Anna Kim: Anatomie einer Nacht

23. Juli 2017

… der Aufenthalt auf dem Mond im Lande des Tages erscheint so angenehm, daß jene, die hoffen können, unverzüglich dorthin zu gelangen, kaum den Tod zu fürchten haben. So ist der Selbstmord eine Versuchung, zu der der Mondgeist ermutigt. Dort oben werden die Auserwählten bei fortgesetzten Jagden und Spielen leben, ohne je Kälte und Hunger zu verspüren und werden auf eine Wiedergeburt warten, um die der Mond sich ebenfalls sorgen wird. …. [3]


Dieses Textzitat soll die ungeheuerliche Tragödie, die Anna Kim in ihrem Buch Anatomie einer Nacht romanhaft aufgearbeitet hat, nicht verharmlosen, sondern vor Augen fähren, daß der Suizid (leider wird auch im Buch immer von Selbstmord gesprochen, ein Ausdruck, der einen völlig falschen Zungenschlag auf den Sachverhalt wirft) bei den Inuit in einem anderen kulturellen Kontext steht als bei uns. Auch die Autorin Anna Kim hält (wenngleich in anderem Zusammenhang) dieses Faktum an einer Stelle ihres Textes fest (dem Sinne nach: „… daß die Kultur der Inuit den Selbstmord nicht verurteilt …“[S.283]). Es wäre sicherlich eine interessante Diskussion, welche Auswirkung eine solche Einstellung zur Selbsttötung auf eine Gesellschaft hat.

Anna Kim, deren wunderbare Geschichte aus einem fernen Land [2], nach dessen endgültiger Teilung neben ihrem Geburtsland ein so skurril wirkender Staat wie Nordkorea entstand, mir so gut gefiel, hat schon 2012 mit Anatomie einer Nacht einen äußerst bemerkenswerten Roman verfasst, der aus dem Üblichen herausfällt. Es liegt ihm eine Tragödie zugrunde: 2008 hatten sich in einer Stadt im Osten Grönlands, in Tasiilaq, in einer Nacht fünfzehn Jugendliche versucht, zu suizidieren, davon starben elf [4]. Dieses Ereignis ist jedoch nur ein trauriger Tiefpunkt der Tatsache, daß die allgemeine Suizidrate auf Grönland extrem hoch liegt. Einer Studie aus den Jahren 2005 bis 2007 beispielsweise hat u.a. ergeben, daß „… 25 Prozent der jungen Frauen und 17 Prozent der jungen Männer … bereits einen Suizidversuch unternommen [hätten]“ [5].

Anatomie einer Nacht versucht an Hand dieser einen Nacht, Gründe oder Ursachen für dieses Phänomen zu finden. Dazu hat Kim vor Ort recherchiert, auch einige Zeit dort bei einer Inuitfamilie gelebt [6]. Herausgekommen ist ein schwieriges Buch, in dem sich letztlich die Geschichte und Unterdrückung eines Volkes durch ‚Eroberer‘ widerspiegelt, deren Einfluss die alte Kultur zurückgedrängt und in großen Teilen zerstört hat. Die elf individuellen Schicksale, die Kim uns, dem Verlauf dieser Nacht folgend, schildert, sind voll von Toten, von Suiziden, von Alkohol, von Entwurzelung, von Missbrauch und von Mord. Die Inuit sind des Schreibens und Lesens meist nur eingeschränkt fähig, übermäßiger Alkoholgenuss bis zum Eintritt der Gesichtslähmung betäubt sie und entführt sie eine Zeit lang aus dem Elend ihrer Existenz, die hart am Rand des Minimums verläuft, ein großer Teil ihrer sowieso schon geringen Einkünfte werden für Alkohol ausgegeben. Die dänische Oberschicht schaut herab auf sie, nutzt ihre Überlegenheit aus, Missbrauch ist nicht selten, führt hin und wieder zu unerwünschten Schwangerschaften. Manchmal werden Inuitkinder adoptiert, dann beschleicht einen das Gefühl, sie seien eher so etwas wie Haustiere denn Spielkameraden für die dänischen Kinder oder Inuit gelangen über Eheschließungen auf´s Festland nach Dänemark und sind dort als Grönländer Menschen zweiter Klasse. Zwar mögen sie sich an die Kultur und die Lebensbedingungen in Dänemark gewöhnen, aber für die Dänen sind und bleiben sie Grönländer und für die Grönländer werden sie zu Abtrünnigen.

Es ist die Geschichte der Zerstörung einer Kultur, die alten Legenden haben ihre Kraft verloren, die Schamanen sind nicht mehr zuständig für die Seelen der Menschen, für die jetzt der Pfarrer so sorgen hat. Und parallel dazu sind die ehemaligen Lebensgrundlagen geschwunden, zwangsweise eingetauscht gegen Errungenschaften europäischer Zivilisation. Männer, die früher ihr Selbstbewusstsein aus der Jagd schöpften, sind entmutigt, deprimiert: die Jagd wird immer schwieriger, die Tiere weniger… aber das Gewehr ist noch da… die Existenz zieht wie Ballast am Leben, sie unterdrückt jegliche Lebensfreude, dazu kommen die äußeren Umstände auf Grönland: die Schwärze der Nacht, die undurchdringliche Dunkelheit, die sämtliche Grenzen verwischt und auflöst und die zusammen mit der schreienden Stille den Eindruck erweckt, aufgesogen zu werden in eine alles verschlingende Unendlichkeit.

Mildernde Umstände…. in dieser Passage [S. 283ff] hat Kim eine Art Resümee der sozialen Umstände des Lebens der Inuit und der sich daraus ergebenden Epidemie … als sich ganze Wohnblocks solcherart zu leeren begannen, gegeben und der Unfähigkeit der Dänen, zu erkennen, daß das Leben dieser Menschen eben nicht nach den Gesetzen eines europäischen Lebens verläuft: Warum, fragten sie, nehmen sich diese Menschen das Leben, sie haben doch alles, was man braucht, haben ein Zuhause und Geld für Nahrung, wir geben ihnen doch alles …. sie verstanden nicht, dass all das Geld, das von Dänemark nach Grönland floss, keine milde Gabe war, sondern die Bezahlung für eine Selbstaufgabe, die in diesem Ausmaß unbezahlbar war. 

Was Kim uns erzählt, sind meist keine Bilanzsuizide oder Suizide aus einem Affekt heraus. Fast scheinen die Tode wie das natürliche und logische Ende, das eigentlich gar nicht anders sein kann, weil das ganze Leben darauf hinausgelaufen ist und jetzt, in dieser Augustnacht ist es eben genau der Zeitpunkt zum Sterben gekommen oder durch einen Auslöser angetriggert worden. …die Frau verläßt das Waschhaus, bevor die Wäsche fertig ist, küsst zu Hause das Kind noch einmal, legt sich für Minuten zu ihm ins Bett, holt dann einen Gürtel und hängt sich auf… als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, daß dies jetzt so sein müsse… ein anderes Mal vermutet man eine genetische Fixierung, schon mit neun Jahren hatte … Iven das erste Mal versucht, sich umzubringen, doch er hielt nicht lange genug im kalten Wasser aus, … Mit vierzehn Jahren hatte er es das zweite Mal probiert, doch er schoss daneben, … mit sechzehn wurde er unterbrochen, als er versuchte, sich zu aufhängen: Sein Vater kam ihm zuvor. Am Tag nach seiner Hochzeit erhängte sich sein ältester Bruder, und eine Woche, ehe sich dieser tötete, brachte sich sein Onkel um. 

So ist Anatomie einer Nacht in mehrerlei Hinsicht ein schwieriges Buch: zum einen des Inhalts wegen zum anderen der Art und Weise wegen, in der Kim in darbietet. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern wechselt immer wieder (auch unvermittelt und plötzlich) die Zeitebenen der Gegenwart und verschieden lang zurückliegender Vergangenheiten. Erkenntlich oft erst nach ein paar Zeilen, wenn man sich wundert, wo der Zusammenhang ist. Leichter wird es, wenn man im Gedächtnis behält, daß die Schilderung aktueller Vorgänge im Präsenz , die vergangener Ereignisse dagegen im Imperfekt beschrieben sind. In gleicher Weise wechselt Kim oftmals zwischen den einzelnen Personen, deren Schicksal sich im Lauf der Darstellung teilweise als miteinander verzahnt erweist, ohne daß darin jedoch ursächliche Zusammenhänge erkennbar sind. Schwierig auch die Passagen zu verstehen, in denen Kim den nahezu mystischen Einfluss der Natur, deren Farben sich vorwiegend zwischen Weiß und Schwarz bewegt, die so blumen- und blütenfeindlich ist, daß man sich auf alle Viere begeben muss, um Blumen, die am Boden kriechend leben, überhaupt zu erkennen. Die Dunkelheit, das Schweigen, die Stille, die Schwärze: das Nichts, das sich darin zu materialisieren scheint, herrscht über die Gemüter.

Anatomie einer Nacht: ein schwieriger, anstrengender, deprimierender Roman, aber auch eine tiefgründige,  einfühlsame Analyse eines Volkes, das von einer fremden Kultur beherrscht seinen materiellen und geistigen Halt verloren hat und sich dem Ausweg hingibt, den die alte Lebensweise ihm von alters her offengehalten hat. Die lebensfeindliche Natur mit ihrer alles verschlingenden stillkalten Schwärze tut ein übriges dazu.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2]  Anna Kim: Die grosse Heimkehr (Besprechung hier im Blog)
[3] zitiert aus: E. Lot-Falck: Die Mythologie der Eskimos, in: Mythen der Völker 3 (Hrsg: Pierre Grimal), Fischer TB, 1977; Zitat: S. 303
[4] vgl. z.B. hier:  http://diepresse.com/home/…groenlaendischem-Dorf
[5] vgl. z.B. hier: http://www.rp-online.de/…groenland-aid-1.2022858
[6] http://www.deutschlandfunkkultur.de/…article_id=224422

Anna Kim
Anatomie einer Nacht
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 300 S., 2012

 

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2 Responses to “Anna Kim: Anatomie einer Nacht”


  1. Welch ein spannendes Thema – Grönland und Suizid. Ich habe kürzlich auch Anna Kims „Die große Heimkehr“ gelesen und war begeistert. (Besprechung folgt). Die Anatomie der Nacht merke ich mir …
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      ja, liebe marina, das thema ist hochinteressant. aber anna kim macht es einem nicht leicht, ich war zeitweise kurz davor, das buch wieder beiseite zu legen, da ich phasenweise nicht mehr nachverfolgen konnte, was sie überhaupt sagen will. aber gottseidank bin ich dabei geblieben, in der zweiten buchhälfte konnte ich deutlich besser mit ihrem stil umgehen.
      dir auch liebe grüße

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