Olaf Trunschke: Die Kinetik der Lügen

7. September 2016

Ach, dieser Sommer 1816, was hatten wir gefroren, unter der Kälte gelitten, die bis weit in den Sommer hin Schneefälle und Nachtfröste brachte… Achtzehnhundertunderfroren nannten wir dieses Jahr, in dem die Ernten verdarben, auf dem Feld oder wenn sie feucht angebracht wurden, in der Scheune verfaulten, in dem die Menschen hungerten und verhungerten, die Preise für Essbares stiegen und stiegen…. [9]. Natürlich, ‚wir‘ waren selbst nicht dabei, aber mittlerweile scheint dieses katastrophale Ereignis durch Veröffentlichungen, durch Berichte, durch Bücher und Reportagen so tief in das kollektive Gedächtnis eingeprägt, ist es so präsent, daß man fast das Gefühl hat, man wäre tatsächlich dabei gewesen…

Der Hunger und die Kälte gingen damals vorbei – Gottseidank. Bleibendes außer der Erinnerung ist dagegen der Niederschlag, den dieses Ereignis in der Kunst gefunden hat: die wunderbaren Sonnenuntergänge und Himmelsdarstellungen der zeitgenössischen Maler wie Caspar David Friedrich beispielsweise, hervorgerufen durch den Staub und die Aersole, die der Tambora in die Atmophäre geschleudert hatte. Aber auch die Literatur hat profitiert, im sogenannten ‚Genfer Sommer‘  wurde nicht nur für Dracula und seine Genossen der Weg in die literarische Welt bereitet, hier nahm ebenso die Geschichte um Viktor Frankenstein und sein Geschöpf (das keineswegs Frankenstein hieß) ihren Anfang.

frankenstein


Um eben letzteres dreht sich der Roman Olaf Trunschkes. Er führt uns in die Schweiz, nach Genf an den See, wo im besagten Jahres 1816 eine fünfköpfige Gruppe englischer Damen und Herren einen schönen Sommer erleben wollte, was aus erwähnten Gründen nur teilweise gelang. Es handelt sich um Lord Byron und seinen von ihm für die Reise engagierten Arzt John William Polidori. Diese beiden treffen in Genf auf Percy Bysshe Shelley und Mary Godwin (mit ihrem Kind ‚Willimäuschen‘) sowie die Stiefschwester von Mary, Claire Clairmont, die ein Auge auf den berühmten Lord geworfen hatte und sich voll der Hoffnung, daß jener wiederum sich auf sie wirft, vorausgereist waren und den Lord mit seinem Gefolge in Genf erwarteten.

Wie heißt es bei Facebook so schön, wenn es um den Beziehungsstatus geht: Es ist kompliziert. Und in der Tat ist die Patchworkfamilie keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Mit im Kindbett sterbenden Müttern, sich wieder verheiratenden Vätern, die unter Umständen dann selbst früh starben, worauf sich die Witwen erneut verehelichten, war es damals nicht selten, daß Familien entstanden, in denen kaum noch jemand miteinander verwandt war….

Mary Godwin zum Beispiel war die Tochter von Mary Wollstonecraft, einer in ihrer Zeit bekannten Schriftstellerin und Vorkämpferin für Frauenrechte und von William Godwin, einen Anarchisten. Bei der Geburt Marys starb die Mutter, Godwin heiratete bald nach deren Tod eine gewissen Mrs Clairmont, die ihrerseits zwei Kinder (von verschiedenen Vätern) mit in die Ehe brachte, die schon erwähnte Claire und einen älteren Bruder. Godwin selbst brachte noch das uneheliche Kind seiner verstorbenen Frau, Fanny Imlay, mit in die neue Verbindung, aus der – nicht verwunderlich – ein weiterer Sproß entstand, William. In der Tat, es war kompliziert [3].

Zu den drei Männern nur soviel: Lord Byron war skandalumwitterter Dichter und Schriftsteller, finanziell klamm, durch Pfuscher war ihm in der Kindheit ein Fuß verkrüppelt und er hinkte seitdem. Ein Lebemann (heute würde man wohl sagen: ein Womanizer), dem unter anderen eine Affäre mit der eigenen Stiefschwester Augusta nachgesagt wurde. Seine Bücher wurden ihm bzw. den Buchhändlern aus der Hand gerissen, selbst aber dafür Geld zu nehmen, fand er unter seiner Würde. Benötigt hätte er es….. John William Polidori war ebenfalls Schriftsteller, außerdem noch Arzt, sein Beitrag zur Weltliteratur, die Schaffung des literarischen Vampirs, litt lange darunter, daß die Öffentlichkeit die Urheberschaft Lord Byron zuschrieb…. Percy Shelley schließlich war Rebell aus Leidenschaft, er wurde seiner blasphemischen Schriften wegen von der Uni geschmissen, er verehrte William Godwin, den immer finanziell klammen Vater von Mary, dem er pekuniäre Unterstützung zusagte und er befreite dessen 16jährige Tochter aus den ungeliebten Familienverhältnissen mit der Stiefmutter, indem er selbst ein solches mit ihr anfing.

Diese Gruppe von außergewöhnlichen Menschen also richtete sich als 1816 am Genfer See ein. Sie zogen schnell von ihrem Hotel in der Stadt an den See, Lord Byron mit seiner Entourage in die Villa Diodati (hier ein Stich des Schauplatzes aus dem fraglichen Jahr 1816), Mary, Claire, Shelley und das Kind mieteten das Maison Chapuis (Ansicht) an, das nur wenige Gehminuten vom Byrons Villa entfernt war.

Aber noch sind die Zutaten für das Geschehen nicht vollständig, ganz andere Phänomene beeinflussten ebenfalls das Kommende in der Villa….

1780 nämlich hatte Luigi Galvani entdeckt, daß Froschschenkel zu zucken beginnen, wenn man sie mit Drähten aus unterschiedlichen Metallen berührt. Ein Phänomen, das aus totem organischen Material, aus Stoff also, den die Essenz des Lebens verlassen hatte, hervorzulocken viele Nachahmer fand, bald zuckten auch die Leichen von Menschen an Arm und Bein, der Fama nach erhoben sie sich sogar und stürzten zum Entsetzen der Zuschauer (solche Vorführungen wie auch beispielsweise Obduktionen und Leichenschauen wurden seinerzeit wie in einem Amphietheater vor großem, zahlenden Publikum veranstaltet und beschäftigten einen ganzen ‚Berufs’zweig der Grabräuber) aus dem Raum… War hier, so die große Frage, die im Raum stand, war hier der Weg gefunden, das verloren gegangene Leben wieder einzuhauchen, Verstorbenes zu erwecken? Musste man, wenn auch die Säulen Voltas oder die Flaschen aus Leiden dies nicht schafften, einfach noch mehr Energie verwenden? Die zerstörerische Energie der Blitze, wie sie so eindrucksvoll über dem See Leman zu bestaunen waren, beispielsweise umlenken in eine schaffende? Nach den Zeiten des mittelalterlichen Aberglaubens, der gerade überwunden wurde, waren die Ansichten damals sehr mechanistisch, man denke nur an Descartes.


So saßen allabendlich, wenn Regen über die Landschaft peitschte, großartige Gewitter die Berge in gespenstisch-flackerndes Licht tauchten, Byron, Shelley, Mary, Claire und Polidori (der aber auch oft in Genf weilte, offensichtlich hatte er dort jemanden kennengelernt) vorm wärmenden Kamin in der Villa Diodati. Das Wort führten vor allem Byron und Shelley, die stundenlang miteinander diskutierten, bis dann eines Tages der (bei diesem Wetter nicht überraschende)  Vorschlag auftauchte, selbst Gespenstergeschichten zu schreiben und der Gruppe vorzulesen, solche Schauerromane hatten Konjunktur um diese Zeit, Matthew Gregory ‚Monk‘ Lewis ist einer der bekannten Autoren aus dieser Epoche, der mit seiner ‚Gothic Novel‘ The Monk [4] einen ziemlichen Skandal entfachte.


Daß diese Tage im Sommer 1816 die Geburt auch des Vampirromans waren, erwähnt Trunschke in seinem Buch, dem ich mich jetzt endlich widmen will (aber bekanntermaßen hat das Vorspiel ja auch seine Reize) nur am Rande, sein Thema ist Frankenstein, Viktor Frankenstein und dessen Schöpferin, Mary Shelley.

Dieser war wichtig, daß jeder glaubte, die Geschichte, aus dem von Byron initiierten ‚Vortragswettbewerb‘ wäre ihr eingefallen, in einem Wachtraum, wie sie später behauptete. Trunschke hält in seinem Roman dagegen, spinnt andere Fäden. Er läßt einen Dokumentarfilmer nach Genf reisen, dort ist im CERN eines der gewaltigsten wissenschaftlichen Projekte der Gegenwart aufgebaut, eine Maschine, die Jahrmilliarden in der Zeit zurückgehen soll, so nahe an den Urknall wie noch nie, in der Hoffnung, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie berührt mit diesem Anspruch auch viele philosophische Fragen, Fragen der Erkenntnistheorie. Fragen wie die, ob wir nur das sehen und erkennen können, was in unserem Hirn schon angelegt ist, als Muster? Fällt alles andere durch dieses Sieb? Wie auch immer, die Zeitmaschine jedenfalls steht still, eine winzige Ursache vielleicht nur, aber ein großer Effekt. Und ein Platzen des Filmprojekts, doch die Wohnung ist für ein paar Monate gebucht. Also…

Maria ist die Bekannte des Filmers vor Ort, sie arbeitet beim CERN, hat einen Freund in der Nähe, einen Winzer, mit ihr geht er der Geschichte des Frankenstein-Plots, der in Genf zumindest endgültig das Licht der Welt erblickte, nach. Denn einem der Freunde Marias lägen Beweise vor, daß die Geschichte sich zurückführen lasse auf die Brüder Grimm, zumindest auf einen davon. Auch deren Kasse war damals klamm, die Märchen verkauften sich keineswegs gut und außerdem waren sie in der Urform noch beileibe nicht so lieblich (‚..und wenn sie nicht gestorben sind..‘) wie heute. Der Sprung zu einer gut verkäuflichen Horrorgeschichte wäre plausiblerweise somit gar nicht so groß gewesen…. verkauft hätte sie sich allemal besser.

Im weiteren Fortgang der Handlung konzentriert sich Trunschke aber auf anderes. So hatten Percy Shelley, Mary Godwin und Claire Clairmont schon zwei Jahre vor ihrem berühmten Genf-Aufenthalt eine sechswöchige Reise [5] durch verschiedene Länder gemacht, ohne große finanzielle Mittel, low-level Backpacker der damaligen Epoche sozusagen. Dabei passierten sie auch die Burgruine Frankenstein bei Darmstadt [6], über die es eine grauslige Geschichte gibt von einem Alchemisten, der aus Leichenteilen und geheimen Künsten neue Menschen schuf. Hier treffen wir dann auch den Grimm wieder, der die Übersetzerin der Märchen ins Englische von diesen Mythos brieflich in Kenntnis setzte. Und Übersetzerin war niemand anders als die Stiefmutter der späteren Mary Shelley….

Es gibt also gute Gründe, die Mär Mary Godwins vom Wachtraum anzuzweifeln, auch wenn Mary Shelley, alles dran setzte, Spuren zu vertuschen…

… und Trunschke erzählt es uns, bettet in seine Darstellung auch die Geschichte seiner Personen ein, wir erfahren in eingeschobenen Rückblicken von deren Erfolgen und Niederlagen, aber auch das zukünftige Schicksal, das ihrer mit seinen Schlägen harrt. So entsteht im Fortgang der Handlung, deren roter Faden der Ablauf der Tage dieses Genfer Sommers für unsere fünf Helden und Heldinnen ist, deren sicher nicht vollständiges, aber doch lebendiges Portraits, konzentriert und fokussiert auf wichtige Lebensereignisse.

Zusätzlich verknüpft der Autor die damaligen Geschehnisse mit aktuellen. Die Fragen sind ja gleich geblieben, die Wünsche auch oftmals: den Tod zu besiegen, Leben zu schaffen [7]. Vorstellungen, die seit Jahrtausenden in der Fantasie der Menschen herumgeistern, vom Einhauchen des göttlichen Odems über die Schaffung des Golems aus Lehm [8]. Ein solcher G.O.L.E.M. (‚global operating life-emergency machine‘) existiert auch im CERN, ein spontan entstandenes System (... Das Netz war das Nest … keiner hatte bemerkt, als er schlüpfte …), das auf allen Rechnern der Welt zuhause, im weltweiten Netz existent ist (das im übrigen ja im CERN das Licht der Welt erblickte, Tim sei Dank, auch davon erfahren wir im Roman). Golem findet Zusammenhänge, an die im Traum keiner dachte… schon kann er seinen eigenen Code umschreiben… Noch dient er den Menschen, doch was, wenn er sich wie sein lehmener Namensvetter einst gegen die Menschen wendet, weil er sie als Bedrohung ansieht? Wer gibt dann den Rabbi Löw?

So wie sich diese Fragen durch die Jahrhunderte ziehen, so vermischen sich in Trunschkes Schilderung auch die Zeiten selbst. Anfangs unauffällig, später dann deutlich durchdringen sich die Lebenswelten, kann Shelley bei der Gletscherwanderung für sich und Mary Wein und Wasser aus dem mitgebrachten Daypack holen und werden die beiden des abends in den Kneipen mit Partyhits beschallt…. eins greift ins andere, alles hängt miteinander zusammen….


Die Kinetik des Lügens: eine intelligentes Anreissen philosophisch/ erkenntnistheoretischer Fragen, aber auch (wenn man gutgläubig so wie ich davon ausgeht, daß die biographischen Passagen historisch belegt sind) eine sehr unterhaltsame Darstellung interessanter Lebensläufe. Der ‚Genfer Sommer‘ ist ein stehender Begriff für diese Wochen der fünf Engländer/-innen in der Villa Diodati, er hat der Literatur mit Frankensteins Monster und Dracula unsterbliche Figuren gegeben bzw. den Weg für sie geebnet. Durch Trunschke erfahren wir, unter welchen Randbedingungen dies geschah und – ganz profan – wie die Fünf damals ihre Zeit am Genfer See verbrachten. Das Ganze präsentiert der junge Homunculus-Verlag aus Erlangen in einem liebevollen Gewand: in der schönen alten Bodoni Antiqua gesetzt, mit kursiv gehaltenen Einschüben in die Handlung & auch dieses Zeichen ‚&‘ findet überdurchschnittlich häufig Verwendung, ein nettes, stimmungsvolles Detail. Dem Roman ist Verbreitung zu wünschen, dem Verlag und dem Autor Erfolg!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beiträge zu den einzelnen Personen des Genfer Sommers:
– https://de.wikipedia.org/wiki/George_Gordon_Byron
– https://de.wikipedia.org/wiki/John_Polidori
– https://de.wikipedia.org/wiki/Percy_Bysshe_Shelley
– https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Shelley
– https://de.wikipedia.org/wiki/Claire_Clairmont
[2] Autorenseite von Trunschke beim Verlag: http://homunculus-verlag.de/unsere-autoren/autoren_olaf-trunschke/
[3] Bei der Aufdröselung dieser Familienverhältnisse hat mir das Buch von Stefan Bollmann: Frauen und Bücher, München, 2015, geholfen; ein Stammbaum ist ferner auf der Wiki-Seite von Claire Clairmont [1] zu finden.
[4] Wiki-Beiträge zu
– ‚Monk‘ Lewis:  https://de.wikipedia.org/wiki/Matthew..Lewis
The Monkhttps://en.wikipedia.org/wiki/The_Monk
– Gothic Novel: https://en.wikipedia.org/wiki/Gothic_fiction
[5] vgl. z.B. hier:  https://www.rc.umd.edu/…/tour1814.html siehe auch: https://archive.org/details/sixweekhistoryof00shelrich, wo der recht kurz und oberflächlich gehaltene Bericht (der nicht genannten Verfasserin Mary Godwin) über die Schifffahrt auf dem Rhein zwischen Mainz und Koblenz („On the following day we left the hills of the Rhine…“) auf den Seiten 67 – 70 nachzulesen ist.
[6] Webseite der Burg: http://frankenstein-restaurant.de/content/e566/index_ger.html
[7] Thea Dorn hat sich ja aktuell diesem Thema in ihren lesenswerten Roman Die Unglückseligen gewidmet
[8] siehe z.B. Eduard Petiška: Der Golem
[9] wer es genauer wissen mag, das Wetter 1916 und seine Folgen, mag z.B. hier schauen:
– die Hintergründe: http://www.wetteronline.de/wetternews/2016-06-13-ta und
– die Folgen: http://old.wetterzentrale.de/cgi-bin/…&jump2=

Olaf Trunschke
Die Kinetik der Lügen
diese Ausgabe: Homunculus-Verlag, HC, ca. 280 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplar.

 

 

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One Response to “Olaf Trunschke: Die Kinetik der Lügen”


  1. […] wag‘ ich mich also ebenfalls, dieses Buch zu besprechen, mag es an die Beiträge von aus.gelesen und zeilensprünge nicht heranreichen. Alle, die nun nicht abspringen, mögen mir folgen und […]

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