Holger Teschke: Heringe

17. September 2014

Aus der wunderschönen Reihe „Naturkunden“, die von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz herausgegeben wird, habe ich bisher zwei kleiner Bändchen über Esel und über Krähen vorgestellt, von der Herausgeberin selbst ist bei mir die Besprechung zu ihrem hochgelobten und ausgezeichneten Atlas der abgelegenen Inseln nachzulesen [1]. In analoger Aufmachung wie die beiden ersteren Titel ist jetzt ein Bändchen über Heringe erschienen, geschrieben von Holger Treschke, der seiner Biographie nach zu urteilen, anscheinend vielseitig begabt ist, unter anderen ist er auch ein Fachmann für Heringe, fuhr er doch selbst (als Maschinist) auf Fangschiffen mit auf See.

Hering Bildquelle: [B}

Hering
Bildquelle: [B}

Der Hering ist ein Schwarmfisch, kaum einmal begegnet er uns als Individuum, sondern immer in Gesellschaft, sei es im Meer, sei es im Salat oder auf Eis im Fischgeschäft (bei Binnenländern) bzw. auf dem Fischmarkt…. Kaum zu glauben, daß dieser kleine Fisch Weltpolitik betrieben hat über viele Jahrhunderte hinweg. Es ist sowieso erstaunlich, wie aus der immensen Vielfalt der Lebewesen und Dinge oft nur einige wenige so wichtig werden, daß an ihnen Frieden und Wohlstant, aber auch Krieg hängen… Aber der Hering war von Bedeutung ob der schier unendlich wirkenden Menge, in der er vorkam. Von Schwärmen wird berichtet, die sich über Quadratkilometer ausdehnten, kam so ein Schwarm in der Nacht aus der Tiefe, in der er sich tagsüber aufhielt, an die Oberfläche des Meeres, spiegelte sich der Mond in der Unzahl der silbernern Leiber, „Heringsblick“ ist dies genannt. Es muss ein imposantes Schauspiel sein, gewesen sein, das zu erleben… Vor der nordamerikanischen Küste gab es Fischgründe, in denen mit Eimern der Hering aus dem Wasser gezogen wurde, die Fischbestände vor Englands Küsten waren so reich, daß im Mittelalter sogar das Recht des Heringsfangs für Fischer aus anderen Ländern verbrieft war……. Der Hering war Grundnahrungsmittel, er war sprichwörtliches Arme-Leute-Essen, obwohl auch die Reichen in nicht verschmähten.

Wollt ihr ein gesundes Essen,
Müsst ihr Pökel-Hering fressen.
Nicht zu salzig, nicht zu fett,
Quält er euch nachts nicht im Bett,
Sondern lässt sich gut verdauen
Und gibt Kraft euch für die Frauen.

Der Fisch im Allgemeinen ist leicht verderblich, der Hering macht da keine Ausnahme. Um Handel mit Fisch zu treiben, welcher über die engere Küstenregion, an der er angelandet wird, hinausgeht, muss er konserviert werden: Der Salzhering war geboren und damit wurde auch das Salz wichtig, der Salzhandel bedeutsam. Häfen prosperierten und mit den Häfen die Städte, das ganze Land…

Diese Großzügigkeit endete irgendwann mit der Übertreibung. Holländer tauchten mit großen Flotten vor England auf und fischten enorme Mengen: dies war nicht gelitten und wurde kriegerisch bekämpft, ein Mosaikstein auf dem Wege Britanniens zur Weltmacht… Endgültig vorbei mit der Pracht war es dann, nachdem die Fischerei nach dem letzten Krieg vom Handwerk in das fabrikmäßige Stadium überging: wie Mähdrescher ein Getreidefeld abernten, so holten diese Schiffe, ausgerüstet mit Echolot und Radar, ganze Schwärme an Bord. Die Bestände brachen folgerichtig zusammen, und mit den Beständen auch die Fischerei und der Wohlstand der Küstenorte. Durch Schutzmassnahmen erholen sich die Heringsbestände langsam [3], es bleibt die Hoffnung, daß dies von Dauer ist… Am Beispiel der Ostseeküste macht der Autor den Niedergang dieser Industrie, zumindest in Deutschland, deutlich…

Ein Buckelwal auf Heringsjagd Bildquelle: [B]

Ein Buckelwal auf Heringsjagd
Bildquelle: [B]

Treschke, der selbst in der Ostsee auf Heringsfang gegangen ist, porträtiert den silbernen Gesellen mit viel Empathie, er verbindet eine Menge Erinnerungen mit ihm. Im Büchlein erzählt er vom Leben des Herings, seinen Eigenarten, seinen Vorkommen und natürlich seiner Bedeutung. Es gibt ihn in verschiedenen Arten, im Pazifik, im Atlantik, in früheren Zeiten vermutete man, daß er unter dem Eis der Arktis lebte und von dort aus nach Süden zog… Nicht nur der Mensch lebte vom Hering, auch natürlich die Beutegreifer unter den Fischen sowie den Walen, die – war ein Schwarm entdeckt – einfach mit offenem Maul hindurchpflügten. Orcas entwickelten besondere Jagdtechniken: mehrere Wale legten Blasenvorhänge und störten derart die Orientierung des Schwarms, der so in Panik geriet..

In der Kunst hat sich der Hering niedergeschlagen, auf manchen Gemälden ist er zu finden, wenn das harte Handwerk der Fischerei gezeigt wird, spielt er sogar eine Hauptrolle. Van Gogh malte Stillleben, und natürlich waren es die Schiffe, die zum Fang ausliefen oder wieder zurück in den Hafen kamen, die Maler inspirierten… eine andere Kunst, zu der Treschke auch Anleitungen wiedergibt, ist die Kochkunst, die mit einigen Rezepten berücksichtigt wird….

So ist Heringe ein mit vielen Bildern und alten Stichen aufgelockertes unterhaltendes und auch Wissen vermittelndes Büchlein, das sich ganz hervorragend in die Phalanx der anderen Naturkunden einreiht. Demjenigen, der Freude an schönen Büchern hat, sei es ans Herz gelegt, wobei die Anmerkung, daß es sich auch trefflich als Geschenk eignet, eigentlich überflüssig ist….

Links und Anmerkungen:

[1] – Jutta Person: Esel; https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/
– Cord Riechelmann: Krähen; https://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/
– Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln; https://radiergummi.wordpress.com/2013/07/01/judith-schalansky-atlas-der-abgelegenen-inseln/
[2] Wiki-Artikel über Heringe: http://de.wikipedia.org/wiki/Heringe
[3] Übersicht über Bestandsentwicklung der Art: http://fischbestaende.portal-fischerei.de/Fischarten/?c=stockgroup&a=detail&sgroup_id=4

[B]ildquellen:
– Hering: http://hu.wikipedia.org/wiki/Fájl:Caspialosa_kessleri_pontica_Dunai_hering.jpg, under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0
– Buckelwal: http://en.wikipedia.org/wiki/Herring; By John Moran (Alaska Fisheries Science Center – NOAA) [Public domain], via Wikimedia Commons

Holger Teschke
Heringe
diese Ausgabe: Matthes & Seitz (Reihe „Naturkunden“, No. 9, Hrsg: Judith Schalansky), HC, 119 S., 2014

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One Response to “Holger Teschke: Heringe”

  1. Karin Says:

    gar nicht genug kann man diese Naturkundereihe Lesern ans Herz legen; auch ich war bisher von jeder Neuerscheinung begeistert, lieber Flattersatz aus dem Urlaub zustimmendes Nicken zu all Ihren Worten -:)))

    Gefällt 1 Person


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