Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers

7. Dezember 2016

Portrait von Sándor Márai; (Lajos Tihanyi, 1924) Bildquelle: [B]

Portrait von Sándor Márai;
(Lajos Tihanyi, 1924)
Bildquelle: [B]

Sándor Márai gehört zu den großen ungarischen Autoren des letzten Jahrhunderts, das er fast in Gänze durchlebt hat. Geboren wurde er 1900 in der kleinen ungarischen Provinzstadt Kaschau (heute in der Slowakei), die ca. 260 (Straßen)Kilometer nordöstlich von Budapest liegt. Dort verlebte er Kindheit und Jugend, studierte dann nach dem 1. Weltkrieg in Budapest, Leipzig, Frankfurt und Berlin. Danach begann ein unstetes Leben mit Reisen und längeren Aufenthalten in Paris und Italien, bevor er (mittlerweile verheiratet) ab 1923 für mehrere Jahre in Paris lebte und 1928 nach Budapest zurückkehrte, wo er als Journalist tätig war. 1948 schließlich verließ er Ungarn aus politischen Gründen und lebte ab 1952 in den USA, wo er sich 1989 suizidierte [1].


marai-bekenntnisse

Das vorliegende Buch über die Bekenntnisse eines Bürgers hat Marai im Alter von vierundreißig Jahren veröffentlicht: Es wird zwar als fiktive ‚Romanbiographie‘ bezeichnet, die das Leben ‚erfundener Personen‘ im Zeitraum von 1900 bis 1930 beschreibt, ist aber doch nichts weniger als die Schilderung seines Lebens in diesem Zeitraum.

Die Erinnerungen Márais beginnen sehr systematisch. Im ersten Teil des Buches schildert er das zweigeschossige Haus, von denen es im Städtchen noch nicht viele gibt, in dem die Familie zur Miete wohnen. Der Anfang des 20. Jahrhunderts bringt technische Errungenschaften, die (noch) nicht immer auch ein Fortschritt sind oder als solcher empfunden werden wie elektrisches Licht, das gegenüber dem warmen Licht der Petroleumleuchten so flackrig und grell ist oder einer Zentralheizung, für die man in manchen Räumen den Heizkörper vergaß mit der Folge bitter Kälte dort im Winter. Auch das Dienstbotenklosett an der Nebentreppe war eine modische Neuerung, die aber von den Dienstboten nicht angenommen wurde; wo diese sich jedoch Erleichterung verschafften, blieb und bleibt im Dunkeln… So erfahren wir vieles über die Lebensverhältnisse damals, über die Dunkelheit des Kinderzimmers, das ärmliche, ausgenutzte Leben der Dienstboten, das schlechter war als früher das Leben der Dienerschaft, die in gewisser Weise zum Haus gehörten und auch eine Art Fürsorge genossen während das Arbeitsverhältnis jetzt durch Vorschriften geregelt war (die kaum eingehalten wurden) und die Dienstboten als ‚bezahlte Gegnerin‘ der Hausherrin empfunden wurden, durch die sie sich prinzipiell bestohlen und hintergangen fühlte. Daß junge weibliche Dienstbotin auch häufig dem männlich pubertierenden Nachwuchs in die Technik körperlicher Liebe einzuführen hatte, war nichts besonderes.

Die Familie Márais (der diesen Namen erst später annahm und dessen Geburtsname : ‚Grosschmid‘ lautete) hat deutsche Wurzeln, in aller Ausführlichkeit legt der Autor seine Herkunft dar. In jungen Jahren war die Mutter bzw. die mütterliche Seite für ihn nicht wichtig, auch weil nicht standesgemäß. Während sein Vater aus geringem Adel stammte, wuchs seine Mutter als Tochter eines Handwerkers heran, der sich zwar zu Ansehen hocharbeitete und dann euphemistisch als ‚Fabrikant‘ bezeichnet wurde, aber er war eben doch Mitglied einer anderen gesellschaftlichen Klasse: … Wir ließen ihn im Chaos der Vergangenheit versinken und sprachen, wenn es gerade nötig war, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen von ihm, dem Frabrikanten. […] wir Kinder hatten ihn nie gekannt, er war taktvoll im Tod entschwunden. … Diese Einstellung war nicht ohne Folgen für die Familie, die mit der Zeit in zwei Parteien zerfiel, in Mutters Partei und in Vaters Partei. Dabei waren, hält Márai fest, die Handwerker, die in ihrer Gesellenzeit noch auf die Walz gingen, meist deutlich weltläufiger und weitgereister als der Beamte, der Zeit seines Lebens nie hinter dem staubigen Pult seiner Arbeitsstätte hervorkam. Márais Mutter selbst war Lehrerin, sein Bezug zu ihr wurde erst nach und nach intensiver.

Aber bevor Márai die einzelnen Familienmitglieder sehr ausführlich charakterisiert und beschreibt, gibt er noch eine Darstellung des Lebens in dem Städtchen, das beschaulich verläuft, auf dem der allabendliche ‚Korso‘ straßenseitig streng nach gesellschaftlichem Stand getrennt stattfindet, in dem in einzelnen, wohlbekannten Häusern körperlichen Bedürfnissen vieler Männer abgeholfen wurde, in dem die Literatur und Bücher ansehen genossen und mehrere Buchläden am Leben hielten, in dem es Rummel und Markt gab, man im Sommer in die umliegenden Wälder mit ihren kleinen Siedlungen und Sommerhäusern fuhr.

Die Verwandten, die Onkels und Tanten – es würde zu weit führen, sie alle hier aufzuzählen. Von mütterlicher Seite aus waren sie fast alle bemerkenswerte Menschen mit ebensolchen Schicksalen wie z.B. Onkel Ernő, der nach sechzehn Jahren Abwesenheit völlig selbstverständlich wieder bei der Familie auftauchte, schweigsam seine geliebten Zigaretten genoss und peu a peu von allen in´s Herz geschlossen wurde. Er war in dieser Zeit Soldat gewesen, hatte aber den Rock an den Nagel gehängt und Jahre in Lokalen mit seiner Musikgruppe zum Tanz aufgespielt… oder die Tante mit ihren sechs Töchter und dem Künstlermann, dem Maler…. Sie lebten wahrhaftig wie die Vögel. Lebten unglaublich bescheiden, zwitscherten in ihrer Hietzinger Wohnuing und warteten auf deas Glück…. Die Verwandten väterlicherseits waren ‚farbloser‘, nüchterner, wie beispielsweise ein unter Genieverdacht stehende Rechtsprofessor, der in Pest das ungarische Zivilrecht dieser Zeit ausformte oder Onkel Mátyás, der mit sozialem Impetus in Wien Jura lehrte. In dieser ‚Tradition‘ stand dann auch Márais Vater, der als Jurist im Städtchen hohes Ansehen genoss.

Es gab in der Kindheit ein bzw. zwei Ereignisse, die das Leben Márais bestimmen sollten. Im Alter von zwei Jahren kam noch ein Schwesterchen auf die Welt, das aber nach einem tragischen Unfall starb. Die nächsten Jahre konzentrierte sich die ganze Mutterliebe – und sie muss eine wunderbare Mutter gewesen sein (…. ihr unnachahmlicher Humor, ihre Seelenfrische, ihre fast geniale Kindernähe, die sie sich ihr Leben lang bewahrte, das alles weckte bei den Kindern Sympathie und Vertrauen; wir spürten, daß sie nicht nur eine Erwachsene war, die mal eben ein bißchen mit den Kinders spielte, sondern daß …. vom gleichen Spielbedürfnis durchdrungen war wie wir ….) – auf den Jungen, bis dann einige Jahre später ‚das Mädchen‘ auf die Welt kam und den verwöhnten Jungen aus dem Zentrum vertrieb: Die Geburt meiner Schwester und meine Entthronung waren wahrscheinlich einer der Gründe oder vielleicht nur Anlässe für meinen ‚Defekt‘; sicher ist, daß ich mich in dieser Zeit von der Familie löste, neue Gemeinschaften suchte und eigne Wege zu gehen begann. In der vielköpfigen, lauten, warmen Menge, die eine Familie darstellt, blieb ich allein. …

Der Junge suchte woanders Anschluss, in Jugendbanden beispielsweise, die unter dem Einfluss charismatischer Anführer standen, aber das waren nur temporäre ‚Lösungen‘. Es kam eines Sommers bei einer Landpartie, einem Familienausflug zu einem regelrechten Anfall bei ihm, er floh die Familie, riss aus. Dieses Ereignis war insofern wichtig, weil der Familienrat die Konsequenz zog, ihn in eine ‚Anstalt‘, eine Schule, zu geben. Die dortige Pädagogik war ’schwarz‘ [3], es war eine Welt des Faustrechts, eine Welt mit militärischer Strenge, in der die jeweilige Herkunft der Jungen wichtig war und über deren Status bestimmte. Das erste Anstaltsjahr endet in einem Sommer, der Junge ist mit der Familie in der Sommerfrische, als die Nachricht vom Tod des Thronfolgers bekannt wird.

An dieser Stelle macht Márai einen großen Zeitsprung in das Jahr 1923, über die Zeit des 1. Weltkrieges ist in seinen Erinnerungen praktisch nichts geschrieben, nimmt man alles zusammen, wird man kaum auf ein bis zwei Seiten kommen. 1923 jedenfalls reist er mit seiner Frau im Zug nach Paris, nach Europa, die Jahre zuvor hat er mehr oder meist weniger studierend in Deutschland verbracht. So war 1919 als Neunzehnjähriger nach Leipzig gekommen, um Journalistik zu studieren. Deutschland war ihm mental nicht fremd, daheim in Kaschau und in ganz Oberungarn lebten wir unbewußt – oder vielleicht nicht ganz unbewußt – ein wenig auf deutsch Weise. Deutsch habe ich schon als Kind fließend und, wie ich glaube, einigermaßen richtig gesprochen. […] In Dresden oder Weimar empfand ich nie die Fremdheitspanik, die mich später in französischen oder englischen Städten oft heimsuchte, …. Das Studium betrieb er jedenfalls nicht ernsthaft, in der kriegsgebeutelten Stadt war er mit seinem Äußeren eine exotische Erscheinung, die sich lieber in Cafés aufhielt und die Menschen träumend beobachtete (Ich konnte halbe Tage lang im Café Merkur hinter der Universität sitzen, …. träumte ich und sah durch das Fenster auf die Leipziger Straßen, die öde waren uns so fremd wie eine Oase mit Ölbäumen und Palmen in der Wüste). Das väterliche auf mehrere Monate berechnete Geld war nach ein paar Tagen ausgegeben, die Ernährung wurde auf in Blechdosen gepresstes Rindfleisch und Haferflockensuppe, wie sie von Missionen angeboten wurden, umgestellt. Er las den damals noch kaum bekannten Kafka, betrachtete die zarten Aquarelle Lasker-Schülers, entdeckte damals als hoffnungsvoll erklärte, heute unbekannte Schriftsteller wie Kurt Heynicke oder Lyriker wie Albert Ehrenstein…. Über Kafka schreibt Márai diesen wunderbaren Satz: In einer Buchhandlung zog ich unter tausend Büchern einfach die Verwandlung heraus , begann das Heftchen zu lesen und wußte: Das ist es. Kafka war kein Deutscher. Er war auch kein Tscheche. Er war Schriftsteller, wie die Größten es sind, unverwechselbar und unmissverständlich. [2]

In Leipzig und unter dem Eindruck Kafkas fängt Márai an zu schreiben, gibt in einem Provinzverlag einen Gedichtband heraus, zusammen mit einem Holländer gründet er eine literarische Zeitschrift, die über eine Ausgabe nicht hinauskommt, er gewinnt die Sympathie des alten Brockhaus, der ihm öfter aus finanziellen Notlagen hilft, schreibt jetzt auch seinen ersten Artikel für ein Wochenblatt – in Deutsch. Durch viele Reisen quer durch Deutschland lernt er das Land kennen, immer verknüpft mit der Sinnsuche für sein eigenes Leben.

Die nächste Station in seinem Leben war Frankfurt am Main, diese reiche Stadt mit Goethes Geburtshaus und dem Stammhaus der Rothschilds, deren älteste Ahnin Gudula er noch täglich mit der Kutsche fahren sieht. In der ersten Zeit lungerte ich durch Frankfurt wie ein romantischer Romanheld. Ich stand gegen Mittag auf, dann saß ich bis zum Abend im Café Hauptwache, …. trotzdem macht er Bekanntschaften, wird nach einiger Zeit sogar in die geschlossenen Gesellschaften eingeladen und bekommt Kontakte zur Frankfurter Zeitung, für die er anfängt, Artikel zu schreiben.

Innerlich ist Márai noch bei weitem nicht gefestigt, auch wenn er den Eindruck hat, ‚das Frankfurter Jahr hätte etwas in ihm locker umrissen … eine ungewollte, vage, mutlose Grundhaltung …. Meine Lebensweise lehnt sich an die der Schriftsteller an. Schreiben ist im letzten Sinn nichts weiter als eine Haltung, als eine … moralische Haltung. … diese Aufgabe erfüllte mich mit Angst und manchmal mit Abscheu.‘

Natürlich macht Márai auch Bekanntschaften mit Frauen, hat Liebesverhältnisse. Nie jedoch knüpft er wirklich emotionale Nähe, immer bleibt er der Dame im Herzen fremd. Aus Frankfurt entführt er sogar eine verheiratete Frau, die in Scheidung lebte, sie lag die ganze Nacht mit Magenkrämpfen im Zug.Von meiner Situation begriff ich da lediglich, daß ich ein Jahr in einer fremden Stadt zugebracht hatte und mir zur Erinnerung eine Frau mitnahm, die ich nicht liebte und die ich möglichst bald wieder loswerden wollte.  Ein Grundmuster, daß sich durch sein Leben ziehen sollte, selbst seiner Frau Lola gegenüber bleibt immer eine Distanz, am Ende seines Lebens fragt er sich, ob er sie geliebt habe oder ob sie einfach nur zu ihm gehört hatte, wie ein Bein oder die Milz, die man ja auch nicht liebt…. 

Berlin in den Zwanziger Jahren. So groß und doch so provinziell. Hier spürt er seine Einsamkeit, die innere Isolation: Ich suchte menschliche Wärme, Nähe, etwas Zuverlässiges. Meine Einsamkeit machte mir zu schaffen, die künstliche Pseudokultur-Einsamkeit. […] Eisige Einsamkeit umfing mich. […] Sie kam von innen, aus meinem Wesen, meinen Erinnerungen, und sie war bereits eine Haltung, dei hoffnungslose Einsamkeit des Schriftstellers. …

Berlin brodelt, es beginnt eine rauschhafte Zeit für Márai, eine Zeit, in der auch der Alkohol für ihn zur Gefahr wird (Ohne Rauschmittel ist das Leben sehr schwer zu ertragen. .. überzeugt, daß ich damals in ständiger Lebensgefahr war….) Er sich selbst als neurotischen Mensch sieht, als Einsamkeitsfanatiker. Auch in Berlin die langen Cafébesuche, natürlich auch im Romanischen Café [4], wo er Lasker-Schüler auf ihren Ausflügen nach Theben begleitet. Und Lola begegnet ihm hier, die aus Kaschau nach Berlin geschickt worden war, um einen Mann zu vergessen, Márais Freund…. Als ich Lola begegnete, erklärte ich weder mir noch sonst wem etwas, wie man es unnötig findet, zu erklären, daß man lebt und atmet. … Sie heiraten: Meine Pflichten als Familienoberhaupt nahm ich außerordentlich ernst. Vor allem kaufte ich, nach langem Überlegen, einen Schuhschrank. … Es war ein sehr schöner Schuhschrank …. mit Millionen oder Milliarden Inflationsgeld bezahlt… sie lebten von dem wenigen Geld, das in wenigen Stunden noch weniger wurde, daß er für Artikel und kleine Zeitungsbeiträge bekam, die er an ungarische Blätter schickte.

Lola war der erste Mensch, der einen Weg zu meiner Einsamkeit suchte; ich wehrte mich verzweifelt. [….] immer auf der Hut, daß Lola meine Einsamkeit nicht antastete. […] Ich wehrte mich gegen Lola, […] Einsamkeit ist ein Lebenselement des Schriftstellers. Vor Freundschaft war ich immer geflohen, ich empfand sie als Verrat, als Schwäche. …

Ich habe mich bei der Lektüre der Erinnerungen des öfteren gefragt, ob es Lola im Leben Márais überhaupt noch gibt, kapitellang wird sie nicht erwähnt, sind die Ausführungen in der ‚Ich‘-Form geschrieben, als hätte der Autor keinen Menschen an seiner Seite gehabt. Liest man die Abschnitte, aus denen ich zitiert habe, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, das sei – zumindest im Inneren Márais und im übertragenen Sinne – so gewesen. Die ‚Wirklichkeit‘ war Lola, ein Wirklichkeit mit all ihrem unbewußt-erbarmungslosen Terror, ich musste aus dem ‚wirklichen‘ Theben und Athen [i.e. das Theben und Athen, in das er in der Phantasie mit Else Lasker-Schüler reiste] emigrieren, um unter den Meridianen von Lolas Wirklichkeit leben zu können. …. in dieser Wirklichkeit Lolas folgte die Zeit, in der ich keine Gedichte mehr schrieb.

Nichtsdestotrotz war Márai ein scharfsinniger Beobachter, der die immer barbarischere, leer-geschwätzige, messerwetzende Welt der Bürger erkannte, eine Welt, die die Dichter in Angst und Schrecken versetzte. Singende Bürger bereiten sich selbstbewusst auf Revolutionen vor, in München, auf seinen Reisen, erlebte er dies als Alltag, hörte man Schüsse, ging man kurz in Deckung und danach wieder seinen Geschäften nach.

1923 verlassen die beiden Berlin und reisen im Zug nach Paris, sie ließen das ‚bekannte‘ und doch so fremde Deutschland … zurück und kamen in eine Stadt, die schmutzig war, in der sie niemanden kannten, in der sie einsam waren und Menschen, die sich immer noch am Sieg berauschten. Márais Frau wird unter ärmlichsten Verhältnissen schwer krank, muss operiert werden, danach fahren sie nach Italien und erleben eine schwere Ehekrise: sie fährt zurück nach Kaschau, meine Aufgabe, so formuliert es Márai, war es, in Florenz zu bleiben, solange es die geheimen Mächte, die sein Leben lenkten, erlaubten […] du mußt bleiben, du darfst nicht feilschen, du darfst nicht zurückschrecken.

In diesen Monaten wurde die [italienische] Sozialdemokratie vom Faschismus zerschlagen, vernichtet, in alle Winde zerstreut. Die Sozialisten verkamen zu einer Art unterirdischer Sekte und heilten ihre Versammlungen wie die ersten Christen in Katakomben ab. Márai erlebt den Aufstieg Mussolinis mit, diese heute so skurril wirkenden Menschen: sein Wesen und Auftreten hatte etwas Unverletzliches. Er hatte in das Italien des Dolcefarniente eine Energie von hundert Pferdestärken eingebracht und das neue Tempo riss alle mit. […] Wer nicht die erster Zeit des Faschismus in Italien erlebt hat, kann nie das Geheimnis des Erfolgs seiner Bewegung begreifen. …

Nach Italien (Lola war zurückgekehrt) erfolgte ein weiterer Aufenthalt in Paris, diesmal für einige Jahre. Die Wohnverhältnisse waren besser, Márai lebt sich in die Stadt ein, obwohl er sich bis zum Ende als Fremder in Paris sieht, mit einen Auto, das er sich wider alle Vernunft gekauft hatte, bereist er Frankreich und lernt seine Landschaften und Menschen lieben. Doch wieder packt ihn innere Unruhe, es folgt eine mehrmonatige Reise in den Nahen Osten, dann fährt er nach London, wo ihn wieder das Gefühl der Einsamkeit umschließt, obwohl er sich letztlich im warmen sonnigen Herbst wie im Glücke badend fühlt. Auch hier die scharfe Beobachtungsgabe Márais, der die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihn umgeben, präzise erfasst. London ist eine Art Hochschule. Wenn du sie besuchst, bist du nicht klüger, aber du meinst, viel könne dir im Leben nicht mehr zustoßen.

Was geschah im tragischen Vaterland? […] Nun hatte ich auf einmal das Gefühl, meine Zeit sei abgelaufen, ich hätte hier nichts mehr ‚zu tun‘ und müsse nach Hause fahren. Dieser geheimnisvolle Imperativ überkommt Márai in der Schweiz und er folgt ihm, reist nach Ungarn, nach Budapest, zurück, ein Jahrzehnt ist vergangen, es ist 1928 geworden. In Budapest arbeitet er als Journalist, fängt an, wieder ungarisch zu schreiben. Die Aufzeichnungen enden mit dem Tod des Vaters, der für ihn einen großen Verlust darstellt, denn er erkannte, daß im ganzen Leben nur er selbstlos und gütig zu mir gewesen war. […] Ich wusste, daß ich ein bedingungsloses, menschliches Verhältnis zu niemandem mehr finden würde; ich würde mich ganz der Arbeit hingeben müssen, der ‚Lebensweise‘, und in sie alles hinüberretten, was in mir und der Welt menschlich geblieben war. 


Márais Erinnerungen, weit über vierhundert Seiten für gut dreißig Lebensjahre, sind ausführlich und detailliert. Sie ermöglichen im ersten Teil einen Über- und Einblick in die gesellschaftliche Struktur eines kleinen ungarischen Städtchens mit ihren diversen sozialen Schichten um die vorletzte Jahrhundertwende, ihren Vorlieben und Abneigungen, ihren mehr oder weniger geheimen Vergnügungen. Die Familie des Autoren mit ihren vielen Mitgliedern selbst stellt ein weites Spektrum an Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen dar. Inwieweit das Trauma der Zurücksetzung des jungen Márais in der Familienhierarchie nach der Geburt der Schwester ursächlich für seine späteren Schwierigkeiten und Eigenschaften verantwortlich zu machen ist, läßt sich selbstverständlich von hier aus nicht beurteilen.

Im zweiten Teil des Buches, der nach dem Ende des 1. Weltkrieges einsetzt, ist das Leben des Autoren selbst der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Immer wieder kommt ein Grundmotiv seines Lebens hervor: das Leiden am Leben, das Baden in der Einsamkeit, das Abschotten gegen alle Versuche anderer, ihm näher zu kommen, dies geht ins Extreme, bis hin zu Suizidgedanken, jedenfalls zum zeitweiligen Alkohlmissbrauch. Er bezeichnet sich selbst als Neurotiker. Dabei bleibt Márai aber immer ein scharfsinniger Beobachter, der stundenlang dem Leben um ihn herum lauschen und zusehen kann, der es in seinen Motiven und Erscheinungen wahr- und auseinandernimmt, das ist in einer so brodelnden Epoche wie der zwischen den Weltkriegen auch von heute aus betrachtet, immer noch sehr interessant.

Márais Leiden am Leben geht parallel zu seiner Sinnsuche als Schriftsteller. Auch hier sieht er sich als einsamer Wolf, der zum Leben Abstand halten muss, um es erfassen und beschreiben zu können. Seitenlang führt er seine Gedanken zu diesem Thema aus, das ist manchmal etwas langatmig, da auch nicht immer nachvollziehbar. Márai war Zeitgenosse vieler Künstler und Schriftsteller, mit vielen hatte er Kontakt, andere, wie Kafka oder auch Proust, die für uns heutige Lichtgestalten sind, standen zu seiner Zeit allenfalls am Anfang ihrer Berühmtheit. So war Márai trotz seines postulierten Hanges zur Einsamkeit kein Isolierter, kein Einzelgänger, zwar schien er in der Tat wenige, wenn überhaupt, Freundschaften geschlossen zu haben, aber er war Bestandteil der Gesellschaft, wurde eingeladen und nahm diese Zerstreuungen auch an.

Bekenntnisse eines Bürgers sind jedenfalls eine hochinteressante Lektüre, für die man sich Zeit nehmen muss, Zeit, die sich trotz vereinzelter Längen lohnt. Es ist eine Blick zurück in eine Welt, die sich zweimal im Umbruch befand: der 1. Weltkrieg zerstörte das etwas behäbige gesellschaftliche Gefüge der Doppelmonarchie, deren Ausformung Márai am Beispiel seiner Geburtsstadt Kaschau beschreibt. Ebenso spürt Márai aber auch das dumpfe Grollen und Rumoren im Untergrund, das das Heraufziehen des Faschischmus mit all seinen Konsequenzen, die damals noch kaum einer ahnte, ankündigte.

Links und Anmerkungen:

[1] Ausführliche Beschreibung seines Lebens in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sándor_Márai, aber auch in http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/MaraiSandor
[2] zur Buchvorstellung von Kafkas Die Verwandlung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/20/franz-kafka-die-verwandlung/
[3] vgl dazu den Roman von Géza Ottliks: Die Schule an der Grenze, in der der Autor die Verhältnisse in solchen Schulen beschreibt: http://wp.me/paXPe-9el

Bildquelle: Portraits: Lajos Tihanyi [Public domain], via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sándor_Márai_portrait.jpg?uselang=de)

Sándor Márai
Bekenntnisse eines Bürgers
Erinnerungen
Übersetzt aus dem Ungarischen von Hans Skirecki
Originalausgabe: Egy polgár vallonásai, Budapest, 1934
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 420 S., 2000 (der Link führt auf die aktuelle TB-Ausgabe)

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2 Responses to “Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers”


  1. Was meint der Autor mit „die künstliche Pseudokultur-Einsamkeit“?

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      Was er damit meint, kann ich dir leider auch nicht sagen, ich habe es so aufgefasst, daß er sich selbst in seiner einsamkeit sonnt, sie wie einen ‚fetisch‘ vor sich herträgt, hach, wie einsam bin ich doch hier inmitten all der menschen…. wobei er andererseits spürt, daß das eine ggf. künstlich aufrecht erhaltene einstellung ist.

      Gefällt 1 Person


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