Halldór Laxness: Die Litanei von den Gottesgaben

15. November 2014

laxness Djúpavík cover

„Die Litanei von den Gottesgaben“ ist kein umfangreiches Buch, ein eher schmales Bändchen, ein Roman, der in seine Geschichte diverse Textsorten wie Zeitungsberichte, Buchzitate oder Gedichte eingebaut hat. Durch einige dieser Passagen wird eine dokumentarische und zeithistorische Dimension des Textes vorgetäuscht, die aber so nicht stimmt. Was hingegen stimmt, ist der große, handlungsbestimmende Rahmen, in den Laxness [1] seinen Roman stellt: es ist das Jahr vor dem Krieg und das arme, abgeschiedene Island erlebt eine schlimme Fangsaison: der große Nordlandschwarm des Herings taucht nicht auf….

Diesen Winter war mit Vögeln nicht viel los.

Das Büchlein hat eine Art Einleitung, es sind die ersten fünf Kapitel, die einen Tag, einen Frühlingstag, in Kopenhagen beschreiben. Wir schreiben das Jahr 1920, unser Erzähler, der angehende Schriftsteller, arbeitet noch in der Vogelbranche, jedoch mit gleichem Misserfolg wie er schriftstellert. An diesem Tag jedenfalls trifft er auf Bersi Hjalmarsson, den Grossisten, der in Heringen unterwegs ist, aber mindestens genauso gerne spielt und spekuliert. Bersi ist die zweite Hauptfigur des Romans. Die beiden „freunden“ sich an, es kommen noch Frauen ins Spiel und ein Gelage im Hotel von Bersi und noch so das eine oder andere…

Zum Beispiel war es ein sträfliches Vergehen, Fische zu essen, die ein unschönes Gesicht hatten.

Der seinerzeit Achtzehnjährige zählt jetzt sechsundreißig Lenze: wir sind nach einem großen Zeitsprung im Jahr 1938. Der Erzähler greift der eigenen Unwissenheit wegen auf einige Passagen des bekannten Buches von Grimsson [3] zurück, um zu zeigen, wie in den letzten knapp zwei Jahrzehnten der Heringsfang das Leben in Island verändert hat, und das unter massgeblicher Beteiligung des Bersi Hjalmarsson, auf den wir vor langer Zeit in Kopenhagen trafen. Es ist keine Erfolgsgeschichte, Island und der Hering. Wird er in Mengen gefischt, so verdirbt er im Hafen, wird ranzig in der Sonne, fault im Keller und liegt im Unrat auf dem Kai. Man feilscht um dem Preis, solange, bis der Fisch verdorben…. und dieses Jahr? Der Nordlandschwarm, den man in Kubikkilometern messen könnte, der schier unendlich groß ist, bleibt aus. Die Netze bleiben leer, die Boote landen nichts an, die Menschen haben keine Arbeit, bekommen keinen Lohn und das an der Nahtstelle zweier Systeme: des kapitalistischen Systems der Wirtschaft und des bolschewistischen Systems, das auf der Seite der Arbeiter steht. Und mitten drin, als Scharnier sozusagen, Bersi Hjalmarsson, der Grossist, der Spekulant, der Bankrotteur, für den alles nur ein großes Spiel ist, ein Spiel, das er mit vollem Risiko spielt, sich um die Verluste so wenig kümmert wie um die Gewinne….

Unser Erzähler hat mittlerweile zwei Bücher geschrieben mit den vielversprechenden Titeln: „Die Götter im Heiratsgarten“ und „Die große Hungersnot in Persepolis“ (sein drittes Buch soll den Titel „Die Ringnasenschwestern“ tragen…). Wieder trifft er auf Bersi, der ihn sofort erkennt, hat er ihn doch vor 18 Jahren damit beauftragt, seine Biographie zu schreiben….

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich eine Geschichte, die vor skurrilen Einfällen nur so strotzt. Dem Erzähler zum Beispiel, einem Fast-Schriftsteller und Ex-Vogelhändler, wird eine Entenfarm angetragen, die er mitsamt der siebenundzwanzig Wechsel, die auf sie ausgeschrieben sind, zu übernehmen bereit ist.. wäre, wenn es sie gäbe: ein Besuch am Ort zeigt, daß fein geköpfte Enten sauber gestapelt am Ufer des Sees liegen. Die Nerze, sie waren es. Jene, denen die Regierung die Fütterung mit Südfrüchten durch die Besitzer vorschreibt, anderen Isländern ist der Genuss von Orange und Co. dagegen verboten, für sie ist die „Zitrone des Meeres“ vorgesehen: der Rogen. Ein guter Plan, er funktioniert nur nicht….

Der Erzähler ist mittlerweile Redakteur einer Zeitung, die keine Druckerpresse hat. Nun ja… Er ist halb überzeugt von der Revolution, die kommen muss und kommen wird und in der Tat, die Zustände sind so, wie sie sind, und so wie sie sind, so können sie nicht bleiben. Es braut sich etwas zusammen, tatsächlich gibt es so etwas wie Streik, die Gegenstände des täglichen Bedarfs werden knapp, vor allem auch der Schnaps (nur wirkliche kreative Gedanken führen diesbezüglich zu bislang unerkannten Vorräten, incl. festem Bieres, was sich dann aber als eher tragisches Intermezzo erweisen sollte.). Nur der trunkene Isländer kann einen Plan fassen und mitten in der Nacht ist der Zeitpunkt gekommen: Die Revolution ist da! Die Macht wird übernommen! Ein neuer Staat wird ausgerufen! Die Bourgeoisie wird festgesetzt! Für drei Stunden ist Islands Norden das Zentrum der Weltrevolution, dann ist man wieder nüchtern und der revolutionäre Impetus verpufft zusammen mit dem Blutalkoholspiegel…


Djúpavík vor etwa 70 Jahren, Bildquelle: [B]

Djúpavík vor etwa 70 Jahren,
Bildquelle: [B]

„Die Gottesgabe“ ist natürlich der Hering, der in den nordischen Gewässern vor Island zu fangen war [4] und der Insel potentiell zu Reichtum und Wohlstand hätte verhelfen können. Laxness siedelt seine Geschichte in Djúpavík [2] an der Westküste Islands an. Hier gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine erste Erfolgsgeschichte des Heringsfangs, jedoch brach die wieder mit den Folgen des 1. Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise zusammen. Einige Jahre später, Anfang der 30er Jahre, boomte der Heringsfang erneut: Häfen wurden ausgebaut, Fabriken wurden errichtet und für ein  Jahrzehnt blühte das Geschäft mit Produkten rund um den Hering. Dann waren die Bestände leer gefischt.

Bei Laxness tritt 1938 so ein Sommer ein, in dem der Nordlandschwarn nicht auftauchte, nicht zu finden war. In Djúpavík stehen  sich daraufhin sozusagen zwei Fronten gegenüber: die Kapitalisten wie z.B. die Banken (der Interessen durch einen grimmigen ehemaligen Kapitän und nachmaligen Buchautor [3] vertreten werden) und die Arbeiter, die dem Wunsch des örtlichen Bolschewiken nach die Revolution ausrufen sollen. Und dazu noch Bersi, der Grossist, der in gewisser Weise über allem steht, da für ihn alles nur ein großes Spiel ist, Gewinn wie Verlust ihm gleich sind. Alle Parteien handeln in grotesker Weise dilletantisch, ob sie nun Gesetze erlassen (wie den Nerz mit Südfrüchten zu füttern) oder die Fässer mit Hering durch Kot und Schlamm rollen, was verständlicherweise die Käufer zurückschrecken läßt – dererlei Schildbürgerstreiche liessen sich einige anführen. Die größte Menge des angelandeten Fisches jedenfalls verdirbt regelmäßig und kann nur noch zurück ins Meer gekehrt werden….. Aber auch die Weltrevolution geht nicht unbedingt planvoll fort: lehnen deren örtliche Vertreter am Abend noch das Angebot, die Macht zu übernehmen ab, so gehen sie nur wenige Stunden (aber einige Promille) später mit Gewalt gegen die örtlichen Machthaber vor, um sich das zu holen, was sie ein paar Stunden vorher noch dankend ablehnten…..

Dazwischen protestiert zusätzlich noch eine radikale Frauenorganisation, die es sich auf das Banner geschrieben hat, gegen das teuflische Getränk „Bier“ vorzugehen und die das Gerücht, von einem schwarzem Schiff wäre heimlich von dem Getränk eine Menge an Land gebracht worden, in Angst und Schrecken und Widerstand versetzt. Anders dagegen die Männer, die in das angebliche Lagerhaus einbrechen und das Bier suchen. Von dem, was sie dort jedoch finden, glauben einige, es sei festes Bier…. was ihnen aber nicht gut bekommt….

… und dann sollte man noch die alkoholabhängige, zigarettenfressende Ziege des Ortes erwähnen….

… und über allem und mitten drin und sowieso der Erzähler, dem wir diese Geschichte zu verdanken haben, der selbst vom Schicksal hin- und hergeworfen wird, planlos aber nicht unsympathisch sich zu allem bereit findet…. überhaupt gelingt Laxness das Kunststück, seine Figuren zwar als Teilnehmer an einer gewaltigen Groteske zu schildern, ihnen jedoch in ihrer grenzenlosen Naivität und überbordenden Dilettantismus nie die Würde zu nehmen, in dem er sie lächerlich macht. Man möchte sie im Gegenteil bei der Hand nehmen und sie beschützt durchs Leben führen, ihnen zeigen, wie es so funktioniert – aber: ob sie dies überhaupt wollten…..


„Die Litanei von den Gottesgaben“ ist ein Roman aus einem nordischen Schilda, der den Irrsinn der Welt einfängt wie in einem Fokus, der sich nicht scheut, den Menschen in seinem Handeln als absurdes Wesen darzustellen, das in einer geträumten Welt lebt, die ständig an der realen zerschellt. Nun soll aber keiner denken, das Buch zu lesen sei eine traurige Angelegenheit, nein, es ist durchsetzt mit Situationskomik, mit viel Ironie, auch Selbstironie, mit eben diesen grotesken Gegebenheiten, geschildert in diesem etwas lakonischen, gottergebenen Stil, mit dem Laxness hier stellvertretend für alle Menschen seine Landsleute zeichnet.

Es ist ein Spaß dieses Buch zu lesen, und es traurig zugleich, denn schließlich hat sich der Irrsinn in dieser Welt möglicherweise gewandelt, aber dies wahrlich nicht zum Guten und insofern verspielen auch wir immer noch und immer wieder unsere „Gottesgaben“.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Halldór_Laxness: http://de.wikipedia.org/wiki/Halldór_Laxness
[2] Wiki-Beitrag zu Djúpavík: http://de.wikipedia.org/wiki/Djúpavík
– über die alte Heringsfabrik inDjúpavík: http://www.djupavik.de/de_heringsfabrik.php
[3] Egil D. Grimsson: Meine Heringsgeschichte, Reykjavik, o.J.
[4] wer sich ausführlicher über den Hering informieren möchte, kann dies bei Holger Teschke tun: Heringe; Buchvorstellung hier auf dem Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/09/17/holger-teschke-heringe/

auch interessant in diesem Kontext ist dieser kurze Bericht im „Spiegel“ über eine reale Krise im isländischen Heringsmarkt: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876512.html

Allen an Laxness Interessierten lege ich ferner diesen Beitrag von Wolfgang Schiffer, eine Einführung in und eine Würdigung des Werkes dieses isländischen Autoren, an´s: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2017/02/16/wer-nicht-in-der-poesie-lebt-der-ueberlebt-hier-auch-nicht/ 

[B]ildquellen: „Djúpavík vor etwa 70 Jahren„:  Das deutsch-isländische Netzwerk (Claus Sterneck, 01.08.2012); http://netzwerk.weebly.com/thema-des-monats/category/claus%20sterneck%20in%20djupavike60432daa3

Halldór Laxness
Die Litanei von den Gottesgaben
Aus dem Isländischen übersetzt von Bruno Kress
mit einem Nachwort von Hubert Seelow

Originalausgabe: Guðsgjafaþulan, 1972
diese Ausgabe: Steidl, TB, ca. 175 S., 2011

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2 Responses to “Halldór Laxness: Die Litanei von den Gottesgaben”

  1. schifferw Says:

    Danke! Es ist einer meiner Lieblingsromane des isländischen Literaturnobelpreisträgers! Ich hatte sogar das Vergnügen, ihn – allerdings in einer gekürzten Fassung – für Steidl Hörbuch einlesen zu dürfen…

    Gefällt 1 Person


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