Mathias Menegoz: Karpathia

Der junge französische Autor Mathias Menegoz hat mütterlicherseits eigene Wurzeln, die in die Weltgegend, das östliche Europa, reichen, in der sein vorliegender Erstling spielt: seine Mutter ist Donauschwäbin (der Vater Franzose) und der Roman führt uns in den südlichen Karpatenraum, nach Transsilvanien bzw. nach Siebenbürgen, heute in Rumänien gelegen, damals, zur Zeit, in der der Roman spielt, an der Aussengrenze des Habsburger Reiches.


Die Handlung setzt jedoch im Wien des Jahres 1833 ein. Der Hauptmann im Generalstab, Alexander Korvanyi, fühlt sich durch das unbedachte Wort eines Offiziers gekränkt: eine junge Dame der Gesellschaft, die er kennt (und offensichtlich mag) wurde in seinen Augen beleidigt. Was nun folgt, ist eine Frage der Ehre und die war seinerzeit das Leben eines Menschen wert. Vor dem Duell (und ohne daß Clara von Amprecht von diesem Duell überhaupt Kenntnis hat) macht er dieser im Wissen, daß er – dies eine conditio sine qua non Claras – den Militärdienst dann quittieren muss, einen Heiratsantrag, den die junge Frau annimmt. Die Zukunft des Paares wird sich also auf dem alten Besitz der Korvanyis  in Transsilvanien abspielen, der Korvanya, die die Familie Korvanyi vor einem halben Jahrhundert nach Unruhen verlassen hat und die seitdem von Verwaltern aus niederem Adel bewirtschaftet wird. Diesen Besitz will der Graf wieder persönlich leiten und zur Blüte bringen.

Die Übersiedlung des Paares vom herrschaftlichen Wien, einem der großen Zentren Europas, in das düster wirkende Transilvanien ist eine kleine Reise in das Herz der Finsternis. Denn keineswegs zieht mit dem Grafenpaar auch Glück und Freude bei den Einheimischen ein: der Verwalter fürchtet um seine Position und sein bequemes Leben, die Leibeigenen der Umgebung und die Dienerschaft bekommen die fremde Art des Grafen zu spüren und fürchten ihn bald.

Die Vorstellungen des Grafen stören die seit Jahrzehnten eingespielten Routinen der Menschen. Und seltsamerweise häufen sich seit der Ankunft des Paares Unglücke und unerklärbare Vorgänge: Kinder verschwinden und einer jungen Frau mit Namen Auranca wird Gewalt angetan. Zwar kann anscheinend der von der Gräfin, einer begeisterten und guten Jägerin, erlegte Wolf, der von der Leiche des Kindes aufgeschreckt wurde, das Verschwinden der Kinder erklären, doch hat dieses in Verbindung mit den sichtbaren Verletzungen Aurancas bei der abergläubischen Bevölkerung schon längst eine andere Deutung erfahren: ein Vampir sei es, der umgeht.

Da der Tod des Wolfes die Menschen nicht beruhigt, ist der Graf immer überzeugter von seinem heimlichen Verdacht, daß er nämlich einen Gegenspieler hat, der im Untergrund gegen ihn arbeitet, ihm schaden will. Ohne Wissen seiner Frau entwickelt er einen Plan, wie er das große Jagdfest, das das Paar zur Begrüßung der Nachbarn ausrichten will, für seine Zwecke einspannen könnte. Damit jedoch setzt er eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang, denn daß sein Grundgedanke zutrifft, zeigt sich bald: er hat einen mächtigen Gegner zu fürchten – und sich gegen ihn zur Wehr zu setzen…


Man kann den Roman von Menegoz natürlich ganz einfach als spannende Geschichte lesen, die vor einer Kulisse vergangener Zeiten spielt. Die Walachei – redewendlich geworden in Deutschland durch ‚Hier sieht´s ja aus wie in der Walachei‘ – ist Sinnbild für die Armut, die Rückständigkeit der Region. Sie ist in Karpathia vertreten durch ihre Landsleute, die Walachen, die als Leibeigene des Grafen in seinem Besitz in armseligen Behausungen leben und für ihn zu arbeiten haben. Sie gehören nicht zu den drei ‚Nationen‘ in dieser Region (neben dem ungarischen Adel, den Szeklern und den Siebenbürger Sachsen [2]). Unter diesen Volksgruppen herrschen Eifersüchteleien und Abgrenzung, man bleibt unter sich und wacht darüber, daß die anderen nicht bevorzugt behandelt werden, der Adel sieht sich sowieso als über allem stehend. Als unterste in der Hierarchie sind die Leibeigenen diejenigen, die als als Zielgruppe Aufständischer zu sehen sind: sie waren es schon 1783, den damals gegen ihre Herren revoltierten und sie zur Abwanderung brachten. Die Skelette der damals ermordeten Vorfahren in der Krypta des schwarzen Teil der Burg sind dem jungen, heimgekehrten Grafen ein stetig bohrender Schmerz im Herz.

So ist der Roman eingebettet in eine Schilderung der Zustände dieses Grenzgebietes zweier Kaiserreiche, weit weg von der ‚fortschrittlichen‘ Zentralgewalt der Hauptstadt, unter einem fast noch archaischen Feudalsystem mit einem standesbewussten und arroganten Adel stöhnend. Die Grenznähe bedingt die Existenz einer im Untergrund lebender Schmuggelorganisation, deren Führer charismatisch als Inkarnation des legendären Vlad [3] angesehen wird, diese Bande sollte sich dann auch als Gegenspieler des Grafen entpuppen.

Die von mir als Reise ins Herz der Finsternis bezeichnete Rückkehr des jungen Grafen auf die Burg und in die Ländereien der Vorfahren führt zu nichts anderen als zu einem ‚Clash of Cultures‘. Graf Alexander Korvanyi, mit besten Vorsätzen, gutem Willen und den Menschen gegenüber keineswegs feindlich gesinnt, zeichnet sich durch ein völliges Fehlen von Einfühlungsvermögen aus. Unsicherheit wird durch Härte kompensiert, auf berechtigte Belange der Bevölkerung kaum Rücksicht genommen, deren Eigenheit und Interessen werden übergangen. Er merkt, daß er als störendes Element empfunden und daß ihm Misstrauen entgegen gebracht wird, allein verleitet ihn das, noch unnachgiebiger zu werden, gnädig sein wäre für ihn unverzeihbare Schwäche. Ein Nicht- bzw. Falschverstehen also, das durchaus wechselseitig ist: auch die Leibeigenen interpretieren die Handlungen des Grafen in ihren gewohnten Mustern… So bauen sich schnell Fronten auf zwischen Herrn und seinen Leibeigenen… ein Muster, das sich in der Geschichte immer wieder wiederholt, wenn Kulturen unterschiedlichen Charakters und Entwicklungsstandes aufeinander treffen, hier von Menegoz in seine Geschichte eingeflochten.

Die blutigen und gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Menegoz schildert, zeigen ganz deutlich das gegenseitige Unverständnis, die Unfähigkeit jeder Seite, ihren Gegner bzw, hier durchaus ihren Feind, richtig einzuschätzen. Mag der jeweilige Hochmut auch anders ‚begründet‘ sein, so führt er doch bei beiden Parteien dazu, die jeweils andere zu unterschätzen, was zu bitteren Folgen und Niederlagen führt. Auch dieser Aspekt der Geschichte läßt sich sehr leicht in die Moderne übertragen, daß Hochmut vor dem Fall kommt, hat sich nicht geändert, wird sich nicht ändern…

Mir war beim Lesen des Buches der erste Teil, der in Wien spielt, mit seinem ausführlichen Beleuchten des Aspektes ‚Ehre‘ etwas langatmig erschienen. Erst beim weiteren Lesen erkannte ich, daß der Autor mit dieser längeren Schilderung zum einen den Gegensatz zwischen dem Leben in Wien und dem in Transsilvanien herausgearbeitet hat und daß er zum zweiten natürlich die Bedeutung dieses Faktors ‚Ehre‘ für zum einen den Offizier Alexander Kolvanyi und später dann die Adligen, den Grafen und die Gräfin Kolvanyi herausstellt. Die Auswirkungen der Bedeutung dieses Begriffes kann man kaum überschätzen, letztlich ist es die aus dem Ehrbegriff abgeleitete Verpflichtung zur gegenseitigen Unterstützung, die Kolvanyi seinen Feldzug erst ermöglicht: die Bewahrung der Ehre steht über dem Leben. Im übrigen, ohne daß ich das jetzt weiter vertiefen möchte, ist ein – wenn auch anders gearteter – Begriff von ‚Ehre‘ auch bei der Schmugglerbande um Vlad zu finden – sozusagen als Antiphon zur Ehre der Adligen.


Nun hat Menegoz nicht einfach nur seine Geschichte erzählt. Immer wieder geht er ausführlich auf das Innenleben seiner Figuren ein, legt ihre Motive dar, ihre Gedanken, ihre Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen. Als Leser bewahrt man Abstand zu den Charakteren, Alexander tut einem wegen der Beschränktheit seiner Möglichkeiten und der Unausweichlichkeit der Situation, die ihm aufgezwungen wird, etwas leid, ohne daß er wirklich mit ihm sympathisiert. Die Gräfin, anfangs eher eine verwöhnte junge Frau, die Spaß haben will, geht durch eine harte Lebensschule und reift im Gang der Ereignisse, was auf die Ehe der beiden nicht ohne Auswirkungen bleibt. Keine der Figuren handelt wirklich aus freiem Willen, alle sind eingebunden in über(k,n)ommene Verhaltensmuster und Rollenbilder, aus denen sie nicht ausbrechen können, um so weniger, je mehr sich die Lage zuspitzt.


Die relativ kurzen Abschnitte, in die der Roman geteilt ist, wechseln jeweils zwischen den Parteien, dadurch gewinnt die Handlung mit Fortschritt an Tempo und Spannung bis hin zur finalen Auseindersetzung der Feinde. So wie es der Autor versteht, die Gedankenwelt seiner Figuren offenzulegen, so anschaulich schildert kann er auch die Kämpfe schildern, die blutrünstig und gewalttätig sind. Es ist anschaulich, was er schreibt, das Beschriebene entsteht in der eigenen Vorstellung, manchmal vermeint man, ihm tatsächlich beizuwohnen, an den Kämpfen teilzunehmen.

Das Buch ist düster wie sein gelungenes Umschlagbild, das ganz hervorragend mit dem Inhalt korrespondiert. So düster es auch ist, ich war gefangen von ihm und wurde, je mehr ich gelesen habe, um so mehr in seinen Bann gezogen.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Menge und Umfang der Infos über den Autoren halten sich im Netz noch im überschaubaren Rahmen, hier z.b.  https://www.histo-couch.de/mathias-menegoz.html
[2] Die Handlung spielt wohl in der nordöstlichen, grenznahen Region Siebenbürgens (alte Karte von 1857!):  https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenbürgen
[3] vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_III._Drăculea

 

Mathias Menegoz
Karpathia
Übersetzt aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Originalausgabe: Karpathia, Paris, 2014
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 640 S., 2017

Ich danke dem Verlag für dieses mir (irrtümlicherweise ;-) ) überlassene Leseexemplar.

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4 Kommentare zu „Mathias Menegoz: Karpathia

  1. Das Buch war eh schon auf meiner Wunschliste, ist durch Kaffeehaussitzers Rezension dort noch höher gewandert und durch Deine jetzt nach ganz weit oben. – Sehr, sehr schöne ausführliche Besprechung! Besten Dank dafür! Grüße aus der Crime Alley

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    1. danke für deinen besuch und den lieben kommentar. mich hatte das buch tatsächlich überrascht, weil mir der anfang etwas zäh war, aber dann entwickelte es tatsächlich einen großen sog beim lesen. ich bin sicher, dir gefällt es auch!
      liebe grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

  2. Guten Morgen,
    dieses Buch ist gerade ganz nach oben auf meine Wunschliste gewandert. Ich habe ein Jahr in Ungarn verbracht und war erstaunt, wie viel Raum Siebenbürgen (und dessen Verlust) noch immer im ungarischen Bewusstsein einnehmen.
    Viele Grüße
    Jana

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