adriana altaras: doitscha

17. November 2014

doitscha cover

Adriana Altaras hatte 2011 mit ihrer Familiengeschichte „Titos Brille“ großen Erfolg sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum. Drei Jahre später legt die in Zagreb geborene und jetzt mit ihrer Familie in Berlin lebende Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin mit „doitscha“ ihr neues Buch vor.

doitscha„, der Titel erklärt sich am besten, wenn man ihn laut ausspricht, dann verrät er nämlich schon einiges über den Inhalt des Buches: er handelt vom Deutschen und zusammen mit dem etwas reisserischen Untertitel: „eine jüdische mutter packt aus“ ist das Thema klar umrissen: es geht um eine spezielle Beziehung, speziell und besonders von beiden Seiten: Deutsche und Juden, Täter und Opfer, die jetzt aber, nach vielen Jahrzehnten als Nachfolgegeneration vereint sind in einer Schublade: sie sind beide Kinder und Kindeskinder…..

… aber es geht nicht nur um dieses Verhältnis im Großen, sondern auch das en Detail, denn die Familie Altaras bietet mancherlei auf dem Beziehungssektor: sie ist Jüdin, die beiden Söhne sind daher auch Juden, der Lebensgefährte (Ehemann wird er erst am Ende der Geschichte) ist dagegen ein münsterländer Westfale wie er im Buche steht. Die Partner sind vom Temperament her so unterschiedlich wie Wirbelwind und Flaute: ist sie lebhaft bis hin zum Aufgedrehten, so hat er das stoisch-phlegmatische Temperament des eingeborenen Münsterländers.

David, der ältere Sohn, ist hochintelligent (auch wenn das dem Buch nicht direkt entnommen werden kann), geht auf eine jüdische Schule, hat zwei Klassen übersprungen. Für ihn ist der Vater „doitscha“, was beileibe nicht als Kompliment gemeint ist, zwischen ihm und seinem Vater scheint es kaum Übereinstimmung zu geben. Die interne Kommunikation der beiden hat ihre Höhepunkte in den Ringkämpfen und dem Vertilgen unmäßiger Salatmengen. Überhaupt wendet David viel Energie auf, seine Eltern zu provozieren. So verläßt er schon mal die Wohnung in Richung Oma, mit dem festen Willen nicht mehr zurück zu kehren, landet jedoch am falschen Bahnhof, der von Fernzügen nicht mehr angefahren wird. Intelligenz ist eben doch nicht alles: für die Mutter sind das gefundene Fressen, ihre ironische Ader auszuspielen.  Konstruktive Ideen über seine eigene Zukunft (das Abitur steht vor der Tür) sind bei David dagegen rarer gesät. Von postabituriellen Auslandsreisen bin hin zum Plan, seinem Land (i.e. Israel) zu dienen und zum Militär zu gehen, ist alles im Bereich des Möglichen. Insbesondere die Vorstellung, ihr Sohn würde tätige Hilfe für Israel leisten, bringt die Mutter nahe an den Wahnsinn, der Vater dagegen schätzt Bequemlichkeit und Trägheit seines Sohnes realistischer ein. Einzig zu Davids Patenonkel Aron war das Verhältnis gut und unproblematisch, doch Aron stirbt…

Der jüngere Sohn Sammy besucht eine deutsche Schule und hat einen buntgemischten Bekanntenkreis, was ihn nach Willen der Eltern ein wenig fern halten soll von allzuviel jüdischem. Schließlich haben sie das Ergebnis bei David gesehen…. Sammy ist noch unkompliziert, die Wallungen der Pubertät sind noch fern…

„Nichts stimmt, wie es im Buch steht, aber alles ist wahr.“

„doitscha“ ist kein Roman, das Buch weist praktisch keine durchgängige Handlung auf. Es ist eher eine Abfolge von Episoden, von Ereignissen, ein Mosaik von Eindrücken und Gegebenheiten, die sich im Lauf des Textes mehr oder weniger zu einem Gesamtbild jüdischen Lebens in Deutschland (aus der Sicht der Autorin) formen. Es sind dies familiäre Ereignisse wie die lautstarke Prügelei zwischen David und seinem Vater, die erst durch die eintreffende Polizeistreife beendet werden kann, der Tod und die Beerdigung des Patenonkels oder auch das etwas gespannte Verhältnis mit der 94jährigen Tante in Italien, die dem reicheren italienischen Zweig der Familie entstammt oder Davids Anrufe aus Israel, wo er mit der Zionistischen Jugend eine Pessachreise unternommen hat, die Adriana veranlassen, sofort mit dem Rest der Familie nach Israel zu reisen, um den Sohn, dem die „Befreiung“ aus dem eher rustikalen Jugendaufenthalt gar nicht so unlieb ist, wieder unter ihre Fittiche zu schließen. Man bereist bei dieser Gelegenheit Israel, stellt fest, daß der den Frauen zugängliche Teil der Klagemauer immer mehr verkleinert wird und Adriana feiert ihren 50. Geburtstag im Land der Väter….

So viele Verletzungen, Traumata und Probleme: mit ihrer Therapeuten unternimmt Altaras viele Spaziergänge, auf denen sie erzählt und erzählt….

Als eine als Künstlerin und auch Jüdin bekannte Frau hat Altaras auch ein öffentliches Leben. 2011 wird sie in der Frankfurter Paulskirche eingeladen, um zur Gedenkstunde an die Reichsprogromnacht eine Rede [3] zu halten. Ein großes Publikum, vor dem sie eine unkonventionelle Rede hält, die in der Lage war, absolute Stille im Raum zu erzeugen – ob aus Erstarrung oder Bewunderung, blieb der Redenden erst einmal verborgen….

Sie ist Gast von Talkshows, fightet bei einem Cluburlaub mit den Söhnen öffentlichkeitswirksam bei allen eigenen Zweifeln für das Recht auf Beschneidung; sie nimmt an jüdischen Kongressen teil, zu dem sie ihren „Goi“ mit einschmuggelt. Auf dieser Konferenz fällt vielleicht die wichtigste Aussage des Buches, nimmt man es als Zeugnis eines jüdischen Blicks auf das deutsch-jüdische Zusammenleben:

„Ich möchte Ihnen allen gratulieren! Merken Sie eigentlich, was gerade passiert? Etwas Wesentliches hat sich verändert. Es geht nicht mehr nur um die Shoa, sondern um ein jüdisches Leben in Deutschland, und das eventuell für länger, ja vielleicht sogar für immer. Auf dem Podium wird über interne jüdische Probleme diskutiert. …. Es geht nicht mehr ausschließlich um Martin Walser und seine Eskapaden, um Botho Strauß oder Günter Grass. Es geht nicht mehr um die anderen. Es geht um uns! Das ist das eigentlich Revolutionäre an diesem Nachmittag! Vielleicht wollten Sie das gar nicht, aber ich finde es großartig.“

Von einer befreundeten Regisseurin läßt sie sich zu einer Reise überreden, auf der sie die Lebensstationen der Familie aus  besuchen und einen Dokumentarfilm über „Titos Brille“ drehen [4]. Gießen wird besucht, diese unattraktive Stadt, in der die Eltern mit dem Wiederaufbau der Synagoge [2] so viel bewirkt haben [5] und unvergessen sind; Marburg, wo die Autorin auf eine Waldorf-Schule ging und auf ihre Freundin aus damaliger Zeit trifft. In Zagreb bekam Altaras Einblick in alte Akten und Zeitungen, aus denen sie vom Schicksal ihres Vaters erfuhr, der nicht – wie angenommen – von den Faschisten, sondern von Partisanen erschossen worden ist.

Es gehörte zum guten Ton, die deutsche Gegenwart zumindest langweilig, wenn nicht inakzeptabel zu finden, auf dem Weg zu sein, wenn nicht nach Israel, dann wenigstens in die USA. Israel war für uns, was für die Surfer Hawaii und für die Kiffer Goa war.

Altaras ist durchaus kritisch, was ihr Glaubensgenossen angeht. Manche von ihnen waren hier im Land der Täter geblieben, weil sie einfach nicht weggekommen sind. Es ließ sich durchaus gut leben vom schlechten Gewissen der Deutschen, eckte man irgendwo an, war die rhetorische Frage, ob Juden jetzt schon wieder verfolgt würden, meist der Freifahrtschein. Andere Juden blieben aus dem einfachen Grund hier, weil dies ihre kulturelle Heimat war…. manche gingen nach Israel, einige kehrten von dort auch zurück nach Deutschland, hielten es im Gelobten Land nicht aus. Aber jetzt scheint es, daß diese Generation (soweit sie noch lebt) und ihre Abkömmlinge angekommen sind, nicht mehr auf ihren Koffern sitzen, nicht mehr die Auswanderung – wohin auch immer – als Lebensziel haben. Und das ist gut so.

So bietet „doitscha“ eine zeitweise etwas überdrehte wirkende Sicht auf das Selbstbild jüdischer Mitbürger in Deutschland. Natürlich gibt es noch auf beiden Seiten Anfeindungen, auf der deutschen Seite wabert die braune Masse noch und dort kann eine  gut gemeinte Frage in einwandfreiem berlinerisch „Is jut?“ schon mal den Ruf nach der Polizei wegen Antisemitismus zur Folge haben…

Noch ein abschliessendes Wort zu den Privatangelegenheiten, die ja das Buch durchziehen, schließlich ist es ja eine Familiengeschichte: daß die Autorin gegen Ende des Buches ihre Therapie abschließt, mag symbolisch gesehen werden dafür, daß das Leben normal geworden ist. So normal wie die Familienprobleme dieser jüdisch-deutschen Familie zwischen pubertierenden Jungmännern auf der Suche nach ihrem eigenen Weg und leicht überdrehten Müttern aus Angst vor den Stolpersteinen, die diese Wege zieren. Und dazwischen am Ende ein münsterlander Schädel, der sich in einer etwas kitschig anmutenden Szene anschickt, dem deutsch-jüdisches Verhältnis Legalität zu verleihen….


Altaras´ Buch liest sich gut, es ist flott geschrieben und unterhaltsam bis witzig. Man merkt der Autorin die Lust an griffigen Formulierungen an; komplizierte Begriffe und Satzkonstruktionen werden meist vermieden, Altaras bevorzugt gesprochene Sprache. Die einzelnen Absätze sind aus jeweils wechselnden Perspektiven geschildert, Adriana kommt zu Wort, ihre Söhne David und Sammy, die iitalienische Tante, die Therapeutin, Aron und natürlich auch der Goi Georg…. Fragen und Probleme werden jedoch meist nur angerissen, eine tiefer gehende Diskussion wird an wenigen Stellen geführt. Was z.B. an pro und contra Beschneidung geschrieben steht, geht kaum über das hinaus, was man in -zig Talkshows hören konnte.

Anrührender und berührender sind da schon die Passagen über die Rede der Autorin in der Paulskirche [3] oder auch die Grabrede des Bruders von Aron, die zweisprachig jiddisch/deutsch wiedergegeben ist. Solche Abschnitte sind die Highlights des Buches.

Zusammenfassend kann man konstatieren, daß „doitscha“ ein unterhaltsames Lesevergnügen mit einigen „Aha“-Erlebnissen ist, das manches deutlich werden läßt, ohne daß dies auf Kosten der Lesbarkeit geht.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Adriana Altaras: http://de.wikipedia.org/wiki/Adriana_Altaras
[2] vgl. z.B. hier: http://www.alemannia-judaica.de/giessen_synagoge_neu.htm
[3] Rede von Adriana Altaras in der Paulskirche (09.11.2011): Trauer to go; https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/Reichspogromnacht%202011%20Altaras.pdf
[4] Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=nyaFe4zizME
[5] … und was bei mir, der ich lange in Gießen gelebt habe, einige sentimentale Erinnerungen hervorrief…

adriana altaras
doitscha
Eine jüdische Mutter packt aus
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 272 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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3 Responses to “adriana altaras: doitscha”


  1. Lieber Flattersatz,
    Titos Brille habe ich sehr gerne gelesen, deshalb herzlichen Dank für Deine, wie immer sehr aussagekräftige und gründliche Besprechung. Ich werde in der Buchhandlung meines Vertrauens auf jeden Fall mal hineinschauen, irgendwie juckt es mich, irgendwie zweifele ich noch, ob ich das Buch gerade wirklich brauche, neben all den anderen auf dem Stapel…
    Liebe Grüsse, Kai

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  2. iris Says:

    Deine Beschreibung erinnert etwas an Thomas Meyers ‚Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse‘, nur dass diese aus der Sicht des Sohnes geschrieben ist und in einer jüdisch-orthodoxen Familie in der Schweiz spielt. Insofern auch wieder ganz anders.

    Vielen Dank für deine Rezension, die Lust auf das Buch mach. Ich werde es mir bei Gelegenheit mal anschauen.

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