Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit‎

14. Dezember 2016

Die Zeit… diese so schwer fassbare Größe, über die schon so viel nachgedacht und geschrieben worden ist. Was ist die Zeit ihrem Wesen nach, wie definiert man sie, ohne in die Gefahr zu kommen, nur Zeitdifferenzen, also Abstände zwischen Zeitpunkten zu betrachten? Zeitpunkten, also Punkten auf einem Zeitpfeil, denn die Zeit ist gerichtet, der Zeitpfeil läuft immer von der Gegenwart in die Zukunft (die er flugs zur Gegenwart macht…) und er kommt aus der Vergangenheit: der Mensch wird geboren (so wie jedes Lebewesen), er wächst heran, wird älter und stirbt letztendlich…. und das Universum selbst? Wird es irgendwann einen unermesslichen Kältetod sterben, weil es sich ins Unermessliche ausdehnt und damit verdünnt, oder wird es sich irgendwann wieder zusammenziehen und auf einen Punkt hin verdichten? Mag die Meinung der Kosmologen auch heute eher in Richtung Kältetod gehen, könnte eine große Entdeckung, die gemacht wird, sie wieder in Zweifel ziehen.

Dem Zeitpfeil gegenüber steht die cyclische Zeit, in der sich alles wiederholt. Die Erde die sich um die Sonne dreht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter… Sonnenauf- und untergang, Tag und Nacht…. Sie überlagern sich, diese beiden ‚Zeiten‘, das Leben auf dem Zeitpfeil wird von diesen periodisch auftauchenenden Ereignissen sozusagen modelliert.

Für Kant war die Zeit noch a priori gegen, Grundvoraussetzung für menschliche Erkenntnis wie der Raum auch. Aber kann es ‚Zeit‘ geben, wenn nichts mehr ist, nichts mehr geschieht? Wenn alles ruht, nichts mehr geschieht, vergeht dann Zeit, ist ‚Zeit‘ existent, wenn es keine Veränderung gibt? Woran misst man sie? Am Weiterlaufen des Zeigers, dem Rinnen des Sandes, dem Fließen des Wasser, dem Wandern der Sonne, dem Schwingen der Atome…. immer sind es Bewegungen, Veränderungen. Existiert ‚Zeit‘ nur, wenn und dadurch, daß etwas geschieht, so wie der Raum nur existiert, weil die Materie über ihr Schwerefeld ihn schafft. Wird auch die Zeit verschwinden, wenn in unermesslich langer Zeit das Universum den Kältetod gestorben sein wird?

Wer also ist sozusagen der Herr über die Zeit?


cox

Für die Chinesen, zumindest in Ransmayrs Roman (ich weiß nicht, inwieweit der Autor historischen Fakten folgt, er läßt sich darüber nicht aus), ist die Antwort einfach: Der Herr über die Zeit ist der Kaiser. Nein, mehr noch: Er ist die Zeit. Wenn er es will, steht die Zeit still. Mag noch so klirrender Frost sein und Schnee die blattlosen Bäume der Gärten bedecken, wenn der Kaiser den Winter nicht ausgerufen hat, ist es Sommer….

Um die Zeit also geht es in diesem Roman, um das Erleben der Zeit, die dahinschleichen kann und nicht zu vergehen scheint, während sie in anderen Momenten rast und man sie nicht anhalten kann, obwohl man doch diesen Augenblick, diesen einen, besonderen Moment, ins Unendliche ausdehnen möchte.


Cox oder der Lauf der Zeit führt uns also nach China. Die Örtlichkeiten der Handlung sind relativ gut definiert. Sie nimmt ihren Anfang in Háng zhou [2], einer Hafenstadt am Chinesischen Meer, folgt dann dem Großen Kanal [3] nach Beijing in die Verbotene Stadt und von dort aus nach Jehol [4], in die Sommerresidenz des Kaiser. Weniger genau ist die Zeit der Handlung festgelegt. Zwar hat die literarische Figur des Kaisers ein gleichnamiges historisches Vorbild, Qíanlóng (1711 -1799 [1]), den vierten Kaiser der Qing-Dynastie. Diese Zuordnung des Romans (zusammen mit der Lebenszeit des realen Uhrmachers James Cox) in eine bestimmte Zeit verwischt Ransmayr aber wieder, indem er seinen literarischen Alister Cox in seinem Werk ein Teil aus Osmium verwenden läßt, einem Element, das erst 1804, fünf Jahre nach des historischen Kaisers Tod, entdeckt worden ist und auch dann wohl nicht direkt als Werkstoff in der Feinmechanik eingesetzt worden sein dürfte. Die Zeit, die so präzise in ihren Differenzen gemessen werden kann, hier wird sie ungenau – die Freiheit des Dichters. Interessant wäre es jedoch schon zu wissen, aus welchem Grund Ransmayr sich so entschieden hat, ausgerechnet auf das nicht wirklich allgegenwärtige Osmium kommt, von der Sache her hätte er jeden andere damals bekannten und erprobten Werkstoff wählen können.


Cox (sowohl die historische Persönlichkeit als auch der literarische) ist ein berühmter Uhrmacher [5] aus England, ihn suchten zwei Emissäre des chinesischen Kaisers auf, ihn nach China einzuladen. Sie trafen ihn am Totenbett seiner fünfjährigen Tochter Abigail, in tiefer Trauer, eine Trauer, die noch dadurch verstärkt wurde, daß seine junge Frau Faye angesichts des Unglücks verstummt war und sich völlig in sich selbst zurückzog.

Cox nahm den Auftrag nach einer Bedenkzeit an, reiste mit Merlin, seinem Partner und zwei hervorragenden Uhrmachermeistern aus seinen Werkstätten nach China. Es war eine lange, gefährliche Überfahrt in dieses fremde Land, in dem so gar nichts an die Heimat erinnerte, bis vielleicht auf die Hinrichtungsstätte, denn sie erreichten den Hafen von Háng zhou zur Zeit der Urteilsvollstreckung an Wirtschaftsverbrechern.

Die mitgebrachten Geschenke, kostbare Uhren und Automaten, verschmäht der Kaiser, seine Schatzkammern sind voll davon. So reisen die vier auf Dschunken den Großen Kanal Richtung Norden und bestaunen die ungeheuren Aufwand der betrieben wird auf dieser Reise auf diesem Wunderwerk der Baukunst, das – so flüstert man – für jede Meile, und es sind Tausende, Tausend Tote gefordert hat.

Der Kaiser selbst, der Auftraggeber, ist – überall und nirgends. In welcher der fünfunddreißig sich gleichenden, stetig den Platz tauschenden Dschunken, die über den Großen Kanal nach Norden sich bewegen, er sich aufhält (und ob überhaupt) – niemand weiss es. Und ist es nicht egal, ob der Kaiser persönlich anwesend ist oder nicht: ist er nicht immer allgegenwärtig und doch nie zu sehen? So wird das Reich des Kaisers Qíanlóng in Ransmayr Schilderung zum perfekten Überwachungsstaat, in dem niemand, auch im eigenen Haus nicht, sicher davor ist, daß dem Kaiser Geäußertes nicht berichtet würde: die Wände haben Ohren, jeder könnte ein Spion des Kaisers sein. Und dieser wird unsichtbar auch dadurch, daß niemand ihn ansehen und in die Augen blicken darf, so daß er selbst, wenn er da ist, er nicht gesehen wird. Aber die Gelegenheiten, in denen die Möglichkeit bestanden hätte, ihn und seinen engen Hofstaat überhaupt zu erblicken, sind rar, der Kaiser und die zu ihm Gehörigen leben abgeschirmt vor den Blicken der Menschen.

Doch wird er auf einer der Dschunken gewesen sein, denn eines Morgens erblickt der sinnend ins Wasser schauende Cox eine Kindfrau auf einer der Dschunken, die ihn auf den ersten Blick verzaubert und Erinnerung an seine Tochter und seine Frau hervorruft, beider Gesichter vereint sie, deren Namen er sehr viel später erst erfahren wird, auf dem ihrigen. An, so heißt sie, ist die Lieblingskonkubine, die Favoritin des Kaisers….

…. und endlich, nach vielen Tagen, erreicht die Karawane die Hauptstadt…


Cox oder Der Lauf der Zeit ist ein handlungsarmes Buch. Gut, es wird a bisserl gefoltert, man unternimmt auch eine Exkursion zur Großen Mauer hin, ansonsten sitzen die vier Engländer in ihrem luxuriösen Pavillon und sägen, feilen und konstruieren vor sich hin. Die Verbindung zum Hof wird über einen Dolmetscher gehalten, der die Langnasen auch vor den schlimmsten Verletzungen des Protokolls bewahrt. Sie sind Gäste, aber es ist wohl eine Sache des Standpunkts, ob sie nicht auch Gefangene sind. Gefangen nämlich in eine Struktur, die alles Leben in genau vorher festgelegte Bahnen presst. So groß beispielsweise der Platz in der Verbotenen Stadt auch ist, er darf von jedem nur auf den für ihn bestimmten Bahnen überquert werden, ein abseitiger Schritt und schon droht der Tod. Ein Zucken im Gesicht, ein falscher Blick, wenn man der Favoritin des Kaiser mal ansichtig werden sollte (das zu erkennen gibt es spezielle Beamte im Hofstaat) und schon droht der Tod…. und der Tod ist kein einfacher, wie schon gesagt, a bisserl foltern geht immer….

Lange läßt sich der Herrscher über die Zeit selbige, den Engländer seine Wünsche, die immer Befehle sind, mitzuteilen. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als die persönlich empfunden Zeit in einer Uhr darzustellen, die mal langsam geht, wenn die Zeit gar nicht verstreichen will und die zu anderer Stunde rast wie ein Sturmwind. Doch bevor Cox mit diesem Projekt (ein Uhrmacher, der eine unregelmäßig laufende Uhr konstruieren soll, welch paradoxer Auftrag!), das in so sehr an Abigails kurzes Leben mit seiner unterschiedlich empfundenen Zeit bei schönen und weniger schönen Momenten erinnert, vollendet ist, will der Kaiser eine Uhr, die das Empfinden am Ende des Lebens zeitigt… und beide Uhren sind nur Testläufe für die eigentliche Uhr, die der Herrscher gemacht haben will, die Ewige Uhr, die nie aufhören wird, die Zeit anzuzeigen, die schlagen wird bis ans Ende aller Zeiten: die Zeitlose Uhr, so wird sie benannt. So wird ein Bogen geschlagen mit den Wünschen des Kaisers beginnend vom Anfang des Lebens über das Ende hin in die Unendlichkeit.

So handlungsarm der Roman ist, so blass sind die Figuren. Der Kaiser, im wesentlichen ein Mensch, der in frühen Morgenstunden seine Gedichte kalligaphiert und ansonsten in der Hängematte hängt, was erfahren wir von Merlin oder den beiden anderen Meistern? Nur sehr wenig… Cox, er ist der einzige, dem sich Ransmayr etwas intensiver widmet, keineswegs zum Vorteil seiner Figur. Hätte es zu deren Zeit schon das Delikt „Vergewaltigung in der Ehe“ gegeben, Cox dessen zu beschuldigen wäre plausibel gewesen. Die Gewalt, die Faye von ihm erfuhr, hatte ihren Ursprung zwar nicht in der Freude an der Gewaltausübung, sondern in der Sehnsucht und der — ja, durchaus Geilheit auf den Körper, aber es blieb Gewalt und auch sie trug zum Verstummen bei.

Das China bzw. die Umgebung des Kaisers, das/die Ransmayr schildert, funktioniert selbst wie ein Uhrwerk, das nach strengen Regeln arbeitet. Alles ist festgelegt, jede/r hat seine Rolle, die einzuhalten ist mit allen Auflagen, nichts Individuelles und Persönliches wird geduldet. Dies gilt auch für den Kaiser selbst, der zwar als Herr der Zeit ausserhalb dieses ‚Uhrwerks‘ steht, der aber den Rahmen vorgibt, in dem es läuft. Er, Qíanlóng, ist der Verantwortliche, der niemandem verantwortlich ist, der jedoch, bricht er aus den Regeln aus, höchste Verwirrung stiftet.

In diesem fest gefügt ablaufende Regelwerk sind die Engländer Fremdkörper, die allein, mögen sie sich auch von ihrem Dolmetscher Kiang noch so gut eingewiesen sich entsprechend dem Ritual benehmen, durch ihre Anwesenheit die Ordnung stören. Sie erweisen sich im Lauf der Zeit als eine Art ‚Sollbruchstelle‘ für Qíanlóng, bei ihnen, die keinen wirklichen Platz im Uhrwerk des Zeremoniells haben, kann auch der Kaiser sich Freiheiten nehmen, die ihm sonst verwehrt sind. Zum Schrecken des gesamten Hofstaats kommt es im Lauf der Monate schließlich sogar dazu, daß der Kaiser, der Herr der Zeit, wie ein gewöhnlicher Mensch, begleitet nur von seiner Favoritin, die Werkstatt des Meisters Cox besucht, am Ende die Tür zu dessen Räumen gar von eigener – des Kaisers eigener! – Hand öffnet…. Diese Szene ist vielleicht eine Schlüsselszene des Buches, denn Qíanlóng, der Cox erlaubt, sich vom Boden zu erheben und ihn anzuschauen (bedeutet dies auch, ihm in die Augen schauen zu dürfen?), erhebt in dadurch quasi zu gleicher Größe oder – wie immer man es sehen will – steigt hinab zu ihm, dem Menschen.

Und auch An, die Favoritin, unternimmt Ungeheuerliches, denn plötzlich berühren seidige Hände seine [i.e. Cox] Augenbrauen, so behutssam, als müßten erst ihre Linien nachgezeichnet werden, …. diese Hände wollten ihn aus seinem Dunkel zurückholen, zurück ins Leben. Diese Hände sollten ihm gemäß dem Willen des Kaisers die Augen öffnen. ….  und Cox werden die Augen geöffnet, er erlebt das, was der Zen-Buddhist wohl als ‚Satori‘ bezeichnet, eine Erleuchtung. All die Monate der Erinnerung an seine Tochter, des kontemplativen Arbeitens an den Uhren, des Meditierens über das Wesen der Zeit, über den Versuch, die Unendlichkeit in einer Uhr zu fassen, messbar und damit erfahrbar zu machen, lösen sich in diesem federgleichen Hauch einer Berührung von dieser ihm verbotenen Frau, die ihm Abigail und Faye gleichzeitig ist. Er empfand, daß dieser eine Augenblick im Angesicht des Kaisers und seiner Geliebten keiner Zeit mehr angehörte, sondern ohne Anfang und ohne Ende war, um vieles kürzer als das Aufleuchten eines Meteoriten und doch von einer Überfülle der Ewigkeit: von keiner Uhr zu messen, scheinbar ohne Ausdehnung wie ein Jahrmilliarden entfernter, glimmender Punkt am Firmament. […] Und was ihn jetzt ergriff, war stärker als jedes Gesetz, stärker als alle Furch vor einem Herrscher und selbst die Angst vor dem Tod. Also sank er er unter den Augen der Geliebten jenes Mannes, der den Anspruch erhob, Herr über Himmel und Erde zu sein, ein zweites Mal auf die Knie und merkte nicht, daß er weinte. 


Der Hof rumort, ganz im Stillen, atmosphärisch nur, aber die Nichtbeachtung der festgeschriebenen Gesetze durch den Kaiser, der sich wie ein Mensch benimmt, ein gewöhnlicher Mensch, wird den Engländern zur Last gelegt. Kiang warnt die vier, prophezeit ihnen Schlimmes, denn mit einer Ewigen Uhr würden sie den Kaiser als Herrn der Zeit übertreffen und demütigen. Cox, nach seiner Erleuchtung, weiß, daß Kiang recht hat, den andern wird dies nur langsam bewusst, aber Cox hat keine Angst, und es fällt ihm ein Weg ein, den Auftrag, diese Uhr zu bauen, zu erfüllen und trotzdem dieser Gefahr zu entrinnen.

Der Kaiser als Allmächtiger – und doch, selbst diese Allmacht hat Grenzen, Ransmayr zeigt sie in zwei Szenen deutlich auf: in der einen wird die von Elitesoldaten bewachte Exkursion der Engländer zur Großen Mauer durch einen einzigen Pfeil, der auf sie abgeschossen wird, zur Rückkehr gezwungen. Die zweite Szene ist noch deutlicher: Qíanlóng fällt in seiner Verliebtheit An gegenüber auch nichts originelleres an Kosenamen ein wie den normalen Sterblichen: Meine Zarte. Meine Süße. Meine Schöne. Vor allem aber hat er keinerlei Macht über die Gefühle: Sie war ihm dankbar und tat niemals aus Furcht, sondern stets aus Dankbarkeit, was immer er von ihr verlangte. Aber sie liebte ihn nicht. Armer, verliebter Qíanlóng….


Handlungsarm, farblose Figuren – und trotzdem ein faszinierender, fesselnder Roman. Das so schwer Fassbare des Phänomens Zeit, die wir als selbstverständlich auffassen und erleben [6], die sich aber zumindest uns ‚Normalen‘ sofort zu entziehen scheint, wenn wir darüber sinnieren, es fesselt in Ransmayrs Roman, weil wir uns darin wiederfinden. Ach, könnte man diesen Augenblick wiederholen, die Zeit anhalten, sie möge nie vergehen – wer hätte nicht schon einen solchen Seufzer ausgestoßen. Ich Cox… wird es real: der Kaiser als Herr der Zeit läßt Uhren bauen, die genau dies vollführen können. Natürlich ist es ein Trugschluss, die Ratio entlarvt dies schnell, schließlich bleibt die Zeit ja auch nicht stehen, nur weil eine Uhr defekt ist und ihr Zeiger sich nicht mehr dreht…. (Um die Zeit selbst zu beeinflussen, muss man sich schon in relativistische Bereiche begeben, was gar nicht so exotisch ist, wie es klingt: jeder, der GPS-Gerät nutzt, macht dies…).

… und es ist die Poesie der Sprache Ransmayrs, die umhüllend auf uns Leser niederfällt wie weiche, große, samtige Schneeflocken, die aus einem Winterhimmel hernieder sinken und alles einhüllen. Es fühlt sich wohlig an in Ransmayrs Sprachuniversum einzutauchen, es ist stimmig, es ist anschaulich, das Beschriebene visualisiert sich sofort, die Paläste der Verbotenen Stadt und in Jehol, die leeren Plätze entstehen, die wie auf Bahnen sich bewegenden Figuren des großen Marionettentheaters, der menschlichen Uhrwerks, das Zeremoniell heißt und dem der Kaiser vorsteht.

Nur an ganz wenigen Stellen bricht diese Hülle auf, durch Ausrücke, verwendete Worte, die wie fremd in diesem sprachlichen Klangkörper wirken. Zuvörderst ist eine sehr frühe Szene des Buches zu nennen, die Bestrafung der Wirtschaftskriminellen, die Cox und seine Gefährten per Fernglas von ihrem heran rauschenden Schiff aus sehen können. Brechen in diesen groben und derben Begriffen, die der Autor den zuschauenden Einheimischen in die Gedanken legt, unterdrückte Gefühle und Verdrängtes heraus, projizieren sie ihren Hass auf wen? hier auf die Unglücklichen, denen man anstatt **** gnadenhalber nur die Nasen abschneidet? Ist diese kurze Passage insofern ein Moment der Wahrheit?

Ein historischer Roman, das Spiel mit den Konjunktiven: Was hätte geschehen können, wenn dies und das passiert wäre? Wenn der Kaiser von China in seiner Eigenschaft als Herr über die Zeit die besten Uhrmacher der Erde zu sich holen würde, um ihnen den Auftrag zu geben, die Zeit bis in alle Ewigkeit zu vermessen. Und er dann merken würde, daß er sich damit selbst seiner Eigenschaft als Herr der Zeit entledigen würde…

 

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Qianlong
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Hangzhou
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserkanal
[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Chengde
[5] Wikie-Beitrag zu James (also nicht Alister wie im Roman) Cox: https://de.wikipedia.org/wiki/James_Cox_(Uhrmacher)
[6] wer sich ein wenig mehr und auch verständlich darüber kundig machen will, findet z.B. hier Infos: http://pauli.uni-muenster.de/~munsteg/10Zeit.pdf

Weitere Buchbesprechung zur Ransmayr auf diesem Blog:

Christoph Ransmayr:
Der fliegende Berg
– Die Schrecken des Eises und der Finsternis

Christoph Ransmayr
Cox oder Der Lauf der Zeit 
diese Ausgabe
: S. Fischer, HC, ca. 300 S., 2016

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12 Responses to “Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit‎”

  1. Lena Riess Says:

    Danke für den Bericht. Ich hatte eine ausführliche Leseprobe auf meinem Reader geladen. Trotz einiger Action (die abgeschnittenen Nasen) überwog der Eindruck eines Übermasses an Manierismus und ich ließ lieber die Finger davon. Umso interessanter diese Rezension.

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  2. Lena Riess Says:

    sachsendi: in Deutschland heißt es natürlich: des Übermaßes.

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  3. textstaub Says:

    Eine sehr ausführliche Rezension. Macht Lust es zu lesen. Dankeschön für deine feinen Gedanken.

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  4. Ich zähle ebenfalls zu den begeisterten Lesern des Romans. Diese Detailfreude und Sprachkraft machen ja gerade den Reiz des Buches aus und sorgen für eindrucksvolle Bilder. Dass dieser Roman nicht allzu gut wegkam im „Literarischen Quartett“, hat mich allerdings sehr überrascht. Viele Grüße

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    • flattersatz Says:

      ich kenne die sendung nicht (wir haben kein tv…), daher kann ich dazu nichts sagen. aber wenn jemand mehr wert auf handlung legt oder die zeichnung von personen, da legt das buch auch meinem empfinden nach eben keinen gesteigerten wert drauf. und auch die sprache ransmayrs gefällt ja nicht jedem, in einem der kommentare schreibt lena ja auch, ihr sei es zu manieriert. aber genau das passt ja an den chinesischen kaiserhof. spontan und natürlich war dort eher selten…. mir (und anscheinend dir auch) jedenfalls hat der roman sehr gut gefallen…. :-)
      liebe grüße

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      • Ich habe auch keinen Fernseher ;) Ich habe es nur erfahren. Vielleicht schaue ich mir die Sendung aus der Mediathek noch an. Mich hat die Sprache eher an ein sehr kunstvoll geschriebenes Märchen erinnert. Viele Grüße und einen schönen vierten Advent

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