Erni Kutter: Schwester Tod

11. Januar 2017

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

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2 Responses to “Erni Kutter: Schwester Tod”

  1. kat+susann Says:

    Das lese ich gerade, war ein Geschenk von meiner lieben S. ja, dieses Buch ist klasse! Kat.

    Gefällt 1 Person


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