Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

Der 1954 in Japan geborene und seit 1960 in Großbritannien lebende Kazuo Ishiguro gehört einem exklusiven Club an, dem der Nobelpreisträger für Literatur nämlich. Dieser wurde ihm in diesem Jahr 2017 mit der Begründung verliehen, er sei ein Schriftsteller, der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat. Das bekannteste Werk von ihm ist wohl der Roman Was vom Tage übrig blieb, dem vorliegenden, 2005 erschienen Buch Alles, was wir geben mussten (Never Let Me Go) wurde seinerzeit von vielen Kritikern das Prädikat „wichtigste Erzählung des Jahres“  verliehen. [1] Beide Romane sind verfilmt worden.


Eine Baumallee führt den Blick zu einem großem Gebäude hin, der Eindruck des Umschlagbildes ist freundlich und einladend. Auf der Rückseite ist der Blick ähnlich, als stünden wir im Zentrum und könnten nach einem Schwenk aus Richtung des Gebäudes nach ‚außen‘ schauen, ein Außen, das jedoch in einer Art Nebel versunken ist und nichts von sich preisgibt. Der Nebel scheint wie über die Baumreihen gestülpt, die dadurch bleich werden, ihre Äste wie Knochen in das diffuse Weiß weisend.

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen über elf Jahre als Betreuerin. So fängt dieser Roman Ishiguros an. Kathy ist die Erzählerin der Geschichte, daß sie schon seit elf Jahren Betreuerin ist (von wem oder in welchem Zusammenhang bleibt vorerst offen), ist etwas Aussergewöhnliches, kommt (wie erklärt wird) nicht häufig vor und auch Kathy wird ihre Aufgabe bald beenden.

Alles, was wir geben mussten ist in drei Teile aufgeteilt. Der erste Teil umfasst einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren, in denen Kathy das Heranwachsen einer Gruppe Kinder in einem englischen Internat schildert, Kinder, die dann als Jugendliche die Einrichtung in Hailsham verlassen werden. Ich schrieb ‚Einrichtung‘, denn es ist anfangs nicht ganz klar, was dies für eine Einrichtung ist, in normalen Internaten werden die Lehrer schließlich nicht als ‚Aufseher‘ bezeichnet, eine Funktion, die eher auf ein Gefängnis schließen ließe. Und tatsächlich schält sich im Lauf der Erinnerungen Kathys heraus, daß Hailsham beides ist: Internat sowohl als auch eine Art ‚Lager‘, dessen einziger Kontakt zur Aussenwelt der regelmäßig erscheinende Lieferdienst ist. Von Eltern ist nie die Rede, die englischen Landschaften und Regionen lernen die Schüler/-innen nur über Kalenderbilder kennen, auf das spätere Leben außerhalb Hailsham werden sie über Rollenspiele eingeübt.

Natürlich gibt es ein paar Personen, die einen besonderen Status in den Erinnerungen Kathys haben: ihre beste Freundin Ruth und Tommy, mit dem sie sich so gut verstand, die Aufseherin Lucy spielt eine große Rolle und hin und wieder auch eine rätselhafte ‚Madame‘, die keinen Namen hat, Hailsham mehr oder weniger regelmäßig besucht, dann Zeugnisse der kreativen Arbeit (die offensichtlich sehr wichtig ist) der Schüler für ihre ‚Galerie‘ mitnimmt und die weinen muss, als sei eines Tages heimlich sieht, wie Kathy mit einem Kissen vor die Brust gedrückt zu einen Lied tanzt.

Ishiguro erzeugt eine düstere, unheilschwangere, rätselhafte Atmosphäre: man merkt, daß etwas nicht ’stimmt‘, kann es aber nicht packen, da die Kinder/Jugendlichen im Grunde so sind (oder fast so sind) wie alle Menschen in diesem Alter, sich so verhalten, so pubertieren, so auch zu Erwachsenen reifen. Bis es dann eines Tages deutlich ausgesprochen wird: diese jungen Menschen haben keine Eltern denn sie sind Klone, sie sind Organersatzteillager.

Mit sechzehn Jahren ist die Zeit in Hailsham für die jungen Erwachsenen vorbei, sie kommen in sogenannte Cottages, in denen sie auf ‚Kollegiaten‘ aus anderen Einrichtungen treffen. Ruth, Tommy, Kathy und noch ein paar andere bleiben zusammen, man merkt jedoch schnell, daß Hailsham etwas besonderes war. Sie versuchen sich ihr Leben einzurichten, Sex wird wichtig für sie, er ist ohne großes Risiko, da sie keine Kinder bekommen können. Tommy und Ruth werden ein Paar, Kathy ist beunruhigt über die Tatsache, daß sie ‚es‘ manchmal so stark braucht, daß ihr egal wird, wer es ihr besorgt. Es wird die Frage gestreift, wer oder was ihre ‚Möglichen‘ sind, die Menschen also, von denen sie geklont wurden. In einem Ausbruch versteift sich Ruth darauf, daß sie vom Abschaum stammen und Kathy schaut sich daraufhin die Pornohefte, die einer der älteren Kollegiaten einst gesammelt hatte, nach Gesichter durch, die ihr ähneln. Es bleibt genauso ohne Ergebnis wie der Ausflug nach Norfolk, wo einer der Älteren eine ‚Mögliche‘ von Ruth gesehen zu haben meint.

Und noch ein Gerücht beschäftigt die drei: wenn ein Paar sich sehr liebt und diese Liebe beweisen kann, dann kann es – so das Gerücht – zurückgestellt werden, um diese Liebe ein paar Jahre zu leben. Nach Tommys Theorie (Welche Grundlage haben die Auseher, das zu entscheiden?) dienen die Werke der Schüler, die Madame seinerzeit für die Galerie gesammelt hat, als Entscheidungsgrundlage, denn sie erlauben einen Blick in die Seele… und Tommy selbst war damals nicht kreativ, hat nie was für die Galerie geschaffen und versucht verzweifelt, dies nachzuholen… Die drei leben sich jedoch bald auseinander, bis Kathy sich entschließt, Betreuerin zu werden.

Der dritte Teil des Romans spielt jetzt sieben Jahre später, Kathy ist immer noch Betreuerin und fährt in ganz England herum, um sich um die Spender zu kümmern. Selten trifft sie jemanden von damals, aus Hailsham, aber von Julia erfährt sie, daß ihre Schule mittlerweile geschlossen worden ist. Sie hört auch von Ruth und entschließt sich, deren Betreuerin zu werden. Das Verhältnis ist nicht unkompliziert und auf einem Ausflug zusammen mit Tommy, der auch Spender ist und den Ruth unbedingt wiedersehen will, bittet Ruth die beiden um Verzeihung, daß sie sich zwischen sie gestellt hat, sie Tommy und Kathy auseinander gehalten hat; sie gibt ihnen die Adresse von Madame, die sie herausgefunden hat und ermutigt sie, dort um eine Rückstellung zu bitten.

Nach dem Tod von Ruth werden Tommy und Kathy in Paar, Kathy wird auch Betreuerin von Tommy. Es kommt zu dieser Begegnung mit Madame, die jetzt auch einen Namen erhält – und sie treffen die ehemalige Schulleiterin in Madames Haus. Von ihr erfahren sie (und damit wir) einen ganz groben Hintergrund der ganzen Geschichte um die geklonten Menschen – und sie erfahren, daß es keine Rückstellungen gibt, daß dies einzig und allein ein Gerücht ist, das nie zutreffend war…

Danach leben sich Tommy und Kathy auseinander, bis Tommy, obwohl sie Freunde bleiben, sogar einen anderen Betreuer für sich haben möchte – seine nächste Spende steht an. Aber auch für Kathy wird die Zeit als Betreuerin jetzt enden, sie wird blad eine Benachrichtigung erhalten, und wenn ich erst in dem Zentrum bin, in das sie mich dann schicken, und ein ruhigeres Leben führe, werde ich Hailsham bei mir haben, sicher verwahrt im Kopf, und das wird mir niemand mehr nehmen können. 


Wir haben diesen Roman des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro bei uns im Lesekreis, dem ich hiermit auch für die Diskussion, die in meine Besprechung mit einfließt, bedanke, besprochen: die Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Das übergeordnete Thema des Buches zielt auf die Auswirkungen, Ergebnisse – es ist schwierig, hier das richtige Wort zu finden – gentechnischer Manipulationen, hier der seit 1996 mit dem Klonschaf Dolly demonstrierten Möglichkeit, auch ein hochentwickeltes Säugetier (und damit prinzipiell auch den Menschen) zu klonieren [2]. „.. es ist schwierig… “ weil Ishiguro konsequent jegliche Erklärung oder Einbettung seiner Geschichte in einen (fikitiven) historischen Kontext verweigert. Einzig, daß dieses Programm nach dem Krieg gegründet worden ist und daß die Handlung des Romans in den achziger Jahren spielt, konkretisiert er – kaum mehr ist dem Roman zu entnehmen. Ishiguro erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Sicht seiner Hauptperson Kathy, wir wissen zu keinen Zeitpunkt mehr als diese – wenn man mal von dem Wissen absieht, daß es eben genauso ist. Dieser etwas spitzfindig auf eine Metaebene deutende Satz ist insofern angebracht, als daß Kathy zwar auch wissen könnte, daß sie nichts weiß, daß es jedoch für Kathy – und auch für alle anderen – überhaupt keine Frage ist, sie thematisieren diese Frage nur äußerst selten. Allenfalls die immer wieder gerüchteweise vermutete Existenz von ‚Möglichen‘ könnte man in diese Hinsicht interpretieren.

Die jungen Menschen wie Kathy, Tommy, Ruth sind seltsam gefühlsreduziert. Spätestens wenn in der Pubertät normalerweise eine Auflehnen gegen äußere Zwänge erfolgt, der eigene Weg ins Leben gesucht wird, fällt dieser Mangel auf: obwohl die Kinder durch ihre Aufseherin Lucy genau um ihr Schicksal wissen, stellen sie es nie in Frage oder revoltieren gar dagegen. Klaglos akzeptieren sie, daß ihr Schicksal ist, als junge Erwachsene ausgeweidet zu werden und zu sterben.

So gefühlsreduziert bzw. was den Sex angeht, sogar ins animalische hineinreichend (wenn Kathy – später wird auch Ruth das zugeben – es unbedingt braucht, dann ist ihr egal, wer es ihr besorgt) ihr Verhalten ist, so zäh ziehen sich teilweise die Schilderungen Ishiguros in den ersten beiden Abschnitten des Romans. Es geschieht nur wenig, und wenn, dann hat man das Gefühl, es ist wieder das Gleiche, nur mit anderen Worten. Schlüsselstellen sind zweifelsohne der ‚Tanz‘ Kathys mit dem Kissen, der von der emotional berührten Madame beobachtet wird, die Eröffnung ihres Schicksals durch die Aufseherin Lucy, später dann die Fahrt nach Norfolk, um die ‚Mögliche‘ von Ruth zu suchen…

Der dritte Abschnitt, in dem alles auf ein Ende hinläuft, in dem die Protagonisten, auf jeden Fall aber Kathy, etwas aus der Isolation des Programms herausgenommen ist und mit der Welt in Berührung kommt (und wenn es nur durch die vielen Autofahrten durch das Land ist) ist lebhafter, wird dramatischer. Die Konflikte zwischen den drei Protagonisten treten zu Tage, die intrigante Ruth verspürt ein Gefühl der Reue und der Schuld Kathy und Tommy gegenüber, eine Schuld, die sie dadurch abtragen will, daß sie ihnen die Adresse von Madame gibt, die sie selbst mühsam herausgefunden hat. Hier sollen die beiden eine ‚Rückstellung‘ beantragen, sollen zeigen, daß sie zur Liebe fähig sind und daß sie eine Seele haben… es kommt zum Aufeinandertreffen von Kathy und Tommy einerseits mit der alten Internatsleiterin und Madame. Es ist ein seltsam anmutendes Gespräch zwischen den Vieren: auf der einen Seite existentielle Fragen, auf der anderen Seite die stete Sorge, die im Haus arbeitenden Möbelpacker könnten das Nachttischchen beschädigen…


Möglicherweise, so meine Gedanken jetzt während des Schreibens, tue ich dem Autoren mit meiner verhaltenen Bewertung jedoch unrecht. Möglicherweise lautet die grundlegende Frage des Romans ja doch anders: Was schaffen eigentlich (würden wir schaffen), wenn wir Mensch klonten? Die Frage ist durchaus nicht akademisch, daß Klone als Organspender dienen könnten, wird nicht nur im künstlerischen Umfeld thematisiert [3]. Wären es Wesen wie ‚richtige‘ Menschen mit Gefühlen, mit Wünschen, mit Hoffnungen, mit Ängsten – mit einer ‚Seele‘? Oder wären es Automaten, die einfach nur funktionierten? Müßte man diese Klon-Menschen menschwürdig behandeln (wie in Hailsham), oder könnte man die Ansprüche senken (wie in nicht näher beschriebenen Anstalten des Romans offensichtlich)? Wie viel Menschliches steckt tatsächlich in ihnen, eine Frage, die nicht neu ist, Stichwort: Blade Runner (bzw. der ihm zugrunde liegende Roman von Dick) und gäbe es bei diesen Wesen die Sehnsucht, ein „richtiger“ Mensch zu sein?

Ihr armen Geschöpfe.
Was haben wir euch angetan
mit all unseren Plänen
und Manipulationen.

Alles, was wir geben mussten, ein sich etwas ziehender, zäher, intelligenter Roman über die Verantwortung des Menschen gegenüber seinem Tun, auch wenn die Frage der Klonierung von Menschen sicherlich nicht das aktuellste Thema eines wie auch immer definierten medizinischen „Fortschritts“ ist.

Links und Anmerkungen:

[1] zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Kazuo_Ishiguro
[2] zu Dolly gibt es natürlich unendlich viele Fundstellen im Internet. Hier verlinke ich ausnahmsweise mal nicht die Wiki, sondern: http://www.wissensschau.de/stammzellen/stammzellen_kerntransfer.php
[3] https://www.welt.de/gesundheit/article116272121/Das-Ersatzteillager-fuer-Organe-ist-jetzt-moeglich.html oder auch hier: http://www.zeit.de/2013/21/klonen-mensch-durchbruch/komplettansicht

Kazuo Ishiguro
Alles, was wir geben mussten
Übersetzt aus dem Englischen von Barbara Schaden 
Originalausgabe: Never Let Me Go, London, 2005
diese Ausgabe: Heyne, TB, ca. 350 S., 2017

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2 Kommentare zu „Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

  1. Gute Besprechung. Auch wenn die Thematik sicher interessant zu behandeln ist – das Buch ist zäh und teilweise sogar langweilig zu lesen und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum es in den Medien so hochgelobt wird. Ich habe es mehrere Male zur Seite gelegt und nach ca. zwei Dritteln entschieden, dass ich mir diese Langweile nicht mehr antun muss.

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