Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

26. März 2014

„Vielleicht Esther“ sind Protokolle, Geschichten, Fragmente der Suche der Autorin nach den Wurzeln ihrer Familie, ihrer selbst, den Wurzeln, die sie verankern und verorten in ihrem eigenen Leben. Geboren in Kiew, damals noch UdSSR, studierte Petrowskaja in Estland, promovierte dann als Ukrainerin in Moskau und das Schicksal dachte ihr letztendlich eine Liebe in Deutschland zu, seit 1999 lebt sie in Berlin [1].

Hier läßt sie auch ihre Geschichten einsetzen, im Berliner Hauptbahnhof, dem mächtigen Bau inmitten der Einöde im Zentrum der Stadt, in dem die Ankommenden begrüßt, die Abreisenden verabschiedet werden mit dem Namen „Bombardier…“, der, selbst wenn man seine Bedeutung kennt, ungute Assoziationen weckt. Petrowskaja gehört in diesem Moment zu denen, die abreisen wollen, sie begibt sich auf die Reise in die Vergangenheit, nach Warschau, aus dem ihre Vorfahren 1915 nach Kiew geflohen sind, zumindest einige….

Petrowskaja ist ein „Stein unter Sternen„, der Name blieb der Familie, nachdem ein „Stern“ ihn im Untergrund als Kampfname angenommen hatte. Ein jüngerer Bruder dieses bolschewistischen Kämpfers war ein „Meschugger“: Judas Stern übte 1933 ein Attentat auf einen deutschen Botschaftsrat in Moskau aus. Ein „Meschugger“: es war eine jüdische Familie und entsprechend war ihr Schicksal, zerrissen, ermordet, zerstreut in alle Winde….

Über Generationen hinweg waren es Lehrer, Taubstummenlehrer, eine Tradition, die ihr Urgroßvater in Warschau begründete und die später in Russland weitergeführt wurde und in vielen anderen Ländern Europas. Dies zieht sich durch die Familiengeschichte über all die Jahrzehnte hin bis diese Tradition in der Generation der Autorin abgebrochen ist, genauso wie das Jüdische in ihnen verloren gegangen ist. Erst der Bruder Petrowskajas macht für sich diesen alten Glauben der Vorfahren wieder lebendig.

Petrowskajas Buch ist kein bibliographischer Roman, es sind Geschichten, die sich einzelnen Ereignissen, einzelnen Reisen und Erkundungen widmen. Sie stehen meist nur in lockerem Zusammenhang, es sind nicht unbedingt Puzzlesteine, die mit dem letzten Kapitel ein fertiges Bild ergeben. Mehr gleicht das Ergebnis einer Mauer, in der Löcher sind und Scharten, die nicht ausgefüllt werden konnten. Wie auch, gibt es doch von dem einen oder anderen der alten Familienangehörigen nur eine kurze Notiz (z.B. in einer jiddischen Zeitschrift, die es nirgends mehr gibt in der Welt),  in der der Name erwähnt wird.

Einige Ereignisse werden etwas ausführlicher dargestellt – vielleicht auch, weil hier mehr Material zur Verfügung stand. Dazu gehört das Lehrersein in den Taubstummenschulen, das Attentat auf den deutschen Botschaftsrat durch Judas Stern, das mit einem politischen Schauprozess bedacht wurde, dessen Ausgang vorherbestimmt war…. Das große Massaker an den Juden in Kiew, ihrer Geburtsstadt [2]… Auch der Besuch von Mauthausen und damit das Schicksal des Großvaters Wassilij, der in den Krieg zog und erst einundvierzig Jahre später wieder zu Rosa, seiner Frau heimkehrte, nimmt Raum ein im Buch.

In Mauthausen entwickelt Petrowskaja eine Art Arithmetik des Schreckens… es geht um die Vorstellungskraft, die bei der Zahl der Ermordeten versagt. Sagen uns die vierzehn Männer, die der Lagerkommandant zum vierzehnten Geburtstag seines Sohnes in den Baum hängen ließ, mehr als die -zig Tausend der anonymen Toten, die vorzustellen uns einfach überfordert? Der Schrecken der Lager ist heutzutage ihre Normalität, ihre Existenz im normalen Leben der Menschen, die es besichtigen im Radlerdress und ihm das nehmen, was es ausserhalb von Raum und Zeit stellt. Am Eingang von Oświęcim stehen kleine Läden, in denen man Silberschmuck kaufen kann, kauft Silber!, war die Devise. für die Besucher..

Die Asymmetrie.. an einer Stelle im Buch spricht Petrowskaja den Leser mit kaum verholenem Zorn an, den sie in Ironie verpackt: „…. die, die geblieben waren , wurden Babij Jar zusammengetrieben, oder wie meinen Mutter zu schreiben pflegt, in BJ, als ob alle wüssten, was BJ bedeutet, oder als ob sie diesen Ort wirklich, und ich meine wirklich , nicht beim vollen Namen nennen könnte. Und dort wurden sie erschossen. Aber das wissen Sie bestimmt, Kiew ist von her genauso weit entfernt wie Paris.“ Natürlich (!) wissen wir das nicht, Kiew liegt für uns sehr viel weiter weg als es Kilometerangaben aussagen, und zurecht ist das etwas, über das man sich echauffieren kann….

In einer anderen Passage spricht die Autorin offen aus, was mir als Eindruck schon bei dem ähnlichen Versuch de Waals [3], seine Vergangenheit aufzuklären, durch den Kopf ging: der Suchtcharakter, den diese Suche annehmen kann: „.. Ich wusste nicht mehr, warum ich sie [i.e. diverse Familienmitglieder, deren Namen sie kannte] suchte und was die ursprüngliche Frage war, meine Suche war seit langem zur Sucht geworden …. “ 

Anrührend ist das traurige Denkmal, das die Autorin ihrer Babuschka Rosa setzt. Diese schrieb in ihren letzten Lebensjahren in großer Eile ihre Memoiren, aber ihre Erblindung verlief schneller… oft beschrieb sie die Blätter zweimal, die Linien verrutschten in einander, nicht zu lesen sind diese Ausführungen, die Petrowskaja als Motiv für den Schutzumschlag zu ihrem Buch gewählt hat.

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Die Sprache ist für die Autorin von großer Wichtigkeit. Sie denkt Russisch, sie schreibt Deutsch, auf diese Sprache hat sie sich gestürzt auf Teufel komm raus. Sie analysiert Begriffe, Bedeutungen, Symbolisches, das Assoziative ist ihr eigen, die Bedeutung von Namen z.B. wichtig und manchmal zu zufällig, um zufällig zu sein, sie springt zwischen den Sprachen hin und her. Viktor, der Rabbi, den Katya vor vielen Jahren getroffen hatte und der jetzt in den USA der Rabbi ist von Mira, der alten Frau, die seinerzeit in den Death Records in Yad Vashem zu Protokoll gegeben hat und die von der Suchenden so gefunden wurde als unbekannte Familienangehörige, Viktor und Mir(a): Sieg und Frieden ….. Katya und Mira, ihr kennenlernen ein Moment, der anrührt und bewegt….

Nicht immer konnte ich die Gedankengänge nachvollziehen, aber wie lange habe ich zum Lesen des Buches gebraucht und wie lange hat die Autorin über ihr Thema nachgedacht…. So gibt es Sätze wie diesen, der aus einem Interview stammt [4]: „Die Fehler, die ich auf Deutsch mache, haben sich erst negiert, dann haben sie sich multipliziert, und jetzt habe ich ein Guthaben.“, dessen Sinn man beim Lesen nicht sofort erfasst, der aber stocken und nachdenken läßt. Was kann einem bei einem Buch besseres passieren? Das Assoziative ist ihr eigen, die Bedeutung von Namen z.B. wichtig und manchmal zu zufällig, um zufällig zu sein….

Petrowskaja ist Entwurzelte im eigenen Land, das sie vllt garnicht benennen kann, zu viel Zeitläufte haben alles durcheinander gewirbelt. Ist sie Russin, in dieser Sprache denkt sie, gehört sie zur Ukraine, in diesem Staat steht jetzt ihr Geburtshaus, wohnen ihre Eltern, wohnen Freunde, Verwandte. So ist sie nach Deutschland gekommen, hier mit dem eindeutigen Status einer Fremden. Wundert es, wenn so ein Mensch zumindest seine familiären Wurzeln sucht, um an denen Halt zu finden? Diese Wurzeln zu suchen bedeutet auch, diese Menschen dem Vergessen zu entreißen, ihnen eine spätes Denkmal zu setzen, sie zu ehren mit all ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Tapferkeit, ihres Menschseins.

Manches vom Geschilderten steht unter einem Vorbehalt des „möglicherweise“, des „vielleicht“, so wie es der Titel andeutet.. vielleicht hieß sie Esther, angeredet wurde sie jedenfalls mit Babuschka oder Mutter (hier verwendet Petrowskaja parallel einen russischen und einen deutschen Begriff), so erinnert sich der Vater und er glaubt, sie hätte Esther geheißen. Schwer gehbehindert war die alte Frau und der Hauswart übersah sie geflissentlich bei der Kontrolle, ob auch alle Juden, d.h. sämtliche dem Befehl, sich an einer bestimmten Ort in der Stadt einzufinden, nachkamen. Doch sie wollte nicht übersehen werden und arbeitete sich auf die Straße und fragte dort die Offiziere (sie hatte eine gute Meinung von den Deutschen) nach dem Weg und diese erschossen sie, vielleicht sogar, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen ….

Ist der Ablauf dieses letzten Tages im Leben von „vielleicht Esther“ deswegen falsch und erfunden, nur weil ihn keiner so bezeugen kann und er in der Vorstellung der Autorin so abgelaufen ist? „Katja Petrowskaja hat dazu eine klare Antwort: „Ich habe nichts erdichtet.“ Was sich im Buch ereigne, sagt sie, habe sich tatsächlich ereignet.“ [4]. Wo die Realität nicht bekannt ist, muss (und kann) die Plausibilität sie ersetzen…

„Vielleicht Esther“ ist kein einfaches Buch [5], es fordert Aufmerksamkeit, auch die Bereitschaft, eingefahrene Denkwege zu ver- und sich auf die der Autorin einzulassen. Aber das ist ein lohnendes Unterfangen, auch wenn das Ende der Geschichten Petrowskajas offen, die Suche keineswegs abgeschlossen ist (das Buch „ist nicht fertig.“), ist es an vielen dunklen Stellen so hell geworden, daß sowohl Menschen als auch die Zeiten, in denen sie lebten wieder sichtbar geworden sind.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin gibt es, seit sie mit Verleihung des Bachmann-Preises [5] geehrt wurde, schier unzählige Seiten im Netz, deswegen hier jetzt nur der grobe Überblick aus der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Katja_Petrowskaja
[2] Katja Petowskaja: Spaziergang in Babij Jar, FAZ 29.09.2011; http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-jahrestag-des-massakers-spaziergang-in-babij-jar-11369154.html (Dieser Artikel von Petrowskaja kann auch als Leseprobe für das Buch genommen werden…)
– die Bildersuche zu „Babij Jar“ ergibt eine Vielzahl von erschütternden Treffern…
[3] Ein Buch mit einem ähnlichen Thema ist Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen„, https://radiergummi.wordpress.com/2014/01/05/edmund-de-waal-der-hase-mit-den-bernsteinaugen/
[4] Jens Mühling: Lieber ganz fremd als halb – Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja, in: http://www.tagesspiegel.de/kultur/ukraine-die-schriftstellerin-katja-petrowskaja-lieber-ganz-fremd-als-halb/9590042.html
[5] Wie die Juroren des Bachmann-Preises, den Katja Petrowskaja 2013 für ihr Buch zugesprochen bekam, darauf kamen, es als „..locker und leicht gewebt“ anzusehen, kann ich jetzt nicht nachvollziehen…. http://bachmannpreis.eu/de/news/4548
[6] … und ein Danke an sätzeschätze, die mir den Hinweis gab, ein sehr lesenswerter Bericht von Petrowskajas Buch: http://www.intellectures.de/2014/03/10/ein-funkelnder-textkristall/

Katja Petrowskaja
Vielleicht Esther
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, 287 S., Berlin 2014

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7 Responses to “Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther”

  1. caterina Says:

    Eines der Bücher, auf das ich mich in diesem Frühjahr am meisten freue! Eine kurze Anmerkung zu deiner Irritation, was das Juryurteil beim Klagenfurter Wettlesen betrifft: Ich teiledie Einschätzung der Jury durchaus, auch ich schrieb; damals was Ähnliches („Bewegend, ohne pathetisch zu sein, klug und verblüffend leicht trotz des schweren Themas“). Du musst bedenken, dass es sich bei dem Siegertext nur um einen kurzen Ausschnitt des Romans handelt, der möglicherweise nicht das Ganze in all seinen Facetten spiegelt, was sicher auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass die Beiträge beim Bachmannpreis vorgelesen werden, man also vielleicht bewusst ‚zugänglichere‘ Texte wählt. Das, was Katja Petrowskaja in Klagenfort gelesen hat, war sicher nicht heiter, aber eben doch „leicht gewebt“, nicht von einer erdrückenden Schwere und schon gar nicht unzugänglich. Im Übrigen verstehe ich „locker und leicht gewebt“ schon auch als Hinweis auf dieses assoziative Schreiben, das nicht stringentes Erzählen, das Verweben von Gedanken, Erinnerungen, Fakten, Legenden… Daraus entsteht keine kohärente Geschichte, sondern ein Teppich mit einem undurchdringlichen Muster, mit losen Fäden, mit Löchern und ausgefransten Enden. Aber wundersamerweise kein Teppich, in dem sich der Zuhörer verfängt – das scheint mir der Unterschied zum Roman zu sein.

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    • caterina Says:

      Ach verdammt, da hab ich die spitze Klammer vom Link nicht richtig zugemacht. Du darfst das gerne ändern. ;)

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    • flattersatz Says:

      liebe caterina, herzlichen dank für deinen ausführlichen kommentar! ja, was du schreibst, und du kennst dich ja da aus, klingt vernünftig. wobei es mich erstaunt- zumindest lese ich das bei dir heraus – daß die jury die bücher garnicht in toto kennt, sondern nur die vorgetragenen passagen. was den gesamteindruck angeht, gebe ich dir aber recht, das buch erschlägt den leser nicht, durch die vielen abschnitte, in denen ja meist auch eine neue episode beginnt, hat er eine gewissen leichtigkeit, man „frisst“
      sich nicht an einem schicksal fest…

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      • caterina Says:

        Ja, so ist es, beim Bachmannpreis geht es um die eingereichten und somit auch vorgelesenen Beiträge, nicht um das, was es da möglicherweise noch drumherum gibt. Nicht alle sind ja Romanausschnitte, nur bei Petrowskaja ist es eben zufällig der Fall, bei einigen anderen auch, während manche Texte für sich stehen.

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  2. […] stellt auf seinem Blog Wortspiele den Roman Jojo von Steinunn Sigurðardóttir vor, während aus.gelesen mir Esther auf die Wunschliste […]

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