Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Es ist das Erfinden und das atmosphärische Erinnern,
das einen zu Dingen bringt, die man vergessen hat. [2]

luecke

Alle Toten fliegen hoch – im Rahmen dieses Bühnenprojekts ist auch dieser Teil der autobiographischen Erzählungen Meyerhoffs angesiedelt, gleichwohl ist er als Roman eingestuft. Alle Toten fliegen hoch – dieser Spruch erinnert an ein einfaches Kinderspiel, erhält aber im Kontext dieses Buches bzw. dieser Bücher eine besondere Bedeutung: Der Tod ist nicht selten in ihnen, viele der Bezugspersonen des Autoren sterben, der Vater, die Großeltern, der mittlere Bruder – möglicherweise, dieser Eindruck drängt sich nach diesem Buch auf, wäre sein, des Autoren, Leben, anders verlaufen, wenn der Tod zumindest seinen Bruder verschont hätte. Aber dazu komme ich später noch…

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke setzt ein, als der Autor ein ca neunzehn Jahre alter junge Mann ist (der Zeitraum von sieben bis neunzehn Jahren wird durch das Buch: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war [3] beschrieben). Kurz zur Ausgangssituation: Meyerhoff war ein Jahr in Amerika, sein heimisches Elternhaus liegt mittlerweile in Scherben: der mittlere Bruder ist tödlich verunglückt, die Ehe seiner Eltern zerbrochen, seine Mutter arbeitet in einem Krankenhaus in Italien, sein Vater lebt in Lübeck mit einer anderen Frau zusammen. In dieser desolaten seelischen Verfassung einer (mindestens) zweifachen Verlust- und Trauersituation bewirbt sich der junge Meyerhoff bei der Otto Falckenberg-Schule in München,, der – wie sie heute heißt – ‚Fachakademie für darstellende Kunst der Landeshauptstadt München‘ früherer hieß sie einfacher die ‚Städtische Schauspielschule‘ – um Aufnahme. Was ihn dazu trieb: es ist nicht erkenntlich, lange Zeit konkurrierte der (für einen Neunzehnjährigen nachvollziehbar) verlockende Gedanke an einen Zivildienst im Krankenhaus, bei der er im Schwesternwohnheim unterkommt, ernsthaft mit diesem Ausbildungswunsch (Ob und wie dieser Zivildienst abgeleistet wird, findet im übrigen keine Erwähnung mehr im Buch.).

Joachim Meyerhoff geht also nach München auf die Schauspielschule. Die Aufnahmeprüfung hat er einzig und allein aufgrund einer beeindruckenden Performance, für die er im Grunde nichts konnte, geschafft. In die Ausbildung selbst kann er von seiner Seite her vor allem Enthusiasmus einbringen, eine Begeisterung, die ihn immer wieder rettet, denn ansonsten gleichen die drei Jahre eher einer Durchhalteübung. Nur an zwei Stellen tauchen noch einmal solche Momente auf, die dem einen seiner Aufnahmeprüfung ähneln: bei einer Versteigerung von Kostümen fällt es ihm als dem Lulatsch zu, ein langgeschnittenes Paillettenkleid vorzuführen. In dieses Kleid zu schlüpfen ist für ihn wie in eine Haut zu schlüpfen, er fühlt sich fantastisch in diesem Kleid, nichts mehr muss er spielen: es fällt etwas hinunter und er bückt sich nicht mehr, er geht ganz automatisch in die Hocke… er fühlt sich frei, er ist nicht mehr Joachim Meyerhoff, er ist einfach nur noch. Der zweite dieser Momente sollte ausgerechnet die ‚Abschlussprüfung‘ sein, in der dem Schüler die Bühnenreife attestiert wird – oder auch nicht. Im Grunde ähnelt diese Situation derjenigen der Aufnahmeprüfung: war er seinerzeit schlecht vorbereitet, so ist er bei dieser Prüfung so erschöpft, daß er sich nicht mehr wehren kann gegen die inneren Zwänge: Die letzten Monate hatten mich in einen Zustand der Trance versetzt. Sorgen, Appetit- und Schlaflosigkeit. Letztendlich war ich einfach zu erschöpft, um schlecht zu sein. Er besteht.

Die drei Jahre Schauspielschule und anschließend noch die Zeit bis zum ersten Engagement in Kassel lebt Meyerhoff in München bei den Großeltern mütterlicherseits. Es war eine alkoholverschleierte Zeit in einem seit Jahrzehnten unverändert rosa eingerichteten Mädchenzimmer, hier ist Gegenpol zur Schule, der Ort, der Zustand, an dem sich der Autor seinerzeit allabendlich ausklinken und in den schützenden Kokon einer Umgebung begeben konnte, die sich seit Jahren nicht mehr verändert hatte und die ihm Sicherheit und Geborgenheit geben konnte.

Moooaaahhhh….

Seit Jahren nicht mehr verändert: dies ist wörtlich gemeint. Die Großeltern (die älteren unter uns werden die Großmutter Inge Birkmann, eine zu ihrer Zeit bekannte Schauspielerin, zumindest vom Gesicht her kennen, der Großvater Hermann Krings, war mir als Philosoph wenigstens vom Namen her ein Begriff [1]) in ihrer Villa in der Nachbarschaft zum Schloss und Park Nymphenburg hatten die Zeit zum Anhalten gebracht, indem sie keine Veränderungen mehr zuließen, ihr Leben verlief in derart streng ritualisierten Formen, daß sich Messen der katholischen Kirche dagegen wie Sponti-Veranstaltungen ausnehmen. Ich will dies nur an ganz wenigen Beispielen verdeutlichen: getaktet wurde der Tag der Großeltern durch den Genuss von Alkohol, der sie in fünf Etappen durch den Tag leitete: Champagner am Morgen, Weisswein beim Mittagessen, Whiskey um sechs Uhr abends, Rotwein beim Abendbrot und – wenn das Ende des Abends in Sicht kam – Cointreau. Später sollte Meyerhoff feststellen, daß es auch noch einen täglichen sozusagen ‚Sunriser‘ gab: Am frühen Morgen den hochprozentigen Enzian zum Gurgeln…

Ein zweites Beispiel: Einer der beiden Urlaubsortes des Paares war Lanzarote. Hermann, der Großvater, fotografierte. Jedes Jahr die gleichen Bilder, die gleichen Pose Inges am gleichen Platz vom gleichen Standort aus. Die Diaabende der beiden vergleicht Meyerhoff (ich liebe ihn für diesen Vergleich) mit Nahtoderfahrungen. Selbstverständlich waren Kommentare und Fragen zu diesen immer gleichen Bilder auch ritualisiert, was zu der grotesken Situationen führen konnte, daß evtl. alkoholbedingt das fein austarierte Räderwerk aus dem Gleichgewicht kam und eine Antwort auf eine Frage gegeben wurde, die dann selbst erst im Nachhinein gestellt wurde. Schließlich schlief man ein, sogar Hermanns Kopf fiel zur Seite. Nur seine  Hand, die für den Transport der Dias zu sorgen hatte, funktionierte weiterhin zuverlässig…… Die Addams-Family läßt grüßen…

Das Leben als Endlosschleife, als all-tägliche Wiederaufführung eines absurden Theaterstücks…. es passt dazu, wenn Meyerhoff festhält, daß seine Großeltern selbst zeitlos gewesen sind, daß vier Jahrzehnte lang ausgesehen hätten, als seien sie fünfzig gewesen… das Ritual, die Form als Panzer, als Schutzschicht.. nur selten zeigen sich Risse in dessen/deren Oberfläche, es sind Momente, in denen die Stimmung (bei der Großmutter) plötzlich kippt vom harmonisch-somnabulen ins verbalaggressiv-zornige.

Mit diesen kurzen Anmerkungen ist der Inhalt des Buches von Meyerhoff grob skizziert, ohne allzuviel Details zu verraten. Dies alles, die Theaterausbildung und das Leben bei den Großeltern, wird vom Autoren grandios geschildert. Er ist einer, der zu erzählen weiß, der zu beschreiben weiß, der zu fesseln weiß, der ein Gespür hat für die Pointe und der so sensibel ist, dabei niemals Wunden zuzufügen. Unter seiner Charakterisierung werden die beiden sonderlichen Großeltern zu Menschen, die einem als Leser ans Herzu wachsen, um so mehr, als wir in Rückblicken ihre eigene Lebensgeschichte erfahren. So absurd und grotesk manche der Episoden sind, so spürt man in jeder Zeile neben der Verwunderung die Liebe, die der Autor für seine Großeltern empfangt und immer noch empfindet. Für weit über drei Jahre, in der Zeit, in der das eigene Elternhaus zerbrach und die Seele verwundet war, war hier seine Zuflucht, in der er, der ‚Lieberling‘, von der allzeit eleganten Großmutter und dem listenführenden Großvater aufgenommen und im rosaroten Alkoholdämmer behütet worden war.


Nun noch ein paar Gedanken, die mir während des Lesens durch den Kopf gegangen sind.

Es würde mich beispielsweise interessieren, inwieweit ein Psychologe einem jungen, noch ungefestigten Menschen mit der angedeuteten aktuellen seelischen Last der zwei Verlustereignisse vom Tod des Bruder und dem Verlust des Elternhauses (die etwas ungewöhnliche Kindheit in der Umgebung, bzw. mitten drin einer psychiatrischen Anstalt kommt noch hinzu), die ja eher zum Sichabkapseln, Sichzurückziehen drängt, einer Schauspielausbildung zuraten würde, in der Selbstentblößung Programm ist…..

Meyerhoff konstatiert nach einen Zusammenbruch, nach den Jahren der Ausbildung, daß ihm auf der Schauspielschule fein säuberlich Körper und Geist getrennt worden seien, eine  Erkenntnis, die ihn mit panischer Resignation erfüllte. Liest man die Passage, in der Meyerhoff diese Situation schildert [S. 284 ff], drängt sich einem der Eindruck auf, daß hier ein Mensch auf der Kippe zu einer psychischen Erkrankung stand. Die Hilfe kam von völlig unerwarteter Seite: Ich suchte in mir nach Resten von Stabilität. Gab es die überhaupt noch? …  Ich wusste es nicht. Da stieß ich auf etwas, was mir Halt versprach. Die Trauer um meinen Bruder hatte ich unbemerkt durch die Schauspielschule geschleust. Niemandem hatte ich von meinem Verlust erzählt…. Die Trauer um den Bruder war konkret, absolut authentisch und ganz und gar ich selbst. Bingo! Genau dies war mein Gefühl schon viele Seiten vorher: diese Trauer, ach, diese entsetzliche Trauer: wo nur versteckte er sie, wohin hatte er sie verbannt, die doch offensichtlich immer wieder heraus wollte und ihn bedrängte, indem sie ihn blockierte, die zu ihm gehörte, obwohl er sie nicht wahrnehmen wollte.


Nie liest man, daß sich Meyerhoff zu seinem Wunsch, Schauspieler zu werden, offensiv bekannt hat. Die ganze Ausbildung scheint von seinen Versagensängsten und Blockaden begleitet zu sein, lange noch ist die Vorstellung des Schwesternwohnheimes für ihn verlockend… Er sabotiert seine Ausbildung wo er nur kann: schon das Vorsprechen war absolut ungenügend vorbereitet (auch wenn gerade das dazu geführt hatte, daß es so beeindruckend war), beim zweiten Vorsprechen versuchte er nicht, an den Erfolg des ersten anzuknüpfen, sondern er versank im Mittelmaß mit seiner ‚Neubearbeitung‘. Ein Jahr später wird die Großmutter noch einmal wegen eines Filmprojekts gefragt, in das sie unter der Bedingung einwilligt, daß ihr Enkel auch mitspielen darf. Dieser schneidet sich dann eine Woche vor Drehbeginn die (rollenwichtigen) Haare ab. Es passt ins Bild, daß mit Ausnahme der Modenschau eigentlich alles im Desaster und Eklat endete, was er an der Schule anpackte…….

Dies alles (das offensichtlich immer verkrampfter Agieren bei der Ausbildung sowieso) hat mich zunehmen irritiert, ich wartete (ebenso wie die Schule) auf den ‚Aha‘-Moment, den ‚Danton‘-Moment, an dem der Knoten platzt, denn nur wenige Jahre später schon wird er von der Kritik als „genialer Burgschauspieler“ gewürdigt und ist vielfach ausgezeichnet [2]  – allein, dieser Moment kommt nicht. Zwar beendet er die Ausbildung mit der Befähigung zum Bühnenschauspieler, als einziger seines Jahrgangs jedoch bleibt er ohne Engagement. Erst geraume Zeit später kann ihn seine Mentorin nach Kassel vermitteln, aber auch dort ist er alles andere als glücklich oder erfolgreich.

Nachdem ihm wie schon erwähnt die Erkenntnis um den Verlust des Bruders aus einer ernsten psychischen Krise heraus geholfen hat, hilft ihm jetzt wiederum die Konfrontation, die Auseinandersetzung mit dem Tod. Die geliebten Großeltern sterben recht kurz hintereinander (selbst solche traurigen Anlässe versteht Meyerhoff so traurig-leicht zu schildern), auch der Vater erliegt seinem Krebsleiden – und er, der Autor, begegnet dem Werther und fühlt sich ihm immer seelenverwandter. In dieser Figur Goethes findet er sich auf einmal wieder: dieser Werther, so empfindet er, ist wie er, hier muss er nichts spielen, hier kann er einfach sein. Werther und er, sie beide spüren diese Lücke, ach, diese entsetzliche Lücke in sich. So bearbeitet Meyerhoff also dieses Stück und geht er mit ihm auf Rundreise, stirbt allabendlich den Tod auf der Bühne, spürt etwas von der tatsächlichen Möglichkeit, es zu tun. … der Schuss schloß die Lücke. Ich brauchte diesen selbstmörderischen Existenzbeweis. Frisch erschossen in der Finsternis zu liegen. Das war herrlich. 


Die romanhaften Erinnerungen Meyerhoffs enden mit einer Liebeserklärung an die Großeltern. Verschwimmen nach all den Jahren auch die Erinnerungen an den toten Bruder, ist die an den Vater nicht richtig greifbar, so sind die Großeltern verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Kaum, daß ich an sie denke, sind sie auch schon da, sitzen in ihren Sesseln und stoßen mit mir an. … Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann immer ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir.

Nach  Wann wird es wieder so, wie es nie war hat mich Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erneut überzeugt und begeistert. Hier ist jemand, der erzählen kann, der von Stärken und Schwächen (auch eigener) berichten kann, ohne zu verletzen, der seinen Personen immer ihre Würde läßt bei all ihrer Verletzlichkeit, der auch in den schweren Momenten des Lebens noch Komisches entdeckt und es schildern kann, ohne daß es peinlich wird. Aus dem jungen Eleven, der damals auf der Bühne stehen und dabei nicht gesehen werden wollte, der inkognito sein wollte, ist mittlerweile ein grandioser Erzähler und Darsteller geworden und wenn dieser Autor schildert, wie er dereinst mit Horst Tappert in der Sauna des großelterlichen Hauses hockte, da springen einen beim Lesen Derricks Tränensäcke förmlich an, derart anschaulich und lebendig schafft er das!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seiten zu den Großeltern von Joachim Meyerhoff:
Inge Birkmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Inge_Birkmann
Herman Krings: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Krings
[2] Interview mit Meyerhoff: „Ich bin jetzt mal ehrlich“; in:  http://derstandard.at/3310602/Zur-Verabredung-mit-Grossmutters-Beinen

Joachim Meyerhoff
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
(Alle Toten fliegen hoch, Teil 3)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 350 S., 2015

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4 Kommentare zu „Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

  1. Von all den neuen Herbsterscheinungen ist mir kein anderes Buch wie dieses, nein, eigentlich alle drei Bände der Trilogie,ans Herz gewachsen.
    Mir hat auch imponiert, dass er bei aller Skurillität seiner Protagonistin diese nie lächerlich macht .
    Mit einem lieben Gruss an Sie
    Karin vom Dach in Hanau

    Gefällt 1 Person

    1. es freut mich, wieder ein lebenszeichen von ihnen hier zu lesen, liebe karin vom dach. ja, meyerhoff beherrscht diese kunst, seine personen nicht blosszustellen, ich denke, das gelingt ihm, weil er sie einfach liebt….
      herzliche grüße
      fs

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