Eduard Petiška: Der Golem

27. Februar 2013

Golem_and_Loew

Zu der Tatsache, daß ich dieses Büchlein gelesen habe und es mein eigen nennen kann, trugen eine Vielzahl von Zufällen bei. So gab es das Vorhaben verschiedener Buchblogger, die im näheren und weiteren Umfeld von Frankfurt beheimatet sind, sich dort zu treffen. Leider fiel dieses Treffen ins (gefrorene) Wasser, da per Unwetterwarnung ganz Deutschland gelb und orange eingefärbt wurde wg. Blitz- und Glatteiswarnung und viele Absagen eintrudelten – eine Warnung übrigens, die für den Bereich, den ich überschaue, absolut übertrieben war… however, ich sagte daraufhin einer anderen Veranstaltung zu, die ich schon abgeschrieben hatte. Bei dieser nun, einem „literarischen Konzert“ war einer der beiden Vorleser wg. Krankheit ausgefallen und die Veranstalterin hat sich tierisch gefreut, daß ich jetzt doch kommen wollte und sofort gefragt, ob ich nicht Lust hätte, da .. usw etc pp… klar. Und so bin ich zu diesen Jüdischen Märchen gekommen….

Die Legenden dieses kleinen Bändchens setzen ein in grauer Vorzeit, mit Libuše, der Fürstentochter, die den Bau der Burg Praha, Prag, befohlen hatte. Bei ihrem Tod hinterließ sie ihrem Sohn eine Weissagung, daß dereinst aus einem Land gen Sonnenaufgang ein Volk zu ihnen gewandert käme, das an einen Gott nur glaube und um Schutz nachsuche. Man solle es aufnehmen, ihr Tun und Handeln würde dem gesamten Fürstentum zu Nutzen gereichen. Und so geschah es vielen Jahren später ihrem Enkel Hostivit. Dieser erinnerte sich der Weissagung seiner Ahnin, beriet sich mit seinen Fürsten und wies den Juden schließlich einen Platz zu, an dem sie siedeln durften. Schon bald gereichte den Menschen dort dieser Platz nicht mehr und sie fragten um einen weiteren, den sie auch bekamen und sie bauten Steinhäuser anstatt der Hütten aus Holz und Synagogen, um ihren Gottesdienst zu feiern….

Zu den bekanntesten der Prager Juden gehört wohl Rabbi Löw. Jener stammt aus Worms am Rhein, einer der drei hochberühmten SCHUM-Städte in Deutschland [4]. Er wurde in der Nacht vor dem Pessach-Fest geboren, in der man jedes Jahr der Befreiung aus dem ägyptischen Joch gedenkt und in der damals ein verdächtiger Mann in der Wormser Judenstadt festgehalten wurde, der einen Sack auf dem Rücken trug, in dem ein Toter gefunden wurde. Diesem Motiv begegnen wir  immer wieder in den Legenden, es zeugt von der tiefsitzenden Angst der Juden einerseits und von der Infamie der Christen andererseits. Soll doch der in der Judenstadt gefundene Tote (oder der in der Synagoge gefundene Kelch voller Blut) bezeugen, daß Juden Christen töten zur Feier ihrer Feste. So wird immer wieder von entführten Kindern erzählt, die für die Feste getötet worden seien und oft nur in letzter Sekunde können die Helden dieser Legenden dieses Gerücht widerlegen, in dem sie die Kinder auffinden und vor Gericht bringen, in dem der aufgewiegelte Mob schon den Tod der Juden fordert und zur Verwüstung (und Plünderung) der Wohnstätten aufruft. Es ist eine latente, aber permanente Bedrohung der Juden durch ihre christlichen Nachbarn, nicht immer kann sie abgewendet werden, zum Teil muss die Erlösung teuer erkauft werden.

Um seine Gemeinde, um die Prager Judenstadt, vor solchen Angriffen und Übergriffen zu schützen, schuf der Rabbi Löw, der sich in den Schriften auskannte wie kein zweiter und der auch die Kabbala studiert hatte, aus Lehm den Golem. Zusammen mit seinen Helfern erweckte er ihn zum Leben, jedoch vermochte der Golem nicht zu sprechen. Stumm harrte er auf der Küchenbank in des Rabbi Haus und wartete auf dessen Weisungen, mit denen er dann durch die Gassen des Viertels streifte, um dreuendes Unheil frühzeitig zu erkennen und abzuwenden. Viele Legenden und Erzählungen ranken sich um diesen Lehmgeschaffenen, sie machen einen Großteil der hier wiedergegebenen Geschichten aus.

Aber Rabbi Löw ist nicht der einzige, um den sich solche Märchen ranken. Viele der Gebäude, insbesondere der Synagogen, haben ihre Entstehungsgeschichte, die oft mit einzelnen Personen verknüpft ist, wie es zum Beispiel die Pinkas- oder die Maiselsynagoge sind. Die Golem_and_Loew-synagogeAltneu-Synagoge [5] dagegen hat natürlich ihren eigenen Mythos…

Die von Petiška hier gesammelten Legenden bilden eine eigene Geschichte des Prager Judentums. Es sind kurze und in sich geschlossene Geschichten, zum Vorlesen hervorragend geeignet, in der Gesamtheit jedoch bilden sie ein Ganzes. Ausgeschmückt mit Märchenhaftem wie Zaubereien und anderem Unerklärlichem, wie es vllt die Mystik der Kabbala vorgibt, spiegeln sie jüdisches Leben, jüdische Freuden und natürlich jüdisches Leid. Nicht immer kommen die historischen Persönlichkeiten, die genannt werden, „gut“ darin weg, Wallenstein zum Beispiel wird als Willkürmensch voller Launen und Brutalität geschildert…

Das Büchlein selbst ist ein kleines Schmuckstück. Unscheinbar kommt es daher, aber die einzelnen Kapitel sind mit einleitenden Bildskizzen geschmückt, die Überschriften in einer kindlichen Schreibschrift gehalten. Menschen, die sich besser auskennten wie ich, wüßten sicherlich einen Fachbegriff dafür… Der Autor selbst sieht seine Sammlung als Plädoyer dafür, daß die Liebe zum eigenen Volk nicht dazu verführt, ein anderes zu hassen und zu verdammen. Und ja, dazu sind diese Sagen wahrlich geeignet.

Es ist schön, daß heutzutage praktisch alle Bücher aus der einen oder der anderen Quelle antiquarisch zugänglich sind, so natürlich auch dieses. Und daher habe ich auch keine Scheu, zum Abschluss festzuhalten, daß (zumindest diese Ausgabe des Buches) „Der Golem“ den Kauf unbedingt lohnt, ganz einfach, weil er durch Wort und Bild das Herz erfreut!

Links und Anmerkungen:

[1] zum Prager Judenviertel. Auf dieser Website gibt es Bilder aus dem jüdischen Ghetto um die Jahrhundertwende
[2] Wiki-Artikel zum Rabbi Löw (aber Achtung: der Geburtsort wird hier wohl falsch angegeben)
[3] Wiki-Artikel zum Golem
[4] die anderen beiden sind Speyer und Mainz, Wiki-Artikel zu den SCHUM-Städten
[5] Wiki-Artikel zur Altneu-Synagoge, dem auch das Bild entnommen ist
[6] Sicherlich wären diese Anmerkungen unvollständig, würde ich nicht zumindest hinweisen auf den gleichnamigen Roman „Der Golem“ von Gustav Meyrink, der – so schreibt es Chatwin in seinem „Utz“ – die wohl beste Beschreibung des alten Prager Judenviertels enthalten soll….

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Eduard Petiška
Der Golem
Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag
Übersetzt aus dem Tschechischen von Gustav Just
mit Illustrationen von Horst Hussel
diese Ausgabe: Union Verlag (VOB) Berlin, HC, ca.225 S., 1977

Bei dem Titelbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen. Die Abbildung ist dem Wiki-Artikel über den “Golem” entnommen. Die unten stehende Abbildung der „Staronova Synagoga“ stammt von Karel Würbs aus dem Jahr 1836, siehe auch [1]

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