Jeanne de Berg: Die Frau

Der Name der Autorin, Jeanne de Berg ist ein Pseudonym, das nicht von ungefähr an den Namen Jean de Berg erinnert, die das Buch „Das Bild„, eine kleine erotische Erzählung aus dem S/M-Milieu, geschrieben hat und dich ich vor kurzem auf meinem Themenblog „Erotische Literatur“ vorstellte. Die sich hinter Jeanne de Berg versteckende Persönlichkeit wurde nicht wirklich geheim gehalten, schnell wurde sie als Catherine Robbe-Grillet geoutet, der Frau des bekannten französischen Schriftstellers Alain Robbe-Grillet. Daher steht die Frage im Raum, was dieses lockere Versteckspiel überhaupt soll…

Es ist, so denke ich, das Pseudonym die Maske des Schriftstellers, bzw. der Schriftstellerin. Und die Maske spielt gerade in diesem Buch eine große Rolle.. Hinter der Maske verbergen sich Dominierenden, während der Sklave vor ihnen sich auf ihr Geheiß ausziehen muss, ihren Blicken, Bemerkungen, Berührungen preisgegeben ist, jede seiner (Er)Regungen ist sichtbar. Die Maske schafft Abstand, stellt eine bestimmte Hierarchie her, macht auch austauschbar. Hinter einer Maske muss die Freiheit grenzenlos sein….

Es geht, wie meiner Einführung unschwer zu entnehmen ist, um sadomasochistische Beziehungen. Die hier in „Die Frau“ von selbiger beschriebenen und gedeuteten sind freilich meilenweit entfernt von bloßen Gewaltanwendungen und -duldungen, auch von eruptiv-cholerischen Behandlungen, wie sie z.b. Fedderke in ihrer „Die Geschichte mit A.“ beschreibt. Eher ähneln sie da schon den auch streng geplanten Aktionen des Marquis, freilich ohne deren Enthemmung, die keine Grenze mehr kennt. Was in „Die Frau“ beschrieben wird, sind Zeremonien, durchgeplant und choreographiert, geprobt, sind fast schon sakrale Akte, die von einer Hohepriesterin zelebriert werden. Allen Teilnehmern werden bestimmte Rollen zugewiesen, alle Details sind geplant, Zufälliges, Spontanes existiert praktisch nicht in diesen Aufführungen. Bezeichnenderweise führt ein solch spontanes Agieren der Hohepriesterin selbst in der letzten der beschriebenen Inszenierungen zu einer Beinahe-Katastrophe….

sebastian

Eine der Zeremonien, die Jeanne de Berg beschreibt, empfindet das Martyrium des Hlg. Sebastian (Bildquelle: Wikipedia.org) nach, verwendet aber keine Pfeile, die abgeschossen werden, sondern… nun ja, Eier, mit denen er beworfen wird. So fließt – zumindest in diesem Teil des Theaters – kein Blut, sondern eine glibbrige, flutschige und klebrige Masse, die den Körper des Sklaven und der Frauen, die sich an ihm reiben, nässt. Es ist eine makaber wirkende Szenerie, das Martyrium eines Heiligen in ein sadomasochistischen Schauspiel zu transferieren, ebenso wie die Beschreibung einer Christusfigur in einer Kirche mit seiner Dornenkrone und dem hervorquellenden und -tropfenden Blut, das aus seinen Wunden rinnt, im Kontext der Szenerie seltsam wirkt….

Bei einer andere Aktion fesselt „Die Frau“ ihren Begleiter an einen eisernen Ring, der in eine Mauer am Ufer der Seine eingelassen ist, vllt haben dort früher einmal Boote festgemacht. Im Lichte der nahenden und sich wieder entfernendenTouristenschiffe auf dem Fluss peitscht sie den Mann aus, beide, die Frau und der Mann, geben den Menschen auf den Booten ein surreales Schauspiel, das so schnell im Scheinwerferlicht erscheint, wie es auch wieder in der Dunkelheit verborgen wird…. es muss auf die Betrachter wirken wie ein Traumbild aus den Tiefen des eigenen Unterbewusstseins, irreal, erschreckend, faszinierend…

So wie eine Orgie das Geplante, Überlegte ausschaltet und sich dem Spontanen hingibt, der Enthemmung, des Momentanen, so sorgfältig plant in diesen Zeromonien die „große Priesterin des Bizarren“ ihre Aufführungen. Das Eintreffen der Akteure ist minutiös geplant, so daß diese sich nicht schon vor der Aufführung treffen, für die verschiedenen Akte der Zeremonie werden verschiedenen Männer benutzt, derjenige, der als Zofe dient, beim Ausziehen hilft, wird nach dem Waschen der Frauen, dem Eincremen und dem Ankleiden wieder weggeschickt, eventuell muss er warten, ob er noch einmal gebraucht wird. Es ist wichtig, daß die Inszenierung in ihrer sublimierten Sexualität beiden Teilen gefällt, beide Parteien, den dominierenden Frauen und den submissiven Männern. Insofern besteht das Abhängigkeitsverhältnis Herrin/Sklave nur auf einer äußeren Ebene, in Wirklichkeit sind sie Partner und die Frau als Agierende ist verantwortlich dafür, ihrem Sklaven Lust zu bereiten. Kehrt sich hier nicht sogar das Verhältnis der beiden um, wird der Sub zum eigentlichen Beherrscher der Zeremonie, dient ihm nicht seine Herrin? Im Vorwort zum „Das Bild“ wird dies (in Bezug auf eine weibliche Sklavin) so ausgedrückt:

Die allmächtige Sklavin, die zu Füßen des Opferpriesters kriecht, ist zum Gott selbst geworden.
Der Mann ist nur noch der Priester, schwach und davor zitternd, einen Fehler zu begehen.
Seine Hand dient nur noch dem Zweck, das Zeremoniell um das heilige Objekt auszuführen.
Verliert er die Gnade, stürzt alles zusammen!“

Zugegeben, ein schwülstiger, schwurbeliger Text, aber passend zu diesen bis ins Dekadente hinein verfeinerten Ritualen, die nichts mehr mit „Folterungen“ zu tun haben (wollen), die in dunklen Verliesen abgehalten werden und in denen die Gepeinigte kaum als Göttin anzusehen ist….

Nacktheit spielt, ausser beim Mann, kaum eine Rolle, die Frauen sind angekleidet, die Herrin selbst in enger, körperbetonter Robe und hochhackigen Schuhen. Nie zieht sie sich aus, nicht immer beteiligt sie sich aktiv an den Figuren ihrer Partitur, ihr reicht oft das Zuschauen und die Sicherheit, als Herrin über allem zu stehen, als Priesterin verehrt zu werden. Die Atmosphäre bei diesen Zeremonien ist ernst und gesammelt, Lachen ist als Entweihung des Aktes verpönt. Erwünscht ist, daß nach Abschluss der Zeremonie die einzelnen Teilnehmer eine persönliche Chronik der Eindrücke verfassen, ihrer Gefühle und Empfindungen…

Lustgewinn durch Schmerz, durch Herrschen und Dienen, es ist die dunkle Seite der Sexualität, nicht die dem Leben zugewandte Seite, sondern die der Ausscheidung, dem Ausscheiden, Absondern, auch dem Schmutz, die dem Tod geweihte. Sexualität, die sich den Körpersekreten widmet, Blut, Urin, Schweiss, Sperma, Kot, diese hervorzulocken, abzusondern, aufzunehmen sind integrale Bestandteile der Zeremonien. Es geht um die Beherrschung des Schmerzes, aktiv beim Zufügen die Kontrolle zu behalten, das richtige Mass zu finden, sich nicht dem Rausch eines unbeherrschten Macht- und Lustgefühls hinzugeben, passiv dagegen bedeutet es, den Schmerz zu ertragen und aus dem Ausgeliefert- und gleichzeitig Behütetsein Erregung zu spüren. Sklave und Herrin sind einander verbunden, Zeichen der Verbundenheit ist das Mal der auf der Brust ausgedrückten Zigarette, die der Gezeichnete im vornehmen Döschen als Reliquie mitnehmen darf.

Stilistisch liegen zwischen diesem Text und den üblichen modernen Romanen und Texten aus dem S/M-Sektor Welten. „Die Frau“ ist (unabhängig, wie die persönliche Einstellung zum Thema ist) ein analytischer, das eigene Tun, die eigenen Motive stark reflektierender Text, in dem es nicht darum geht, durch die exakte Beschreibung von Torturen zu glänzen. Diese werden auch beschrieben, sicherlich, aber genauso wie das Ritual selbst ernst und „sakral“ ist, halten diese Schilderungen immer einen Abstand ein, der den Leser in eine reine Zuschauerrolle weist. Die Beschreibungen der einzelnen Zeremonien, ihrer Vorbereitungen werden durch Passagen unterbrochen, in denen „Die Frau“ in Interview-Form ihr Handeln, ihre Motive, ihre Gedanken reflektiert und kommentiert.

Warum „so etwas“ lesen, könnte man sich fragen, so etwas abseitiges, in manchen Augen vllt sogar perverses. Vielleicht, weil man üblicherweise die Augen vor dem Dunklen, dem Schmutz, zumacht, dem Schmerz ausweicht? Phoebe Müller beschreibt in ihrem Roman „Gejagte„, wie ihr Heldin mit einer Freundin einen S/M-Club besucht, auch an den Aktionen teilnimmt. Die Freundin kommt völlig erschüttert aus einen Séparée zurück und bemerkt, sie hätte nie geglaubt, wieviel Spaß es ihr machen könne, einen Mann auszupeitschen… auch die dunkle Seite in einem selbst sollte man kennenlernen, wahrnehmen, akzeptieren…

Das 1986 in Frankreich  erschienene Buch wurde 1995 bei belleville neu aufgelegt.

Mehr erotische Literatur im Themenblog von aus.gelesen: „Erotische Literatur

Jeanne de Berg
Die Frau
Aus dem Französischen übersetzt von Michael von Killisch-Horn
Originalausgabe: Edition Grasset et Faucelle, Paris
diese Ausgabe: belleville Verlag Michael Farin, HC, ca 140 S., 1995

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