestalt, niemand hatte sie bis dato gesehen. Ben lehnt die Geschenke Petes wie neue Kleidung und anderes ab, Nahrungsmittel und auch Medikamente gegen Skorbut und Parasiten gibt nimmt Pete mit, als er den Jungen wieder ‚zurück‘ bringt in den Wald, in dem er offensichtlich mit seinem Vater lebt. Den Pete dann auch kennenlernt, mit dem Gewehr im Anschlag, das er auf sich gerichtet sieht: Jeremiah ist misstrauisch und Pete letztlich froh, heil wieder an sein Auto zu kommen, nicht von diesem Menschen, der glaubt, die Apokalypse hätte begonnen und der Staat sei eine einzige große Verschwörung, erschossen worden zu sein….

Im Lauf der Wochen und Monate baut sich ganz langsam so etwas wie eine Beziehung zwischen den Pearls und Pete auf. Pete fährt immer mal wieder zu dieser Stelle im Wald wo sie sich getroffen hatten und deponiert Sachen dort, einiges davon fehlt später, offensichtlich holen sich die Pearls, das was sie annehmen wollen. Eines Tages jedoch ruft ihn Ben zu Hilfe, der Vater ist blind geworden. Pete sieht, daß dies Schneeblindheit ist, gegen die er Medikamente kennt, denn Schneeblindheit kennt er von sich selbst…. immer noch misstrauisch und auf der Hut duldet Jeremiah in der folgenden Zeit die Anwesenheit von Pete, der sogar eine Zeit lang mit ihnen durch die Wälder streift.

Henderson verzahnt diese Ereignisse um Pearl locker mit dem dritten wesentlichen Erzählstrang, der in Form eines Interviews formal eine Sonderstellung im Roman einnimmt. Immer wieder sind diese Gespräche als kurze Abschnitte in den Text eingefügt, der Interviewer/Frager könnte prinzipiell der Leser sein, nur daß der Frager meist schon mehr weiß (und daher entsprechende Fragen stellen kann) als der Leser. Wer die Antworten gibt, wird nicht klar, auf jeden Fall jemand, der sich auskennt… sich auskennt im Leben von Beth und Rachel, ein Leben, das bei beiden in die falsche Richtung läuft. Apropos läuft: Rachel verschwindet eines Tages spurlos, läuft weg, kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag. Zwar setzt Pete, den Beth verzweifelt anruft, alle Hebel in Bewegung, aber es ist ein bischen wie Hase und Igel. Jedenfalls kommt Pete, der Hase, auf der Suche nach Rose, dem Igel, immer zu spät….. einmal kommt er in die Nähe des früheren Wohnortes der Pearls, er fährt dort hin und trifft auf Familienangehörige, die ihm alte Filme zeigen. Es sind Bilder einer ganz normalen Familie, die aber langsam in einen religiösen Wahn hinein gleitet, insbesondere Veronika, die Frau, mit ihren Visionen… kinderreich sind die Pearls und natürlich steht damit die Frage im Raum: wo sind die Frau und die anderen Kinder?


Ich denke, mit diesen kurzen Hinweisen zur Handlung des Romans habe ich weder gespoilt noch versäumt, Appetit auf das Buch zu machen….

… denn Montana ist absolut lesenswert, ein gutes, ein sehr gutes Buch. Flüssig, unterhaltsam, intelligent, spannend und gut lesbar geschrieben zeigt uns Henderson ein Amerika der düsteren Art. Nichts ist zu spüren von Lebensfreude, von Optimimus, von einem erwartungsvollen Blick in die Zukunft. Die Menschen, die uns Henderson präsentiert, sind vom Schicksal geschlagen, vom eigenen Unvermögen gefesselt, werden von inneren Dämonen zerstört. Einsamkeit herrscht im menschenleeren Berg- und Waldgebiet inmitten einer übermächtigen Natur mit ihrem klaustrophoben Charakter. Sie zwingt dem Menschen einen Überlebenskampf auf, wenn er in ihr bestehen will: sie selektiert, hier ist nur der überlebensfähig, der leidensfähig ist und sie annimmt. Dann bietet sie jedoch auch einen Rückzugsort, ein Versteck, ein Refugium für Wahnvorstellungen, für von Dämonen Besessene, die das Ende erwarten, die dem Wort ihres Gottes buchstabengetreu horchen und in jedem Geschehen ein Zeichen sehen für das Wirken Satans auf der Erde. Apokalypse Now.

Die Versuche, über dieses regellose Leben eine gewisse staatliche Ordnung zu zwängen und den Menschen zu helfen, wirken selbst hilflos. Der örtliche Richter ist selbst ein Freund des Alkohols; Pete, die Hauptfigur, ein Getriebener, ein Flüchtling, einer, der bei der eigenen Familie versagt hat, der mit ansehen muss, wie seine Frau und vor allem seine Tochter immer tiefer in ein Schicksal treiben, daß er nicht verhindern kann. Nein, Henderson kennt kein Mitleid mit seinen Figuren. Kurzfristig läßt er uns Leser in dem Glauben, daß Pete mit Mary eine Chance hat, aus diesem Teufelskreis herauszukommen – nur, um diesen Hoffnungschimmer dann um so kompromissloser wieder zu zerschlagen, bis ihm fast nichts mehr bleibt, bis aus die Kinder aus den Familien, die er betreut. In einer Welle des Selbstmitleids über all die Ungerechtigkeit erkennt er, daß seine Tochter schon lange verschwunden war, von ihrem Vater mit ihrer Alkoholiker-Mutter … zurückgelassen. Seine Eltern tot. Sein Bruder weg. … Diese vollkommene Einsamkeit… Wie im Traum bemerkte er, daß Katie [i.e. die Schwester Cecils] ihm den Kopf tätschelte. Die Berührung half ihm, sich zusammenzureißen. Momentan wurde er gebraucht. Das Mädchen brauchte ihn oder er sie, oder beides.

Der Autor führt uns Leser mit seiner Geschichte immer wieder auf´s Glatteis. Ich will ein Beispiel geben: der weiter vorne erwähnte Cecil wird bald von seiner Pflegefamilie (übrigens die für mich einzigen ’nomalen‘ Figuren im ganzen Roman) wieder rausgeschmissen, der Mann hat ihn bei einer ‚igitt-igitt‘-Handlung erwischt, die in der Tat etwas eklig und fragwürdig ist: man kann den Rausschmiss nachvollziehen und verstehen. Viele Seiten später klärt sich jedoch der Hintergrund, den dieses Verhalten Cecils hat, es wird dadurch nicht weniger eklig, ist aber doch nachvollziehbar geworden und zeigt deutlich, daß man sich ein Urteil erst erlauben darf, wenn man wirklich alles weiß, beide Seiten gehört hat. Nach diesem Erzählprinzip verfährt Henderson in vielen Situationen, ganz besonders, was das Schicksal der Pearls angeht, mit dem er uns über weite Passagen so richtig an der Nase herumführt.

Damit sagt Henderson im Grunde zweierlei. Zum einen, daß der erste Eindruck, das Augenscheinliche trügerisch ist und zum zweiten macht er seine Figuren damit zum Spielball des Schicksals, die zwangsläufig so handeln wie sie handeln, weil sie keine Alternative sehen, weil sie von einer fixen Idee besessen sind, weil sie traumatisiert sind…

Montana ist ein amerikanischer Roman auch in dem Sinne, daß es den guten, alten Show-Down gibt. Gegen Ende der Geschichte kulminiert die Handlung zu einer staatlich verordneten Jagd auf die Pearls, bei der auch Pete nicht ungeschoren bleibt. Jetzt erweist sich der Wald als Verbündeter, Henderson verknüpft lose Fäden zu neuem Wissen und läßt letztlich das Ende seiner Geschichte(n) offen.


Smith Henderson, so ist der Kurzbiographie zu entnehmen [3], kennt die Verhältnisse: er stammt aus Montana und war selbst Sozialarbeiter. Es ist daher zu befürchten, daß das von ihm (besonders, was die Arbeit und die Arbeitsumstände der Sozialarbeit) Beschriebene in weiten Teilen der Realität entspricht… Sisyphus hat dagegen einen wirklichen leichten Job: Idylle geht anders. Ob der Bundesstaat Montana wirklich diese dargestellte Senke ist für, sagen wir mal, Verschrobene und Verschobene, kann ich natürlich nicht sagen, was ich aber mit voller Überzeugung sagen kann, ist folgendes: Hendersons Roman Montana ist ein großes, intensives Leseerlebnis, das uns (pars pro toto) in die dunkle Seite der amerikanischen Seele führt.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Unabomber: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodore_Kaczynski
[2] vgl. diesen Kartenausschnitt von Montana. Markiert ist der seinerzeitige Standort der Hütte des Unabombers, Ortschaften, die im Roman immer wieder erwähnt werden, sind z.B. Missoula, Spokane oder auch Choteau: https://goo.gl/maps/bRnoQau7RAN2
[3] zur Verlagsseite über den Autoren: http://www.randomhouse.de/Autor/Smith-Henderson/p524469.rhd

Smith Henderson
Montana
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Walter Ahlers und Sabine Roth
Originalausgabe: Fourth of July Creek, NY, 2014
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 600 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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