Edmund de Waal: Die weiße Straße

8. Januar 2017

So geschah es, dass ein Töpfer schrieb.

Edmund de Waal [1] hat mit seiner Familiengeschichte Der Hase mit den Bernsteinaugen [4] vor wenigen Jahren ein wunderbares und zu Recht sehr erfolgreiches Buch über seine Suche nach den Wurzeln der Familie, aus der er stammt, geschrieben. Leittier dieser Suche war nämlicher Hase, ein Netsuke, einer aus einer Sammlung von 264 Figuren, die das Einzige war, was vom Werk vieler Generationen der jüdischen Familie Ephrussi nach dem Krieg geblieben ist. Mit der gleichen Intensität und Tiefe hat sich de Waal (er war während dieser Suche wohl nach am Verfassen des Manuskripts vom ‚Hasen…‘) ebenfalls einem anderen Thema gewidmet, dem Stoff, der sein Leben bestimmt, seiner Obsession, wie er selbst schreibt, dem Porzellan. Steht beim Hasen… also die Familiengeschichte im Zentrum, ist es bei Die weiße Straße die Erforschung der eigenen Leidenschaft.

Ich bin Töpfer, sage ich, wenn man mich fragt, was ich mache. …
es ist Porzellan – weiße Gefäße – die ich als mein eigenes reklamiere ….

a short history of china trade, 2016 Bildquelle [B]

a short history of china trade, 2016
Bildquelle [B]

Denn von Beruf her ist de Waal keineswegs Schriftsteller, sondern ‚Töpfer‘, ein Bezeichnung, die für mich einen falschen Zungenschlag hat, denn was de Waal, Professor für Keramik, schafft, hat nichts mit dem zu tun, was ich mir unter ‚Töpferei‘ vorstellen: braune, ggf. bunt glasierte Töpfe, Teller, Schüsseln, Krüge. Ich empfehle sehr, sich die Homepage de Waals, auf der Bilder seiner diversen Ausstellungen zu sehen sind, anzuschauen, einige dieser Ausstellungen spricht er auch im Buch an [1], der nebenstehende Screenshot gibt einen Eindruck von seiner Kunst der Töpferei.


Wir Heutigen sind von Porzellan umgeben, sei es nun das Geschirr, von dem wir essen, das stille Örtchen, das wir besuchen, die künstlichen Zähne, mit denen wir kauen oder auch Figürchen und Teller, die im Regal als Erinnerungsstücke stehen: Porzellan ist allgegenwärtig für uns, die Hype, die in vergangenen Jahrhunderten um dieses Material gemacht worden ist, ist uns kaum noch verständlich.

Was aber ist das besondere an Porzellan? Man muss dies zum Lesen des Buches nicht unbedingt wissen, aber als Hintergrund erleichtert es doch das Verständnis. Prinzipiell zählt Porzellan zu den keramischen Massen so wie Irdengut, Steingut oder Steinzeug bzw. auch die keramischen Sondermassen, die in der Technik Anwendung finden. All diese Materialien bestehen aus Tonen, Feldspaten und Quarz in verschiedenen Mischungsverhältnissen. Die Unterscheidungen zwischen einzelnen Keramikarten sind daher auch nicht streng, sondern überlappen.

Der besondere Ton, der zur Herstellung von Porzellan verwendet wird, wurde zum ersten Mal in China abgebaut und zwar am Berg Kao-ling, der ihm auch seinen Namen gab: Kaolin. Kaolin ist ein Verwitterungsprodukt, ein feines, weißes, eisenfreies Gestein mit hohem Schmelzpunkt, es wird durch Aufschlämmen gereinigt. Der klassische Kaolin besteht aus 40% Tonerde (i.e. Aluminiumoxid), 46% Quarz und 14% Wasser, er ist weiß bis weißgrau, oder wie de Waal eine der von ihm verwendeten Porzellanerden beschreibt, in der Farbe fettiger Vollmilch, grünlich angehaucht wie von Schimmel. [2]. Der zweite Bestandteil der Porzellanmasse ist Feldspat, Petuntse, wie er in China heißt, er wird ebenfalls durch Schlämmen gereinigt. Gebrannt ist Porzellan immer weiß, wobei wir durch de Waal lernen, daß es unendlich viele ‚Weiß‘ zu geben scheint…..

System Kaolin/Feldspat/Quarz in Abhängigkeit von der Temperatur Bildquelle [B]

System Kaolin/Feldspat/Quarz in Abhängigkeit von der Temperatur
Bildquelle [B]

Die Besonderheit des Porzellans liegt darin, daß, wie man schön an diesem Diagramm sehen kann, nach dem Brennen, das bei sehr hoher Temperatur erfolgt, ein großer Teil des Materials verglast ist, im Gegensatz zu anderer Keramik, bei der das Material beim Brennvorgang kristallisiert. Ab ca. 600 °C verliert das Werkstück ferner merklich an Volumen (’schwindet‘), da die freien Poren verschwinden. Porzellan ist daher wasserundurchlässig, klingt hell beim Anschlagen, ist es dünn genug, wird es (halb)transparent. Es ist beständig gegen Temperaturwechsel, Säuren (ausgenommen Flusssäure) und Laugen, ferner ist es ein guter Isolator. Da das verwendete Kaolin kein Eisen enthält, ist Porzellan weiß – in verschiedenen Schattierungen. Für de Waal, um wieder auf das Buch zu kommen, ist dies ein wichtiger Punkt, denn ‚Weiß‘ ist für ihn als Projektionsfläche wichtige Eigenschaft des Porzellans.

Die besonderen Eigenschaften der Porzellanmasse und die hohe Temperatur, bei der Porzellan gebrannt wird, machen den Brennvorgang technisch/handwerklich anspruchsvoll, in früheren Zeiten war es nicht selbstverständlich, solche Temperaturen von über 1300° C überhaupt zu erreichen, man brauchte gute Brennmaterialien. de Waal schildert in seinem Abschnitt über englisches Porzellan, wie problematisch dieser Punkt an den feuchten, diesigen Küsten Englands seinerzeit war. Aber selbst, wenn die Temperatur beim Brennen hoch genug war, konnte noch viel passieren, die Stätten, an denen Porzellan hergestellt wurde, wurden wurden im Lauf vieler Jahre buchstäblich von Scherben eingekreist…

Dem Töpfern wohnt es Mythisches inne. Nicht ohne Grund wird der Mensch in vielen Schöpfungsmythen vom Schöpfergott aus Ton geformt, und ihm wird Leben eingehaucht. Auch der Töpfer nimmt den Ton, formt ihn und gibt ihm zwar kein Leben, aber transmutiert ihn im Brennprozess zu etwas anderen, dauerhaften, stabilen, oder am Beispiel des Porzellans, zu etwas Wertvollem. Zu etwas Weißem.

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Dieses Buch beschreibt eine Art Wallfahrt zu den Anfängen, eine Chance, den Berg zu besteigen, von dem die weiße Erde kommt. … Ich habe vor, drei Orte aufzusuchen, wo das Porzellan erfunden oder wiedererfunden wurde, drei weiße Berg in China und Deutschland und England. Jeder von ihnen ist mir wichtig. … Ich muss an diese Orte fahren, muss sehen, wie Porzellan unter anderen Himmel aussieht, wie Weiß sich mit dem Wetter verändert. … Diese Reise ist eine Schuldabstattung an diejenigen, die früher waren.

ich muss… ich muss…. Schon diese frühen Zeilen des Buches über das Motiv de Waals lassen ahnen, daß dieser Mann sich wieder auf eine Expedition begibt, die ihn an Grenzen führen wird, so wie es schon seine Suche nach den Wurzeln seiner Herkunft getan hat [4].

Was definiert dich?

Porzellanmachen ist für de Waal ein kontemplativer Akt, wenn man aus Ton etwas herstellt, existiert man im Augenblick. … Ich bin in diesem Augenblick und anderswo. Ganz und gar anderswo. Denn Porzellanmasse ist zugleich Gegenwart und historisches Präsenz. … und während ich den Krug anfertige, bin ich in China. So entpuppt sich auch diese Weiße Straße als eine Weg, der de Waal zu seinen Wurzeln führen soll, zu seiner Verankerung als Töpfer, der in einer vielhundertjährigen Tradition steht, die so viel mehr bedeutet, als einfach nur Gefäße machen. Porzellan ist einer alchemistischen Wandlung unterworfen, einer Wiedergeburt. … Es [hier: die Porzellanmasse] fühlt sich weiß an. Damit meine ich, es  ist voller Antizipation., voller Möglichkeiten. Es ist ein Material, das jede Denkbewegung, jeden Wechsel der Gedanken aufzeichnet. ‚Weiß‘ nicht als Farbe, sondern als Gefühl, als Versprechen, als Verheißung, aber auch als Verlockung…

Ich war siebzehn, als ich zum ersten Mal Porzellanerde in die Hände bekam.

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Von Marco Polo heißt es, er habe den ersten Gegenstand aus Porzellan mitgebracht, aus China nach Europa. Es ist auch die nachfolgenden Jahrhunderte selten in Europa, es ist teuer, wertvoll und niemand weiß, wie es gemacht wird. Die Herstellung beginnt, wie ich mir habe sagen lassen, mit dem Sammeln einer bestimmten Erde, die wie Erz gefördert und aufgehäuft wird. So bleibt sie liegen, 30 oder 40 Jahre, Wind, Sonne und Regen ausgesetzt. In dieser Zeit verfeinert sich die Erde, bis sie zur Verarbeitung taugt. So beschreibt es Marco Polo in seinen Reiseberichten [4b]. Viel mehr sollte man über Jahrhunderte hinweg auch nicht erfahren. Erst die Briefe, die der Jesuitenpater Père d’Entrecolles aus China schreibt [3], geben weitergehende Auskünfte…. de Waal reist auf den Spuren dieses Paters nach Jingdezhen, einer Stadt, ca. 250 km südwestlich von Shanghai gelegen. Eine Stadt, förmlich auf Porzellan erbaut, Berge von Scherben, zum Fluss hin eine meterhohe Böschung aus Porzellanscherben.

Ich bin lächerlich glücklich, innen in meinem weißen Berg gewesen zu sein. 

Eine mythische Vereinigung, eine Art alchemistischer Hochzeit, de Waal und sein erster weißer Berg: Die Öffnung ist gerade breit genug, um hineinzuklettern, … Ich schlüpfe hinein, halte inne, … fahre mit der Hand über die Oberflächen. Sie schimmern feucht. Die Wände sind große, weiße, grün gestreifte Schnittwunden. … unten liegt saubereres, weißes Geröll. … Das ist es. Kaolin, mein Ursprung.

Porzellan an jeder Ecke, in jedem Hof in der Stadt. Alles ist Staub. Auf den Märkten sechshundert Jahre alte Stücke, letzte Woche hergestellt. Auch dies eine Kunst, die Kunst der Nachahmung, sie ist hochentwickelt. Jeder Brennvorgang ein Schritt ins Ungewisse, jeder Fehler bei der Herstellung rächt sich im Feuer, produziert Scherben anstatt Geschirr. Unsägliche Arbeitsbedingungen, Porzellanherstellung ist Ausbeutung.

Der kaiserliche Hof verlangte unendliche Mengen an Porzellan, Tausende, -zigtausende Stück an Tellern, Bechern, Gegenständen. Die Winter waren eiskalt, so daß man nicht arbeiten konnte, weil der Ton nicht trocknen konnte… 26350 Schalen mit Drachen in Blau, 30500 Teller im selben Muster, 6900 Becher, innen weiß und außen blau etc pp…. eine Bestellung des Hofes von 1554. Jahrhunderte später sollte sich alles geändert haben. 1911 sehen sich die Töpfer in Jingdezhen nicht mehr in der Lage, die Bestellung des Kaisers Puyi zu erfüllen, sie teilen es ihm mit und schicken ihm anderes. Damit enden tausend Jahre kaiserliches Porzellan.

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Die zweite Station: Dresden. Aber vorher noch Versailles, damals europäisches Machtzentrum, das dem Kaiserhof in China entsprach – zumindest vom Anspruch her. China war interessant für europäische Intellektuelle, Leibniz zum Beispiel, beschäftigte sich sehr mit dem Land. Über die Jesuiten hatte man ein Standbein in China, man konnte den Kaiser mit Genauigkeit beeindrucken, Genauigkeit war gefragt, um Sonnen-und andere Finsternisse vorhersagen zu können. Und da man den Kaiser auch von einer Krankheit befreien konnte, erteilte dieser 1692 ein Toleranzedikt. Wenige Jahre zuvor hielt sich ein junger deutscher, genauer: sächsischer Adliger in Versaille auf, der später einmal als August der Starke herrschen sollte. August verstand sich schon damals, in jungen Jahren, aufs Geldausgeben. Porzellan zu besitzen wurde Zeichen der Macht und des Geldes, nur herstellen konnte man es nicht. Colbert, der geniale Finanzminister Ludwigs, war das egal, dann wurde es eben nachgemacht, contre façon. Dieses Steinzeug war nicht schlecht, aber es war kein Porzellan…

August, jetzt König und Kurfürst und.. und.. und… wurde von der Porzellankrankheit befallen. Es kamen mehrere Faktoren zusammen: mit August ein Herrscher, der maßlos war, mit Böttger ein kleiner betrügerischer Apotheker und Alchimist mit Intuition sowie mit Tschirnhaus ein systematisch arbeitender Wissenschaftler. Aber all das hätte nichts genutzt, hätte es nicht in Sachsen einen weißen Berg gegeben, de Waals zweiten weißen Berg.

Sicherheitshalber war Böttger von August festgesetzt worden: da er in einem ‚gelungenen‘ Experiment unter Zeugen Gold hergestellt hatte, wollte jeder ihn haben. Natürlich war das Experiment nicht reproduzierbar, aber es gelang ihm und Tschirnhaus, August auf Porzellan umzupolen, eigenes Porzellan, nicht die blau-weiße Ware aus China oder Kakiemon aus Japan, für die er Geld haufenweise ausgab…

Im Goldhaus zu Dresden in Sachsen, einem Land mit langer Bergbautradition, mit Archiven und Aufzeichnungen, war Tschirnhaus, der Mathematiker, der Mann der Brennspiegel, auf dem Weg zum Porzellan. Und wieder spürt man bei de Waal diese Aufseufzen um Weg, den es für ihn nachzuvollziehen gilt: Wenn Tschirnhaus hier ist, dann muss ich Zeit mit Alchimisten verbringen. Wie schwierig kann das sein? Die Antwort lautet: sehr. Ich schenke ihnen grimmige Konzentration. Ich muss.

In diesen Stunden vor dem Morgengrauen wirbeln meine Sorgen herum –
Geld, ein neues Studio, die Ausstellung, für die ich nichts tue -,
bis sie sich im Innersten niederlassen. 

Vase aus Bötterporzellan Bildquelle [B]

Vase aus Böttgersteinzeug
Bildquelle [B]

Tschirnhaus probiert systematisch Materialien aus, bereist Manufakuren in Europa, um sich umzusehen. Ein Jahrzehnt seines Lebens hat er dafür aufgewendet…. Wieder kein Erfolg. August wird wütend, läßt Böttger in ein geheimes Labor nach Meissen bringen. Meißen ist die Hölle. … Das Licht ist fahl. … Sie sind begraben. Sie können kaum atmen. Von Schlaf keine Rede mehr. … es gibt keine Luft. Böttger fängt an, wirr zu reden, seine Leute machen sich Sorgen. Aber er hat das Gefühl, an einer Schwelle zu stehen. Ende Mai 1706 öffnen Tschirnhaus und Böttger den Brennofen und sie finden etwas, was sie vorweisen können. Es ist kein weißes Porzellan, aber etwas Ausserordentliches, ein rotes Material, das poliert wie Jaspis glänzt: Jaspis-Porzellan (oder auch Böttgersteinzeug).

… und milchweiß wie eine Narzisse.

Es ist zwanzig Jahre her, seit Tschirnhaus seine Versuche begann, einen Scherben aus einem reinen weißen, lichtdurchlässigen Ton zu erzielen. Es ist acht Jahr her, seit ein junger, verängstiger Apothekerlehrling nach Dresden gebracht wurde. Sieben Jahre, seit die beiden aufeinandertrafen. Es ist siebenhundert Jahre her, seit das Porzellan erstmals nach Europa kam.

Es ist der 15. Januar 1708. Scherben No 5 war von den drei Scherben ‚album und pellucidatum‘ der Beste. Ein gutes Vierteljahr später unterschreibt August ein Dekret zur Gründung einer Porzellanfabrik in Dresden, im Oktober des Jahres stirbt Tschirnhaus, nur zwei Tage, nachdem der erste durchscheinende Becher aus dem Ofen geholt wurde.

Mein Kaffeekonsum nimmt wieder zu. … Meine Hand zittert, bloß ein klein wenig.

Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss so vieles noch einmal ansehen.
Ich muss die Farbe der Seladonwaren neuerlich überprüfen,
die August für das Japanische Palais in Auftrag gab,
…. ich streife vor und zurück

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1719 bricht in Knabe zu einem langen Fußweg von Devon nach London auf, ein Weg über 207 Meilen, eine Woche mühsames Dahinstapfen zu einer Lehrstelle, in der er für sechs Jahre lang in Chemie ausgebildet werden soll. William Cockworthy wird nach dieser Zeit Apotheker sein so wie auch Böttgers Porzellan letztlich in einer Apotheke seinen Anfang nahm. Apotheker und Quäker.

Meine Notizen und Mappen sind ein einziges Durcheinander, die Notizen aus China sind irgendwie zwischen die aus Meißen geraten, darüber Tschirnhaus, und jetzt die gesammelten Werke von Defoe und die Briefe von Samuel Smiles. … Gott helfe mir, denke ich, während ich meinen Schreibtisch betrachte. Ich bin die Jesuiten losgeworden und jetzt habe ich die Quäker am Hals.

William geht nach sechs Jahren in London nach Plymouth, deren Wetter sich durch drei Stufen definiert: ‚einiges an Regen‘, ‚eine erkleckliche Menge an Regen‘ und ‚andauernder und heftiger Regen‘. Er durchstreift das Land, um Kundschaft zu gewinnen. Durchstreift das Land, sieht es, durchwühlt von Minen, ein Alchimistenland und der Traum eines Mineralogen. Ein ungehobener Schatz, wo man in Sachsen seit Jahrhunderten Karten hat und Erzproben verwahrt…. Eine Landschaft auf Spekulation.

Lag in Dresden das Problem des Porzellans eher darin, das richtige Ausgangsmaterial, das Kaolin, zu finden, war in England schnell bekannt, wonach man suchen musste. Im Heimatland des Autoren zeigten sich die Probleme eher in der Technologie.

Auch hier der Zufall – und wieder die Jesuiten, die fleißigen Berichterstatter und Briefschreiber aus fernen Landen. Ein gewisser Pater Du Halde bindet siebzehn dieser Briefe zu prachtvollen Bänden, sie gelangen in die Hände Williams. Das Kapitel Vom Porzellan oder der China-Ware im zweiten Band sollte dessen Leben ändern, denn hier steht es schwarz auf weiß, von Père d’Entrecolles vor zwanzig Jahren niedergeschrieben: Porzellan … bestehe aus zwei Arten von Gestein, die zermahlen und vermischt und dann bei ausreichender Hitze gebrannt werden müssen. Das eine ist Kaolin, das andere Petuntse. Das Arkanum ist aufgelöst. Für William, aber auch ein anderer junger Mann notiert sich etwas in sein Buch: ein gewisser Josiah Wedgwood, ein 15jähriger Bursche, der in der Töpferei seines Vater arbeitet.

Viele suchen nach dem Stein, William, dessen geliebte Frau unterdessen gestorben war, findet ihn am Tregonning Hill; dieser Hügel in Cornwall wird de Waals dritter weißer Berg. Der Versuch, Porzellan herzustellen, wird seine [i.e. William Cockworthys] Obsession, eine Art Erschöpfung in Weiß. Es ist eine Möglichkeit, sich der Welt zuzuwenden, sich von den Abwesenden in seinem Leben fernzuhalten. Eine Obsession kann hilfreich sein.

Im ersten Stock, wo früher die Büros waren, ist mein Raum zum Schreiben samt den Büchern. … Es gibt …. ein wenig schwülstigen Goethe über Farbe und Licht, woraus ich nicht recht schlau werde, doch in weiß, ich muss es schaffen, falls ich ein paar Tage abzweigen kann. Eine Woche? Habe ich eine Woche für Goethe?

Wieder dieses ‚Ich muss…‘, dieser Druck, den seine Leidenschaft auf den Autoren ausübt. Jeder Spur wird nachgegangen, jedem Hinweis gefolgt. Melville: Obschon das Weiß vieles Schöne aus dem Reich der Natur veredelt und verfeinert, so als verleihe es ihm etwas ganz eigenes und Besonderes – wie bei Marmor, Kamelien und Perlen …. Der Gedanke an die Farbe Weiß ist omnipräsent.. Es ist die Farbe der Trauer, denn es enthält alle Farben. Auch Trauern ist endlose Refraktion; es zerbricht einen in Stücke.

Cockworthy hat die Schürfrechte für sein Material und bekommt ein Patent. Doch er ist kein Geschäftsmann, eher ein Tüftler, nie wird er mit seinem Porzellan erfolgreich. Sein Patent, so sollte sein Konkurrent später gegen seinen Verlängerungsantrag argumentieren, behindere die Entwicklung der englischen Porzellanfabrikation eher als daß es ihr nutze, da er, Cocksworthy, es nicht umsetzen kann. Er, der Konkurrenet, Josiah Wedgwood, dagegen könne ein Patent zum Wohl des Landes nutzen. Wedgwood hatte sich sein Kaolin damals aus Amerika bringen lassen, die weiße Erde der Cherokee … äußerst weiß, zäh und glitzernd tauchte diese Erde auf, er besorgte sich ein paar Tonnen, liess sie nach England verschiffen, kein einfaches Unterfangen. Jetzt kann er Cockworthy bzw. seinen Nachfolger – denn William hatte seine ‚Fabrikation‘ einem anderen übergeben – aus dem Geschäft drängen, hat er Zugriff auf englisches Kaolin. Der Markt in England gehört ihm.

Diese englische Reise … ist etwas sehr persönliches geworden. .. Ich versuche, zu verstehen, … Wie kann man Engländer sein und Porzellan machen? Wo in diesem feuchten Land kann weißes Porzellan zum Leben erwachen?

Möglicherweise fühlt sich de Waal Cockworthy am nächsten. Im Verlauf seiner Beschreibungen nennt er ihn immer durchgängiger beim Vornamen William, eine weitere Leidenschaft teilen beide: das Schreiben. de Waal notiert über Cockworthy einen Satz, der auch über seinem Leben stehen könnte: So geschah es, dass ein Töpfer schrieb.

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de Waal wäre nicht de Waal, von seiner Leidenschaft besessen, besuchte er nicht auch die weiße Erde der Cherokee, Ayoree Hill in den Great Smokey Mountains [5]: … die Weiße dieses Tons, die Frage, wem er gehört, seine umstrittene, provokante Geschichte setzen mir zu. – de Waals vierter weißer Berg.

Seine Reise ist noch nicht zu Ende. Als ich in seinen Gesammelten Schriften, Band 31, Lenins Rede auf dem Gesamtrussischen Verbandstag der Glas- und Porzellanarbeiter lese, …. das Porzellan wird in den Dienst der Revolution gestellt, dieses Weiß ist eine Revolution. Die Objekte, die Malewitsch schafft, sind robust und betörend zugleich… Du willst ein Manifest? Hier ist es. Du nimmst die Idee eines Gebrauchsgegenstandes und übermalst ihn, streichst ihn weiß an, sodass du schließlich eine Teekann hast, die nicht zu gebrauchen ist. Eine einfache Tasse als kämpferisches, revolutionären Porzellan.

Es sind zuviele weiße Objekte. Ich muss mich konzentrieren.

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Ein letztes, bedrückendes, erschütterndes Kapitel führt de Waal wieder nach Deutschland zurück. Im Jahr der Revolutionen, 1919, wird Gropius Direktor des Bauhauses, des Töpfer in Handarbeit Gefäße fertigen, die unbedingt den Eindruck erwecken sollen, maschinengefertigt zu sein…. und dann dieses Zitat [6], einige Jahre später, nachdem der Reichsführer SS die allerbesten Künstler, Designer, Töpfer und alle Personen, die mit der Herstellung von feinem Porzellan befasst waren an einem Ort sammelte. Diese einmalige Konzentration von Talenten … ermöglichte es, dass das Allacher Porzellan von solch hoher Qualität war und deswegen auch äußerst gefragt. 

Allach – wer kennt diesen Namen? de Waal, der Porzellanbesessene kannte ihn nicht, getilgt, der heutige Stadtteil Münchens, aus der Geschichte des Porzellans. Diese einmalige Konzentration von Talenten… Dachau. Im Lager Dachau. Die Formulierung macht einen schwindelig. Allach-Porzellan sei eine Art Reklametafel für die kulturelle Darstellung der SS gewesen. … Nur Hochwertiges, künstlerisch Wertvolles sei produziert worden, so herausragend, dass es die größten technischen Schwierigkeiten zu überwinden imstande gewesen sei. Figurinen zur Auszeichnung der Schergen. Aber auch: die Arbeit mit dem Porzellan schützte vor der Front…

Im weißen Porzellan verkörperte sich die deutsche Seele…. ein schöner Körper wird desto schöner sein, je weißer er ist. wird zum Credo des Allacher Porzellans…

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de Waal schließt sein Buch mit einer ‚Atemwende‘. Es ist eine Art Resümee, eine Zusammenfassung, eine Nachbetrachtung seiner Reise zum Porzellan – und zum Weiß. Ich hätte der Kaiser des Weiß sein sollen. Es sollte eine Reise durch weiße Seiten sein. … Was ist mir entgangen? Meine Listen habe ich aufgegeben. Aus meinen drei Porzellanbechern sind fünf porzellanene Gegenstände geworden. Meine drei weißen Berge sind jetzt vier. Ich wurde in eine andere Richtung geführt. 

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Ich habe dieses Buch, diesen Bericht gelesen, ich denke, sorgfältig. Andeutungsweise wie der Autor auch bin ich Fragen, die ich hatte, nachgegangen, habe ich in Büchern, die ich habe, nachgeblättert, Zeitschriften gewälzt, von denen ich meinte, in ihnen stünde etwas über Porzellan oder Keramik, natürlich auch das Internet befragt (btw: dem Buch, obschon kein Fachbuch, hätte ein kleines Glossar gut getan. Welcher ’normale‘ Leser kennt schon den Unterschied zwischen Irdengut, Steingut, Steinzeug, Jaspis-Porzellan, Hartporzellan, Knochenporzellan, Böttger-Porzellan und Böttger-Steinzeug, Frittenporzellan, Hart- und Weichporzellan….). Herausgekommen ist vorstehende Buchvorstellung, die einen groben Überblick gibt über die Geschichte des Porzellan, so wie sie de Waal, festgemacht an Orten und den Hauptakteuren, erfahren und geschildert hat.

de Waal, ich denke, das kann man konstatieren, lebt Porzellan. Porzellanmasse und der schöpferische Akt, mit ihr einen Gegenstand zu formen (‚mit‘ weil beide, Töpfer und das Material mit seinen Eigenschaften dazu beitragen) und diese Form durch Feuer in ein Gefäß zu transformieren (auch dabei, beim Brennen, kann durch Besonderheiten des Materials Unerwartetes geschehen, eine neue Nuance von Weiß beispielsweise in der Glasur auftauchen) sind für ihn Ausdrucksmöglichkeiten für sein inneres Leben.

Insofern Töpfern ein kontemplatives Handeln ist (…. existiert man im Augenblick …), ist der Töpfer im ‚Sein‘, in der Gegenwart, bereichert den Schaffensprozess mit einer weiteren, einer spirituellen Dimension. Die Gefäße, als Einzelstücke und in der Komposition, in der de Waal sie in Ausstellungen präsentiert, sprechen in dieser kontemplativen Dimension zum Betrachter, vermitteln diesen ‚Augenblick‘ des Seins, der sich dem Töpfer bei seiner Tätigkeit geöffnet hat. Es ist nicht einfach nur Geschirr, sind nicht einfach nur Teller und Becher, die dort in den Regalen und Vitrinen stehen, es sind ihrem Wesen nach Produkte eines Schöpfungsprozesses, die diesen (auch inneren) Prozess widerspiegeln.

de Waals Buch schildert auf einer tieferen Ebene als der der Geschichte des Porzellans von diesem Prozess. Er spürt, daß ihm, wenn er diese drei Orte, die er für sich definiert hat (seltsamerweise ist Japan nicht dabei, die Töpfertradition, in der er selbst sozusagen seine ‚Erleuchtung‘ als Töpfer erlebt hat), die Erdung in seinem Schaffen fehlt, daß seine Töpferkunst erst dann komplett ist, wenn er diesen Weg des Porzellans nachvollzogen hat. Dementsprechend euphorisch (und mit fast schon sexueller Konnotation) klingt es, wenn er schildert, wie er in China in den Stollen seines ersten weißen Berges eindringt.

Wie schon im Hasen… erweist sich de Waal auch bei dieser Expedition als Getriebener. Wie oft taucht das Ich muss…. im Text auf als Symbol eines auf ihn einwirkenden, ihn antreibenden Zwangs, der ihn im Griff hält, obwohl im bewusst ist, in schlaflosen Nächten bewusst wird, daß er Verpflichtungen hat, Aufgaben zu erfüllen hat. Er hat Aufträge angenommen, Ausstellungen zu gestalten und zu kuratieren, er muss, ganz profan, auch Geld verdienen, mit seinen Reisen gibt er es im wesentlich nur aus. Das Manuskript für den Hasen… muss fertig gestellt werden… Hat er eine Woche für Goethe? An manchem Stellen möchte man ihm zurufen: Setz´ Prioritäten! Setz` Grenzen!

Die dritte Ebene des Buches ist die der Selbsterforschung, der Rekonstruktion und Betrachtung des eigenen Weges als Töpfer. Der ist keineswegs von Anfang an mit Erfolg gepflastert, der junge de Waal müht sich, baut sich die Brennöfen selbst, viele Brände gehen daneben, die meiste ist unverkäuflich oder muss preisgünstig abgegeben werden. Erst in Japan, ohne den Druck von Erwartungen, befreite de Waal sich. Ich war Sheffield entkommen für ein einjähriges Studium in Tokio. … Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich angstfrei töpfern… Meine Töpfe wurden entspannter…. hatten ihre Lernphase hinter sich. … Als ich sie das erste Mal ausstellte, verkaufte ich alles.

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Die weiße Straße, die ein Pilgerweg ist, ich habe dieses Buch zwar 2016 gelesen, meine Gedanken dazu gehen aber erst Anfang des neuen Jahres online. Schon jetzt, das weiß ich, ist dieses Buch ganz oben auf der Liste der Lesehöhepunkte dieses Jahres 2017. Edmund de Waal ist nicht nur ein wunderbarer Töpfer, er ist ein genauso bemerkenswerter Schriftsteller. Letzteres hat er mit diesem Buch erneut bewiesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.edmunddewaal.com
[2] Webseiten zur Infomation:
– Kaolin: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaolin.
– Wer Zugriff auf die Zeitschrift des Deutschen Museums in München hat (Kultur und Technik), findet in Heft 2/2016 eine Ausgabe, die ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf ‚Keramik‘ legt und in der vieles sehr schön erklärt ist.
[3] Briefe des Jesuiten Père d’Entrecolles aus China:  http://www.gotheborg.com/letters/
[4] vgl. meine Buchbesprechung: de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
[5]
vgl. auch hier: George Ellison: Region’s kaolin history is nearly forgotten;  http://www.smokymountainnews.com/…?tmpl=component&print=1, 20. Oktober 2010
[6] vgl. dieses Kapitel des Buches hier: https://www.pressreader.com/austria/der-standard/20160924/282291024712582
– Passmore, Michael J., edited by Tony L. Oliver: SS Porcelain Allach; 107 S., Published by T.L.O. Publications, 1972

Bildquellen:

  • a short history… : screenshot von der Webseite, Stand 24.12.2016
  • Zustandsdiagramm: aus Römpp, Chemie Lexikon Bd. 3, Thieme-Verlag, 1990, S. 2191 (Eintrag ‚Keramik‘)
  • Vase Böttger-Porzellan: http://www.vam.ac.uk/content/articles/w/white-gold/
  • Siegel: dem Buch entnommen….

Edmund de Waal 
Die weiße Straße
Auf den Spuren meiner Leidenschaft

Übersetzt aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Originalausgabe: The White Road, London, 2015
diese Ausgabe: Paul Zsolnay, HC, ca. 460 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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6 Responses to “Edmund de Waal: Die weiße Straße”

  1. Buchgefieder Says:

    Hallo lieber Herbert,

    was für eine aussagekräftige Besprechung zu einem Buch. Man spürt, dass dich nicht nur der Autor, sondern auch der Inhalt des Buches fasziniert und vor allem dazu geleitet haben, über Gelesenes selbst zu recherchieren. Ich mag Bücher, die einen anregen, selbst nach Informationen nach dem Lesen zu suchen. Auch wenn ich jetzt nicht unbedingt mich mit dem weißen „Gold“ dauerhaft beschäftigen würde. Ich hab deine Buchbesprechung sehr gern gelesen.

    Ganz liebe Grüße
    Karin

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      liebe karin,

      herzlichen dank für deinen besuch bei mir und den lieben kommentar. ja, ich habe es gerade in einem anderen kommentar schon beschrieben, diese intensive beschäftigung mit einem buch ist wie das salz in der suppe: man hat schon mal gelesen und gehört, aber weiß nur bruchstücke und dann fügen die sich auf einmal zusammen zu einen bild, das man erkennen kann… da wird selbst so ein thema wie ‚porzellan‘ interessant. außerdem fasziniert mich bei de waal, wie man in seinem text die persönliche betroffenheit spürt, dieses fast schon zwanghaft erscheinende getriebensein, sein thema wirklich bis zur neige zu entdecken…. man spürt förmlich, wie er selbst darunter leidet….

      die lieben grüße gebe ich dir sehr gerne zurück!

      Gefällt mir

  2. monerl Says:

    Eine wahrlich interessante Buchbesprechung! Es erstaunt mich immer wieder, welche Vielfalt es bei Büchern gibt. Dieses Buch passt nicht zu meinen Themenschwerpunkten aber durch deine Buchwahl habe ich jetzt hier wirklich einiges dazugelernt. Danke dafür! Ich kann nur erahnen, wie viel Arbeit du mit dem Gedankensortieren zu diesem Buch hattest. Aber vor allem kann ich nachempfinden, wie es sich anfühlt, zu Anfang eines jungen Jahres, ein Lesehighlight gefunden zu haben. Glückwunsch!

    Viele liebe Grüße,
    monerl

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      liebe monerl,

      hab herzlichen dank für deinen besuch und deinen kommentar! diese intensivere beschäftigung mit einem buch ist doch wie das salz in der suppe. dieses ‚ich hatte doch mal….‘ mit dem anschließenden stöbern in den eigenen regalen und ablagen, die freude, dann was gefunden zu haben und auch das langsam anwachsende verständnis für das, was im buch beschrieben wird….

      mein zweites buch für dieses jahr ist übrigens ein ebensolches highlight: es ist der augustus von williams. auch ein buch, das einen für lange zeit in die recherche treibt….. :-)

      dir auch liebe grüße

      Gefällt mir

  3. Manuela Says:

    Uff, da hatte ich ja fast das Gefühl ein eigenständiges Buch zu lesen. Danke für die sehr ausführliche Rezension

    Gefällt 1 Person


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