Jean de Berg: Das Bild

6. April 2014

Eine kleine Perle aus Blut, von schönem lebhaften Rot, hatte sich oben am Schenkel gebildet.
Claire, deren Züge allmählich wieder sanfter wurden, beugte sich vor,
ohne von ihrem Stuhl aufzustehen, und drückte einen Kuß auf jeder ihrer beiden Hände.

Das Roman „Das Bild“ wurde 1956 in Frankreich unter dem Pseudonym Jean de Berg veröffentlicht und hat damals zu einem Skandal [3] geführt. Das Vorwort zum Buch ist mit P.R. unterzeichnet, dazu findet sich im Nachwort des Büchleins folgendes Zitat Alain Robbe-Grillets: »Kurze Zeit vor unserer Hochzeit im Oktober 1957 hatte meine Frau Catherine unter einem Pseudonym, um nicht den Namen ihrer Eltern ins Spiel zu bringen, bei Minuit einen hübschen erotischen Roman, kurz und unumwunden, unter dem Titel »L’Image« veröffentlicht, der stark beeinflußt war von meinen sexuellen Neigungen, zweifellos aber auch von dem Roman Pauline Réages und im übrigen dieser gewidmet. Ich selbst hatte ein Vorwort geschrieben und kaltblütig mit dem nunmehr berühmten Namen jener verborgenen Autorin mit der fragwürdigen Identität signiert.«“ [2] Die angesprochene „fragwürdige Identität“ ist im Lauf der Jahre gelüftet worden…  besagte Pauline Réage ist die Autorin der bekannten „Geschichte der O.„, [1] einem zwei Jahre vor „Das Bild“ veröffentlichten Roman, in dem die Erziehung einer Frau zu einer perfekten Sklavin beschrieben wird, hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Anne Desclos, die ihrerseits bekannter ist als Dominique Aury. Durch das obige Zitat ist jedenfalls das Pseudonym der Autorinnenschaft des „Das Bild“  mit Catherine Robbe-Grillet, dich sich offen zu ihrer sexuellen Orientierung bekennt, als Verfasserin gelüftet…. [1]

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„Sie gehört mir.“

Die eigentliche Geschichte des Buches ist nicht sonderlich kompliziert. Jean, der Erzähler, trifft auf einer besseren Gesellschaft in Paris auf Claire, die er ein paar Jahre nicht mehr gesehen hat. Diese, eine  Künstlerin, Fotografin, ist offensichtlich in Begleitung einer jungen Frau auf der Veranstaltung, die wiederum mit ihrer noch fast kindlich-unschuldigen Aura, die sie um sich verbreitet, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zieht. Dabei ist sie aber seltsam ruhig und steht mit gesenktem Blick in deren Mittelpunkt.

„Sie gehört mir.“ ist die Auskunft von Claire und sie stellt Anne Jean zur Verfügung, er könne mit ihr machen, was er wolle…

Die drei treffen sich, verbringen Zeit miteinander, fahren auch hinaus. Anne ist die Sklavin, die den Befehlen Claires gehorcht. Bei den Treffen ist sie auch in der Öffentlichkeit in aufreizender Weise gekleidet bzw. auch nicht… Obwohl es eigentlich keines Grundes bedarf.. ist sie nicht schnell genug, wird sie geschlagen, gedemütigt, nach einem festgelegten Ritual.. Claire kann grob sein, vulgär fährt sie Anne an, entblößt sie vor Jean, der immer weiter in dieses seltsame Geschehen einbezogen wird…

Bei einem Besuch Jeans bei Claire zeigt diese ihm Fotografien von Anne in verschiedenen Inszenierungen. Genau wird beschrieben, was auf den Bildern zu sehen ist, Anne in diversen Positionen, aufgenommen in einem Raum, fast einer Kathedrale ähnlich, die Inszenierungen sich immer weiter steigernd, gefesselt, geschlagen, blutend. Nur das letzte Bild, das Claire ihm zeigt,  passt irgendwie nicht zu den anderen. Aber die Fotografin reagiert unwirsch auf Jeans Frage…

Jean wohnt diversen Inszenierungen bei, geniesst sie immer mehr, beteiligt sich auch, schlägt Anne so wie Claire es macht, die bei der letzten Session fast die Beherrrschung verliert. Ja, Jean behält sich sogar das Fanale mit einer aufs strengste gezüchtigten Anne vor…

Nach diesem Abend besucht Claire Jean in dessen Wohnung, Claire, die noch nie geschlagen worden ist….

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„Das Bild“ ist eine recht nüchtern und distanziert geschriebene Geschichte einer S/M-Beziehung zwischen zwei Frauen, aber auch die Geschichte der „Ausbildung“ eines Mannes zum Master, den sich die Dominierende für sich ausgesucht hat. Im oben schon erwähnten Vorwort wird der Versuch gemacht, eine solche sadomasochistische Beziehung zu erklären… Während, so die Erklärung, auf den ersten Blick die Verhältnisse eindeutig sind (der/die Dominierende unterwirft den/die Dominierte seinem Willen), ist es bei näherer Betrachtung bei weitem nicht so einfach. In Wirklichkeit sei die/der Dominierte Herr/in des Geschehens, denn seine/ihre Behandlung sei ein Dienst an ihr, der so zu gestalten ist, daß er sein bzw. ihr Verlangen befriedigt… es ist kompliziert…

Ich habe des öfteren den Begriff „Inszenierung“ verwendet und in der Tat erinnert vieles in den Beschreibungen an eine Theaterinszenierung, an Posen, an festgeschriebene Rituale. Das Dekor ist wichtig, das Kostüm, die Haltung… die „häuslichen“ Aufführung finden in einer Art Theater, einem Raum, der einer gotischen Kathedrale ähnelt und damit die Assoziation zu einem sakralen Akt hervorruft, statt. Es sind Bilder, die im ersten Akt des Buches beschrieben und im zweiten Akt umgesetzt werden, es sind Bilder und Aufführungen, mit denen Claire Jean anleitet, initiiert und verführt, Aber erst als sich die Behandlung Annes nicht mehr steigern läßt, ist Claire bereit, sich ihrem eigenen Bedürfnis hinzugeben….  dem Bild-/Aufführungscharakter der Geschichte entsprechend bleibt die Beschreibung bis auf die Stelle, an der Claire fast die Contenance verliert, distanziert, nüchtern, fast kühl. Der Leser bleibt Zuschauer, wird auf Abstand gehalten….

Es ist die dunkle Seite der Sexualität, die Jean de Berg offenlegt, die Lust am Schmerz, durch den Schmerz und die Lust, zu demütigen, zu verletzen. Es ist auch die dem Tod zugewandte Seite der Sexualität, die Bereitschaft, bis in den Tod zu gehen… alles auf sich zu nehmen, alles zu ertragen, zu erleiden, um in der Liebe Erlösung zu finden. Ein fast schon religiöses Ansinnen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu:
– Anne Desclos/Dominique Aury: http://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Desclos
– Geschichte der O. (Buch): http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_O
– Geschichte der O. (Film): http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Geschichte_der_O
– Catherine Robbe-Grillet: http://de.wikipedia.org/wiki/Catherine_Robbe-Grillet
[2] Verlagsankündigung der Neuausgabe des Romans bei belleville: http://www.belleville-verlag.de/scripts/buch.php?ID=291
[3] gibt es eine bessere Werbestrategie? sex sell´s sowieso schon und dann noch Skandal. Man sollte aber berücksichtigen, daß es sich um 1956 handelt, einer Zeit historisch belegter Prüderie in solchen Angelegenheiten. Ich denke, auch in Frankreich…
[4] Die Geschichte diente natürlich auch schon als Filmvorlage: THE IMAGE (aka THE PUNISHMENT OF ANNE); http://tracker.zaerc.com/torrents-details.php?id=7413

Jean de Berg
Das Bild
Geschichte einer Obsession
Deutsch von Michael Killisch-Horn
Originalausgabe: Paris, 1956
diese Ausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, ca. 125 S., 1995

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4 Responses to “Jean de Berg: Das Bild”

  1. skaldenmet Says:

    Ich wundere mich immer wieder darüber, wie früh derlei Werke in Frankreich veröffentlicht wurden. Vor kurzem habe ich „Die Bastardin“ von Violette Leduc rezensiert. Obwohl ich das Werk für die heutige Zeit mehr als „zahm“ fand, muss es für seine Zeit skandalös gewesen sein. Ebenso das von dir hier geschilderte Werk. Nach Lesen deiner Rezension habe ich mich erstmal über „Die Geschichte der O.“ informiert, die mir nur sehr vage bekannt vorkam und wieder darüber gestaunt, wie weit die Franzosen in dieser Hinsicht waren. In dem kürzlich erschienenen „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ von Yalom kam es meines Wissens nach nicht vor… da gibt es wohl noch einiges zu entdecken, so fernab der Schullektüre.

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    • flattersatz Says:

      danke für den kommentar! das thema wäre sicherlich eine genauere untersuchung wert, verschiedene staaten/länder vergleichend: frankreich, usa, deutschland, england z.b. oder auch noch ein skandinavisches land dazu… vllt ist dieses buch unter diesem gesichtspunkt auch interessant für dich, die wirkliche geschichte der sieben minuten…, da hatte ich mal so ein ganz klein wenig recherchiert. war das nicht die zeit der sünderin (knef), in der ein entblößter busen die nation erregte? oder denkt man an arno schmidt, den ich neulich vorstellte mit seiner seelandschaft…. . es hat sich viel geändert seit damals, zumindest bei uns….

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    • flattersatz Says:

      noch ´ne antwort… ;-)

      in der französischen literatur tauchen erotische texte ja schon früh auf, die philosphische therese zum beispiel, oder die schriften des marquis, als wenige beispiele. hier wurde ja immer auch revoltiert, freiheit propagiert, aufstand gegen sitten und obrigkeit. nicht ohne grund sperrte man de sade in die bastille. erotisches aus deutschland muss man suchen, die mutzenbacher mit ihren eher harmlosen geschichten ist bekannt, aber wer kennt zum beispiel „schwester monika“ oder „priaps normalschule“ (2009 vom aufbau-verlag in einer schönen reihe „bibliotheca erotica“ neu verlegt)? ok, leopold von sacher-masoch sollte man nicht vergessen…. aus england kommt ebenso wenig, die fanny hill (die wohl eher der mutzenbacher entspricht), die viktorianischen ausschweifungen… mehr fällt mir da jetzt garnicht ein. insofern ist frankreich zumindest in europa tatsächlich das land, in dem erotische literatur von bedeutung entstanden ist. übrigens werden in emma beckers: monsieur auch einige hinweise auf unbekanntere romane z.b. der surrealisten gegeben (die ich hier noch nicht alle vorgestellt habe….).

      es gibt viel zu lesen, packen wir es an! :-)

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  2. skaldenmet Says:

    Klasse, danke für das Titel-Dropping! Da kann ich gleich mal ein wenig recherchieren, denn die deutschen Werke in dieser Richtung sind mir bis gerade völlig unbekannt gewesen. Aus dem Schulunterricht (! ;-)) kenne ich noch die „Traumnovelle“ von Schnitzler, die meinen Deutschkurs damals durch ihren ziemlich eindeutigen Inhalt überrascht hat. „Reigen“ von ihm soll ähnlich sein. Nun muss ich doch noch los zur Buchhandlung…

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