IBB Dortmund/IBB Minsk (Hrsg.): Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung

11. Dezember 2016

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Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um das Begleitbuch zu einer belarussisch-deutschen Wanderausstellung [2], in der die Geschichte der größten Massenvernichtungsstätte auf dem Gebiet der 1941-44 besetzten Sowjetunion dargestellt wird. Diese Ausstellung wird zeitgleich in Belarus (die offizielle Bezeichnung für das eher noch unter dem Namen ‚Weißrussland‘ bekannte Land) und Deutschland gezeigt, der Text des Buches ist daher zweisprachig deutsch/russisch.

Malyj Trostenez [1] ist heute Vorstadt von Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Zwischen Frühjahr 1942 und Sommer 1944 wurden im Lager geschätzt über 200.000 Menschen ermordet, Juden, Partisanen, Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene. Die jüdische Autorin Lili Grün aus Berlin, von der ich im Blog hier schon ein Buch vorgestellt habe [3], gehört zu den Opfern dieses Lagers. Als absehbar geworden war, daß russische Truppen das Lager erobern würden, begannen die Nazis eine großer Vertuschungsaktion, sämtliche vergrabenen Opfer wurden wieder ausgegraben und verbrannt.

Das Begleitbuch, das ungefähr 240 Seiten umfasst, widmet sich nach einer Reihe von Grußworten inhaltlich erst einmal den Rahmenbedingungen. In kurzen Texten werden Eckdaten aufgeführt, die den Weg Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg bzw. den Vernichtungskrieg gegen Russland und in den rassenideologisch motivierten Massenmord an u.a. Behinderten, Juden, Sinti und Roma aufzeigen, bevor auf das Zwangsarbeiterlager Malyj Trostenez eingegangen wird.

Warnschild am Lager 'Malyj Trostenez'. Bildquelle [B]

Warnschild am Lager ‚Malyj Trostenez‘.
Bildquelle [B]

Schon 1942 wurde in der Sowjetunion eine Einrichtung mit dem etwas langen Namen: ‚Außerordentliche staatliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben‘ gegründet, die am 14. Juli 1944 in Malyj Trostenez ihre Arbeit aufgenommen hat. Errichtet worden war das Lager auf dem Gebiet der ehemaligen Kolchose ‚Karl Marx‘. Es versorgte die Deutschen im Raum Minsk mit Lebensmitteln, Werkzeugen und anderen Gütern. Den Massenmord unterstützte es durch Wartungsarbeiten an den Gaswagen und das Sortieren der geraubten Habseligkeiten der Ermordeten. Die Zwangsarbeit dauerte bis zu 15 Stunden täglich, Bestrafungen waren willkürlich und gingen bis zur Ermordung.

Exemplarisch werden verschiedene Lagerinsassen porträtiert, unter anderem auch die schon erwähnte Berlinerin Lili Grün. Des weiteren werden einzelne ‚herausragende ‚ Ereignisse im Lager beschrieben, so beispielsweise die letzte große Erschießungsaktion vom Juni 1944, der ca. 6500 Insassen des Lagers und Minsker Gefängnisse, unter ihnen auch Frauen und Kinder erschossen und verbrannt wurden. Zwei der Opfer konnten fliehen und später aussagen.

Das Buch schließt mit Kapiteln, in denen auf die Erinnerungskultur in den beiden beteiligten Staaten, Deutschland und Belarus, eingegangen wird.


Namen wie Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt oder auch Buchenwald sind wohl jedem geläufig, die Existenz eines Lagers namens Malyj Trostenez dürfte den meisten, mich eingeschlossen, unbekannt sein. Malyj Trostenez war kein Tötungslager, sondern ein Zwangsarbeitslager, was – die Opferzahlen sprechen für sich – das Töten und Vernichten von Insassen nicht ausschloss, im Gegenteil. Der Komplex (der im Buch auch als ‚Vernichtungsstätte‘ bezeichnet wird) umfasst neben dem Zwangsarbeiterlager auch den Ort, an dem die Massenerschießungen stattfanden (Blagowschtschkowka)  und eine Anlage im Waldstück Schaschkowka zur Verbrennung von Leichen. Das zu diesem Thema, dies wird auch in den Vorworten zum Buch häufig betont, diese gemeinsame belarussisch/deutsche Ausstellung organisiert worden ist, kann zum einen dieses Informationsdefizit beheben, zum anderen trägt es zur Aussöhnung zweier Völker und Staaten bei. Verbrechen und damit Schuld anzuerkennen und zu akzeptieren ist der erste und ein notwendiger Schritt zur Aussöhnung und Aussöhnung ist Voraussetzung für ein friedliches Miteinander.

Dieses Begleitbuch zu der Wanderausstellung ist kein Buch, welches das Thema und die Geschichte des Lagers erschöpfend darstellt, es ist kein Buch für Fachleute. Das umfangreiche Bildmaterial wird von kurzen Texten, wie man sie von Ausstellungen kennt, erläutert, ferner werden Zitate und Aussagen von Zeitzeugen angeführt. Aber gerade das Bildmaterial und die verständlichen Erläuterung dazu veranschaulichen die Monstrosität eines solchen Lagers, in dem Menschenleben keinen Wert hatten, sondern der Beliebigkeit unterlagen. Und es entreißt – natürlich nur exemplarisch, anders geht es nicht – Menschen der Anonymität, in die sie das Lager, die Massenerschießungen und die Massengräber bzw. Verbrennungen verstoßen haben.


‚Wider das Vergessen‘ ist eins der bekannten Motive für die Aufarbeitung der bzw. Erinnerung an die Verbrechen, die im sogenannten Dritten Reich verübt worden sind. Was Malyj Trostenez angeht, ist dieser Prozess noch eine Stufe weiter zurück: die Existenz dieses (und evtl noch anderer?) Lagers muss erst wieder/noch ins Bewusstsein gerückt werden, muss dokumentiert und beschrieben werden. Nichts wird dadurch ungeschehen gemacht, keine Schuld abgegolten. Aber den Opfern wird so ein Teil ihrer Würde, die ihnen seinerzeit auf schlimmste Art und Weise genommen worden ist, wieder gegeben. Und Versöhnung kann nur stattfinden auf der Grundlage von Ehrlichkeit, dem Bekenntnis dazu, was einst geschehen ist und wer die Verantwortung dafür zu tragen hat.

Und genau dazu sind die Ausstellung [4] und dieses begleitende Buch ein wichtiger Schritt.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu  https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Maly_Trostinez (Ich habe mich in meinem Text an die differierende Schreibweise des Buches für den Ortsnamen: ‚Malyj Trostenez‘ gehalten)
[2] http://ibb-d.de/erinnern/gedenkstaette-trostenez/
[3] Lili Grün: Alles ist Jazz (Besprechung hier im Blog)
[4] Bisher stehen (nach Angaben der PR-Agentur literaturtest.de) als nächste Ausstellungsorte Minsk (März 2017) und Köln (Oktober 2017) fest. Als weitere Stationen sind u.a. Frankfurt, Berlin und Wien geplant. Die Ausstellung in Hamburg ist vor ein paar Tagen beendet worden (http://ibb-d.de/events/eroeffnung-der-wanderausstellung-vernichtungsort-malyj-trostenez-geschichte-und-erinnerung/)

Bildquelle:

Warnschild: Außerordentliche Staatliche Kommission der Sowjetunion, 1944 (dem Buch entnommen)

IBB Dortmund */ IBB ‚Johannes Rau‘ Minsk **
in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden in Europa
Vernichtungsort Malyj Trostenez.
Geschichte und Erinnerung
diese Ausgabe: Buch zur Ausstellung, Softcover, ca. 240 S., mit vielen Abbildungen, 2016

*IBB: Internationales Bildungs- und Begegnungswerk gGmbH 
** IBB: Internationales Bildungs- und Begegnungsstätte

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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