Ernst Engelke: Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker

Begegnungen mit Sterbenskranken sind Begegnungen mit mir selbst.

Mit dem Wissen um eine schlimme Erkrankung, der Kenntnisnahme einer infausten Prognose ändert sich das Leben des Betroffenen fundamental: er fällt aus der Lebensrealität, so wie er sie in seinem bisherigen Sein gekannt hat, heraus. Selbst wenn körperliche Einschränkungen noch kaum vorhanden sind, ist allein das Wissen um den möglicherweise nahen Tod belastend und beherrschend. Somit besteht von diesem Moment an ein „Graben“ zwischen dem Erkrankten und dem Gesunden: das, was vorher wichtig war, interessiert nicht mehr, ein Thema, das vorher nie auf der Tagesordnung stand, ist an die erste Stelle gerückt. Weder Erkrankter noch seine Familie, seine Freunde und Bekannten, die ihn begleiten, sind auf diese Situation einer völlig veränderten Kommunikation vorbereitet, selbst professionelle Helfer wir Ärzte, Pfleger u.a.m. haben unter Umständen Schwierigkeiten, mit solchen Patienten richtig umzugehen, insbesondere dann, wenn sie sich als „schwierige“ Patienten erweisen.

Um diese Schwierigkeiten zu vermeiden bzw. zu meistern, muss man im Kommunikationsdreieck: Helfer (professionell und ehrenamtlich) – Patient – Familie (Freunde, Bekannte) das Charakteristische, das Prägende der einzelnen Akteure kennen, um dann das eigene Verhalten diesen Randbedingungen anpassen zu können. Diesem Thema widmet sich der Autor sehr praxisnah, mit wenigen Ausflügen in die Theorie, dafür mit vielen, sehr vielen Fallbeispielen aus der Realität (und aus niedergeschriebenen Krankengeschichten).

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert:

  • Unterricht an Sterbebetten
  • Erleben und Verhalten Sterbenskranker
  • Erleben und Verhalten der Angehörigen und Freunde
  • Erleben und Verhalten professioneller Helfer
  • Bausteine und Wege für eine angemessene Kommunikation

Im ersten Teil räumt Engelke erst einmal mit verschiedenen, verbreiteten Irrtümern auf. Unter anderem durch die Arbeiten Philippe Aries´ (einem französischen Mittelalterforscher und Historiker [5]) wurde das Bild geprägt, der Tod in früheren Zeiten sei als Bestandteil des Lebens akzeptiert und das Sterben hätte in dem meisten Fällen in häuslicher Umgebung stattgefunden. Dem ist nicht so, wie Engelke ausführt, schon Tepl [2] wetterte aufs Bitterste gegen den Gevatter, Goethe legte sich immer, wenn aus seinem Umkreis jemand starb, mit Migräne ins Bett. Dem häuslichen Sterben stand schon die Wohnungssituation mit ihrer Enge und den vielen Familienmitgliedern entgegen, die meisten Mensch starben in der Fremde, auf Kriegszügen, an Krankheiten, an Hunger….

Der zweite Mythos, und hinsichtlich des Buchthemas der wichtigere, mit dem Engelke aufräumt, ist die Kübler-Ross´sche Einteilung des Sterbens in die bekannten fünf Phasen [3]. Selbstverständlich ist das Sterben ein Prozess und im Rahmen dieses Prozesses sind immer wieder gleiche oder ähnliche Phänomene zu beobachten. Trotzdem ist mittlerweile anerkannt, daß es ein „richtiges“ Sterben, das sich nach einem bestimmten Fahrplan hält, nicht gibt. Die schon von Kübler-Ross (und auch in anderen Phasenmodellen) beschriebenen Gefühlsäußerungen können auftreten, müssen aber nicht, sie können in verschiedenen Reihenfolgen auftreten, mehrfach zu beobachten sein, jeweils getrennt durch andere Verhaltensweisen… der Sterbeprozess ist sehr individuell, auch wenn sein Endzustand bei jedem Wesen, Mensch oder auch Tier, gleich ist. Dies zu wissen ist insofern wichtig, als daß man einem Sterbenden eben zubilligen muss, seinen Tod z.B. nicht zu akzeptieren (letzte Phase nach Kübler-Ross) und man einen zornigen, verzweifelten dies zubilligen muss und ihn in der Begleitung nicht traktieren darf: „Sie müssen jetzt doch einsehen, daß ihr Tod unausweichlich ist…“ Bittere Ironie, daß genau diese Nichtaktzeptanz des eigenen Todes bei Kübler-Ross, die einen schweren Tod hatte, gegeben war….

Im zweiten Buchabschnitt betrachtet der Autor den Patienten von dem Moment an, an dem er „die Wahrheit“ erfährt. Es beginnt jetzt die Phase immer währender Verluste: an Eigenständigkeit, an Mobilität, an Fähigkeiten… die Hilfsbedürftigkeit wird immer größer, die Intimsphäre geht bei der Pflege verloren, andere Menschen greifen in seine privatesten Bereiche ein. Schmerzen, Unwohlsein, Ekel treten auf, im Gegensatz  zum gesunden Leben kann ein gelungener Gang zur Toilette zum Höhepunkt des Tages werden.. Angst, Hoffnung, Bangen herrschen, alte Probleme z.B. mit der Familie brechen wieder auf oder verstärken sich. Die Welt des Patienten wird immer enger, bezieht sich immer mehr nur auf ihn selber. Warum? Auch wenn es keine Antwort gibt, steht die Frage im Raum…

Aber auch für die Familienangehörigen hat sich die Welt geändert: unvermutet und ungeplant, jedoch sehr fordernd stehen Aktivitäten wie Krankenhausbesuche, Erledigung von Formalitäten, Einholen von Informationen im Raum. Häusliche Pflege ist oft eine 24/7 Pflege, die die gesamte Familie stark in Mitleidenschaft zieht und belastet. Der Tod wäre eine Entlastung…. die Gefühle werden oft ambivalent.. im Krankenhaus werden Familienangehörigen oft zu Co-Patienten, die mit zu begleiten sind, die auch mitreden wollen und ihre eigenen Interessen – zum Teil vehement und konträr – vertreten.

Ebenso wenig konfliktfrei ist das Verhältnis Arzt/professioneller Helfer [4] zum Patienten bzw. dessen Angehörigen. Einerseits ist der Arzt derjenige, der helfen will, kann und soll, andererseits ist er derjenige, der jetzt, zum Teil rigide und forsch das Handeln bestimmt und der schlicht und einfach jetzt das Sagen hat. Sich dagegen aufzulehnen trägt einem schnell den Ruf eines „schwierigen Patienten“ ein. Oft ist die Kommunikation in solchen verfahrenen Situationen gestört… oft sind Ärzte und Pfleger aber durch die äußeren (Arbeits)bedingungen belastet und überlastet, haben keine Zeit für lange Erklärungen und auch nicht die innere Ruhe, sich wirklich auf den Patienten einzulassen….

Nachdem der Autor mit diesen Kapiteln (dieren Inhalt ich nur sehr ansatzweise andeuten konnte) sozusagen das „Setting“ bereitet hat, die möglichen Randbedingungen für die Kommunikation der Akteure erklärt hat, widmet er sich im letzten Abschnitt der eigentlichen Kommunikation. Auch jetzt wird erst einmal Basiswissen angeführt, verschiedene Arten von Kommunikation werden erläutert, Fragetechniken charakterisiert, die Rolle von Emotionen wird erklärt und die Wichtigkeit, in einer Meta-Kommunikation kurzfristig Probleme der stattfindenden Kommunikation anzusprechen und abzustellen.

Gespräche müssen vorbereitet, strukturiert und geleitet werden, die äußeren Bedingungen, unter denen ein Gespräch stattfindet, können über Ge- oder Misslingen entscheiden. Streit ist zu schlichten, in Krisen muss einzugegriffen werden, Vermittlung zwischen Parteien kann notwendig sein. Ein besonders schwieriges Kapitel ist das der Übermittlung schlechter Nachrichten, Hier muss man wissen, daß eine schlechte Nachricht den Patienten (die Angehörigen) sofort auf die Gefühlsebene holt, in der er nicht mehr in der Lage ist, Informationen (also Gespräche, die die kognitive Ebene ansprechen) aufzunehmen. Das von Engelke empfohlene „Wir reden dann morgen weiter“ ist in dieser Hinsicht zwar richtig, aber aus der eigenen Erfahrung weiß ich, daß in diesem Momenten ein (in Krankenhäusern normalerweise natürlich nicht zur Verfügung stehender) Begleiter beim Patienten sein sollte, der diesen in dieser kritischen Phase stützen kann. Ein Patient, der vom Arzt z.B. eine Krebsdiagnose bekommt und dann nach fünf Minuten hört: „Wir reden morgen weiter!“ kann in diesem Moment der einsamste Mensch der Welt werden….

Ein anderes Thema sind Suizidgedanken bzw. der durchaus nicht seltene Wunsch nach einer „erlösenden“ Spritze, Tablette o.ä. In diesen Momenten erfordert es viel Einfühlungsvermögen, das „richtige“ zu erwidern…. Schweigen ist oft das besser Reden….

Das Buch schließt mit einigen Merksätzen und Empfehlungen ab.

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„Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker“ ist eine sehr praxisnahe, kompakte Einführung in die Kunst der Kommunikation mit Menschen in einer extremen Belastungs- und Verlustsituation. Wir können uns nie wirklich einfühlen in die Lebenswelt und die Gefühle eines Sterbenden: dieser ist an sein Bett, an das Zimmer oder das Haus gefesselt, wir können nach draußen gehen in die Welt. Wir haben eine Zukunft, er nicht mehr. Aber wir können ihn begleiten, wir können ihm zuhören, ihm Trost spenden, mit ihm weinen, mit ihm schweigen. Wir können ihm raten und wir müssen lernen zu akzeptieren, ob er unseren Rat annimmt oder nicht. An diesem Punkt kommen die Begriffe „Menschenwürde“ und „Selbstbestimmungsrecht“ ins Spiel. Je besser wir die Regeln der Kommunikation mit Sterbenskranken beherrschen (und immer berücksichtigen, daß es „das“ richtige Verhalten nicht gibt), umso fruchtbarer wird unsere Begleitung bzw. unser Handeln sein. Kommunizieren heißt auch, den anderen in seiner besonderen Lage zu verstehen, auch dazu verhilft dieses Buch.

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, daß mein größtes Kommunikationsproblem immer betagte Patienten sind, deren Gebiss auf der Odyssee durch die Krankenhäuser irgendwo abhanden gekommen ist und die dann noch das einheimische Platt schwätzen, nuscheln, krächzen, murmeln…. rien ne va plus…. in solchen Fällen versuche ich immer, stituativ zu improvisieren und mich für meine Probleme zu entschuldigen….

Das Buch wendet sich zwar in erster Linie an Ärzte und -innen bzw. Pflegekräfte, aber die Grundsätze einer erfolgreichen Kommunikation gelten natürlich in entsprechender Weise genauso für die Ehrenamtlichen (wie auch die Betroffenen…). „Gegen die Einsamkeit Sterbender“ ist genau das Buch über Verständigung, das ich schon lange gesucht hatte.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Ernst Engelke
[2] Johannes von Tepl: Der Ackermann (Buchvorstellung hier im Blog)
[3] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[4] es ist interessant, daß Engelke, wenn er Ärzte, Pfleger, Psychologen u.ä. erwähnt, die männliche Form wählt, einzig weiblich sind bei ihm die Hospizhelferinnen. Das ist mir als männlichem Hospizhelfer dann doch aufgestossen… Ein in dieser Hinsicht typischer Satz von Engelke lautet z.B. [S. 315]. „Der Arzt ist selbstverständlich der Gesprächspartner…. können Angehörige, Freunde, Seelsorger, Pflegekräfte, Hospizhelferinnen diese Aufgabe auch übernehmen.
[5] Wiki-Seite zu Philippe Aries

Mehr Bücher zum Thema im Themenblog: Sterben, Tod und Trauer

Ernst Engelke
Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker
Wie Kommunikation gelingen kann
Lambertus-Verlag, kartoniert/broschiert, 380 S., 2012

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2 Kommentare zu „Ernst Engelke: Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker

  1. Vielen Dank für die schöne Rezension – ich arbeite auch in dem Bereich und ich denke, da wird mir das Buch gute Dienste leisten können.

    Die Sache mit den Hospizhelferinnen klingt allerdings schon recht, hm, unglücklich gewählt…

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    1. ach, das würde mich aber freuen, wenn dir das buch bei deiner arbeit helfen würde! es ist wirklich sehr praxisnah geschrieben, mit vielen beispielen…
      .. und das mit den -helferinnen, ach gottchen, ja, ist mir halt so aufgefallen, ich nehm es nicht sooo furchtbar ernst… ;-)

      liebe grüße
      fs

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