Amy Sackville: Reise nach Orkney

4. September 2016

sackville

Die junge britische Autorin Amy Sackville [1] hat offensichtlich eine Vorliebe für die leisen Töne und für die unwirtlichen Gegenden dieses unseres Planeten. Stand im ihrem Erstling Ruhepol [3] das Schicksal des auf einer Nordpolexpedition vermisste Urgroßonkels im Mittelpunkt, so entführt sie uns in diesem Roman auf die Orkneys, jene zerklüftete Inselgruppe an der Nordostspitze Schottlands, nicht allzu weit von dessen ‚Festlands’küste entfernt, wer sich kurz orientieren will, findet hier eine Karte [2].


Bring mich nach Norden!

Sie sind erst wenige Tage verheiratet und auf die Frage, wo sie ihre Flitterwochen verbringen möchte, antwortet sie: ‚Am Meer.‘ Und so legt er ihr die Weiten der Ozeane zu Füßen, die weißen Strände der Paradiese, das tiefblaue Wasser, durch das dereinst Odysseus pflügte…. doch sie will dorthin, wo sie geboren wurde, auf die Orkneys, ans raue, ans wilde, ans unwirtliche Meer, an das Meer, das mit dem Horizont verschwimmt, und das übergeht in den grauen Himmel, das eins macht mit oben und unten, aus dessen Himmel der graue Nebel fällt oder der Nieselregen, der zu leicht ist, um jemals den Boden zu erreichen, an die Küste, um die der Wind fegt und der Sturm tobt und an der Nixen und Elfen ans Land gehen und sich in Menschen verwandeln …..

Es ist eine unwirtliche Gegend, in die das frisch getraute Paar, das erstaunte und anzügliche Blicke auf sich zieht, reist. Anzüglich, denn er, von dem wir nur den Vornamen erfahren, den Namen Richard, ist Literaturprofessor an der Uni, hat sechs Lebensjahrzehnte hinter sich und sie, deren Name uns ganz verschwiegen wird, war seine beste Studentin, fast vierzig Jahre jünger als er ist sie.

Was dieser Altersunterschied für den Mann bedeutet – Sackville hält damit im Laufe ihres Buches nicht hintern Berg: die Haut wird trocken, die Zehennägel verwandeln sich in gelbe Hornkrallen, das Herz muss heftig pumpen, weil es auch diese eine Beanspruchung so nicht mehr gewohnt ist. Und über allem thront die Angst um seine junge Frau, die sich in manchmal nur notdürftig getarnter Eifersucht äußert gegenüber jedem männlichen Wesen, das auch nur in die Nähe der Geliebten kommt. Was hingegen seine junge Frau gefühlt hat, sich ihm zu nähern (die Erinnerungen, wer sich im zurückliegenden Jahr wem genähert hat, sind nicht deckungsgleich…) bleibt unscharf, auch wenn sie von Liebe spricht, möglicherweise spielt es eine Rolle, daß sie ihren Vater früh verlor, dieser bestieg eines Tages – sie war noch ein kleines Mädchen – ein Schiff und verschwand…

Orkney, eine – sagen wir – rustikale Unterkunft in einer Bucht, bewirtschaftet von der Vermieterin, die auch – wobei sie sich von der Anwesenheit des Paares nicht stören läßt – zum Putzen und Spülen kommt. Er will hier an seinem Buch arbeiten, in dem er sich mit den Mythen und Märchen aus dem 19. Jahrhundert befasst, sie dagegen sucht die Nähe des Wassers, steht stundenlang in der Bucht am Strand, läßt das Meer an ihren Füßen lecken und den ‚Zehen nuckeln‘, ist ein ums andere Mal betört vom Farbspiel der Wolken und des Wassers.

Sie wird im Lauf der Tage immer mehr zum Bestandteil einer Komposition, eines Bildes: mitnichten arbeitet Richard an seinem Buch, das im Lauf des Aufenthalts immer mehr an Bedeutung für ihn verliert, vielmehr sitzt er im der Hütte und schaut seiner Frau durch das Fenster, dessen Rahmen immer mehr zu einem Bilderrahmen wird, beim Schauen zu….

Kann er, der alte Mann (was wird mit ihr sein, wenn er in zwanzig Jahren achtzig Jahre alt ist….?) der jungen Frau, ihrer Liebe zu ihm, sicher sein? Seine Liebe wird zunehmend besitzergreifend, überwachend, obsessiv…. sobald sie aus dem Bild, das das Meer, der Himmel, die Bucht und sie malen, verschwindet, gerät er in Sorge, ja Panik, sucht sie atemlos, bis er sie findet..

Es ist nicht so, als gäbe sie ihm keinen Anlass zur Sorge: jede ihrer Nächte ist von Alpträumen durchzogen, das Meer greift in ihnen nach ihr, Ungeheuer werfen ihre Tentakel aus, Wogen überrollen die Klippen auf denen sie steht…. schweißnaß wacht sie auf und er nimmt sie in den Arm, hält sie, tröstet sie, bis sie sich wieder beruhigt… erst und nur in der Sturmnacht schläft sie tief und fest…

Sie entgleitet ihm langsam, aber sicher. Immer weniger wird sie fassbar für ihn. Nichts, fast nichts, nur wenige Andeutungen, erzählt sie ihm von ihren Eltern, im Fensterbild verschwimmen ihre Konturen immer mehr und verschmelzen mit der Umgebung; es gelingt ihm nicht, sie zu fotografieren: immer im Moment des Auslösens dreht sie ihren Kopf zur Seite…

Nicht nur er, auch sie kennt Mythen und sie erzählt ihm von den Nixen, die in den Vollmondnächten aus dem Wasser ans Land kommen, dort Menschengestalt annehmen und eines Tages wieder zurückkehren in ihr Element.


Reise nach Orkney beginnt als Geschichte einer Zweierbeziehung, die ihres Altersunterschiedes wegen auffällt – und auch der Besonderheit des Zieles für die Flitterwochen wegen. Die Orkneys sind ein Paradies – für Vogelbeobachter, für Frischvermählte gelten sie eher als No-Go-Area. Im Fall von Richard und seiner Frau kann man den Wunsch der Frau jedoch nachvollziehen: sie stammt von diesen Inseln, auch wenn wir Genaueres nicht erfahren.

Die Geschichte des Paares entblättert sich Tag für Tag (dies ist die Kapiteleinteilung, die Sackville gewählt hat), die erste Begegnung im Seminar, das er gibt, das erste Bemerken, die erste Irritation über auftauchende Gefühle… und irgendwann der erste direkte Kontakt der Studentin mit ihrem Professor bzw. des Professors mit einer seiner Studentinnen… er, der alte Hagestolz, der zwar die Bekanntschaft (auch die nähere und die nahe und die hautnahe) der Frauen nicht meidet, Bindungen aber nicht eingegangen ist, benimmt sich nicht anders schüchtern und linkisch als ein Erstverliebter seinem Subjekt der Begierde gegenüber. Es sind diese und ähnliche Erinnerungen, die ihm während der langen Stunden, in denen er seine Frau betrachtet, durch den Kopf gehen…. sprechen sie miteinander, so teilen sie diese Erinnungen und sie teilen sie doch nicht, denn ihre unterscheiden sich von seinen, sie hat dies alles anders erlebt und im Gedächtnis aufbewahrt…


Sackville gibt uns einen Schlüssel in die Hand, ihre Geschichte zu interpretieren: es sind die Märchen und Mythen, die Geschichten von Meerwesen, die Menschen werden und eine Zeitlang auf dem Land, auf einer Insel leben, es sind die Mären von alten Männern, die sich auch unter der Aufgabe ihrer selbst in den Schoß junger Frauen fallen lassen, weil sie von ihnen verzaubert sind, sich ihnen ausliefern. Immer deutlicher wird, daß die Geschichte von Richard, dem ‚alten‘ Professor und seiner jungen Frau ein solches Märchen ist, nicht berichtet davon ein ‚Es war einmal‘-Erzähler, sondern der ‚alte‘ Mann, der der Mann des Märchens ist, ohne daß er dies weiß, schildert, wie er dies alles erlebt, das Verzaubertwerden, das Sich-Verlieben, das Sich-Ausliefern, die Angst des möglichen Verlustes wegen – ganz profan an andere Männer und mythisch fürchtet er, daß er sie an das Meer verliert, das Meer sie in Besitz nimmt. Ahnt er, daß diese elfengleiche Wesen (seine ‚Undine‘) mit seinen silberweißen Haaren und der durchscheinenden Haut nicht in Wahrheit ihm bestimmt ist?

So erzählt uns Sackville eine Geschichte ohne große Handlung. Ein paar Spaziergänge des Paares auf der Insel (für die sie ihrem Richard noch nicht einmal vernünftiges Schuhwerk gönnt, sie entließ ihn mit normalen, glatten Straßenschuhen in Gewirr der glitschigen Felsen), ein Abendbesuch in der Bar eines Hotels in einer anderen Bucht, Einkaufen im örtlichen Lädchen…. das sich findende Zusammenleben der beiden in ihrem Domizil, bei dem sich die junge Frau als minderbegabte Hausfrau entpuppt. Zwar der Liebe wegen isst und trinkt er alles, was sie ihm vorsetzt, aber er zieht es zunehmend vor, Speis und Trunk selbst zu bereiten…


Die Kunst der Autorin besteht darin, dieses handlungsarme Geschehen durch ihre Beschreibungen mit Leben zu füllen. Das sich ständig verändernde Wetter, die vielen Farben des Meeres und des Himmels, des Strandes und der Felsen, die Küstenlandschaft der rauen Insel sind eine großartige Kulisse – und Sackville versteht es, diese Atmosphäre des Wilden, Fordenden des Meeres, die gleichzeitig poetisch ist und mythisch, in Worte zu fassen und zu übermitteln. Farben spielen eine große Rolle in ihren Schilderungen, bei ihr gibt auch schon einmal grünliches Sonnenstrahlen und Adern, die grünlich durch die Haut schimmern…. ein Wortspiel der Verliebten, Farbbegriffe für Farbeindrücke zu finden wie Purpur, Indigo, Preußischblau, Tintenblau, Miesmuschelblau, Mitternachtsblau – Schlafenszeitblau für die hereinbrechenden Nacht als Beispiel….

So entfaltet sich im Lauf der geschilderten Tage ein poetisches Stück Literatur vor uns, das uns mitnimmt und uns in die Geschichte hinein zu saugen scheint. Sicherlich ahnt man bald, daß ein solches Märchen nicht gut ausgehen kann, aber diese Ahnung ist nur ein leiser, melancholischer Schleier vor einer wunderschönen Geschichte

Links und Anmerkungen

[1] Webseite der Autorin: http://www.amysackville.co.uk
[2] https://goo.gl/maps/MajjdQ2V1Hp
[3] Amy Sackville: Ruhepol (Besprechung hier im Blog)

Amy Sackville
Reise nach Orkney
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Bonné
Originalausgabe: Orkney, London, 2013
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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